ra-2SchmeidlerG. PatzigO. Dittrichvon RümelinE. MüllerE. Bernheim    
 
JOHANN GUSTAV DROYSEN
(1808 - 1884)
Die Erhebung der Geschichte
zum Rang einer Wissenschaft


"Gewiß, man nennt den unabsehbaren Verlauf von Tatsachen, in dem wir das Leben der Menschen, der Völker, der Menschheit sich bewegen sehen,  Geschichte,  wie man ja eine Gesamtheit von Erscheinungen anderer Art unter dem Namen  Natur  zusammenfaßt. Aber hat denn irgendjemand gemeint, daß eine Sammlung von getrockneten Pflanzen Botanik, von ausgestopften oder nicht ausgestopften Tierbälgen Zoologie sei? Hat irgendjemand die Meinung gehabt, Tatsachen sammeln und, zusammenhängend oder nicht, aufhäufen zu können?  Tatsachen,  als da sind Schlachten, Revolutionen, Handelskrisen, Städtegründungen usw.? Hat die  Zunft der Historiker  bisher wirklich nicht gemerkt, daß sich die Tatsachen von dem, wie wir sie wissen, unterscheiden?"

"Wie hoch immerhin die Stelle des Zeitalters, des Volkes sein mag, in das wir Einzelne geboren sind, wie groß die Fülle des Ererbten, das uns ohne weiteres zugute kommt, wir haben sie, als hätten wir sie nicht, solange wir sie nicht durch eigene Arbeit erworben, sie als das, was sie ist, als das Ergebnis unablässiger Arbeit derer, die vor uns waren, erkannt haben. Das in der Geschichte der Zeiten und Völker, der Menschheit Erarbeitete im Geist, dem Gedanken nach, als Kontinuität durcharbeitet und durchlebt haben, heißt Bildung. Die Zivilisation begnügt sich mit den Resultaten der Bildung, sie ist in der Fülle des Reichtums arm, in der Opulenz des Genießens blasiert."

"Es wird keinem Verständigen einfallen zu bestreiten, daß die statistische Betrachtungsweise der menschlichen Dinge ihren großen Wert habe; aber man muß nicht vergessen, was sie leisten kann und leisten will. Gewiß haben viele, vielleicht alle menschlichen Verhältnisse auch eine rechtliche Seite; aber darum wird man doch nicht sagen wollen, daß man das Verständnis der Eroica oder des Faust unter den juristischen Bestimmungen über das geistige Eigentum suchen müsse."

Unser Zeitalter rühmt sich gern, daß es wissenschaftlich freier, kühner, mit größeren auch praktischen Erfolgen arbeite, als irgendein früheres. Und neidlos wird den Naturwissenschaften in dem, was sie leisten und in der Art, wie sie es leisten, der Preis zugestanden.

Die Energie dieser Disziplinen besteht darin, daß sie sich ihrer Aufgaben, ihrer Mittel, ihrer Methode völlig klar bewußt sind und daß sie die Dinge, welche sie in den Bereich ihrer Forschungen ziehen, unter den Gesichtspunkten und nur unter denen betrachten, auf welche ihre Methode gegründet ist.

Treffend bezeichnet diesen Bereich der Studien ein französischer Forscher mit folgenden oft zitierten Worten: "jedesmal wo man ein der vitalen Erscheinungen in die Klasse der physikalischen versetzen kann, hat man auch eine neue Eroberung in den Wissenschaften gemacht, deren Gebiet sich eben damit erweitert; dann werden Worte durch Tatsachen, Hypothesen durch Analysen ersetzt, die Gesetze der organischen Körper fallen dann mit denen der unorganischen zusammen und werden wie diese der Erklärung und Vereinfachung fähig."

Aber dieser Ausspruch tritt in einer Allgemeinheit auf, die mehr als bedenklich ist. Oder wäre in der Tat nur dann eine neue Eroberung in den Wissenschaften gemacht, wenn vitale Erscheinungen in die Klasse der physikalischen versetzt worden sind? wäre in der Tat das Wesen und der Bereich der Wissenschaft damit richtig definiert? müßten die anderen Gebiete menschlicher Erkenntnis anerkennen nur soweit wissenschaftlicher Art zu sein, als sie imstande sind vitale Erscheinungen in die Klasse physikalischer zu versetzen?

Es sind nicht bloß die staunenswürdigen Leistungen und Erfolge der naturwissenschaftlichen Arbeiten, welche die Überzeugung verbreiten, ihre Methode sei die m vorzüglichen Maß wissenschaftlich, die allein wissenschaftliche. Es liegt in der Bildungsweise unseres Zeitalters, im Entwicklungsalter, in das unsere sozialen und sittlichen Zustände eingetreten sind, der tiefere Grund für die Popularität einer Betrachtungsweise, welche für die Welt der quantitativen Erscheinungen die entsprechende ist.

BUCKLE ist nicht der erste, welcher den Versuch gemacht hat, dem unwissenschaftlichen Charakter der Geschichte,  amethodos hyle  [ungeordnete Materie - wp] wie schon ein alter Schriftsteller sie nennt, dadurch beizukommen, daß ihre vitalen Erscheinungen unter Gesichtspunkte gestellt werden, welche denen, von welchen die exakten Wissenschaften ausgehen, analog sind. Aber was von anderen - etwa in der Formel des Naturwüchsigen - gelegentlich eingemengt oder in der sehr unzugänglichen, nur metaphorischen Vorstellung des Organischen durchgeführt, was von anderen - so von COMTE in der anziehenden  Philosophie positive  - spekulativ entwickelt ist, unternimmt BUCKLE in einer umfassenden historischen Darstellung zu begründen.

Er spricht mit scharfen Ausdrücken über die "Zunft der Historiker" und ihre bisherigen Leistungen, über die Gedankenlosigkeit, mit der sie gearbeitet, die Prinziplosigkeit, mit der sie geforscht haben; er meint, daß nach ihrer Art zu arbeiten "jeder Schriftsteller zum Geschichtsschreiber" befähigt ist; "sei derselbe auch aus Denkfaulheit oder natürlicher Beschränktheit unfähig die höchsten Zweige des Wissens zu behandeln, er braucht nur einige Jahre auf das Lesen einer gewissen Anzahl Bücher zu verwenden und er mag die Geschichte eines großen Volkes schreiben un in seinem Fach ein Ansehen erlangen." Er findet, daß "für alle höheren Richtungen des menschlichen Denkens die Geschichte noch in beklagenswerter unvollkommenheit liegt und eine so verworrene und anarchische Erscheinung darbietet, wie es sich nur bei einem Gegenstand erwarten läßt, dessen Gesetze unbekannt sind, ja dessen Grund noch nicht gelegt ist."

Er gedenkt die Geschichte dadurch zu einer Wissenschaft zu erheben, daß er die historischen Tatsachen aus allgemeinen Gesetzen zu beweisen lehrt. Er bahnt sich den Weg dazu, indem er darlegt, daß die frühesten und rohsten Vorstellungen über den Verlauf der menschlichen Geschicke sich in den Begriffen Zufall und Notwendigkeit zusammengefaßt hätten, daß "höchst wahrscheinlich" aus diesen später die Dogmen vom freien Willen und von der Vorherbestimmung geworden seien, daß beide in nicht geringerem Maße "Irrtümer" seien oder, so fügt er hinzu, "daß wir wenigstens keinen ausreichenden Beweis für ihre Wahrheit haben." Er findet, daß "alle Veränderungen, von denen die Geschichte voll ist, alle Wechselfälle, die das Menschengeschlecht betreffen, sein Fortschritt und sein Verfall, sein Glück und Elend die Frucht einer doppelten Wirksamkeit sein müsse, der Einwirkungen unseres Inneren auf die äußeren Erscheinungen." Er hat die Zuversicht die "Gesetze" dieser doppelten Einwirkung entdeckt, damit die Geschichte der Menschen zu einer Wissenschaft erhoben zu haben.

BUCKLE sieht den eigentlichen geschichtlichen Inhalt des Lebens der Menschheit in dem, was er Zivilisation nennt. Er hat die Geschichte der Zivilisatoni des englischen, französischen, spanischen, schottischen Volkes entwickelt, um an diesen Beispielen die Anwendung seiner Methode, die Richtigkeit der von ihm gefundenen Gesetze zu zeigen. Er findet diese Gesetze, wie er sagt, auf den zwei einzig möglichen Wegen, dem der Deduktion und dem der Induktion; auf jenem Weg, indem er nachweist, wie sich aus diesen Gesetzen die geschichtliche Entwicklung der Zivilisation bei den genannten Völkern erklärt; auf diesem, indem er aus der Fülle von Tatsachen, die er in seinen Studien gesammelt hat, die maßgebenden und entscheidenden zusammenfaßt und den sie vereinigenden höheren Ausdruck findet.

Ich gehe nicht darauf ein, seine Induktion und Deduktion nach dem zu ihrer Bewährung verwandten historischen Material zu untersuchen. Es könnte in seiner Art der Quellenbenutzung, in der Auswahl seiner Angaben, in der Angemessenheit seiner Zusammenstellungen immerhin Irriges, Willkürliches, Unzulängliches in Fülle vorhanden sein - wie wirklich der Fall ist - ohne daß darum die Aufgabe, die er unserer Wissenschaft stellt, die Methode, die er zu ihrer Lösung empfiehlt, an wissenschaftlichem Wert verlöre; es wäre nur der Historiker BUCKLE hinter dem Denker, dem Philosophen BUCKLE zurückgeblieben und den Historikern von Fach würde die Aufgabe zufallen, die große Erfindung, die er ihnen geboten hat, besser zu exemplifizieren und zu verwerten, als es dem geistvollen Dilettanten in unseren Studien möglich gewesen ist.

Schon früher hat diese Zeitschrift ein paar lehrreiche Aufsätze mitgeteilt, in denen das Methodische unserer Wissenschaft und über die Art und den Bereich des historischen Erkennens behandelt wurde. Wie sollte sie sich auch denjenigen Fagen verschließen, welche, immerhin nicht bloß historischer Natur, doch von unserer Wissenschaft selbst behandelt und in ihrer Art gelöst werden müssen, wenn sie nicht Gefahr laufen will, daß ihr gleichsam von fremdher Aufgaben gestellt, Wege vorgezeichnet, Definitionen des Begriffs Wissenschaft zugeschoben werden, denen sie sich nicht fügen kann, ohne sich selbst aufzugeben, ohne auf den Beruf zu verzichten, den im Bereich der menschlichen Erkenntnisse sie zu erfüllen hat und nur sie erfüllen kann.

Man wird den historischen Studien nicht die Anerkennung versagen, daß sie an der geistigen Bewegung unseres Zeitalters einigen Anteil haben, daß sie tätig sind Neues zu entdecken, das Überlieferte neu zu durchforschen, das Gefundene in angemessener Weise darzustellen. Aber wenn man sie nach ihrer wissenschaftlichen Rechtfertigung und ihrem Verhältnis zu den anderen Kreisen menschlicher Erkenntnis, wenn man sie nach der Begründung ihres Verfahrens, nach dem Zusammenhang ihrer Mittel und ihrer Aufgabe fragt, so sind sie bisher nicht in der Lage genügend Auskunft zu geben. Wie ernst und tief die Einzelnen unserer "Zunft" diese Fragen durchdacht haben mögen, unsere Wissenschaft hat ihre Theorie und ihr System noch nicht festgestellt und vorläufig beruhigt man sich dabei, daß sie ja nicht bloß Wissenschaft, sondern auch Kunst sei und vielleicht, wenigstens nach dem Urteil des Publikums, - dies mehr als jenes.

Wir in Deutschland haben am wenigsten Grund den hohen Wert der gesteigerten Technik in unseren Studien, der wachsenden Übung und Sicherheit in der Handhabung der historischen Kritik, der Ergebnisse, die damit erzielt worden sind, zu verkennen. Die Frage, um die es sich hier handelt, ist eine andere. Ein Werk wie das BUCKLEs ist sehr geeignet daran zu erinnern, in welchem Maß unklar, kontrovers, beliebigen Meinungen ausgesetzt die Fundamente unserer Wissenschaft sind. Und der tiefe Eindruck, den dasselbe nicht bloß im weiten Kreis der Liebhaber jeder neuesten Paradoxie, mag sie Tischklopen oder Phalanstere oder das Ölblatt der Friedensfreunde heißen, sondern auch auf manche jüngeren Genossen unserer Studien gemacht hat, darf uns wohl eine Mahnung sein, endlich auch für unsere Wissenschaft die Begründung zu suchen, um die uns die Naturwissenschaften seit BACON - wenn anders er diesen Ruhm verdient - voraus sind.

Oder wäre eben das geleistet zu haben BUCKLEs Verdienst? hätte er den wahren Sinn und Begriff unserer Disziplinen entwickelt, den Bereich ihrer Kompetenzen festgestellt? wäre er der BACON der Geschichtswissenschaften und sein Werk das Organon, das uns geschichtlich denken lehrte? wäre in der Methode, die er lehrt, die Kraft, aus den Bereichen der geschichtlichen Erkenntnis die  idola specus fori theatri  [Idole der Höhle, des Marktes, des Theaters - wp] usw. zu entfernen, die uns jetzt noch in der Gestalt der "Irrtümer", wie er sie nennt, vom freien Willen und der göttlichen Providenz [Vorhersehung - wp], der Überschätzung des moralischen Prinzips im Verhältnis zum intellektuellen usw. den Blick trüben? Und hätte er wirklich recht damit, wenn er sich für den interessantesten Teil seiner Fundamentalsätze, für die vom freien Willen, auf unseren KANT beruft, der wie er - das ist seine Ansicht - "die Wirklichkeit des freien Willens in der Erscheinung für eine unhaltbare Tatsache" erkannt habe? gehörte ihm damit die Priorität der jüngst in Deutschland mit so lebhaftem Akzent verkündeten Entdeckung, KANTs Lehre enthalte genau das Gegenteil von dem, was man bisher in ihr zu finden geglaubt habe, das Ergebnis der Kritik der reinen Vernunft und der praktischen Vernunft sei, daß die eine so gut wie die andere in Wahrheit nicht sei?

Schon der Übersetzer des BUCKLEschen Werkes hat darauf aufmerksam gemacht, daß bis jetzt die Kantische Philosophie die äußerste Grenze sei, bis zu der sich die englischen Denker vorwagen; er nennt die Philosophie BUCKLEs "ein unvollkommenes Denken, welches selbst eine krude Empirie als Philosophie gelten läßt;" er wirft seinem Autor "ein wahrhaft vorweltliches Bewußtsein über alles Denken trotz der VEDAS, COUSINS und KANTS, den einzigen angeführten Nichtengländern" vor. Wenn er dennoch die von BUCKLE gefundenen Gesetze "als ein glänzendes durch und durch wahres Programm des Fortschritts des menschlichen Geistes" begrüßt und vom "reformatorischen Beruft" spricht, den das Werk auch für Deutschland habe, so setzen uns solche Äußerungen in nicht geringe Verlegenheit. Sollen wir, gleichsam in einer Antistrophe zum früher Gesagten, erklären, daß immerhin in der philosophischen Begründung der BUCKLEschen Theorie Irriges und Unzulängliches, "Vorweltliches" in Fülle vorhanden sein könne, ohne daß darum die reformatorische Bedeutung seines Werkes geringer erscheine? daß derselben der philosophische Dilettantismus des Verfassers ebensowenig Eintrag tue wie der historische?

Vielleicht, daß BUCKLE von den schulmäßigen "Antizipationen" des einen und andern Faches frei umso unbefangener die Frage nach dem Wesen der Geschichte und ihren Gesetzen erörtern, den jedem gesunden Menschenverstand einleuchtenden Weg zeigen konnte, auf dem sich "die Geschichte zum Rang einer Wissenschaft" zu erheben habe. Er bekennt sich wiederholt dazu, ganz und nur als Empiriker beobachten und argumentieren zu wollen; und wenigstens die großen und einfachen Grundzüge des empirischen Verfahrens sind, so scheint es, dem nur nicht durch Antizipationen getrübten Blick, dem sogenannten gesunden Menschenverstand ohne weiteres deutlich und nur diesen meint der englische Sprachgebrauch, wenn er die Wissenschaften, deren Lorbeeren unseren Forscher nicht ruhen ließen, philosophische nennt. BUCKLE sagt: er hoffe "für die Geschichte des Menschen das oder doch etwas ähnliches zu leisten, was anderen Forschern in den Naturwissenschaften gelungen ist und in der Natur sind die scheinbar unregelmäßigsten und widersinnigsten Vorgänge erklärt und als im Einklang mit gewissen unwandelbaren und allgemeinen Gesetzen nachgewiesen worden; wenn wir die Vorgänge der Menschenwelt einer ähnlichen Behandlung unterwerfen, haben wir sicher alle Aussicht auf einen ähnlichen Erfolg."

Es ist von Interesse das  quid pro quo  [dieses für das - wp] zu beachten, von dem BUCKLE seinen Ausgang nimmt. "Wer an die Möglichkeit einer Wissenschaft der Geschichte glaubt", wie er selbst und sie durch die Anwendung der naturwissenschaftlichen Methode begründet zu haben gewiß ist, konnte der übersehen, daß er damit die Geschichte nicht sowohl zu einer Wissenschaft erhoben, als vielmehr in den Kreis der Naturwissenschaften gestellt hat? Auch andere Wissenschaften, die Theologie, die Philosophie haben zu Zeiten, wo ihre Methoden für die allein wissenschaftlichen galten, die Geschichte, die Natur in ihre Kompetenz ziehen zu müssen geglaubt; aber weder die Erkenntnis der Natur noch die der Geschichte hatte in dem Maß größeren Gewinn, als sie orthodoxer oder spekulativer gesucht wurde. Gibt es denn immer nur  einen  Weg,  eine  Methode des Erkennens? sind die Methoden nicht je nach ihren Objekten andere und andere, wie die Sinneswerkzeuge für die verschiedenen Formen sinnlicher Wahrnehmung, wie die Organe für ihre verschiedenartigen Funktionen?

"Wer an die Möglichkeit einer Wissenschaft der Geschichte glaubt," der müßte nach unserer deutschen Art, logisch und sachgemäß zu denken, nicht die Richtigkeit dieses seines Glaubens dadurch beweisen wollen, daß er uns überzeugt, man könne auch mit den Händen gehen und mit den Füßen verdauen, man könne auch Töne sehen und Farben hören. Gewiß kann die Schwingungen einer Saite, die das Ohr als einen tiefen Ton vernimmt, auch das Auge sehn; aber es sieht doch nur dem Ohr und seiner Methode der Wahrnehmung zugänglich ist. Gewiß ist in den Bereichen , mit denen die "Wissenschaft der Geschichte" zu tun hat, vieles, was auch der naturwissenschaftlichen Methode, vieles, was anderen und wieder anderen Formen wissenschaftlicher Erkenntnis auch zuständig oder zugänglich ist. Aber nur wenn da Erscheinungen, wie viele oder wenige es denn sein mögen, wenn da Gesichtspunkte, wenn Fassungsweisen übrig bleiben, die keiner der sonstigen Erkenntnisarten zugänglich sind, ist es angezeigt, daß es für sie noch eine andere, eine eigene und besondere Methode geben müsse. Wenn es eine "Wissenschaft der Geschichte", an die auch wir glauben, geben soll, so ist damit gesagt, daß es einen Kreis von Erscheinungen gebe, für die weder die theologische noch die philosophische, weder die mathematische noch die physikalische Betrachtungsweise geeignet ist, daß es Fragen gebe, auf die weder die Spekulaton Antwort gibt, mag sie theologisch das Absolute zu ihrem Ausgangspunkt oder philosophisch zu ihrem Zielpunkt haben, noch diejenige Empirie, die die Welt der Erscheinungen nach ihrem quantitativen Verhalten faßt, noch irgendeine Disziplin aus den praktischen Bereichen der sittlichen Welt.

Unser Begründer der Wissenschaft der Geschichte geht mit beneidenswerter Unbefangenheit an seine Aufgab. Er hält es nicht für notwendig, die Begriffe zu erörtern, mit denen er arbeiten will, den Bereich zu umgrenzen, in dem seine Gesetze ihre Anwendung finden. Was Wissenschaft ist, denkt er, weiß jeder, was Geschichte ist ebenso. Doch nein, er bemerkt gelegentlich, was sie nicht ist; er zitiert mit herzlicher Zustimmung COMTEs Positive Philosophie V, Seite 18, der mit Unwillen bemerkt: "die unzusammenhängende Anhäufung von Tatsachen werde ganz ungehörig als Geschichte bezeichnet." Wie denkwürdig ist dieser Satz des französischen Denkers, wie lehrreich, daß der englische ihn sich aneignet. Gewiß man nennt den unabsehbaren Verlauf von Tatsachen, in dem wir das Leben der Menschen, der Völker, der Menschheit sich bewegen sehen, Geschichte, wie man ja eine Gesamtheit von Erscheinungen anderer Art unter dem Namen Natur zusammenfaßt. Aber hat denn irgendjemand gemeint, daß eine Sammlung von getrockneten Pflanzen Botanik, von ausgestopften oder nicht ausgestopften Tierbälgen Zoologie sei? Hat irgendjemand die Meinung gehabt, Tatsachen sammeln und, zusammenhängend oder nicht, aufhäufen zu können? Tatsachen als da sind Schlachten, Revolutionen, Handelskrisen, Städtegründungen usw.? Hat die "Zunft der Historiker" bisher wirklich nicht gemerkt, daß sich die Tatsachen von dem, wie wir sie wissen, unterscheiden?

Wenn BUCKLE uns im Dunkeln tappenden Historikern wirklich ein Licht anzünden wollte, so hätte er vor allem sich und uns klar machen müssen, wie und mit welchem Recht sich jener Name Geschiche für eine bestimmte Reihe von Erscheinungen hat fixieren können, wie der der Natur für eine andere; er hätte zeigen müssen, was es bedeutet, daß der wunderliche Epitomator [Verfasser von Auszügen antiker Werke - wp], der Menschengeist, die Erscheinungen dem Raum nach als Natur, die der Zeit nach als Geschichte zusammenfaßt, nicht weil sie an sich und objektiv so sind und so sich scheiden, sondern um sie fassen und denken zu können; er würde dann erkannt haben, wie das Material beschaffen ist, mit dem eine "Wissenschaft der Geschichte" zu tun haben und arbeiten kann. Wenn er sich bewußt war, was es bedeutet, ein Empiriker zu sein, so durfte er nicht unterlassen zu erörtern, in welcher Weise diese Materialien der geschichtlichen Forschung uns so gegenwärtig und zu sinnlicher Wahrnehmbarkeit vorliegen, wie es das Wesen aller Empirie fordert. Frelich würde er dann haben erkennen müssen, daß nicht die Vergangenheiten, nicht das unabsehbare Durcheinander von "Tatsachen", das sie erfüllte, uns als Material der Forschung vorliegen, daß diese Tatsachen vielmehr mit dem Moment, dem sie angehörten, für immer vergangen sind, daß wir menschlicher Weise ja nur die Gegenwart, das Hier und Jetzt haben, freilich mit dem Trieb und der Fähigkeit, diesen ephemeren Punkt lernend, erkennend, wollend unermeßlich zu entwickeln, daß unter den eigentümlichen Vorgängen im Bereich des Geistes einer der merkwürdigsten derjenige ist, der es uns möglich macht, die für immer vergangenen Gegenwarten, die hinter uns liegen, wieder zu erwecken, sie in unserem Geist zu vergegenwärtigen, das heißt, nach menschlicher Art zu verewigen.

Noch auf eine zweite Reihe von Betrachtungen hätte uns BUCKLE führen müssen, wenn er uns und sich über den gedankenlosen Gebrauch des Wortes  Geschichte  und über die Antizipationen, die aus demselben stammend den Blick trüben, hätte erheben wollen. Er läßt uns in gelegentlichen Andeutungen erfahren, daß die Geschichte es mit den "Handlungen der Menschen" zu tun hat, daß sie "mit der unersättlichen Wißbegierde, welche unsere Mitmenschen betrifft", zusammenhängt; aber er unterläßt es uns zu sagen, in welcher Weise diese Handlungen der Menschen geschichtlicher Natur sind; er läßt uns im Unklaren darüber, auf welcherlei Fragen die Wißbegierde, die unsere Mitmenschen betrifft, Antwort sucht.

Es gehört nicht eben ein hoher Grad von Scharfsinn dazu, einzusehen, daß die menschlichen Handlungen, in dem Moment, da sie geschahen und in der Meinung derer, durch welche und für welche sie geschahen, am allerwenigsten die Absicht, die Bestimmung hatten, geschichtliche Tatsachen zu sein. Der Feldherr, der eine Schlacht liefert, der Staatsmann, der einen Vertrag unterhandelt, hat wirklich vollauf zu tun, um den praktischen Zweck zu erreichen, um den es sich in diesem Moment handelt; und so bis zu den kleinen und kleinsten "Handlungen der Menschen" hinab, sie alle vollziehen sich im unabsehbar mannigfaltigen Zusammenhang von Interessen, Konflikten, Geschäften, von Motiven, Leidenschaften, Kräften und Hemmungen, deren Gesamthit man wohl die sittliche Welt genannt hat. Man wird diese unter sehr verschiedenartigen Gesichtspunkten betrachten können, praktischen, technischen, rechtlichen, sozialen usw. Endlich ist die geschichtliche auch eine Betrachtungsweise der sittlichen Welt.

Ich versage es mir, die Konsequenzen dieser Erörterungen darzulegen; Konsequenzen, welche uns, wie der aufmerksame Leser sich selber sagen wird, zu demjenigen Punkt führen würden, an dem sich ergibt, wie, wenn ich so sagen darf, aus den Geschäften Geschichte wird, von welcher Art die auf solche Materialien begründete, in solchem Bereich anwendbare Erkenntnisweise beschaffen sein wird, was sie leisten und nicht leisten kann, wie beschaffen die Gewißheit ist, die sie zu geben, die Wahrheit, die sie zu finden imstande ist.

BUCKLE hat die Güte anzuerkennen, daß der Glaube an den Wert der Geschichte weit verbreitet, daß ein Stoff gesammelt sei, der im Ganzen ein reiches und Achtung gebietendes Ansehen habe; er schildert in großen Zügen, welche Menge von Forschungen und Entdeckungen auf historischem Gebiet bereits gemacht sei; aber, fügt er hinzu, "wenn wir sagen sollen, wie dieser Stoff benutzt wurde, so müssen wir ein ganz anderes Gemälde entwerfen." Wie er benutzt wurde? muß denn alles exploitiert [ausgebeutet - wp] werden? ist denn die staunenswürdige Tiefe mathematischer Erkenntnis nur darum wissenschaftlich, weil der Feldmesser, der Mechaniker den einen oder anderen Satz aus ihr benutzen kann? Wenn die Propheten dem Volk Israel mahnend und strafend das Bild seiner selbst vorhielten, wie anders fanden sie es als im Nachweis, wie der Gott der Väter sich ihnen bezeugt habe, "von Ägypten her"; wenn THUKYDIDES sein  ktema eis aei  [Besitz für alle Zeit - wp] schrieb, sollte er mit diesem stolzen Wort die kunstreiche Form, in der er schrieb, nicht das geschichtliche Drama, von dem er schrieb, gemeint haben? BUCKLEs vorwurfsvolle Frage vergißt, daß die Arbeit der Jahrhunderte das Fideikommiss [unveräußerliches Erbvermögen - wp] jeder neuen Generation ist; worin anders besteht die von ihm selbst so hochgefeierte Zivilisation, als in der summierten Arbeit derer, die vor uns waren? Alle Vergangenheiten, die ganze "Geschichte" ist ideell in der Gegenwart und dem, was sie hat, enthalten; und wenn wir uns diesen ihren idealen Gehalt zu Bewußtsein bringen, wenn wir uns, wie das, was ist, geworden ist, etwa in erzählender Form vergegenwärtigen, was tun wir da anders, als die Geschichte zum Verständnis dessen, was ist, dessen, worin wir uns denkend, wollend, handelnd bewegen, benutzen? Das ist der Weg, es ist einer der Wege, das dürftige und einsame Hier und Jetzt unseres ephemeren Daseins unermeßlich zu erweitern, zu bereichern, zu steigern. In dem Maße als wir selbst - ich meine die arbeitenden Menschengeschlechter - höher steigen, erweitert sich der Horizont, den wir überschauen und das Einzelne innerhalb dessen zeigt sich uns mit jedem neuen Standpunkt in neuen Perspektiven, in neuen und weiteren Beziehungen; die Weite unseres Horizont, den wir überschauen, und das Einzelne innerhalb desselben zeigt sich uns mit jedem neuen Standpunkt in neuen Perspektiven, in neuen und weiteren Beziehungen; die Weite unseres Horizonts ist ziemlich genau das Maß der von uns erreichten Höhe; und in demselben Maß hat sich der Kreis der Mittel, der Bedingungen, der Aufgaben unseres Daseins erweitert. Die Geschichte gibt uns das Bewußtsein dessen, was wir sind und haben.

Es ist der Mühe wert, sich klar zu machen, daß sich in diesem Zusammenhang ergibt, was Bildung ist und was sie uns bedeutet. Wenn GOETHE sagt: "was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen", so finden wir hier die Bewährung dieses dunklen Spruchs. Wie hoch immerhin die Stelle des Zeitalters, des Volkes sein mag, in das wir Einzelne geboren sind, wie groß die Fülle des Ererbten, das uns ohne weiteres zugute kommt, wir haben sie, als hätten wir sie nicht, solange wir sie nicht durch eigene Arbeit erworben, sie als das, was sie ist, als das Ergebnis unablässiger Arbeit derer, die vor uns waren, erkannt haben. Das in der Geschichte der Zeiten und Völker, der Menschheit Erarbeitete im Geist, dem Gedanken nach, als Kontinuität durcharbeitet und durchlebt haben, heißt Bildung. Die Zivilisation begnügt sich mit den Resultaten der Bildung, sie ist in der Fülle des Reichtums arm, in der Opulenz [Fülle - wp] des Genießens blasiert.

Nachdem BUCKLE beklagt hat, wie wenig bisher die reiche und immer wachsende "Masse von Tatsachen" benutzt worden sei, gibt er den Grund, "den eigentümlich unglücklichen Umstand" an, der diese Erscheinung erklärt; "in allen übrigen großen Gebieten der Forschung, sagt er, wird die Notwendigkeit der Verallgemeinerung von jedermann zugegeben und wir begegnen edlen Anstrengungen, auf besondere Tatsachen gestützt die Gesetze zu entdecken, unter deren Herrschaft diese Tatsachen stehen. Die Historiker hingegen sind so weit davon entfernt dieses Verfahren zum ihrigen zu machen, daß unter ihnen der sonderbare Gedanke vorherrscht, ihr Geschäft sei lediglich Begebenheiten zu erzählen und diese allenfalls mit passenden sittlichen und politischen Betrachtungen zu beleben."

Es gehört eine gewisse Geduld dazu, diesen im Schritt durchgehenden Trivialitäten, dieser sich immer um sich selbst herum wälzenden Begriffsverwirrung nachzugehen. Also Verallgemeinerungen sind die Gesetze, die BUCKLE sucht; auf dem Weg der Verallgemeinerung sind die Gesetze, die BUCKLE sucht; auf dem Weg der Verallgemeinerung glaubt er die Gesetze finden zu können, welche die Erscheinungen der sittlichen Welt erklären, das heißt mit Notwendigkeit bestimmen. Sind denn die Regeln einer Sprache Sprachgesetze? Gewiß summiert die Induktion aus dem Einzelnen die Tatsache des Allgemeinen, aber nicht indem sie es verallgemeinert, sondern das Einzelne in seiner Gemeinsamkeit zusammenfaßt. Aber um aus der Regel zum Gesetz fortzuschreiten, um den Grund der allgemeinen Erscheinung zu finden, bedarf es des analytischen Verfahren. BUCKLE hält es nicht für notwendig sich und uns Rechenschaft über die Logik seiner Untersuchung zu geben; er begnügt sich ein "vorläufiges Hindernis" zu beseitigen, das ihm seinen Weg zu versperren scheint. Es heiße, sagt er, in menschlichen Dingen sei etwas Providentielles [Schicksalhaftes - wp] und Geheimnisvolles, welches sie unserer Forschung undurchdringlich mache und uns ihren künftigen Verlauf für immer verbergen werde"; er begegnet diesem Hindernis mit der "einfachen" Alternative: "sind die Handlungen der Menschen und folglich auch der Gesellschaft bestimmten Gesetzen unterworfen oder sind sie das Ergebnis entweder des Zufalls oder einer übernatürlichen Einwirkung?" Ja wohl: diese Wolke ist entweder ein Kamel oder ein Wiesel oder ein Walfisch.

Wir haben schon früher bemerkt, daß wenn es eine Wissenschaft der Geschichte geben soll, diese ihre eigene Erkenntnisart, ihren eigenen Erkenntnisbereich haben muß; wenn anderweitig die Induktion oder die Deduktion vortreffliche Resultate ergeben hat, so kann das nicht die Folge haben, daß die Wissenschaft der Geschiche sich entweder des einen oder des anderen Verfahrens bedienen müsse; und glücklicher Weise gibt es zwischen Himmel und Erde Dinge, die sich zur Deduktion ebenso irrational verhalten, wie zur Induktion, die mit der Induktion und dem analytischen Verfahren zugleich die Deduktion und die Synthese fordern, um in der alternativen Betätigung beider nicht ganz aber mehr und mehr, nicht vollständig aber annähernd und in gewisser Weise erfaßt zu werden, die nicht entwickelt, nicht erklärt, sondern verstanden werden wollen.

Die "Wißbegierde, die unsere Mitmenschen betrifft", ist darum "unersättlich", weil, was sie uns da einbringt, ein Verstehen ist und weil mit unserem wachsenden Verständnis der Menschen und des menschlicher Weise Seienden und Gewordenen das uns selbst Eigenste weiter, tiefer, freier wird, ja überhaupt erst wird. So gewiß es ist, daß auch wir Menschen im allgemeinen Stoffwechsel mit leben und weben und so richtig es sein mag, daß jeder Einzelne nur eben die und die Atome aus der "ewigen Materie" vorübergehend zusammenfaßt und zu seiner Daseinsform hat, eben so gewiß oder vielmehr unendlich gewisser ist, daß mittels dieser "fließenden Bildungen" und ihrer trotz alledem vitalen Kräfte etwas gar Besonderes und Unvergleichliches geworden ist und wird, eine zweite Schöpfung nicht von neuen Stoffen aber von Formen, von Gedanken, von Gemeinsammkeiten und ihren Tugenden und Pflichten, die sittliche Welt.

In diesem Bereich der sittlichen Welt ist alles von der kleinsten Liebesgeschichte bis zu den großen Staatsaktionen, von der einsamen Geistesarbeit des Dichtens oder Denkens bis zu den unermeßlichen Kombinationen des Welthandels oder dem prüfungsreichen Ringen des Pauperismus [der Armen - wp] unserem Verständnis zugänglich; und was da ist, verstehen wir, indem wir es als ein Gewordenes fassen.

Es ist bereits erwähnt worden, daß BUCKLE die Willensfreiheit zugleich mit der göttlichen Providenz [Vorhersehung - wp] nicht sowohl außer Rechnung läßt als vielmehr für Jllusionen erklärt und über Bord wirft. Auch in den Bereichen der Philosophie ist neuester Zeit Ähnliches gelehrt worden; ein Denker, dessen ich mit persönlicher Hochachtung gedenke, sagt: wenn man alles, was ein einzelner Mensch ist und hat und leistet,  A  nennt, so besteht dieses  A  aus  a + x,  indem  a  alles umfaßt, was er durch äußere Umstände von seinem Land, Volk, Zeitalter usw. hat und das verschwindend kleine  x  sein eigenes Zutun, das Werk seines freien Willens ist. Wie verschwindend klein immer dieses  x  sein mag, es ist von unendlichem Wert, sittlich und menschlich betrachtet allein von Wert. Die Farben, der Pinsel, die Leinwand, welche RAPHAEL brauchte, waren aus Stoffen, die er nicht geschaffen; diese Materialien zeichnend und malend zu verwenden hatte er von den und den Meistern gelernt; die Vorstellung von der heiligen Jungfrau, von den Heiligen, den Engeln fand er vor in der kirchlichen Überlieferung; das und das Kloster bestellte ein Bild bei ihm gegen angemessene Bezahlung, - aber daß auf diesen Anlaß, aus diesen materiellen und technischen Bedingungen, aufgrund solcher Überlieferungen und Anschauungen die Sixtina wurde, das ist in der Formel  A = a + x  das Verdienst des verschwinden kleinen  x.  Und ähnlich überall. Mag immerhin die Statistik zeigen, daß in einem bestimmten Land so und so viele uneheliche Geburten vorkommen, mag in jener Formel  A = a + x  dieses  a  alle die Momente enthalten, die es "erklären", daß unter tausend Mädchen 20, 30, wie viele es denn sind, unverheiratet gebären, - jeder einzelne Fall der Art hat seine Geschichte und wie oft eine rührende und erschütternde und von diesen 20, 30 Gefallenen wird schwerlich auch nur eine sich damit beruhigen, daß das statistische Gesetz ihren Fall "erkläre"; in den Gewissensqualen durchweinter Nächte wird sich manche von ihnen sehr gründlich überzeugen, daß in der Formel  A = a + x  das verschwinden kleine  x  von unermeßlicher Wucht ist, daß es den ganzen sittlichen Wert des Menschen, das heißt seinen ganzen und einzigen Wert umschließt.

Es wird keinem Verständigen einfallen zu bestreiten, daß auch die statistische Betrachtungsweise der menschlichen Dinge ihren großen Wert habe; aber man muß nicht vergessen, was sie leisten kann und leisten will. Gewiß haben viele, vielleicht alle menschlichen Verhältnisse auch eine rechtliche Seite; aber darum wird man doch nicht sagen wollen, daß man das Verständnis der Eroica oder des Faust unter den juristischen Bestimmungen über das geistige Eigentum suchen müsse.

Ich will BUCKLE nicht in seinen weiteren Erörterungen über die "Naturgesetze", über die "geistigen Gesetze", über den Vorzug der intellektuellen gegen die moralischen Kräfte usw. folgen. Das Ergebnis seiner Betrachtungen im ersten Teil resumiert er im Anfang des zweiten in folgenden vier "Hauptgedanken", die nach seiner Ansicht für die Grundlagen einer Geschichte der Zivilisation gelten müssen.
    "1. Der Fortschritt des Menschengeschlechts beruth auf dem Erfolg, womit die Gesetze der Erscheinungen erforscht und auf dem Umfang, bis zu welchem diese Erkenntnisse verbreitet werden.

    2. Bevor eine solche Forschung beginnen kann, muß sich ein Geist des Skeptizismus erzeugen, welcher zuerst die Forschung fordert und dann von ihr gefordert wird.

    3. Die Entdeckungen, die auf diese Weise gemacht werden, stärken den Einfluß intellektueller Wahrheiten und schwächen beziehungsweise, nicht unbedingt, den Einfluß sittlicher Wahrheiten, diese entwickeln sich weniger und erhalten weniger Zuwachs als die intellektuellen Wahrheiten.

    4. Der Hauptfeind dieser Bewegung und folglich der Hauptfeind der Zivilisation ist der bevormundende Geist; darunter verstehe ich die Vorstellung, die menschliche Gesellschaft könne nicht gedeihen, wenn ihre Angelegenheiten nicht auf Schritt und Tritt von Staat und Kirche bewacht und behütet werden, wo dann der Staat die Menschen lehre, was sie zu tun, die Kirche, was sie zu glauben haben."
Wenn das die Gesetze sind, in denen "das Studium der Geschichte der Menschheit" seine wissenschaftliche Höhe erreicht haben soll, so ist der glückliche Finder in der Naivität, mit der er sich über ihre außerordentliche Seichtigkeit auch nur einen Augenblick hat täuschen können, wahrhaft beneidenswert. Gesetze von dieser Sorte könnte man täglich zu Dutzenden und zwar auf demselben Weg der Verallgemeinerung finden, Gesetze, von denen keins an Tiefsinn und Fruchtbarkeit hinter dem bekannten Satz zurückbleiben sollte: daß der Maßtstab für die Zivilisation eines Volkes dessen Verbrauch an Seife sei.

BACON sagt einmal: citius emergit veritas ex errore, quam ex confusione [Viel schneller geht die Wahrheit aus dem Irrtum hervor, als aus der Konfusion. - wp]. Die Konfusion, deren sich BUCKLE schuldig macht, liegt auf der Hand. Weil er die Natur der Dinge, mit denen er sich zu beschäftigen unternahm, zu untersuchen und zu ergründen unterlassen hat, so verfährt er mit ihnen, als ob sie überhaupt eine eigene Natur und Art nicht hätten, einer eigenen Methode nicht bedürften; und die Methode, die er auf einen ihr fremdartigen Bereich anwendet, rächt sich damit, daß sie ihn statt der kalkulierbaren Formeln, in denen sie sonst ihre Gesetze ausdrückt, Gemeinplätze gewinnen läßt, die für heute und gestern eine gewisse Richtigkeit haben mögen, aber Angesichts der Jahrtausende an Geschichte, angesichts der großen Gestaltungen des Mittelalters, des beginnenden Christentums, der Römer- und Griechenwelt völlig nichtssagend erscheinen.

Wenn BUCKLE in der Geschichte die große Arbeit des Menschengeschlechts erkennt, wie konnte er da umhin sich zu fragen: welcher Art, aus welchem Stoff diese Arbeit sei, wie sich die Arbeiter zu ihr verhalten, für welche Zwecke gearbeitet wird? Er würde - denn es ist der Mühe wert einen Augenblick bei diesen Fragen zu verweilen - er würde erkannt haben, daß die geschichtliche Arbeit ihrem  Stoff  nach sowohl natürlich Gegebenes wie geschichtlich Gewordenes umfaßt, daß beides ebenso Mittel wie Schranke, ebenso Bedingung wie Antrieb für sie ist. Er würde bemerkt haben, daß in diesem Bereich die Methode der quantitativen Erscheinungen allerdings eine gewisse Anwendbarkeit hat, daß hier, wo es sich um die großen Faktoren der leiblichen Existenz, der Naturbedingnisse, der statistischen Zustände handelt, unsere Disziplin die Arbeiten der exakten Wissenschaften mit dem größten Interesse begleiten, ihre glänzenden Ergebnisse mit freudigem Dank annehmen wird. Aber eingedenk der weiteren Fragen, die angedeutet sind, würde sich BUCKLE gehütet haben zu glauben, daß die in jenem Bereich gefundenen Ergebnisse - die, wie er meint, auf dem Weg der Verallgemeinerung gefundenen Gesetze - die Summe der Geschichte seien, daß sie "die Geschichte zum Rang einer Wissenschaft erheben", indem sie ihre Erfahrungen "erklären". Erklärt sind sie damit so wenig, wie die schöne Statue des ADORANTE mit dem Erz, aus dem sie gegossen, dem Ton, aus dem die Form gefertigt, dem Feuer, mit dem das Metall in Fluß gebracht worden ist. Es bedurfte, wie schon "der Meister derer, welche wissen", gelehrt hat, auch der  Vorstellung  von dem Bild, das da werden sollte und sie war in des Künstlers Seele, ehe das Werk war, in dem sie sich verwirklichen sollte (to ti en einai = Wesen einer Sache); es bedurfte auch des  Zweckes,  um dessentwillen das Bildwerk gemacht werden sollte, etwa eines Gelübdes an den rettenden Gott, dessen Tempel es schmücken sollte; es bedurfte der geschickten  Hand,  um den Zweck und das Gedankenbild und den Stoff zusammenzuschließen zum vollendeten Werk. Freilich auch das Erz war nötig, damit der ADORANTE gefertigt werden kann; aber es wäre doch ein übles Stück Zivilisation, wenn man dieses wundervolle Kunstwerk nur nach dem Metallwert schätzen wollte, wie BUCKLE es mit der Geschichte tut.

Er verfährt um nichts weniger einseitig als diejenigen, - wie streng tadelt er sie - welche die Geschichte allein aus dem Zweck, wie etwa die Theologie ihn lehrt oder das gläubige Gemüt ihn ahnen läßt, erklären; - oder welche ebenso einseitig nur die geschickten Hände, welche die Arbeit machen, sehen und beobachten, gleich als wenn die Geschicke nicht ihres Ganges gingen trotz des guten oder üblen Willens derer, durch welche sie sich vollziehen; - oder welche, ein für allemal mit ihren Vorstellungen von den Dingen, die da im steten Werden und in steter Selbstkritik sind, mit ihren Doktrinen fertig, immer nur wissen und besser wissen, wie der Staat, die Kirche, die soziale Ordnung usw. hätte werden und sein müssen. Jede dieser Betrachtungsweisen für sich ist einseitig, unwahr, verderblich, wenn auch jede in ihrer Art berechtigt und förderlich ist. "Alles," lehrt jener alte Philosoph, "was durch Ursache ist, nicht durch sich selbst wie die Gottheit" enthält jene vier Momente, von denen keins allein und für sich das Ganze erklären kann und soll. Und genauer, nach jenen vier Momenten zerlegen wir es uns in unserem Geist, für unsere Betrachtung, mit dem Bewußtsein, daß sie in der Wirklichkeit, die wir betrachten wollen, völlig eins und voneinander durchdrungen sind; wir scheiden und unterscheiden so mit dem Bewußtsein, daß es nur eine Hilfe für unseren rekonstruierenden Verstand ist, wenn wir so verfahren, während andere Tätigkeiten unserer Seele sofort und unmittelbar Totalitäten geben und empfangen.

Verzeihe man diese sehr elementaren Erörterungen; dem verworrenen Verfahren BUCKLEs gegenüber durften sie nicht umgangen werden, wenn die Fragen, um die es sich hier handelt, in ein sicheres Geleis gebracht werden sollen.

Also in der Geschichte kommt es nicht bloß auf den Stoff an, an dem sie arbeitet. Neben dem Stoff ist die Form; und in diesen  Formen  hat die Geschichte ein rastlos sich weiter bewegendes Leben. Denn diese Formen sind die sittlichen Gemeinsamkeiten, in denen wir leiblich und geistig werden, was wir sind, kraft deren wir uns über die klägliche Öde und Dürftigkeit unseres atomistischen Ichseins erheben, gebend und empfangend unso reicher werden, je mehr wir uns binden und verpflichten. Das sind Bereiche, innerhalb deren Gesetze von gar anderer Art und Energie als die neue Wissenschaft sie sucht, ihre Stelle haben und ihre Macht ausüben. Diese sittlichen Mächte, wie man sie schön genannt hat, sind in vorzüglichem Maß zugleich Faktoren und Produkte des geschichtlichen Lebens; und rastlos werdend bestimmen sie mit ihrem Gewordensein diejenigen, die die Träger ihrer jeweiligen Verwirklichungen sind, erheben sich über sich selbst. In der Gemeinschaft der Familie, des Staates, des Volkes usw. hat der Einzelne sich über die enge Schranke seines ephemeren [vergänglichen - wp] Ich hinaus erhoben, um, wenn ich so sagen darf, aus dem Ich der Familie, des Volkes, des Staates zu denken und zu handeln. Und in dieser Erhebung und ungestörten Beteiligung am Wirken der sittlichen Mächte je nach ihrer Art und Pflicht, nicht in der unbeschränkten und ungebundenen Independenz [Unabhängigkeit - wp] des Individuums liegt das wahre Wesen der Freiheit. Sie ist nichts ohne die sittlichen Mächte, sie ist ohne sie unsittlich, eine bloße Lokomotive.

Freilich von diesen sittlichen Mächten denkt BUCKLE außerordentlich gering; er sieht von Kirche und Staat nichts als Bevormundung und Übergriffe; ihm sind Recht und Gesetz nur Schranken und Lähmungen; die Konsequenz seiner Anschauungsweise würde sein, daß auch das Kind nicht ebenso auf die Pflege und Liebe der Eltern, bzw, auf die Zucht und Führung der Lehrer angewiesen ist, wie vielmehr auf ein Stück souveräner Freiheit.

Zu einem so außerordentlich rohen Freiheitsbegriff komm BUCKLE, weil er es versäumt, den  Arbeitern  in der geschichtlichen Arbeit die gebührende Aufmerksamkeit zu widmen, weil er nur an das massige Kapital  Zivilisation,  nicht an das immer neue Erwerben, das das Wesen der Bildung ist, denkt, weil er nicht sieht oder nicht sehen will, daß in jenem verschwindend kleinen  x  der ganze und der einzige Wert der Persönlichkeit liegt, ein Wert, der sich nicht nach dem Umfang der Wirkungssphäre oder dem Glanz der Erfolge bemißt, sondern nach der Treue, mit der jeder das ihm anvertraute Pfund verwaltet.

In diesen Bereichen wieder gibt es Gesetze von ganz anderer Macht und Unerbittlichkeit, als jene auf dem Weg der Verallgemeinerung gefundenen; hier gilt es Pflicht, Tugend, Wahl in den tragischen Konflikten der sittlichen Mächte, in jenen Kollisionen der Pflichten, die nur durch die Kraft des freien Willens gelöst, in denen wohl die Freiheit nur durch den Tod gerettet werden kann. Oder sind auch diese Dinge damit beseitigt, daß "das Dogma vom freien Willen" für eine Jllusion erklärt wird?

BUCKLE freilich ist noch nicht so weit fortgeschritten, jenes Dogma vom freien Willen darum zu verwerfen, weil dasselbe auf eine petitio principii [es wird vorausgesetzt, was erst zu beweisen ist - wp] beruth, daß überhaupt Geist oder Seele sei; wie diejenigen schließen würden, welche alle diese Imponderabilien [Unwägbarkeiten - wp] wie Verstand, Gewissen, Willen usw. für unwillkürliche Funktionen des Gehirns, für Ausschwitzungen ich weiß nicht welcher grauen oder weißen Materie erklären. Und in der Tat müßten die großen Geister, die so lehren, wohl zuerst den Nachweis liefern, daß ihre Lehren eben nicht lediglich Ausschwitzungen ihres Gehirns seien und zwar krankhafte. Aber indem BUCKLE gegen das Vorhandensein des freien Willens argumentiert und zwar aus der "Ungewißheit über das Bestehen des Selbstbewußtseins", muß er uns entweder gestatten, seine auf solche Ungewißheit begründete Argumentation selbst für ungewiß zu halten oder aber er hätte uns beweisen müssen, daß er argumentieren könne auch ohne das Bestehen des Selbstbewußtseins, d. h. des denkenden Ichs und daß er, wenn auch ohne Selbstbewußtsein, etwa als ein Denkautomat das Werk haben zustande bringen können, mit dem er die Geschichte zum Rang einer Wissenschaft hat erheben wollen, - nein, nicht wollen, denn das Wollen leugnet er mit der Freiheit des Willens; sondern irgendwer müßte irgendwelchen aufgehäuften Stoff an Tatsachen in diese Denkmühle geworfen haben und dieselbe hätte denselben verarbeitet und das so Verarbeitete  sophisma  [Klügelei - wp] wäre die neue Wissenschaft der Geschichte.

Wenn BUCKLE trotz alledem den "Fortschritt" in der Geschichte erkennt und unermüdlich ist ihn als das eigentliche Wesen im Leben der Menschheit zu bezeichnen, so ist das zwar sehr dankenswert, aber weder in der Folgereihe seiner Erörterungen begründet, noch folgerichtig durchgeführt. Ist da ein Fortschreiten, so muß sich in der beobachteten Bewegung die Richtung zu dem hin, um dessen Willen sie ist, erkennbar machen. Die naturwissenschaftliche Betrachtungsweise ist dem Gesichtspunkt nach, unter dem sie die Erscheinungen faßt, in einer anderen Lage. Sie sieht in den Veränderungen, die sie beobachtet, bis zu den Äquivalenten der Kräfte hinauf nur das im Wechsel Gleiche und Bleibende und die vitalen Erscheinungen interessieren sie nur insofern, als sie entweder in Perioden oder sich morphologisch wiederholen; im individuellen Sein sieht und sucht sie nur entweder den Gattungsbegriff oder den Vermittler des Stoffwechsels. Indem sie den Begriff des Fortschritts - DARWINs Entwicklungstheorie ist der stärkste Beweis dafür - ihrer Methode nach von sich ausschließt, - den Fortschritt nicht in ihrer Erkenntnis, sondern als Moment in dem, was sie erkennen will, - so hat sie weder eine Stelle noch einen Ausdruck für den Zweckbegriff, sie stellt ihn außer Rechnung, indem sie ihn teils zur Nützlichkeit degrädiert und die alte LESSINGsche Frage offen läßt, was denn der Nutzen des Nutzens sei, teils unter Formen wie Ewigkeit der Materie, Entwicklung usw. anderen Methoden als Problem überreicht. Wenn BUCKLE für die geschichtliche Welt den Begriff des Fortschritts voranstellt, so kommt er zu einem Antilogismus sehr bezeichnender Art. Mochte er bekennen, daß er auf dem Weg der geschichtlichen Forschung das  primum mobile  [den ersten Beweger - wp] nicht gefunden habe, mochte er erkennen, daß es dem Wesen der empirischen Methoden nach auf diesem Wege nicht zu erreichen, mit der Sprache dieser Wissenschaft, mit ihren Begriffen, ihrer Art zu denken, nicht adäquat auszudrücken sei; - aber ist damit der Schluß gerechtfertigt, daß es überhaupt nicht sei, daß es nur in unserem Irrtum eine Stelle habe? Gibt es nicht noch andere und andere Erkenntnisformen, andere Methoden, die vielleicht eben das, was die naturwissenschaftliche nicht will und in richtiger Konsequenz ihres Gesichtspunktes nicht will, die historische nicht kann oder in nur unzulänglicher Weise kann, nach ihrer Natur können und wollen? Gäbe es etwa darum kein ästhetisches Urteil, weil es auf juristischem Wege nicht zu finden ist? darum keinen Rechtssatz, weil man einen solchen auf ästhetischem Wege vergebens suchen würde? Wer der geschichtlichen Welt den Fortschritt vindiziert [unterschiebt - wp] der mag bedauern, daß nur ein Teil dieser eigentümlichen Bewegung des Menschengeschlechts unserem Blick erreichbar ist, er mag bedauern, daß nur die Richtung dieser Bewegung, nicht ihr Ziel, nur die Tatsache dieser Bewegung, nicht das Bewegende erkennbar ist; aber wird er sich dabei beruhigen, wird er nach dem tiefsten Bedürfnis des Geistes sich als Totalität zu empfinden und zu wissen, sich dabei beruhigen können, daß die eine Form der Empirie ihm ein Rätsel zeigt, welches die andere ihm nicht löst? wird er, nachdem er erkannt hat, daß da ein Problem, ein Rätsel ist, es für nicht vorhanden erklären, weil er es nicht lösen kann? nicht lösen kann, weil er es entweder als Scharade oder als Logogryphe, entweder als Silben- oder als Buchstabenrätsel gelöst sehen will, während es ein Sinnrätsel ist? Wird man, weil vom einen Standpunk wissenschaftlicher Erkenntnis aus eine gewisse Seite des Allseins und Alllebens gar nicht sichtbar wird - eben die metaphysische Seite, die nach dem alten Spiel des Wortes hinter der physikalischen ist, - und weil vom Standpunkt der anderen aus nur wie perspektivisch ein wenig davon das Auge streift, wird man darum schließen müssen, daß sie nicht vorhanden ist, diese dritte Seite, außer in unserem Irrtum? Wenn wir das Licht nicht mit den Händen greifen und mit den Ohren hören können, ist es darum nicht? ist nicht vielmehr darum "das Auge sonnenhaft", damit es das Licht fassend uns das wahrnehmbar mache, was wir mit den Händen nicht greifen und mit den Ohren nicht hören können?

Doch ich verfolge diese Fragen nicht weiter, da sie über den Gedankenkreis hinaus liegen, in dem sich BUCKLEs Versuch eine Wissenschaftslehre zu begründen bewegt. Die gegebenen Andeutungen werden hinreichend sein zu zeigen, daß er die Aufgabe, die er sich stellt, nicht so gefaßt hat, wie nötig war, um sie weiter zu führen, daß er weder ihren Umfang noch ihr Gewicht gewürdigt hat, - eine Aufgabe, die, wir mir schein, außer der besonderen Bedeutung für unsere Studien noch eine andere allgemeinere hat und eben darum die Aufmerksamkeit der wissenschaftlichen Welt zu beschäftigen beginnt. Sie scheint dazu angetan, den Mittelpunkt der großen Diskussion zu werden, welche im Gesamtleben der Wissenschaften die nächste bedeutende Wendung bezeichnen wird. Denn die wachsende Entfremdung zwischen den exakten und spekulativen Disziplinen, den täglich weiter klaffenden Zwiespalt zwischen der materialistischen und supranaturalistischen Weltanschauung wird niemand für normal und wahr halten. Diese Gegensätze fordern einen Ausgleich und jene Aufgabe scheint die Stelle zu sein, in der sie erarbeitet werden muß. Denn die ethische Welt, die Welt der Geschichte, die ihr Problem ist, nimmt an beiden Sphären Teil, sie zeigt in jedem Akt menschlichen Seins und Tuns, daß jener Gegensatz kein absoluter ist. Es ist das eigentümliche Charisma der so glücklich unvollkommenen Menschennatur, daß sie, geistig und leiblich zugleich, sich ethisch verhalten muß; es gibt nichts Menschliches, das nicht in diesem Zwiespalt stünde, in diesem Doppelleben lebte; in jedem Augenblick versöhnt sich jener Gegensatz um sich wieder zu erneuern, erneut er sich um sich wieder zu versöhnen. Die ethische, die geschichtliche Welt verstehen wollen heißt vor allem erkennen, daß sie weder nur doketisch [scheinbar - wp], noch nur Stoffwechsel ist. Auch wissenschaftlich jene falsche Alternative überwinden, den Dualismus jener Methoden, jener Weltanschauungen, von denen jede die andere nur beherrschen oder negieren will, in derjenigen Methode versöhnen, die der ethischen, der geschichtlichen Welt entsprechend ist, sie zur Weltanschauung entwickeln, die in der Wahrheit des menschlichen Seins, im Kosmos der sittlichen Mächte ihre Basis hat - das, so dünkt mich, ist der Kern der Aufgabe, um deren Lösung es sich handelt.
LITERATUR Johann Gustav Droysen, Die Erhebung der Geschichte zum Rang einer Wissenschaft, Historische Zeitschrift, Bd. 9, München 1863