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Der Philosoph
JOHANN GOTTLIEB FICHTE

  Der Philosoph bedarf nicht bloß des Wahrheitssinn, sondern auch der Wahrheitsliebe. Ich rede nicht davon, daß er nicht durch feine Sophistikationen, deren er sich selbst wohl bewußt ist, von denen er aber etwa glaubt, daß sie keiner seiner Zeitgenossen entdecken werde, die schon vorausgesetzten Resultate zu behaupten suchen solle; dann weiß er selbst, daß er die Wahrheit nicht liebt. Doch ist hierüber jeder sein eigener Richter, und kein Mensch hat ein Recht, einen anderen Menschen dieser Unlauterkeit zu bezichtigen, wo die Anzeigen nicht ganz offen da liegen. Aber auch gegen die unwillkürlichen Sophistikationen, denen kein Forscher mehr ausgesetzt ist, als der Erforscher des menschlichen Geistes, muß er auf seiner Hut sein: er muß es nicht nur dunkel fühlen, sondern es zum klaren Bewußtsein und zu seiner höchsten Maxime erheben, daß er nur Wahrheit suche, wie sie auch ausfalle und daß selbst die Wahrheit, daß es überall keine Wahrheit gebe, ihm willkommen sein würde, wenn sie nur Wahrheit wäre. Kein Satz, so trocken und so spitzfindig er aussehe, muß ihm gleichgültig - alle müssen ihm gleich heilig sein, weil sie in das eine System der Wahrheit gehören, und jeder alle unterstützt. Er muß nie fragen: was wird hieraus folgen? sondern seines Weges gerade fortgehen, was auch immer folgen möge. Er muß keine Mühe scheuen, und sich dennoch beständig in der Fähigkeit erhalten die mühsamsten und tiefsinnigsten Arbeiten aufzugeben, sobald ihm die Grundlosigkeit derselben entweder gezeigt wird, oder er sie selbst entdeckt. Und wenn er sich dann auch verrechnet hätte, was wäre es mehr? was träfe ihn weiter, als das bis jetzt allen Denkern gemeinschaftliche Los?

LITERATUR, Johann Gottlieb Fichte, Über den Begriff der Wissenschaftslehre, Jena und Leipzig 1794