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ERNST WACHLER
Zur Kritik der
historischen Methode


"Sobald man die Historie nicht zur Wirtschafts- oder Verfassungsgeschichte herabdrückt, sobald man sie nicht vorwiegend durch den Wechsel nationalökonomischer und sozialer Zustände oder selbst durch den Wechsel von Geistesrichtungen bedingt hält, sobald man die ungeheure Übertreibung der materialistischen Geschichtsbetrachtung einsieht, alle Komplikationen nur aus  einem  physiologischen Bedürfnis abzuleiten zu wollen und über das psychologische Bedürfnis der Individualität, sich auszuleben, hinwegsieht: ist und bleibt die Geschichte die Geschichte von  Individuen,  von verschieden gearteten und begabten, hochentwickelten Säugetieren, welche die erstaunliche Ausbildung eines Organs, des Gehirns, befähigt, sich über das Hinvegetieren zu erheben und in einen Wettkampf einzutreten, aus dem alle höhere Kultur als Kraftüberschuß geboren wird."

"Die individualistische Geschichtsschreibung ist verpönt. Wie man vom Literaturhistoriker verlangt, er solle Zusammenhänge aufdecken, ein Stück Kultur nach seiner Herkunft schildern, Geistesschöpfungen entstehen lassen, ohne sie ästhetisch zu werten, so fordert der demokratische Geschmack vom Geschichtsschreiber, daß er das Gefühl für das große Leben verliere, daß er Zustände male, Verschiebungen, Umwandlungen der Zeiten darstelle, dem langsamen Kriechen der Gemeinschaft, der Masse nachspüre, worin der Einzelne verschwindet. Er soll alles gleich wichtig nehmen. Die Zahl, nicht der Wert der Menschen soll das Motiv seiner Betrachtung abgeben; das Wohl und Wehe der Vielen muß ihn bekümmern; für Störenfriede aber soll er nichts übrig haben."

"Der falsche Glaube an ein für sich Bestehen der psychologischen und ethischen Prädikate, den insbesondere die Geistlichen hegen, an ihr Losgelöstsein von irgendeinem Bedingenden, die Verkennung des Umstandes, daß sie nichts als Wertungen sind, die nur in Bezug auf einen Urheber Sinn haben, die mit dem Einzelnen und der Gesamtheit wechseln, sich verrücken, oft ins Gegenteil umschlagen: dies hat den Wahn einer objektiven Geschichtsschreibung ermöglicht."

Es gilt als die Aufgabe der Wissenschaft "von der Entwicklung der Menschen in ihrer Betätigung als soziale Wesen" (BERNHEIM), einen Tatbestand, der sich objektiv vollzogen habe, Ereignisse in ihrer kausalen Verknüpfung gedacht, objektiv darzustellen. (1)

So äußert sich RANKE (2): "Die vornehmste Forderung an ein historisches Werk bleibt doch immer, daß es wahr sei, daß die Dinge sich so begeben haben, wie sie dargestellt werden." Und an anderer Stelle (3): "Man hat der Historie das Amt, die Vergangenheit zu richten, die Mitwelt zum Nutzen zukünftiger Jahre zu belehren, beigemessen: so hohe Ämter maßt sich der gegenwärtige Versuch nicht an: er will bloß sagen, wie es eigentlich gewesen ist."

Aber ist überhaupt objektive Kunde, geschweige denn objektive Darstellung möglich?

Woher stammt das geschichtliche Material?

Von Überresten und Denkmälern abgesehen: aus Briefen, Tagebüchern, Memoiren, aus Urkunden, Gesandtschaftsberichten und vielem anderen, aus Aufzeichnungen von Zeitgenossen und Überlebenden, aus aller mündlichen und schriftlichen Tradition.


Was hier in der unverarbeiteten Masse der Quellen vorliegt, ist zunächst nur die subjektive Auffassung, die jeder Autor in gutem Glauben oder in böswilliger Absicht überliefert. Der Gegenstand erscheint in einer bunten Reihe eigentümlicher Beleuchtungen. Es ist klar, daß keine noch so große Menge von Eindrücken, von Meinungen, von Mitteilungen der Vorganges, d. h. über den Vorgang, seine Tiefe wird entfalten und erschöpfen können. Nach den klaren und wahrscheinlichen Zeugnissen aber, wenn sie zahlreich vorhanden sind, richtet sich im Gegensatz zu einer oder wenigen im Dunkeln liegenden Quellen das Licht, in dem eine Ereigniskette der Nachwelt erscheint.

Ist das nun objektive Erfahrung?

Wenn ich  x  zu stark von einander abweichenden Quellen habe, die dasselbe verschieden erzählen, können  p  exakte Historiker in genauer Übereinstimmung mit den  x kritisch bearbeitenden  Quellen mindestens  p  verschiedene psychologische Darstellungsarten des objektiv Geschehenen liefern, die alle Anspruch auf absolute Wahrheit machen.

Ein Vorgang  a  wirkt auf den Intellekt auf verschiedene Weise. Einem jeden wird etwas anderes als wichtig auffallen, dies tritt hervor und prägt sich ihm ein. Ein jeder erlebt und erklärt denselben Vorgang besonders, nach seinem Charakter, seiner Lebenserfahrung und der aus ihr erwachsenen Weltansich und Parteimeinung. Ein jeder empfängt einen eigenen Eindruck, den er schildert: und diese Schilderung ist sein Urteil.

So wie ein materieller Gegenstand von vielen näheren und ferneren, kleineren und größeren ebenen, Konvex- und Konkavspiegeln überall verschieden zurückgeworfen wird, so erscheint das historische Ereignis in der subjektiven Wertung zahlreicher, der vorurteilslosesten wie der beschränktesten Köpfe. Was der kritische Geschichtsschreiber bieten kann, ist nichts als der Durchschnitt, der Abhub der ihm plausibelsten Auffassungen. Der kausale Prozeß, der sich in Wirklichkeit abspielte, das Ereignis an sich ist ebenso wenig jemals erkennbar wie das System von Ursachen, welche unsere Erscheinungswelt hervorrufen.

Die Möglichkeit einer objektiven Wahrheit, welche die genetische Darstellungsart gegenüber einer referierenden, einer pragmatischen (lehrhaften), einer teleologischen, die historisch-kritische Forschung der RANKEschen Schule gegenüber der philosophisch-moralisierenden SCHLOSSERs, der politischen DAHLMANNs, der kulturhistorischen RIEHLs behauptet, enthält eine erkenntnistheoretische Schwierigkeit sondergleichen.

Jeder Darsteller eines Vorgangs, der Zeitgenosse wie der späte Geschichtsschreiber, fügt fortwährend zwischen die nacken Tatsachen, die äußeren Begebenheiten psychologische Beweggründe ein. Jeder Zuschauer, Augenzeuge einer Handlung tut dies; er schließt von den einzelnen Bewegungen der Personen auf die Motive zurück. Er bildet einen Zusammenhang. Er schafft sich eine subjektive Anschauung, weil ihn das kausale Bedürfnis dazu zwingt.

Diese psychologische Ergänzung ist für uns notwendig, um an die Tatsächlichkeit der überlieferten Begebenheiten zu glauben.

Das Material ist also nur ideal konstruierbar; das Berichtete muß erst, durch die Heuristik [optimale Vorgehensweise - wp], vervollständigt werden. Dies geschieht, indem man alle Erscheinungen auf soziale Individuen zurückführt.

Sobald man die Historie nicht zur Wirtschafts- oder Verfassungsgeschichte herabdrückt, sobald man sie nicht vorwiegend durch den Wechsel nationalökonomischer und sozialer Zustände oder selbst durch den Wechsel von Geistesrichtungen bedingt hält, sobald man die ungeheure Übertreibung der materialistischen Geschichtsbetrachtung einsieht, alle Komplikationen nur aus  einem  physiologischen Bedürfnis abzuleiten zu wollen und über das psychologische Bedürfnis der Individualität, sich auszuleben, hinwegsieht: ist und bleibt die Geschichte die Geschichte von  Individuen,  von verschieden gearteten und begabten, hochentwickelten Säugetieren, welche die erstaunliche Ausbildung eines Organs, des Gehirns, befähigt, sich über das Hinvegetieren zu erheben und in einen Wettkampf einzutreten, aus dem alle höhere Kultur als Kraftüberschuß geboren wird.

Persönlichkeiten schaffen ein Milieu, wie sie aus einem solchen hervorgehen. Eine ideelle Geschichtsschreibung unterschlägt leicht den individualistischen Faktor.

So lange diese aristokratische Geschichtsauffassung besteht, - sie ist glücklicherweise gegenwärtig wieder im Aufblühen - wird es nicht genügen, ein tiefer Psychologe zu sein: nachzitternder Leidenschaft, eines Ausströmens des Gefühls, einer verhaltenen Glut, wird der Historiker bedürfen, der für das Leben schreibt, der mehr tut, als das Gewesene um seiner selbst willen zu studieren.

Diese Erkenntnis drängt sich bereits HEBBEL auf; er schilt (4) über
    "die materielle Geschichte, die schon NAPOLEON die Fabel der Übereinkunft nannte, dieser buntscheckige ungeheure Wust von zweifelhaften Tatsachen und einseitig oder gar nicht umrissenen Charakterbildern ..." und mit Recht gilt ihm "die Kunst für höchste [subjektive] Geschichtsschreibung ..., indem sie die großartigsten und bedeutendsten Lebensprozesse gar nicht darstellen kann, ohne die entscheidenden historischen Krisen, welche sie hervorrufen und bedingen, die Auflockerung oder die allmähliche Verdichtung der religiösen und politischen Formen der Welt, als der Hauptleiter und Träger aller Bildung, mit einem Wort: die Atmosphäre der Zeiten zugleich mit zur Anschauung zu bringen."
Aber die individualistische Geschichtsschreibung ist verpönt. Wie man vom Literaturhistoriker verlangt, er solle Zusammenhänge aufdecken, ein Stück Kultur nach seiner Herkunft schildern, Geistesschöpfungen entstehen lassen, ohne sie ästhetisch zu werten, so fordert der demokratische Geschmack vom Geschichtsschreiber, daß er das Gefühl für das große Leben verliere, daß er Zustände male, Verschiebungen, Umwandlungen der Zeiten darstelle, dem langsamen Kriechen der Gemeinschaft, der Masse nachspüre, worin der Einzelne verschwindet. Er soll alles gleich wichtig nehmen. Die Zahl, nicht der Wert der Menschen soll das Motiv seiner Betrachtung abgeben; das Wohl und Wehe der Vielen muß ihn bekümmern; für Störenfriede aber soll er nichts übrig haben.

Und so rühmt dann Lord ACTON (5) an RANKE: "Den Heroenkultus meidet er als einen letzten Ausfluß vorgeschichtlichen Vorurteils." Nicht etwa davo wird gewarnt, daß der Historiker der Individualität ihre Größe als Verdienst auslege, - sie scheint vielmehr eine Notwendigkeit wie beim Schwächling die Demut - nein davor, daß diese Größe irgendwie Eindruck auf ihn mache. Das Vorrecht der Persönlichkeiten soll aufhören. So wischt man aus Scheu, Subjektives wiederzugeben, alle glänzenden Farben von den Gestalten hinweg; ihre ungeheure historische Wucht wird oft maßlos verdünnt, abgeschwächt, verwässert; so daß es schwer fällt, ihre Taten zu begreifen.

Ahnt denn der Historiker gar nichts davon, daß es nicht deshalb unmöglich ist, partei- und interesselos, objektiv zu schreiben, weil das die menschliche Natur nicht über sich gewinnt, sondern weil das Darstellungsmittel aller Geschichte, die Sprache, daran hindert?

Die Charakteristik einer Persönlichkeit ist nur durch Wertungen gegeben. Gleichviel ob diese der Geschmack, der Gebrauch eines Zeitalters oder der Eindruck eines Einzelnen bestimmt: es bleiben subjektive Urteile ohne starre Verbindlichkeit. Sie mögen scheinbar bei psychischen Eigentümlichkeiten festere Geltung haben, weil sich hier Umwertungen nicht so rasch vollziehen; bei moralischen Urteilen tritt ein Wechsel in den Anschauungen der Nachwelt desto schneller ein. Selbst über physische Beschaffenheiten können sich Streitigkeiten erheben. Man wird eine Figur längere Zeit hindurch für zum Zorn, zur Vorsicht, zum Mißtrauen geneigt, für streng oder eigensinnig halten, als man ihr Arglist und Bosheit, Anmaßung und Willkür vorwirft, sie als lasterhaft oder schuldlos hinstellt. Hier wertet eben vorzugsweise Volkstum und Weltanschauung. Für Epochen mit stärkeren oder schwächeren Nerven, mit nüchternem oder ausschweifendem Geschmack ändert sich das Bild eines historischen Menschen.

Und nicht nur das des Einzelnen. Was sich erhellt, wenn man die nominalistische Doktrin auf die zusammenfassende Benennung, (6) auf die Charakterisierung ganzer Zeiträume anwendet? Wenn man fragt, ob jene Bezeichnungen Blüte, Niedergang, Verfall und viele andere mehr als einseitige, Bestimmtes hervorziehende Auslegungen der Phänomene sind? Es erhellt sich, meine ich, die Abhängigkeit, in der die Wertungen historischer Zeitspannen von den verschiedenen ethischen, bzw. zeitlichen Maßstäben und sittlichen Forderungen stehen. Die meisten Zeichnungen und Urteile sind den ersten Konturen nachgemalt, die Mitlebende von den Ereignissen entwarfen. Die Konvention pflanzt diese Ansichten, diese Schätzungen fort. Verborgene Sonderlinge, späte Querköpfe erst beginnen anders zu sehen, zu "retten", nachzuspüren, ob bestimmte Jahresgruppen, welche in kriegerischer und politischer Stärke nicht viel wert sein mögen. Das für den jeweiligen Maßstab wichtige Geschehen gibt den Grund, von dem aus willkürlich umgrenzte und mit mehr oder weniger erschöpftem und geschätztem Inhalt angefüllte Abschnitte gewogen werden. Man sieht leicht, welches Geschehen die Historiker aller Weltanschauungen bisher vornemlich ernst nahmen und man darf vielleicht die erfreuliche Folgerung daraus ziehen: das Gefühl für das Leben sei noch nicht ins Schwächliche umgestimmt. Denn was ist, christlich gemessen, die Völkergeschichte seit den Kreuzzügen anders als ein fluchwürdiger Verfall, von einzelnem wie dem Pietismus abgesehen - man entfernt sich stets mehr von der Absicht, ein christliches Leben, eine Vorbereitung für das Jenseits zu ermöglichen -; was ist sie, vom Standpunkt der altruistischen Moral aus anders als eine einzige ungeheure Barbarei; was ist sie für den Pessimismus, für buddhistische Lebensverneinung mehr als das traurige Kampfspiel leidenschaftlicher Toren; was ist sie vom Tugendseligen, dem Verehrer des Guten, dem Wahrheitsapostel, dem Schönheitsidealisten, dem Gläubigen einer sittlichen Weltordnung aus gewertet, wenn nicht ein grauenhaftes Ineinander von Rohheit und Bosheit, von Lug und Unsittlichkeit, von Widersinn und Unnatur, wenn man wirklich eine zahme Kultur als das Ideal hinstellen will. Daß man so streng nicht wertet, kann geeignet sein, uns die Güte dieser Maßstäbe, dieser Lebensanschauungen zu verdächtigen.

Der falsche Glaube an ein für sich Bestehen der psychologischen und ethischen Prädikate, den insbesondere die Geistlichen hegen, an ihr Losgelöstsein von irgendeinem Bedingenden, die Verkennung des Umstandes, daß sie nichts als Wertungen sind, die nur in Bezug auf einen Urheber Sinn haben, die mit dem Einzelnen und der Gesamtheit wechseln, sich verrücken, oft ins Gegenteil umschlagen: dies hat den Wahn einer objektiven Geschichtsschreibung ermöglicht. Man kann nichts wiedergeben, ohne sich der Sprache und mit ihr der Wertungen, zu bedienen, ohne, um grob zu sprechen, schon allein dadurch zu fälschen. Notwendig ist auch nur, daß diese Fälschung, diese subjektive Verarbeitung des Stoffes  bewußt  vollzogen wird. Eine Darstellungsart, welche die Wertungen abschwächt, möglichst versteckt, möglichst matte Farben aufträgt, denn färben muß sie, erheuchelt die Objektivität nur; und diese unehrlichen Annäherungsversuche an das Phantom, sich des Urteils zu enthalten, büßen gerade dadurhc die Fähigkeit der Charakterisierung ein. Das objektive Geschehen ist nicht "wahr" zu erzählen oder niederzuschreiben, weil  die Art der psychischen Aufnahme durch das Subjekt, wie sie in der Sprache zum Ausdruck gelangt,  vorausgesetzt wird.

Geschichte als unsubjektives Feststellen und Beschreiben, geschweige denn als Beurteilen und Erwägen der Bedeutung von Vorgängen und Personen, wie sie einmal gewesen sind, scheint mir unmöglich. Als die einzige mit außerordentlicher Wahrscheinlichkeit objektive und sichere Geschichtsschreibung dürfte man die Notizen einer Geschichtstabelle ansehen.

Es wäre billig, von der Schroffheit der letzten Bemerkung aus die Ergebnisse dieser Betrachtung zu verurteilen, ohne die intellektuelle und sprachliche, d. h. die erkenntnistheoretische Schwierigkeit zu beseitigen oder auch nur zu prüfen. Die Ignorierung des hier vorliegenden tiefen philosophischen Problems durch den prinzipiellen Untersuchungen abgeneigten Historiker, das unverrückbare Vertrauen auf die Forschungsweise und die Resultate der Empirie, die Orthodoxie des Dogmatikers, die Behauptung, daß eine Skepsis der historischen Methode gegenüber kein Recht habe, dürften schwerlich imstande sein, auftauchende Zweifel niederzuschlagen. Haben wir nicht etwas mehr festgestellt als jene tabellarischen Notizen? Wir können doch den Verlauf einer Schlacht, eines Krieges, also einer Ereigniskette nach den Quellen ganz genau beschreiben! Die Verfassung, die Parteibewegung, das politische, wirtschaftliche und soziale Leben, den Handel eines Volkes objektiv erfassen, "in seiner Wesenheit" darstellen! Wirklich? Kommt man denn zu den Ergebnissen, kommt man je über die Berichte hinaus? Und selbst angenommen,  a, b, c  könnten objektiv klargelegt werden, was eben zu beweisen ist: folgt daraus etwa, daß damit auch ein Zusammenhang, in dem diese drei stehen könnten, offenbar wird? Wo der eine Kausalprozeß, den wir annehmen dürfen, in Tausende von Zusammenhängen ausgedeutet werden kann! Und was die Persönlichkeiten anlangt, so gilt es zu beweisen, daß  Kopien  möglich sind; zu beweisen, daß jede bedeutende Persönlichkeit, wenn sie wirklich in der und der Zeit vorwiegend durch gewisse Gedanken genährt und bestimmt würde, als ein geistiges Zentrum hätte und wenn dieses angenommene Zentrum des Seelenlebens erkennbar sei, von hier aus historisch, in ihrer Wichtigkeit für die Geschichte gesehen und objektiv geschätzt werden könnte. Und endlich in jener nominalistischen Sache: es gilt zu beweisen, daß eine Nation, daß sagen wir 50 Millionen Einzelmenschen zusammengefaßt, innerhalb einer begrenzten Zeitstrecke eine Richtung innehalten, ein hervortretendes Gepräge haben; es gilt zu fragen, wie deren Mehrzahl - aber ist diese maßgebend? - lebte oder einige historisch wichtige Kreise der Bevölkerung lebten - aber welche sind das? wie erkenne ich sie? -; worin eine Geistesrichtung besteht, wer sie trägt, woraus sie entspringt, aus physiologischen oder psychologischen Bedürfnissen von Individuen, ob sie mehr ist als eine unzureichende Marke für ein unendliches Geflecht von wirkenden Kräften, ob auch solche rohe Namen etwas zu geben ist, ob man sich so weit versteigen darf, an sie als objektive Ergebnisse empirischer Untersuchung zu glauben! Sollte ein Skeptiker hier nicht Schritt für Schritt angreifen, das ganze Gebäude von ideellen Wertungen als über einem unbekannten und fast unerforschlichen Boden errichtet verspotten können? Als ein unkontrollierbares Erzeugnis? Als ein höchst fragwürdiges Mittel der Abkürzung: einen einzigen mageren Ausdruck für unsäglich vieles?

Wenn Wissenschaft die genaue Feststellung eines Kausalprozesses, einer Ereignisreihe sein soll, dann ist die Geschichte schwerlich eine Wissenschaft. (7) Für den aber, den das Gespenst einer exakten und daher, wie der Trugschluß lautet, objektiven Historie nicht kümmert, für den, der nicht an das Überlieferte, wie es überliefert ist, glaubt, der die Sukzessiven Veränderungen des Denkens, Fühlens, der Willensrichtungen in Anschlag bringt, für den wird sie nach wie vor das prachtvolle und erhabene Vergnügen des künstlerischen Geistes bleiben.
LITERATUR Ernst Wachler, Zur Kritik der historischen Methode, Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie, Bd. 17, Leipzig 1893
    Anmerkungen
    1) BERNHEIM, Lehrbuch der historischen Methode, Leipzig 1889
    2) LEOPOLD von RANKE, Werke XII, Seite 5
    3) LEOPOLD von RANKE, Geschichten der römisch-germanischen Völker, Einleitung, 1824
    4) FRIEDRICH HEBBEL, Sämtliche Werke X, Hamburg 1891, Seite 15
    5) LORD ACTON, Die neuere deutsche Geschichtswissenschaft", aus dem Englischen übersetzt von J. IMELMANN, Berlin 1887
    6) Wie Altertum, Mittelalter, rationalistisches, romantisches Zeitalter usw.
    7) Die Frage nach der Auffindung politischer Prinzipien und historischer Gesetze, die schwerlich etwas anderes ist als ein verkappte metaphysische Gelüste, darf ich nach den Ergebnissen der letzten Forschung übergehen. Zum obigen vergleiche:
    - VILLARI, Ist die Geschichte eine Wissenschaft? Autorisierte Übersetzung von H. LOEVINSON, Berlin 1892
    - OTTOKAR LORENZ, Die Geschichtswissenschaft in Hauptrichtungen und Aufgaben kritisch erörtert, Berlin 1886;
    - JOH. GUST. DROYSEN, Grundriss der Historik, Leipzig 1868
    - ULLMANN, Über wissenschaftliche Geschichtsforschung und Geschichtsphilosophie, Göttingen 1880
    - Ungenügend dünkt mich der Aufsatz von PAUL HINNEBERG, Die philosophischen Grundlagen der Geschichtswissenschaft, Sybels historische Zeitschrift Nr. 63, 20f - Außerdem: MAURRENBRECHER, Über Methode und Aufgabe der historischen Forschung; Bonn 1868, Seite 15f
    - von SYBEL, Über die Gesetze des historischen Wissens (Vorträge und Aufsätze, Bonn 1874, Seite 1f)
    - ÜBERWEG, Anmerkung 91 zu seiner Übersetzung von BERKELEYs Treatise on the principles of human knowledge, Heidelberg 1882