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RUDOLF EUCKEN
(1846 - 1926)
Philosophie der Geschichte

"In den ersten Jahrzehnten des 17. Jahrhunderts beginnt jener gewaltige Prozeß der Vernunft wider die Geschichte, den Dilthey in einer packenden Sprache geschildert hat. Das Verlangen nach einer rein rationalen Gestaltung der Kultur ergreift bald auch die einzelnen Gebiete, es entsteht ein  natürliches  Recht, eine  natürliche  Moral, eine  natürliche  Religion, eine  natürliche  Erziehung, ein  natürliches  Wirtschaftssystem, alle in einem entschiedenen Gegensatz zur überkommenen Gestalt und in einer großen Geringschätzung der geschichtlichen Überlieferung."

"Aus dem bewußten Denken der Individuen verlegt die konstruktive Geschichtsphilosophie die Hauptwerkstätte des Schaffens in das unbewußte Leben und Walten eines Volksgeistes.Die Bewegung des geschichtlichen Lebens erscheint dabei als ein allmähliches, von sicheren Grundtrieben gelenktes Werden und Wachsen nach Art eines organischen Lebensprozesses; der Begriff  organisch  wird hier zum Zauberwort, das alle Rätsel zu lösen, alle Schäden zu heilen verspricht. Eine eingreifende Wendung des Lebens wie der Geschichtsbehandlung zur Tatsächlichkeit, Anschaulichkeit, Individualität ist unverkennbar; alle einzelnen Gebiete, wie die Religion, das Recht, die Kunst, gewinnen an Fülle und Stärke dadurch, daß sie sich auf ihre geschichtliche Grundlage besinnen und sich ihr anschließen."

"Nun erwuchs von der Biologie aus eine evolutionistische Weltanschauung streng realistischer Art, die auch das gänzlich der Natur eingefügte menschliche Leben in eine neue Beleuchtung stellt. Der Begriff der Entwicklung hat hier alle Beziehung zu einer Vernunft aufgegeben und einen rein tatsächlichen Charakter angenommen. Hier entfaltet sich nicht im Werden ein irgendwie schon angelegtes Sein, sondern alle Gestalt erwächst aus dem empirischen Lebensprozeß und besteht nicht darüber hinaus. So auch in der menschlichen Geschichte ein unbegrenzter Relativismus der Betrachtung, ein Zurückgehen auf verschwindende Anfänge samt der Neigung, diese Anfänge durch alle weitere Bewegung hindurch als das Wesentliche und Wirksame festzuhalten, eine überragende Bedeutung des Kampfes ums Dasein, eine Langsamkeit der Bildung in allmählicher Ansammlung kleiner Größen, eine Erhebung des Nützlichen zum Zentralbegriff aller Werte."


Einleitung

Die Philosophie der Geschichte, als eine besondere Aufgabe neben der Geschichtsforschung samt ihrer Methodenlehre verstanden, hat manche Anfechtung erfahren, aber es geschah das namentlich, weil dem Begriff eine besondere Fassung gegeben wurde, welche begründete Bedenken hervorrief. Es war namentlich die HEGELsche Spekulation, welche eine Schädigung der wissenschaftlichen Arbeit der Geschichte befürchten ließ. Heute aber scheiden wir deutlicher zwischen der allgemeinen Frage der Philosophie der Geschichte und der besonderen Antwort HEGELs; so werden wir nicht das Problematische dieser Antwort dem Grundbegriff der Geschichtsphilosophie aufbürden, so kann diese uns nicht als eine Störung der Geschichtsforschung gelten. Diese Forschung kann nicht ins Große und Ganze gehen, ohne bei sich selbst eine gewisse Philosophie zu entwickeln und eine Grundüberzeugung von der Geschichte zu bekennen mag diese Überzeugung den Namen der Philosophie ablehnen, sie enthält ein Stück philosophischer Denkart. So gewiß im Bereich der Geschichte menschliches Denken und Handeln die Hauptrolle spielt, und so gewiß dieses schließlich auf Gesamtziele geht, so gewiß führt bei ihr von den einzelnen Daten ein Weg zu den treibenden Kräften und umfassenden Zusammenhängen durch Ideen und Überzeugungen; nur mit ihrer Hilfe verwandelt sich der äußere Anblick in ein Sehen von innen heraus, die fremde Welt in ein eigenes Erlebnis. Solche Ideen und Überzeugungen mögen dem Historiker so lange als selbstverständlich gelten, als er sich mit seiner Zeitumgebung in Einklang befindet und mühelos aus ihrem geistigen Besitz schöpft. Aber er trenne sich von der Zeit und versuche eigene Wege, oder die Zeit umfange ihn mit schroffen Gegensätzen und fordere von ihm eine eigene Entscheidung auch in Hauptfragen, wie will er dann aller Philosophie entsagen? Eine solche Lage wird rasch zu Bewußtsein bringen, daß es ohne eine Art von immanenter Philosophie keine Geschichtsforschung in großem Stil gibt und daß FLINT recht hat, wenn er sagt: "Die Philosophie der Geschichte ist nicht etwas von den Fakten der Geschichte verschiedenes, sondern etwas, das in diesen enthalten ist. Je mehr man die Bedeutung derselben begreift, umso mehr steigt er in sie ein und sie ihn ihn, weil es sich einfach die Bedeutung, die rationale Interpretation, das Wissen um die wahre Natur und die wesentlichen Verhältnisse dieser Fakten handelt."

Stärker noch als das Interesse der Wissenschaft drängt zur Ausbildung einer prinzipiellen Überzeugung von der Geschichte ein unabweisbares Bedürfnis des modernen Geistes- und Kulturlebens; zu seiner eigenen Klärung und Kräftigung fordert es eine Orientierung über sein Grundverhältnis zur Geschichte, namentlich über das Verhältnis von Gegenwart und Vergangenheit. Der erste Anblick zeigt hier einen schroffen Widerspruch. Als Kulturmenschen sind wir Kinder der Vergangenheit und zehren von ihrem Erbe, wir empfangen unsere Bildung, indem wir uns dieses Erbe aneignen; in Sitte und Recht, in Kunst, Wissenschaft, Religion reicht die Vergangenheit tief hinein in unser eigenes Leben und umspinnt uns mit einem dichten Netz sichtbarer und unsichtbarer Wirkungen. Aber zugleich erhebt sich gegenüber allem Zustrom der Vergangenheit die Gegenwart mit der Forderung eines eigenen und ursprünglichen Lebens und verlangt dafür ein Zurückstellen alles Fremden; von hier aus erscheint die Geschichte als eine drückende Last, der sich nur der Schwache willenlos unterwirft. So wirken hier große Wogen gegeneinander und ziehen auf- und absteigend die Bewegung in ihre Bahnen, insbesondere wird die unmittelbare Gegenwart mit ihren schroffen Gegensätzen aufs stärkste bewegt von einem Kampf um die Geschichte und unser Verhältnis zu ihr; die einzelnen Parteien haben ihre eigenen Geschichtsbilder, umso ausgeprägtere, je mehr sie selbst mit selbständiger Behauptung zum ganzen Menschen reden und den ganzen Menschen verlangen. Man denke nur an die "materialistische", besser "ökonomische" Geschichtsphilosophie der Sozialdemokratie. In einer solchen gespannten Lage kann sich die Wissenschaft unmöglich dem Problem entziehen und die wichtige Frage dem Zufall der Stimmung und der Leidenschaft der Parteien überlassen.


I. Die Geschichte der Geschichtsphilosophie.

So gewiß wir an erster Stelle mit der gegenwärtigen Lage der Geschichtsphilosophie zu tun haben, so müssen wir für ihr eigenes Verständnis notwendig einen Blick auf die früheren Zeiten zurückwerfen, in denen sie wurzelt oder denen sie widerspricht.

Wie das 18. Jahrhundert die geschichtsphilosophische Hauptthese der Neuzeit zu voller Bewußtheit erhoben hat, so stammt aus ihm auch der Ausdruck "Philosophie der Geschichte" (philosophie de l'histoire). Er begegnet uns zuerst bei VOLTAIRE, er bedeutet ihm aber mehr ein Nebeneinander von Gedanken über die Geschichte; technischer wird der Sinne beim Schweizer WEGELIN, der in den Schriften der Berliner Akademie zwischen 1770 und 1776 mehrere Abhandlungen "sur la philosophie de l'histoire" veröffentlichte; die Einbürgerung in unsere Sprache dürfte namentlich durch HERDERs "Ideen zur Philosophie der Geschichte" (1784 - 1791) erfolgt sein.

Wie oft, so entspricht auch hier die Prägung eines technischen Ausdrucks einer Erstarkung der Sache, auch sie tritt durch das 18. Jahrhundert in einen neuen Stand. Erst hier erreicht die Betrachtung der Geschichte die Weite, Universalität und Freiheit, ohne die es keine selbständige Philosophie der Geschichte geben kann, erst hier wird die Geschichte zum Hauptlebenskreis des Menschen. Dafür aber bedurfte es mancher Vorbereitungen und mancher Befreiungen, mußte namentlich die Neuzeit zur vollen Entwicklung ihrer eigentümlichen Art gelangt sein. Denn erst sie bot die Bedingungen für eine selbständige Philosophie der Geschichte. So großartig die griechische Gedankenarbeit auch auf dem Gebiet der Geschichte war, und eine so große Fülle selbständiger Leistungen sie hervorbrachte, auf der Höhe der Philosophie hat sie die Menschheit eingefügt; das wohl unter dem Einfluß der babylonischen Astronomie, der eine Gesamtauffassung der Stellung des Menschen zum All entsprach. So betrachteten auch die leitenden griechischen Denker das geschichtliche Leben als einen großen Rhythmus, der gleichmäßig von Ewigkeit zu Ewigkeit verläuft, immer neu aufbauend und zerstörend, Weltgestaltungen aus sich hervortreibend und in sich zurücknehmend. So eine ewige Wiederkehr der Menschen und Dinge, kein bleibender Ertrag der Bewegung; der Platonismus betrachtet unseren Daseinskreis als ein Abbild einer ewigen Ordnung, die allein ihm einen Halt gewährt und eine Vernunft zuführt.

Dem Christentum war die Geschichte unvergleichlich viel mehr; nichts unterscheidet es mrh von allem Platonismus als der Aufbau einer geschichtlichen Ordnung gegenüber seiner zeitlosen Betrachtung der Dinge. Dem Christentum galt die Geschichte als etwas schlechterdings Einziges und Einmaliges, das Eintreten des Göttlichen in den menschlichen Kreis und die sonst so flüchtige Zeit hob unermeßlich die Bedeutung des zeitlichen Lebens; innerhalb seiner sah sich der Mensch vor eine große Aufgabe gestellt und zu einer folgenschweren Entscheidung aufgerufen, der endlose Rhythmus des Naturlaufs wich damit einem ethischen Drama, das alle einzelnen Zeiten zusammenhält. Die alles überragende Religion stellte auch die politische Geschichte unter einen religiösen Anblick, so zeigt ihn die bekannte, dem Buch DANIEL entlehnte Vorstellung von den vier Monarchien, die, namentlich durch HIERONYMUS zu allgemeiner Geltung gebracht durch das ganze Mittelalter bis an das 16. Jahrhundert reicht. Keime zu einer Philosophie der Geschichte also in Hülle und Fülle! Aber die gebundene Denkweise der älteren Zeit vermochte diese Keime nicht zu entwickeln. Es wirkte dagegen die vorwiegend jenseitige Lebensstimmung, die der Geschichte weder eigene Bewegungskräfte noch eigene Ziele zuerkannte, sie vielmehr nur zu einer Vorstufe einer ewigen Ordnung herabsetzte; es hemmte nicht minder ein Stabilismus, der alle entscheidenden weltgeschichtlichen Taten der Vergangenheit zuwies und damit das Leben vornehmlich an die Vergangenheit kettete, der zugleich wenig Sinn für die Unterschiede der Zeiten hatte. Die unablässige Verschiebung der menschlichen Verhältnisse blieb hier ungewürdigt, die Probleme des Werdens und Wandelns wurden nicht anerkannt.

Einer solchen Festlegung widerspricht die Neuzeit schon durch die Tatsache ihrer eigenen Bildung; um Neues, Neues auch im ganzen, wollen zu können, mußte sie an eine Bewegung und ein Recht der Bewegung glauben. Sie erweist eine größere Selbständigkeit zunächst in der Renaissance und Reformation durch ein freieres Zurückgreifen auf frühere Epochen, sie entwickelt bald auch eine Eigentümlichkeit gegenüber allem Früheren und wird zu einer deutlichen Abgrenzung dagegen getrieben. Namentlich im Frankreich des 17. Jahrhunderts beginnt sich das "Moderne" dem Antiken entgegenzustellen und überlegen zu fühlen (PERRAULT), zugleich wird das Mittelalter als  medias aetas  [Mittelalter - wp] oder  medium aevum  abgegrenzt; diese Abgrenzung erscheint gelegentlich schon im 15. Jahrhundert, aber zu einer festen Einteilung wird sie erst im 17. Jahrhundert (VOETIUS, ROUSIN, HORN, CELLARIUS), namentlich CHRISTOPH CELLARIUS (1634 - 1707) zerlegte die Geschichte in  historia antiqua, historia medii aevi, historia nova,  eine Einteilung, die sich trotz mannigfachen Widerspruchs im Großen und Ganzen durchgesetzt hat. Damit wird freier Raum für Erörterungen über die Unterschiede der Zeiten und über den Ertrag der geschichtlichen Bewegung gewonnen; wichtiger aber als solche Erörterungen sind tatsächliche Wandlungen, ja Umwälzungen des Lebens, welche die Geschichte bedeutender machen und schließlich auch eine Philosophie der Geschichte erzeugen.

Zu diesen Wandlungen des Lebens gehört zunächst ein Vordringen des Gedankens des Werdens und der Veränderung gegenüber dem des Seins und Beharrens, der die antike wie die mittelalterliche Überzeugung erfüllt hatte. Erschien dieser alles Geschehen bei uns von einer unwandelbaren Ordnung beherrscht und alle Vernunft unseres Daseins an den Zusammenhang mit dieser gebunden, alles Werden dagegen einer niederen Stufe angehörig, so gerät dem von seiner Kraft und Leistungsfähigkeit erfüllten modernen Menschen die Welt sowohl um ihn als in ihm mehr und mehr in Fluß, und es wird immer mehr von dem, was unwandelbar schien, vom großen Weltbau an bis in die feinsten Gebilde des seelischen Lebens, in die Bewegung und Veränderung hineingezogen, von hier aus verstanden, scheint es sich sowohl der Einsicht des Menschen mehr zu eröffnen als seiner Tätigkeit zugänglicher zu werden. Schon das hebt die Bedeutung der Geschichte und mit ihr die der geschichtlichen Betrachtung.

Zu einem vollen Sieg der Bewegung gehörte aber, daß nicht nur die Veränderung als eine durchgängige Tatsache anerkannt, sondern daß auch ihre treibenden Kräfte und leitenden Ziele ganz und gar in unsere Wirklichkeit verlegt wurden; das aber geschieht durch die Wendung von einer jenseitigen zu einer diesseitigen Denkweise, durch die Wendung von der Religion zu einer Weltkultur. Denn die Verlegung der Kräfte und Ziele in das Diesseits veränderte notwendig auch den Inhalt des Lebens. Nun kann es nicht mehr darin seine Hauptaufgabe finden, zu einer über ihm befindlichen Ordnung Stellung zu nehmen und ein vorgeschriebenes Gesetz zu erfüllen, sondern zur Hauptsache wird nun, die eigene Welt zu entfalten, was immer an Möglichkeiten in ihr schlummert, zu voller Wirklichkeit zu erwecken, ja in Anbildung immer nuer Kräfte sich ins Grenzenlose zu steigern. Damit wird es klarer und kräftiger in sich selbst, mächtiger und wirksamer gegen die Umgebung. Zuversichtlich wird nun die Aufgabe ergriffen, das Wirkliche vernünftig und das Vernünftige wirklich zu machen, ein Reich der Vernunft im eigenen Kreis des Menschen aufzubauen. Zur Hauptwerkstätte des Lebens und Schaffens wird damit das geschichtliche Dasein, es braucht nun die Mitteilungen einer Vernunft nicht mehr von draußen zu erwarten, es scheint diese bei sich selbst erzeugen zu können, es wird damit zum Hauptlebenskreis des Menschen und der Menschheit.

Freilich vollzog sich eine solche Wendung zu einer immanenten Lebensführung nicht mit einem Schlag, vielmehr hat sie drei Hauptstufen durchlaufen und danach die Art der Kultur wie das Bild der Geschichte verschieden gestaltet. - Der Panentheismus [das Universum als Teil Gottes - wp] auf der Höhe der Renaissance sieht in der Welt noch den Abglanz einer Überwelt und löst daher auch die Geschichte nicht ab von einer übergeschichtlichen Ordnung. Dem Panentheismus des eigentümlich modernen Idealismus werden Welt und Gott zu einer einzigen Wirklichkeit, die Geschichte aber zur Selbstverwirklichung einer Allvernunft. Die Wendung zum Positivismus und Agnostizismus vertreibt endlich alles Innenleben wie aus der Wirklichkeit, so aus der Geschichte und macht aus ihr ein Gewebe gegenseitiger Beziehungen und Verkettungen, das nur durch die Macht einer Tatsächlichkeit weitergetrieben wird. Ihren Gipfel erreicht die moderne Geschichtsphilosophie auf der zweiten Stufe, die Grundstimmung der Neuzeit findet hier den reinsten Ausdruck und die greifbarste Verkörperung. Jenen Phasen entspricht auch die Fasung der Entwicklungsidee: sie trägt zunächst einen religiösen, dann einen künstlerisch-spekulativen, endlich einen empirisch-wissenschaftlichen Charakter. Alle Phasen der Bewegung verbindet aber das Streben, das diesseitige Leben zu steigern und seine Arbeit zur Hauptwerkstätte der Vernunft zu machen.

Aber eine solche Steigerung des eigenen Lebens und der Selbsttätigkeit des Menschen ergab nicht unmittelbar den Sieg einer geschichtlichen Ansicht, vielmehr fand das neue Leben erst durch die Verneinung der Geschichte hindurch die Selbständigkeit und Überlegenheit, um sich zur Geschichte zurückzuwenden und ein fruchtbares Verhältnis zu ihr auszubilden. Unbefriedigt von einem überkommenen Lebensstand setzt ihm die Aufklärung eine zeitlose Vernunft entgegen, und will sie die historische Begründung der Kultur durch eine rationale ersetzen; erst eine solche scheint das menschliche Leben zu voller Klarheit und Mündigkeit zu erheben. In den ersten Jahrzehnten des 17. Jahrhunderts beginnt jener gewaltige Prozeß der Vernunft wider die Geschichte, den DILTHEY in einer packenden Sprache geschildert hat. Das Verlangen nach einer rein rationalen Gestaltung der Kultur ergreift bald auch die einzelnen Gebiete, es entsteht ein "natürliches" Recht, eine "natürliche" Moral, eine "natürliche" Religion, eine "natürliche" Erziehung, ein "natürliches" Wirtschaftssystem, alle in einem entschiedenen Gegensatz zur überkommenen Gestalt und in einer großen Geringschätzung der geschichtlichen Überlieferung.

Eine solche Schroffheit konnte der Gegensatz unmöglich behalten, die Befestigung der rationalen Denkweise selbst trieb zu einer Wiederannäherung an die Geschichte, die Vernunft konnte sich nicht als die Herrin der Wirklichkeit fühlen, ohne auch das Reich der Geschichte an sich zu ziehen und ihre Macht an ihm zu erweisen. Zunächst freilich beschränkt sich die Berührung auf einzelne Seiten und Punkte; Einzelheiten werden herausgegriffen und als Unterstützung, Beispiel usw. verwandt, auch wohl allgemeine Sätze zu Nutz und Frommen der Menschheit abgeleitet, namentlich erscheint die Geschichte als eine moralische Lehrmeisterin, als ein Antrieb zum Guten, eine Warnung vor dem Bösen. So eine lehrhafte, praktisch-verständige Behandlung der Geschichte.

Aber eine solche Behandlung, die den Dingen einen fremden Maßstab aufdrängt uns sie nicht bei sich selbst zusammenfaßt, konnte einer vordringenden und selbstbewußten Kultur nicht lange genügen, diese mußte auch ein Streben nach einem inneren Zusammenhang und einem Gesamtbild der Geschichte aufnehmen, zugleich aber Gegenwart und Vergangenheit miteinander ausgleichen. Damit war der Boden für eine eigentliche Philosophie der Geschichte gewonnen. Es erscheint eine solche in deutlichen Zügen zuerst bei LEIBNIZ. Denn ihm wird die ganze Geschichte ein allmähliches Aufsteigen der Vernunft, näher ein unablässiges Fortschreiten von einem verworrenen Anfangsstadium zu immer größerer Klarheit. Hier gibt es keine Lücken und keine Sprünge, auch die scheinbaren Stillstände und Rückschritte sind Sammlungen für neue, höhere Leistungen. Als eine besondere Stufe hat jede Zeit ihre besondere Art, aber da dieselben Größen überall durchgehen und alle Unterschiede quantitativer Art sind, so bleibt alles miteinander verwandt und kann die Gegenwart alle Zeiten verstehen, ihren Ertrag in sich aufnehmen und ihn der Zukunft übermitteln. Der Gedanke eines langsamen, aber stetigen Fortschritts, eines Fortschritts durch Anhäufung kleinster Wirkungen, ist namentlich hier zum Durchbruch gekommen. Die Naturwissenschaften haben ihn aufgenommen und weitergeführt, der Positivismus hat ihn zum Rückgrat seiner Geschichtsphilosophie gemacht. Niemandem fühlte sich COMTE in seiner Geschichtsphilosophie verwandter als LEIBNIZ.

Das 18. Jahrhundert. Der Beginn des 18. Jahrhunderts brachte zunächst die Leistung VICOs (1668 - 1744); er konnte von einer neuen Wissenschaft reden, wenn er in seinem Hauptwerk die gemeinsame Natur der Völker untersuchte und von ihr aus Grundformen entwickelte, in denen sich alle menschliche Geschichte bewegt. Er entwirft eine "ewige ideale Geschichte", nach welcher in der Zeit die Geschichte aller Völker in Ursprung, Fortschritt, Blüte, Verfall und Ende abläuft; dabei betrachtet er die Schöpfungen nicht sowohl als Leistungen der einzelnen, sondern als Erweisungen eigentümlicher gesellschaftlicher Lagen. Weiter haben die Franzosen des 18. Jahrhunderts wie überhaupt, so auch auf dem Gebiet der Geschichtsphilosophie die moderne Denkweise zu allgemeiner Herrschaft geführt, ihr Streben unterlag dabei einem starken Einfluß einer inneren Unwahrhaftigkeit und Unhaltbarkeit der damaligen Zustände, es trieb sie mehr und mehr von der erstrebten Reform zu einer Revolution; die neue Stellung zur Geschichte war dabei ein Haupthebel der Bewegung.

Die Gesamtrichtung vollzieht eine Wendung vom Weltall zum Menschen, von einer kosmischen zu einer sozialen Lebensführung, der Seelenstand wie das Zusammenleben der Menschen in Geschichte und Gesellschaft beherrscht das Denken und Sinnen, der Mensch will vornehmlich sich selbst verstehen, seine Stellung zur Umgebung bemessen, alle Verhältnisse kritisch erwägen; es gilt, ihm eine geistige und staatliche Freiheit zu erringen, ihn von ungerechtem Druck wie lähmendem Aberglauben zu befreien, seine ganze Kraft zu entwickeln. Dabei waltet ein fester Glaube an seine moralische Gesinnung und an sein geistiges Vermögen, nicht er selbst, sondern die Mißstände des gesellschaftlichen Standes verschulden, scheint es, die tiefe Unzufriedenheit, woran die Zeit leidet. Um die Mitte des Jahrhundert erscheinen die bedeutendsten geschichtlichen und geschichtsphilosophischen Werke von MONTESQUIEU und VOLTAIRE. MONTESQUIEUs Werke, namentlich der "Geist der Gesetze", gewinnen einen tiefgehenden Einfluß auf das Denken, indem sie die Naturbedingtheit aller Einrichtungen durch Boden, Klima, Sitte, Bildung und Religion deutlich herausstellen und zugleich nach englischem Vorbild feste Grundlinien für die staatliche Ordnung entwerfen. Um dieselbe Zeit liefert VOLTAIRE in seinem geschichtlichen Hauptwerk, der "Versuch über die Sitten und den Geist der Völker", eine Gesamtgeschichte des menschlichen Geistes, und er vertritt dabei einen steten Fortschritt. Er behandelt nicht allein die politischen Ereignisse, sondern auch das innere Leben: die moralischen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen Zustände, technische Erfindungen, die künstlerischen Leistungen usw. Damit hat das Ganze der Geschichte nicht nur mehr Breite, sondern auch mehr inneres Leben gewonnen. Das Ganze dieser Aufklärung wirkte eifrig und erfolgreich dahin, die Flüssigkeit der menschlichen Verhältnisse wie die Bedingtheit aller Überzeugungen und Einrichtungen zu vollem Bewußtsein zu bringen.

Ein eigentümliches Gegenstück zu dieser Leistung lieferte das deutsche Geistesleben, mit ungleich größerer Kraft und Tiefe hat es das geschichtliche und geschichtsphilosophische Problem ergriffen. Nach schweren Erschütterungen und inmitten äußerer Enge und Kleinlichkeit mit wunderbarer Jugendkraft aufsteigend, hat es einen starken Zug zur Ganzheit und Innerlichkeit des Menschen, und entwickelt es auf der Höhe der klassischen Kultur ein neues Ideal des Lebens und der Schönheit, es hat nach allen Richtungen hin dadurch vertiefend und veredelnd gewirkt. Es ließ auch die Geschichte von innen her und in großen Zusammenhängen sehen, und gab ihr einen inneren Zusammenhang mit dem Weltall. Das Menschsein selbst wird hier ein Idealbegriff, die Geschichte aber das unentbehrliche Mittel seiner Verwirklichung; aus den Wirren und Kämpfen der Zeiten erhebt sich immer klarer und kräftiger ein Reich edler Menschlichkeit. Diese Gedanken begegnen uns zuerst in zuerst in einem zusammenhängenden Entwurf bei HERDER, sie sind dann im wesentlichen ihres Bestandes ein Gemeingut der leitenden Denker und Dichter jener Epoche geworden, sie beharren auch inmitten der gewaltigen Aufrüttelung, Konzentration, Selbsterhöhung des Geisteslebens, welche von der Philosophie KANTs ausgeht.

Die Vernunftkritik mit ihrer Erhebung des Geisteslebens über alle Erfahrung und ihrer Herabsetzung der Zeit zu einer bloß subjektiven Anschauungsform scheint zunächst einer geschichtlichen Ansicht wenig günstig. Aber sie findet schon bei KANT selbst mannigfache Wege zur Geschichte zurück, und sie enthält einen überaus fruchtbaren Keim für eine innere Erhöhung der Geschichte in der deutlichen Abhebung einer geistigen Struktur des Menschen vom empirisch-psychischen Geschehen. Dieser Keim gelangte zur vollen Reife im Unternehmer der konstruktiven Denker, das Geistesleben zum allumfassenden Weltbegriff zu erweitern und seine Bewegung alle Wirklichkeit erzeugen zu lassen. Was FICHTE in maßvollen Umrissen begintt, die noch Raum für individuelle Bildungen und die Anerkennung irrationaler Widerstände lassen, das wird bei HEGEL mit genialer Sicherheit, aber auch diktatorischer Gewaltsamkeit vollendet im Ausbau eines Systems, von dem stärkere Wirkungen ausgegangen sind als von irgendeiner anderen geschichtsphilosophischen Lehre. Die Geschichte wird hier zu einer kosmischen Logik und Dialektik, die Philosophie zieht sie ganz und gar an sich und verwandelt sie in einen einzigen mit sicherer Notwendigkeit fortschreitenden, die ganze Tiefe der Wirklichkeit erschöpfenden Vernunftprozeß. Dieser Prozeß liegt weit über den Meinungen und Zwecken des bloßen Menschen, mehr als irgend sonst etwas haben die Gedankenmassen eine volle Selbständigkeit gewonnen und bewegen sich aus ihrer eigenen Notwendigkeit; das Hauptmittel einer solchen Bewegung aber ist der Widerspruch, den die Begriffe und Ideen aus sich selbst hervortreiben; damit vermag sich auch das für den ersten Anblick Feindliche in ein Förderliches verwandeln, auch die Negation dient hier dem Fortschritt des Lebens. Einer derartigen Rationalisierung der Wirklichkeit entspricht eine durchgängige Systematisierung: alles Nebeneinander wird zum Ausdruck eines Grundgedankens, alles Nacheinander zum "Moment" einer Gesamtbewegung. So eine energische Zusammenfassung und großartige Durchleuchtung der gesamten Geschichte, die Philosophie der Geschichte aber der beherrschende Mittelpunkt der Gedankenwelt.

Von Anfang an hat es nicht an entschiedenem Widerspruch gegen diese Lehre als eine zu enge und gewaltsame gefehlt, auch hat, was in ihr an zerstörenden Kräften liegt, hervorzubrechen nicht gesäumt. Wenn trotzdem diese Philosophie der Geschichte noch immer forfährt, die Menschheit zu beschäftigen und aufzuregen, so zeigt das deutlich genug, daß sie noch immer nicht völlig überwunden ist. Es bildet eben HEGEL den wissenschaftlichen Höhepunkt, das abschließende Endglied, einer großen Kulturepoche; seine Macht über uns erklärt sich zum guten Teil daraus, daß er energisch zu Ende dachte, wo die meisten in der Mitte abbrechen.

Wirksamer als aller Widerspruch von außen her war die Ausbildung einer anderen Schätzung und Behandlung der Geschichte, wie die Romantik und die historische Schule sie brachten. Hier weiß man sich völlig frei von einer Konstruktion der Geschichte aus philosophischen Prinzipien, vielmehr ergreift und begrüßt man in ihr ein Reich selbständiger Tatsächlichkeit und will man dieser das eigene Denken und Leben möglichst eng verbinden. Läßt sich die konstruktive Geschichtsphilosophie als eine höhere Stufe der Aufklärung verstehen, so widerstreitet die romantische und historische Schule dieser vollauf. Aus dem bewußten Denken der Individuen verlegt sie die Hauptwerkstätte des Schaffens in das unbewußte Leben und Walten eines Volksgeistes; was in dieser Richtung schon HERDER angebahnt hatte, das wird beträchtlich gesteigert durch die Idee der Nationalität, welche seit Beginn des 19. Jahrhunderts aufsteigt und rasch siegreich vordringt. Die Beschäftigung mit der Geschichte erhält damit zur Hauptaufgabe die gründliche Erforschung und eindringliche Vergegenwärtigung der nationalen Entwicklung in ihrer vollen, allen Allgemeinbegriffen überlegenen Individualität; ihr Grundzug wird "jene Gabe der Entäußerung, in die eigenste Natur jedes Nationalwesens und jeder Geschichtsepoche in lebensvoller Anschauung einzudringen" (GERVINUS). Die Bewegung des geschichtlichen Lebens erscheint dabei als ein allmähliches, von sicheren Grundtrieben gelenktes Werden und Wachsen nach Art eines organischen Lebensprozesses; der Begriff "organisch" wird hier zum Zauberwort, das alle Rätsel zu lösen, alle Schäden zu heilen verspricht. Eine eingreifende Wendung des Lebens wie der Geschichtsbehandlung zur Tatsächlichkeit, Anschaulichkeit, Individualität ist unverkennbar; alle einzelnen Gebiete, wie die Religion, das Recht, die Kunst, gewinnen an Fülle und Stärke dadurch, daß sie sich auf ihre geschichtliche Grundlage besinnen und sich ihr anschließen.

Das Ganze gibt sich als ein schroffer Gegensatz zur Philosophie, und es hat mit seiner Verstärkung des geschichtlichen Elements nicht wenig dazu beigetragen, dem 19. Jahrhundert den Charakter eines historischen im Gegensatz zum philosophischen 18. Jahrhundert aufzuprägen. Aber im Grunde enthält auch die historische Schule eine, wenn auch anders geartete Philosophie der Geschichte. Auch sie glaubt an eine Vernunft in der Geschichte, nur sucht sie diese nicht in allgemeinen Ideen, sondern in Tatsachen und Individualitäten; auch sie läßt den Erfahrungsstand nicht unverändert, sondern sie verschiebt die Dinge ins Einheitliche, Charakteristische, Durchgebildete; so gibt sie auch in der Wendung zur Vergangenheit keine reine, sondern eine verklärte Wirklichkeit, wie namentlich ihre Behandlung des Mittelalters zeigt. Sie pflanzt den Dingen selbst eine Subjektivität ein, statt sie ihnen entgegenzustellen. Immerhin ist sie anschaulicher und aufnahmefähiger als die Spekulation mit ihrer selbstherrlichen Zurechtlegung der Geschichte, ja sie gerät in die Gefahr eines zu passiven Verhaltens, sie droht von der zuströmenden Fülle der Tatsächlichkeit überwältigt zu werden und über der Sorge um einen Anschluß an die Vergangenheit das Recht der lebendigen Gegenwart zu schmälern. Der Anschauungs- und Gedankenfülle der historischen Schule entspricht nicht ihre Schaffenskraft.

So bilden philosophische Spekulation und historische Schule Gegenpole in der Behandlung der Geschichte. Aber im Großen und Ganzen haben sie miteinander zur Erhöhung der Geschichte gewirkt, und haben sie jenen merkwürdigen Umschwung herbeiführen helfen, der die geschichtliche Denkweise zur Herrschaft brachte. Diese Denkweise scheint den Menschen inniger mit den Dingen zu verbinden und ihn von aller Enge einer bloßen Theorie, aller Starrheit einer absoluten Betrachtung zu befreien; der unermeßliche Reichtum der Jahrtausende scheint nun erst recht gewonnen, in Hülle und Fülle erwächst fruchtbare Arbeit und zwar eine Arbeit, die nicht auf die Besonderheit einzelner Individuen gestellt ist, sondern welche die Kräfte zu verbinden und zur Förderung des Ganzen zu wenden vermag. Durch diese Arbeit aber geht, ausgesprochen oder unausgesprochen, eine Weltanschauung sehr charakteristischer Art. Die Versöhnung mit der Wirklichkeit, die der Religion wie der Philosophie so viel zu schaffen machte, wird hier in einfachster Weise durch die Idee einer fortschreitenden Entwicklung erreicht; was, vereinzelt betrachtet, verkehrt und unverständlich dünkte, das gewinnt Sinn und Vernunft als ein Glied der großen Kette des geschichtlichen Lebens, aus den Zusammenhängen der weltgeschichtlichen Arbeit. Das Verhältnis der Zeiten, das sonst so viel Streit hervorrief, findet nun die erfreulichste Klärung: wurde sonst die Sache auf ein Entweder - Oder gestellt und schien die kräftige Verfechtung der eigenen Überzeugung eine radikale Abweisung aller früheren Versuche zu fordern, so läßt nunmehr die Idee der Entwicklung das Frühere als eine Vorstufe, einen notwendigen Durchgangspunkt zur Wahrheit erscheinen und begreift damit auch das für den ersten Anblick kaum Verständliche aus seiner geschichtlichen Lage herau. - Von der Weltanschauung aus reicht die Wandlung auch in das Handeln, es findet nunmehr sein Hauptziel darin, für den Fortgang der Weltgeschichtlichen Bewegung zu arbeiten; sich ihren Aufgaben unterzuordnen, das wird zum Kern der Ethik; über alle Mißstände der Gegenwart erhebt jetzt das zuversichtliche Vertrauen auf eine bessere Zukunft, der Glaube an einen Sieg des Guten auf dem eigenen Boden der Menschheit.

So eine neue Arbeit, eine neue Denkweise, ein neues Leben. Die gewaltige Umwälzung unseres Daseins, die darin liegt, wird namentlich deshalb nicht genügend gewürdigt, weil die neue Art uns von allen Seiten wie selbstverständlich umfängt; wo sie aber voll anerkannt wird, da wird sie als eine Grundtatsache des modernen Lebens, ja als die wichtigste geistige Leistung des 19. Jahrhunderts gelten. Alsdann wird aber auch darüber Klarheit walten, daß jene Wendung nicht unmittelbar aus der Geschichte selbst hervorgegangen ist, sondern daß diese uns nur so viel werden konnte, weil wir eine hohe Bildung und philosophische Überzeugungen an sie heran brachten. Zur Herstellung eines Kontaktes zwischen dieser geistigen Art und dem Reich der Geschichte war aber die Philosophie der Geschichte unentbehrlich.


II. Der Verlauf des 19. Jahrhunderts
und die Lage der Gegenwart

Die bisherige Entwicklung der Philosophie der Geschichte war ein stetiges Aufklimmen von Höhe zu Höhe, das Endergebnis bildete den Abschluß einer Folge von aufsteigenden Generationen. Aber nun bewährt sich auch hier, daß alles menschliche Leben ein Sichausleben ist, daß eben die Erreichung der Höhe die Schranken der Sache zu Bewußtsein zu bringen und ihren angreifbaren Charakter zu enthüllen pflegt. Zugleich erheben sich neue, völlig andersartige, ja entgegengesetzte Bewegungen, der Entwicklung folgt ein harter Kampf, mannigfache Zusammenstöße und Durchkreuzungen verwirren den Gesamtanblick der Sache.

Zunächst freilich scheint die Bewegung einen ruhigen Verlauf zu nehmen, indem der brausende Strom der Spekulation sich beschwichtigt und zu fruchtbarer Wirkung ins Weite ausbreitet. - Es entspricht einer durchgehenden Erscheinung im 19. Jahrhundert, wenn sich bei der Behandlung der Geschichte von den als zu eng und schroff empfundenen philosophischen Systemen allgemeinere Überzeugungen idealistischer Art ablösen und eine engere Berührung, eine freundliche Wechselwirkung mit der Erfahrung suchen. So bildet WILHELM von HUMBOLDT eine Vermittlung zwischen der spekulativen Philosophie und der Ideenlehre RANKEs; so entschieden diese alle Gewaltsamkeit philosophischer Konstruktion, auch allen Anschluß an ein besonderes System ablehnt, die hier waltende Gesamtauffassung der Geschichte ist nicht ohne ein philosophisches Element. Auch die vornehmlich erstrebte Objektivität der Behandlung bekundet insofern prinzipielle Überzeugungen, als das Gleichmaß des Urteils und die Freude an aller Erfahrung des Lebens nicht möglich war ohne eine künstlerische Gesinnung mit der ihr innewohnenden weitherzigen Schätzung der Dinge. In dieser Richtung geht im Großen und Ganzen die Arbeit der deutschen Geschichtswissenschaft weiter, bei überwiegender Zurückhaltung von der Geschichtsphilosophie verbleibt einer idealistischen Grundüberzeugung die Herrschaft.

Dann aber beginnt auch hierher der Umschwung zu wirken, der sich im gemeinsamen Leben mit der Wendung von den Problemen der Innenwelt zur Befassung mit dem sinnlichen Dasein vollzog. Von der Kunst und der Philosophie verlegt sich der Schwerpunkt des Lebens in die Naturwissenschaft und Technik, in das politische und soziale Wirken; wie dabei die Gedankenwelt mehr und mehr unter den Einfluß naturwissenschaftlicher Begriffe und Methoden gerät, so ergreifen diese auch das geschichtliche Gebiet und erzeugen eine eigentümliche Geschichtsphilosophie. Eine solche naturwissenschaftliche Geschichtsphilosophie bringt erst der Positivismus COMTEs zu voller Durchbildung. Mag sein System in den einzelnen Gedanken weit weniger selbständig sein, als es sich selbst gibt, die straffe Zusammenfassung der Fäder und die zähe Energie der Durcharbeitung verleiht dem Ganzen aber eine große Kraft; eine breite Strömung des gesamten Kulturlebens erlangt hier eine wissenschaftliche Fassung und Klärung. In der Ausführung einer Überzeugung, welche dem Erkennen lediglich eine Aufdeckung von Beziehungen, die Ermittlung von Regelmäßigkeiten gegebener Erscheinungen zuweist, wird bei der Geschichte aller innerer Zusammenhang und alles Wirken eines Ganzen aus dem empirischen Zusammensein der Elemente abgeleitet; die Wissenschaft hat hier die Hauptaufgabe, in dem scheinbaren Durcheinander feste Verkettungen des Nacheinander und des Nebeneinander aufzuzeigen. Eine einzige Hauptbewegung umspannt alle Mannigfaltigkeit des geschichtlichen Werdens und führt in den drei Stufen (états), der theologischen, der metaphysischen, der positiven, zur Höhe einer positivistischen Gestaltung des Denkens und Lebens; auf jeder Stufe aber, und zwar bis in das feinere Gewebe hinein, stehen alle Erscheinungen in festen Beziehungen, und wird daher alles Besondere nur aus dem Ganzen seiner Umgebung, seinem Milieu, verständlich. So wird hier das wissenschaftliche Streben vornehmlich auf die Zusammenhänge gerichtet; wie überhaupt das Individuelle zurücktritt, so gelten auch die großen Persönlichkeiten nur als ein Erzeugnis ihrer Umgebung. Dieses Geschichtsbild steigert die Bedeutung der äußeren Lebensbedingungen (conditions d'existence), die geistige Leistung aber ist ihm vorwiegend intellektueller Art, am Fortschritt wissenschaftlicher, d. h. vornehmlich naturwissenschaftlicher Einsicht scheint aller Aufstieg der Kultur, alle Beherrschung der Verhältnisse (voir pour prévoir [Wissen um vorherzusehen - wp]), alle innere Veredlung der Menschheit zu liegen.

Wie der Positivismus die Naturwissenschaft mit der Gesellschaftslehre aufs engste zusammenflicht, so kommen seiner Geschichtsphilosophie die bedeutenden Fortschritte zugute, welche beide Gebiete im 19. Jahrhundert machten. Die moderne Soziologie bringt eine neue Lehre von der Gesellschaft, welche sowohl der Aufklärung als dem spekulativen Idealismus widerspricht; der Aufklärung, indem jene Lehre die Individuen nicht mit dieser als geschlossene Atome betrachtet, die sich erst nachträglich zu einer Verbindung zusammenfinden, sondern sie von vornherein durch das Gewebe gegenseitiger Beziehungen verknüpft und dadurch gebildet werden läßt; dem Idealismus, indem sie den von ihm vertretenden inneren Zusammenhang eines Geisteslebens abweist und alle Verbindung aus der tatsächlichen Verkettung der Einzelelemente in Zeit und Raum ableitet. Daher hat der auch hier gern verwandte Begriff des Organismus einen wesentlich anderen Sinn als in den Systemen des Idealismus; jetzt bildet nicht die innere Belebung des Ganzen, sondern die unauflösliche Verwebung der einzelnen Teile sein Hauptmerkmal. Diese neue Gesellschaftslehre hat neue Durchblicke des Menschenlebens eröffnet, bisher unbeachtete Gruppen von Tatsachen in ein helles Licht gerückt, dem Handeln fruchtbare Angriffspunkte gezeigt; was immer hier aber an Tatbestand aufstieg und mit der Kraft einer frischen Entdeckung wirkte, das unterstützt eine naturwissenschaftliche und positivistische Fassung der Geschichte. Denn überall zeigt hier das Leben einen starken Einfluß von Naturbedingungen, wird der Kreis des eigenen Unternehmens und freien Handelns eingeschränkt, werden die Individuen als Glieder desselben sozialen Gewebes fester miteinander verbunden, erweisen sich ihre Unterschiede zwischen engeren Grenzen gelegen, als der unmittelbare Eindruck anzunehmen pflegt (QUETELET). Indem Massenbewegungen zur Hauptsache werden, tritt auch in der Geschichte eine Sozialpsychologie oder Völkerpsychologie und eine sozialpsychologische Erklärung vor alle Individualpsychologie. Durchgängig gewinnt hier die Bewegung ein größeres Vermögen und wird der Mensch mehr wie ein Naturwesen behandelt, mehr auch in die Naturbedingungen seines Geisteslebens verfolgt; nicht nur die Individuen erscheinen, genealogisch gesehen, in festen Verkettungen und unter zugewiesenen Bedingungen, auch die gesellschaftlichen Gruppen zeigen eine große Festigkeit, und der Begriff der Rasse wird als ein Hauptschlüssel historischer Bildungen verwandt. Überall eine Fülle neuer Tatsachen, Durchblicke, Aufgaben! - In anderer Richtung wirkt das Vordringen der wirtschaftlichen Bewegung zu einer höheren Schätzung der materiellen Güter; das erzeugt eine "materialistische", richtiger eine "ökonomische" Geschichtsphilosophie (MARX, ENGELS), welche die wirtschaftliche Lage den Gesamtstand der Kultur beherrschen läßt und damit wieder eine neue Gruppierung der Tatsachen vollzieht, wieder neue Durchblicke der Gesamtgeschichte liefert.

Das alles berührt sich eng mit naturwissenschaftlichen Fragen und entspricht einer naturwissenschaftlichen Auffassung der Wirklichkeit. Zugleich aber vollzieht die Naturwissenschaft selbst eine eingreifende Wandlung in der Richtung unseres Problems: sie nimmt in sich selbst den Gedanken des geschichtlichen Werdens auf, ja sie erzeugt eine Geschichte umfassendster Art, welche den Anspruch erhebt, die ganze menschliche Geschichte als ein Stück in sich aufzunehmen. Der Gedanke einer allmählichen Weltbildung von einfachsten Anfängen her liegt der modernen Naturwissenschaft mit ihrem analytischen Charakter von Haus aus nahe, die Bedeutung des Zeitmoments ist namentlich schon von DESCARTES nach der methodologischen Seite hin vollauf anerkannt. Aber die ältere Forschung blieb vorwiegend den mechanisch-physikalischen Problemen zugewandt und fand ihre Hauptaufgabe darin, das zeitlose Gerüst des Weltbaus herauszuarbeiten; erst nach und nach gewann eine genetische Erklärung Boden, ohne aber bis tief ins 19. Jahrhundert hinein den Widerstand der anscheinend unwandelbaren organischen Formen zu überwinden. Die moderne Entwicklungslehre brachte auch diese in Fluß, und nun war der Sieg auf der ganzen Linie entschieden, nun erwuchs von der Biologie aus eine evolutionistische Weltanschauung streng realistischer Art, die auch das gänzlich der Natur eingefügte menschliche Leben in eine neue Beleuchtung stellt. Der Begriff der Entwicklung hat hier alle Beziehung zu einer Vernunft aufgegeben und einen rein tatsächlichen Charakter angenommen. Hier entfaltet sich nicht im Werden ein irgendwie schon angelegtes Sein, sondern alle Gestalt erwächst aus dem empirischen Lebensprozeß und besteht nicht darüber hinaus. So auch in der menschlichen Geschichte ein unbegrenzter Relativismus der Betrachtung, ein Zurückgehen auf verschwindende Anfänge samt der Neigung, diese Anfänge durch alle weitere Bewegung hindurch als das Wesentliche und Wirksame festzuhalten, eine überragende Bedeutung des Kampfes ums Dasein, eine Langsamkeit der Bildung in allmählicher Ansammlung kleiner Größen, eine Erhebung des Nützlichen zum Zentralbegriff aller Werte, mit dem allen ein durchaus eigentümliches Bild der Geschichte, das den überkommenen Vorstellungen vielfach schroff widerspricht.

In Positivismus, Soziologie, Evolutionslehre gehen, bei aller Abweichung voneinander, verschiedene Strömungen darin zusammen, den Menschen gänzlich als ein Erzeugnis seiner Umgebung zu verstehen und die Bewegung der Geschichte nicht von innen heraus, sondern von außen her zu erklären. Was das Leben an Vernunft hervorbringt, gilt nur als ein Erzeugnis der Bewegung, nicht als ein Prinzip; es kann sich daher nie von den natürlichen Voraussetzungen ablösen und eine Macht gegen sie ausüben. Die Veränderung, auch die der geschichtlichen Ansicht, geht im Grunde viel tiefer, als gewöhnlich angenommen wird. Denn meist wird jenes realistische Lebens- und Geschichtsbild unvermerkt durch Größen und Werte der idealistischen Gedankenwelt ergänzt; so erscheint leicht als eine bloß verschiedene Deutung derselben Wirklichkeit, was in Wahrheit verschiedene Wirklichkeiten vertritt. Namentlich ist es ein versteckter und verblaßter Pantheismus, der wie die naturalistische Gedankenwelt überhaupt so auch die naturalistische Geschichtsphilosophie durchdringt, ein Pantheismus, der keinerlei Rechenschaft gibt und die überkommene Religion schroff abzuweisen pflegt, der aber den empirischen Tatbestand unablässig umbildet, zusammenschließt, idealisiert. Ohne einen solchen Pantheismus könnten die naturalistischen Gedankenwelten weder einen so systematischen Charakter tragen noch von einem so freudigen Fortschrittsglauben, ja einem Glauben an eine Vernunft der Wirklchkeit erfüllt sein, wie sie das zu sein pflegen. Solche inneren Widersprüche verhindern jedoch keineswegs, daß mit dem Naturalismus auch die naturalistische Geschichtsphilosophie in breiten Wogen vordringt und die Gedankenwelt des modernen Menschen überflutet. Was den Affekt der Zeit für sich hat, pflegt in seinem Siegeslauf auch durch die härtesten Widersprüche nicht gehemmt zu werden. Jene Bewegung aber hatte unverkennbar einen mächtigen Zug der Zeit für sich. Es gibt eine Ermüdung auch an Gedankenmassen, eine solche war gegenüber dem älteren Idealismus eingetreten. Nun erhob sich eine neue Art von Wirklichkeit und versprach das Leben frischer, gesättigter, wahrhaftiger zu gestalten. War es ein Wunder, daß diese Bewegung die Gemüter anzog?

So hat dann auch das deutsche Leben und die deutsche Wissenschaft manche Einwirkungen davon empfangen. Die deutsche Geschichtsforschung aber hat, bei aller Bereitschaft, einzelne Anregungen von dort aufzunehmen, sich auf ihrem eigenen Boden im Großen und Ganzen ablehnend dagegen verhalten. Erst nach und nach kommen jene Bewegungen auch hier zur Wirkung, und vollzieht die Geschichtsforschung selbst eine Annäherung an jene neue Denkweise. Eine solche Annäherung enthält LAMPRECHTs Geschichtsphilosophie und Geschichtsauffassung, so sehr sie zugleich starke idealistische Züge hat und daher nicht in einem Schlagwort aufgeht. Überhaupt ist eine weitere Ausbreitung der naturwissenschaftlichen Denkweise innerhalb der historischen Forschung unverkennbar. Die ältere Art aber läßt sich dadurch nicht einschüchtern, sie arbeitet die eigene Überzeugung und das eigene Verfahren nur noch deutlicher heraus und nimmt den Kampf namentlich auf methodologischem Gebiet mutig auf. Dieser Kampf um die Methode darf als besonders charakteristisch für die gegenwärtige Lage gelten. Die Arbeit der Geschichtsforschung wird darin heller als je beleuchtet und das Eigentümliche ihres Verfahrens mit besonderem Eifer aufgesucht. Die Sache erhält dadurch eine besondere Spannung, daß die beiden Hauptrichtungen sich mit voller Bewußtheit entgegentreten und grundverschiedene Durchblicke des geschichtlichen Verfahrens liefern. Einerseits die Neigung, die Geschichte möglichst nach Art der Naturwissenschaft zu fassen, das geschichtliche Leben auf "exakte" Gesetze zu bringen, die hier freilich psychologischer Art sein müssen, greifbare Stufen des Fortschritts aufzuweisen, alles individuelle Leben Gesamtbewegungen, typischen Erscheinungen unterzuordnen, auf eine durchgängige Verkettung allen Geschehens zu dringen; auf der andere Seite das entgegengesetzte Bestreben, die geschichtliche Forschung von der naturwissenschaftlichen kräftig abzuheben, die Betonung der Individualität aller geschichtlichen Erscheinungen wie der Einmaligkeit der Geschichte als eines Ganzen, ein Vorhalten ihrer reinen Tatsächlichkeit, die alles eigentliche Erklären ausschließt, ein Verfechten des menschlichen Handelns mit seinen Zwecken als des Kerns des geschichtlichen Lebens. In philosophischer Hinsicht überwiegt dort die Psychologie in einer vorwiegend empirischen Fassung, hier die Erkenntnislehre in mannigfacher, aber selbständiger Wiederaufnahme kantischer und nachkantischer Ideen. Nach der philosophischen Seite nimmt unter den hierher gehörigen Arbeiten RICKERTs Werk "Die Grenzen der naturwissenschaftlichen Begriffsbildung" den hervorragendsten Rang ein.

So sehr sich hier ein näheres Eingehen auf diesen methodologischen Streit verbietet, dem Bekenntnis können wir uns nicht entziehen, daß auf der idealistischen Seite das Eigentümliche der menschlichen Geschichte präziser erfaßt und umsichtiger gewürdigt wird; gegen frühere Zeiten hat sich hier die merkwürdige Umkehrung vollzogen, daß der Idealismus energischer auf das Tatsächliche dringt und eine kritische Behandlung des Tatbestandes vertritt, während der Naturalismus mehr zu einem summarischen Verfahren neigt und wohl gar die Konstruktionen der spekulativen Philosophie auf völlig verändertem Boden erneuert. Aber wenn demnach auf dem Boden der Geschichtsforschung selbst der Idealismus eine Überlegenheit behauptet, für die Wirkung in das Ganze des Lebens bleibt er an einem Hauptpunkt in einem entscheidenden Nachteil gegen den Naturalismus. Dieser hat am Bild der großen Natur einen festen Hintergrund, mit dessen Hilfe sich ihm die einzelnen Sätze in ein anschauliches Gesamtbild zusammenfassen und von Ganzem zu Ganzem wirken. So vermag er auch eine Geschichtsphilosophie positiver Art zu entwerfen, die bei allem, was an ihr bestreitbar ist, die Gedanken mächtig fortreißt; der Idealismus aber überwindet meist bei der Geschichtsphilosophie nicht ein kritisches und reflektierendes Verfahren. Eine solche Schwäche erklärt sich daraus, daß seine ältere Art, worin die klassische Geschichtsphilosophie wurzelte, schwer erschüttert, zur Schöpfung einer neuen Art aber noch nicht der Mut und die Kraft gefunden ist. Jene ältere Art ruhte auf dem Glauben an eine die Welt durchdringende Vernunft, an eine sichere Überlegenheit des Geistes gegen die Natur, an einen engen Zusammenhang des Menschen mit den Gründen der Wirklichkeit, an eine alles Dunkel aufhellende Macht der Intelligenz; "der Mensch soll sich selbst ehren und sich des Höchsten würdig achten. Von der Größe und Macht des Geistes kann er nicht groß genug denken" (HEGEL). Wie sehr hat sich das unter den Erfahrungen des modernen Lebens verändert! Auch wo daher der Idealismus die Gesinnung des Individuums zu beherrschen fortfährt, fehlt ihm die Selbstverständlichkeit, die Freudigkeit, die Eindringlichkeit der älteren Art. So müßte er neue Wege versuchen, sich energisch die neuen Erfahrungen aneignen, eine innere Überlegenheit gegen sie gewinnen und eine neue Gestalt ausbilden, welche den Forderungen der weltgeschichtlichen Lage der Gegenwart entspricht. Aber ist es überhaupt schwer, nach dem Abbruch einer langen Entwicklungsreihe einen neuen Standpunkt zu gewinnen, so kommt die starke Einschüchterung hinzu, die der Idealismus in den Wandlungen des Jahrhunderts erfahren hat, und die unvermeidlich seinen Mut lähmt. Eine idealistische Gesamtüberzeugung kann nie aus den Eindrücken der Erfahrung hervorgehen, sie verlangt eine Umkehrung des ersten Weltbildes, sie verlangt damit eine Wendung zur Metaphysik. Davor aber scheuen auch die meisten derer zurück, welche den Naturalismus ablehnen und bekämpfen. So verbleibt die Zeit in einer schwankenden Lage und kommt bei der Unsicherheit über die Grundfragen auch in der Philosophie der Geschichte nicht recht vorwärts.

Die Geschichtsforschung selbst wird von den Schäden dieser Lage wenig betroffen. Sie erfreut sich des weitesten Gesichtskreises und einer hochentwickelten Technik, sie vermag vollauf zu nutzen, was eine reiche Kultur an Kräften und Mitteln anbietet; selbst der Relativismus der gegenwärtigen Denkweise wendet sich ihr zum Vorteil, indem er das Verschiedenartigste mit gleicher Teilnahme zu erfassen und mit gleicher Sorgfalt zu behandeln gestattet, sie findet aus allen Zweifeln heraus immer wieder eine sichere Wegweisung am Gegenstand; so teil sie ganz und gar die Trefflichkeit der heutigen Arbeit, ja sie darf sich als einen Höhepunkt dieser Arbeit fühlen. Völlig anders steht es mit unserer Grundüberzeugung von der Geschichte und mit ihrem Verhältnis zu unserem eigenen Leben; hier ist ein schwerer Mangel nicht zu verkennen. Die klassische Zeit unserer Literatur fühlte sich der Geschichte eng verbunden, weil nach ihrer Überzeugung eine absolute Vernunft alle Zeiten umspannte und zusammenhielt, diese absolute Vernunft aber sich dem Menschen zur lebendigen Gegenwart eröffnete; so blieben alle Zeiten innerlich nahe, und dem beherrschenden Gedanken schloß sich alle Mannigfaltigkeit zu einer Einheit zusammen. Demnach gab es hier nichts Fremdes, Starres, Totes.

Nun aber zersprang das Band, das die Zeiten verknüpft hatte, es zersprang nicht nur, weil die Kraft der Konzentration sank, sondern auch, weil ein so enges Zusammenrücken, ein solches Einspannen in eine durchgehende Formel, wie es die ältere Geschichtsphilosophie auf ihrer Höhe versucht hatte, gegenüber der unermeßlichen Erweiterung des Tatbestandes unmöglich wurde. Jene Geschichtsphilosophie beschränkte sich im wesentlichen auf die europäische Kultur seit dem Aufsteigen des Griechentums, der weite Orient wurde zum bloßen Hintergrund, für eine innere Anerkennung anderer Völker und Kulturen fehlte der Raum. Nun ist jener Rahmen als viel zu eng befunden, Völker über Völkern, Kulturen über Kulturen erscheinen vor unserem geistigen Auge, in gewaltiger Veränderung der Maße wird nunmehr jung, was früher als alt verehrt wurde; gegenüber einer solchen Unermeßlichkeit der Tatsachen scheint jeder Versuch einer Synthese aussichtslos. Die Geschichtsforschung mocht das als einen Gewinn an Weite und Freiheit freudig begrüßen, unserem Grundverhältnis zur Geschichte erwuchsen daraus schwere Verwicklungen. Denn die Zeiten und Kulturen konnten keine volle Selbständigkeit erlangen, ohne daß sie unserem eigenen Leben innerlich ferner rückten und die enge Beziehung zur Gegenwart verloren; ja die exakte Forschung selbst mußte nach dieser Richtung wirken, indem sie das Eigentümliche der einzelnen Zeiten schärfer sehen und sie zugleich deutlicher gegeneinander abgrenzen lehrte, damit aber ein rasches Überströmen der Vergangenheit in die Gegenwart aufs strengste verbot. So drohte sich der Gewinn des Wissens in einen Verlust des Lebens zu verwandeln. Was bedeuten für unser eigenes Geschick die fernen und fremden Zeiten, deren Bild uns die Wissenschaft mit wunderbarer Klarheit vorführt? Verschiedene Antworten sind möglich und werden gegeben. Das Verlangen einer kräftigen, mit sich selbst befaßten Gegenwart erzeugt die Neigung, alles Fremde möglichst auszuschließen; so fehlt es nicht an leidenschaftlichen Anklagen gegen die Geschichte, an Versuchen alle Tradition wie eine Hemmung des Lebens abzuschütteln. Weit verbreiteter ist bei unverkennbarer Schwächung der inneren Spannung des Lebens der Zug, in der Vergangenheit einen Ersatz für die Mängel der Gegenwart zu suchen, das eigene Streben möglichst an frühere Leistungen anzuschließen, ja sich selbst über der lebendigen Vergegenwärtigung vergangener Epochen beinahe zu vergessen. Damit die vielerörterte Gefahr des "Historismus", die Gefahr einer Überflutung des Lebens mit fremden Elementen, einer Erdrückung und Verkümmerung unseres eigenen Wollens, der Einbildung eines überreichen Besitzes bei nirgends vollem Eigentum. Über aller Gerechtigkeit gegen das Fremde drohen wir unsere eigene Art zu verlieren und über dem rastlosen Drängen ins Weite, Fremde, Unermeßliche die Kraft zentralen Lebens herabzusetzen.

Ein solcher Historismus ist aber nur ein Stück einer allgemeineren Erscheinung des gegenwärtigen Lebens, eines Mißverhältnisses von Konzentration und Expansion. Hinter einer unermeßlichen Erweiterung des Lebens nach den verschiedenen Richtungen ist die Entfaltung der Innerlichkeit weit zurückgeblieben: so gibt es keine innere Bewältigung der Mannigfaltigkeit, so kann es keine kräftige Philosophie, so kann es keine Philosophie der Geschichte geben. Auch jene Grundüberzeugung der Neuzeit, welche das geschichtliche Dasein zum Hauptlebenskreis des Menschen, zur Hauptstätte seiner Aufgaben und Hoffnungen machte, erfährt nun die schwerste Erschütterung. Verliert jener Lebenskreis den Zusammenhang mit einer absoluten Vernunft, verliert er zugleich allen inneren Zusammenhang bei sich selbst, wie könnte er uns eine Erfüllung unserer Ideale hoffen, wie ein sicheres Vordringen der Vernunft erwarten lassen? Und warum sollten wir für ferne Zeiten und Geschlechter mühsam und opferfreudig arbeiten, wenn uns kein innerer Zusammenhang damit verbindet? Ja unser ganzes Leben droht ins Leere zu fallen, wenn es lediglich ein Fortschreiten von Zeit zu Zeit, von Augenblick zu Augenblick bedeutet und damit alles Erlebnis sofort in den Abgrund des Nichts versinkt. Das geschichtliche Leben gewann dem modernen Menschen eine volle Absolutheit, es glaubte seine ganze Welt zu bedeuten. Sollte sich auch hier nicht eine innere Dialektik erweisen und aus der Überspannung eine Selbstzerstörung hervorgehen?

So befinden wir uns bei diesen prinzipiellen und zentralen Fragen heute in einer höchst unsicheren Lage. Eine reiche Vergangenheit erstreckt sich mit mächtigen Wirkungen in die Gegenwart, manches Errungene, wie namentlich die Ausbildung einer historischen Denkweise, läßt sich unmöglich wieder aufgeben. Aber es fehlt ein fester Zusammenhang und eine charakteristische Gestaltung der eigenen Gedankenwelt, damit zugleich aber eine sichere Begründung der einzelnen Elemente. Sind wir heute demnach bei diesen Fragen nicht sowohl im Besitz als im Suchen, so kann auch die Philosophie der Geschichte nicht überkommene Bahnen einfach weiterverfolgen, sondern muß auch sie neue Wege wagen und dabei auf die letzten Probleme zurückgreifen. Wohl ist dieses Unternehmen mißlich und schwierig, aber hinter ihm steht das immer stärker anschwellende Verlangen nach Befestigung und Vertiefung unserer geistigen Existenz, das durch das moderne Leben geht. Was sich an dieser Stelle unsererseits bieten läßt, sind nur einzelne Anregungen; sie möchten namentlich zeigen, daß der Kreis der Möglichkeiten durch die älteren geschichtsphilosophischen Systeme noch nicht erschöpft ist. Eine weitere Ausführung und Begründung der hier vertretenen Gedanken habe ich in meinen Werken zur systematischen Philosophie, namentlich in "Mensch und Welt", zu geben versucht.
LITERATUR Rudolf Eucken, Philosophie der Geschichte, in Paul Hinneberg [Hg], Systematische Philosophie, Leipzig und Berlin 1921