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Laurent Verycken
F o r m e n   d e r  
W i r k l i c h k e i t


Ordnung

1. Raum-Zeit
2. Bewußtsein
3. Logik
4. Sprache
5. Tatsachen
  6. Moral
  8. Recht
  9. Ökonomie
10. Anarchie
"Eine Organisation, die sich um alle konkreten Einzelbedürfnisse der Menschen zu kümmern hätte, wäre allein schon vom Verwaltungsaufwand her praktisch unmöglich."

Das Problem der Ordnung war seit jeher das fundamentale  theoretische  und  praktische  Problem der Menschen. Die Gesetzlosigkeit, die angeblich überall in der Welt zu sehen war, sollte immer wieder durch Formen der Ordnung beseitigt werden. Alle Weltanschauung beruthe auf der unverrückbaren Gesetzmäßigkeit der Natur. Die Naturgesetze waren der Beweis für die Existenz einer bestehenden  Ordnung  in der Natur, von der aus auf eine  natürliche  Ordnung auf der gesellschaftlichen Ebene geschlossen werden konnte. Das Natürliche hatte gleichsam normative Bedeutung.

 Natürlichkeit  war das Hauptkriterium für  Normalität.  Das soziale Leben der Menschen mußte nur mit der objektiven Naturordnung in Einklang gebracht werden. Der Sachzwang, der sich so ergab, wurde zur Legitmationsbasis für die politische Ordnung. Die rationale Begründungsidee führte dazu, daß auch politische Probleme  more geometrico  behandelt wurden. Es gibt aber keine  natürliche Ordnung,  wie es die Anhänger des Realismus gerne hätten.

Aus dem verfehlten Versuch der Gesellschaftswissenschaften, die Methoden der Naturwissenschaften zu übernehmen und nachzuahmen, ist unserer Menschenwürde großer Schaden entstanden. Die quantitative Methode kaschiert Sozial- und Wertkonflikte so, als handle es sich um rein technische Fragen. Objektivität bedeutet in menschlicher Hinsicht die Menschen gleichzuschalten und als passive Objekte ohne spezifische Persönlichkeit zu betrachten.  Objektivität  und  Natürlichkeit  entstehen durch Weglassen des objektiv Unwesentlichen. Was aber wesentlich und unwesentlich ist, ist kein objektiver Tatbestand, sondern kann nur in Hinsicht auf diesen oder jenen Zweck festgestellt werden. Die Zwecke, die sich Menschen setzen, sind immer subjektiv. Der Individualität eines Menschen werden keine allgemeinen Theorien gerecht. Wo ein Mensch als Individuum gefragt ist, hört alle Schulweisheit auf. In Bezug auf das Interesse eines Menschen gibt es die verschiedensten Entscheidungsgründe, die jedoch nicht objektiv und allgemeingültig bestimmt werden können.

Eine objektive Gesellschaft gibt es nicht, weil die subjektiven Bezüge überwiegen, die das Zusammenleben mit anderen Menschen mit sich bringt. Es gibt kein logisches System und keine Ideologie, die bis ins Detail verläßliche und brauchbare Anweisungen liefern könnte, wie wir uns zu verhalten haben. Soziale und politische Probleme ergeben sich aus dem Umstand, daß sich unverwechselbare Einzelmenschen nicht einer allgemeinen Ordnung fügen. Politische Probleme können immer auf Situationen zurückgeführt werden, die sich keiner Allgemeinheit unterordnen lassen. Es gibt aber keine objektiven Probleme. Objektive Probleme sind Probleme der Objektivität.

Bei sozial oder poltisch brisanten Themen ist keine Objektivität möglich. Soziale, d.h. moralische Fragen können nicht wertfrei, also unpolitisch behandelt werden. Objektive Sachzwänge sind im Grunde die reine Willkür. Weil es keine  wertfreien  Tatsachen gibt, ist jedes Wissen  politisch,  d.h. moralisch zu interpretieren.

"Religionsvorstellungen, ethische Begriffe, Sitten, Gewohnheiten. Überlieferungen. Rechtsanschauungen, politische Gestaltungen, Eigentumsverhältnisse, Produktionsformen usw. sind keine notwendigen Voraussetzungen unseres physischen Seins, sondern lediglich Ergebnisse unseres Zwecksetzungsdranges. Jede Zwecksetzung aber ist eine Sache des Glaubens, die sich der wissenschaftlichen Berechnung entzieht." 1)
Alle Verallgemeinerungen erzeugen eine  künstliche  Einheit und Harmonie, wo es in Wirklichkeit überhaupt keine fundamentale Einheit, kein fundamentales Gesetz, Konstante oder Gleichung gibt. Diese existieren nur im Denken der Menschen. Eine politische Auffassung ist deshalb weder objektiv beweisbar, noch objektiv widerlegbar.

Jede politische Ordnung ist zweckbedingt. Die Bildung einer festen und dauernden Gemeinschaft verlangt immer den vereinten Einfluß gemeinsamer Ansichten, die dem Auseinanderfallen der Meinungen Einzelner Einhalt gebieten. Ohne allen gemeinsame Vorstellungen gäbe es kein gemeinsames Tun. Streitfragen, über die wir zu keiner Entscheidung kommen, machen uns meist zu Feinden. Ohne die Übereinstimmung der Mehrheit in den wichtigsten Fragen scheint deshalb eine Gesellschaft nicht möglich. Ein Mangel an Verallgemeinerung ist immer eine potentielle Konfliktquelle. Die Hauptaufgabe der Politik ist deshalb Konfliktvermeidung. Zu einem erfolgreichen un geeinten Vorgehen z.B. einer  Nation  bedarf es immer einer gewissen Gleichförmigkeit der Gewohnheiten und Bräuche, und noch mehr einer Identität der Ideen und Ideale.

Politik muß in erster Linie als allgemeine, systematische Organisation verstanden werden. Eine Ordnung ist ein System, d.h. ein Vereinfachungsmodell, das es ermöglicht, verschiedene Phänomene von einem einzigen Gesichtspunkt aus zu vereinheitlichen. Den Systemdenkern geht es, im Gegensatz zu den Problemdenkern, um die  Einheit.  Das Ziel logischer Objektivierung heißt  Allgemeinheit,  bzw.  Gleichheit.  Die abstrakte Gleichheit verkörpert das Grundsätzliche, Prinzipielle, Typische, Wiederkehrende. Politik ist die Tendenz, das Mannigfaltige zur Einheit zu bringen. Aus diesem Grund werden die Bedürfnisse der Menschen objektiviert. Die Technik der Machtausübung vollzieht sich so: Das Verhalten der Menschen wird studiert, um zu erkennen, wie sie funktionieren. Jeder Mensch wird auf die Mechanik einer Maschine reduziert. Die quantitativen Aspekte verdrängen das Qualtitative.

In der statistischen Behandlung der Gegebenheiten werden die individuellen Zusammenhänge unterdrückt. Das Machtdenken preßt alle individuellen Regungen in seine Raster. Eine Definition von Herrschaft ist die zwangsweise Verwandlung des Subjektiven in etwas Objektives. Ordnungszusammenhänge beschreiben Beziehungen in einer aus ihrem prozessualen Zusammenhang herausgelösten Struktur. Erhaltung des Systems heißt Stabilisierung objektiver Gegebenheiten, das heißt: des Ordnungsprinzips. Der Anspruch auf System und Ordnung ist der Anspruch auf Herrschaft.

In den politischen und wirtschaftlichen Organisationen wird die abstrakte Gleichschaltung institutionalisiert. Der Vermächtigung der Wirklichkeit entspricht ihre Kanalisierung in Institutionen. Eine  Institution  ist eine bestimmte Art der Gleichförmigkeit. Die Struktur der politischen Organisation des Systems ergibt sich aus den ritualisierten Wiederholungen des Verhaltens. "Die Institution macht aus individuellen Akteuren und individuellen Akten Typen." 2) Im Staat sind die Individuen nur das, was allgemein und objektiv an ihnen erkennbar ist. Kein Machtapparat verfügt über die Mittel, um allen konkreten Einzelfällen gerecht zu werden. Wo allzuviele individuelle Problemlösungen gefordert werden, bricht der Machtapparat letztlich auseinander. Zuviele Einzelheiten sind politisch nicht mehr realisierbar. Die Vereinheitlichung ist deshalb die Grundbedingung des politischen Realismus. "Der Staat, der alles im Großen sieht, kümmert sich herzlich wenig um den einzelnen, solange die Maschine läuft." 3) Die Kategorisierung kann aus der Verwaltungspolitik auch gar nicht herausgehalten werden.

Eine Organisation, die sich um alle konkreten Einzelbedürfnisse der Menschen zu kümmern hätte, wäre allein schon vom Verwaltungsaufwand her praktisch unmöglich. Jede Zentralregierung verehrt deshalb die Gleichförmigkeit, die ihr die Prüfung unzähliger Einzelheiten erspart. Der Konformismus wird zum Sachzwang.
"Politische Herrschaft strebt immer nach Uniformität. In ihrer blöden Sucht, alles gesellschaftliche Geschehen nach bestimmten Grundsätzen ordnen und lenken zu wollen, ist sie stets darauf erpicht, alle Gebiete menschlicher Betätigung einer einheitlichen Schablone zu unterwerfen. Damit gerät sie in einen unlösbaren Gegensatz mit allen schöpferischen Kräften des höheren Kulturgeschehens, das stets nach neuen Formen und Gestaltungen Ausschau hält, infolgedessen an das Mannigfaltige und Vielseitige des menschlichen Strebens ebenso gebunden ist, wie die politische Macht an die Schablone und die starre Form." 4)
Der Preis der Macht ist die Unterdrückung unserer lebendigen Gefühle. Das Streben nach Macht trennt das Verhalten vom Denken, das Handeln von der Seele, kurz: Macht entfremdet.  Objektivierung  und  Beherrschung  sind lediglich zwei Worte für eine Sache. Politische Institutionen organisieren diese Entfremdung für ihre Zwecke und haben deshalb auch kein Interesse, diese Entfremdung aufzuheben. Menschen werden nicht als Menschen beherrscht, sondern als  Dinge.  Das Individuelle kann als Zufälliges vernachlässigt, unterdrückt und unter Umständen auch getötet werden. "Politik ist die Organisation der Macht, und Macht ist der Feind des Lebens." 5) Ungezügelte Machtgelüste, spielen mit dem Schicksal von Millionen, als wären es tote Zahlenreihen und nicht Wesen aus Fleisch und Blut. Die bürokratischen Mechanismen versuchen Menschen so umzuformen, bis sie den Produkten einer Rechenmaschine gleichen.

In der Objektivierung menschlicher Subjektivität werden Menschen zu statistischem Material degradiert. Die Macht der Allgemeinheit unterwirft alles ihrem Gleichschaltungsmechanismus. In der Masse kann keine Persönlichkeit, nicht einmal Individualität zur Geltung kommen. Dem Willen zur Macht ist die einzelne Existenz im Grunde gleichgültig. Der Normalbürger ist der allgemeine Mensch.

"Niemand scheint (aber) zu empfinden, daß er seinen Schnurrbart, die Schwingung seiner Nase oder die Länge seiner Arme gegen das wissenschaftliche Reden von  dem Haarwuchs, dem Nasenbein,  oder  dem Arm  verteidigen müsse, um nicht seiner Individualität beraubt und zur bloßen Illustration von allgemeinen Kategorien oder Prinzipien erniedrigt zu werden." 6)
Herrschaft ist entweder offene Gewalt oder Ideologie. Herrschaft durch Ideologie wirkt hauptsächlich durch Ausbeutung der Unwissenheit und des naiven Glaubens der Menschen an eine Welt, die es so eigentlich aber gar nicht gibt. Die Macht der Ordnung ist die Macht der Allgemeinheit der Vorstellungen. Physische Machtmittel können entbehrt werden, wo das Alltagsbewußtsein der Menschen vom Begriffsrealismus beherrscht wird. Durch die Manipulation der Meinungen wird erreicht, was noch so viel Militär und Polizei nicht gelingt. Die  Ideologie der Ordnung  ist ein unauffälliges Herrschaftsmittel, durch das die Menschen freiwillig gehorchen, wo sie vorher durch physische Gewalt gezwungen werden mußten. Keine Macht kann auf die Dauer nur mit Machtmitteln aufrechterhalten werden, sie ist stets gezwungen, durch eine bestimmte Ideologie ihre Ansprüche zu rechtfertigen.
"Keine Macht erhält sich auf Grund besonderer Charaktermerkmale, die ihr innewohnen; ihre Größe fußt stets auf Eigenschaften, die der Glaube der Menschen ihr beilegt." 7)
Jede Macht beruht auf Anerkennung, auf Meinung. Die Illusion, als Werkzeug des Ideologen, besteht darin, in den Beherrschten den Schein zu erwecken, sie wären nicht beherrscht. Sie sollen glauben, daß ihre Probleme der Daseinsbewältigung von Mächten und Kräften herrühren, auf die kein Einfluß genommen werden kann. Dieser Aberglaube wird vor allen Dingen durch die Annahme einer allgemeingültigen und objektiven Realität genährt.

Die Vorstellung einer objektiven Wirklichkeit ist eines der nützlichsten und wirkungsvollsten Herrschaftsinstrumente. Keine Regierung der Welt kann es sich leisten, ihren Untertanen zu gestatten, die Fesseln der allgemein abgesegneten Denkweisen abzustreifen, denn dann wären sie nicht mehr regierbar.

"Eine dauerhafte Regierungsmacht kann nur eine Gruppe aufrichten, die auf Zustimmung der Beherrschten rechnen kann. Wer die Welt nach seinem Sinne regiert sehen will, muß trachten, die Herrschaft über die Geister zu erlangen." 8)
Die fraglose Verinnerlichung der jeweiligen Ideologie durch die Beherrschten ist deshalb die Grundlage jeder Herrschaft. Jemand, der erschlagen wird, ist überwältigt, aber nicht erobert. Auch der Gefangene ist nicht erobert, weil er immer noch Feind ist. Nur wenn die Leute eine systemkonforme Geisteshaltung eingenommen haben, ist die Herrschaft auf Dauer gestellt. Wenn die Herrschaft im Kopf sitzt, ist die Unterdrückung vollendet. Nur der ist ein guter Knecht, der sich selber knechtet.
"Für den Staat ist es notwendig, daß keiner einen eigenen Willen habe. Wenn jeder seinen eigenen Willen hätte, würden die Staaten zugrunde gehen. ... Der eigene Wille und der Staat sind feindliche Mächte, zwischen denen kein Friede möglich ist. Solange der Staat besteht, wird für ihne der Wille des Einzelnen, seines ewigen Feindes, etwas Unberechtigtes, Böses sein." 9)
Alle Ideologien sind Ideenkomplexe, die sich um die Aufrechterhaltung einer bestehenden oder Schaffung einer zukünftigen Ordnung bemühen. Die ideologische Autorität will der Macht die negative Seite des Zwangs nehmen, also gerade das Problem der Herrschaft als Unterdrückung zu einem anderen Gesichtspunkt wenden. Den Glauben der Menschen zu binden und auf Zwecke zu lenken, die im Interesse der Machthaber liegen, ist wesentlich problemloser, als die öffentliche Meinung mit offener Gewalt zu unterdrücken. Physische Gewalt erschöpft sich bald, wenn sie auf andauernden Widerstand trifft. Der Widerstand ist erst wirklich gebrochen, wenn die Herrschaft intellektuell angenommen wurde.
"Um fortbestehen zu können, muß jede Gesellschaft der Charakter ihrer Mitglieder so formen, daß sie das tun  wollen,  was sie tun  müssen.  Ihre soziale Funktion muß zu einem Teil ihrer selbst werden und muß in etwas verwandelt werden, zu dem sie sich getrieben fühlen, und nicht etwas sein, das sie tun müssen. Eine Gesellschaft kann ein Abweichen von diesem Schema nicht dulden, denn wenn dieser  soziale Charakter  seine zusammenhaltende Festigkeit verliert, werden viele Individuen nicht mehr so handeln, wie man es von ihnen erwartet, und der Fortbestand der Gesellschaft in ihrer gegebenen Form wäre gefährdet." 10)
Der Beherrschte beherrscht sich selbst im Interesse der Herrschenden. Ein Konformist schließt sich unkritisch der in seinen Kreisen vorherrschenden Meinung an. "Alle Herrschaft ist Aufnahme des Denkens und des Wollens des Herrschers in das Sein der Beherrschten." 11)

 Fiktionen,  die auf falscher Verallgemeinerung beruhen, sind die häufigste Ursache ideologischer Unterdrückung. Da im Alltagsverstand nicht zwischen sinnlich wahrnehmbaren und unsinnlichen Gegenständen unterschieden wird, können abstrakte Begriffskonstruktionen auf einmal eine Pseudowirklichkeit bekommen. Ideologie ist der Glaube, daß die Idee eines Dings mit seinem Zeichen identisch ist. Durch diese vereinfachte Formelhaftigkeit und Stilisierung ergibt sich dann ein Weltbild übertriebener Simplizität oder künstlicher Komplexität. Das Wort wird für die Sache genommen - eine Abstraktion erhält gespenstische Wirklichkeit. Das ganze Geistesleben ist bevölkert von fiktiven Wesen, die nur auf dem Papier existieren.

Wir reden von  der  Politik,  der  Wissenschaft,  der  Wirtschaft,  der  Religion oder  der  Kunst, ohne uns bewußt zu sein, daß diese Definitionen willkürliche Eingrenzungen uneinheitlicher Wissensbereiche darstellen, die es in Wirklichkeit gar nicht gibt.  Politik, Wissenschaft  oder  Wirtschaft  etc. bezeichnen  Probleme,  und keine Tatsachen, aber nur allzuoft lassen wir uns vom Schein der Worte über die Problematik hinwegtäuschen. Die worthypnotische Weltanschauung läßt uns auf der einen Seite etwas als problematisch erscheinen, was möglicherweise gar nicht problematisch ist und versimpelt andererseits komplizierte Zusammenhänge. Eine  Sache  scheint schwierig, wo es sich um einen bloßen Streit um abstrakte  Worte  handelt.

Als notwendige Folge eines Glaubens an eine objektive Welt ergibt sich dann eine Unveränderbarkeit der konkreten Verhältnisse. Die Art und Weise wie das  Tatsächliche  konstatiert wird, macht bestimmte Veränderungen schon unmöglich. Wir sind verführt zu glauben, unsere Ideale und Befürchtungen wären schon wahr. Die unmittelbare, konkrete Wirklichkeit verschwindet in einem schwammigen Brei von Denkgewohnheiten, die als Tatsachen maskiert werden. Einem solchen Denken ist es unmöglich echte Kritik an den Verhältnissen zu üben, weil bereits in den begrifflichen Abstraktionen das zu Kritisierende unkritisch hingenommen wurde. Logischer Optimismus, bzw. Pessimismus sind der Ausdruck dieses vulgarisierten und schematischen Denkens. Wo aber der Gehalt verloren geht, verschwindet das subjektiv Ergreifende. Wir haben es bloß noch mit trivialen Allgemeinheiten und Illusionen zu tun. Zwischen der Allgemeinheit des Denkens und dem bloßen Phantasieren ist nicht viel Unterschied.

Allgemeinheit eignet sich besonders für Machtzwecke, da sich Vieles mit  einer  Methode beherrschen läßt. Die Theorie der Abstraktion, bzw. die systematische Verallgemeinerung, ist der Kernpunkt des ideologischen Denkens. Ideologie ist die Denkform, die durch das Wegfallen des  Unpraktischen  ihre Bedeutung erhält. Die Ideologie der Herrschaft besteht aus geistiger und physischer Unterordnung. Herrschaft und Zwang ergeben sich aus der objektiven Ordnung der Dinge. Das niemals vollständig integrierte Einzelne steht einer mächtigen, auf Integration abzielenden Allgemeinheit, dem System gegenüber.

Die Verbegrifflichung muß dabei als Instrument zur intellektuellen Herrschaftssicherung angesehen werden. Die möglichst große Ausdehnung des Geltungsbereichs eines Begriffs ist am ehesten da gewährleistet, wo wir ihm die Eigenschaft  objektiv  anhängen. Immer abstrakterer Inhalt von Begriff und Gesetz bedeutet immer generellerer Geltungsbereich. Ideologien herrschen dadurch, daß alles Wissen und Information dahin gebracht werden, die subjektive Verfolgung von Interessen als objektive Notwendigkeit zu erscheinen lassen. Der Drang zur Macht äußert sich als eine Erweiterung jeder Art von Kenntnis ins Allgemeine. Das System braucht die Masse. Herrschaft braucht und schafft Allgemeinheit.

Das Problem des Gegensatzes zwischen subjektivem Interesse und allgemeiner Organisation wird durch Identifizierung gelöst. Unterordnung der besonderen Umstände mit Hilfe von Schemata unter das Gewohnte und Gewöhnliche ist gleichzeitig immer auch eine Popularisierung. Ideologische Objektivität entlastet von Zweifeln, befreit von inneren Konflikten und erspart die Anstrengung des Nachdenkens. Die Ideologie der objektiven Logik schafft eine künstliche Harmonie. Aus der Rationalität wird Rationalisierung. Die Qualität der Erkenntnis und der Wert der Wahrheit wird der Nützlichkeit von Ruhe und Ordnung für das pragmatische Machtdenken untergeordnet.

"Das Regime der Experten zeichnet sich dadurch aus, daß es von den ihm zur Verfügung stehenden Möglichkeiten des Zwangs keinen Gebrauch macht, sondern uns zum Einverständnis verlockt, indem es unsere tiefsitzende Bindung an die wissenschaftliche Weltsicht ausnutzt und indem es die Sicherheit und Bedürfnisbefriedigung durch den industriellen Überfluß, welchen die Wissenschaft uns beschert hat, entsprechend einrichtet." 12)
Abstraktionen haben den Zweck, das Denken der Menschen ruhig zu stellen und ihre Handlungen zu kanalisieren. Anpassung ist Unterordnung unter das Realitätsprinzip. Ein allgemeiner Konsens bedeutet aber nur ein scheinbares Fehlen von Konflikten. Die Konfliktfreiheit ist eine rein formale und keine inhaltliche.
LITERATUR - Laurent Verycken, Formen der Wirklichkeit - Auf den Spuren der Abstraktion, Penzberg, 1994
    Anmerkungen
    1) RUDOLF ROCKER, Nationalismus und Kultur, Bremen o.J., Bd.1, Seite 18
    2) BERGER / LUCKMANN, Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit, Frankfurt 1989, Seite 58
    3) de SADE, Justine, Frankfurt/Berlin/Wien 1967, Seite 21
    4) RUDOLF ROCKER, Nationalismus und Kultur, Bremen o.J. Bd.1, Seite 99
    5) THEODORE ROSZAK, Die Krankheit mit dem Namen Politik, in PAUL GOODMAN (Hrsg), Die Saat der Freiheit, New York 1965, Seite 116
    6) RALF DAHRENDORF, Pfade in Utopia, München 1974 Seite 129
    7) RUDOLF ROCKER, Nationalismus und Kultur, Bremen o.J., Bd.1, Seite 177
    8) LUDWIG MISES, Liberalismus, Jena 1937, Seite 41
    9) MAX STIRNER in HECTOR ZOCCOLI, Die Anarchie und die Anarchisten, Berlin 1980, Seite 58
    10) FROMM / SUZUKI/ de MARTINO, Zenbuddhismus und Psychoanalyse, Frankfurt 1980, Seite 133
    11) G. W. F.HEGEL ohne Quelle
    12) THEODORE ROSZAK, Gegengesellschaft, Düsseldorf/Wien 1971, Seite 29