ra-4Logik des AlltagsNaiver Realismus
Soziale Umwelt
Ludwig Gumplowicz

  Der größte Irrtum der individualistischen Psychologie ist die Annahme:  der Mensch  denkt. Aus diesem Irrtum ergibt sich dann das ewige Suchen der  Quelle  des Denkens  im  Individuum, und der Ursachen, warum es so und nicht anders denkt, woran dann die Theologen und Philosophen Betrachtungen darüber knüpfen oder gar Ratschläge erteilen,  wie  der Mensch denken soll. Es ist das eine Kette von  Irrtümern.  Denn erstens, was im Menschen denkt, das ist gar nicht  er  - sondern eine soziale Gemeinschaft, die Quelle seines Denkens liegt gar nicht in ihm, sondern in der sozialen Umwelt, in der er lebt, in der sozialen Atmosphäre, in der er atmet,  und er kann nicht anders denken  als so, wie es sich aus den in seinem Hirn sich konzentrierenden Einflüssen der ihn umgebenden sozialen Umwelt mit Notwendigkeit ergibt. In der Mechanik und Optik kennen wir das Gesetz, wonach wir aus der Beschaffenheit des Einfallswinkels diejenige des Ausfallswinkels berechnen. Auf geistigem Gebiet existiert ein ähnliches Gesetz, nur können wir es nicht so genau beobachten. Aber jedem Einfallswinkel eines geistigen Strahls in unser Inneres entspricht genau ein gewisser Ausfallswinkel unserer Anschauung, unseres Gedankens, und diese unsere Anschauungen und Gedanken sind nur das notwendige Resultat der auf uns seit Kindheit eindringenden Einflüsse. Dabei spielt das Individuum nur die Rolle des Prismas, das die Strahlen von außen empfängt und nachdem es dieselben nach festen Grenzen gebrochen hat, wieder in einer bestimmten Richtung und in bestimmter Farbe durchläßt.

Allerdings ist auch bisher in Psychologien und Philosophien immer von Einflüssen der Umgebung auf die geistige Bildung des Menschen gesprochen; doch sind diese Einflüsse immer nur als ein sekundäres Moment aufgefaßt worden. Die Sache verhält sich aber gerade umgekehrt. Die soziale Umwelt, in der das Individuum aufwächst, in der es atmet, lebt und webt, ist der feste Untergrund; zu diesem, es umgebenden Element verhält sich das Individuum von der Kindheit bis in sein reifstes Alter mehr oder weniger rezeptiv - und nur dem seltensten Kopf gelingt es, sich im reifen Alter von dieser sozialen Umwelt soweit zu emanzipieren, daß er nun selbständig weiterdenken kann;  ganz  aber kann sich schon deshalb niemand davon emanzipieren, da eben mittlerweile alle seine Gedankenformen, alle  Organe  seines Denkens, alle  Mittel  seiner weiteren Gedankenbildung von dieser Umwelt  gebildet  oder doch durch und durch infiziert worden sind. Wenn man also auch annimmt, daß das Rezeptionsalter beim ganz ausgereiften und selbständig denkenden Menschen einmal aufhört, so ist es doch noch sehr fraglich, ob auch der hervorragendste und originellste  Philosoph  sich so weit von seinem mütterlichen Gedankenboden entfernen kann, daß er sich auch von den ihm anerzogenen Denkformen und Organen völlig loszulösen und an deren Stelle sich eigene selbständig zu schaffen imstande ist.

Überblicken wir nur das Leben des gewöhnlichen Menschen, des "Durchschnittsmenschen", mit Bezug auf seine geistige Beschaffenheit! Dem Kind werden seine ersten Anschauungen von seiner ersten Umgebung eingeimpft. Schon die  Handlungsweise  seiner Pfleger und Pflegerinnen bildet in ihm die ersten sittlichen Begriffe und Anschauungen. Und nun die ersten  Lehren,  die ihm beigebracht werden! Lob und Tadel, Lohn und Strafe, Hoffnungen, die in ihm angeregt, Furcht und Schrecken, die ihm eingejagt werden, all das sind  Bestandteile,  aus denen seine ersten Anschauungen, sein  Geist  gebildet wird. Ehe man es sich versieht, steht der kleine Weltbürger da als treuer Abklatsch der geistigen Beschaffenheit seiner "Familie", das Wort im weitesten römischen Sinn gebraucht. Die Form seines kindlichen Geistes entspricht genau dem vielseitigen Modell, in das er gegossen wurde, trägt ganz das Gepräge, das ihm von allen Seiten aufgedrückt wurde.

So ausgestattet tritt das junge Individuum der "Welt" in der Gestalt eines Rudels Gespielen und Genossen, meist aus homogenen Modellen hervorgegangenen Gebilden, entgegen. Ihre Anschauungen sind im großen Und Ganzen dieselben. Man impfte ihnen die gleichartige Bewunderung für gewisse Klassen von Dingen und Personen ein, gegen andere Dinge und Personen erfüllte man sie unwillkürlich mit demselben Haß und Abscheu, von dem man selbst beseelt war; ja bis auf den  Geschmackssinn an Speise und Trank  haben sie alle eine gleiche Richtung und Abrichtung empfangen - lauter Uhrwerke, die so gehen, wie man sie gerichtet und aufgezogen hat.  Wer  ist es nun, der hier  denkt, fühlt, schmeckt -  ist es das Individuum? Nein! Es ist die soziale Gruppe; es sind  ihre  Gedanken,  ihre  Gefühle,  ihr  Geschmack,  ihre  Anschauungen, also auch ihre Absichten und Zwecke,  ihre  Ziele und ihre Handlungen, deren neue Keime sich hier entwickeln; wie die Alten sungen, so zwitschern die Jungen.

Und kann man sich einen Begriff machen, was sich alles hier im Geist dieses neuen Individuums zusammengefunden, was sich alles hier als Niederschlag des geistigen Lebens  längst vergangener Generationen  im Hirn eines Individuums kondensiert hat? Jahrtausendealte Erfahrungen, die sich längst in fertigen Anschauungen und Vorstellungen auf Generationenreihen vererbten; vorhistorische und historische Schicksale mit ihren geistigen Resultaten in Charakter und Neigungen, mit ihren Gedankenformen und Denkungsarten, jahrtausendealte Sympathien, Vorurteile und Eingenommenheiten, all das sitzt tief im Geist des "freien" Individuums, konzentriert sich in ihm wie Millionen Strahlen in einem Brennpunkt, all das lebt in ihm als Gedanke, von dem der große Haufen wähnt, das Individuum  denkt  ihn in seiner Freiheit; all das lebt in seinem Gemüt als  Gefühl,  von dem der große Haufen wähnt, das Individuum hege es, mit Recht oder Unrecht, als sein Verdienst oder seine Schuld.

Die allergrößte Mehrheit der Menschen kommt über diese Bildung des Geistes im strengsten Sinne des Wortes gar nicht hinaus, denn diese schaffenden, bildenden Eindrücke der Kindheit und Jugend sind für sie maßgebend für das ganze Leben. Nur eine verschwindende Minderheit setzt die "Bildung" des Geistes - im gebräuchlicheren, weiteren Sinne des Wortes - noch fort, indem sie geistige Eindrücke und Einflüsse von auswärts und außerhalb ihrer sozialen Gruppe aufnimmt, wenn sie dazu die Gelegenheit hat. Wie sehr aber werden die Wirksamkeit und der Erfolg dieser "geistigen Bildung" durch die Kulturschätze der Nationen, klassisches Altertum und dergleichen überschätzt! Wie blutwenig verschlägt all diese "Bildung" gegenüber jener  angeborenen  und  anerzogenen,  in welcher sich der Geist der sozialen Gruppe manifestiert!

Man betrachte diese Verhältnisse vorurteilslos, und man wird sich überzeugen, daß all diese "Bildung", zumal unserer Schulen, kaum imstande ist, jene jedem Individuum zuteil gewordene geistige Erbschaft zu übertünchen, in die Tiefe der Seele dringt von all dieser späteren Bildung, wofür nicht die günstige Disposition von vornherein gegeben ist, nichts hinein.


LITERATUR, Ludwig Gumplowicz, Grundriß der Soziologie, Wien 1905