ra-4Geschmeidige GeisterDie Gleichheit von Mann und Frau
 Die Russen und der Westen
ALEXANDER HERZEN

  Die in sich geschlossene und vollendete Persönlichkeit des westlichen Menschen, die anfangs durch ihr großes Können auf einem bestimmten Gebiet in Erstaunen setzt, frappiert uns nachher durch ihre Einseitigkeit. Er ist immer zufrieden mit sich, seine  sufficance [Selbstgefälligkeit - wp] aber beleidigt uns. Er vergißt niemals seine persönlichen Belange, seine Situation ist im allgemeinen beengt, und seine Sitten entsprechen einem kläglichen Milieu.

Ich glaube nicht, daß die Menschen hier immer so gewesen sind; der westliche Mensch befindet sich nicht in seinem Normalzustand - er ist in der Mauserung. Die fehlgeschlagenen Revolutionen haben sich nach innen gewendet, keine einzige hat ihn verändert, jede hat eine Spur hinterlassen und seine Begriffe umgeworfen, die Woge der Geschichte aber hat in natürlicher Folgerichtigkeit auf die Hauptbühne die schlammige Schicht der Spießbürger hochgespült, die sich über die fossile Klasse der Aristokraten gelegt und die aufkeimenden Saaten des Volkes überschwemmt hat. Das Spießbürgertum ist mit unserem Charakter unvereinbar - und Gott sei Dank!

Ob es nun von unserer Undiszipliniertheit kommt, vom Mangel an moralischer Festigkeit und dem Fehlen einer bestimmten Tätigkeit, von unserer Unreife auf dem Gebiet der Bildung, dem Aristokratismus unserer Erziehung, jedenfalls sind wir im Leben einerseits mehr Künstler als die Menschen des Westens, andererseits auch viel einfacher als sie: wir verfügen zwar nicht über ihr Spezialkönnen, dafür sind wir vielseitiger als sie. Hochentwickelte Persönlichkeiten trifft man bei uns selten an; wenn man sie aber trifft, so sind sie üppig und in die Breite gewachsen, ohne Spaliere und Zäune. Ganz anders als im Westen.

Im Gespräch mit den allersympathischsten Leuten kann man gerade hier zu solch unterschiedlichen Ansichten kommen, daß es nichts Gemeinsames mehr gibt und ein Überzeugen unmöglich ist. Und bei solchem eigensinnigen Widerstand und unbeabsichtigen Unverständnis stößt man eben mit dem Kopf gegen die Grenzen einer Welt, die fertig dasteht.

Ganz im Gegensatz dazu gaben unsere theoretischen Meinungsverschiedenheiten den Gesprächen einen lebendigen Reiz für die Beteiligten und weckten das Bedürfnis nach einem wirksamen Austausch der Gedanken; sie hielten den Geist frisch und brachten uns voran; indem wir uns aneinander rieben, entwickelten wir uns und waren dank jener  composite [Geschlossenheit - wp] einer Genossenschaft, die PROUDHON so ausgezeichnet in der mechanischen Arbeit nachgewiesen hat, in Wirklichkeit doch stärker.

Voller Liebe verweile ich bei dieser Zeit der freundschaftlichen Zusammenarbeit, in der die Pulse stärker und höher schlugen, jener Zeit der Übereinstimmung und des mannhaften Kampfes, bei diesen Jahren, in denen wir zum letztenmal jung waren!

Unser kleiner Kreis versammelte sich oft, bald bei dem einen, bald bei dem andern, am häufigsten bei mir. Unter Plaudern und Scherzen, beim Abendessen und beim Wein vollzog sich ein äußerst tätiger und rascher Austausch von Gedanken, Neuigkeiten und Kenntnissen; jeder gab weiter, was er gelesen und erfahren hatte, Diskussionen verallgemeinerten die Ansichten und das von jedem Einzelnen Erarbeitete wurde zum Gemeingut aller. Auf keinem Gebiet des Wissens, in keinem Zweig der Literatur und der Kunst gab es eine bedeutende Erscheinung, die nicht einem von uns in die Hände gefallen oder vor Augen gekommen und nicht sogleich allen mitgeteilt worden wäre.

Und dieser Charakter unserer Zusammenkünfte war es, den stumpfsinnige Pedanten und schwerfällige Scholaren nicht verstanden haben. Sie sahen das Fleisch und die Flaschen, und weiter haben sie nichts gesehen. Ein guter Schmaus gehört zum vollen Leben. Enthaltsame Leute sind gewöhnlich kalte, egoistische Menschen. Wir waren keine Mönche, wir lebten uns nach allen Seiten aus, und wenn wir bei Tisch saßen, kamen wir in unserer Entwicklung besser voran und taten selbst nicht weniger als diese scheinheiligen Arbeitssklaven, die auf dem Hinterhof der Wissenschaft herumwühlen.

Weder auf euch, meine Freunde, noch auf jene lichte, schöne Zeit lasse ich etwas kommen; ich gedenke ihrer mit mehr als nur Liebe - beinahe mit Neid. Wir hatten keine Ähnlichkeit mit den ausgemergelten Mönchen von ZURBARAN [spanischer Maler - wp], wir weinten nicht über die Sünden dieser Welt - wir hatten nur Mitgefühl für ihre Leiden und waren mit einem Lächeln bereit, unser Los zu tragen, ohne uns im Vorgefühl eines künftigen Opfers das Herz schwer zu machen. Die ewig verdrießlichen Faster sind mir immer verdächtig; wenn sie sich nicht verstellen, dann ist entweder ihr Geist oder ihr Magen in Unordnung.


LITERATUR, Alexander Herzen, Mein Leben, Bd. 1, Berlin 1962