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Die romantische Methode
ALF ROSS

  CARL DYRSSEN hat die Bezeichung  Romantik  im weitesten Sinne bestimmt als "diejenige Geisteshaltung, die bestrebt ist trotz der klar erkannten Distanz der  ratio  zum Un- und Überrationalen dennoch auf die geistige Erfassung des Lebens nicht zu verzichten, sondern seiner vielmehr irgendwie unmittelbar teilhaftig zu werden auf eine von der  ratio  qualitativ verschiedene Art. Das Organ dieses überrationale Erfassens ist das Erlebnis der Intuition" (1). Vollkommen richtig wird hier das Charakteristikum der Romantik durch das Verhältnis zwischen dem Rationalen und dem Irrationalen angegeben. Es ist nicht möglich, in diesen wenigen Linien eine nähere Ausführung zu geben. Das folgende muß als weniger denn eine Skizze gelten.

Das Rationale oder Logische bedeutet eine objektbestimmende Funktion. Das Objekt wird in einem logischen Prozeß bestimmt. Dieser kann eben nicht anders bestimmt werden, als wie als eine bestimmende, artikulierende, d. h. objektsetzende Funktion. Der Begriff und das Urteil sind seine Grundelemente. Das Rationale kann daher auch als abstrakt bezeichnet werden. Denn der Begriff kann niemals dem Unendlich-Individuellen völlig adäquat werden, die Bestimmung niemals erschöpfend. Man kann es auch als relativistisch bezeichnen. Denn es ist die Funktion des Urteils, in einer unendlichen Relationsverknüpfung fortzuschreiten. Als objektsetzend ist das Rationale schließlich Ausdruck für eine Gesetzesgebundenheit. Denn nur in einem logisch-gesetzgebundenen, nicht in einem willkürlichen Prozeß wird das Objekt bestimmt.

Das Irrationale bedeutet die Grenze für die souveräne Eigenfunktion des Rationalen; das Objektgesetzte im Gegensatz zur objektsetzenden Funktion. Dagegen darf man es nicht als "einen anderen Raum in der Seele" - das "Nicht-Verstandesmäßige", "Gefühl", "Wille", "Leben" oder dgl. - auffassen, das unmittelbar im Bewußtsein gegeben ist, unabhängig vom rationalen Prozeß. Daß etwas bewußt gemacht wird, bedeutet eben, daß "etwas erscheint", daß es für ein erkennendes Subjekt objektiviert, also in einem rationalen Prozeß bestimt wird. Ein Organ für innere Selbstanschauung gibt es nicht. Das Irrationale, das Leben, kann deshalb gelebt aber nicht erlebt werden, es sei denn durch einen rationalen Prozeß (2).

Das Romantische in einer Geistes- oder Lebenshaltung liegt in einer gewaltsamen Expansionsbewegung des Irrationalen auf Kosten des Rationalen. Als Lebenshaltung bedeutet das eine Hochschätzung, ein Sichhingeben an die unartikulierte Existenz als solche - an die Passion, Selbstentfaltung, das Leben - und eine entsprechende Geringschätzung für die begrifftrennende, abstrahierende, relativistische, rationale Erkenntnis, die das Leben in totem pressen will und niemals einen Hiatus [Kluft - wp] zwischen dem Begriff und dem Leben überwinden kann. So erscheint die Romantik als Zeichen eines vitalen Kraftüberschusses, als Auflehnung gegen das Gesetz. Als geistige Haltung bedeutet die Expansion des Irrationalen das Bekenntnis eines Glaubens daran, daß es möglich ist, das Irrationale, das Lebende und Unsagbare auf einem anderen Weg zu fassen und zu erkennen, als durch die zergliedernde, diskursive, tötende, rationale Intelligenz. Von dieser Seite gesehen ist die Romantik ein intellektuelles Müdigkeitsphänomen, eine rhythmisch umkehrende Erschlaffung nach kritischer Anspannung. Romantik ist Begriffsträgheit und Sehnsucht nach einem "unmittelbaren" Erfassen des Unendlichen und Unaussprechlichen.

Soweit das Romantische sich in einer besonderen Stellung zum Leben äußert - in einer subjektiven Geringschätzung der mühsamen, nüchternen, anspannenden und ermüdenden Reflexion - in einer subjektiven Hochschätzung eines übermütigen, genialen Lebens, das sich von kleinlich-pedantischen moralischen Sorgen frei gemacht hat - soweit, sage ich, kann die Romantik keiner rationellen Kritik unterworfen werden. Ob man nun die romantische Vergötterung des Ichs, die romantische Bewunderung der großen Leidenschaften und den Drang zu zügellosem intellektuellem und erotischem Schwelgen - teilt oder nicht: in ihrer bloßen Existenz können diese irrationalen Momente keiner rationalen Kritik unterworfen werden.

Ganz anders liegt die Sache, wenn Romantik als Geisteseinstellung und Geistesprodukt betrachtet wird. Soweit die irrationale Expansion dazu führt, eine andere Erkenntnis, als die rationale, zu postulieren, ist eine Kritik möglich. Denn der Erkenntnisprozeß ist nur seinen eigenen, souveränen, rationalen Gesetzen unterworfen und unterliegt, mögen ihre irrationalen Triebkräfte sein, welche sie wollen, einer rationellen Kritik. Populär ausgedrückt: Man kann nüchterne Wissenschaft geringachten und stattdessen NOVALIS ahnungsvolle Phantasien bewundern. Man kann in der mystikerfüllten Offenbarungsphilosophie eines SCHELLING das Brot des Lebens finden, nach dem die Seele hungert, und niemand wird dagegen etwas sagen können. Aber in demselben Augenblick, in dem man den Mund öffnet - nicht um bloß einen unartikulierten Laut auszustoßen - sondern um eine Erkenntnis auszusprechen - in demselben Augenblick ist man mitsamt seiner Aussage der unerbittlichen Strenge der rationellen Kritik anheimgefallen. Denn es gibt nur eine Erkenntnis und das Rationale ist ihr Gesetz.


LITERATUR, Alf Ross, Theorie der Rechtsquellen, Leipzig 1934
    Anmerkungen
    1) CARL DYRRSEN, Bergson und die deutsche Romantik, Seite 50
    2) PAUL NATORP, Philosophie - ihr Problem und ihre Probleme, Göttingen 1911, Seite 151f, besonders 153.