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Was die Kunstkritik nach Ansicht des
Dadasophen zur Dada-Ausstellung sagen wird

RAOUL HAUSMANN

 
Vorweg sei betont, daß auch diese Dada-Ausstellung ein ganz gewöhnlicher Bluff, eine niedere Spekulation auf die Neugier des Publikums ist - eine Besichtigung lohnt nicht. Während Deutschland bebt und zuckt in einer Regierungskrise von noch nie gekannter Dauer, während die Zusammenkunft in Spa unser künftig Los immer weiter ins Ungewisse rückt - gehen diese Burschen her und machen trostlose Trivialitäten aus Lumpen, Abfällen und Müll. Eine so dekadente Gesellschaft, der es an allem und jedem Können und ernstem Wollen gebricht, ist noch selten in solcher Unverfrorenheit vor die Öffentlichkeit getreten, wie es hier die Dadaisten wagen. Nichts kann bei ihnen mehr überraschen; alles geht unter in Krämpfen der Originalitätswut, die, alles Schöpferischen bar, sich austollt in albernen Mätzchen. "Mechanisches Kunstwerk" mag ein in Rußland hingängiger Typus sein - hier ist es talent- und kunstlose Nachäfferei, das Äußerste an Snobismus und Frechheit der ernsthaften Kritik gegenüber. Selbst das einzige mäßige Talent unter der Horde, der Zeichner GROSZ, enttäuscht; gerade an ihm wird deutlich, wohin Charakterschwäche und Widerstandsunfähigkeit gegenüber dem modischen Zwang und der Sucht nach "Neuestem" eine Begabung führen können - mitten in den Sumpf der Langeweile, der Verirrung und des platten Bierulks. O GRÜNEWALD, DÜRER und ihr andern großen Deutschen, was würdet ihr dazu sagen!? Das auf dieser Ausstellung Gezeigte ist durchweg auf einem so tiefen Niveau, daß man sich wundern muß, wie ein Kunstsalon den Mut haben kann, diese Machwerke gegen ein immerhin hohes Eintrittsgeld zu zeigen. Der vielleicht irregeleitete Inhaber des Salons sei gewarnt - über die Dadaisten ab breite sich gnädiges Schweigen!

LITERATUR, Raoul Hausmann, Was die Kunstkritik nach Ansicht des Dadasophen zur Dada-Ausstellung sagen wird, Dada Berlin, Hrsg. Karl Riha, Stuttgart 1979, Seite 115