ra-3Die wirtschaftliche LügeBertolt Brecht 
 
FRANZ BLEI
Die Mechanik der Wahrheiten

"Die reinen Gefühle haben nur einen hypothetischen Charakter: sie sind solche, die wir als ihr ideelles Komplement noch nicht gefunden habend annehmen. Das Bedürfnis, dieses Gefühl zu befriedigen, sucht und findet ein Objekt. Das Gefühl des Hasses sucht ein Objekt zu seiner Befriedigung und findet es im  Deutschen,  im  Juden,  im  Bourgeois.  Nicht der Deutsche, der Bourgeois, der Jude erzeugen den Haß, sondern dieser befriedigt sich mit einem Objekt, das er vorfindet und sich adoptiert. Es hängt mit der gebräuchlichen  vernünftigen  Klassifikation der Menschen nach den Objekten ihres Gefühlsverlangens zusammen, daß es heißt, irgendetwas  errege den Klassenhaß,  wo es vielmehr heißen muß, der Haß findet in einer Klasse sein Objekt."

"Nicht die Wahrheit oder Wahrscheinlichkeit einer Idee ansich, soweit sie nichts als intelligibel ist, entscheidet für ihre Annahme durch die Menschen, sondern ihr affektiver Gehalt. Ideen werden angenommen, deren Wahrscheinlichkeit null ist, andere wieder zusammen und gleichzeitig mit anderen, die der ersteren Gegenteil sind. Man denke an die Vielfachheit des  Du sollst nicht töten. "

"Auch der offensichtliche Nutzen einer Idee entscheidet nicht über ihre Annahme durch die Menschen. Es gibt überzeugte Sozialisten unter den vom Sozialismus doch bedrohten Kapitalisten, Soldaten gehen in den Krieg gegen ihren Nutzen. Es werden Ideen des Nutzens und Vorteils immer erst dann populär, wenn man sie sentimentalisiert hat. Der  Nutzen  der menschlichen Arbeit war nicht hinreichend, also heiligte man sie uns sprach vom  Segen der Arbeit.  So auch das  heilige Vaterland,  weil das bloß  nützliche  Vaterland des Verstandes dem nicht zureichend ist."


Sehr viele und sehr lautes Lügen ist oft der Versuch zu einer neuen Wahrheit. Nach einem gewissermaßen einstimmigen und verbindlichen Lügen fällt man nicht auf die alte Wahrheit zurück, die man verlassen hat: man müßte sonst bekennen, daß man gelogen habe, und die Menschen vermeiden unangenehme Empfindungen. Sich schämen ist unangenehm.

Man sagt, daß die Leidenschaft verblende. Aber sie verblendet nur die Vernunft, weil sie stärker und urtümlicher ist als sie und, das Wort im wörtlichen Sinne gebraucht, richtiger, richtender. Die Vernunft ist gegen das Leben, gegen die Liebe, gegen den Krieg - die Leidenschaft ist für Leben, Krieg und Liebe. Eine Wahrheit aber lehrte, der Mensch sei nicht nur ein vernünftiges Wesen, sondern auch das einzige denkende, das nach Urteilen handle, die es aus vernünftiger Erkenntnis seines Nutzens gewonnen habe. Da jeder Mensch auch nützlich zwei mal zwei ist vier ausrechnen kann und dies für eine Leistung der nur ihm zukommenden Intelligenz hält, hat sich das Wesen Mensch von dieser "Wahrheit" der nur ihm zukommenden Intelligenz sehr geschmeichelt gefühlt und war stolz auf sie, weil er stolz auf sich sein wollte. Da die Lehre dem Bedürfnis seines noch ganz inhalts- und bildlosen Stolzgefühles sehr entsprach, erklärte sie der Mensch für "wahr". Der affektive Gehalt der Lehre war für ihre Abnahme entscheidend, nd man nannte sie die "Wahrheit".

Da brach in diese Wahrheit vom Menschen als einem von seiner Intelligenz orientierten Wesen dieser Krieg, und auf einmal ist die Welt der Menschen voller Lügner, Heuchler, Verräter, Betrüger, Krämerseelen, Wortbrüchiger - woran? An dieser "Wahrheit" vom Menschen als einem von seiner Intelligenz geleiteten Wesen, welche "Wahrheit" man nicht glaubt, solange man als von Lügnern von jenen spricht, die gegen diese Wahrheit  leben,  und das tun auf einmal alle, weshalb alle Lügner usw. sind. Dieser Wahrheit Geist sucht sich zu retten und zu behaupten, indem er sich des Verrates an sich selber bezichtigt. Der Stolz will diese ihm so wertvolle "Wahrheit" nicht aufgeben. Wie man eine Niederlage eine Ablösung vom Feind nennt, so gibt man die eingeübte Wahrheit selber nicht als Irrtum auf, sondern haftet sich noch stärker an sie mit dem Wort Lüge: man meint die Wahrheit zu retten, indem man sie als verraten denunziert.

Wir sind damit auf dem Weg zur Aufstellung einer anderen Wahrheit, die sich aus dem frenetischen "Lügen" dieser Zeit deutlicher abhebt als sonst zu Zeiten, denn durch den Einbezug der großen Zahl in die Aktion hat sich das Beobachtungsfeld erweitert.

Es gibt eine Geschichte der Ideen, die erzählt, welche Verwirrungen und Entwirrungen die ewigen Ideen in den Köpfen der Denker angerichtet haben; es gibt eine andere Geschichte, die erzählt, wie diese Ideen von der Menschheit verwandt wurden, wie diese Ideen in den Organismus des Lebens traten. Wie ein Stern erst dann entdeckt wird, wenn sein Licht die Erde trifft, so verhält es sich mit Ideen, welche Geschichte machen: sie müssen, durch das Medium des Denkers, die Erde treffen. Und wie man das Vorhandensein eines noch ungesehenen Sternes berechnen kann aus Bahnänderungen der bekannten Gestirne, so kann man eine zurzeit noch "unsichtige" Idee aus ihrer bahnändernden Wirkung auf "sichtige" Ideen, d. h. solche, die schon Geschichte gemacht haben, berechnen. Die Wahrheit vom vernünftigen Menschen, der nach erkannten Interessen handelt, hat eine Änderung durch die jetzt eklatanter als sonst lebenden Menschen erfahren, die allesamt, weil wechselseitig sich so nennend, als Verräter dieser Wahrheit in der Welt stehen. Eine andere Wahrheit, als "Wahrheit" dem Bewußtsein noch unsichtbar, irrtiert die Bahnen der früheren "Wahrheit". Ihr Vorhandensein konstatieren wir aus diesen Irritationen und versuchen sie zu definieren. Wie sich die Menschen mit ihr abfinden werden, diese Idee Geschichte machen wird, das wissen wir nicht. und daß wir dies nur wollen können, hängt mit der Natur dieser Idee zusammen, die nicht dem Wissen das Primat im menschlichen Geschehen gibt, sondern dem Wollen. Das bedeutet keine Absetzung der Intelligenz und keine Inthronisation der Triebe, was beides zusammen die intuitive Stupidität gäbe. Die menschliche Triebe erfahren durch die Vernunft so etwas wie eine Beherrschung von Fall zu Fall, nie eine Veredlung. Diese Veredlung erfahren wohl die Gefühle durch deren Kopulation mit der Idee oder dem Bild, nie mit der Vernunft, denn eine Kopulation mit ihr führt zur Verunedlung der Gefühle, zu deren Reduktion auf von Fall zu Fall von der Vernunft beherrschte Triebe. So wird der rationalisierte Erhaltungstrieb zur profit.htmlGewinnsucht, das ideisierte Heimatsgefühl zur selbstlosen Vaterlandsliebe. So wird der rationalisierte Geschlechtstrieb vor dem sexuellen Verbrechen haltmachen, aber das ideisierte Liebesgefühl für das geliebte Objekt Schande und Tod erleiden; während das rationalisierte Liebesgefühl sich mit vorteilhafter Eheschließung, praktischer Ehescheidung und Tragung der Prozeßkosten abfindet.

Nicht mehr als dies ist hier zur Abgrenzung der Gegebenheiten Vernunft, Trieb, Gefühl, Idee zu sagen: die Frage nach dem Zustandekommen des Gefühles muß wie die nach dem Ursprung der Ideen ohne Antwort bleiben. Die Gefühle sind und sind im Menschen; die Ideen sind und sind, unabhängig vom Menschen, im Ganzen der Welt.

Was wir fragen, ist: was macht Ideen moralischen und politischen Charakters zu "Wahrheiten"; die von den Menschen behauptet oder bekämpft werden? Wann wird eine Idee vom Menschen "wahr" genannt? Die Menschen antworten darauf: wenn wir sie kraft unserer Vernunft als wahr erkannt haben vor einer anderen Idee, die wir kraft unserer Vernunft als falsch erkannt haben. Der Mensch in seinem Stolz auf sich als allein denkendes und von seiner Vernunft als höchster Instanz geleitetes Wesen versucht auch in der kritischen Situation dieser Frage durch eine Hintertüre seiner ungewußten Hypokrise zu entschlüpfen, indem er sich in tiefer Verbeugung vor seiner geistigen Bedeutung als allein von seiner Vernunft geleitetes Wesen vor die Entscheidung zwischen "wahr" und "falsch" gestellt sieht und mit der Objektivität eines unbeteiligten Gottes sich für "wahr" entscheidet. In diesen Tagen sagte ein Redner, und sagte damit nur allgemeine Überzeugung: "erst leben, dann philosophieren, erst sein, dann denken". Die das sagen - und alle Menschen sagen es - wollen sich damit glauben machen, daß sie die Wahl hätten und sich für die Tat und gegen den Geist entschieden. Es gibt aber ein solches Vor-die-Wahl-gestellt-sein gar nicht. Es scheut der Mensch das Bloßlegen seiner Urbestände und Motive wie eine etwas unsolide Firma die Einsicht in ihre Geschäftsbücher; er verschleiert mit einem "auch anders können" den wirklichen Verlauf, und dazu zwingt ihn das Gefühl des Stolzes, welches Gefühl die Idee vom vernünftigen Menschen als eine "wahre" Idee adoptiert hat.

Denn: Ideen und Erkenntnisse moralischen und politischen Charakters - nicht nur diese, diese aber vollkommen - werden nicht um ihres vernunftmäßigen Charakters willen als "wahr" von den Menschen angenommen oder als "falsch" von ihnen abgelehnt, sondern allein wegen ihres affektiven Gehaltes. "Wahre" Ideen, "richtige" Gedanken usw. sind für die Menschen immer jene, denen der intensivste und einem Gefühlsbedürfnis zupassendste affektive Gehalt innewohnt oder ein solcher oft mit leichten Modifikationen der Idee, des Gedankens usw., zu erpressen ist. Es gibt Ideen, deren affektiver Gehalt gleich null ist. Treten solche Ideen aus dem Äther des reinen Gedachtwerdens in die Luft des Menschen, so wird sich, da sie dem Gefühl nichts "bieten", die Vernunft ihrer bemächtigen wie einer nötigen Nahrung, einer Zellmehrung und Zellerneuerung, und die reine Idee wird von der Vernunft in ein praktisch Brauchbares gebeugt, wird einem Nutzen dienstbar gemacht. Die mathematischen, physikalischen, chemischen Ideen, sind reich an solchen Erfahrungen der Vernutzung ihrer Reinheit. Nach der Analogie dieser von der Vernunft adoptierten und durch sie zweckhaft gemachten Ideen schließt der aus einem Gefühl auf seine Vernunft stolze Mensch, daß sich die Vernunft auch allen anderen Ideen gegenüber als der einzige Primat der Entscheidung betätige.

Wir sagen: die Menschen und die Denker, aber das ist keine Artunterscheidung. Keine Philosophie ist mehr wert als ihr Philosoph. Deshalb gilt das vom Gefühlsbedürfnis bedingte Verhalten gegenüber den Ideen auch für die Denker im Bereich ihres Denkens: es treten Ideen als "wahre" Ideen in sie ein, die in der Richtung ihres Gefühls liegen, wie das GOETHE mit schöner Offenheit in einem Brief von sich zugegeben hat, den er als Karlsbad an LEONHARDT schrieb. Es ist der seltene Fall einer großen Energie, wenn der Denker seine Gedanken als "wahre"  gegen  das eigene Gefühl hinnimmt und behauptet, wie es ALEXIS TOCQUEVILLE tat, der bei ausgesprochenen und gelebten aristokratischen Tendenzen seines Gefühls doch die Idee von der Notwendigkeit und Richtigkeit der Demokratie annahm, nicht ohne zu bemerken: "ce n'est pas sans peine, que je me suis rendu á cette idée" [Nicht ohne Mühe kam ich auf diese Idee. - wp] Wobei noch immer einer genaueren Psychologie die Möglichkeit offen bleibt, auch in solchen Widersprüchen nur deren Scheinbarkeit aufzuweisen und in einer anderen Tiefe die Konkordanz festzustellen, die unsere These ausnahmslos gelten läßt. Es sei darüber auf meines Lehrers RICHARD AVENARIUS Kritik der reinen Erfahrung verwiesen, besonders auf dieses Werkes zweiten Band, denn seinem biomechanischen Grundgesetz in Anwendung auf die Psychologie verdanken diese Gedankengänge die vornehmste Anregung. Ich folge AVENARIUS auch darin, daß ich das zu Sagende nun in der kürzesten Formulierung gebe und mich auch ganz wenige Verbeispielungen beschränke. Ich stelle in dreizehn Punkten fest:
    1. Reine Gefühle sind als den mit ideellen Komoponenten begrachteten Gefühlen theoretisch präexistent anzunehmen und nicht erfahrbar. Praktisch kennen wir kein Gefühl, das keinen ideellen Komponenten hätte.

    2. Reine Ideen sind als den menschlich gedachten Ideen präexistenz theoretisch anzunehmen und nicht rein erfahrbar. Praktisch kennen wir keine Idee (Gedanke, Bild usw.), die nicht schon als Komponente zu einem Gefühl gedient hätte. Wir kennen praktisch nur Ideen, die schon "gedacht", das heißt irgendwie gefühlsmäßig gewählt wurden, weil sie ein Gefühl zu befriedigen imstande waren. Die Pythagoreer sagten es von den Zahlen, also den reinsten Gebilden, daß man sie lieben und verehren müsse, um sie denken zu können.

    3. Es sind nicht die Ideen, welche Gefühle hervorrufen, sondern es sind die reinen Gefühle, welche sich der Ideen bemächtigen, die imstande sind, diese Gefühle zu befriedigen. Der Haß des Auslandes gegen die Deutschen ist nicht primär bestimmt durch ideelle Täuschungen und Irrtümer dieser Ausländer, die man also aufklären könnte, denn einer solchen vernünftigen Aufklärung müßte die vernünftige Verführung der Ausländer durch die Deutschen vorhergegangen sein.

    4. Die reinen Gefühle haben nur einen hypothetischen Charakter: sie sind solche, die wir als ihr ideelles Komplement noch nicht gefunden habend annehmen. Das Bedürfnis, dieses Gefühl zu befriedigen, sucht und findet ein Objekt. Das Gefühl des Hasses sucht ein Objekt zu seiner Befriedigung und findet es im "Deutschen", im "Juden", im "Bourgeois". Nicht der Deutsche, der Bourgeois, der Jude erzeugen den Haß, sondern dieser befriedigt sich mit einem Objekt, das er vorfindet und sich adoptiert. Es hängt mit der gebräuchlichen "vernünftigen" Klassifikation der Menschen nach den Objekten ihres Gefühlsverlangens zusammen, daß es heißt, irgendetwas "errege den Klassenhass", wo es vielmehr heißen muß, der Haß findet in einer Klasse sein Objekt.

    5. Sind auch die Gefühle an und für sich ursachlos, so ist doch das Bedürfnis, ein Gefühl zu befriedigen, mannigfach verursacht und determiniert: durch persönliche Anlage, Gewohnheit, Sitte der Umgebung, Erziehung, individuelle und interindividuelle Geschichte. Für letzteres ist ein klassisches Beispiel die "Revanche", die einem Volk den Deutschen zum "Erbfeind" macht.

    6. Ideen, welche der Befriedigung eines Gefühlsbedürfnisses dienen oder dienen können, werden weitergebildet, um diesem Bedürfnis besser dienen zu können. Die Geschichte dieser Ideen ist somit keine rein ideelle, sondern eine gefühlsmäßige. Beispiele dafür sind abundant in den Zeitströmungen und den Zeitungen zu finden. Das Gefühlsbedürfnis bildete z. B. den Darwinismus zu HAECKEL um oder die Gleichheit vor dem Gesetz zu allgemeiner Gleichheit, das einfache Weitergehen der Zeit zum "Fortschritt", die Entwicklung zur "Entwicklung zum Besseren" usw.

    7. Ideen, welche durch eine solche Weiterbildung dem Gefühlsbedürfnis der größtmöglichen Zahl dienen, werden zu "allgemeinen", zu "ewigen" Ideen.

    8. Nicht die Wahrheit oder Wahrscheinlichkeit einer Idee ansich, soweit sie nichts als intelligibel ist, entscheidet für ihre Annahme durch die Menschen, sondern ihr affektiver Gehalt. Ideen werden angenommen, deren Wahrscheinlichkeit null ist, andere wieder zusammen und gleichzeitig mit anderen, die der ersteren Gegenteil sind. Man denke an die Vielfachheit des "Du sollst nicht töten". Hier ist nur dem Gläubigen ein Einwand erlaubt, welchem Einwand HEGEL den Ausdruck von der "List der Idee" gegeben hat, die sich unserer Leidenschaften zur ihrer Realisierung bediene, indem die Menschen meinen, für sich zu arbeiten, während sie es in Wirklichkeit für den "Weltgeist" tun. Der Christgläubige spricht dasselbe aus wie HEGEL, indem er die Unerforschlichkeit der Wege Gottes aussagt.

    9. Auch der offensichtliche Nutzen einer Idee entscheidet nicht über ihre Annahme durch die Menschen. Es gibt überzeugte Sozialisten unter den vom Sozialismus doch bedrohten Kapitalisten, Soldaten gehen in den Krieg gegen ihren Nutzen. Es werden Ideen des Nutzens und Vorteils immer erst dann populär, wenn man sie sentimentalisiert hat. Der "Nutzen" der menschlichen Arbeit war nicht hinreichend, also heiligte man sie uns sprach vom "Segen der Arbeit". So auch das "heilige" Vaterland, weil das bloß "nützliche" Vaterland des Verstandes dem nicht zureichend ist.

    10. Derartig weitergebildete Ideen werden unter Umständen wieder zurückgebildet, wenn sie für eine Gruppe von Menschen durch die Weiterbildung ihren affektiven Wert verloren haben. Ein gutes Beispiel dafür ist der Streit um die "wahre Kunst", die nur "bei wenigen" sei, ist der Begriff der "Ästhetenkunst", ist ferner das Erkalten von Dogmen, die  nie  durch sogenannte wissenschaftliche Widerlegung sterben, sondern nur durch den verminderten Affektgehalt.

    11. Der Wechsel der ideellen Komponente vollzieht sich immer nur in der gleichen Gefühlssphäre: nur das Objekt wechselt, nicht das Gefühl. Die das Wunder CHRISTI ablehnen, werden vom "Wunder der Wissenschaft" sprechen. Aus einem Antisemiten wird ein Sozialdemokrat. Aus einem Ungläubigen der Kirche wird ein Gläubiger der "wissenschaftlichen Kirche" (ERNST MACH). Dieser Satz ist von sehr großer Bedeutung für die Pädagogik, die fast durchaus durch einen bloßen Objektwechsel das Gefühl erziehen zu können meint.

    12. Man kann im Individuum Objektgruppen konstatieren, die sich aus dem Gefühlshabitus bilden: wer z. B. vom Menschen als dem "einzig denkenden Wesen" spricht, der wird, was nur im Objekt widerspruchsvoll ist, geneigt sein, die Superiorität seiner Rasse, Nation, Klasse zu betonen. Am besten haben hier Künstler beobachtet.

    13. Überbetonte politische und moralische "Überzeugungen" werden oft dort laut, wo sie das betreffende Individuum als fast reine Idee annimmt - die "fleckenlose Gesinnung" -, um sie, da sie nicht gefühlsmäßig gewählt und befestigt sind, beim kleinsten Anlaß einer solchen Gefühlswahl aufzugeben. Hierher gehört dann der "Gesinnungswandel": die alltäglich eingeübten Gefühle bestimmen das Individuum ganz anders, als es mit seinen errafften Idee-Objekten vortäuschen möchte. So wird der "Streber" sich beim Streben solange über den "Streber" belustigen, als er noch nicht selbst arriviert ist. Es sind echte und prätendierte Komponenten zu unterscheiden. Aus der Kenntnis des Alltagsverhaltens eines Individuums wird in politischen Wahlversammlungen reichlicher Gebrauch gemacht und "die Maske heruntergerissen".
Man könnte zu diesen 13 Punkten, die das Wesentliche enthalten, eine Tabelle der Gefühle geben: der Gefühle der Sympathie, des Hasses, des Stolzes oder der Ichung, der Demut oder Entichung, der heiteren Ruhe - und dieser Tabelle die Objekte zuordnen, welche die Bedürfnisse dieser Gefühle befriedigen. Diese Tabelle würde manches Überraschende zeigen. Wie daß z. B. ein Opfer zu bringen das Gefühl der Entichung befriedigt, während hinwieder jener, der von der  Größe  seines Opfers spricht, sein Gefühl des Stolzes, der Ichung, befriedigt. Wie sich z. B. Gefühle der Sicherheit, die zu den Sympathiegefühlen gehören, in Objekten verankern wie der Respektsidee vor Gott, den Eltern, Vorgesetzten; wie ferner alle Autorität auf Liebe beruht. Wie z. B. alle Ideen des Siegreichen oder solche, die ein Element eines solchen Sieges enthalten, das Gefühl des Stolzes befriedigen: der Kaiser, das Irrationale, das Unbewußte, der starke Arm des Arbeiters, der Sieg der Vernunft. Die Gefühle des Stolzes befriedigen ferner Ideen, in denen einer verursachendes Element gesetzt ist: ein Gott, von dem alles kommt, der Kaiser, von dem Gnade und Ungnade kommt, das Genie, das seine Zeit benennt. Ferner die Idee des Eigentums, die den Eigentümer mit der besessenen Sache identifiziert, indem sie Adelsgeschlechter nach dem Besitztum nennt. Den Gefühlen der Entspannung des Ich, der Entichung dienen Objekte wie die Gleichheit all dessen, was Menschenantlitz trägt, das Transitorische des irdischen Lebens, der HEGELsche Chemismus, die beatitudo [Glückseligkeit - wp] Gegensätzlich hierzu sind die Gefühle, die sich Objekte suchen, wie Gott und Teufel, Dualität von Körper und Seele, die Diskontinuität des Geschehens, den Vulkanismus, den Revolutionismus, das Wunder, die causa activa (daß der Effekt radikal verschieden sei von der Ursache) - gegensätzlich sind diese Gefühle zu denen der serenitas [Heiterkeit - wp] die sich Objekte geben im Monismus oder daß das Böse nur eine illusionäre Grenze des Seienden sei, im Evolutionismus ... Doch es würde eine solche Tabelle Grundriß eines Buches werden, das die Geschichte der Ideen wäre, wie wir sie definierten und in eine solche Absicht sollen die obigen Aufstellungen nicht münden, die mitgeteilt wurden, weil sie mir in dieser europäischen Verwirrung als - BURIDANs Esel erscheinen, der das kleine Päckchen unserer Hoffnungen in eine europäische Zukunft hinüberträgt.

Ob es nund die HEGELsche "List der Idee" ist, die sich unserer Leidenschaften bedient, um den "Weltgeist" durchzusetzen, oder ob es Gottes ewiger Ratschluß ist, daß wir gerade  so  leben - eines wie das andere lehrt als ein wesentlich Religiöses die Demut und den Glauben an jene Logik des Herzens, von der PASCAL spricht, und in der sich die europäische Familie finden muß, wenn sie sich nicht ganz verlieren will.

Dem Lächeln üebr meinen Optimismus, denkerischer Erkenntnis überhaupt eine einigende ethische Kraft zuzuschreiben, möchte ich mit folgender Bemerkung entgegnen.

Unsere aus der Gemeinschaft ins Gesellschaftliche verfallene Menschheit lebt nicht nur wirtschaftlich, sondern auch geistig in einem anarchischen Gegeneinander, und so sind ihr unsere Einsichten bestenfalls immer nur "Ansichten", in welchem Wort Anerkennung und Verachtung des Individuums gleichzeitig liegt, sehr charakteristisch für die Gesellschaft, dieses Flutende der Individuen, die sich nur finden, um sich abzustoßen. Die Gesellschaft hat das Denken der Welt, das "Philosophieren", zu einem Beruf gemacht, den sie, ihn "wissenschaftlich" nennend, auszuzeichnen meint in ihrer Idolatrie des Wissenschaftlichen, - einem Beruf, den jeder Einzelne nach Fähigkeit und Laune ausüben mag, wenn's ihn freut, - genau wie sie es in des Einzelnen Belieben stellt, ob er als Chemiker oder Schuster sein Leben gewinnen und verbringen will. Das Gemeinsame sieht sie nur im substantiellen Objekt: hier die Welt der Stiefel, dort die Welt der Erkenntnisse. Und wie die Schuhfabrikanten zwar alle Schuhe machen und doch jeder von ihnen Wert darauf legt, ganz besondere Schuhe herzustellen, da sie ja alle gegeneinander und nicht miteinander produzieren, - genauso die Philosophen der Gesellschaft: sie denken nicht sokratisch mit-, sondern gegeneinander, und  A  lebt davon, daß er  B  "widerlegt". Das Philosophieren ist eine Disziplin geworden ganz gegen ihr Wesen, das gar nicht "wissenschaftlich" im gesellschaftlichen Sinne ist gar nicht "historisch" im exakt-wissenschaftlichen Sinne, wie etwa ein Lehrbuch der Chemie von 1915 "wahrer" ist als eines aus dem Jahre 1860, weil das erste brauchbarer ist. Das Philosophieren ist Anschauen der Welt - um mit dem falsch gebrauchten Wort "Weltanschauung" nicht mißverstanden zu werden - das sein einziges "Kriterium" in der Gemeinsamkeit des Miteinanderseins hat, in einem Drinnen also, nicht in einem einzeldenkerischen Draußen, das ja seinerseits wieder ein solches Kriterium bruachte und dieses wieder eines und so fort ad infinitum. Der Schulstreit um die "Richtigkeit" einer Philosophie ist ein Gesellschaftsspiel mit wissenschaftlicher Allüre, in dem sich der Philosoph selber einsetzt und selbstverständlich mindestens sich selber wieder gewinnen will. Daher der für das gesellschaftliche Philosophieren unbestreitbar richtige Satz, daß keine Philosophie mehr wert ist als der Philosoph, der sie hat. Sich nirgends zu widersprechen, hält  A  umso mehr für den wichtigsten Beweis seiner Wahrheit, als er mit nichts sonst beschäftigt ist, wie dem  B  dessen Widersprüche aufzuweisen und daraus dessen "Wahrheit" zur "Nicht-Wahrheit" zu machen. "Das Leben ist eine Tendenz zur Individuation", - diesen Satz SCHELLINGs haben die einer Gemeinschaft nicht mehr teilhaften, über einer aus zueinander und voneinander flüchtenden Individuen gebildeten Gesellschaft hinziehenden, ja, wie Wolken hinziehenden Philosophen des philosophischen Standes zur Devise ihres Philosophierens machen müssen: das Philosophieren ist eine Tendenz zur Individuation. Das Denken der Welt wurde Wählen und Fixieren und Behaupten des Standpunktes, der im Nicht-Vorhandenseins einer tragenden und umschließenden Gemeinschaft, wohl aber im Vorhandensein einer wogenden, unstabilen Gesellschaft von größter Wichtigkeit werden mußte.

In BERGSON scheint mir nun das auf die Gesellschaft gestellte Philosophieren zur höchsten und wahrscheinlich letzten Leistung sich gesteigert zu haben, als hier dem Individuum und seiner alleinigen Initiative einzige Evidenz gegeben und das sittliche Verhalten von einem zum andern als eine nur äußerer Zweckhaftigkeit dienende Belanglosigkeit des Menschen angesehen wird: über die Bewegtheit der Individuen wölbt sich sofort der Himmel. "Wirkliche Dauer bezeichnet gleichzeitig ungeteilte Kontinuität und Schöpfung" (L'Èvolution creatrice, Einleitung VII) - es drückt sich in diesem Satz auch die ganze Turbulenz des Individuums in der Gesellschaft aus. Es erlag die alte Gemeinschaft dem Individuum, das sich nach wechselnden Bedürfnissen und Interessen gruppiert, gewiß nach dem nicht verlorenen formalen Schema der alten Gemeinschaft, aber danach nur sich in dem zusammenfassend, was man Gesellschaft nennt. Die Gesellschaft hat ihren Erzeuger, das Individuum, auf sein höchsterreichbares Maß gebracht, denn es gab sich in der Gesellschaft die größte Freiheit: es fand sich in die Gesellschaft zur Garantie dieser werdenden Freiheit. Dieser Prozeß schein nun erschöpft zu sein: die Individuen können nicht mehr ihre Bedingungen, nämlich gesellschaftlich zu leben, erfüllen und drohen in eine Einzelhaftigkeit zu fallen, welche alles Leben und damit auch das des Individuums aufhebt. Diese Krise drückt BERGSON aus: er erleichtert dem Individuum das Leben, indem er es aus der Haft seiner Intellektualität entläßt und an die Intuition abgibt. Und der vitale Akt ist ein Elan eine imprévisibilite, eine nouveauté; ferner indetermination, liberté, incommensurabilité avec l'idée, accroissement, éxigeance de réaction, progrés, continuité de jaillissement [Unberechenbarkeit, Neuheit, Unbestimmtheit, Freiheit, Unvergleichbarkeit mit der Idee, Erhöhung, Erfordernis der Umsetzung, Fortschritt, Kontinuität der Aufnahme - wp], - mit allen diesen Worten immer nur gesagt, daß der Akt ein Akt und kein Gegenstand ist - mit allen diesen Inhaltsaufzählungen der Idee Akt jene Inhalte betonend und heraushebend, die das Individuum im Habitus seiner Gefühle (das Wort nicht im üblichen Sinne) besitzt, die es dem andern nicht verpflichten.

In BERGSON drückt sich die Krise aus, aber auch die Wegzeichen ihrer Überwindung ergeben sich: das durch die Gesellschaft gewordene Individuum sucht sich in einer Gemeinschaft höherer Gattung als die vorgesellschaftliche Gemeinschaft war, die das Individuum überhaupt noch nicht kannte, zu retten. Diese Tendenz wird in jenen Denkern vorgedacht, welche man nach HUSSERL die Phänomenologen nennt.  Wirklich  - im wörtlichen Sprachsinn - wird das phänomenologische Denken erst werden, wenn es seine Hypothese des phänomenologisch reagierenden, philosophie-philosophisch unbescholtenen Ingénu [Naivling - wp] nicht mehr braucht, - und des braucht ihn, solange noch Gesellschaft ist, und braucht ihn nicht mehr, wenn mit und in der Gemeinschaft das Philosophieren nicht mehr ein lehr- und lernbarer Beruf wissenschaftlicher Art ist, sondern das in ein geselliges Verhalten der Menschen miteingeschlossene Miteinander-Denken. Nur heute, wo diese Philosophie einer vorausgesetzten Gemeinschaft noch neben der Philosophie der Gesellschaft steht und daraus insofern eine Täuschung über ihre fundamentale Andersheit aufkommen kann, als sie, Vorläufer einer  anderen  Zeit, in  dieser  Zeit lebt, nur darum kann es, weil sie hypothetisch annehmen muß, was nicht wirklich ist, oft den Eindruck machen, als wollten die Phänomenologen dem Phänomen beibringen, wie es wirklich ist, eine Täuschung aus ihrer doppelten Parade: gegen die philosophisch-historische Belastung des Phänomens mit Aussagen über es, die mit ihm nichts zu tun haben; und gegen das mißbrauchte Mittel der nichts als aufzeigen sollenden, noch nicht bedeuten sollenden Sprache, die in philosophische Inzucht verkrüppelt ist, welche Verkrüppelung nicht das Phänomen, wohl aber unser Verhalten zu ihm geschädigt hat.

Das Vordenken einer Zeit zwingt diese noch nicht, Erscheinung zu werden. Andere uns unbekannte Kräfte, die das eine hinab ins Dunkel, das andere hinaufdrängen ans Licht, wirken hier. Aber diese gebärenden Kräfte ziehen uns in ihr Kreisen und flüstern in unser inneres Ohr, was wird. Und wir sprechen es nur aus: Gemeinschaft. Sprachen es aus schon vor dem Ereignis dieser Tage, daß plötzlich einbrechende große Not ein Volk Gesellschaftliches beiseite werfen machte, noch nicht Gemeinschaft schuf, aber ihre Herrlichkeit ahndete. Und darum nimmer den Weg dahin aufgeben wird.
LITERATUR, Franz Blei - Menschliche Betrachtungen zur Politik, München 1916