ra-4
Geistige Bedeutung
Gustav Gerber

 
Das Entstehen der geistigen Bedeutung eines Wortes neben der sinnlichen wird klar, wenn wir uns erinnern, daß es überhaupt ein Ding da draußen, dessen Wahrnehmung wir empfinden, gar nicht bezeichnet, sondern eben nur die Art der inneren Erregung zum Ausdruck bringt, welche von jener Empfindung erweckt wird. Hebt sich also ein Wahrgenommenes als Vorstellung in die Form des Bewußtseins, z. B. daß jemand einen bis dahin hinter ihm befindlichen Gegenstand  vorstellt,  so geben wir, indem wir dies aussprechen, von einem  Seelenakt  Kunde, verkörpern wir einen  geistigen Vorgang  in einem Lautgebilde. Es verschwindet dieses Gebilde, sobald es verklang, aber innerlich wie äußerlich tritt es wieder hervor beim Hörenden, sobald ein Mund es wieder ausspricht. Wie nun aber ist jenes Innerliche beschaffen, welches der Laut als seine  Bedeutung  in uns wach ruft? Nun, es ist schon  gesagt,  wie es beschaffen ist, mit jenem Wort, durch welches es sich verkörperte. Der Seelenakt stellt vor ein "Vorstellen". - Mit dem Ort da draußen, welcher die Empfindung veranlaßte zu jener innerlichen Erregung, steht das von uns geschaffene Wort in keiner weiteren Verbindung, als in der, welche wir ihm geben, wenn wir es weiter für unsere Zwecke  verwenden. 

LITERATUR, Gustav Gerber, Die Sprache und das Erkennen, Berlin 1884