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KARL RAIMUND POPPER
Prognose und Prophetie
in den Sozialwissenschaften


"Die Vorstellung der Juden vom auserwählten Volk ist eine typisch historizistische Vorstellung - daß der Geschichte ein Plan zugrunde liegt, dessen Urheber  Jahwe  ist, und daß dieser Plan von den Propheten teilweise aufgedeckt werden kann. Diese Vorstellungen drücken einen der ältesten Träume der Menschheit aus - den Traum von der Prophezeiung, die Vorstellung, daß wir erfahren können, was die Zukunft für uns bereithält, und daß wir aus einem solchen Wissen Nutzen ziehen können, indem wir unsere Politik danach ausrichten."

"Prophezeiungen über Sonnenfinsternisse und tatsächlich alle auf die Regelmäßigkeit der Jahreszeiten gegründeten Prophezeiungen (vielleicht die ältesten vom Menschen bewußt erfaßten Naturgesetze) sind nur möglich, weil unser Sonnensystem ein stationäres und zyklisch ablaufendes System ist; und dies ist deshalb der Fall, weil es zufällig durch ungeheure Weiten leeren Raums gegen Einflüsse seitens anderer mechanischer Systeme isoliert und deshalb relativ frei von exogenen Einwirkungen ist."

"Es gibt kein Gesetz der Evolution; es gibt nur die historische Tatsache, daß sich Pflanzen und Tiere verändern oder, genauer gesagt, daß sie sich verändert haben. Die Vorstellung von einem Gesetz, das Richtung und Charakter der Evolution determiniert, ist ein typischer Irrtum des neunzehnten Jahrhunderts, der sich aus der allgemeinen Tendenz ergab, die üblicherweise Gott zugeschriebenen Funktionen einem  Gesetz der Natur  zuzuschreiben."

"Die frühere, naturalistische Revolution gegen Gott ersetzte den Namen  Gott  durch den Namen  Natur.  Nahezu alles andere blieb unverändert. Die Theologie als die Wissenschaft von Gott wurde durch die Wissenschaft von der Natur ersetzt; die Gesetze Gottes durch die Gesetze der Natur; Gottes Wille und Kraft durch den Willen und die Kraft der Natur (durch die Naturkräfte); und späterhin Gottes Plan und Gottes Urteil durch die natürliche Auslese. Der theologische Determinismus wurde durch einen naturalistischen Determinismus ersetzt - d. h. Gottes Allmacht und Allwissenheit wurde von der Allmacht der Natur und der Allwissenheit der Wissenschaft abgelöst."


I.

Das Thema meines Vortrags lautet:  Prognose und Prophetie in den Sozialwissenschaften.  Und ich habe die Absicht, die Doktrin zu kritisieren, nach der es die Aufgabe der Sozialwissenschaften ist, historische Prophezeiungen hervorzubringen und nach der wir historische Prophezeiungen brauchen, um die Politik rational zu gestalten (1). Diese Doktrin werde ich als "Historizismus" bezeichnen, den ich als Überbleibsel eines altertümlichen Aberglaubens auffasse, obgleich die Anhänger dieser Doktrin üblicherweise überzeugt sind, daß es sich bei ihr um eine sehr neue, progressive, revolutionäre und wissenschaftliche Theorie handelt.

Die Grundsätze des Historizismus - daß es die Aufgabe der Sozialwissenschaften ist, historische Prophezeiungen hervorzubringen, und daß diese historischen Prophezeiungen für jede rationale Theorie erforderlich sind - sind heute aktuell, da sie einen sehr wichtigen Bestandteil jener Philosophie bilden, die sich selbst gern als "Wissenschaftlichen Sozialismus" oder als "Marxismus" zu bezeichnen beliebt. Daher kann meine Analyse der Rolle von Prognose und Prophetie auch als eine Kritik der historischen Methode des Marxismus umschrieben werden. Tatsächlich aber beschränkt sie sich nicht auf diese ökonomische Variante des Historizismus, die unter dem Namen Marxismus bekannt ist; denn sie ist auch die Kritik der historizistischen Doktrin im allgemeinen abgestellt. Dennoch habe ich mich entschlossen, so zu verfahren, als ob der Marxismus mein hauptsächliches oder einziges Angriffsziel ist; denn ich möchte mich nicht dem Vorwurf aussetzen, daß ich den Marxismus hinterlistig unter der Bezeichnung "Historizismus" angreife. Ich wäre Ihnen jedoch dankbar, wenn Sie bei jeder Erwähnung des Marxismus daran denken wollten, daß ich dabei auch einige andere Geschichtsphilosophien im Sinn habe; denn ich versuche, eine bestimmte historische Methode zu kritisieren, die von vielen antiken und modernen Philosophen mit völlig anderen politischen Ansichten, als MARX sie hegte, für gültig gehalten wurde.

Als Kritiker des Marxismus werde ich versuchen, meine Aufgabe großzügig zu interpretieren: Ich werde mir die Freiheit nehmen, den Marxismus nicht nur zu kritisieren, sondern bestimmte, von ihm aufgestellte Behauptungen auch zu verteidigen; und ich werde mir die Freiheit nehmen, seine Doktrinen radikal zu vereinfachen.

Einer der Punkte, bei dem ich mich mti den Marxisten einig weiß, ist ihr Beharren darauf, daß die sozialen Probleme unserer Zeit dringlich sind und daß die Philosophen ihnen nicht ausweichen dürfen; daß wir uns nicht mit der Interpretation der Welt zufrieden geben dürfen, sondern bei ihrer Veränderung Hilfe leisten sollten. Mir liegt diese Attitüde sehr am Herzen, und das von unserer Tagung gewählte Thema "Man and Society" beweist, daß die Notwendigkeit der Diskussion dieser Probleme weithin anerkannt wird. Die tödliche Gefahr, in die die Menschheit hineingetaumelt ist - zweifellos die größte Gefahr ihrer Geschichte -, darf von den Philosophen nicht übersehen werden.

Aber welchen Beitrag können die Philosophen leisten - nicht einfach als Menschen oder als Bürger, sondern als Philosophen? Einige Marxisten behaupten, daß die Probleme zu dringlich sind, als daß man sich weiterer Kontemplation hingeben dürfe, und daß wir uns sofort zusammenschließen sollten. Wenn wir aber - als Philosophen - überhaupt einen Beitrag leisten können, dann müssen wir sicherlich jedes unbedachte Akzeptieren gebrauchsfertiger Lösungen zurückweisen, so dringlich das Gebot der Stunde auch sein mag. Als Philosophen können wir nichts Besseres tun, als die vor uns auftauchenden Probleme und die von den verschiedenen Strömungen vertretenen Lösungen einer rationalen Kritik auszusetzen. Um es deutlicher auszudrücken: Meiner Ansicht nach kann ich als Philosoph nichts besseres tun, als den Problemen mit den Waffen der  Methodenkritik  gegenüberzutreten. Und das beabsichtige ich zu tun.


II.

Einführend könnte ich vielleicht sagen, warum ich dieses besondere Thema gewählt habe: Ich bin Rationalist, womit ich ausdrücken will, daß ich an Diskussion und an Argumentation glaube. Und ich glaube auch, daß es möglich, ja sogar wünschenswert ist, die Wissenschaft auf Probleme anzuwenden, die sich auf sozialem Gebiet stellen. Da ich nun aber an die Sozialwissenschaften glaube, kann ich nur mit Unbehagen auf soziale Pseudowissenschaften schauen.

Viele der Rationalisten unter meinen Kollegen sind Marxisten; so gibt es beispielsweise in England eine beträchtliche Anzahl ausgezeichneter Physiker und Biologen, die ihre Treue zur MARXschen Lehre betonen. Sie werden vom Marxismus durch folgende seiner Ansprüche angezogen:
    a) eine Wissenschaft zu sein,
    b) progressiv zu sein und
    c) die in den Naturwissenschaften praktizierten Methoden der Prognose zu übernehmen.
Natürlich hängt alles von diesem dritten Anspruch ab. Deshalb werde ich zu zeigen versuchen, daß dieser Anspruch nicht gerechtfertigt ist und daß die vom Marxismus aufgestellten Prophezeiungen in ihrer Logik eher denen des  Alten Testaments  als denen der modernen Physik verwandt sind.


III.

Ich werde mit einer kurzen Darstellung und Kritik der historischen Methode der angeblichen Wissenschaft des Marxismus beginnen. Dabei werde ich die Dinge übermäßig vereinfachen müssen; das ist unvermeidlich. Meine Vereinfachungen sollen aber dem Zweck dienen, die entscheidenden Punkte in den Brennpunkt zu rücken.

Die zentralen Ideen der historizistischen Methode, und besonders des Marxismus, scheinen folgende zu sein:
    a) Es ist eine Tatsache, daß wir Sonnenfinsternisse mit großer Genauigkeit und auf lange Zeit voraussagen können. Weshalb sollten wir nicht imstande sein, Revolutionen vorauszusagen? Hätte ein Sozialwissenschaftler im Jahre 1780 nur halbsoviel von der Gesellschaft verstanden wie die alten babylonischen Astrologen von der Astronomie, so hätte er die Französische Revolution voraussagen können.

    Diese grundsätzliche Idee, daß die Voraussage von Revolutionen ebensogut möglich sein müsse wie die Voraussage von Sonnenfinsternissen, führt zu folgender Ansicht von der Aufgabe der

    Sozialwissenschaften: b) Die Aufgabe der Sozialwissenschaften ist grundsätzlich die gleiche wie die der Naturwissenschaften - Prognosen aufzustellen, und im besonderen historische Prognosen, d. h. Prognosen über die soziale und politische Entwicklung der Menschheit.

    c) Sobald solche Prognosen einmal aufgestellt sind, kann man die Aufgabe der Politik festlegen. Diese besteht in der Minderung der "Geburtswehen" (wie MARX es ausdrückte), die notwendigerweise mit den als unmittelbar bevorstehend vorausgesagten politischen Entwicklungen verknüpft sind.
Diese einfachen Ideen, und besonders den Anspruch, daß die Aufgabe der Sozialwissenschaften in der Aufstellung historischer Prognosen, z. B. Prognosen über soziale Revolutionen besteht, werde ich als  historizistische Doktrin der Sozialwissenschaften  bezeichnen. Und die Idee, daß es die Aufgabe der Politik ist, die Geburtsschmerzen unmittelbar bevorstehender politischer Entwicklungen zu mindern, werde ich als  historizistische Doktrin der Politik  bezeichnen. Diese beiden Doktrinen kann man als Teile eines größeren philosophischen Systems auffassen, das als Historizismus bezeichnet werden mag - als die allgemeine Vorstellung, daß der Menschheitsgeschichte ein Plan zugrunde liegt und daß wir im Falle der Aufdeckung dieses Plans den Schlüssel zur Zukunft in der Hand haben.


IV.

Bislang habe ich kurz zwei historizistische Doktrinen über die Aufgabe der Sozialwissenschaften und der Politik umrissen. Und diese Doktrinen habe ich als marxistisch bezeichnet. Allerdings sind sie kein Unterscheidungsmerkmal des Marxismus; im Gegenteil, sie zählen zu den ältesten Doktrinen der Welt. Zur Zeit von KARL MARX wurden sie in eben der beschriebenen Form nicht nur von MARX vertreten, der sie von HEGEL übernahm, sondern auch von JOHN STUART MILL, der sie von COMTE übernahm. Und in der Antike wurden sie von PLATON verfochten und vor diesem von HERAKLIT und von HESIOD. Überdies scheinen sie orientalischen Ursprungs zu sein; tatsächlich ist die Vorstellung der Juden vom auserwählten Volk eine typisch historizistische Vorstellung - daß der Geschichte ein Plan zugrunde liegt, dessen Urheber  Jahwe  ist, und daß dieser Plan von den Propheten teilweise aufgedeckt werden kann. Diese Vorstellungen drücken einen der ältesten Träume der Menschheit aus - den Traum von der Prophezeiung, die Vorstellung, daß wir erfahren können, was die Zukunft für uns bereithält, und daß wir aus einem solchen Wissen Nutzen ziehen können, indem wir unsere Politik danach ausrichten.

Diese jahrtausendealte Idee wurde durch die Tatsache gestützt, daß sie Prophezeiungen über Sonnenfinsternisse und die Bewegungen der Sterne bewahrheiteten. Die enge Verbindung zwischen der historizistischen Doktrin und astronomischer Erkenntnis tritt in den Vorstellungen und Praktiken der Astrologie klar zutage.

Natürlich sind diese historischen Punkte nicht relevant für die Frage, ob die historizistische Doktrin von der Aufgabe der Sozialwissenschaften haltbar ist oder nicht. Dieses Problem gehört zur Methodologie der Sozialwissenschaften.


V.

Die historizistische Doktrin, die uns lehrt, daß die Aufgabe der Sozialwissenschaften in Voraussagen über historische Entwicklungen besteht, ist meiner Ansicht nach unhaltbar.

Zwar sind alle theoretischen Wissenschaften prognostizierende Wissenschaften. Auch gibt es Sozialwissenschaften, die theoretischer Natur sind. Aber impliziert dieses Zugeständnis - wie dies die Historizisten glauben -, daß die Aufgabe der Sozialwissenschaften in der historischen Prophezeiung besteht? Es sieht so aus. Aber dieser Eindruck verschwindet, sobald wir eine klare Trennungslinie zwischen dem ziehen, was ich als  wissenschaftliche Prognose  einerseits und als  unbedingte historische Prophezeiung  andererseits bezeichnen werden. Der Fehler des Historizismus besteht im Verzicht auf diese wichtige Unterscheidung.

Die üblichen Prognosen der Wissenschaft sind bedingt. Sie behaupten, daß bestimmte Veränderungen (z. B. der Wassertemperatur in einem Kessel) von anderen Veränderungen (z. B. dem Sieden des Wassers) begleitet werden. Oder, um ein einfaches Beispiel aus den Sozialwissenschaften heranzuziehen: In der gleichen Weise, wie wir vom Physiker lernen, daß ein Dampfkessel unter bestimmten Umständen explodiert, können wir vom Ökonomen erfahren, daß unter bestimmten sozialen Bedingungen, beispielsweise bei Güterknappheit, Festpreisen und vielleicht dem Fehlen wirkungsvoller Strafen, ein schwarzer Markt entsteht.

Manchmal können aus diesen bedingten wissenschaftlichen Prognosen in Verbindung mit historischen Aussagen, die behaupten, daß die in Frage stehenden Bedingungen erfüllt sind, unbedingte wissenschaftliche Prognosen abgeleitet werden. (Aus solchen Prämissen können unbedingte Prognosen mit Hilfe des Modus ponens [Schlußfigur, die durch das Setzen einer Aussage eine andere Aussage setzt. - wp] geschlossen werden.) Wenn die Diagnose eines Arztes auf Scharlach lautet, dann kann er mit Hilfe der bedingten Prognosen seiner Wissenschaften zu der unbedingten Prognose gelangen, daß sich beim Patienten ein bestimmter Hautausschlag zeigen wird. Aber es ist natürlich auch möglich, solche unbedingten Prophezeiungen ohne jede derartige Rechtfertigung durch eine theoretische Wissenschaft oder - mit anderen Worten - durch bedingte wissenschaftliche Prognosen aufzustellen. Sie können beispielsweise auf einen Traum gegründet sein - und sie können sich durch Zufall sogar einmal als wahr erweisen.

Ich stelle zwei Behauptungen auf:

Die erste besteht darin, daß der Historizist seine historischen Prophezeiungen in der Tat nicht aus bedingten wissenschaftlichen Prognosen ableitet. Die zweite (aus der die erste folgt) lautet: Der Historizist kann dies auch gar nicht, da langfristige Prophezeiungen aus bedingten wissenschaftlichen Prognosen nur dann abgeleitet werden können, wenn sie sich auf Systeme beziehen, die als isoliert, stationär und zyklisch beschrieben werden können. Solche Systeme sind jedoch in der Natur sehr selten; und die moderne Gesellschaft gehört sicherlich nicht dazu.

Diesen Punkt möchte ich etwas weiter ausführen. Prophezeiungen über Sonnenfinsternisse und tatsächlich alle auf die Regelmäßigkeit der Jahreszeiten gegründeten Prophezeiungen (vielleicht die ältesten vom Menschen bewußt erfaßten Naturgesetze) sind nur möglich, weil unser Sonnensystem ein stationäres und zyklisch ablaufendes System ist; und dies ist deshalb der Fall, weil es zufällig durch ungeheure Weiten leeren Raums gegen Einflüsse seitens anderer mechanischer Systeme isoliert und deshalb relativ frei von exogenen Einwirkungen ist. Im Gegensatz zur populären Meinung ist die Analyse solcher zyklischer Systeme nicht typisch für die Naturwissenschaften. Diese zyklischen Systeme sind Sonderfälle, in denen wissenschaftliche Prognosen besonders eindrucksvoll sind - das ist aber auch alles. Abgesehen von diesem Sonderfall, also vom Sonnensystem, sind zyklische Systeme in erster Linie in der Biologie bekannt. Die Lebenszyklen der Organismen sind ein Teil einer semi-stationären oder sich nur sehr langsam verändernden biologischen Ereigniskette. Wissenschaftliche Prognosen über die Lebenszyklen von Organismen lassen sich insofern aufstellen, als wir von den langsamen evolutionären Veränderungen abstrahieren, d. h. insofern, als wir die in Frage stehenden biologischen Systeme als stationär behandeln.

Aus den soeben angeführten Beispielen läßt sich also keine Begründung für die Behauptung herleiten, daß wir die Methode der langfristigen unbedingten Prophezeiung auf die Menschheitsgeschichte anwenden können. Die Gesellschaft verändert sich, sie entwickelt sich. Und diese Entwicklung ist, im wesentlichen, nicht zyklisch. Zwar können wir, soweit sie zyklisch ist, vielleicht gewisse Prophezeiungen aufstellen. So läßt sich z. B. ein gewisser Zyklus in der Entstehung neuer Religionen oder auch neuer Tyrannensysteme beobachten; und ein Geschichtsforscher mag zu der Ansicht gelangen, daß er solche Entwicklungen bis zu einem gewissen Grad voraussehen kann, wenn er sie mit früheren Fällen vergleicht, also durch das Studium der Bedingungen, unter denen sie entstehen. Aber diese Anwendung der Methode der bedingten Prognose bringt uns nicht sehr weit. Denn die auffallendsten Aspekte der historischen Entwicklung sind nicht zyklisch. Die Bedingungen ändern sich, und es ergeben sich Situationen (zum Beispiel infolge neuer wissenschaftlicher Entdeckungen), die sich sehr stark von allem unterscheiden, was jemals vorher geschehen ist. Die Tatsache, daß wir Sonnenfinsternisse voraussagen können, ist daher kein gültiger Grund für die Erwartung, daß wir Revolutionen voraussagen können.

Diese Überlegungen gelten nicht nur für die Evolution des Menschen, sondern auch für die Evolution des Lebens im allgemeinen. Es gibt kein Gesetz der Evolution; es gibt nur die historische Tatsache, daß sich Pflanzen und Tiere verändern oder, genauer gesagt, daß sie sich verändert haben. Die Vorstellung von einem Gesetz, das Richtung und Charakter der Evolution determiniert, ist ein typischer Irrtum des neunzehnten Jahrhunderts, der sich aus der allgemeinen Tendenz ergab, die üblicherweise Gott zugeschriebenen Funktionen einem "Gesetz der Natur" zuzuschreiben.


VI.

Die Erkenntnis, daß die Sozialwissenschaften zukünftige historische Entwicklungen nicht prophezeien können, hat einige moderne Autoren an der Vernunft zweifeln lassen und zu Verfechtern eines politischen Irrationalismus gemacht. Da sie die Kraft der Voraussage mit der praktischen Nützlichkeit identifizieren, erklären sie die Sozialwissenschaften für unnütz. In einem Versuch zur Analyse der Möglichkeiten, historische Entwicklungen vorauszusagen, schreibt einer dieser modernen Irrationalisten: "Das gleiche Element der Unsicherheit, dem die Naturwissenschaften unterworfen sind, belastet auch die Sozialwissenschaften, nur in stärkerem Maße. Infolge seiner quantitativen Dimension beeinflußt es hier nicht nur die theoretische Struktur, sondern auch die  praktische Nützlichkeit." (2)

Aber noch besteht keine Notwendigkeit, an der Vernunft zu verzweifeln. Nur wer nicht zwischen gewöhnlichen Prognose und der historischen Prophezeiung unterscheidet oder, mit anderen Worten, nur Historizisten - und zwar enttäuschte Historizisten - neigen zu solchen verzweifelten Konsequenzen. Die Nützlichkeit der Naturwissenschaften liegt nicht in erster Linie in der Voraussage von Sonnenfinsternissen; und in ähnlicher Weise hängt die praktische Nützlichkeit der Sozialwissenschaften nicht von ihrer Kraft zur Prophezeiung historischer oder politischer Entwicklungen ab. Nur ein unkritischer Historizist, also einer, der an die historizistische Doktrin von der Aufgabe der Sozialwissenschaften wie an eine Selbstverständlichkeit glaubt, wird durch die Erkenntnis, daß die Sozialwissenschaften keine Prophezeiungen machen können, zur Verzweiflung an der Vernunft getrieben: und einige sind tatsächlich zum Haß gegen die Vernunft getrieben worden.


VII.

Worin besteht nun die Aufgabe der Sozialwissenschaften, und wie können sie sich als nützlich erweisen?

Um diese Frage beantworten zu können, möchte ich zuerst kurz zwei naive Soziallehren erwähnen, deren wir uns entledigen müssen, ehe wir die Funktion der Sozialwissenschaften verstehen können.

Die erste Theorie besagt, daß die Sozialwissenschaften soziale Ganzheiten, wie Gruppen, Nationen, Klassen, Gesellschaften, Zivilisationen usw., untersuchen. und diese sozialen Ganzheiten werden als das empirische Objekt aufgefaßt, das die Sozialwissenschaften in der gleichen Art und Weise untersuchen, wie die Biologie Tiere und Pflanzen.

Diese Auffassung muß als naiv zurückgewiesen werden. Sie übersieht völlig die Tatsache, daß diese sogenannten sozialen Ganzheiten in sehr hohem Grad Postulate populärer Soziallehren und nicht empirische Objekte sind; und daß es zwar solche empirischen Objekte wie die hier versammelten Menschen gibt, daß es aber völlig falsch ist, anzunehmen, daß sich Bezeichnungen wie die "Mittelklasse" als Symbol für irgendeine derartige empirische Gruppe verwenden lassen. Tatsächlich sind sie Symbole einer Art idealen Objektes, dessen Existenz von theoretischen Annahmen abhängt. Demgemäß sollte der Glaube an die empirische Existenz sozialer Ganzheiten oder Kollektive, den man als  naiven Kollektismus  bezeichnen kann, durch die Forderung ersetzt werden, daß die Analyse sozialer Phänomene, einschließlich der Kollektiva, als Untersuchung von Individuen und deren Handlungen und Beziehungen durchgeführt werden sollte.

Doch diese Forderung kann leicht zu einer anderen irrtümlichen Ansicht führen, zu der zweiten und wichtigeren der beiden Theorien, deren wir uns entledigen müssen. Man könnte sie als  Konspirationstheorie der Gesellschaft  bezeichnen. Nach dieser Ansicht läßt sich alles, was in der Gesellschaft geschieht - einschließlich der Dinge, die die Menschen in der Regel nicht wollen, wie Krieg, Arbeitslosigkeit, Armut, Mangel -, auf einen direkten Plan irgendwelcher mächtiger Individuen oder Gruppen zurückführen. Diese Ansicht ist sehr weit verbreitet, obwohl es sich dabei zweifellos um eine etwas primitive Art von Aberglauben handelt. Sie ist älter als der Historizismus (den man auch als Abart der Konspirationstheorie bezeichnen kann); und in ihrer modernen Form ist sie ein typisches Resultat der Säkularisierung religiösen Aberglaubens. Der Glaube an die Götter HOMERs, deren Konspirationen die Wechsellagen des Trojanischen Krieges verursachten, ist verblichen. Aber den Platz der Götter auf dem Olymp des Homer haben nun die Weisen von Zion eingenommen, die Monopolistischen, Kapitalisten und Imperialisten.

Natürlich will ich gegen die Konspirationstheorie der Gesellschaft nicht die Behauptung ins Feld führen, daß Konspirationen niemals vorkommen. Zwei Behauptungen will ich jedoch aufstellen: Erstens, daß sie nicht sehr häufig sind und daß sie den Charakter des sozialen Lebens nicht verändern. Und wenn es plötzlich keine Konspirationen mehr gäbe, würden wir dennoch grundsätzlich den gleichen Problemen gegenüberstehen, denen wir von jeher gegenübergestanden haben. Zweitens behaupte ich, daß Konspirationen sehr selten erfolgreich sind. Die erzielten Resultate weichen in der Regel stark von den angestrebten Zielen ab. (Man denke beispielsweise an die Konspiration der Nationalsozialisten.)


VIII.

Warum unterscheiden sich nun in der Regel die von einer Konspiration erzielten Resultate weit von den angestrebten? Weil dies eben der normale Gang der Ereignisse im sozialen Leben ist - mit oder ohne Konspiration. Und diese Feststellung gibt uns die Gelegenheit zur Formulierung der  Hauptaufgabe der theoretischen Sozialwissenschaften. Sie besteht in der Feststellung unbeabsichtigter sozialer Rückwirkungen absichtgeleiteter menschlicher Handlungen.  Ich möchte ein einfaches Beispiel anführen: Wenn sich jemand in einer bestimmten Gegend unbedingt ein Haus kaufen will, können wir mit Sicherheit annehmen, daß er nicht die Absicht hat, den Marktpreis der Häuser in dieser Gegend zu steigern. Aber schon die Tatsache, daß er als Käufer auf dem Markt auftritt, bewirkt eine Tendenz zu steigenden Marktpreisen. Analoge Feststellungen gelten für den Verkäufer. Oder ein Beispiel aus einem ganz anderen Gebiet: Wenn sich jemand zu einer Lebensversicherung entschließt, wird er kaum die Absicht haben, andere Leute zur Investition ihres Geldes in Versicherungsaktien anzuregen. Und dennoch wird er gerade dies tun.

An diesen Beispielen sehen wir deutlich, daß nicht alle Folgen unserer Handlungen beabsichtigte Folgen sind, und deshalb auch, daß die Konspirationstheorie der Gesellschaft nicht gültig sein kann. Sie läuft nämlich auf die Behauptung hinaus, daß alle Ereignisse, auch solche, die auf den ersten Blick nicht als von irgendjemandem beabsichtigt erscheinen, tatsächlich beabsichtigte Resultate der Handlungen von an diesen Resultaten interessierten Menschen sind.

In diesem Zusammenhang sollte darauf hingewiesen werden, daß KARL MARX selbst als einer der ersten die Bedeutung dieser unbeabsichtigten Folgen für die Sozialwissenschaften betont hat. In seinen reiferen Äußerungen drückte er aus, daß wir alle im Netz des Gesellschaftssystems gefangen sind. Der Kapitalist ist kein dämonischer Verschwörer, sondern er wird von den Umständen gezwungen, so zu handeln, wie er es tatsächlich tut; er ist für die Lage der Dinge ebensowenig verantwortlich wie der Proletarier.

Diese Ansicht von MARX hat man fallengelassen - vielleicht aus propagandistischen Gründen, vielleicht auch nur, weil sie nicht verstanden wurde - und weitgehend durch eine vulgärmarxistische Konspirationstheorie ersetzt. Dies ist ein Niedergang - der Niedergang von MARX zu GOEBBELS. Es ist jedoch klar, daß diejenigen, die glauben, die Erde zum Himmel machen zu können, gar nicht umhin können, die Konspirationstheorie zu akzeptieren. Und die einzige Erklärung dafür, daß es ihnen nicht gelingt, diesen Himmel zu schaffen, ist die Bosheit des Teufels, der ein ureigenes Interesse an der Hölle hat.


IX.

Die Auffassung, daß es die Aufgabe der theoretischen Sozialwissenschaften ist, die unbeabsichtigten Folgen unserer Handlungen aufzudecken, führt diese Wissenschaften sehr nahe an die experimentellen Naturwissenschaften heran. Die Analogie kann hier nicht im Detail entwickelt werden; es sei jedoch bemerkt, daß beide uns zur Formulierung praktischer technischer Regeln führen, die festlegen,  was wir nicht leisten können. 

So kann man das zweite thermodynamische Gesetz als technologische Warnung formulieren: "Man kann keine Maschine mit einem Wirkungsgrad von 100 Prozent bauen." Eine ähnliche Regel der Sozialwissenschaften würde lauten: "Man kann ohne Produktivitätssteigerung das Realeinkommen der Arbeiter nicht erhöhen" oder "Man kann die Realeinkommen nicht egalisieren und gleichzeitig die Produktivität steigern." Ein Beispiel für eine vielversprechende Hypothese auf diesem Gebiet, die keineswegs allgemein akzeptiert ist - oder mit anderen Worten, die ein noch ungelöstes Problem darstellt -, bietet folgender Satz: "Man kann keine Vollbeschäftigungspolitik ohne Inflation betreiben." Diese Beispiele sollen die Richtung aufzeigen, in der die Sozialwissenschaften von praktischer Bedeutung sind. Sie gestatten uns nicht die Aufstellung historischer Prophezeiungen, sie können uns aber eine Vorstellung von dem vermitteln, was wir auf dem Gebiet der Politik leisten können und was nicht.

Wir haben gesehen, daß die historizistische Doktrin unhaltbar ist; aber dies Tatsache veranlaßt uns nicht, den Glauben an die Wissenschaft oder an die Vernunft aufzugeben. Im Gegenteil, wir können nunmehr feststellen, daß sie uns eine klarere Einsicht in die Rolle der Sozialwissenschaften im sozialen Leben vermittelt. Ihre bescheidene praktische Rolle besteht darin, uns beim Verständnis auch der weiter liegenden Folgen möglicher Handlungen und damit bei der klügeren Wahl unserer Handlungen zu helfen.


X.

Die Aufgabe der historizistischen Doktrin zerstört den Marxismus vollständig, soweit es um seine wissenschaftlichen Ansprüche geht. Sie zerstört jedoch noch nicht die mehr technischen oder politischen Ansprüche des Marxismus - daß nur eine soziale Revolution, eine vollkommene Umgestaltung unseres Gesellschaftssystems angemessene soziale Bedingungen für die Menschen hervorbringen kann.

Ich will hier nicht das Problem der humanitären Ziele des Marxismus diskutieren. Ich finde an diesen Zielen sehr vieles, das ich gutheißen kann. Die Hoffnung auf eine Minderung von Elend und Gewalt, auf größere Freiheit hat, so glaube ich, MARX und viele seiner Anhänger inspiriert; und es ist eine Hoffnung, die die meisten von uns inspiriert.

Ich bin jedoch überzeugt, daß diese Ziele mit revolutionären Methoden nicht erreicht werden können. Im Gegenteil, ich bin davon überzeugt, daß revolutionäre Methoden die Dinge nur verschlimmern können - daß sie unnötiges Leid vermehren, daß sie zu mehr und mehr Gewalt führen werden und die Freiheit zerstören müssen.

Dies wird selbstverständlich, wenn wir bedenken, daß eine Revolution stets den institutionellen und traditionellen Rahmen einer Gesellschaft zerstören muß. Sie muß daher auch die Werte gefährden, zu deren Verwirklichung sie unternommen wurde. Tatsächlich kann eine Wertordnung nur dann von sozialer Bedeutung sein, wenn eine soziale Tradition besteht, die sie stützt. Dies gilt in gleicher Weise für die Ziele einer Revolution wie auch für alle anderen Werte.

Wenn man aber beginnt, die Gesellschaft zu revolutionieren und ihre Traditionen auszurotten, so kann man diesen Prozeß nicht beliebig zum Stillstand bringen. In einer Revolution wird alles in Frage gestellt - einschließlich der Ziele der wohlmeinenden Revolutionäre, der Ziele, die aus der Gesellschaft stammen und notwendigerweise ein Teil der Gesellschaft waren, die die Revolution zerstört.

Manche behaupten, daß sie dagegen nichts einzuwenden haben, daß es ihr größter Wunsch ist, die Leinwand gründlich zu säubern - eine soziale Tabula rasa zu schaffen und ganz von vorn zu beginnen mit dem Malen des Bildes eine völlig neuen Sozialsystems. Aber sie sollten über die Entdeckung nicht überrascht sein, daß bei der Zerstörung der Traditoin auch die Zivilisation untergeht. Sie werden feststellen, daß die Menschhheit auf das Niveau von Adam und Eva zurückgefallen ist - oder um eine weniger biblische Sprache zu verwenden, daß die Menschen wieder zu Tieren geworden sind. Und die revolutionären Progressivisten werden dann nichts anderes ausrichten können, als den langsamen Prozeß der Evolution des Menschen von neuem zu beginnen (um auf diese Weise in ein paar tausend Jahren vielleicht bei einer neuen kapitalistischen Periode anzugelangen, die sie wiederum zu einer gründlichen Revolution veranlaßt, auf die ein weiterer Rückfall zum Tier folgt - und so weiter ohne Unterlaß). Mit anderen Worten: Es gibt keinen denkbaren Grund dafür, daß eine Gesellschaft nach der Zerstörung ihrer traditionellen Wertordnung aus eigenem Antrieb zu einer besseren Gesellschaft werden muß (es sei denn, man glaubt an politische Wundern (3) oder gibt sich der Hoffnung hin, daß die Gesellschaft nach der Zerschlagung der Konspiration der teuflischen Kapitalisten von sich aus edel und gut wird.)

Die Marxisten werden dies natürlich nicht zugeben. Aber die marxistische Auffassung, d. h. die Auffassung, daß eine soziale Revolution zu einer besseren Welt führt, ist nur auf der Grundlage der  historizistischen Annahmen  des Marxismus verständlich. Wenn man aus der historischen Prophezeiung weiß, wozu die Sozialrevolution führen muß, und wenn man weiß, daß das Resultat alle unsere Hoffnungen erfüllt, dann, und nur dann, kann man die Revolution mit ihrem unsagbaren Leid als Mittel zum Zweck unsagbaren Glücks auffassen. Mit der Aufgabe der historizistischen Doktrin wird die Revolutionstheorie jedoch völlig unhaltbar.

Vielfach wird die Ansicht vertreten, daß es die Aufgabe der Revolution ist, uns von der kapitalistischen Konspiration und damit von der Opposition gegen Sozialreformen zu befreien; aber diese Ansicht ist unhaltbar, selbst wenn wir für einen Augenblick annehmen, daß eine solche Konspiration existiert: denn eine Revolution muß die alten Herren durch neue ersetzen, und wer garantiert uns, daß die neuen besser sind? Die Revolutionstheorie übersieht den wichtigsten Aspekt des sozialen Lebens - daß wir nicht so sehr gute Menschen als vielmehr gute Institutionen brauchen. Auch der beste Mensch kann der Korruption der Macht erliegen; aber Institutionen, die den Beherrschten eine wirksame Kontrolle über die Herrscher einräumen, können sogar schlechte Herrscher zwingen, das zu tun, was nach Auffassung der Beherrschten in ihrem Interesse liegt. Mit anderen Worten: Wir möchten gern gute Herrscher haben; aber die historische Erfahrung zeigt uns, daß wir wenig Aussicht haben, sie zu bekommen. Und aus diesem Grund ist es so wichtig, Institutionen zu schaffen, die selbst schlechte Herrscher daran hindern, allzuviel Schaden anzurichten.

Es gibt nur zwei Arten staatlicher Institutionen: solche, die einen Regierungswechsel ohne Blutvergießen gestatten, und solche, die dies nicht tun. Wenn aber eine Regierung nicht ohne Blutvergießen beseitigt werden kann, so kann sie in der Mehrzahl aller Fälle überhaupt nicht beseitigt werden. Wir brauchen uns nicht um Worte zu streiten, oder um solche Pseudoprobleme wie die wahre und wesentliche Bedeutung des Wortes "Demokratie". Man kann für die beiden erwähnten Regierungstypen jeden beliebigen Namen wählen. Ich persönlich ziehe es vor, jenen Regierungstyp, der ohne Gewalt abgelöst werden kann, als "Demokratie" zu bezeichnen und den anderen Typ als "Tyrannei". Dies ist, wie ich bereits sagte, kein Streit um Worte, sondern eine wichtige Unterscheidung zwischen zwei Institutionsarten.

Man hat die Marxisten gelehrt, nicht in Institutionen, sondern in Klassen zu denken. Klassen aber herrschen niemals, ebensowenig wie Nationen. Herrscher sind stets bestimmte Personen. Und welcher Klasse sie auch entstammen mögen - sobald sie herrschen, gehören sie zur herrschenden Klasse.

Die Marxisten denken heute nicht in Institutionen; sie setzen ihr Vertrauen auf bestimmte Persönlichkeiten oder vielleicht auf die Tatsache, daß bestimmte Personen einst Proletarier waren - was sich aus ihrem Glauben an die überragende Bedeutung von Klassen und Klassenzugehörigkeit erklärt. Im Gegensatz dazu sind die Rationalisten eher geneigt, sich in Bezug auf die Kontrolle von Menschen auf Institutionen zu verlassen. Dies ist der Hauptunterschied.


XI.

Was aber sollten die Herrscher tun? Im Gegensatz zu den meisten Historizisten bin ich davon überzeugt, daß diese Frage alles andere als überflüssig ist und daß wir sie behandeln sollten. Denn in einer Demokratie müssen die Herrscher tun, was die öffentliche Meinung von ihnen erwartet, wenn sie nicht abgelöst werden wollen. Und die öffentliche Meinung kann von allen beeinflußt werden, besonders von den Philosophen. In Demokratien haben die Ideen der Philosophen oft zukünftige Entwicklungen beeinflußt - allerdings mit einem beachtlichen Time-lag [Verzögerung - wp] -, das ist klar. Die heutige Gesellschaftspolitik in Großbritannien ist die von BENTHAM und JOHN STUART MILL, die ihr Ziel in der "Sicherstellung eines hohen Beschäftigungsstandes bei hohen Löhnen für die gesamte arbeitende Bevölkerung" zusammenfaßten. (4)

Ich mein, die Philosophen sollten die Diskussion über die angemessenen Ziele der Gesellschaftspolitik im Lichte der Erfahrung der letzten fünfzig Jahre fortsetzen. Anstatt sich auf die Diskussion des "Wesens" der Ethik oder des höchsten Gutes usw. zu beschränken, sollten sie über solche grundsätzlichen und schwierigen ethischen und politischen Fragen nachdenken, wie sie die Tatsache aufwirft, daß politische Freiheit ohne irgendein Prinzip der Gleichheit vor dem Recht unmöglich ist; daß wir, da absolute Freiheit unmöglich ist, an ihrer Stelle mit KANT die Gleichheit unter Berücksichtigung jener Freiheitsbeschränkungen fordern müssen, die die unumgängliche Konsequenz des sozialen Lebens sind; und daß schließlich das Streben nach Gleichheit, besonders in ihrem ökonomischen Sinn, eine Gefahr für die Freiheit werden kann, so wünschenswert die Gleichheit ansich auch sein mag.

Und in ähnlicher Weise sollten die Philosophen über die Tatsache nachdenken, daß das von den Utilitaristen vertretene Prinzip des größten Glücks der größten Zahl leicht zum Vorwand für eine wohlmeinende Diktatur werden kann, sowie über den Vorschlag (5), daß wir dieses Prinzip durch ein bescheideneres und realistischeres ersetzen sollten - durch das Prinzip, daß der Kampf gegen vermeidbares Elend ein anerkanntes Ziel der staatlichen Politik sein sollte, während die Steigerung des Glücks in erster Linie der Privatinitiative überlassen bleiben sollte.

Dieser modifizierte Utilitarismus könnte meiner Meinung nach viel leichter zu einer Einigung über Sozialreformen führen. Denn neue Wege zum Glück sind theoretische und irreale Dinge, über die man sich vielleicht nur schwer eine Meinung bilden kann. Aber mit dem Elend leben wir, hier und jetzt, und wir werden noch lange damit leben müssen. Wir alle kennen es aus Erfahrung. Deshalb sollten wir es zu unserer Aufgabe machen, die öffentliche Meinung von dem einfachen Gedanken zu überzeugen, daß es klüger ist, die dringlichsten und naheliegendsten sozialen Mißstände einen nach dem anderen und hier und jetzt zu bekämpfen, anstatt Generationen für ein fernes und vielleicht für immer unerreichbares höchstes Gut zu opfern.


XII.

Die historizistische Revolution scheint wie die meisten Revolutionen des Geistes auf die grundsätzlich theistische und autoritäre Struktur des europäischen Denkens nur wenig Einfluß ausgeübt haben (6).

Die frühere, naturalistische Revolution gegen Gott ersetzte den Namen "Gott" durch den Namen "Natur". Nahezu alles andere blieb unverändert. Die Theologie als die Wissenschaft von Gott wurde durch die Wissenschaft von der Natur ersetzt; die Gesetze Gottes durch die Gesetze der Natur; Gottes Wille und Kraft durch den Willen und die Kraft der Natur (durch die Naturkräfte); und späterhin Gottes Plan und Gottes Urteil durch die natürliche Auslese. Der theologische Determinismus wurde durch einen naturalistischen Determinismus ersetzt - d. h. Gottes Allmacht und Allwissenheit wurde von der Allmacht der Natur (7) und der Allwissenheit der Wissenschaft abgelöst.

HEGEL und MARX ersetzten die Gottheit  Natur  wiederum durch die Gottheit  Geschichte.  Somit gelangen wir zu Geschichtsgesetzen, zu Mächten, Kräften, Tendenzen, Absichten und Plänen der Geschichte sowie zur Allmacht und Allwissenheit des historischen Determinismus. An die Stelle der Sünder gegen Gott treten die "Übeltäter, die sich dem Gang der Geschichte vergeblich widersetzen", und wir erfahren, daß nicht Gott, sondern die Geschichte unser Richter sein wird.

Es ist die Deifikation der Geschichte, die ich bekämpfe.

Aber die Abfolge  Gott-Natur-Geschichte  und die Abfolge der entsprechenden säkularisierten Religionen ist damit noch nicht abgeschlossen. Die historizistische Entdeckung, daß alle Normen schließlich nur historische Fakten sidn (in Gott sind Normen und Fakten identisch), führt zur Deifikation der Fakten - existierender bzw. tatsächlicher Fakten des menschlichen Lebens und Verhaltens (einschließlich, so fürchte ich, angeblicher Fakten) - und somit zu den säkulärisierten Religionen des Existentialismus, Positivismus und Behaviorismus. Und da das menschliche Verhalten auch das Sprachverhalten einschließt, gelangen wir noch weiter - zur Deifikation der Fakten der Sprache (8). Die Anrufung der logischen und moralischen Autorität dieser Fakten (oder angeblichen Fakten) ist, so will es scheinen, die letzte Weisheit der Philosophie unserer Tage.
LITERATUR Ernst Topitsch (Hg), Logik der Sozialwissenschaften, Köln-Berlin 1967
    Anmerkungen
    1) Eine eingehendere Diskussion dieses sowie einer Reihe verwandter Probleme findet der Leser in meinem Buch "The Poverty of Historicism", London 1957, 1959 und 1961.
    2) HANS MORGENTHAU, Scientific Man and Power Politics, London 1947, Seite 122 (kursiv von mir). Wie im folgenden Absatz gezeigt wird, kann der Anti-Rationalismus von MORGENTHAU als Resultat der Enttäuschung eines Historizisten aufgefaßt werden, der sich keine andere Form des Rationalismus als die historizistische vorstellen kann.
    3) Dieser Ausdruck stammt von JULIUS KRAFT.
    4) In seiner  Autobiographie,  1873, Seite 105. Den Hinweis auf diese stelle verdanke ich F. A. HAYEK (Über öffentliche Meinung vgl. auch KARL POPPER "Conjectures and Refutations", London 1963, Kapitel 17)
    5) Den Terminus "Vorschlag" (proposal) verwende ich hier in dem technischen Sinn, in dem ihn L. J. RUSSELL verwendet. (Vgl. seinen Aufsatz "Propositions and Proposals in den  Proceedings of the Tenth International Congress of Philosophy, Amsterdam 1948)
    6) Vielleicht ist der Hinweis gestattet, daß dieser Abschnitt XII an dieser Stelle erstmalig veröffentlicht wird.
    7) Vgl. SPINOZAs  Ethik, I, Lehrsatz XXIX
    8) Über Rechtspositivismus vgl. F. A. HAYEK, "The Constitution of Liberty", 1960, Seite 236f.