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KURD LASSWITZ
Die Idee der Zweckmäßigkeit

"Wenn die Landschaft, die Handlung, der Charakter so  vorgestellt  werden, wie sie sein sollen, so entsteht dadurch freilich keine Wirklichkeit in der Natur oder der Moral; aber es entsteht das  Gefühl  einer solchen Wirklichkeit. Die Natur wird als schön gefühlt, wenn sie vorgestellt wird, wie sie sein soll; die sittliche Handlung wird als schön gefühlt, wenn sie als wirklich vollzogen vorgestellt wird. Diese neue Realität des ästhetischen Gefühls baut eine neue, eigene Welt auf neben der Natur und der Sittlichkeit, das ist die Kunst. Und eben hierdurch, indem es ästhetisch wird, erlangt das subjektive Gefühl seine objektive Bedeutung."

"Das Gesetz, unter welchem das Reich der Natur und das Reich der Moral sich im lebendigen Gefühl der Menschheit zu einer neuen Realität, der Realität des Schönen vereinigen, kann man die Idee der  Zweckmäßigkeit  nennen. Nicht ein  wirklicher  Zweck, sondern nur die  Vorstellung  des Zweckmäßigen soll im künstlerischen Schaffen erreicht und im Gefühl erlebt werden. Unter dieser Idee erweist sich die Kunst ebenfalls als ein Mittel, eine Übereinstimmung unter Subjekten hervorzubringen, nämlich die Übereinstimmung im Gefühl."

"Meint man, daß zielstrebende Kräfte etwas anderes bedeuten als das Gesetz einer Veränderung überhaupt, so läßt man sich durch den Namen irreführen. Man dehnt dann den Begriff des Zwecks willkürlich auf ein Gebiet aus, mit dem er nichts zu tun hat. Denn Zwecke bestehen nur für bewußte Wesen. Gewiß hat die Natur einen Zweck, aber nicht in sich selbst, sondern immer nur als Mittel für eine Persönlichkeit. Die Zwecke liegen nicht  in  der Natur, sondern  über  der Natur."

Die Vorstellung eines notwendigen Geschehens, wie es in der Natur stattfindet, ist unserem Zeitalter so vertraut, daß die Naturgesetzlichkeit sogar vielfach für die einzige Realität gehalten wird, die es gibt. Wenn wir daher versuchen auseinanderzusetzen, welche eigentümliche Art des Seins demjenigen zukommt, was der Philosoph "Idee" nennt, so mußte dies stets im Vergleich zum Naturgeschehen stattfinden. Als charakteristisches Beispiel für die Idee eignete sich hier am besten die Idee der Freiheit; ist doch einem jeden aus dem Gefühl der Willensfreiheit der Gegensatz bekannt, in dem dieses Gefühl mit der Überlegung des Verstandes steht, wonach jeder Naturvorgang notwendig bedingt ist. Hier durften wir daher bei der Schwierigkeit des Stoffes am ehesten hoffen, den Leser für die Einsicht zu gewinnen, daß es sich bei jenem Gegensatz nicht um einen Widerspruch handelt, sondern um zwei verschiedene, durch die Einheit der Persönlichkeit miteinander verknüpfte Welten, die theoretische und die ethische. Die Freiheit bildet keine Grenze, an der die Naturerkenntnis irgendwo Halt machen müßte, sondern eine Forderung, die nicht an die Natur, sondern an uns gestellt wird, um uns von der Natur zu unterscheiden, um in der Welt der Werte die Idee des Guten zu verwirklichen.

Diesem Gegensatz von Denken und Wollen entspringt eine neue Forderung, deren Grundsatz sich als die Idee der  Zweckmäßigkeit  bezeichnen läßt. Das Wirkliche soll gut sein, aber es ist nicht immer gut; das Gute soll wirklich sein, aber es bleibt meist ein frommer Wunsch. Ist eine wirkliche Einrichtung, ein Vorgang, eine Handlung so beschaffen, daß´sie der Idee des Guten entspricht, so nennen wir sie zweckmäßig. Insofern bezieht sich das Zweckmäßige auf die praktische Lebensgestaltung überhaupt.

Da wir aber nicht bloß denkende und wollende, sondern vor allem fühlende Wesen sind, so erleben wir das Wirkliche und das Gute stets zugleich als Zustände der Lust und Unlust. Aus dieser Mannigfaltigkeit der Gefühle, die ja alles Leben begleitet, läßt sich unter der Idee der Zweckmäßigkeit eine besondere Art von Gefühlen absondern: die ästhetischen Gefühle. Wie weit auch das Seiende und das Seinsollende in der Erfahrung auseinanderfallen, in Beug auf ihren Gefühlsanteil lassen sie doch eine Vereinigung zu. Und an die Vorstellung dieser Vereinigung knüpfen sich dann Gefühle, in denen die Menschen, wiewohl das Gefühl eigenstes Besitztum des Einzelnen bleibt, trotzdem zu einer Übereinstimmung gelangen. Hierdurch entsteht ein neues Realitätsgebiet, das der Kunst. Insofern Natur und Sittlichkeit als Objekte des Gefühls auftreten, werden sie Stoff für die Kunst.

Hier ist irgendeine wirkliche Tatsache, eine Landschaft, eine menschliche Handlung, ein Charakter. Am gegebenen Naturzustand können wir nichts ändern. Unter der Idee der Freiheit sagen wir zwar, daß dieses oder jenes anders sein sollte, wir können diesen Anspruch des Willens jedoch nicht vollziehen; das, was sein soll, vermögen wir in der überwiegenden Zahl der Fälle nicht wirklich zu machen, das Wirkliche nicht, wie es sein soll. Die Kunst aber überbrückt diese Kluft mit Hilfe des Gefühls. Zwar kann sie an der Natur nichts ändern und am Sittengesetz auch nichts, aber sie kann beide in der Vorstellung zu einer Einheit verbinden, und hierdurch wird ein neues Gefühl erzeugt, das Gefühl des Schönen. Wenn die Landschaft, die Handlung, der Charakter so vorgestellt werden, wie sie sein sollen, so entsteht dadurch freilich keine Wirklichkeit in der Natur oder der Moral; aber es entsteht das Gefühl einer solchen Wirklichkeit. Die Natur wird als schön gefühlt, wenn sie vorgestellt wird, wie sie sein soll; die sittliche Handlung wird als schön gefühlt, wenn sie als wirklich vollzogen vorgestellt wird. Diese neue Realität des ästhetischen Gefühls baut eine neue, eigene Welt auf neben der Natur und der Sittlichkeit, das ist die Kunst; neben dem Guten entsteht das Reich des Schönen. Das Gefühl, mit dem wir eine tapfere Tat, ein treffliches Mahl oder dergleichen selbst erleben, ist nicht ästhetisch; das eigentümliche, selbstlose Gefallen, das als ästhetisch bezeichnet wird, tritt erst dann auf, wenn der Gegenstand des Gefallens das Gefühl nicht direkt, sondern durch die Vorstellung davon erregt.

Und eben hierdurch, indem es ästhetisch wird, erlangt das subjektive Gefühl seine objektive Bedeutung. Nur dann ist unser Urteil ein rein ästhetisches, wenn die Allgemeingültigkeit des Gefühls nicht etwa durch ein Interesse bedingt wird, das sich auf einen zu erreichenden natürlichen oder sittlichen Zweck richtet; in diesem Fall hätten wir es mit den Anwendungen der Naturerkenntnis oder der Praxis des sittlichen Lebens zu tun. Für die Kunst darf vielmehr lediglich das Gefühl in Betracht kommen, welches die Vorstellungen von den zu erreichenden Zwecken hervorrufen, und im freien Spiel der Vorstellungen von Zwecken lösen sich die unnahbaren Gewalten des Naturgesetzes und des Sittengesetzes zur Harmonie des Schönen auf. Das Gesetz, unter welchem das Reich der Natur und das Reich der Moral sich im lebendigen Gefühl der Menschheit zu einer neuen Realität, der Realität des Schönen vereinigen, kann man die Idee der Zweckmäßigkeit nennen. Nicht ein wirklicher Zweck, sondern nur die Vorstellung des Zweckmäßigen soll im künstlerischen Schaffen erreicht und im Gefühl erlebt werden. Unter dieser Idee erweist sich die Kunst ebenfalls als ein Mittel, eine Übereinstimmung unter Subjekten hervorzubringen, nämlich die Übereinstimmung im Gefühl. Erkenntnis und Wille werden nicht aufgehoben, sondern verbunden im Gefühl; so zerstört die künstlerische Gestaltung weder die Notwendigkeit der Natur noch die Freiheit des sittliche Handelns sondern sie vereinigt sie als Gefühl zu einem allgemeinen Menschheitsbewußtsein, zu einer Harmonie der Gefühle. In diesem Sinn kann man von einer ästhetischen Weltanschauung sprechen, welche dem Wissen wie dem Sollen ihr Recht läßt.

Von der Gestaltung des Gefühls begreift man, daß sie sich nur im Subjekt vollziehen kann. Wenn man nun bedenkt, daß es Ordnungen gibt, nach welchen sich Gefühle übereinstimmend in den Subjekten gestalten, und daß uns die Werke der Künstler solche Ordnungen in der Erfahrung aufweisen, so leuchtet es wohl auch ein, daß es überhaupt objektive Gesetze gibt, die doch nur in und an den Subjekten Wirklichkeit gewinnen. Denn was bedeutet die objektive Schönheit einer BEETHOVEN-Symphonie für eine Welt von Tauben, oder RAFFAELs Gemälde für eine Welt von Blinden? Wie sich hier die Schönheit nur vollzieht im Gefühl sinnlich wahrnehmender Wesen, so vollzieht sich auch die Natur nur in der Erkenntnis denkender, das Sittengesetz im Willen sich selbst bestimmender Wesen. Und nun ist es kein Widerspruch mehr, daß sich die Kultur im Reich der theoretischen Erkenntnis unter einem anderem Grundgesetz aufbaut, als im Reich des Willens oder des Gefüls. Die Sterne, die am Himmel leuchten, sind für die Erkenntnis eine Naturnotwendigkeit; wenn aber das Erlebnis, daß wir den Sternenhimmel erblicken, in Bezug auf das damit verbundene Gefühl realisiert wird, so daß ein Produkt entsteht, welches dieses Gefühl in jedem Menschen wieder erweckt, z. B. ein Gedicht, so haben wir unbeschadet des astronomischen Sternenhimmels eine ästhetische Einheit, ein Objekt der Kunst. Es ist nun hier nicht die Absicht, weiter auszuführen, wie sich das Gebiet der Kunst auf der Idee der Zweckmäßigkeit in ähnlicher Weise aufbaut, wie das Reich der Sittlichkeit auf der Idee der Freiheit. Nur in Bezug auf die  Natur  soll kurz erläutert werden, wie die Idee der Zweckmäßigkeit  nicht  verstanden werden darf. Denn ähnlich, wie man die Naturerkenntnis durch die Idee der Freiheit stören und beschränkten wollte, hat man auch in ausgedehntester Weise in der Natur von der Idee der Zweckmäßigkeit irreführend Gebrauch gemacht.

Es unterliegt keinem Zweifel, daß man, wie alle Vorgänge, so auch die Erscheinungen der Natur und ihr überraschendes Ineinandergreifen der Natur unter dem Gesichtspunkt des Zweckes betrachten kann. Wenn man Ernährung und Wachstum einer Pflanze oder die Verpuppung einer Raupe oder die Tätigkeit irgendeines unserer Organe beobachtet, so zeigt sich dies alles so zweckmäßig eingerichtet, daß es scheint, als könnten wir zur Erklärung dieses Zusammenstimmens der verschiedenartigsten Kräfte die Vorstellung des Zweckes nicht entbehren. Dennoch haben wir es dabei mit nichts anderem zu tun, als mit dem Naturgesetz der Wechselwirkung. Man täuscht sich vollständig, wenn man meint, eine bessere Erklärung dadurch zu geben, daß man den Zweck in das Naturgesetz hineinverlegt, daß man etwa nach den Kräften der Materie "Zielstrebigkeit" oder dergleichen mystische Tendenzen zuschreibt. Vielmehr verläßt man damit das Gebiet der naturwissenschaftlichen Erklärung aus Gesetzen. Die Täuschung beruht auf Folgendem.

In der Pflanze, dem Tier, in jedem Organ und jeder Zelle sehen wir immer ein verhältnismäßig abgeschlossenes, einheitliches System vor uns, und das Ergebnis, das aus dem Zusammenwirken aller Teile entsteht, ist somit schon gegeben; es ist tatsächlich nur durch die Einheit des Ganzen vorhanden. Nur aus dieser Einheit der Teile, dem Gesetz des Systems, läßt sich das Verständnis des Vorgangs entnehmen. Will man dagegen, wie manche Naturforsher, diese Einheit wegdenken und allein in den Bestandteilen des Systems die Ursachen aufsuchen, weshalb sie ein System bilden können, so bleibt nichts anderes übrig, als in jedem Teil diese Einheit noch einmal besonders zu denken, d. h. den Teilen ein unbewußtes Streben nach dem Ganzen beizulegen. Das heißt dann eine "zielstrebende" Kraft, ein im einzelnen Teil vorgebildete Beziehung. Man hat aus dem Gesetz des Systems durch Übertragung auf die einzelnen Teile und durch ihre Isolierung ein Etwas gemacht, das es im Zusammenhang der wirklichen Natur nirgends geben kann, sondern nur in unserer Vorstellung eines gesetzten Zieles. In der Tat jedoch liegt darin nichts anderes als was schon der Begriff der  Wechselwirkung  besagt. Es kommt schließlich nicht auf den Namen an; meint man aber, daß zielstrebende Kräfte etwas anderes bedeuten als das Gesetz einer Veränderung überhaupt, so läßt man sich durch den Namen irreführen. Man dehnt dann den Begriff des Zwecks willkürlich auf ein Gebiet aus, mit dem er nichts zu tun hat. Denn Zwecke bestehen nur für bewußte Wesen. Gewiß hat die Natur einen Zweck, aber nicht in sich selbst, sondern immer nur als Mittel für eine Persönlichkeit. Die Zwecke liegen nicht  in  der Natur, sondern  über  der Natur.

Sobald wir auf ein Naturgeschehen stoßen, das wir nicht ohne den Zweckbegriff zu Hilfe zu nehmen erklären können, so ist dies allerdings jedesmals das Zeichen, daß hier eine vorläufige Schranke unserer Erkenntnis liegt. Aber es ist kein Zeichen, daß wir hier vor einem "Inneren" der Natur stehen, dessen Verständnis uns überhaupt verschlossen wäre. Es ist nur das Zeichen für eine neue Aufgabe der Erkenntnis. Diese Aufgabe ist dann mit denselben Mitteln in Angriff zu nehmen, die überhaupt der Naturwissenschaft zu Gebote stehen, und sie ist zu lösen durch eine Zurückführung der Erscheinungen auf die Grundsätzes des Naturerkennens. Die Idee der Zweckmäßigkeit gehört  nicht  zu diesen Gesetzen. Sie ist uns, wie überhaupt jede Gestaltung unseres Lebens, so auch für unser Naturerkennen ein Leitfaden, die Probleme zu stellen und die Mittel der Untersuchung zu wählen. Aber als Erklärungsmittel ist sie nur ein Notbehelf dort, wo das Naturgesetz auf dem gegenwärtigen Standpunkt unseres Wissens noch nicht ausreicht. Daß die Naturwissenschaft zahllose Dinge noch nicht erkannt hat, gibt uns kein Recht, ihre Prinzipien zu verlassen; diese sind Raum, Zeit und mathematisches Gesetz. Hierbei gibt es keine "inneren" Bestimmungen, sondern alles Geschehen ist bedingt durch Beziehungen zwischen Raumteilen untereinander. Auf diese allein sind die Erscheinungen zurückzuführen. Will man diese Aufgabe durch die Einführung geheimnisvoller, zweckmäßig wirkender, innerer Bestimmungen umgehen, so verläßt man das Gebiet der Naturwissenschaft und begibt sich in das Gebiet der Dichtung. Man sucht dann ein noch unbefriedigtes Erkenntnisbedürfnis durch die Mittel der Phantasie zu stillen, indem man etwas noch nicht Erklärtes durch etwas überhaupt Unerklärliches, etwas Unbekanntes durch etwas Unerkennbares ersetzt. Was sollen denn diese zweckbestimmenden Kräfte sein? Bestimmungen sind entweder Naturgesetze, d. h. konstitutive Einheiten, wodurch Inhalt in Raum und Zeit gesetzlich geordnet wird, oder es sind Ideen, d. h. regulative Einheiten, wodurch Ziele über der Natur gesetzt werden. In der Natur Ziele durch die Natur selbst zu setzen, hat keinen Sinn, weil das Ziel doch einen Inhalt, der in ihm vereint wird, voraussetzt, dieser Inhalt aber in der Natur immer erst erzeugt wird mit der Einheit des Gesetzes zugleich. Der Zweck kann niemals etwas erzeugen, sondern nur beurteilen, die Natur aber ist die Gesetzmäßigkeit, die erzeugend, konstitutiv, schaffend tätig ist; sie stellt eben die Seite des Bewußtseins dar, wodurch es sich seinen Inhalt gibt. Der Zweck bedarf zu seiner Verwirklichung des Gesetzes, daß etwas Wirkungen in bestimmter Weise auszuüben vermag, aber er selbst kann keine Wirkung ausüben. Wenn die Atmung der Zweck der Lunge ist, so entsteht dadurch noch keine Lunge, sondern es müssen Ursachen vorhanden sein, welche Zweck und Organ, die Atmung und die Lunge zugleich erzeugen. Was man in der Natur fälschlich  Zweck  nennt, das ist die Funktion des Organs, die sich in seiner Abhängigkeit von der Umgebung ausbildet. Der Zweck ist kein Naturgesetz, aber er weist auf ein Gesetz hin, das uns im Einzelnen noch zu erforschen bleibt. Setzen wir für dieses noch Unerforschte hypothetisch den Zweck, so haben wir einfach der Natur etwas angedichtet.

Alle Bestimmungen in der Natur sind Bestimmungen der Wechselwirkung. Es ist nicht möglich, den einfachsten Vorgang, den Inhalt eines Raumteils, einen chemischen Stoff zu definieren, wenn man nicht zugleich seine Beziehungen zu anderen Raumteilen einführt, mit denen er ein Ganzes bildet, das als Ganzes auf ihn selbst zurückwirkt. Ein Volumenteil Wasserstoff ist nicht etwas an und für sich Bestimmtes, sondern was er ist, ist er nur dadurch, daß er Beziehungen der Größe, der Lage, der Ausdehnung, des Drucks zu anderen Raumteilen hat, daß er, falls gewisse Temperaturen und gewisse andere Stoffe gegeben sind, mit diesen bestimmte Verbindungen eingeht usw.; und nur in dieser Wechselwirkung ist ein Körper bestimmt. Also ist die Einheit des ganzen Systems für jeden Teil des Raums die Bedingung, daß er in bestimmter Weise erfüllt ist; und jede Abänderung eines Teils des Systems wirkt auf das Ganze, jede Abänderung des Ganzen auf den Teil zurück. Man ändere den Druck eines Gases, und mehrere seiner übrigen Eigenschaften ändern sich ebenfalls. Die Teile wirken nicht bloß aufeinander, sondern ihre Totalität wirkt zugleich auf die Teile. Das gilt in der ganzen anorganischen Natur, in der man nicht von Zwecken zu sprechen pflegt, ebenso gilt es aber in der organischen Welt. Und wenn man dies berücksichtigt, sieht man, daß man es hier nur mit einer größeren Kompliziertheit der Totalität der Teile zu tun hat. Der Begriff des Systems, die Wechselwirkung zwischen Teil und Ganzem, bleibt aber dieselbe. Die Einführung des Zweckbegriffs ist nicht notwendig, wenn man nur nicht immer bloß an die Kausalität als einzige Naturbedingung denkt, sondern den Begriff der  Wechselwirkung  richtig erfaßt. Dieser besteht nicht in der Wirkung und Gegenwirkung von Teil zu Teil, sondern vom Teil zum Ganzen und vom Ganzen zum Teil. Und das ist ein naturwissenschaftlicher Begriff, der sich mathematisch ausdrücken läßt durch den Begriff der Funktion. Der Zweck ist nicht mathematisch zu behandeln, und damit ist er von den Mitteln der Naturerkenntnis ausgeschlossen. Die vielfach unterschätzte Kategorie der Wechselwirkung dagegen enthält als berechtigtes konstitutives Prinzip jene für die organische Natur unentbehrliche Berücksichtigung der Totalität, wozu man mißbräuchlich den regulativen Zweckbegriff herbeiziehen zu müssen glaubt. Dies ist gefährlich für die Naturwissenschaft, die damit ihr eigenes Objekt, die Natur, als dem Verstand zugängliche Größenbeziehung aufhebt und einem willkürlichen Mystizismus den Boden bereitet. Der Mensch ist nicht bloß Natur, aber insofern er Natur ist, durchdringt er sie ganz. Unser Leben und Erlernen bewegt sich nicht am Rande der Natur, ohne sie zu verstehen, sondern die Gegenstände, die wir erkennen, die besitzen wir auch so, wie sie sind, die sind wir selbst. Das war der Grundzug in GOETHEs Lebensführung. Er bemächtigte sich der Dinge, indem er sie durchlebte; das Naturgeschehen vollzog sich in seiner Individualität als Naturerkenntnis. Deswegen mochte er es nicht leiden, daß man ihm die Natur auseinanderriß, deswegen wendete er sich gegen die unberechtigte Spaltung der Natur in ein Äußeres und ein Inneres. Es gibt kein anderes Inneres der Natur als den gesetzmäßigen Zusammenhang der Dinge in Raum und Zeit. Und "ins Innere der Natur", so sagt KANT, "dringt die Beobachtung und Zergliederung der Erscheinungen, und man kann nicht wissen, wie weit dies mit der Zeit gehen wird."

Die Aufgabe der Naturwissenschaft ist es, die gesetzliche Bestimmtheit, welche die Natur ausmacht, immer klarer zu lösen von den Phantasiebildern, die wir aus unserem Selbstgefühl in sie hineintragen. Wenn ich jene Zweckbestimmungen Phantasiebilder nenne, so heißt das natürlich, Phantasiebilder werden sie erst dadurch, daß wir sie in die Natur hineinverlegen; sie besitzen keine Realität in der Natur, sondern ihre Realität haben sie über der Natur im Wesen der Persönlichkeit. Wir können die Naturwissenschaft nur dadurch von dem Druck befreien, den die Rücksicht auf die höchsten ethischen, ästhetischen und religiösen Ideale ihrer freien Forschung auferlegt, wenn wir offen anerkennen, daß die Ideen nicht in der empirischen Natur, im Reicht der theoretischen Erkenntnis anzutreffen sind, weil sie eine andere Realität besitzen. Darum kann auch keine Forschung das widerlegen, was wir als die Forderung der sittlichen und religiösen Persönlichkeit wollen und glauben; und somit gewinnen wir für Freiheit und Glauben eine Realität, die ebensowenig vom Standpunkt der Erkenntnis angreifbar ist, wie sie Eingriffe in das Gebiet der Naturerklärung zu machen vermag. Es war die Absicht unserer Ausführungen, auf diese Unabhängigkeit der Welt der Werte hinzuweisen, deren Gestaltung mit den Worten  Idee  und  Persönlichkeit  bezeichnet zu werden pflegt.
LITERATUR Kurd Lasswitz, Wirklichkeiten - Beiträge zum Weltverständnis, Berlin 1900