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Zum Problem der Neutralität
der Moralphilosophie

Hans Albert

Es ist nun Zeit, zu der oben erwähnten These zurückzukehren, daß die Moralphilosophie als Meta-Ethik  neutral  ist in Bezug auf ethische Systeme, da sie lediglich die Aufgabe hat, die Sprache der Moral zu  klären,  also den Sinn ethischer Aussagen zu untersuchen. Die Philosophie ist ja nach analytischer Auffassung gewissermaßen ein Unternehmen zweiter Ordnung, eine Disziplin, die sich nur mit der Klärung irgendwelcher Aussagen erster Ordnung befaßt, wobei sie diese als gegeben voraussetzt und nur ihre logische Grammatik zu beschreiben oder zu präzisieren sucht. Im Extremfall wird unter dem Einfluß des späteren WITTGENSTEIN die Auffassung vertreten, daß die Probleme der Philosophie keine echten Probleme sind, sondern eher Rätsel, die aus dem Mißverständnis der logischen Grammatik unserer Sprache entstehen, die aber verschwinden, sobald man das Funktionieren der Sprache durchschaut: Sie werden gewissermaßen nicht gelöst, sondern sie lösen sich auf. Diese Auffassung ist von der positivistischen These her verständlich, daß es nur zwei Arten sinnvoller Aussagen gibt, nämlich empirische und analytische, und daß alle empirischen Aussagen in den Bereich der Wissenschaft gehören, so daß für die Philosophie nur noch Probleme der Analyse übrigbleiben, die sich auf den Sprachgebrauch beziehen, also nicht inhaltlichen, sondern nur formalen Charakter haben (1). Derartige Probleme sind aber von inhaltlichen Problemen vollkommen lösbar und ohne deren Kenntnis isoliert zu behandeln. Ihre Analyse hat keinen Einfluß auf die Behandlung inhaltlicher Probleme. Der Philosoph untersucht jeweils, welches "Sprachspiel" gespielt wird, und bemüht sich, die Regeln herauszufinden, denen die Teilnehmer dieses Spiels, handelt es sich nun um Wissenschaftler, Moralisten oder Theologen, folgen, um das Funktionieren der Sprache zu durchschauen. Eine Beurteilung dieses Sprachspiels steht nicht zur Diskussion, da die Philosophie ausschließlich analytisch und daher neutral ist.

Diese philosophische Konzeption gibt nun sicher keineswegs das wieder, was traditionellerweise als die Aufgabe der Philosophie verstanden zu werden pflegt. In den meisten Fällen haben die Philosophen Klärungen des Sprachgebrauchs bestenfalls als eine Vorarbeit für ihre eigentliche Tätigkeit angesehen. Außerdem hat die traditionelle Philosophie sicher eine viel größere bedeutung für die historische Entwicklung gehabt, als von einer solchen Konzeption her verständlich wäre. Aber die Vertreter der analytischen Philosophie behaupten auch gar nicht, daß ihr philosophisches Programm sich vollkommen mit dem traditioneller Philosophen deckt. Soweit das nicht der Fall ist, behaupten sie nur, daß diese Denker sich nicht nur philosophisch, sondern darüber hinaus als Wissenschaftler, Moralisten, als Theologen usw. betätigt haben. Keine dieser Tätigkeiten wird von ihnen als illegitim angesehen. Ihre lingustische These ist in dieser Beziehung neutral. Nur in Bezug auf die Metaphysik scheint vielfach eine Ausnahme gemacht zu werden, die auf die positivistische Abstammung der Analytiker zurückgeht. Das analytische Programm scheint einfach deshalb unangreifbar zu sein, weil es letzten Endes auf einen  Entschluß  hinausläuft, eine bestimmte Tätigkeit unter dem Namen  Philosophie  auszuüben, gleichgültig, ob sie der traditionellen Auffassung mehr oder weniger nahe kommt. (2)

Man muß sich aber darüber klar sein, daß die strikte Einhaltung des lingustischen Programms keineswegs geeignet ist, der Philosophie einen autonomen Bereich zu erhalten, in dem sie gegen alle Einflüsse von anderen Disziplinen abgeschirmt ist und selbst nicht in deren Probleme verwickelt wird. Die Analyse des Alltagsgebrauchs ist nämlich eine Tätigkeit, die letzten Endes in den Bereich der Sprachwissenschaft gehört und zunächst keine in irgendeinem Sinn größere philosophische Bedeutung besitzt als andere wissenschaftlichen Untersuchungen, es sei denn, man nehme die analytische Abgrenzung ohne Diskussion als Dogma an. Es handelt sich tatsächlich um empirische Untersuchungen, die der Analytiker eventuell mit den Methoden des Amateurs durchführt. Möglicherweise gerät man außerdem noch bei solchen Untersuchungen in den Bereich anderer Wissenschaften hinein, wie z. B. bei der Analyse des moralischen Sprachgebrauchs in den der Moralpsychologie und Moralsoziologie, aber es ist äußerst schwierig zu erkennen, inwiefern dadurch jene Autonomie erreicht werden kann, die das linguistische Programm unterstellt. Die Philosophie scheint sich in empirische Wissenschaft auflösen zu müssen. Das wäre jedenfalls eine seltsame Folge ihrer "Reinigung" von allen fremden Bestandteilen, die sie bisher mitenthalten hatte. Ist das wirklich eine notwendige Konsequenz der Auffassung der Philosophie als eines Phänomens zweiter Ordnung, einer Meta-Disziplin? Oder ist es nicht vielmehr die Folge einer Überspitzung der Neutralitätsthese? Mir scheint eher die zweite Auffassung zuzutreffen.


LITERATUR, Hans Albert - Ethik und Metaethik, in Albert/Topitsch, Werturteilsstreit, Darmstadt 1971
    Anmerkungen
    1) Für eine klare, wenn auch polemische, Darstellung und Kritik dieses Standpunkte, der vor allem bei den Oxford-Analytikern zu finden ist, siehe vor allem ERNEST GELLNER, Words and Things. A Critical Account of Linguistic Philosophy and a Study in Ideology, London 1959, bes. Seite 150f
    2) Diese Darstellung paßt vor allem auf die Extrem-Form der analytischen Philosophie, die Analyse der Alltagssprache im Oxford-Stil, auf andere Versionen nur, soweit sie sich dem Oxford-Programm nähern. Wenn man die bedeutenden modernen Untersuchungen zu Grundlagenfragen aller Art, in denen mit den Methoden der logischen Analyse operiert wird, schon deshalb zur analytischen Philosophie rechnet, wie das vielfach mit einem gewissen Recht geschieht, dann kann vieles, was gegen das Oxford-Programm eingewendet werden kann, naturgemäß nicht ohne weiteres gegen alle Vertreter der analytischen Philosophie verwendet werden.