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Laurent Verycken
F o r m e n   d e r  
W i r k l i c h k e i t


Moral

1. Raum-Zeit
2. Bewußtsein
3. Logik
4. Sprache
5. Tatsachen
  7. Ordnung
  8. Recht
  9. Ökonomie
10. Anarchie
"Gesetze überhaupt aufzustellen ist nur deshalb möglich, weil sich bei einer sehr großen Anzahl ähnlicher Fälle die Verschiedenheiten im einzelnen ausgleichen. Über den konkreten Einzelfall jedoch gelingt keine absolut sichere Prognose."

Jahrhundertelang war es Tradition, die den wissenschaftlichen Methoden zugrunde liegenden Wertungen zu verschweigen. Im Bann der aristotelischen Theorie wurde geglaubt, daß unsere Erkenntnis ein getreues Spiegelbild der Wirklichkeit sei und die menschliche Vernunft fähig, die Wirklichkeit in Begriffen zu erfassen. Solange ARISTOTELES die wissenschaftliche Welt bestimmte, wurde daran auch nicht wirksam gezweifelt. Der erste ernsthafte Gegner des ARISTOTELES war WILHELM von OCKHAM. Der Universalienstreit, den OCKHAM damals entfachte, ist in der wissenschaftlichen Welt bis heute nicht endgültig entschieden - wohl wegen der radikalen Folgen, die eine konsequente Anerkennung des OCKHAMschen Denkens haben könnte. Die Negation der rationalen oder logischen Grundgleichung ist das beherrschende Moment in OCKHAMs Philosophie. Im reinen Nominalismus entbehren die Begriffe jeglichen objektiven Fundaments. Begriffe besitzen nur mehr als psychische Akte Realität und haben nichts als subjektive Bedeutung.
"Die ausschließliche Singularität alles Seienden, die Leugnung jeglicher extramentalen Realität des Allgemeinen, hatte die Begriffe und ihre Objekte auseinandergerissen." 1)
Auch BERKELEY und HUME waren, als sie die von subjektiven Vorstellungen unabhängige Realität materieller Substanzen leugneten, wie OCKHAM mit der   communis opinio,  dem aristotelischen Denken, das sich an das Sein der physischen Objekte hält, in Konflikt geraten. In der Alltagslogik, bzw. im gesunden Menschenverstand, nehmen wir die Begriffe ohne viel Nachdenken für die wirkliche Welt. Die automatische Verwendung der Wörter haben wir bereits als Kinder gelernt. Kinder setzen mit der größten Selbstverständlichkeit Wort und Sache gleich. Sie glauben, jedes Ding habe seinen  richtigen  Namen.

Mit der allmählichen Gewöhnung an den Gebrauch der Sprache im täglichen Umgang verwischen sich die konkreten Bedeutungen der Dinge immer mehr und machen weiter gefaßten Verallgemeinerungen Platz, bis am Ende geglaubt wird, auch die abstraktesten Gegenstände wären konkret greifbar. Es gibt kaum jemanden, der sich unter den gegebenen  Erziehungsbedingungen vom einmal erlernten Sprachgebrauch - und dem damit verbundenen Denken - wirksam zu emanzipieren vermag. Die meisten Menschen bewegen sich im Reich der Hypothesen und Spekulationen, wähnen sich aber in der Wirklichkeit. Die, je nach Gemütslage, heile oder angstvolle Welt der naiven Realisten ist eine vom Erkennen noch nicht durchdrungene Welt - eine unreife Welt. In Illusionen verfangen liebäugeln die Leute mit einer idealen Welt-ansich oder verzweifeln an einer solchen.

Die  natürliche  Weltansicht ist ein Geschöpf des praktischen Lebens. Die Alltagswelt ist zwar grob und vereinfacht bis entstellt, aber praktisch bequem. Es wäre oft mühsam und erschiene uns unnütz, die Gegebenheiten über ein allgemeinverständliches Maß hinaus zu präzisieren. Wir treffen viele Unterscheidungen und damit Entscheidungen, rein gewohnheitsmäßig. Gewohnheit ist eine wesentliche Kategorie des alltäglichen Denkens.

"Der Einfluß des Denkens ... entspringt aus der inneren Notwendigkeit, in einem unsteten Wechsel der Sinneswahrnehmungen, Begierden und Gefühle ein Festes zu stabilisieren, das eine stetige und einheitliche Lebensführung möglich macht." 2)
Unkritisch-alltägliche Begriffsbildungen sind auf Generalisierung eingestellt und deshalb nur ungefähre Bezeichnungen. Sie sind bloß so übernommen und nicht reflektierend erarbeitet. Deshalb sind auch die Dinge und das  Ich  so deutlich, so einfach und ohne Fraglichkeit. Das Selbstverständliche pflegt am wenigsten gedacht zu werden. Sobald aber die selbstverständlichen Unterscheidungen des gewöhnlichen Lebens geklärt werden sollen, dann zeigen sich sofort schwere Unklarheiten und Widersprüche; dann sehen wir, daß diese Ansichten unfertig und unzulänglich sind, daß sie erst noch zuende gedacht werden müssen. So, wie wir uns im naiven Bewußtsein die Wirklichkeit denken, ist sie unklar und widerspruchsvoll. Wenn wir der Alltagslogik auf den Grund gehen, treffen wir auf selbstwidersprüchliche Vorstellungen, auf Begriffsbildungen, die eigentlich nach gegensätzlichen Richtungen auseinandergehen und sich dann zwangsläufig als Problem darstellen. 3)

Wer praktisch denkt, kann sich nur ein gewisses Maß an Nachdenklichkeit erlauben. Darüber hinaus wäre er nicht mehr handlungsfähig. Die alltägliche Konversation in Gemeinplätzen sichert darum eine Welt, die stillschweigend für selbstverständlich gehalten wird. Die Typisierungen des Alltagslebens werden als gesellschaftlich bewährt erlebt. Das abstrakt-allgemeine Denken beruhigt und gibt ein Gefühl der  Geborgenheit.  Die Sicherheit des gewöhnlichen Verstandes ist die Sicherheit der Allgemeinheit der Vorstellungen. Allgemeinheit bedeutet Konfliktlosigkeit. Wir glauben, uns am besten zu verstehen, wo wir die allgemeinsten Begriffe gebrauchen. Das Abstrakteste gilt oft als das Gewisseste. Die gewöhnliche Verwendung der Sprache und der Gebrauch der Alltagslogik haben immer die Tendenz, die Wirklichkeit gegen Veränderungen zu immunisieren. In alltäglicher Befangenheit neigen wir dazu, der Wirklichkeit entweder mehr anzudichten, als vorhanden ist, oder aber zu unterschlagen, was uns unangenehm sein könnte. Weltfremde Abstraktionen schieben sich an die Stelle der wirklichen Welt. Die Sprache spricht uns und das Wissen denkt uns. Wir schlafen den "deep slumber of decided opinion". 4)

Gewohnheitsmäßiger Gebrauch der Sprache bringt immer einen inneren Zwang mit sich, der aber meist nicht deutlich erkannt wird. Die Nötigung, die von der allgemeinen Vernunft, bzw. dem  gesunden Menschenverstand  ausgeht ist ebenso repressiv, wie jeder andere Zwang. Der Zweck von Objektivität und objektiver Wirklichkeit ist die  Sicherheit des Gewußten,  die implizit Schlüsse nahelegt, die als objektiv untergeschoben werden können. Alle Objektivität bedeutet Zwang. Die Objektivität der Naturgesetze nötigt zu einer  Natürlichkeit  menschlichen Verhaltens. Recht und Ordnung werden zu natürlichen Gegebenheiten. Ein  Recht ansich  gibt es jedoch genausowenig, wie eine  Ordnung ansich.  Recht und Ordnung sind menschliche Zwecke. Eine Frage menschlicher Zwecksetzung hat nichts mit den Notwendigkeiten des physischen Geschehens gemein.

Jedes Ergebnis menschlicher Zwecksetzung ist für die  soziale  Existenz eines Menschen, d.h. die Beziehungen der Menschen untereinander betreffend, von unbestreitbarer Wichtigkeit, aber wir sollten es endlich aufgeben, gesellschaftliche Ereignisse als gesetzmäßige Kundgebungen eines naturnotwendigen Geschehens zu betrachten. Unsere Anschauungen sind immer Individuell-subjektiv; das Empfindungsgegebene läßt sich nur umdenken in etwas Objektives.
"Hört man aber, mit welcher Ehrfurcht manche Leute von der Regierung sprechen, so könnte man glauben, daß der Kongress die Verkörperung des Gravitationsgesetzes sei, das die Planeten in ihren Bahnen hält." 5)
Abstraktionen können zum Haupthindernis für  vernünftige  Kommunikation werden. Es ist der objektive Gebrauch der Worte, der oft vielfältige Verwirrung stiftet. Gerade die Verallgemeinerung ist es, die uns über die Wirklichkeit täuscht. Das auszeichnende Merkmal allgemeiner Gültigkeit ist eine große Bequemlichkeit, nicht aber ein großer Gehalt an Tatsachen. Wir haben es immer nur mit Bildern von Wirklichkeit zu tun und nie mit der Wirklichkeit selbst. Die konkreten Bedeutungswerte, welche die Begriffe für jeden einzelnen von uns haben, werden gewöhnlich außer acht gelassen. Wir glauben, es mit Sachfragen zu tun zu haben, wo unsere Probleme in Wahrheit terminologischer Natur sind. Als Generalirrtum des Denkens muß deshalb die Verwandlung subjektiver Denkprozesse in objektive Weltvorgänge betrachtet werden. "Aller Schein besteht darin, daß der subjektive Grund des Urteils für objektiv gehalten wird." 6)

Die Objektivität der Tatsachen ist das Prinzip autoritärer Moralvorstellungen. Objektive Sätze beruhen aber nicht auf sicherem Wissen, sondern auf ideologischem Glauben an ihre Wirklichkeit. Das bloß aus Abstraktionen bestehende Wissen ist nur verworrene undeutliche Erkenntnis. Wenn es aber kein allgemeingültiges Wissen gibt, wie kann es da eine allgemeingültige Moral geben? Begrifflich mag ein Tatbestand dem anderen gleichen oder ähneln, in Wirklichkeit aber gibt es keine identischen moralischen Fälle.

Moralische Verallgemeinerungen kennen wir auch unter dem Namen  Vorurteile.  Moralische Kriterien sind immer existenzieller  Natur  und so unvergleichlich wie die Individualität eines Menschen. Die bloße Logik dagegen ist ohne Verallgemeinerung nicht möglich. In der Logik gibt es keine Subjektivität und darum auch keine Moral. In der objektiven Weltbetrachtung sind moralische Entscheidungen nur ein untergeordnetes Anhängsel der Tatsachen. Der  Sachzwang  dominiert die Urteile. Die Normativität der Fakten wird behauptet, um den Objektivierungen die Aura höherer Wirksamkeit zu verleihen. Objektive Tatsachen sind aber nur idealtypische Einkleidungen, das heißt logische Harmonisierungen, mit der Aufgabe,  Sein  und  Sollen  miteinander in Einklang zu bringen. Wertungen und deren Konflikte untereinander werden verborgen, indem so getan wird, als seien Wertungen die logischen Folgerungen aus Tatsachen.

HUME und KANT kommt hauptsächlich das Verdienst zu, die Ethik endgültig von allen Prinzipien der kausal-objektiven Erfahrung frei gemacht zu haben. HUME und KANT machten klar, daß Werturteile nicht aus Erkenntnissen von Tatbeständen abgeleitet werden können. Die empirische Feststellung sagt uns bestenfalls was  ist,  erklärt uns aber kein  warum. 

"Alle Gesetzmäßigkeit gründet sich zuletzt auf die Voraussetzung: gleiche Ursachen, gleiche Wirkungen. Das würde, auf unser Gebiet übertragen, heißen: gleiche Motive führen bei gleichbleibendem Charakter und unter gleichen Umständen zu gleichen Entschlüssen.  Gleiche  Ursachen kehren aber nicht einmal im Naturgeschehen wieder, sondern nur  ähnliche  Ursachen und demgemäß nur ähnliche Wirkungen." 7)
Gesetze überhaupt aufzustellen ist nur deshalb möglich, weil sich bei einer sehr großen Anzahl ähnlicher Fälle die Verschiedenheiten im einzelnen ausgleichen. Über den konkreten Einzelfall jedoch gelingt keine absolut sichere Prognose. Die Kausalität ist eine Brille aus Zeit und Raum, durch die wir nichts anderes als Zeit und Raum sehen. Kausalität ist indifferent gegen Sinnhaftigkeit. Das Anstoßen einer Billiardkugel kann sinnvoll oder sinnlos sein. Kausalität ist ein menschlich-praktisches Prinzip - das geistige Sinnganze kann damit nicht verstanden werden. Der Kausalbegriff ist uns aus dem gewöhnlichen Leben vertraut und erscheint als der einfachste von der Welt. Er ist uns durch tägliche, stündliche Übung so in Fleisch und Blut übergegangen, daß wir ihn fast unbewußt anwenden. Das Kausalgesetz ist aber keine Denknotwendigkeit. Ohne bestimmte Voraussetzungen kann überhaupt nichts gefolgert werden. Alle Ereignisse haben auch immer mehrere Ursachen. Und umgekehrt kann jedes Ereignis als die Ursache mehrerer darauf folgender Ereignisse angesehen werden. Moralische Begriffe sind deshalb nicht rückführbar auf bloß empirische Begriffe.

Der individuelle Entschluß ist nicht aus dem Allgemeinen abzuleiten. Moralische Beurteilungen, d.h. Ansichten, die unsere Lebenseinstellung betreffen, sind nicht aus biologischen oder historischen Behauptungen ableitbar, sondern nur so zu begründen, daß unser Wollen als im Prinzip  frei  anerkannt wird. Weil wir immer etwas bevorzugen, d.h. auswählen müssen, sind wir gezwungen, die Dinge zu beurteilen. Inmitten von allgemeingültigen und sich wiederholenden Fakten kommt für jeden Menschen der Moment der Entscheidung und diese basiert auf der Annahme von Normen. Normen haben jedoch keinerlei allgemeinen, d.h. logischen Wert. Was wir wissen, ist immer ein Bedingtes, d.h. alles Wissen ist relativ bezogen auf besondere Umstände. Das Unbedingte kann nicht nachgewiesen werden.

Das Unbedingte als Grund des moralischen Handelns ist nicht Sache der Erkenntnis, sondern des Glaubens. "Erfahrung lehrt uns wohl, was dasei, aber nicht, daß es gar nicht anders sein könnte." 8) Der Schluß von einer beschreibenden auf eine normative Aussage ist deshalb ein Fehlschluß. Die bloßen Tatsachen geben uns keine Rechtfertigung der Ereignisse. Das Problem der rechten Wahl ist kein Problem der Naturforschung. Der Schluß  allein  von dem, was  ist  oder sein  wird,  unmittelbar auf das, was sein  soll,  d.h. auf das, was durch seinen Wert ausgezeichnet ist - ist unmöglich. Alle Begründungen und Rechtfertigungen werden nicht  fest gestellt, sondern  her gestellt. "Der Verstand schöpft seine Gesetze nicht aus der Natur, sondern schreibt sie dieser vor." 9)

Objektivität heißt kausale Gesetzlichkeit, die unabhängig von konkreten Menschen immer und überall gilt. Wo alles nach dem Gesetz der Natur geschieht, gibt es aber keine Freiheit.  Freiheit  ist ein Zustand, der objektiv gesehen Unbestimmtheit bedeutet. Die Handlungen eines Menschen mögen sein, was sie wollen, sie sind aber auf keinen Fall kausal bestimmt. Handlungen, Erfahrungen und soziale Beziehungen lassen sich niemals vollständig rationalisieren und gerade in diesem irrationalen Bereich der menschlichen Individualtät liegt die Bedeutung der Freiheit. Unsere Individualität und Freiheit ist gekennzeichnet durch einen spezifisch persönlichen Blickwinkel, den wir gewöhnlich als Bewußtsein eines Menschen bezeichnen. Freiheit gibt es nur, weil die Naturgesetze keine Wirklichkeit erklären, sondern nur beschreiben. Denn wenn

"... der durchgängige Zusammenhang aller Erscheinungen in einem Kontext der Natur, ein unnachlaßliches Gesetz ist, dieses alle Freiheit notwendig umstürzen müßte." 10)
Naturgesetze werden vom Verstand geschaffen, die Freiheit als  Wert  von der  Vernunft.  Die  Freiheit  ist, wie jeder Wert weder beweisbar, noch widerlegbar. Deshalb kann es z.B. auch keine objektive Begründung oder Definition von  Destruktivität  oder  Gewalt  als Unwert geben. Gewalt ist, wie die Freiheit eine Verhältnisgröße und ein Wertbegriff.  Freiheit, Gewalt, Herrschaft  etc. sind nicht empirisch beweisbar, sondern subjektive Bedeutungsgrößen. Freiheit heißt  meine  Freiheit und jede Gewalt wird als solche empfunden.  Freiheit  und  Gewalt  oder  Leistung  sind keine objektiven Tatsachen, sondern subjektive Wertvorstellungen von Menschen, die sich allenfalls auf eine gemeinsame Verwendung der Begriffe einigen können oder nicht. Letztlich stiftet aber immer die Subjektivität den Grund.

Das praktische Interesse richtet sich nach der Nützlichkeit. Der Ausdruck  Wert  muß in einem ähnlichen Sinn verstanden werden, wie die Ausdrücke  nützlich  und  zweckmäßig.  Unsere Bedürfnisse können wir im Grunde auch als Zwecke setzen. Zwecke sind die Ziele unseres Wollens. Wodurch ein Gegenstand von Interesse ist, das ist sein Wert. Alle Werturteile sind willensbestimmte Handlungen und mehr oder weniger freie Entscheidungen nach Normen. Werturteile sind Wahlakte. Werte haben kein Sein außerhalb des Bewußtseins eines Menschen. Die Sphäre des Wertvollen ist das  für uns  Geltende. Gewertet wird im konkreten Augenblick. Es gibt keine Nützlichkeit  ansich.  Alle Nützlichkeit ist situationsgebunden. Genauso, wie nichts objektiv nützlich oder zweckmäßig ist, ist auch nichts objektiv wertvoll. Wir müssen uns in jedem Fall fragen: Gut oder schlecht  für wen?  und  in welcher Situation? 

Gut-und-böse sind abhängig von den Beziehungen, in denen wir sie sehen und diese Beziehungen können in vielen verschiedenen Richtungen verlaufen. Alle Verschiedenheit ist die Verschiedenheit der Zusammenhänge. Jede positive oder negative Beurteilung ist abhängig von einem positiven oder negativen Wert, den wir als solchen setzen. Moralische Erwägungen existieren nicht  ansich,  sondern immer nur in Bezug und Relation. Es gibt keine objektiven Grundsätze, die nur zu befolgen wären, um moralisch gehandelt zu haben. Eine Handlung wird nicht gerechtfertigt, indem sich jemand auf eine objektive Ursache bezieht. In der Ethik haben die Kategorien der Erscheinungswelt (Kausalität) deshalb keine Geltung. Jede Bewertung von  gut  und  schlecht  hängt von dem Zweck ab, der erreicht werden soll. Es gibt keinen Zweck ansich und auch kein Mittel ansich.

Zwischen allen Werten müssen wir wählen. Entscheiden heißt immer, den einen Wert dem anderen vorzuziehen.  Ansich  ist jeder Wert bedeutungslos. Moralische Vorstellungen, d.h. Wertvorstellugen, sind das Ergebnis von Entscheidungen und Entscheidungen sind immer persönlicher Natur, d.h. subjektiv. Werte haben keine raum-zeitliche Wirklichkeit. Für einen Wert gibt es keinen anderen Beweis, als unser subjektives Wertbewußtsein.

"Das Problem der Werte ist vor allem und in erster Linie das Problem der Wertkonflikte. Und dieses Problem kann nicht mit den Mitteln rationaler Erkenntnis gelöst werden. Die Antwort auf die sich hier ergebenden Fragen ist stets ein Urteil, das in letzter Linie von emotionalen Faktoren bestimmt wird und deshalb einen höchst subjektiven Charakter hat. Das heißt, daß es gültig ist für das urteilende Subjekt, und in diesem Sinne relativ." 11)
Entscheidend ist immer der Antrieb, den ich durch mein Wertempfinden erfahre. Die innere Sicherheit und Gewißheit des Wertempfindens genügt sich selbst. Eine Abstraktion allein hat nicht diese treibende Kraft. "Der Wert der Werte ruht in ihnen selbst, das will heißen in dem, was sie für den Wertenden tatsächlich bedeuten. 12) Das Gefühl für Prioritäten ist stets eine persönliche Angelegenheit. Ethik sagt darum nicht, was das Gute ist, sondern bestenfalls  wie  wir dazu kommen, etwas als gut zu beurteilen.

Die meisten Bündnisse zwischen Menschen beruhen auf wechselseitigen Bedürfnissen und Wertvorstellungen - aber auch viele Konflikte. Bedürfnisse, Vorlieben, Interessen und Bestrebungen von Menschen sind nicht harmonisch, sondern widersprechen sich häufig. Unsere Bedürfnisse erzeugen Harmonien, aber auch Disharmonien. So verschieden die Menschen sind, so verschieden sind auch ihre Bedürfnisse. Der Konflikt zwischen Bedürfnissen und ihrer Bewertung als gut oder schlecht gehört sozusagen zur Qualität  Mensch.  Der Forderung Enscheidungen zu treffen kann sich niemand entziehen.  Wollen  und  für besser halten  sind nur zwei Ausdrücke für die selbe Sache. Gut und schlecht ergeben sich im Hinblick auf Interessen und bedingen sich gegenseitig. Wir befinden uns in einem ständigen Konflikt zwischen unseren Werturteilen. Moralische Normen entspringen der Notwendigkeit Konflikte zu schlichten, die sich aus unterschiedlichen Beurteilungen ergeben.

Ohne Rangordnung und Dringlichkeitsskala verfolgter Interessen geht es nicht ab. Die inkompatiblen Normen ethischer Systeme ergeben sich aus der Divergenz von Bedürfnissen und der Notwendigkeit die Interessen und Zwecke der einen zu opfern, um die Interessen und Zwecke der anderen zu retten. In ihrer eindringlichsten und unlösbarsten Form bestehen moralische Probleme in dem Konflikt von  richtig und richtig  und  gut und gut.  Die Norm der Gerechtigkeit kann z.B. mit der Norm der Liebe in Konflikt geraten. Das Problem der Wahlfreiheit kommt immer dann in Frage, wo wir zwischen zwei sich widerstreitenden Antrieben eine Willensentscheidung zu treffen haben. Der Konflikt zwischen zwei Pflichten etwa entsteht, weil zwei Normen in derselben Situation Anwendung finden können und es unmöglich ist, ihnen beiden zu folgen. Wenn die  Wahrheit  mit dem  Glauben  oder der  Freiheit  in Konflikt gerät, müssen wir wählen und entscheiden, welches Prinzip gerade hier und jetzt eine Umsetzung verlangt.
LITERATUR - Laurent Verycken, Formen der Wirklichkeit - Auf den Spuren der Abstraktion, Penzberg, 1994
    Anmerkungen
    1) ERICH HOCHSTETTER, Studien zur Metaphysik und Erkenntnislehre Wilhelm von Ockhams, Berlin 1927, Seite 117
    2) WILHELM DILTHEY in RAINER WIEHL (Hrsg), Geschichte der Philosophie, Bd.8, Stuttgart 1981, Seite 195
    3) VIKTOR KRAFT, Weltbegriff und Erkenntnisbegriff, Leipzig 1912, Seite 25f
    4) "der tiefe Schlaf festgelegter Meinung", JOHN STUART MILL in ALEXANDER HERZEN, Die gescheiterte Revolution, Frankfurt 1977, Seite 197
    5) WILLIAM PHILIPPS in RUDOLF ROCKER, Nationalismus und Kultur, Bd.1, o.J., Seite 191
    6) IMMANUEL KANT, Prolegomena zu einer Metaphysik der Sitten, o.J., § 40
    7) ROBERT REININGER, Wertphilosophie und Ethik, Wien/Leipzig 1939, Seite 156
    8) IMMANUEL KANT, Kritik der reinen Vernunft, Stuttgart 1966, Seite 750
    9) IMMANUEL KANT ohne Quelle
    10) IMMANUEL KANT, Kritik der reinen Vernunft, Stuttgart 1966, Seite 578
    11) HANS KELSEN, Was ist Gerechtigkeit?, Wien 1975, Seite 6
    12) ROBERT REININGER, Wertphilosophie und Ethik, Wien/Leipzig 1939, Seite 56