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BERNHARD RAWITZ
Über das Vergessen

"Es kommt in Zeiten politischer Zerfahrenheit niemals zu einer Konsolidierung des Denkens und Tuns, allenthalben vielmehr macht sich ein atemloses Hasten von einem Ding zum andern geltend. Vieles wird angefangen, nichts beendet; und das Angefangene ist schlecht getan. Es schwindet der kritische Blick für das Wesentliche und Unwesentliche, für das Notwendige und bloß Wünschenswerte. Jeder Quark wird als höchste Wichtigkeit und das wahrhaft Wichtige als nebensächlich behandelt. Dazu kommt der große Übelstand, daß die Schwätzer vorangehen, während die eigentlichen geistigen Führer, weil sie mit den allzeit Redefertigen, mit den Phrasendreschern im Jagen nach der Aura popularis nicht konkurrieren können, sich im Hintergrund halten. So entsteht ein Tohuwabohu, ein Durcheinanderwirbeln von Vollwertigem und Minderwertigem, worin schließlich das letztere die Oberhand behält. Die Vielgeschäftigkeit solcher Zeiten politischer Zerfahrenheit bringt nicht mal ein Wenig zustande, sondern das Nichts ist das Resultat. Und damit sinken die Geisteskräfte der Völker überhaupt, die sich nur dann vollwertig erhalten können, wenn in straffer Selbstzucht das Streben nach einem großen Ziel gerichtet ist. An den alten geistigen Besitzstand wird durch keine neuen Motive erinnert, ja es gilt in solchen Zeiten dieses Erinnern als ein Zeichen bemitleidenswerter  Rückständigkeit."

I.

Der geniale Ethnologie und Geograph RATZEL hat im ersten Band seiner Völkerkunde (Seite 14 der Einleitung) den schönen Satz: "Heute weiß nichts von Gestern, und Morgen lernt nicht von Heute". RATZEL bezeichnet damit in präzisester Form die Geschichtslosigkeit - Traditionslosigkeit - der sogenannten Naturvölker. Nichts haftet anscheinend in deren Gedächtnis, alles fällt vielmehr restlos der Vergangenheit anheim. Ereignisse von vitaler Bedeutung, wie der Überfall eines mächtigen Feindes, die Vernichtung fast des größten Teils des Stammes, die Vertreibung aus den alten Sitzen usw.: Ereignisse, die nach der Meinung des beurteilenden Kulturmenschen bis in die fernste Zukunft in der Erinnerung der Völker haften müßten, sind manchmal schon in derselben Generation, die sie erlebt, völlig vergessen. Und wie das, zumindest dem Beurteiler wichtig erscheinende, große Ereignis, so wird auch das Alltägliche fast noch während des Geschehens vergessen. "Heute weiß nicht von Gestern." Und weil das Morgen ebenfalls vom Heute nichts mehr wissen wird, darum wird nichts gelernt, darum ist der erzieherische Effekt des Lebens gleich Null. Nicht selten baut sich auf dieser Tatsache der Traditionslosigkeit das Urteil so mancher Ethnologen auf, wonach die Naturvölker entweder geistig minderwertig oder geistig zurückgeblieben sind. Und wie das Ganze so sind auch die einzelnen Teile. Auch die einzelnen Persönlichkeiten zeigen dieselbe Traditionslosigkeit, d. h. denselben Mangel an Gedächtnis für alle Ereignisse wie der ganze Stamm.

Ohne für die geistige Vollwertigkeit oder wenigstens für eine höhere geistige Bewertung der Naturvölker hier eine Lanze brechen zu wollen, möchte ich doch einmal die Frage aufwerfen: ist denn bei den Kulturvölkern trotz deren hoch entwickelter Tradition das Gedächtnis besser ausgebildet? Behält der Einzelmensch, ich will nicht sagen alles, aber doch wenigstens den größten Teil dessen, was ihm das tägliche Leben an Ereignissen bietet? Geht den Völkern trotz Tradition, trotz fixierter Geschichte nichts aus dem geistigen Erwerb verloren, den sie im Laufe ihrer Existenz gemacht haben? Wird nichts vergessen, was als historisches Erlebnis einstmals die Gemüter erregte? Wenn wir uns selber, unsere nähere und fernere menschliche Umgebung ehrlich daraufhin prüfen, so werden wir zu der nicht gerade stolzen Erkenntnis geführt, daß auch unser Gedächtnis gar sehr einem Sieb gleicht, das nichts oder nur äußerst wenig behält, soviel man auch hineinschütten mag. Und auch trotzt hochentwickelter geschichtlicher Überlieferung ist der Verlust durch Vergessen bei den Kulturvölkern ein ganz enormer. HERMANN SAMUEL REIMARUS sagt in seiner  Vernunftlehre  (4. Auflage, 1782, Seite 104): "Das Gedächtnis ist selten an sich so treu, daß es von dem, was wir erfahren haben, nicht manches auslassen, manches vermissen sollte." Ein sehr mildes Urteil, das der treffliche Mann hier fällt! Tatsächlich läßt uns nichts so sehr im Stich wie das Gedächtnis, dürfen wir uns auf nichts so wenig verlassen, wie auf unser Gedächtnis. Auch  der  Mensch nicht - ja er vielleicht am wenigsten -, der sich gern vor sich selber und vor anderen seines Gedächtnisses wegen rühmt.

Wenn wir, die wir uns zu den "gebildeten" Menschen rechnen, die gewöhnlichen Tageserlebnisse nach einiger Zeit an uns in der Erinnerung vorüberziehen lassen, wessen gedenken wir noch? Kein Gesprächsthema wird für alltäglicher, trivialer erklärt, als das über das Wetter, und zwar offenbar deswegen, weil das ja jedermann selber weiß, da er es selber erlebt. Und doch: obwohl wir von der Art des Wetters in unserer ganzen körperlichen und geistigen Euphorie und Dysphorie [Störung des emotionalen Erlebens - wp] bedingt werden, weiß kaum einer sich des Wetters zu erinnern, das vor 3 Tagen geherrscht hat. Wenn mehrere Tage hintereinander schlechtes Wetter war, so heißt es allgemein: ein so schlechter Monat mit so anhaltendem Regenwetter ist noch gar nie dagewesen. Denn fast alle Menschen haben vergessen, daß noch vor 4 Tagen das Wetter allen Ansprüchen des an die Natur sehr anspruchsvollen Kultureuropäers genügte. Ich habe mich daran gewöhnt, in mein Kalendarium am Morgen das Wetter des vergangenen Tages einzutragen. Da ich das Kalendarium im Labor habe, wohin ich am Sonntag nicht gehe, so muß ich am Montag das Wetter des Sonntags notieren. Aber obwohl ich mich durch diese Gewohnheit zwinge, mehr als früher auf das Wetter zu achten, so muß ich doch mein Gedächtnis sehr anstrengen, um die Witterung von vorgestern richtig anzugeben. Dies ist namentlich dann der Fall, wenn inzwischen eine Wetteränderung eingetreten ist.

Man muß ein Gourmet [Feinschmecker - wp] oder Gourmand [Leckermaul - wp], vielleicht auch beides zugleich sein, um sich zu erinnern, was man gestern oder vorgestern gespeist hat. Es sei denn, daß eine besondere festliche Gelegenheit die Erinnerung an die kulinarischen Genüsse wach erhalten oder daß man sich eine starke gastrische Indisposition geholt hat. Für den gewöhnlichen Menschen ist mit der beendeten Verdauung auch die Erinnerung an das Mahl erloschen. Und doch hängt, ganz wie beim Wetter, Wohl- oder Übelbefinden vom eingenommenen Mahl ab; und doch ist das Mahl zwar ein alltägliches, aber keineswegs ein gleichgültiges Ereignis. Ja, auch die Hausfrau, welche die Herstellung des Mahles zu beaufsichtigen hat, wird durch die heute an sie gerichtete Frage, was es vorgestern gegeben hat, in Verlegenheit versetzt, wenn sie nicht einen schriftlich ausgearbeiteten Wochenplan besitzt. "Alltäglichkeiten" wird man sagen; aber diese Alltäglichkeiten sind wichtig, sie, und sie in erster Linie, bedingen und bestimmen unsere Laune. Trotzdem werden sie vergessen, fast noch während sie sich ereignen.

Ebenso steht es mit der Erinnerung an Bekannte. Ich frage, um diese Erinnerungslosigkeit festzustellen, einst in einer Gesellschaft: Trägt unser gemeinsamer Freund  Y  eigentlich einen Kneifer oder eine Brille? Alle waren der Meinung, daß  Y  gewohnheitsmäßig ein Augenglas trägt; nur darüber konnte man sich in der lebhaften Debatte nicht einigen, welcher Art das Glas ist. Und groß war das Erstaunen aller, als  Y  erschien und es sich zeigte, daß er überhaupt kein Glas trägt. Ebenso versuche man sich zu erinnern, welche Farbe der Augen dieser oder jener gute Freund hat, mit dem man sehr häufig zusammen ist. Nur die wenigsten Menschen werden es wissen. Man war den ganzen Abend angeregt plaudernd und zuhörend in angenehmener Gesellschaft. Wieviele werden am nächsten oder gar am übernächsten Tag noch wissen, worüber geplaudert wurde.

Und so geht es mit allen Tagesereignissen und Tageserlebnissen. So sehr wir von dem einzelnen während seines Geschehens geistig beansprucht waren, in unserer Erinnerung ist für gewöhnlich nichts, in nur sehr wenigen Fällen etwas haften geblieben.

Aber nicht bloß die gewöhnlichen Geschehnisse, wie sie im Treiben und Hasten des Tages kommen und kommen müssen, werden völlig vergessen. Auch Ereignisse, sofern sie nicht uns selber betreffen, die aber  unerwartet  das öde Einerlei des Tages unterbrechen, die entweder durch ihre Gräßlichkeit oder durch ihre generelle Bedeutsamkeit nie, wie die Redensart lautet, aus der Erinnerung der Kulturmenschheit verschwinden können, blassen sehr schnell ab, um bald völlig vergessen zu sein. Man erinnert sich z. B. wohl allgemein noch der Tatsache der fürchterlichen Titanic-Katastrophe. Aber wer von den gebildeten Menschen weiß heute noch, an welchem Tag sie passierte? Nicht mehr viele wird es geben, die sich des Jahres jener Katastrophe erinnern. Und in nicht allzulanger Zeit wird sie ganz vergessen sein.

Es braucht keiner weiteren Beispiele, um zu zeigen, daß wirklich gar nichts von dem, was das Leben uns täglich bringt, im Gedächtnis haften bleibt. Wir vergessen alles nach längerer oder kürzerer Zeit. Es braucht keiner besonderen Beweisführung, daß uns unsere tägliche Umgebung fast unbekannt ist, da wir, zur Rede gestellt, uns erst auf die Einzelheiten, wie es im Deutschen treffend heit, "besinnen" müssen. Das heißt wir müssen reproduzierend versuchen, sie wieder unseren Sinnen zuzuführen. Es bedarf keiner eingehenden Auseinandersetzung, daß auch sogenannte historische Begebenheiten näherer oder entfernterer Vergangenheit das Gedächtnis des gebildeten Durchschnittsmenschen - und nur um ihn kann es sich bei allgemeinen psychologischen Analysen handeln, nicht aber um die geistig ganz Großen oder ganze Dummen - nicht belasten. Auch hier ist Vergessen die Regel, Behalten die seltene Ausnahme. Oder um mit RATZEL zu sprechen: "Heute weiß nichts von Gestern."

Nun wird man mir von seiten der "Gebildeten" oder von seiten jener Leute, die immer anderer Ansicht sind, vielleicht entgegenhalten: "Ach was, das sind ja alles Quisquilien [Belanglosigkeiten - wp]! Der gebildete Mensch hat eben mehr und hat Wichtigeres zu tun, als sich jeden alltäglichen Quark zu merken. Es muß einer schon gar keine weiteren Sorgen haben, wenn er auf Essen und Trinken, auf Wind und Wetter in der Weise achten soll, daß er sich noch nach Tagen daran erinnert." Oder wie das übliche alberne Gewäsche sonst noch lauten mag. In dieser Auffassung oder Gegenbemerkung ist ein doppelter Irrtum enthalten. In den um der Deutlichkeit der Beweisführung willen sehr kraß gewählten Beispielen handelt es sich durchaus nicht um Quisquilien. Denn von solchen und tausenderlei gleichen Kleinigkeit und Kleinlichkeiten hängt, wie schon angedeutet, unser Wohlbehagen ab. Ein Mehr oder Weniger davon: und wir fühlen uns beengt und bedrückt, unbehaglich und unwohl. Das Leben des Tages besteht aus diesen Quisquilien und die Tage, welche so geartet sind, reihen sich zu Jahren, zu Jahrzehnten. Der andere Irrtum ist der, daß, weil der "gebildete" Mensch wichtigere Interessen zu behalten, Bedeutsameres zu leisten hat, er sein Gedächtnis für dieses Wichtigere, Bedeutsamere verwenden und es darum von Unnötigem freihalten muß. Und darum ist dies ein Irrtum, weil auch beim Wichtigen und Bedeutsamen das Gedächtnis versagt. Nur die ganz Großen bedürfen selten eines mnemotechnischen Hilfsmittels, nur sie werden fast niemals von ihrem Gedächtnis im Stich gelassen. Darin eben besteht zum Teil ihre überragende Größe. Wir anderen alle, welchem Beruf wir auch angehören mögen, sind gezwungen, unserem Gedächtnis durch Notizen, Erinnerungen, durch das Milieu (z. B. den täglichen Arbeitsort) zu Hilfe zu kommen. Es ist für uns alle eine schlechthinnige Unmöglichkeit, all die Einzelheiten im Gedächtnis zur jederzeitigen Verwendung bereit zu halten, wie sie z. B. die tägliche Berufsarbeit verlangt. Wie groß oder wie klein und welcher Art die mnemotechnischen Mittelchen sind, ist dabei gleichgültig; das Wichtige ist ihre Unentbehrlichkeit, weil sonst das Gedächtnis versagt. Um nur auf  eines  hinzuweisen! Auch der erfahrenste akademische Lehrer, der sein Thema völlig beherrscht, es vielleicht schon dutzende Male vorgetragen hat, muß während des Vortrags, wenn auch noch so kurze Notizen haben, um durch sie sein Gedächtnis führen zu lassen. Ja, er muß diese Notizen vor Beginn des Kollegs rasch durchlesen, um seinem Gedächtnis die nötigen Hilfen zu geben. (Für den Kliniker hat der vorzustellende Fall, die auszuführende Operation die gleiche Bedeutung.) Denn ohne solche Hilfsmittel, ohne derartige Stimulantien würde auch das beste Gedächtnis gelegentlich völlig versagen. Beweis dafür ist die allgemein bekannte Anekdote, daß KANT einmal den Faden seines Vortrags vollständig verloren, daß er völlig vergessen hatte, was er gesagt und was er sagen wollte, so daß er das Kolleg abbrechen mußte, bloß weil ein Zuhörer der vordersten Bank, an dessen Rock seit Wochen ein Knopf fehlte, sich diesen Knopf eines Tages angenäht hatte. Der fehlende Knopf: das war das mnemotechnische Hilfsmittel. Wenn so etwas am grünen Holz passieren kann! Wenn ein Geistesries wie KANT von seinem Gedächtnis im Stich gelassen wurde, als das Stimulans fehlte!

Also: es ist ein fundamentaler Irrtum, wenn der gebildete Durchschnittsmensch glaubt, daß er sich die zuerst erwähnten Quisquilien nicht zu merken braucht, weil er Wichtigeres im Gedächtnis behalten muß. Auch dieses Wichtigere würde restlos vergessen werden, wenn nicht immer wieder in bestimmter Weise daran erinnert würde. Diese sich stets wiederholende Erinnerung fehlt aber bei den Ereignissen des Tages; und darum weiß Heute nichts mehr von Gestern.

Und wie beim sogenannten gebildeten Menschen, so ist es auch beim ausschließlich durch körperliche Arbeit den Kampf ums Dasein Kämpfenden und bei jenen Leuten, welche der Römer höflich als "crassa Minerva" [schlichtem Hausverstand - wp] bezeichnete. Was sich nicht durch lange Übung dem Gedächtnis gewissermaßen eingepreßt hat, wird vollkommen vergessen: das Wichtige wie das Unwichtige, das Kleine wie das Große. Dem Gedächtnis gewissermaßen eingepreßt, sagte ich soeben. Wenn durch lange Übung gewisse Fertigkeiten und Kenntnisse "zur zweiten Natur" geworden, in Fleisch und Blut übergegangen sind, dann werden sie unter normalen Bedingungen nicht mehr vergessen. Aber dann handelt es sich um allmählich entstandene Automatien - wie Schreiben, Hämmern, Sägen, Fahradfahren usw. -, die von dieser Erörterung auszuschließen sind.

Die Tatsache, daß wir alle - Gebildete und Ungebildete, Kluge und Dumme - gar nichts von den Geschehnissen der Alltäglichkeit behalten, daß Vergessen die Regel, man könnte fast sagen, ein Gesetz ist, hat auch eine außerordentlich große praktische Bedeutung. In Kriminalprozessen fragt, wie das leider häufig geschieht, der Richter einen Zeugen nach einem Vorgang, der vielleicht Jahre zurückliegt, und ist erstaunt, wenn der Zeuge keine genaue oder gar keine Aussage zu machen weiß. Der Richter macht dabei den schweren Denkfehler vorauszusetzen, daß ein Umstand, der ihm jetzt für den Prozeß von Wichtigkeit erscheint, auch vor längerer oder kürzerer Zeit, als er sich ereignete, dem Zeugen so wichtig gewesen sein muß, daß er ihn nie vergessen dürfte. Und der Richter zeigt mit solchen Fragen, daß er keine philosophisch-psychologische Schulung besitzt; denn sonst müßte er wissen, daß auch das Wichtigste sehr bald vergessen wird, wenn nicht besondere Momente dafür gesorgt haben, daß es ein Besitz des Gedächtnisses bleiben mußte. Aus der Tatsache des Vergessens erhellt sich aber auch die Unzuverlässigkeit der Zeugenaussagen, wenn diese auf relativ weit zurückliegende Vorgänge gehen sollen, und die Unzulässigkeit einer Art suggerierender Behandlung und Befragung des Zeugen, um ihm die Erinnerung gewissermaßen beizubringen.  Man kann sich eben nicht mit Gewalt an etwas erinnern.  SCHOPENHAUERs treffendes und witziges Wort: Die Gedanken kommen nicht wann wir, sondern wann sie wollen, läßt sich in Bezug auf das Gedächtnis umformen und erweitern: die Erinnerungen kommen nicht wann wir, sondern wann sie wollen, wenn sie überhaupt kommen wollen und können.

Verfehlt wie das Fragen des Richters nach vergangenen Ereignissen ist auch vielfach die Art, wie gerichtliche ärztliche Sachverständige die geistige Kapazität eines Angeklagten oder Zeugen feststellen. Ich meine hierbei nicht die Untersuchung auf Zurechnungsfähigkeit bzw. Unzurechnungsfähigkeit. Sondern ich bestreite die Richtigkeit des Vorgehens, durch welches die regere oder trägere Geistesbeschaffenheit und damit die größere oder geringere Glaubwürdigkeit eines Zeugen festgestellt werden soll. Der auf seine eigenen Fragen wohlvorbereitete Sachverständige setzt voraus, daß der zu Begutachtende all das sofort oder nach einem kurzen Besinnen wisen muß, was er gefragt wird. Aber er befindet sich hier, wie die bisherigen Auseinandersetzungen lehren, in einem großen und zugleich gefährlichen Irrtum. Die betreffende Persönlichkeit kann die auf die Alltäglichkeiten oder auf naheliegende geschichtliche Begebenheiten gerichtete Fragen gar nicht oder nur ungenügend beantworten, weil der Inhalt des Gefragten zu dem gehört, was stets vergessen wird. Würde der Gutachter einer auf seine geistigen Qualitäten zugeschnittenen Prüfung unterzogen werden, gerade in der Erinnerung an die Alltäglichkeiten würde er sicherlich ebenso schlecht bestehen, wie der von ihm von Amts wegen zu Begutachtende.

Man gibt sich eben allgemein und allenthalben dem großen Irrtum hin, daß der Mensch sich an die täglichen Ereignisse, an die landläufigen Tatsachen erinnern muß. Und man schließt fälschlicherweise aus dem Mangel eines solchen Erinnerns auf ein Vorhandensein von geringen Geistesqualitäten. Allzuwenig wird die Tatsache beachtet, daß unser Gedächtnis gegenüber den Alltäglichkeiten wie gegenüber dem Wichtigen fast immer versagt. Denn:  Heute weiß nichts von Gestern." 


II.

Gegenüber den eben dargelegten Tatsachen, deren Evidenz wenigstens nach meinem Dafürhalten nicht bestreitbar ist, steht in krassem Gegensatz die ebenso evidente Tatsache, daß wir einen Gedächtnisinhalt haben. Es ist dabei ganz unerheblich, daß wir uns dieses Inhaltes immer erst dann bewußt werden, wenn ein irgendwie beschaffener Reiz das Erinnerungsbild gewissermaßen aus dem Dunkel hervorholt und zum Gegenwartsbild macht. Es ist auch ganz nebensächlich, wie wir uns den mechanischen Vorgang zu denken haben, der erst ein Gegenwartsbild zum Erinnerungsbild macht und dann letzteres wieder zur Gegenwart reproduziert. Für uns genügt die Anerkennung der, wie schon gesagt, evidenten Tatsache, daß wir einen Gedächtnisinhalt haben, daß also durchaus nicht alle Geschehnisse und Erlebnisse in den Orkus der Vergessenheit versinken. Jeder Mensch, wessen Geisteskind er auch sei, hat einen mehr oder minder beträchtlichen Gedächtnisinhalt, oder wie ich lieber sagen will: Erinnerungsvorrat. Dieser Erinnerungsvorrat ist die unerläßliche Voraussetzung für die exakte und erfolgreiche Ausübung des Berufes, für einen nutzbringenden Verkehr mit den Menschen. Er allein ermöglicht die sichere, ungehinderte Bewegung in der Umwelt. Ja, ohne ihn, wie groß oder wie klein er auch sein mag, wäre das Leben wenigstens für den Kulturmenschen, so wie er heute ist, unerträglich, wäre eine Last, die so schnell wie möglich abzuschütteln das einzige Lebensprinzip bilden müßte. Denn immer wieder von vorn anfangen, immer wieder heute neu erwerben zu müssen, um morgend doch nichts zu haben, nicht die geringste Erinnerung zu besitzen an das, was gut und böse in der Vergangenheit war (und die Erinnerung ist doch nach JEAN PAUL das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können): in der Tat, es wäre dies ein Zustand von so fürchterlicher Beschaffenheit, daß wir auf unserem heutigen Kulturstandpunkt ihn uns gar nicht als möglich vorstellen können.

Wie sind diese beiden Gegensätze zu versöhnen? Wie ist es möglich, daß wir einerseits alles vergessen, andererseits einen Erinnerungsvorrat haben, der die unbedingte Voraussetzung für die (sit venia verbo [man verzeihe den Ausruck - wp]  Lebbarkeit  des Lebens ist? Die Lösung dieses Dilemmas erkenne ich in folgendem  psycho-physischen Grundgesetz des Gedächtnisses des Einzelichs,  das ich so formulieren will:  Nur was sich langsam und von langer Hand vorbereitet hat, bleibt im Gedächtnis des Einzelnen haften. Was der Augenblick gebiert, das tötet er auch. 

Der zweite Teil dieses Gesetzes ist durch den vorigen Abschnitt bewiesen; der Beweis für den ersten Teil ist jetzt zu erbringen.

Was sich langsam und von langer Hand vorbereitet! Alles, was wir im Leben, um leben zu können, erlernen, gehört hierher. Nicht im Spiel und nicht im Schlaf wird uns das zu eigen, was uns geistig zum Menschen macht, was uns unter Menschen die wirtschaftliche Existenz ermöglicht, was uns zum Wirken befähigt. Von der Mutterbrust an lernen wir, lernen, uns körperlich und geistig zu bewegen, lernen die Welt und die Menschen, was war, was ist und was durch uns kommen soll, erkennen. Und dieses Erlernte, weder ein Kind des Augenblicks, noch ein Erzeugnis des Tages, sondern die Frucht langer Jahre körperlicher und geistiger Arbeit ist das, was den wichtigsten Teil unseres Erinnerungsvorrates ausmacht. Nur weil wir freiwillig und notwendig immer wieder an das zu Erlernende herangegangen sind, weil wir es uns durch Übung völlig zu eigen gemacht haben, darum behalten wir es, darum vergessen wir es nicht. Und wenn auch nicht in jeder Sekunde und Minute all das Erlernte vor uns gewissermaßen zum Greifen da liegt: weil wir es früher einmal "begriffen" haben, darum wird beim Eintreten eines adäquaten Reizes stets aus einem Erinnerungsbild ein Gegenwartsbild. Umso genauer entspricht das Erinnerte dem ehemaligen Eindruck, umso verschiedenartiger und umfangreicher ist der Erinnerungsvorrat, je regsameren Geistes ist die betreffende Personalität. Aber bei jedem Menschen, beim Genie wie beim Dummkopf, haftet nur das in seinem Gedächtnis, was sich langsam und von langer Hand vorbereitet hat.

Wie das zum beruflichen Leben Notwendige nur aus dem angeführten Grund dauernd in unserem geistigen und körperlichen Besitz bleibt, so haften auch alle übrigen Kenntnisse und Fertigkeiten, selbst wenn wir sie zu unserer bloßen - ich meine hier staatsbürgerlichen - Existenz nicht bedürfen, nur dann in unserem Gedächtnis, wenn sie langsam und von langer Hand vorbereitet sind. Gleichgültig was es auch sei, z. B. eine körperliche Geschicklichkeit, wie Turnen, Fechten, Schwimmen, geht uns niemals mehr ganz verloren. Und wenn wir Jahrzehnte lang keine Gelegenheit zum Schwimmen hatten: tritt die Notwendigkeit an uns heran, so werden wir uns ohne weiteres durch die richtigen Arm- und Beinbewegungen über Wasser zu halten vermögen. Wir sind dazu imstande, weil wir das Schwimmen langsam erlernt haben. Verloren haben wir nur die Kraft des Ausdauerns, die wir uns durch eine systematische Übung sehr bald wieder aneignen können. Welcher Liebhaberei auf geistigem Gebiet sich einer auch befleißigt haben mag: eben weil er sich ihrer "befleißigt" hat, d. h. weil er sich ihr mit Ausdauer und mit Anspannung aller geistigen Kräfte einst ergeben hat, vergißt er nie wieder, was er dadurch lernte. Und haben des Lebens Umstände ihn lange Jahre gezwungen, dem, was ihn einst ergötzt, zu entsagen: kommt er dann wieder mit seiner Liebhaberei in Berührung, so wird er zu seiner Freude konstatieren können, daß sein Gedächtnis keine oder doch nur ganz minimale Lücken aufweist. Eben weil sich sein Wissen, wie im vorigen Beispiel sein Können, von langer Hand und langsam vorbereitet hat. Oder aber, sollte doch all das, was man sehr charakteristisch mit "Gedächtniskram" bezeichnet, vergessen scheinen, so macht uns eine erneute Beschäftigung bald wieder zum Herrn darüber. Es war eben nicht vergessen, sondern in unserem Erinnerungsvorrat nur so weit in den Hintergrund gedrängt worden, daß es bei den gewöhnlichen Erinnerungsreizen nicht mehr in das Tageslicht der klaren Vorstellung treten konnte.

Es ist höchst interessant und, ich möchte sagen, auch charakteristisch, daß wir die Reisen, die wir gemacht haben, die Eindrücke, die wir dabei empfingen, niemals vergessen. Denn selbst für denjenigen Menschen, der gewohnheitsmäßig viel reist, bedingt eine Reise eine langsame Vorbereitung von langer Hand. Durch ihren Kontrast zum Alltagsleben, durch die Intensität der erworbenen Eindrücke erfüllen die Reisen jene Bedingungen, welche das vorhin aufgestellte psycho-physische Grundgesetz des Gedächtnisses des Einzelichs verlangt.

Und wie bei jenen Erlebnissen und Geschehnissen, welche das Persönlichkeitsleben betreffen, so ist auch bei den im eigentlichen Sinne historischen Ereignissen, bei welchen also die Gesamtheit ebenfalls interessiert ist, die langsame Vorbereitung von langer Hand das kausale Motiv dafür, daß sie im Gedächtnis des Einzelnen haften bleiben. Darum werden z. B. die stets plötzlich auftretenden terrestrischen Ereignisse - Erdbeben, Vulkanausbrüche usw. - schon nach kürzester Zeit vollkommen vergessen, so daß von den Überlebenden solcher Katastrophen nur die wenigsten nach einigen Jahren noch eine deutliche Erinnerung daran haben. Als ich wenige Jahre nach der bekannten Erdbebenkatastrophe von Ischia, durch welche das Örtchen Casamicciola fast völlig vernichtet wurde, mich nach den Einzelheiten des Erlebten erkundigen wollte, da konnte an Ort und Stelle mir nur ein einziger, allerdings ungewöhnlich intelligenter Landmann eine einigermaßen befriedigende Schilderung geben.

Nur  eine  Ausnahme von diesem Gesetz ist anzuerkennen. Jene plötzlichen katastrophalen Begebnisse, die tief in das Leben eines Einzelnen einschneiden, werden von diesem aus einem besonderen Grund nie vergessen. Was immer es für ein Ereignis gewesen sein mag, durch seine katastrophale Natur wie durch die einschneidende Wirkung ist der gesamte Lebensinhalt dieser Personalität völlig verändert worden. Und dieser Veränderung braucht der Betroffene sich gar nicht bewußt zu sein, ja wird sich ihrer in den meisten Fällen auch nicht bewußt. Aber eben weil er in seiner Totalität ein anderer geworden ist, bleibt jenes plötzliche Ereignis in seinem Gedächtnis haften.

Alles übrige wird vergessen. Freilich ist hier eine Einschränkung zu machen. Wenn ein alltägliches Geschehen in unserem Erinnerungsvorrat gewissermaßen Beziehungen anknüpfen kann, wenn also das Neuerfahrene mit früher Erfahrenem und Behaltenem Gemeinsamkeiten besitzt, dann, aber auch nur dann wird es zugleich mit diesem wieder erinnert. Uns unbewußt sind mnemotechnische Hilfen da, welche in diesem Fall verhüten, daß das Tageserlebnis der Vergessenheit anheim fällt.

Die langsame und lange Vorbereitung, welche notwendig ist, damit ein Erlebnis zum Erinnerungsvorrat wird, hat zur Folge, daß bei den meisten Menschen das Gedächtnis eine einseitige Ausbildung erfährt. Ein jeder hat wohl in seinem Bekanntenkreis genügend Belege für diese Tatsache, so daß ich darauf verzichten kann, sie durch Beispiele zu erhärten. Diese Einseitigkeit der Entwicklung kann nicht verwundern. Wenn jemand nur  ein  Organ durch Übung stark ausbildet, alle anderen dagegen vernachlässigt, so wird eben nur dieses eine Organ sich durch seine Leistungsfähigkeit auszeichnen. Weil die Gehirntätigkeit, welche das Gedächtnisbildet, häufig nur in einer Richtung beansprucht, hier aber dauernd geübt wird, eben darum hat bei vielen Menschen der Erinnerungsvorrat eine sehr einseitige Zusammensetzung. Je vielseitiger die Interessensphären des Einzelnen sind, umso vielseitiger ist dann auch die von langer Hand wirkende langsame Vorbereitung der einzelnen Erlebnisse und umso größer ist der Erinnerungsvorrat. Das sind die Menschen, die durch ihr "kolossales" Gedächtnis das Staunen und die Bewunderung ihrer Umgebung bilden. Je regsamer der sogenannte Geist ist, umso schneller taucht das Erinnerungsbild aus dem Dunkel des Gedächtnisses herauf ins Tageslicht der klaren Vorstellung, wird zum Gegenwartsbild. Das sind die Persönlichkeiten, welche ihr Wissen - und  Wissen ist Erinnerungsvorrat  - jederzeit im ganzen Umfang zur Verfügung haben, die wegen der Fülle ihrer positiven Kenntnisse allseitig imponieren.

Auf den Dummkopf wie auf das Genie, auf den Kulturarmen wie auf den Kulturmenschen trifft mein psychophysisches Grundgesetz des Gedächtnisses des Einzelichs zu. Und weil die Wirkung dieses Grundgesetzes keine nennenswerte Einschränkung erleidet, darum wird das Geschehnis des Alltagslebens vergessen. Weil das Geschehene nicht zum Erlebten werden kann, weil seine Wirkung zu kurz, sein Eindruck zu minimal ist, weil es nicht auf einen vorbereiteten Geist trifft, darum ist es richtig:  "Heute weiß nichts von Gestern."  Und nur dann, wenn das Gestern sehr langer Vorbereitung bedurfte, um ein Heute zu werden, wird Heute das Gestern nie vergessen. Es ist daher nur eine Teilwahrheit, wenn BALTHASAR GRACIAN in seinem Handorakel und Kunst der Weltklugheit" sagt: "Vergessen können: es ist mehr ein Glück als eine Kunst. Der Dinge, welche am meisten für das Vergessen geeignet sind, erinnern wir uns am besten." Das sind die Ereignisse, welche bestimmend in unser Leben eingegriffen, die Dinge, welche vielleicht unseren Lebensinhalt verändert, welche ihm genommen haben, was ihm Wert gab. Denn es sind fast ausschließlich die schmerzlichen Erfahrungen, welche uns dauernd im Gedächtnis haften bleiben. Sie vergessen zu können, ist in Wahrheit ein Glück zu nennen. Aber das Leben besteht nicht bloß aus solchen einschneidenden Begebenheiten, sondern der Hauptsache nach aus ganz anders gearteten. Und diese anderen werden restlos vergessen, wenn nicht die Grundbedingungen meines psychophysischen Gesetzes erfüllt sind.


IV.

Warum aber vergessen wir? Ist uns schon des Daseins süße Gewohnheit nur kurz bemessen, warum muß noch außerdem das Paradies der Erinnerung eine solche Unvollkommenheit zeigen? Und zwar für das Einzelich wie für das Gesamtwir!

Das historische Grundgesetz des Gedächtnisses des Gesamtwir besagt, daß politische Selbständigkeit und straffe politische Gliederung die Grundbedingungen dafür sind, daß der Erinnerungsvorrat der Völker nicht schwindet. Induktiv aus der Geschichte der Kulturvölker, von der natürlich nur sehr wenige Beispiele gebracht wurden, ist dieses Gesetz gewonnen; deduktiv soll nun gezeigt werden, warum das Fehlen der Grundbedingungen zum Vergessen führen muß.

Politische Zerfahrenheit, Mangel an straffer politischer Gliederung und, was damit verbunden zu sein pflegt, der kleinliche um Kleinigkeiten geführte Krieg der Parteien usw. sind die kausalen Momente für das Vergessen der Völker. Nicht weil das Heute das Gestern verdrängt hat und nicht weil das Morgen dem Heute dasselbe Schicksal bereiten wird, schwindet der Erinnerungsvorrat der Völker. Sondern darum wirkt die politische Zerfahrenheit in dieser Weise deletär [zerstörerisch - wp], weil sie die psychische Grundstimmung des Gesamtwir verdirbt, weil nirgends und niemals Behagen und Ruhe aufkommen können und somit die äußeren Vorbedingungen für das Entstehen eines Erinnerungsvorrats fehlen. Es kommt in Zeiten politischer Zerfahrenheit niemals zu einer Konsolidierung des Denkens und Tuns, allenthalben vielmehr macht sich ein atemloses Hasten von einem Ding zum andern geltend. Vieles wird angefangen, nichts beendet; und das Angefangene ist schlecht getan. Es schwindet der kritische Blick für das Wesentliche und Unwesentliche, für das Notwendige und bloß Wünschenswerte. Nach Abderitenart [Schildbürger - wp] wird in solchen Zeiten jeder Quark als höchste Wichtigkeit und das wahrhaft Wichtige als nebensächlich behandelt. Dazu kommt der große Übelstand, daß die Schwätzer vorangehen, während die eigentlichen geistigen Führer, weil sie mit den allzeit Redefertigen, mit den Phrasendreschern im Jagen nach der Aura popularis nicht konkurrieren können, sich im Hintergrund halten. So entsteht ein Tohuwabohu, ein Durcheinanderwirbeln von Vollwertigem und Minderwertigem, worin schließlich das letztere die Oberhand behält. Die Vielgeschäftigkeit solcher Zeiten politischer Zerfahrenheit bringt nicht mal ein Wenig zustande, sondern das Nichts ist das Resultat. Und damit sinken die Geisteskräfte der Völker überhaupt, die sich nur dann vollwertig erhalten können, wenn in straffer Selbstzucht das Streben nach einem großen Ziel gerichtet ist. An den alten geistigen Besitzstand wird durch keine neuen Motive erinnert, ja es gilt in solchen Zeiten dieses Erinnern als ein Zeichen bemitleidenswerter "Rückständigkeit". Darum vergißt das Gesamtwir, was es an Kulturwerten besaß, darum auch lernt es nichts dazu: der alte Erinnerungsvorrat schwindet allmählich und neues wird ihm nicht hinzugefügt.

Noch verderblicher wirkt die widerstandslos ertragene politische Unterjochung. Das Einzelich kann sich nicht in einer seinem Volkstum adäquaten Weise entwickeln; das verbietet und verhindert der Unterjochende. Überall rennt der Einzelne an künstliche Schranken an, die ihm gezogen sind, damit der Eroberer sein Übergewicht erhalten kann. Individualität und Personalität, der physische und der psychische Mensch - um einmal diese Unterscheidung zu machen - sind allenthalben in Fesseln geschlagen, damit nur ja nicht das eroberte Volkstum sich irgendwie betätigen kann. Die Anpassung an den Willen des Eroberers ist die  suprema lex,  mag diese Anpassung dem Eroberten möglich oder unmöglich sein. Damit aber ist das Gesamtwir völlig zertrümmert und darum verschwinden nach und nach alle Erinnerungen an das alte Volkstum, an die eigene Kultur, ja an die eigene Sprache. Nur wo gegen das Joch der Fremden revolutioniert wird, wo in allen Einzelnen der Haß gegen den Unterdrücker gewissermaßen zum religiösen Motiv wird, das sich dann allerdings nicht in Bierstubengewäsch und in Straßentumulten dummer Jungen äußert, sondern das mit der Waffe in der Faust sein Credo verficht: dort bleibt die Erinnerung an das, was war, im Einzelich lebendig. Dort wird nichts vergessen; und darum kann sich nach der Abschüttelung des Jochs aus den Trümmern ein neues Gesamtwir aufbauen.

So, glaube ich, ist das Vergessen der Völker zu erklären. Weniger einfach ist die Erklärung dafür, warum das Einzelich vergißt.

Durchforscht man die Schriften der Philosophen nach ihren Meinungen über das Gedächtnis und das Vergessen, so erhält man eine recht geringe Ausbeute. So viel Werke über den menschlichen Verstand, über die Verbesserung des Verstandes, über das Wissen usw. auch existieren, das Gedächtnis ist darin meist stiefmütterlich behandelt. Und über das Vergessen wird ebenfalls sehr wenig gesagt, kaum daß ihm ein Relativsatz gewidmet wird. In meiner fundamental-philosophischen Untersuchung "Der Mensch" (1912) habe ich (Seite 65) die von SPINOZA in seiner "Verbesserung des Verstandes" gegebene Definition des Gedächtnisses zurückgewiesen. Und zwar deswegen, weil es sich beim Gedächtnis weder, wie SPINOZA meint, um die Empfindung von Gehirneindrücken, noch um das Denken an die Dauer der Empfindung handelt und handeln kann. Andere reine philosophische Definitionen und Erörterungen sind noch weniger, wenigstens für diese Darlegungen, zu gebrauchen, zumal sie den Grund für das Vergessen nicht klar machen. Kann ich demnach von einer Kritik der eigentlichen Philosophen absehen, so muß ich mich doch anders zu den Ergebnissen der Experimental-Psychologie stellen. Ich habe ein ganz eigentümliches Verhältnis zu dieser Wissenschaft. Von Beruf Mikroskopiker und Biologe, wissenschaftlich herangebildet in des physiologischen Instituten meiner großen Lehrer EMIL DUBOIS-REYMOND und HERMANN MUNK, also von einer Provenienz, daß mir das Experiment als die Panacee [Wundermittel - wp] zur Lösung aller Fragen erscheinen müßte, kann ich doch zu den Resultaten der experimentell-psychologischen Forschung in kein rechtes Verhältnis kommen. So viel auf diesem Gebiet geleistet wird, so tiefe Einblicke wir durch diese Arbeiten in die Sinnesphysiologie erhalten, so gering erscheint mir wenigstens die Bedeutung des Erforschten für das Verständnis der Psyche. Das gilt auch für das, was von experimentell-psychologischer Seite über das Gedächtnis und über das Vergessen gesagt wird. Wenn man eine mehr oder minder intelligente Persönlichkeit kurz einwirkende Einzelfarben oder Einzeltöne, die man in geeigneter Weise hervorbringt, erkennen läßt und dann die Erinnerungsfähigkeit auf diese Farben und Töne prüft: was in aller Welt wird dadurch für Erinnern und Vergessen bewiesen? Ein sinnes physiologisches  Ergebnis von erheblicher Wichtigkeit wird gewonnen, mehr aber auch nicht. Denn - und das ist der, wie ich glaube, unvermeidliche Grundfehler der ganzen Methode - das Experiment mit der schnell verschwindenden Farbe, dem rasch verklingenden Ton gibt ja niemals und kann gar kein Bild oder auch nur eine Annäherung an das Bild des täglichen und wirklichen Vorgangs. Bei letzterem handelt es sich niemals und nirgends um einzelne Farben, isolierte Töne, also um gewissermaßen ad hoc präparierte einfache Reize, sondern immer und ausschließlich um komplexe Reize. Solche komplexen Reize, wie sie für das Gedächtnis des Menschen allein in Frage kommen, wendet aber das Experiment nicht an und kann sie auch gar nicht anwenden. Das Experiment muß vielmehr die Einzelerscheinung studieren, muß den komplexen Vorgang in seine Bestandteile zu zerlegen versuchen, um diese dem Studium zugänglich zu machen. Aber diese "Encheiresis naturae" [Bezwingung der Natur - wp] ist keineswegs die Natur;; auf die Mischung kommt es an, auf die gegenseitige Beeinflussung der Bestandteile eines Vorgangs, der zum Gedächtnisreiz werden soll. Und weil die Experimental-Psychologie diese Mischung nicht vornehmen kann, und weil sie sie für ihre Ziele auch nicht verwenden kann, darum sind ihre sinnesphysiologischen Ergebnisse durchaus keine psychologischen Erklärungen. Was soll man gar mit einer logarithmischen Erklärung des Vergessens anfangen, wie eine solche, wenn ich nicht irre, EBBINGHAUS gegeben hat. Wenn dieser Gelehrte findet, daß sich die Quotienten aus Behaltenem und Vergessenem umgekehrt wie die Logarithmen der vergangenen Zeitintervalle verhalten, was erklärt dieser Logarithmus des Vergessens? Weiß ich dadurch, was das Vergessen ist und warum wir vergessen? Ich finde nicht. Übrigens will ich hierzu bemerken, daß die Zeit, welche seit einem Erlebnis verstrichen ist, nicht das Geringste mit dem Vergessen als solchem zu tun hat. Denn ein Erlebnis von gestern kann morgen vollständig vergessen sein, wohingegen ein Erlebnis von vor 20 Jahren mir heute noch genauso gegenwärtig sein kann, wie am Tag des Erlebens. Wenn es bei KÜLPE (Grundriß der Psychologie) heißt, daß das Wiedererkennen von Sinneseindrücken nicht an ihre absolute, sondern an ihre relative Gleichartigkeit geknüpft ist, so kann ich dem zustimmen. Und auch das ist richtig, daß es keine zentral erregte Empfindung geben kann, welche nicht ehemals eine von der Peripherie her veranlaßte gewesen ist. Aber ich trenne mich von diesem Autor sofort, wenn er sagt, daß das Vergessen auf einer Veränderung der zentral erregten Empfindungen beruth. Hier setzen meine Betrachtungen und Erklärungsversuche ein.

Von dem alten Satz: "nihil est in intellectu, quod non prius fuerit in sensu" [Nichts ist im Verstand, was nicht vorher in den Sinnen war. - wp] müssen wir zunächst die Frage aufwerfen, in welchem Maße die einzelnen Sinne bei der Bildung des Gedächtnisses beteiligt sind. Und die Antwort kann meines Erachtens nur dahin lauten, daß ausschließlich Auge und Ohr uns solch deutliche Vorstellungen liefern, daß sie im Gedächtnis aufbewahrt werden. Das Gefühl ebenso wie Geruch und Geschmack liefern nur undeutliche Erinnerungen. Was das Auge erschaut, das Ohr gehört, wenn das Geschaute und Gehörte überhaupt zum Erinnerungsvorrat geworden sind, kann ein auch nur halbwegs intelligenter Menschen sich in vollkommener Deutlichkeit wieder vorstellen, wenn die Erinnerung durch einen irgendwie beschaffenen aber adäquaten Reiz hervorgerufen wird. Das Erinnerungsbild wird dann zum Gegenwartsbild und ruft als solches all die angenehmen bzw. unangenehmen Empfindungen von neuem hervor, die beim erstmaligen Schauen oder Hören die betreffende Persönlichkeit erfüllten. Das Niederschreiben dieses Gedankens an meinem Schreibtisch ist der Reiz, der in mir z. B. das Bild des  David  von MICHELANGELO oder der  Madonna della sedia  des RAFFAEL in aller Deutlichkeit in Erinnerung ruft. Ich sehe die herrlichen Farben, die köstlichen Figuren des RAFFAEL gewissermaßen leibhaftig vor mir, ich bewundere in Gedanken, als wenn es in der Wirklichkeit geschähe, die übergewaltige Größe des MICHELANGELO in seinem  David.  Und da ich auch vom Hören schrieb: dieses Schreiben ist der adäquate Reiz, um in mir den ersten Satz der C-moll-Symphonie von BEETHOVEN zum Ertönen zu bringen, d. h. so lebendig in Erinnerung zu rufen, daß in der geistigen Reproduktion aus dem Erinnerungsbild ein Gegenwartsbild wird. Und so geht es mit allen anderen Bestandteilen des Erinnerungsvorrats, sofern sie durch Hören oder Sehen gewonnen wurden. In der Reproduktion durch das Gedächtnis werden sie zu lebendigen Gegenwartsbildern.

Nicht das Gleiche ist vom Gefühlssinn auszusagen. Ich habe die Erinnerung an  heiß  und  kalt,  usw. Aber ich kann mir in der Erinnerung oder besser durch die Erinnerung die Vorstellung von einem glühend heißen Eisen, einem Würfel Eis nicht so lebendig machen, daß ich den von einem glühenden Eisen hervorgerufenen Schmerz ebenso lebhaft empfinde, wie ich im vorigen Beispiel die  Madonna della sedia  vor mir sah. Das heißt: das durch das Gefühl hervorgerufene Erinnerungsbild kann niemals zum Gegenwartsbild werden. Es wird durch die Erinnerung nur meine während des Erlebens vorgenommene Klassifikation des Erlebnisses, mein Urteil darüber erneuert. Und nur wenn mich heißes Eisen von neuem brennt, dann empfinde ich auch wieder Schmerz und kann ihn als schon einmal empfunden erkennen. Vom Geruch und Geschmack bekommt man ebenfalls nur undeutliche Erinnerungsbilder. Ich kann mir keinen Geruch in der Erinnerung so vorstellen, daß ich gewissermaßen eine geistige Riechempfindung habe. Aber wenn ich nach Jahren eine Blume, die ich bis dahin nicht mehr in der Hand hatte, wieder erhalte, dann erinnere ich mich des Duftes von früher her. Ich kann sagen: dies riecht nach Veilchen, jenes nach Nelken; also bei der Wiederkehr eines identischen oder nahezu identischen Reizes kommt in mir eine Geruchsempfindung zustande, welche mich an eine frühere Empfindung erinnert. Und ganz das Gleiche ist beim Geschmack vorhanden; kein Mensch hat in der Erinnerung Geschmacksempfindungen. Oder mit anderen Worten: Die Erinnerungsbilder von Geruch und Geschmack werden nur dann zu Gegenwartsbildern, wenn derselbe Reiz wie früher auf die Sinnesnerven einwirkt. Wenn man aber gefragt wird, wie eine Rose riecht, wie Kalbfleisch schmeckt, dann hat man nur die Erinnerung an das frühere Urteil, an die Lust- oder Unlustempfindung und nichts weiter. Aus diesen Gründen können die durch Gefühl, Geruch und Geschmack vermittelten Empfindungen bei der Untersuchung des Gedächtnisses außer Betracht bleiben. Sie tragen so gut wie nichts zum Erinnerungsvorrat bei und liefern niemals Erinnerungsbilder, welche je zu Gegenwartsbildern werden können.

Ich habe in meiner fundamental-philosophischen Untersuchung "Der Mensch" (Seite 65) das Gedächtnis folgendermaßen definiert: "Gedächtnis ist eine auf identische Reize in immer identischer Weise wiederkehrende Rhythmik der Molekularbewegungen in den Ganglienzellen der Großhirnrinde". An dieser molekularen Erklärung des Gedächtnisses wie aller übrigen sogenannten geistigen Vorgänge halte ich fest, auch wenn ich nicht die Hoffnung hege, hierfür die Zustimmung aller Philosophen zu erlangen (1). Also: trifft derselbe Reiz wie einstmals die Moleküle der Ganglienzellen der Großhirnrinde, so muß er nach unabänderlichen Naturgesetzen dieselbe Rhythmik der Bewegung und damit dasselbe Bild wie früher hervorrufen. Aber - und hier kommt die Erweiterung zu dem, was ich in der genannten Monographie ausgeführt habe - weil der erstmalige Reiz keinen Beitrag zum Erinnerungsvorrat geschaffen hat, kann der jetzige identische auch kein Erinnerungsbild zum Gegenwartsbild hervorrufen. Die jetzige Rhythmik der Molekularbewegung in den Ganglienzellen der Großhirnrinde wird, trotzdem sie bereits einmal vorhanden war, doch als ein völliges Novum empfunden. das aber kann nur so erklärt werden,  daß die Intensität der erstmaligen Erregung nicht ausreichte, um einen Erinnerungsvorrat zu schaffen.  Es braucht die erstmalige Einwirkung eines Reizes nicht gleich ein gewissermaßen mit allem Detail ausgeführtes Erinnerungsbild zu liefern, aber die Intensität der Erregung der Moleküle muß doch groß genug gewesen sein, um einen allgemeineren Eindruck bzw. einen Eindruck von der generellen Beschaffenheit des Reizes hervorrufen. Und dieser allgemeine Eindruck wird bei der Wiederholung des Reizes wieder erkannt. Ein komplexer Reiz wirkt überhaupt erst allmählich Detail erinnernd; nach und nach, infolge wiederholten Einflusses des Reizes kommen zum allgemeinen Eindruck die Einzelheiten hinzu. Bleibt eine solche Wiederholung aus, so hat man in seinem Erinnerungsvorrat dank der Intensität der erstmaligen Erregung wohl den allgemeinen Eindruck, aber nicht mehr. Das sind die Vorgänge, Erlebnisse usw., an welche man sich "nur dunkel" erinnert. Man kann daher sagen:  Intensität der Erregung  - erstmalige und wiederholte -  und Treue des Gedächtnisses sind einander direkt proportional.  Das ist der molekulare Beweis für mein psychophysisches Grundgesetz des Gedächtnisses des Einzelichs.

Scharf muß man hier unterscheiden die Intensität der Erregung der Moleküle von der Intensität des Reizes. Der Reiz als solcher nämlich kann überaus intensiv sein, er wird aber doch vergessen. Denn trotz seiner Intensität ist die Erregung der Moleküle nur eine so minimale oder eine so schnell vorübergehende, daß kein Erinnerungsbild bleibt. Ein heftiges Gewitter, eine starke Explosion und ähnliches sind zwar sehr intensive Reize, aber dievon ihnen ausgelösten Erregungen in den Molekülen der Zellen der Großhirnrinde sind so schnell vorübergehende, daß die Erinnerung an jene Reize sehr bald verschwunden ist. Und umgekehrt: ein ansich durchaus nicht übermäßig intensiver Reiz kann zu einer so nachhaltigen bzw. so starken Erregung führen, daß die Erinnerung an den Reiz im Gedächtnis haften bleibt. Ein z. B. über meinem Haus schnell dahin fliegendes Luftschiff ruft eine so starke Erregung hervor, daß der an und für sich sehr flüchtige Eindruck davon nie mehr vergessen wird.  Es gibt hier meines Erachtens überhaupt kein Verhältnis zwischen Reiz und Erregung;  intensiver Reiz und minimale Erregung, minimaler Reiz und intensive Erregung können zusammengehören und ebenso alle dazwischen liegenden Stufen. Das wird experimentell offenbar verkannt.

Also!  Weil das weitaus Meiste dessen, was geschieht, was der Mensch erlebt, keine genügende Erregungswirkung hat, darum vergessen wir.  Das ist der Inhalt meines psychophysischen Grundgesetzes des Gedächtnisses des Einzelichs. Langsame und von langer Hand bewirkte Vorbereitung schafft, auch weinn die einzelnen Reize nur gering sind, eine solche Intensität der molekularen Erregung, daß daraus das Erinnerungsbild, der Erinnerungsvorrat entsteht. Was der Augenblick gebiert, und sei der Reiz auch noch so intensiv, das tötet er auch; die zu geringe molekulare Erregung klingt ab und hinterläßt nichts. Je größer die Irritabilität der Moleküle in den Ganglienzellen der Großhirnrinde, umso größer der Erinnerungsvorrat und umso treuer das Gedächtnis. Denn an die Moleküle der Ganglienzellen der Großhirnrinde ist das Gedächtnis geknüpft; von ihrer Irritabilität und von der Intensität ihrer Irritation hängt das Vergessen ab. Das Vergessen also, gewissermaßen eine negative Tätigkeit des Geistes, ist, wie alle positiven Tätigkeiten, eine Funktion der Substanz.
LITERATUR - Bernhard Rawitz, Über das Vergessen, Archiv für systematische Philosophie, Neue Folge Bd. 20, Berlin 1914
    Anmerkungen
    1) Nur auf  eines  hoffe ich: auf die skurrilen Zornesausbrüche weithin unbekannter spiritualistischer Reporter, alias Referenten. Ich hoffe darauf, weil sie mich außerordentlich heiter stimmen.