ra-2ra-2F. DahnS. Marckvon KirchmannF. SomloO. GierkeR. Stammler    
 
HANS KELSEN
Hauptprobleme der
Staatsrechtslehre

[1/2]

"Die Verquickung einander ausschließender Betrachtungsweisen führt notwendig zur Fiktion, der Behauptung einer Realität im bewußten Widerspruch zur Wirklichkeit. Und nichts ist für den Stand der heutigen Rechtswissenschaft so charakteristisch, als daß ihre Theorie von Fiktionen durchsetzt ist. Der Kampf gegen die Fiktion, diese verwerfliche Notlüge der Wissenschaft, ist eines der Ziele meiner Arbeit."

"Indem ich es ablehne, ein zwischen Staat und Untertanen bestehendes tatsächliches Herrschaftsverhältnis juristisch zu konstruieren, weil ich es eben juristisch nicht für erfaßbar halte, muß ich des Einwandes einer einseitig privatrechtlichen Betrachtungsweise gewärtig sein. Allein, meine Arbeit wird vielleicht zeigen, daß ich nicht das Privatrechtssystem ungebührlich überspannt, sondern daß ich das Staatsrecht weit über seine bisherigen Grenzen ausgedehnt habe, daß ich nicht auf dem Standpunkt stehe: Alles Recht ist Privatrecht, - sondern gerade umgekehrt den Grundsatz vertrete: Alles Recht ist Staatsrecht."

Vorrede

Die vorliegende Arbeit übergebe ich der Öffentlichkeit mit dem Wunsch, den BACO von VERULAM seiner  Instauratio magna  vorausgesetzt hat:  Ut homines eam non opiononem sed opus esse cogitent;  [daß die Menschen es nicht für eine vorgefaßte Meinung halten, sondern als ein ernsthaftes Werk anerkennen - wp]; und möchte diese Bitte auch in dem Sinne gestellt haben, daß man die folgenden Untersuchungen zur allgemeinen Staatsrechtslehre nicht nach dem einen oder dem anderen Einzelresultat, sondern in ihrer Gesamtheit, als ein systematisches Ganzes beurteilen möge. Denn in keiner anderen Disziplin ist die Bedeutung, die der Lösung eines besonderen Problems zukommt, so sehr nur aus dem Zusammenhang mit dem ganzen System zu erkennen, als gerade in der Jurisprudenz, weil hier der Wert und die Richtigkeit einer speziellen Konstruktion ausschließlich davon abhängt, ob das in ihr zutage tretende Konstruktionsprinzip auch anderweitig fruchtbar verwendet werden kann, ob es, zu einer allgemeinen Konstruktionsmaxime erhoben, die einheitlichste und einfachste Struktur des totalen Systems gewährleistet.

Wenn somit dem Leser zugemutet wird, diese umfangreiche Arbeit ganz - oder lieber gar nicht - zu lesen, so ist es nur billig, ihn vorher kurz über Ziel und Plan des Werkes zu orientieren.

Das Buch unternimmt es, gestützt auf eine Revision der methodologischen Grundlagen, gewisse wichtige Gebiete der allgemeinen Staatsrechtslehre zu bearbeiten. Das zugrunde gelegte System ergibt sich dadurch, daß der  Rechtssatz  als ein Zentralbegriff juristischer Konstruktion erkannt wird, durch dessen besondere Formulierung die Lösung einer Reihe von speziellen Problemen bedingt ist. Dies ist der Leitgedanke. Zu seiner Erläuterung das Folgende:

Die Arbeit hat vornehmlich methodologischen Charakter. NIcht nur, daß sie auf einer breit angelegten Untersuchung gewisser auf den Weg juristischer Erkenntnis gerichteter Vorfragen aufgebaut ist; auch die Behandlung jedes speziellen Problems der Staatsrechtslehre erfolgt unter stetem Zurückgreifen auf diese Grundlagen. Das auf materielle Resultate der engeren Disziplin gelenkte Bestreben ist von immer wiederkehrenden formalen Erwägungen durchbrochen. Jede Frae nach einem "Was" sucht sich vorerst durch ein: "Wie, darf ich fragen?" zu legitimieren. Ja, das Prinzip der Methode ist mitunter so sehr in den Vordergrund gerückt, daß die Darstellung und Lösung der innerhalb der gezogenen Grenzen auftauchenden Probleme der Staatsrechtslehre nicht so sehr um ihrer selbst willen, als vielmehr zu einer anschaulichen Exemplifizierung auf die für richtig erkannten methodologischen Prinzip erfolgt. Wenn darum der Titel meiner Arbeit manchem mehr zu versprechen scheint, als die vorliegenden Untersuchungen zu bieten haben, so kann und mag ich mich nur damit rechtfertigen, daß ich bei der Entwicklung der Hauptprobleme der Staatsrechtslehre aus der Lehre vom Rechtssatz von dem Gedanken geleitet war:  Multum, non multa  [Viel, nicht Vielerlei. - wp]

Dabei bin ich mir wohl bewußt, daß methodologische Spekulationen als Selbstzweck zu betreiben, im allgemeinen von problematischem Wert sein mag. Jedenfalls sind derartige Erörterungen auf juristischem Gebiet nicht sehr beliebt und darum auch nicht allzu häufig. Und wenn die Methode in der Wissenschaft so etwas ist wie die Technik in der Kunst, wird man den Spezialforscher, der sich um die Methodologie seiner Disziplin nicht allzusehr bekümmert, ganz gut mit dem Hinweis darauf rechtfertigen, daß es auch nicht die schlechtesten Künstler sind, die von ihrer Technik keine Ahnung haben. Vielleicht kann man wirklich, von einem sicheren Instinkt geleitet, richtige Resultate gewinnen, ohne sich dabei immer und immer wieder des Weges zu besinnen, der einzig und allein zum Ziel führen soll; vielleicht ist es gar kein einziger von vornherein bestimmter Weg, der die Gewinnung gewisser wissenschaftlicher Erkenntnisse bedingt. Vielleicht ist das Verhältnis zwischen Weg und Ziel wissenschaftlicher Forschung geradezu ein umgekehrtes, indem es nicht der Weg ist, der zum Ziel führt, sondern das Ziel, das sich irgendeinen Weg bahnt. Vielleicht gilt auch hier ROBERT HAMERLINGs tiefes Wort, das der ihren verlorenen Eros suchenden, nach Weg und Steg fragenden Psyche entgegentönt: Was dich führt zum Gotte, ist der Weg nicht, ist das Wandern.

So weit ich mich davon entfernt weiß, das Problem der Methode im allgemeinen zu überschätzen, so sicher bin, daß es nach einer bestimmten Richtung hin von größter Bedeutung ist. Ich meine nämlich die Grenzgebiete jener Disziplinen, die in Bezug auf ihren Gegenstand miteinander in Berührung stehen, durch die Verschiedenheit der Betrachtungsweise aber voneinander getrennt sind. Hier wird man des zuverlässigen Kompasses einer wissenschaftlichen Methode kaum entbehren können, ohne Gefahr zu laufen, den Bereich der eigenen Disziplin unversehens zu verlassen und in ein Nachbargebiet zu geraten, das heißt: mit den gewohnten Mitteln der Wissenschaft, deren Boden man verloren hat, eine Frage zu beantworten versuchen, die man - der geänderten Wegrichtung entsprechend - ohne es zu wissen, schon im Sinne einer ganz anderen Disziplin gestellt hat, die natürlich wieder mit ihren spezifischen Mitteln arbeitet. Daß Frage und Antwort nicht zu einander stimmen können, daß dieser Synkretismus der Methoden zu wissenschaftlich haltbaren Resultaten nicht führen kann, ist selbstverständlich.

Fanz besonders finden sich innerhalb des weiten Kreises der Sozialwissenschaften Gebiete, auf denen zwei Disziplinen aufeinander stoßen, ineinander übergehen, ohne daß deutliche - vergleichsweise gesprochen - "natürliche", d. h. eben im Objekt selbst gegebene Grenzen das eine Gebiet vom anderen trennen. Nur "künstliche" Schranken, deren man oft nur mittels komplizierter methodologischer Untersuchungen inne wird, können hier vor Verirrungen bewahren.

Die Jurisprudenz hat nun die besondere Eigenart, auf Schritt und Tritt auf solche Grenzgebiete zu stoßen, da ihr Gegenstand: die Sozialerscheinung des Rechts, ihr nur mit einer einzigen Seite angehört und zum großen, vielleicht sogar zum größeren Teil der Betrachtungsweise anderer Wissenschaften, wie der Soziologie oder der Psychologie unterworfen ist. Gerade an jenen Grenzgebieten sucht nun meine Arbeit die juristische Konstruktion auf und rechtfertigt so ihren stark methodologischen Charakter. Dabei verfolgt die von mir angestellte  actio finium regundorum  [Klage zur Grenzfeststellung - wp] vornehmlich den Zweck, die juristische Begriffsbildung" von gewissen Elementen zu befreien, die soziologischen oder psychologischen Charakters sind und nur durch eine falsche Problemstellung hineingezwungen wurden.

Zur Methode selbst möge an dieser Stelle nur mein Ausgangspunkt hervorgehoben werden, von dem aus ich an die Lösung der mir gestellten Aufgabe herangetreten bin. Dazu ist hier deshalb der geeignete Ort, weil es sich dabei um prinzipielle, letzten Endes in der Weltanschauung wurzelnde, daher subjektive und undiskutierbare Voraussetzungen handelt.

Meine Untersuchungen stehen unter der Annahme der beiden grundlegenden Gegensätze, die Sein und Sollen, Inhalt und Form trennen.

Mir ist wohl bewußt, daß eine monistische Weltanschauung weder den Dualismus von Sein und Sollen, noch jenen von Inhalt und Form als einen endgültigen anerkennt und auch nicht anerkennen darf. Wenn ich hier dennoch prinzipiell Gegensätze erblicke und auf Verbindung von Sein und Sollen, von Inhalt und Form zu einer höheren Einheit, die beide einander ausschließende Begriffe umfaßt, verzichten zu müssen glaube, so finde ich als Rechtfertigung dieses meines Standpunktes im Grunde keine andere ehrliche Antwort als die: Ich bin nicht Monist. So unbefriedigend ich auch eine dualistische Konstruktion des Weltbildes  empfinde,  in meinem  Denken  sehe ich keinen Weg, der über den unleidlichen Zwiespalt hinweggeführt zwischen Ich und Welt, Seele und Leib, Subjekt und Objekt, Form und Inhalt - oder in welche Worte sonst sich die ewige Zweiheit verbergen mag.

Was speziell den Gegensatz von Sein und Sollen betrifft, so habe ich hier nur soviel zu bemerken, daß ich an die üliche auf ihm beruhende Unterscheidung zwischen explikativen, d. h. auf die Welt des Seins und deren kausale Erklärung durch Naturgesetze gerichteten, und normativen, d. h. der Welt des Sollens und den Noren zugekehrten Disziplinen, zwischen Kausal- und Normwissenschaften anknüpfe, um zum methodologischen Charakter der Jurisprudenz zu gelangen. Nur daß ich die Trennung zwischen Sein und Sollen, zwischen explikativer und normativer Betrachtung gerade der Rechtswissenschaft gegenüber schärfer durchführe, als es bisher üblich war, und für diese Disziplin eine rein normative Betrachtung in Anspruch nehme.

Als normativ im ursprünglichen Sinn des Wortes gilt die Tätigkeit, welche autoritär Normen für ein Verhalten von Subjekten setzt, gilt das auf eine faktische Herrschermacht gestützte Erlassen von bindenden Geboten und Verboten. Da es sich hierbei um eine  Willens-,  nicht um eine  Denk -Funktion handelt, kann eine Wissenschaft niemals in diesem ursprünglichen Sinn des Wortes als  normativ  bezeichnet werden. Nicht die "Ethik" benannte theoretische Disziplin ist der sittliche Gesetzgeber, sondern das menschliche Gewissen oder der Wille Gottes oder sonst eine willensbegabt gedachte Autorität. Nicht die Wissenschaft der Grammatik ist die Sprachbefehle erteilende Macht, sondern die den Sprachgebrauch bildende soziale Gemeinschaft. Und so ist auch die Jurisprudenz nicht normativ im Sinne einer rechtserzeugenden Gewalt, vielmehr muß hier, wie in allen Fällen, wo von normativen Disziplinen gesprochen wird, der fragliche Terminus in einer abgeleiteten Bedeutung gebraucht sein. Er kann nicht eine besondere Art des Wollens, er muß eine bestimmte Form des Denkens, eine eigenartige Betrachtungsweise kennzeichnen, die sich von der anderer Wissenschaften durch ihre spezifische Richtung unterscheidet und die darum eine normative genannt werden darf, weil sie nicht, wie z. B. die Naturwissenschaft, der Welt des Seins, sondern der Welt des Sollens zugewendet ist, weil ihr Ziel nicht, wie das der explikativen Disziplinen, eine kausale Erklärung des tatsächlichen Geschehens, also die Erkenntnis von Naturgesetzen, sondern die Erfassung von Normen ist.

Ob und inwieweit die Jurisprudenz eine normative Disziplin in dem eben entwickelten Sinne ist, muß das Kardinalproblem juristischer Methodologie, somit die prinzipiellste Voraussetzung aller Rechtswissenschaft sein. Dabei kommt allerdings schon von vornherei nur die dogmatische Jurisprudenz in Frage und auch diese nur, soweit sie sich mit der Stabilisierung der juristischen Grundbegriffe befaßt. Die Rechtsgeschichte fällt dabei außer Betracht. Diese ist ein Zweig der historischen Disziplinen und als Kausalwissenschaft weit mehr mit der Naturwissenschaft und der Psychologie verwandt als mit der Jurisprudenz oder mit der Ethik. Vom methodologischen Standpunkt aus betrachtet, besteht zwischen Rechtsgeschichte und dogmatischer Jurisprudenz oder Rechtsphilosophie - wenn man die Gewinnung der Grundbegriffe des Rechts so nennen will - keinerlei Verbindung, und nur sehr äußerlich ist die Beziehung, die beide Disziplinen in einer gemeinsamen "Rechtswissenschaft" vereinigt.

Die nach meinem Ermessen notwendige, in der vorliegenden Arbeit durchgeführte gänzliche Eliminierung des explikativen und die ausschließliche Akzeptierung des normativen Standpunktes für die Konstruktion der juristischen Grundbegriffe hat zur Voraussetzung die Möglichkeit einer scharfen Trennung beider Betrachtungsweisen; und diese ist, wie in den folgenden Untersuchungen gezeigt wird, gerade bei der Rechtswissenschaft in höherem Maß gegeben als beispielsweise bei der Ethik oder einer anderen der als normativ bezeichneten Disziplinen. Der Erfolg, den ich aus dieser Isolierung der Methoden gewonnen zu haben glaube, liegt in der Fixierung oder Wiederherstellung der in letzter Zeit sehr zu Schaden der Rechtswissenschaft verschobenen und verwischten Grenzlinien gegenüber der Psychologie und Soziologie.

In dieser Richtung strebt meine Arbeit nach möglichster Einschränkung der juristischen Konstruktion. Kaum eine andere Disziplin ist so sehr der Gefahr ausgesetzt, ihre Kompetenz zu überschreiten, als gerade die Jurisprudenz. Denn es ist nicht leicht und bedeutet eine empfindliche Beengung der geistigen Bewegungsfreiheit, seinen Blick immer nur auf die Welt des Sollens gerichtet zu halten, wo doch immer wieder die Versuchung an einen herantritt, in die Welt des wirklichen Lebens, des Seins zu entweichen und das tatsächliche Geschehen zu erklären. Die schweren Verstöße, die selbst hochverdiente Theoretiker in dieser Hinsicht begangen haben, die sonderbaren Auswüchse der jetzt so beliebten "psychologischen" Jurisprudenz finden auf diese Weise wohl ihre subjektive Erklärung, keinesfalls aber eine theoretische Rechtfertigung. Denn zu weitestgehender Selbstbeschränkung ist der wissenschaftliche Jurist gezwungen, wenn er ein von inneren Widersprüchen freies System, wenn er logisch haltbare Grundbegriffe haben will. Er kan die Welt des Seins und die Welt des Sollens in seinen Begriffen nicht verbinden und muß sich darum entscheiden, ob er als Soziologe und Psychologe das tatsächliche Geschehen, das Handeln der Menschen erklären, oder die Rechtsnormen erfassen, ob er seine Begriffe aus der einen oder aus der anderen Welt abstrahieren will. Der Jurist darf sich nicht mit Fragen befassen, die der Psychologe oder der Soziologe aufwirft und daher nur dieser mit seinen besonderen Forschungsmitteln zu beantworten imstande ist. Sonst läuft er Gefahr, in denselben Fehler zu verfallen, der manchen Naturrechtslehrern vorzuwerfen ist, die ein soziologisches Problem mit einer juristischen Konstruktion lösen zu können vermeinen, wenn sie auf die Frage: Wie ist der Staat entstanden? die Antwort geben: durch einen Vertrag. Die Verquickung einander ausschließender Betrachtungsweisen führt notwendig zur Fiktion, der Behauptung einer Realität im bewußten Widerspruch zur Wirklichkeit. Und nichts ist für den Stand der heutigen Rechtswissenschaft so charakteristisch, als daß ihre Theorie von Fiktionen durchsetzt ist. Der Kampf gegen die Fiktion, diese verwerfliche Notlüge der Wissenschaft, ist eines der Ziele meiner Arbeit.

Nicht bloß wegen der Beschränkung auf eine normative Betrachtungsweise ist die Jurisprudenz der Gefahr ausgesetzt, die ihr durch die Methode gesetzten Schranken zu durchbrechen und sich an die Bewältigung von Aufgaben zu wagen, denen ihre spezifischen Mittel keineswegs gewachsen sind. Noch eine zweite Grenze ist der Rechtswissenschaft gezogen und diese läuft zwischen dem anderen der beiden großen Gegensatzpaare, von denen meine Untersuchungen ausgehen: zwischen Inhalt und Form.

Man scheint nur eine Binsenwahrheit mit der Behauptung auszusprechen, daß die Jurisprudenz eine formale Disziplin ist, und kein Theoretiker dürfte diese Anschauung prinzipiell in Frage stellen. Dennoch wird in der neueren juristischen Literatur kaum gegen ein anderes Prinzip so sehr verstoßen als gerade dagegen. Zwar ist dieses Resultat sicherlich zum Teil dadurch zu erklären, daß der Gegensatz von Form und Inhalt ein relativer ist und mit dem jeweiligen subjektiven Standpunkt des Betrachters wechselt, so daß, was das eine Mal als Form erscheint, das andere Mal als Inhalt gelten kann. Allein, selbst die Relativität des Gegensatzes in Rechnung gezogen, läßt sich doch ganz allgemein die Tendenz beobachten, juristische Erkenntnisse jenseits aller formalen Spekulation zu suchen. Und dieses Streben, das die größte Gefahr der Begriffsverwirrung mit sich bringt, ist freilich psychologisch nicht schwer zu begreifen, wenn man sich die notwendige Einseitigkeit und Dürftigkeit rein formaler Resultate vergegenwärtigt. Es scheint in der Natur des menschlichen Geistes gelegen zu sein, so wie er eher auf die Realität als die Idealität,, die Welt des Seins leichter als die des Sollens sich richtet, auch lieber dem Materiellen als dem Formalen, dem Inhalt der Dinge mehr als ihrer Form zugänglich zu sein, sich stärker für das Was als für das Wie zu interessieren. Zumal der vulgären Anschauung, dem "gesunden Menschenverstand", ist diese Tendenz zur Realität und Materialität eigen und eine lediglich auf das Ideale und Formale gerichtete Betrachtung fremd, wenn nicht gar unmöglich. Gerade die mit den Grundbegriffen des Rechts befaßte Jurisprudenz ist mehr als irgendeine andere Wissenschaft versucht, der vulgären Anschauung Opfer zu bringen, wenn sie sich verpflichtet glaubt, dem populären Sprachgebrauch, der sich aus naheliegenden Gründe gerade dieser Grundbegriffe mehr als deren einer anderen Disziplin bedient, Rechnung zu tragen, dabei aber vergißt, daß es diesem Sprachgebrauch, den Bedürfnissen des täglichen Verkehrs entsprechend, regelmäßig nur auf den Inhalt der totalen Rechtserscheinung ankommt, deren Form allein die Wissenschaft der Jurisprudenz zu erfassen hat. Der unerträgliche Zustand, in dem sich die Grundbegriffe der Jurisprudenz befinden, ist zum größten Teil darauf zurückzuführen, daß hinter ein und demselben Wort, obgleih es für die Ergebnisse zweier völlig verschiedener Betrachtungsweisen gebraucht wird, ein einheitlicher Begriff gesucht und natürlich nur auf die gewaltsamste Weise gebildet wird. Auch hier liegt eine Quelle der Fiktion. Und wenn ich in dieser Richtung meinen eigenen Standpunkt mit den Worten MAX WEBERs (Die "Objektivität" sozialwissenschaftlicher und sozialpolitischer Erkenntnis. In: Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik, Bd. 19, Neue Folge Bd. 1, Seite 45) präzisieren darf, so liegt die Eigenart des Erkenntnisziels meiner Arbeit darin, daß diese über eine rein formale Betrachtungsweise der rechtlichen Normen nicht hinausgehen will, weil meiner Ansicht nach in dieser Beschränkung das Wesen der formal-normativen Betrachtungsweise der Jurisprudenz überhaupt gelegen ist. Damit glaube ich gleich von Anfang an allen Einwänden begegnet zu sein, die den "Formalismus" meiner Ergebnisse betreffen. daß man sie trotzdem erheben wird, und noch dazu mit allen Spitzen, die man nun einmal mit dem Vorwurf des  Formalistischen  in unserer mehr als in einer Richtung  materialistischen  Zeit verbindet, dessen bin ich gewiß. Doch muß ich darauf verzichten, mich jenen verständlich zu machen, denen das formal-theoretische Bedürfnis nach festgefügten juristischen Grundbegriffen fehlt - und nur theoretischen, nicht praktischen Bedürfnissen dient meine Arbeit, und nur auf dem Weg einer formalen Spekulation läßt sich dieses Ziel erreichen. Auch fürchte ich mich nicht vor dem Vorwurf, aus der Not eine Tugend gemacht zu haben; denn ich meine: es ist besser, aus der wissenschaftlichen Not eine methodologische Tugend zu machen, als durch eine methodologische Untugend die wissenschaftliche Not beseitigen zu wollen.

Was die staatsrechtliche Konstruktion im besonderen betrifft, so glaube ich jetzt darauf aufmerksam machen zu sollen, daß ich im Gegensatz zur herrschenden Unterscheidung zwischen private und öffentlichem Recht auf jene besondere Differenzierung des letzteren gegenüber dem ersteren verzichtet habe, die auf der Berücksichtigung eines rechtlichen Herrschaftsverhältnisses zwischen dem Staat und den übrigen Subjekten besteht. Anstelle der Konstruktion mit der zwei- oder mehrfachen Ebene, die neben den koordinierten Rechtssubjekten mit einem  über geordneten Staatssubjekt und eventuell noch mit den nach einer besonderen Richtung dem Staatssubjekt unterworfenen Organpersonen operiert, habe ich meine Konstruktion auf eine einzige Ebene beschränkt, letztlich geleitet von einem Bestreben möglichster Ökonomie der Begriffsbildung. Indem ich es ablehne, ein zwischen Staat und Untertanen bestehendes tatsächliches Herrschaftsverhältnis juristisch zu konstruieren, weil ich es eben juristisch nicht für erfaßbar halte, muß ich des Einwandes einer einseitig privatrechtlichen Betrachtungsweise gewärtig sein. Allein, meine Arbeit wird vielleicht zeigen, daß ich nicht das Privatrechtssystem ungebührlich überspannt, sondern daß ich das Staatsrecht weit über seine bisherigen Grenzen ausgedehnt habe, daß ich nicht auf dem Standpunkt stehe: Alles Recht ist Privatrecht, - sondern gerade umgekehrt den Grundsatz vertrete: Alles Recht ist Staatsrecht. Jedenfalls halte ich am Postulat einer einzigen allgemeinen Rechtslehre und einheitlicher juristischer Grundbegriffe fest, die allen Rechtsgebieten gemeinsam sind und für alle Gebiete nach denselben methodlogischen Prinzipien zu konstruieren sind.

In diesem Gedanken liegt auch die Rechtfertigung der auf den ersten Blick vielleicht befremdlichen Tatsache, daß die vorliegenden staatsrechtlichen Untersuchungen sich so tief in privatrechtliche und strafrechtliche Lehren einlassen. Die weitgehende Spezialisierung der neueren juristischen Theorie hat sehr zum Nachteil ihrer allgemeinen Grundlage den notwendigen Zusammenhang zwischen den einzelnen Zweigen der Rechtswissenschaft zerstört. Denn nur im steten Kontakt mit dem ganzen Komplex einer juristischen Konstruktion läßt sich jenes logisch-geschlossene System einheitlicher, dem methodologischen Gesamtcharakter der Disziplin entsprechender Grundbegriffe von allgemeiner Gültigkeit gewinnen, das die notwendige Legitimation für eine  Wissenschaft  der Jurisprudenz bildet.

Ob die versuchte Konstruktion mit der einfachen Ebene gelungen ist, wird davon abhängen, ob meine Arbeit den Beweis erbracht hat, daß die herrschende drei und mehr-dimensionale Konstruktion nur durch das Bestreben entstanden ist, gewisse für die formal-normative Rechtsbetrachtung irrelevante Elemente zu berücksichtigen. Die darin zutage tretende, bereits früher hervorgehobene Tendenz gegen die herrschende Hypertrophie [Aufblähung - wp] der juristischen Konstruktion geht auch noch in der Richtung, daß der Begriffsumkreis des Staates, den die heutige Staatsrechtstheorie in einer auffälligen Parallele zur herrschenden politischen Anschauung des Staatssozialismus übermäßig zu erweitern bestrebt ist, gegenüber dem Umfang des  Gesellschafts begriffs eine gewisse Restriktion erfährt. Da sich dabei meine Resultate mit manchen der älteren liberalen Staatstheorie berühren, so möchte ich mich auch keineswegs dagegen verwahren, wenn man etwa in meiner Arbeit ein Symptom jenes Neoliberalismus erblicken sollte, der sich in jüngster Zeit allenthalben vorzubereiten scheint.

Bei der Berücksichtigung der einschlägigen Literatur habe ich mir, da ich kein Lehr- oder Handbuch schreiben wollte, keineswegs Vollständigkeit zur Aufgabe gemacht. Auch hätte der Versuch, nur zu allen neueren einschlägigen Arbeiten Stellung zu nehmen, den Umfang der ohnedies schon über meine ursprüngliche Absicht gewachsenen Arbeit ins Ungebührliche erweitert. Nur gegenüber bedeutenderen Autoren und typischen, durchschnittlichen Lehrmeinungen fühlte ich mich verpflichtet, meinen Standpunkt zu präzisieren. Und dieser Aufgabe habe ich mich umso gründlicher unterzogen, als mir eine eingehende, ins Detail dringende Analyse gewisser herrschender Theorien in ihrer Durchführung bei einzelnen Schriftstellern einen nicht unerheblichen Gewinn für die Entscheidung der Methodenfrage und einen anschaulichen Beitrag zur Kritik des gegenwärtigen Zustandes wissenschaftlicher Jurisprudenz zu bringen schien. Auch verhehle ich mir keineswegs, daß die nicht selten sehr breit ausgefallene Auseinandersetzung mit fremden Ansichten, das häufige, fast regelmäßige Gegenüberstellen der eigenen und einer entgegengesetzten Konstruktion, dieses von mir bevorzugte kontradiktorische Verfahren zum großen Teil durch einen dialogischen Charakter meines Erkennens bedingt ist, bei dem sich die Gedanken am liebsten und am leichtesten an ihrem Widerpart emporranken, und dessen adäquateste Ausdrucksform, den Dialog, wohl die antike, leider aber nicht mehr die moderne philosophisch-wissenschaftliche Literatur zuläßt.

An dieser Stelle, wo auch Persönliches zu Wort kommen darf, ist es mir ein Bedürfnis, hervorzuheben, daß dieses Buch, an dem ich durch manches Jahr, über viele Hindernisse und Widerwärtigkeiten hinweg gearbeitet habe, für mich viel mehr geworden ist als die Bewältigung einiger spezialwissenschaftlicher Probleme: Diese Arbeit hat mir den lange und schmerzlich vermißten Zusammenhang zwischen Fachdisziplin und Weltanschauung gezeigt. Ich weiß, es wird viele befremden, daß ich einen Weg zu philosophischen Höhen aus einem Geistesgebiet suche, das heute weiter von einem solchen Ziel entfernt ist, als irgendein anderes, so weit, daß jene Disziplin, die als solche berufen wäre, die Brücke zwischen Rechtswissenschaft und Philosophie zu schlagen, die Rechtsphilosophie, nur mit einem Ton der Geringschätzung genannt wird. Ich beurteile nicht, bis zu welchem Grad die spärlichen Bearbeiter dieses Geistesfeldes den schlechten Ruf der Rechtsphilosophie verschuldet haben. Aber ich glaube zuversichtlich, daß es nicht nur möglich, daß es notwendig und von großem Nutzen ist, die Beziehungen aufzudecken, die zwischen der kleinen Welt der Rechtswissenschaft und der großen eines universalen philosophischen Systems bestehen. Der Gewinn, den ich mir von einem solchen Bestreben erhoffe, und den ich zu einem kleinen Teil für mich persönlich erzielt zu haben glaube, ist der: Wenn es gelingt, die bestehenden Gegensätze innerhalb der Rechtswissenschaft auf die allgemeinen Gegensätze der beiden großen Weltanschauungen zurückzuführen, wenn man - um ein Beispiel zu geben - den Antagonismus zwischen organischer und anorganischer Staatstheorie auf den Kampf zwischen monistischer und dualistischer Weltanschauung zurückführen kann, dann müssen diese Gegensätze der juristischen Konstruktion eine tiefere Bedeutung erlangen. Das Gewirre scheinbar zusammenhangloser Ansichten und Theorien ordnet sich nach einem höheren Plan, das Bewußtsein des Zusammenhangs einer grundlegenden juristischen Konstruktion mit einem allgemeinen Prinzip möglicher Weltbetrachtung bewahrt vor Widersprüchen in dem auf dieser Konstruktion aufgebauten juristischen System, da das allgemeine Prinzip die Richtschnur auch für die Detailskonstruktion liefert, in denen allen sich nur der eine große Grundgedanke spiegelt.

Die Gewißheit, daß die Gegensätze einer juristischen Theorie letzten Endes Weltanschauungsgegensätze sind, führt auch zu der versöhnenenden Erkenntnis - und besonders für dieses  beneficium  [Wohltat - wp] bitte ich  pro domo  [für das eigene Haus - wp] plädieren zu dürfen - daß die strittigen Gegensätze notwendige sind, daß nicht bloß die eigene Ansicht, daß auch die gegnerische, wenn sie nur von der entgegengesetzten Voraussetzung aus logisch entwickelt ist, den gleichen Geltungsanspruch hat, weil nur aus der dauernden Spannung zwischen zwei Polen aller Fortschritt der Wissenschaft erwächst.

*                *
*

Während die letzten Bogen dieser Arbeit in Druck gingen, starb zu Heidelberg GEORG JELLINEK. Ich hatte das Glück, zu seinen Schülern zählen zu dürfen. Was er der Wissenschaft ist, weiß jeder der zur modernen Staatsrechtslehre in einem Verhältnis steht. Fast jede Seite dieses Buches zeugt von dem mächtigen Einfluß, den er auf die Entwicklung der Lehre vom Staat ausgeübt hat. Auch dort, wo ich zu anderen Resultaten gekommen bin, als er gelehrt hat, habe ich dies zum großen Teil auf Wegen getan, die er eröffnet hat, auf denen er als unerreichter Meister vorangeschritten ist. Möge es meiner Arbeit vergönnt sein, dem Andenken dieses Großen ein Weniges beizutragen.
LITERATUR Hans Kelsen, Hauptprobleme der Staatsrechtslehre,[entwickelt aus der Lehre vom Rechtssatze], Tübingen 1911