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MAX SCHIESSL
Über die Entstehung
der Begriffe


"Die Abstraktionstheorie verlangt Unmögliches, sie verlangt mehr als unser Denkvermögen zu leisten imstande ist; ihre Anforderung ist ja  ein logisches Ideal,  welches zwar durch die Definition gefordert ist, aber sich in Wirklichkeit nie vollständig realisiert. Der Widerspruch zwischen Forderung und Leistung, zwischen Theorie und Praxis tritt hier klar zutage."

"An der Möglichkeit, einen Begriff klar und rein aus der Fülle des Besonderen herauszubilden, kann nicht gezweifelt werden, wenngleich die Ausscheidung oder Trennung der verschiedenartigen Vorstellungselemente von den zum Begriff verschmelzenden gleichartigen im Grunde nie völlig zustande kommt."

"Hier haben wir also wieder das Dreieck, welches weder gleichseitig, noch ungleichseitig usw. und doch alles zugleich ist: die Vernunft, die weder subjektiv noch objektiv und doch beides zugleich ist, kurz die Absurdität der Abstraktionstheorie in ihrer reinsten Gestalt. Wie man sich mit solchen Phrasen zufriedengeben und sie für höchste Weisheit auspreisen kann, ist fast unbegreiflich, und war nur möglich in einer Zeit, wo man mit Gewalt den Olymp der Wahrheit stürmen wollte, wo die Geister aufeinander platzten, jeder den großen Vorgänger an Größe zu überbieten suchte, und das Denken sich bereits in krankhafter Überreizung befand."


Die Abstraktionstheorie

1. Es ist bekannt, daß unsere Sinne von der Außenwelt affiziert werden und infolge dieser Affektion Vorstellungen in unserer Sinnlichkeit entstehen. Diese Vorstellungen sind nun zwar immer  individuell  - wir sehen z. B. immer nur ein bestimmtes, konkretes Pferd -, aber durch unbewußte oder bewußte Vergleichung derselben mit anderen gleichartigen Vorstellungen finden wir doch bald, daß dieselben  in gewissen Beziehungen einander ähnlich  sind, daß z. B.  ein  Pferd dem anderen gleichsteht: jedes Pferd hat vier Beine, ungespaltene Hufe, eine Mähne etc. Die Gesamtheit dieser Merkmale nun, durch welche gleichartige Vorstellungen sich trotz aller sonstigen Verschiedenheit als eine relative Einheit erweisen, durch die also z. B. ein Pferd dem anderen ähnlich ist, nennen wir einen  Begriff. Der Begriff ist immer die Einheit eines Mannigfaltigen, eine relative Identität innerhalb mannigfaltiger Unterschiede. 

Nach alter logischer Lehre entstehen nun solche Begriffe aus unseren Vorstellungen durch  Abstraktion von den ungleichartigen oder unwesentlichen und Reflexion auf die gleichartigen oder wesentlichen Merkmale,  die man dann zu einer Gesamtvorstellung (Allgemeinvorstellung) verbindet oder wie eine andere, neuere Version lautet: die sich dann in eine Gesamtvorstellung verschmelzen. Daher sagt ÜBERWEG (System der Logik, 3. Auflage, Bonn 1868, § 56): "Der Begriff (notio, conceptus) ist diejenige Vorstellung, in welcher die Gesamtheit der wesentlichen Merkmale oder das Wesen (essentia) der betreffenden Objekte vorgestellt wird." Über die Verbindung der wesentlichen Merkmale zu einer Gesamtvorstellung aber lehrt die moderne formale Logik: "Wenn mehrere Objekte in gewissen Merkmalen und somit die Einzelvorstellungen von denselben in einem Teil ihres Inhalts übereinstimmen, so entsteht durch  Reflexion  auf die gleichartigen und  Abstraktion  von den ungleichartigen Merkmalen in Folge des psychologischen Gesetzes der Miterregung und Verschmelzung der gleichartigen psychischen Elemente die  allgemeine Vorstellung  (Gesamtvorstellung, Gemeinbild, Schema, notio sive repraesentatio communis, generalis, universalis [gemeinsame, generelle, universelle Idee oder Darstellung - wp]). Auf gleiche Weise geht aus mehreren allgemeinen Vorstellungen, die in einem Teil ihres Inhaltes übereinstimen, wiederum die allgemeinere Vorstellung hervor." (ÜBERWEG, a. a. O. § 51)

Schließlich muß noch bemerkt werden, daß man unter  abstrakten und allgemeinen Vorstellungen  gewöhnlich ein und dasselbe versteht, nämlich Allgemeinbegriffe (Vorstellungen), die durch Abstraktion entstanden sind. Doch unterscheidet man auch oft zwischen beiden und versteht unter Allgemeinvorstellung den Gegensatz der Einzelvorstellung, unter abstrakter Vorstellung den Gegensatz der konkreten. -

Daß dies die gewöhnliche, allgemein angenommene Lehre vom Begriff ist, wird niemand leugnen wollen. Man findet sie vorgetragen in den Lehrbüchern der anerkannten Autoritäten für diesen Zweig der Philosophie wie von ÜBERWEG u. a., man findet sie angewandt bei den hervorragendsten Philosophen: KANT gewinnt auf diese Weise seinen Begriff des Reinen, SCHELLING den Begriff der absoluten Vernunft, HEGEL den Begriff des reinen Seins. Wie nun aber, wenn diese alte Lehre eine alte Verirrung wäre, wenn diese Theorie Unmögliches verlangt? wenn es falsch wäre, daß die Begriffe durch Abstraktion und Reflexion entstehen? wenn es falsch wäre, daß der Begriff eine Allgemeinvorstellung sein soll, wie sie oben beschrieben wurde?, kurz, wenn ich beweisen könnte, daß diese Begriffstheorie durch und durch falsch und unhaltbar ist? - Und in der Tat, um nichts geringeres ist es mir hier zu tun, als dieses alte Erbe der Philosophie für immer zu vernichten.

Ich schmeichle mir der Begründer eines  philosophischen Relativismus  zu sein. Zu demselben kam ich, indem ich aus Meister ULRICIs System die Konsequenz zog, daß dem Unterscheiden doch noch eine andere Tätigkeit, das Vergleichen, vorausgeht, wie ja ULRICI selbst gesteht, daß alles Unterscheiden ein Beziehen (d. h. Vergleichen) involviert (1). Indem ich nun den Satz: "Im Geiste ist eine vergleichende Tätigkeit", der zu allen Zeiten galt, verallgemeinerte und als Prinzip an die Spitze stellte und aus demselben die notwendigen Konsequenzen zog, resultierte mir hieraus der  philosophische Relativismus,  dessen Grundlagen in meiner Abhandlung über die Ideenassoziation und deren Einfluß auf den Erkenntnisakt (diese Zeitschrift, Bd. 61 und 62) entwickelt sind. Der philosophische Relativismus ist Anthropologismus und hat sich die Aufgabe gestellt, dem Hirgespinst der absoluten Philosophie noch vollends den Gnadenstoß zu versetzen und derselben eine bescheidene, aber wahrhaft  menschliche  Philosophie entgegenzustellen. Die absolute Philosophie aber soll dadurch vollends vernichtet werden, daß ich es unternehme den Ursprung des Erbfehlers aller nachkantischen Philosophie nachzuweisen und die Grundlagen der hervorragendsten absoluten System wankend zu machen indem ich zeige, daß sie nur die folgerichtige Konsequenz einer unmöglichen Theorie sind.

Die Abstraktionstheorie ist eine alte, in unsere Zeit vererbte Phrase, ein alter Irrtum. Denn
    a) sie verlangt Unmögliches, die Leistungsfähigkeit unseres Denkvermögens entspricht nicht den Anforderungen dieser Theorie. b) Sie führt  ad absurdum,  anerkannte Absurditäten sind nur letzte Konsequenzen derselben.

    c) Der Begriff ist keine Vorstellung; diese Ansicht beruth auf eine äußerst versteckten Fehlschluß.

    d) Es gibt überhaupt keine Allgemeinvorstellungen, wie sie die Abstraktionstheorie verlangt.

    e) Die Abstraktionstheorie setzt eine Komparationstheorie voraus.

    f) Die einzige uns Menschen angemessene Theorie der Begriffe ist die Komparationstheorie.
2. Die Abstraktionstheorie verlangt: Man solle svon den ungleichartigen Merkmalen abstrahieren und auf die gleichartigen reflektieren. Diese Methode ist erst seit KANT allgemein in Gebrauch gekommen. Vor KANT pflegte man (vgl. LAMBERT, Neues Organon I, § 17) die gemeinsamen Merkmale von den eigentümlichen zu abstrahieren, um erstere besonders zu haben, welche dann einen abgezogenen, allgemeinen oder abstrakten Begriff bildeten. Seit KANT dagegen abstrahiert man von den ungleichartigen und reflektiert auf die gleichartigen Merkmale (vgl. ÜBERWEG, a. a. O. § 51). Zwar tadelt ÜBERWEG (ebd.) an dieser Konstruktion, daß dadurch die Aufmerksamkeit auf einen bloßen Nebenvorgang vorzugsweise hingelenkt wird - denn nicht das Unbewußtwerden der ungleichartigen Elemente, sondern die Konzentration des Bewußtseins auf die gleichartigen sei das Wesentliche am Abstraktionsprozeß - indessen war nun auf KANTs Autorität hin die letztere Konstruktion die herrschende geworden, die auch nicht wohl wieder aufgegeben werden kann.

Es wird also gefordert: von den ungleichartigen Elementen der Vorstellung soll abstrahiert werden, d. h. sie sollen gänzlich unbewußt gemacht werden, und diese Funktion sagten Frühere übt der Verstand aus. Seitdem aber HERBART mit den zahllosen Seelenkräften und Vermögen der Früheren in der Psychologie aufgeräumt hat, führte man den Abstraktionsprozeß auf psychologische Gesetze zurück, nämlich auf das Gesetz der Miterregung und Verschmelzung der gleichartigen psychischen Elemente. Trotzdem wird jeder, der über nachfolgende Stelle aus ÜBERWEG (System der Logik, Seite 108) nachdenkt, unwillkürlich einsehen müssen, daß es unseren Logikern selbst vor dem Abstraktionsprozeß graut. Man höre nur, was ÜBERWEG daselbst sagt:

HERBART und BENEKE hätten die Funktion der Abstraktion und Reflexion auf psychologische Gesetze zurückgeführt. "Übrigens bemerkt HERBART mit Recht, daß eine reine Sonderung der gleichartigen und ungleichartigen Elemente ein logisches Ideal ist, welches wohl durch die Definition gefordert, aber durch den Prozeß der Abstraktioin nur annäherungsweise verwirklicht werden kann. Wir entschließen uns diejenige Verschiedenartigkeit, auf welche es im Zusammenhang gewisser Gedankenreihen nicht ankommt, außer Acht zu lassen, wiewohl sie im wirklichen Vorstellen niemals ganz ausgetilgt werden kann."

Sapienti sat.  [Wer Verstand hat, dem genügt das! - wp] Deutlicher kann es nicht gesagt werden:  Die Abstraktionstheorie verlangt Unmögliches,  sie verlangt mehr als unser Denkvermögen zu leisten imstande ist; ihre Anforderung ist ja  "ein logisches Ideal",  welches zwar "durch die Definition gefordert" ist, aber sich in Wirklichkeit nie vollständig realisiert. Der Widerspruch zwischen Forderung und Leistung, zwischen Theorie und Praxis tritt hier klar zutage, und da wir für die materielle Wahrheit einer Theorie kein anderes Kriterium als die Übereinstimmung mit der Erfahrung haben, hier aber die Erfahrung der Theorie geradezu widerspricht, indem sie zeigt, daß das, was die Theorie fordert in Wirklichkeit unmöglich ist, so ist hiermit auch schon erwiesen, daß die Abstraktionstheorie ungenügend ist, ja geradezu falsch sein muß.

Obiges Zugeständnis der Unmöglichkeit, die ungleichartigen Elemente gänzlich aus dem Bewußtsein auszutilgen, steht jedoch keineswegs vereinzelt da, vielmehr scheint es fast ein charakteristischer Zug dieser ganzen Richtung zu sein, daß Anhänger der HERBART-BENEKE'schen Begriffstheorie in einem Atemzug zugeben, daß eine reine Scheidung des Gleichartigen und Ungleichartigen unmöglich, aber dennoch eine völlig klare Begriffsbildung möglich sein soll. So sagt z. B. auch FRIEDRICH JODL in seiner Schrift "Leben und Philosophie David Humes", Halle 1872, Seite 37: "An der Möglichkeit, einen Begriff klar und rein aus der Fülle des Besonderen herauszubilden, kann nicht gezweifelt werden, wenngleich die Ausscheidung oder Trennung der verschiedenartigen Vorstellungselemente von den zum Begriff verschmelzenden gleichartigen im Grunde nie völlig zustande kommt." Offenbar widerspricht hier das Ende dem Anfang.

Doch genug. Daß die Abstraktionstheorie Unmögliches fordert, liegt auf der Hand. Sie führt aber auch  ad absurdum. 

3. Was ist wohl die letzte Konsequenz der Abstraktionstheorie? Ich antworte: Das reine Sein der HEGEL'schen Logik oder allgemeiner, dasjenige, was man mit Recht den Erbfehler aller nachkantischen Philosophie genannt hat, das verhängnisvolle kantische  "Reine",  dem "gar nichts Empirisches beigemischt" sein soll, die reinen Vorstellungen, reinen Erkenntnisse, das reine Denken etc.

HEGEL mag immerhin von der Selbstbewegung der Begriffe und von einem dialektischen Prozeß erden, wir mögen verdutzt sein über diese kühne Idee oder uns ärgern über den Bären, den man uns aufbinden will, und die Phrasen, mit denen wir abgespeist werden, kurz ich will das HEGEL'sche System nicht weiter kritisieren - das  eine  ist eine Tatsache: schon der erste Begriff, der "voraussetzungslose Anfang" des HEGEL'schen Systems, das  "reine Sein",  welches identisch ist mit dem "Nichts", ist auf ganz gewöhnliche Weise durch Abstraktion entstanden. HEGEL nennt es darum geradezu die "reine Abstraktion" (Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften, Heidelberg, 1827, § 87; System der Logik, Seite 82f), die "reine Unbestimmtheit und Leere"; denn "es ist nichts in ihm anzuschauen, wenn von anschauen hier gesprochen werden kann, oder es ist dieses reine leere Anschauen selbst" (System der Logik, Seite 77).

Dieses reine Sein ist aber nur die letzte Konsequenz der Abstraktionstheorie. Denn, wenn man eben dieser Theorie gemäß von allem, was sich irgendwie als bestimmtes Sein darstellt, abstrahiert, so kommt man schließlich zum reinen, unbestimmten Sein, dessen Vorstellung ganz und gar mit der Vorstellung des Nichts zusammenfällt. Ebenso kommt man durch Abstraktion von allem bestimmten Denken zum reinen Denken, reinen Vorstellen usw., kurz man sieht deutlich, daß die Anwendung der Abstraktionstheorie uns schließlich auf jenes unbestimmte, leere Reine führt, dem gar nichts Empirisches beigemischt ist.

Freilich sind es nun Philosophen genug, welche behaupten, ein solches reinen Denken usw. existiere nicht und sei eine Absurdität.  Die Abstraktionstheorie führt aber notwendig zum reinen Sein, Denken etc. also ad absurdum, ist mithin notwendig falsch. 

Aus dem Gesagten folgt, daß diejenigen Philosophen, welche behaupten, das reine Sein, Denken etc. sei etwas Absurdes, Nichtiges, Unmögliches, notwendig auch zugeben müssen, daß die Abstraktionstheorie falsch ist, indem sie schließlich  ad absurdum  führt. Wollen sie dieses aber nicht und halten sie die Abstraktionstheorie dennoch für richtig, dann dürfen sie das reine Seyn etc. auch keine Absurdität mehr nennen.

Zu diesem Resultat, daß die Abstraktionstheorie falsch ist, kamen auch schon andere Denker, namentlich BERKELEY und HUME. Es wird daher nicht uninteressant sein, hier eine kurze Geschichte der Abstraktionstheorie in der neueren und neuesten Philosophie einzuflechten.

4. Schon BERKELEY erkannte mit großem Scharfsinn die Unhaltbarkeit dieser Theorie. LOCKE hatte in seinem "Versuch über den menschlichen Verstand" (Buch II, 10 und 11) das Abstraktionsvermögen sehr hoch gestellt und gerade in der Fähigkeit zu abstrahieren einen wesentlichen Unterschied zwischen Mensch und Tier erblickt. Und doch konnte er sich nicht verhehlen, indem er die Konsequenzen dieser Theorie betrachtete, daß dieselbe schließlich zu Ungereimtheiten führt. "Erfordert es z. B., sagt er, nicht einige Mühe und Geschicklichkeit, die allgemeine Idee eines Dreiecks zu bilden, die doch noch keine der abstraktesten, umfassendsten und schwierigsten ist? Denn das Dreieck im Allgemeinen darf weder schiefwinklig, noch rechtwinklig, noch gleichschenklig, noch gleichseitig, noch ungleichseitig, es muß zu gleicher Zeit alles und nichts von diesen sein. In der Tat ist dies etwas Unvollständiges, das nicht wirklich existieren kann, eine Idee, worin einige Teile von verschiedenen und miteinander unvereinbaren Ideen vereinigt sind" (a. a. O. IV, VII, 9). So muß LOCKE selbst die Absurdität der Abstraktionstheorie anerkennen und weiß sich nicht anders zu helfen, als hierin eine "Merkmal unserer Unvollkommenheit" zu sehen.

Mit dieser Erklärung begnügte sich sein Nachfolger BERKELEY jedoch keineswegs. Sein philosophischer Geist zog vielmehr sofort die naheliegende Konsequenz: wenn die Abstraktionstheorie auf Absurditäten führt, muß sie notwendig falsch sein. Und hiermit bestreitet er folgerichtig die Möglichkeit einer Abstraktion in dem Sinne, Eigenschaften durch Abstraktion zu trennen oder voneinander gesondert zu betrachten, welche nicht möglicherweise ebenso gesondert existieren können, - eine solche Abstraktion verlangt aber gerade jene Theorie, - und läßt Abstraktion nur in dem Sinne gelten, daß wir fähig sind, gewisse einzelne Teile oder Eigenschaften z. B. eine Hand, ein Auge etw. gesondert von anderen zu betrachten, mit denen sie zwar in irgendeinem Objekt vereinigt sind, ohne die sie aber in Wirklichkeit existieren können. Zu einer anderen Abstraktion, sagt er, finde ich mich nicht befähigt, und die meisten Menschen werden mit mir im gleichen Fall sein (Abhandlung über die Prinzipien der menschlichen Erkenntnis, Einleitung, Abt. X).

Demnach  verwirft  BERKELEY die Lehre von der Abstraktion, erklärt die aus ihr entsprungene Annahme abstrakter, allgemeiner Ideen oder Begriffe als den Grund unzähliger Irrtümer in der Philosophie (Abt. VI), und weist die Absurdität derselben an einzelnen Beispielen nach (vgl. Abt. X und XIII). Seine positive Ansicht über die abstrakten allgemeinen Ideen oder Begriffe aber ist folgende:

Eine  Idee,  die an und für sich eine Einzelvorstellung ist, wird dadurch allgemein, daß sie dazu verwendet wird, alle anderen einzelnen Ideen derselben Art zu repräsentieren und statt derselben aufzutreten (Kap. XII). So repräsentiert eine bestimmte Linie, an welcher ein Geometer den Nachweis führt, wie eine Linie in zwei gleiche Teile zu zerlegen ist, alle einzelnen Linien, wie dieselben auch immer beschaffen sein mögen, so daß, was von ihr bewiesen ist, von allen Linien oder mit anderen Worten von einer Linie im Allgemeinen gilt.  Worte  aber, sagt BERKELEY (Kap. XI), werden dadurch allgemein, daß sie als Zeichen gebraucht werden, nicht für eine abstrakte Idee (wie LOCKE a. a. O. III, 6 behauptet hatte), sondern für mehrere einzelne Ideen, deren jede sie besonders im Geist anregen. So wird der Name  Linie,  der ansich partikular ist, dadurch, daß er als Zeichen dient, allgemein und verdankt seine Allgemeinheit also dem Umstand, daß er verschiedene einzelne Linien unterschiedslos bezeichnet, nicht aber, daß er für eine abstrakte oder allgemeine Idee steht.

BERKELEY sucht hierauf nachzuweisen, daß  die abstrakten Ideen weder zur Erweiterung der Erkenntnis noch zur Mitteilung erforderlich  sind. Denn es wird z. B. ein Satz, der Dreiecke betrifft, nicht dadurch allgemein, daß wir ihn an der allgemeinen Idee eines Dreiecks ein für alle Mal aufzeigen, sondern dadurch, daß wir ihn an einem bestimmten konkreten Dreieck nachweisen, hierbei aber weder auf die Form der Seiten noch die Größe der Winkel beim Beweis Rücksicht nehmen, woraus klar wird, daß diese auch anders qualifiziert hätten sein dürfen, der Beweis aber dennoch richtig geblieben wäre (Kap. VI).

Was schließlich den  Ursprung dieser verderblichen Lehre  betrifft, so glaubt BERKELEY, daß derselbe in der Sprache liegt (Kap. XVIII). Dies geht aus dem Bekenntnis der geschicktesten Verteidiger der abstrakten Ideen hervor. Dieselben, sagen jene, seien zum Zweck der Benennung gebildet worden, woraus folgt, daß, gäbe es nicht etwas wie Sprache oder allgemeine Zeichen, niemals irgendwie an Abstraktion gedacht worden wäre. Man habe geglaubt, jedes Wort habe ene einzige, bestimmte und feste Bedeutung, und folglich gebe es auch gewise abstrakte bestimmte Ideen, weil es solche Gemeinnamen gibt. Richtig aber ist, daß es keineswegs eine einzelne genau bestimmte Bedeutung gibt, die sich an irgendeinen Gemeinnamen knüpft, da sie alle eine große Anzahl einzelner Ideen unterschiedslos bezeichnen. Selbst dadurch, daß jeder Name eine Definition hat, sei derselbe nicht auf eine bestimmte Bedeutung eingeschränkt; denn "einen Namen beständig im Sinne einer bestimmten Definition gebrauchen, heißt nicht das Nämliche, wie durch ihn jedesmal die nämliche Idee bezeichnen. Das Erstere ist durchaus erforderlich, das Andere nutzlos und unausführbar." In der Definition des Dreiecks ist z. B. nicht gesagt, daß die Fläche groß oder klein, schwarz oder weiß, die Seiten lang oder kurz usw. sind. "In all dem kann eine große Verschiedenheit bestehen und es ist demgemäß  keine  bestimmte Idee gegeben, auf welche die Bedeutung des Wortes -Dreieck- eingeschränkt wäre."

Eine weitere Veranlassung zur Entstehung jener Lehre, sagt BERKELEY (Kap. XIX), sei in der falschen Meinung gelegen, daß die Sprache keinen anderen Zweck hat, als unsere Ideen mitzuteilen und jeder Name, der etwas bezeichnet, für eine Idee steht. Allein die Sprache hätte noch andere Zwecke z. B. Leidenschaften zu erregen, und andererseits würden Gemeinnamen oft als Bestandteile der Sprache gebraucht, ohne daß der Sprechende sie zu Zeichen solcher ideen in seinem eigenen Geist bestimmt, welche sie nach seiner Absicht im Geist des Hörers hervorrufen sollten (Kap. XX). Und hiermit glaubt BERKELEY (Kap. XXI) die Unmöglichkeit abstrakter Ideen erwiesen zu haben.

Die Polemik BERKELEYs gegen die abstrakten allgemeinen Ideen, so wie die Reduktion derselben auf Einzelvorstellungen wurde nun weiter fortgeführt durch DAVID HUME. Dieser berühmte Skeptiker spottet über die luftigen abstrakten Begriffe und sagt (Abhandlung über die menschliche Natur, 1. Buch, 3. Teil, 1. Abschnitt): "Es ist leicht zu begreifen, warum die Philosophen so verliebt in diesen Begriff gewisser verfeinerter und geistiger Vorstellungen sind; denn sie können dadurch viele ihrer Ungereimtheiten bedecken und brauchen sich nicht der Entscheidung klarer Begriffe zu überlassen, indem sie sich immer auf solche berufen, die dunkel und ungewiß sind." Näher führt er seine Ansicht über die Begriffe a. a. O., 1. Buch, 1. Teil, Kap. VII aus, wo es heißt:

BERKELEY habe behauptet, "daß alle allgemeinen Begriffe im Grunde nichts als individuelle Begriffe wären, die man an einen bestimmten Ausdruck knüpft, der ihnen eine ausgedehntere Bedeutung gibt und macht, daß man sich bei Gelegenheit anderer Individuen erinnert, die ihnen ähnlich sind." Dies, sagt HUME, ist eine der wichtigsten und größten Entdeckungen der Wissenschaft, und er sucht dasselbe auch seinerseits durch eine Anzahl von Beweisen zu begründen. Unter "Begriff" aber versteht er nichts anderes als Nachbilder der Sinneswahrnehmungen, die sich von den unmittelbaren Wahrnehmungen oder Impressionen durch eine geringere Stärke und Lebhaftigkeit unterscheiden.

In der Frage nun:  ob die abstrakten oder allgemeinen Begriffe wirklich in der Seele allgemein vorgestellt werden oder ob es nur individuelle Vorstellungen gibt,  nimmt er entschieden für die BERKELEY'sche Auffassung Partei und begründet dieselbe so:

    a)  Es ist unmöglich, daß die Seele eine Vorstellung von Quantität und Qualität bilden kann, ohne zugleich irgendeinen bestimmten Grad derselben zu denken.  So läßt sich z. B. die bestimmte Länge einer Linie von der Linie selbst gar nicht trennen, ebensowenig der bestimmte Grad einer Qualität von der Qualität selbst. Ferner können wir nichts wahrnehmen, was nicht durch einen gewissen Grad der Quantität sowohl als Qualität bestimmt wäre, denn es wäre eine  contradctio in terminis,  daß ein und dasselbe Ding zugleich sei und nicht sei. Dies gelte ebenso von den Begriffen wie von den Sinneswahrnehmungen, da erstere nur Kopien der letzteren sind. Daher müßten auch die Begriffe durch einen gewissen Grad der Quantität und Qualität bestimmt sein. Schließlich sei es ein in der Philosophie allgemein angenommener Grundsatz, daß jedes Ding in der Natur individuell ist, und es wäre z. B. ganz absurd, ein wirklich existierendes Dreieck anzunehmen, dessen Proportion der Seiten und Winkel nicht genau bestimmt wäre. Ebenso absud aber wäre der Begriff davon. - Abstrakte Begriffe sind also an und für sich selbst individuell und werden nur durch ihre Anwendung allgemein.

    b)  Können wir uns trotz unserer beschränkten Fassungskraft dennoch eine wenn auch unvollkommene Vorstellung aller möglichen Grade der Quantität und Qualität machen, welche zumindest für unser Denken und die Mitteilung unserer Gedanken genügend  ist. Wenn wir nämlich unter verschiedenen Gegenständen, die uns öfter vorkommen, eine Ähnlichkeit gefunden haben, so belegen wir sie sämtlich mit einem gemeinschaftlichen Namen ungeachtet aller übrigen Unterschiede, die sich in den Graden ihrer Quantität und Qualität etc. finden. Sind wir hieran gewöhnt, so erwacht, sobald wir diesen Namen hören, der Begriff eines dieser Objekte und die Einbildungskraft stellt uns dasselbe mit allen individuellen Zügen und Eigentümlichkeiten dar. Und indem nun mit dieser individuellen Vorstellung andere ähnliche verknüpft sind, werden auch andere individuelle Vorstellungen erweckt, und wir werden mit Leichtigkeit diejenigen übersehen, die wir zu unserem Vorhaben und Zweck nötig haben.
So ist also der  Begriff eine individuelle Vorstellung,  welche dadurch allgemein wird, daß man sie an ein Zeichen (Wort, Namen) bindet, d. h. an ein Zeichen, welches durch die beständige, durch Gewohnheit eingeführte Verknüpfung mit mehreren anderen individuellen Vorstellungen eine Beziehung auf dieselbe erhalten hat und sie also leicht in der Einbildungskraft wiedererweckt. Und dies geschieht umso leichter, da ja die individuellen Vorstellungen zusammen verbunden sind und wegen ihrer gegenseitigen Ähnlichkeit unter einem allgemeinen Ausdruck stehen. -

Ich habe die Theorien BERKELEYs und HUMEs etwas ausführlicher mitgeteilt, weil sie merkwürdige Versuche sind, die erkannten Mängel der Abstraktionstheorie durch neue Theorien zu ersetzen. Leider scheinen ihre Worte fast spurlos vorübergegangen zu sein; denn bald darauf treffen wir die Abstraktionstheorie wieder in voller Blüte. Der Grund hiervon liegt wohl darin, daß ihre neuen Theorien, obwohl namentlich die HUMEsche mir ganz respektabel zu sein scheint, die alte Abstraktionstheorie weder and Einfachheit noch an Faßlichkeit übertrafen, ja ihr nicht einmal gleichkamen. So dürfte es sich erklären, wie Letztere trotz ihrer erkannten Mangelhaftigkeit den Sieg über jene Neuerungen hervortragen konnte. -

In der  kantischen und nachkantischen Philosophie  nun werden die letzten Konsequenzen der Abstraktionstheorie gezogen und bis ins Extrem verfolgt. Hier aber tritt ganz offen die Absurdität dieser Theorie zutage. Schon KANT gewinnt durch Abstraktion den verhängnisvollen Begriff des "Reinen", und es dauert auch gar nicht mehr lange, so stoßen wir wieder häufig auf das Dreieck, welches weder gleichseitig noch ungleichseitig usw. und doch alles zugleich ist. Man höre nur wie z. B. SCHELLING seine absolute Vernunft konstruiert (Darstellung meines Systems 1801, Werke 1859, 1. Abteilung, Band 4, Seite 114):
    "Ich nenne Vernunft die absolute Vernunft oder die Vernunft insofern sie als totale Indifferenz des Subjektiven und Objektiven gedacht wird. Wie man überhaupt dazu gelangt, die Vernunft so zu denken, muß hier kurz angezeigt werden. Man gelangt dazu durch die Reflexion auf das, was sich in der Philosophie zwischen Subjektives und Objektives stellt und was offenbar ein gegen beides indifferent sich Verhaltendes sein muß. Das Denken der Vernunft ist jedem zuzumuten; um sie als absolut zu denken, um also auf den Standpunkt zu gelangen, welchen ich fordere, muß vom Denkenden abstrahiert werden. Dem welcher diese Abstraktionen macht, hört die Vernunft unmittelbar auf etwas Subjektives zu sein, wie sie von den Meisten vorgestellt wird, ja sie kann selbst nicht mehr als etwas Objektives gedacht werden, da ein Objektives oder Gedachtes nur im Gegensatz gegen ein Denkendes möglich wird, von dem hier völlig abstrahiert ist; sie wird also durch jene Abstraktion zu einem wahren Ansich, welches eben in den Indifferenzpunkt des Subjektiven und Objektiven fällt."
Hier haben wir also wieder das Dreieck, welches weder gleichseitig, noch ungleichseitig usw. und doch alles zugleich ist: die Vernunft, die weder subjektiv noch objektiv und doch beides zugleich ist, kurz die Absurdität der Abstraktionstheorie in ihrer reinsten Gestalt. Wie man sich mit solchen Phrasen zufriedengeben und sie für höchste Weisheit auspreisen kann, ist fast unbegreiflich, und war nur möglich in einer Zeit, wo, wie HARTMANN in seiner Abhandlung über die dialektischen Methode sagt, man mit Gewalt den Olymp der Wahrheit stürmen wollte, wo die Geister aufeinander platzten, jeder den großen Vorgänger an Größe zu überbieten suchte, und das Denken sich bereits in krankhafter Überreizung befand.

Während so die absolute Philosophie die letzen Konsequenzen der Abstraktionstheorie zog und sich in Absurditäten überstürzte, versuchte die HERBART-BENEKE'sche  Psychologie,  der Abstraktionstheorie eine neue wissenschaftliche Grundlage zu geben, indem sie dieselbe auf die sogenannten psychologischen Gesetze der Miterregung und Verschmelzung der gleichartigen Elemente der Einzelvorstellungen zurückzuführen suchte. Allein dieser Verschmelzungsprozeß ist dann doch so mystischer Natur, daß ein denkender Mann berechtigterweise darüber stutzig wird und mit allem Ernst die Frage an uns herantritt, ob wir hier nicht mit dem gewöhnlichen Empirismus, ja mit einer Art Sensualismus abgefertigt werden.

So konnte es dann auch nicht ermangeln, daß diese Psychologie in ULRICI einen gefährlichen wissenschaftlichen Gegner fand und nun abzuwarten ist, auf welche Seite sich der Sieg neigen wird. ULRICI bekämpft ebenfalls die Lehre von der Abstraktion und sucht dieselbe durch eine Komparationstheorie zu ersetzen, auf welche ich unten zurückkommen werde. Hier sei nur noch der meisterhaften Polemik gedacht, welche ULRICI (System der Logik, Leipzig 1851, Seite 454) gegen die Allgemeinvorstellung des Dreiecks, wie uns dasselbe LOCKE beschrieb und wie es die Abstraktionstheorie verlangt, führt.
    "Wir haben z. B., sagt er, mehrere Dreiecke vor uns und vergleichen sie untereinander; da finden wir angeblich, daß sie trotz ihrer verschiedenen Größe und Lage, trotz der Verschiedenheit ihrer Linien und Winkel doch alle drei sich schneidende Linien und drei Winkel haben: fassen wir also nur das ins Auge und abstrahieren von jener Verschiedenheit, so haben wir das in Allen  Eine  und Identische, Allen Gemeinsame - den Begriff des Dreiecks. Allein die drei Linien und Winkel, die sie alle gemein haben sollen, sind ja in Wahrheit je drei verschiedene Linien und verschiedene Winkel, mithin nicht ein in allen Eines und Identisches. Ich soll freilich von dieser Verschiedenheit "abstrahieren"; aber indem ich dies tue abstrahiere ich von jedem der Dreiecke selber, die Mehrheit der verglichenen Dreiecke verschwindet und ich behalte drei völlig unbestimmte Linien bzw. Winkel übrig. Aber drei völlig unbestimmte Linien können sich unmöglich schneiden: Indem sie sich schneiden, erhält jede notwendig eine bestimmte Größe und es entsteht ein bestimmtes Dreieck, das von anderen durch die Größe seiner Linien und Winkel unterschieden ist." -
Klarer läßt sich wohl nicht mehr nachweisen, daß es solche Allgemeinvorstellungen, wie sie die Abstraktionstheorie verlangt, unmöglich geben kann. Die vorliegende Deduktion ist auch ein sprechendes Beispiel zum HUME'schen Satz, daß wir uns keine Vorstellung von Quantität oder Qualität bilden können, ohne zugleich irgendeinen bestimmten Grad derselben zu denken. -

Ich kehre zur Kritik der Abstraktion zurück. 5. Nach der Abstraktionstheorie soll der Begriff eine Vorstellung sein und zwar eine Allgemeinvorstellung, in welcher die Gesamtheit der wesentlichen Merkmale vorgestellt wird.  Der Begriff kann nun aber keine Vorstellung sein;  denn wäre er eine Vorstellung, so müßte er notwendig eine Allgemeinvorstellung sein, da der Inhalt des Begriffs etwas allen Dingen, die unter denselben fallen, Gemeinsames sein muß. Nun kann ich aber zeigen:
    a) daß der Begriff keine Allgemeinvorstellung, sondern eine  individuelle  Vorstellung in uns erweckt, und

    b) daß es  überhaupt keine allgemeinen, abstrakten Vorstellungen gibt; 
dann aber kann der Begriff, da er keine Allgemeinvorstellung sein kann, weil es solche nicht gibt, überhaupt keine Vorstellung sein.

Daß der Begriff überhaupt eine  Vorstellung  ist, scheint allgemein angenommen zu sein. Man streitet sich nur, ob Begriffe allgemein oder individuell vorgestellt werden. Und doch scheint es mir ein großer Irrtum zu sein, den Begriff überhaupt nur für eine Vorstellung zu halten, ein Irrtum, welcher vermutlich daher kam, daß man den  Inhalt  der Vorstellung, welche durch irgendein Wort in uns hervorgerufen wird, unbedenklich  mit dem Inhalt des Begriffs identifizierte.  Hören wir nämlich z. B. von Bergen, Wäldern, Kühen, Weiden usw. sprechen, so rufen diese Worte Vorstellungen in uns hervor. Jedermann glaubt nun, daß dasjenige, was den Inhalt dieser Vorstellungen bildet, der Inhalt des Begriffs  Berg, Wald  usw. sei. Diese Ansicht scheint so natürlich, daß es fast unglaublich klingt, wenn ich sage, wir haben es hier mit einem Fehlschluß zu tun. Denn wäre diese Vorstellung wirklich der Inhalt des Begriffs dieser Dinge, so müßte sie notwendig eine Allgemeinvorstellung sein, eine Vorstellung, die nur die wesentlichen Merkmale des Begrifss  Berg, Wald  usw. enthält, ohne bestimmte konkrete Züge, wenigstens möchte man erwarten, daß die allgemeinen, wesentlichen Merkmale am stärksten in der Vorstellung hervortreten, die konkreten Züge dagegen mehr verschwimmen. Die Erfahrung lehrt aber das Gegenteil, sie lehrt, daß jedes Wort, welches wir hören, immer eine ganz konkrete, bestimmte Vorstellung in uns hervorruft. Wird z. B. in einer Gesellschaft von Eiern gesprochen, so möchte man meinen, da doch ein Ei dem andern zum verwechseln ähnlich sieht, daß jeder die gleiche Allgemeinvorstellung, den gleichen Begriff von Eiern haben wird; und doch denkt jeder an andere bestimmte, individuelle Eier und nicht zwei Personen existieren auf der ganzen Welt, die sich bei ein und demselben Wort ganz genau dasselbe vorstellen. Wäre also der Begriff wirklich nichts anderes als die Vorstellung der in eine Allgemeinvorstellung verschmolzenen wesentlichen Merkmale der Dinge, so müßte doch bei dem Wort  Ei  ein Jeder die gleiche Vorstellung haben.

Freilich wird man fragen, woher ich denn gar so genau weiß, daß jeder bei dem Wort "Ei" an andere individuelle Eier denkt. Daher, daß jeder mit seinen eigenen Worten verrät, was innerlich in ihm vorgeht. Jeder spricht von anderen Eiern, die  er  gesehen, gekauft oder gegessen hat, kurz: wenn sich jemand die Mühe machen will, die Gespräche der Leute zu belauschen, so wird er immer finden, daß jeder Mensch Alles, was er hört und sieht usw., stets mit  seiner  individuellen Erfahrung mißt, immer mit dem vergleicht, was ihm selbst begegnet, was er selbst erfahren hat. Er hat auch keinen anderen Vergleichspunkt, da ihm Nichts angeboren ist und er Alles eben erst erfahren muß, sei es unmittelbar durch eigene Sinneswahrnehmungen oder mittelbar aus den Worten Anderer.

Kurz: daß wir alles, was wir erfahren, mit unserer früheren individuellen Erfahrung, die in unserer Ideenassoziation einheitlich verbunden ist, vergleichen müssen und wir nur dadurch ein Verständnis jeder neuen Erfahrung gewinnen, habe ich bereits in meiner Abhandlung über die Ideenassoziation nachzuweisen gesucht, und ebendaselbst gezeigt, daß diejenige Vorstellung aus unserer früheren Erfahrung, welche das  tertium comparationis  [das Dritte gemeinsame von Dingen - wp] zur Vergleichung liefert, notwendig eine individuelle, konkrete sein muß und keine unbestimmte Allgemeinvorstellung sein kann.

Nicht bloß auf konkret-sinnlichem Gebiet hat jeder eine andere Vorstellung von den Dingen, weil es keine zwei Menschen gibt, die genau dieselben Erfahrungen haben, sondern auch auf dem sogenannt rein abstrakten Gebiet ist dies nicht minder der Fall. Zum Beispiel der Begriff  Philosophie  erregt in jedem Menschen eine andere Vorstellung. So denkt KANT bei diesem Wort an eine Vernunfterkenntnis aus Begriffen, FICHTE an die Wissenschaft vom Wissen, JACOBI an die Lehre vom Glauben oder von der unmittelbaren Gewißheit, SCHELLING an die Wissenschaft von der absoluten Identität des Idealen und Realen, HEGEL an die Wissenschaft von der Vernunft, sofern sie sich ihrer als allen Seins bewußt wird, HERBART an die Wissenschaft von der Begreiflichkeit der Dinge, Andere an den Welt- und Selbstbegriff; ich an die Wissenschaft vom menschlichen Geist und seinem Wechselverhältnis zur Natur d. h. zu seinem Körper und der ihn umgebenden Außenwelt. Kurz: jeder Mensch hat einen individuellen konkret modifizierten Begriff von Philosophie und mancher, der sich nicht näher mit dieser Wissenschaft bekannt gemacht hat, denkt bei dem Wort vielleicht bloß an ein Lehrbuch, das diesen Titel trägt, wie wir z. B. beim Namen  Amerika  oft nur an die Gestalt dieses Landes, die wir auf der Landkarte gesehen haben, denken. Wenn das aber wahr ist, dann wird niemand mehr behaupten können, daß die Begriffe in uns eine Allgemeinvorstellung erwecken, welche ihr Inhalt wäre, da es ja tatsächlich individuell modifizierte Vorstellungen sind, welche ein Begriff, z. B. der Begriff "Philosophie", in uns hervorruft.

Ich habe auch schon in meiner Abhandlung über die Ideenassoziation gegen die Verschmelzungstheorie protestiert und, wie ich glaube, nachgewiesen, daß wir einerseits zum Erkenntnisakt durchaus keine allgemeinen oder abstrakten Vorstellung bedürfen und andererseits die offenbarsten Tatsachen dafür sprechen, daß wir jede Sinneswahrnehmung nur mit individuellen, bestimmten Vorstellungen unserer früheren Erfahrung vergleichen. Würden wir die sinnlich wahrgenommenen objekt mit Allgemeinvorstellungen vergleichen und danach bestimmen unter welchen Begriff sie fallen, so wäre z. B. ganz unerklärlich, wie wir zu Verwechlsungen kämen. Wenn ich einen vorübergehenden Fremden für einen Bekannten halte, kann ich ihn nur mit der individuellen konkreten Vorstellung meines Freundes, nicht aber mit der Allgemeinvorstellung "Mensch" verglichen haben. Es wäre sonst unerklärlich, wie ich ihn gerade mit meinem Freund hätte verwechseln können.

Ein anderer schlagender Beweis, daß wir keine Allgemeinvorstellungen haben und solche Vorstellungen nicht den Inhalt der Begriffe bilden, ist folgender: Es wird Jeder zugeben, daß das Allgemeine, Wesentliche an den Dingen nur  eines  sein kann und für jeden Menschen ein und dasselbe ist. Wäre daher der Begriff nichts anderes als die Gesamtvorstellung der wesentlichen Merkmale eines Gegenstandes und wären alle ungleichartigen oder unwesentlichen Merkmale vollständig aus dem Bewußtsein vertilgt, so müßte natürlich jeder auch die gleiche Allgemeinvorstellung oder den gleichen Begriff von den Dingen haben. Wie kommt es dann aber, daß sich die Leute dennoch oft um einen Begriff herumstreiten, und oft ganz widersprechende Ansichten über ein und denselben Begriff haben? Wie wäre das möglich, wenn jeder die  gleiche  Allgemeinvorstellung von den Dingen hätte? Und diese müßte jeder haben, da nach der Abstraktionstheorie alle unwesentlichen Merkmale in der Allgemeinvorstellung ausgetilgt sind und die wesentlichen den alleinigen Inhalt derselben bilden, diese aber für jeden notwendig dieselben sind. Wenn dagegen jeder nur mit seinen eigenen Erfahrungen mißt und jeder Begriff eine bestimmte, konkrete Vorstellung in uns hervorruft, so ist es sehr erklärlich, wie sich die Leute über ein und denselben Gegenstand streiten können und jeder glauben kann, er habe Recht. Von seinem Standpunkt aus hat er am Ende auch Recht. Der Mensch liest aus den Dingen eben nur soviel heraus, als er in dieselben hineindenkt, und denkt nicht mehr hinein, als ihm seine bisherige Erfahrung zur Vergleichung bieten kann. Daher der Relativismus in all unserem Denken und Sprechen.

Unter solchen Umständen wird sich die Ansicht, daß die Begriffe Allgemeinvorstellungen sind, wie es die Abstraktionstheorie verlangt, nur mehr schwer halten lassen.  Die Erfahrung beweist  ja klar und deutlich,  daß die Begriffe nur konkrete, bestimmte Vorstellungen in uns hervorrufen,  die Bestätigung oder Widerlegung durch die Erfahrung aber ist das einzige materielle Kriterium der Wahrheit oder Falschheit einer Theorie, welches der Schöpfer uns Menschen vergönnt hat.

Betrachten wir noch einmal die letzten Konsequenzen der Abstraktionstheorie, so zeigt sich, daß die Forderung, die ungleichartigen Merkmale aus dem Bewußtsein zu vertilgen, schließlich zu  gestaltlosen Vorstellungen  führt. Wir fühlen dies zwar nicht gleich bei Begriffen, die nur eine geringe Abstraktion verlangen; aber zu je höheren Begriffen wir aufsteigen, desto fühlbarer wird dieser Mangel. Am deutlichsten zeigt sich dies am reinen Sein. Hier sollen wir von allen Bestimmtheiten abstrahieren und uns ein absolut unbestimmtes Sein vorstellen, also etwas absolut Gestaltloses. Aber sobald ich von aller Gestalt und Ausdehnung abstrahiere, entschwindet mir eben damit auch die ganze Vorstellung, und ehe ich zum reinen Sein gelange, sehe ich bereits nichts mehr, weder das Nichts das identisch sein soll mit dem reinen Sein, noch dieses selbst, sondern ich höre eben infolge jener Abstraktion auf, irgendwelche Vorstellungen zu haben. Daß andere Philosophen mit mir in demselben Fall sind, geht z. B. auch aus URLICIs "System der Logik", Seite 465, hervor, wo er sagt: "Wenn ich die mannigfaltigen Eigenschaften untereinander vergleiche und von der individuellen Bestimmtheit der einzelnen abstrahiere, um das ihnen allen Gemeinsame, Identische zu finden und festzuhalten, so behalte ich schlechthin nichts übrig." Es ist daher offenbar, daß wir uns vom absolut Unbestimmten, Gestalt- und Ausdehungslosen keine Vorstellung machen können, und es ist mithin nur eine Einbildung, wenn wir das reine Sein, den leeren Raum etc. vorzustellen glauben. Demnach ist wieder erwiesen, daß die Abstraktionstheorie falsch sein muß, weil sie schließlich auf unmögliche Vorstellungen führt.

Wenn nun ÜBERWEG (System der Logik , Seite 112) mit TRENDELENBURG meint, "die allgemeine Vorstellung läßt sich der unbestimmten, aber in einigen Grundzügen markierten Zeichnung vergleichen, bei welcher im Ganzen die Umrisse dastehen, aber im Einzelnen ein freier Spielraum für die ergänzende Phantasie übrig bleibt, so daß das Gemeinbild innerhalb der Grundstriche, die seine Grenzen bilden, gleichsam elastisch ist und die mannigfaltigste Gestaltung annehmen kann", so heißt das, wie mir dünkt, sich selbst Sand in die Augen streuen. Nur keine Jllusionen, meine Herren! Zeichnen Sie mir einmal die allgemeine Vorstellung eines Menschen, der weder weiß noch schwarz, weder groß noch klein, weder jung noch alt etc. oder eines Dreiecks, das weder gleichseitig noch ungleichseitig etc. und doch all das zugleich ist oder sein kann, und ich stehe auf ihrer Seite und glaube an die Existen allgemeiner abstrakter Vorstellungen. Allein, man hat schon gesehen, zu welchen Mißgeburten in der Kunst solche Versuche führten. Der  Dorphyros  des POLYKLET ist eine handgreifliche  contradictio in adjecto  [Widerspruch in sich - wp]; statt die allgemeine Idee des Menschen darzustellen, ist er nur ein Individuum geworden, das mehr historischen als ästhetischen Reiz hat. Und welch' ein Monstrum sind nicht Hermaphroditen, die zugleich Mann und Weib und mithin zugleich keines von beiden sein sollen! Ist es schlechthin unmöglich, die allgemeine Idee eines Dreiecks, genauso wie es LOCKE beschrieben hat, zu zeichnen, so ist jene Ausflucht unmöglich, und es zeigt sich wiederum nur:  Es gibt keine allgemeinen oder abstrakten Vorstellungen. 

Wenn nun aber solche Vorstellungen nicht existieren, wir sie aber dennoch annehmen, so erklärt sich dies nur daraus, daß  solche Allgemeinvorstellungen von der Abstraktionstheorie,  die man für richtig hielt,  notwendig gefordert wurden, und man nun die Möglichkeit und Wirklichkeit derselben als eine zweifellose Tatsache gläubig annahm,  da sie ja mit Notwendigkeit gefordert erschien. Gibt es nun aber solche Vorstellungen nicht, so ist wiederum klar, daß  die Abstraktionstheorie notwendig falsch  sein muß, da sie auf unmögliche Vorstellungen führt.

Gibt es also keine abstrakten oder Allgemeinvorstellungen, dann - und das ist das Resultat der vorstehenden Untersuchung -  kann auch der Begriff  überhaupt  keine Vorstellung  sein. Somit ist das  Fazit des Bisherigen:  Die Abstraktionstheorie ist falsch; denn
    1) verlangt sie Unmögliches - unser Denkvermögen vermag nicht zu leisten, was die Theorie fordert;

    2) führt sie  ad absurdum  und zu unmöglichen Vorstellungen.
Die Begriffe können daher durch Abstraktion nicht entstehen. Da es nun ferner keine allgemeinen Vorstellungen gibt, diese vielmehr nur ein nicht abzuweisendes Postulat einer falschen Theorie sind, so können auch die Begriffe überhaupt keine Vorstellungen sein und es zeigt sich hiermit, daß  die bisherige Begriffstheorie durch und durch falsch war. 


Die Komparationstheorie

6. Es ist leichter zu zerstören, als aufzubauen. Ist die alte Lehre als unhaltbar dargetan, so entsteht die Aufgabe eine neue zu erfinden, die die Mängel der alten vermeidet und ihre Schwierigkeiten löst.

Das Rätsel, um dessen Lösung es sich handelt, ist folgendes: Jeder Begriff bezeichnet seinem Inhalt nach ohne Zweifel etwas Allgemeines; nun zeigte sich aber die Annahme allgemeiner abstrakter Vorstellungen als unhaltbar, vielmehr sahen wir, daß wir immer nur mit bestimmten konkreten Vorstellungen operieren. Da erhebt sich nun die Frage:  In welcher Beziehung die Vorstellung, welche ein Begriff in uns wachruft, doch Inhalt dieses Begriffs sein kann, ohne eine Allgemeinvorstellung zu sein?  Dieses Rätsel löst die  Komparationstheorie.  Diese lehrt: Die Begriffe entstehen durch Vergleichen und Unterscheiden, ihr Inhalt ist das  tertium comparationis  (das Ähnliche) gleichartiger Vorstellungen, welches aber  als solches  keine gesonderte Existenz hat, sondern immer nur an bestimmten konkreten Vorstellungen koexistiert. Nicht die Vorstellung, die ein Begriff erweckt, ist der Inhalt dieses Begriffes, wohl aber koexistiert derselbe an ihr als  tertium comparationis. 

Vor allem sei bemerkt, daß  die Abstraktionstheorie die Komparationstheorie voraussetzt.  Denn sie verlangt: Abstraktion von den ungleichartigen und Reflexion auf die gleichartigen Elemente. Wie soll ich aber wissen, welche Elemente gleichartig und welche ungleichartig sind, ohne vorher die betreffenden Vorstellungen untereinander verglichen zu haben? Ich muß daher notwendig die einzelnen Vorstellungen zuvor miteinander vergleichen, und erst infolge dieser Vergleichung werde ich gewahr, was für Elemente gleichartig, welche ungleichartig sind.  Sonach beginnt alle Begriffsbildung mit Vergleichung. 

Das zweite Moment in der Begriffsbildung ist die  Unterscheidung,  welche sich als Resultat der Vergleichung ergibt. Habe ich mehrere Vorstellungen miteinander verglichen, so unterscheide ich unmittelbar die gleichartigen Merkmale als gleichartig oder wesentlich und die ungleichartigen als ungleichartig oder unwesentlich. Gleichartige und ungleichartige Merkmale an den Dingen zu unterscheiden zwingt uns unsere eigene menschliche Organisation. Unser Denken ist, wie ich in meiner Abhandlung über die Ideenassoziation zu beweisen versuchte, eine vergleichende Tätigkeit. Alles, was in unser Bewußtsein eingeht, muß verglichen und unterschieden werden. Indem wir nun die Dinge als Objekte unserer Vorstellung infolge unserer eigentümlichen Organisation vergleichen, bemerken (unterscheiden) wir an denselben ein Gleichartiges, Bleibendes, Unveräußerliches, in allem Wechsel Beharrendes, und ein Ungleichartiges, Veränderliches, Wechselndes. Und dieses Gleichartige ähnlicher Vorstellungen, das  tertium comparationis  derselben, ist der Inhalt des Begriffs. Der Begriff ist daher formell nichts anderes als der einheitliche sprachliche Ausdruck für das  tertium comparationis  ähnlicher Vorstellungen oder Erfahrungen überhaupt. Das tert. comp. aller Pferde z. B. ist der Inhalt des Begriffs  Pferd. 

Der Begriff darf nicht verwechselt werden mit der  Definition.  Definition ist Entwicklung des Inhalts eines Begriffs, d. h. die Angabe jener Merkmale, welche das tert. comp. einer Reihe gleichartiger Erfahrungen bilden. Auch mit der  Vorstellung  darf derselbe nicht verwechselt werden. Der  Begriff  ist keine Vorstellung, sondern das tert. comp. ähnlicher Vorstellungen. Zwar erweckt jeder Begriff eine Vorstellung, wir stellen uns beim Begriff  Pferd, Mensch  etc. etwas vor; was für eine Bewandtnis es aber mit diesen Vorstellungen hat, soll jetzt erörtert werden.

Das  tertium comparationis  ähnlicher Vorstellungen, den Inhalt der Begriffe, gewinnen wir offenbar dadurch, daß wir das Gleichartige ähnlicher Erscheinungen als Gleichartiges oder Wesentliches vom Ungleichartigen oder Unwesentlichen unterscheiden. Alle tert. comp. sind daher etwas Unterschiedenes. Nun habe ich aber schon in meiner mehrgenannten Abhandlung über die Ideenassoziation gezeigt, daß der Unterschied  als solcher  in den Dingen-ansich, d. h. unabhängig von uns vergleichenden Wesen, nicht existieren kann. Andererseits aber könnten wir auch keine Unterschiede in der Welt wahrnehmen, wenn solche nicht schon potenziell wenigstens in den Dingen vorlägen. Es müssen also auch tert. comp. oder gleichartige Merkmale wenigstens schon potenziell in den Dingen vorliegen, d. h. die Dinge-ansich müssen schon gleichartig sein, da sonst überhaupt keine Vergleichung, keine Begriffsbildung, keine Wissenschaft möglich wäre. Zwar können dieselben an den Dingen ansich nicht schon  als  wesentliche oder unwesentliche Merkmale existieren, da diese Unterschiede erst infolge unserer Vergleichung Existenz gewinnen, aber potenziell müssen diese Unterschiede bereits in den Dingen selbst vorliegen, so daß wir sie durch unsere Vergleichung nur anzuerkennen und nachzuunterscheiden brauchen. Die tert. comp. koexistieren also bereit an den Dingen-ansich, zwar noch ungeschieden von den übrigen Merkmalen und nicht in der Eigenschaft als tert. comp., aber potenziell sind sie als solche bereits vorhanden und werden wirkliche tert. comp., sobald ich sie durch meine Vergleichung zum Maßstab ähnlicher Erscheinungen mache. Und somit koexistiert der Inhalt der Begriffe als tert. comp. an jeder einzelnen Vorstellung.

Nun dürfte uns klar sein,  warum jeder Begriff eine individuelle Vorstellung in uns hervorruft und wie diese Vorstellung sich zum Inhalt des Begriffs verhält.  Der Inhalt des Begriffs nämlich koexistiert an derselben als tert. comp. Und da tert. comp. als solche keine selbständige Existenz haben können, weil sie ja erst durch unsere Vergleichung zu wirklichen tert. comp. werden, so kann es auch keine besonderen Allgemeinvorstellungen (Begriffsvorstellungen) geben, sondern die Begriffe können nur als tert. comp. an irgendwelchen Einzelvorstellungen koexistieren.

Hieraus erklärt sich nun,  wie z. B. ein und dasselbe Ding unter verschiedene Begriffe fallen kann.  Zum Beispiel einen Gelehrten können wir einen Menschen nennen, einen Europäer, Deutschen, Bayer, Würzburger, einen Weißen, Mann, lebendes Wesen, Gegenstand, Objekt, Ding, Vorstellung, Schriftsteller, Philosoph usw. und wir haben doch immer nur von ein und demselben Objekt gesprochen. Es kommt eben nur darauf an, nach was für Gesichtspunkten (tert. comp.) ich jenen Mann unterscheide, welche Merkmale ich zum tert. comp. mache. Wenn ich einen Menschen einen Gelehrten nenne, hört er deshalb nicht auf Mensch zu sein. Das tert. comp., wonach ich ihn als Gelehrten unterscheide, koexistiert eben neben vielen anderen möglichen tert. comp., welche mich berechtigten, ihn eventuell, d. h. je nachdem ich ihn mit anderen Objekten vergleiche, einen Europäer, lebendes Wesen, Vorstellung etc. zu nennen.

Es erklärt sich ferner hieraus, wie die Leute sich über ein und denselben Begriff streiten können. Sie halten eben verschiedene Merkmale für das tert. comp. oder für den Inhalt des Begriffs. Hat man sich dagegen über die Definition d. h. über das tert. comp. geeinigt, so hört aller Streit von selbst auf. -

Wir haben also gesehen, der Begriff erweckt keine allgemeine Vorstellung, sondern eine individuelle, konkrete, an welcher sein Inhalt als  tertium comparationis  koexistiert. Es gibt daher keine allgemeine Idee eines Dreiecks, das weder schiefwinklig, noch rechtwinklich usw. und doch all das zugleich wäre, sondern nur einzelne konkrete Dreiecke, aber an jedem derselben koexistieren die wesentlichen Merkmale dieses Begriffs, nämlich jedes Dreieck ist eine durch drei gerade, sich schneidende Linien begrenzte ebene Fläche, Merkmale die neben vielenn anderen unwesentlichen an jedem konkreten Dreieck vorhanden sind (koexistieren). Und da ferner z. B. beim Satz, die Winkel des Dreiecks zusammen  2R  sind, nur die in der Definition gegebenen Merkmale (das tert. comp. aller Dreiecke) berücksichtigt sind, alle anderen konkreten Eigenschaften der verschiedenen Dreiecke aber zum Beweis nicht herbeigezogen wurden, so hat dieser Satz allgemeine Gültigkeit, und läßt sich auf jedes konkrete Dreieck anwenden.

Die Komparationsmethode lehrt daher:  Alle Begriffe sind "tertium comparationis" (= das Ähnliche gleichartiger Erscheinungen) und haben als solche keine gesonderte Existenz (d. h. es gibt keine eigenen Begriffsvorstellungen), sondern koexistieren an den individuellen Vorstellungen. Habe ich zwei ähnliche Vorstellungen miteinander verglichen und das Gleichartige beider, den Punkt, worin sie ähnlich sind, unterschieden, so wird dieses stets der Gesichtspunkt (das tert. comp.) sein, nach welchem ich alle anderen ähnlichen Vorstellungen unterscheide. Von den ungleichartigen Merkmalen wird hierbei durchaus nicht abstrahiert, sondern sie werden bei meiner Vergleichung nur nicht berücksichtigt. Und da jede ähnliche Vorstellung, die ich mit ähnlichen vergleiche, das tert. comp. mit diesen gemein hat und so bei aller sonstigen Verschiedenheit mit denselben relativ identisch ist, so erklärt sich, wie eine individuelle Vorstellung Inhalt des Begriffs sein kann, ohne eine allgemeine zu sein; der Inhalt des Begriffs koexistiert nämlich an derselben als  tertium comparationis. -

Was schließlich den  wissenschaftlichen Charakter der Komparationstheorie  betrifft, so liegt derselbe klar zutage. Ist alles Denken Vergleichen, so muß auch die Begriffsbildung auf Vergleichen beruhen und das einzige Gemeinsame, was sich bei der Vergleichung verschiedener Gegenstände ergeben kann, ist eben das tert. comp., die gleichartigen Beziehungspunkte, nach welchen wir die Dinge unterscheiden. -

7. Eine Komparationstheorie hat auch schon ULRICI in seinem "System der Logik", Seite 453 und "Compendium der Logik", Seite 153f aufgestellt. Ja, ULRICI sagte bereits schon wenigstens von den Kategorien, daß sie tert. comp. sind. Auch er erkannte die Fehlerhaftigkeit der Abstraktionstheorie und führt verschiedene Bedenken gegen dieselbe an (z. B. "System der Logik", Seite 454 und 464f. Indessen ist seine Komparationstheorie doch in einem wesentlichen Punkt von der meinigen verschieden, wie aus nachfolgendem kurzen Auszug zu ersehen ist. Nach ihm sind nämlich die Begriffe Allgemeinvorstellungen, die wir durch eine Vergleichung einer Mehrheit von Dingen mit einer Mehrheit anderer gewinnen. Vergleichen wir nämlich "eine Mehrheit weißer Dinge mit einer Mehrheit anders gefärbter Dinge, so bemerken wir unmittelbar (ohne alle Abstraktion), daß alle weißen, obwohl untereinander verschieden, doch auf dieselbe relativ identische Weise dich von allen blauen, roten etc. unterscheiden; - ebenso, daß alle Eier obwohl untereinander mannigfach verschieden, doch zusammen von anderen Dingen durch dieselben relativ identischen Unterschiede unterschieden sind. Indem wir dieses Gleiche als das in ihnen relativ Identische, ihnen allen Gemeinsame fassen, entsteht uns die Vorstellung von allgemeinen Bestimmtheiten (Merkmale), durch welche alle Eier, die wir kennen, von allen übrigen uns bekannten Dingen unterschieden sind. Aber nur relativ identisch (gleich) sind die Dinge durch ihre allgemeinen Bestimmtheiten. Denn nur in Bezug auf das Rot oder Blau anderer Dinge ist das Weiß der Hühnereier dasselbe: in Bezug auf sich selber dagegen ist das Weiß des einen Eies von dem des anderen verschieden. Nicht also durch willkürliche Abstraktion von den gegebenen Erscheinungen, sondern durch die mit einer solchen Vergleichung unmittelbar gegebene Wahrnehmung, also von den Erscheinungen selbst aus bilden sich unsere konkret allgemeinen Begriffe. Und nicht in den toten Resten, welche die Abstraktion übrig läßt, besteht der Inhalt derselben, sondern im Komplex der relativ identischen Unterschiede, durch welche eine Mehrheit (Allheit) von Dingen von einer Mehrheit anderer unterschieden erscheint" (Compendium der Logik, Seite 158f).

Nach meinem Dafürhalten liegt in dieser Darstellung der Begriffsbildung jedenfalls ein großer Fortschritt gegenüber der gewöhnlichen Begriffstheorie. Die Mangelhaftigkeit der Abstraktionsleiter ist erkannt und zu verbessern gesucht. Auch wenn ULRICI den Komplex der relativ identischen Unterschiede für den Inhalt der Begriffe hält, stimme ich ihm hierin vollständig bei; denn das relativ Identische, durch welches sich eine Art oder Gattung von allen anderen Arten und Gattungen unterscheidet, ist ja eben das tert. comp. aller Individuen, die zu einer Art oder Gattung gehören. Was dagegen die Vergleichung einer Mehrheit von Dingen mit einer Mehrheit anderer betrifft, so halte ich es nicht gerade für notwendig, daß diese Dinge verschiedenartig z. B. Farben und Klänge sind, um das relativ Identische im Unterschied erkennen zu können, ich glaube vielmehr, auch die Vergleichung gleichartiger Objekte wird uns schon zur Erkenntnis des relativ Identischen im Unterschied führen, gebe indessen gerne zu, daß, wenn wir eine Mehrheit von Dingen mit einer Mehrheit anderer verschiedenartiger vergleichen, uns das tert. comp. einer Reihe gleichartiger Erfahrungen noch deutlicher zu Bewußtsein kommt (2). Nur in dem einen Punkt kann ich ULRICI nicht beistimmen, daß nämlich die Begriffe Allgemeinvorstellungen sind. Meine Einwände gegen diese alte Anschauung habe ich oben dargelegt. Offenbar vermochte sich ULRICI hier von der konventionellen Überlieferung, daß der Begriff eine Allgemeinvorstellung ist, noch nicht loszureißen und hier nun glaube ich, über ihn hinausgehen zu müssen (3). Indessen zeigt die ULRICI'sche Begriffstheorie gegenüber der HERBART-BENEKE'schen den Vorzug, daß er die Allgemeinvorstellung nicht durch einen halbmystischen Verschmelzungsprozeß, sondern durch die Selbsttätigkeit der Seele entstehen läßt. -

Bevor ich nun auf die Stellung der Komparationstheorie zur Universalienfrage übergehe, erlaube man mir noch einige allgemeine Bemerkungen über die Begriffe.

8. Es wird schwerlich jemand etwas dagegen sagen, wenn ich behaupte,  die menschliche Sprache hat einen mehrfachen Beruf.  Ihr  natürlicher  Beruf scheint zu sein, Gefühle, Vorstellungen, kurz: innere Vorgänge auszudrücken, um sie Anderen mitzuteilen. Sie hat aber auch einen  wissenschaftlichen  Beruf, nämlich Ordnung und Einheit, Klarheit und Deutlichkeit in unsere Vorstellungen zu bringen. Aber auch hiermit ist ihre Aufgabe noch nicht erschöpft. Man wird ihr auch  noch andere Berufe  z. B. einen psychologischen zuschreiben müssen, nämlich Leidenschaften zu erregen etc.

Die Folge davon nun, daß die Sprache mehrfachen Zwecken dient, ist, daß  nicht jedes Wort ein Begriff  ist, sondern nur diejenigen Wörter, die aus dem  wissenschaftlichen  Beruf der Sprache entsprungen sind und, als charakteristisches Merkmal, das Gemeinsame ähnlicher Erfahrungen bezeichnen. So ist das Wörtchen "und" kein Begriff, ebensowenig eine Interjektion [Empfindungswort - wp], wohl dagegen die Wörter "Mensch, Tier, Pferd" etc., denn alle diese Wörter bezeichnen das Gemeinsame einer Reihe ähnlicher Vorstellungen und sind augenscheinlich mit der bestimmten Absicht geschaffen, Ordnung und Einheit in den Komplex unserer Vorstellungen zu bringen. Auch bloße Namen wie HARDUIN, BERENGAR etc. sind keine Begriffe, sondern haben offenbar nur den Zweck, irgendeine einzelne bestimmte Vorstellung zu bezeichnen.

Doch ich habe hier nicht von dem zu sprechen, was nicht Begriff ist, sondern von den Begriffen. Wollen wir einen tieferen Blick in das Wesen der Begriffe gewinnen, so glaube ich, können wir dies am Besten dadurch erreichen, daß wir uns fragen, warum der Mensch Begriffe bildet, was hat er dabei für einen Zweck im Auge? Der Mensch ist ein sinnlich-vernünftiges Wesen. Die Vernunft aber zeigt sich im Handeln, nämlich darin, daß wir nichts ohne Grund und ohne Zweck tun. Wenn daher der Mensch Begriffe bildet, so muß er dabei offenbar einen bestimmten Zweck verfolgen. Mustern wir nun unsere Begriffe, so bemerken wir solche, die man  Gattungs- und Artbegriffe  genannt hat, wie  Mensch, Dichter, Tier, Pferd  usw., und fragen wir uns, was mag uns Menschen bewogen haben, solche Begriffe zu bilden, so geschah dies augenscheinlich, um  Ordnung und Einheit  in die Mannigfaltigkeit unserer Vorstellungen zu bringen.

Ganz verschieden von diesen aber scheinen mir jene Begriffe zu sein, die man  Kategorien  genannt hat, wie Sein, Wesen, Quantität, Qualität etc. Sie dienen offenbar nicht dazu Ordnung und Einheit in unsere Vorstellungen zu bringen, sondern scheinen vielmehr dazu gebildet zu sein,  Klarheit und Deutlichkeit  in das Chaos unserer Erfahrungen zu bringen. Indem ich so die Begriffe nach ihrer Bestimmung betrachte und mich frage, was mag den Menschen bewegen, Begriffe wie Qualität, Quantität etc. zu bilden, kann ich nicht die Ansicht derjenigen teilen, welche die Kategorien für die obersten Gattungen alles Seienden halten. Ich glaube es liegt zu klar auf der Hand, daß diese Begriffe einem ganz anderen Zweck dienen, als die Begriffe  Mensch, Pferd  etc. Ebensowenig scheint es mir richtig, ja durchaus unnatürlich und erfahrungswidrig, eine Kategorie aus der anderen entwickeln zu wollen. Vielmehr dünkt mir, daß der menschliche Geist, obwohl alle Kategorien dem einen Zweck dienen, Klarheit und Deutlichkeit in unser Wissen zu bringen, dennoch hierbei von ganz verschiedenen Gesichtspunkten geleitet wird, und einmal das Wissen vom erkenntnistheoretischen, dann vom logischen, metaphysischen, psychologischen etc. Standpunkt aus betrachtet, und daß infolge dieser verschiedenartigen Gesichtspunkte auch ganz verschiedenartige Kategorien entstehen müssen. Jedenfalls zeigt schon der strengere Sprachgebrauch, daß Begriffe wie Grund und Folge einem ganz anderen Gesichtspunkt ihr Dasein verdanken, als die Begriffe Ursache und Wirkung. Es dürfte demnach verschiedenartige Kategorien (erkenntnistheoretische, metaphysische etc.) geben, die aber alle dem selben Zweck dienen, und auch in ein System gebracht, jedoch wegen ihrer Verschiedenartigkeit nicht aus einander abgeleitet werden können.

Schließlich möchte ich mir noch eine Bemerkung erlauben über die sogenannte  spekulative oder phiolosophische (absolute) Logik.  Diese geht bekanntlich vom Allgemeinen aus und läßt das Besondere und Einzelne durch eine Spaltung des Allgemeinen in seine Besonderheiten entstehen. So großartig auch dieser absolute Standpunkt scheinen, so poetisch und imposant es auch sein mag, die Dinge  sub specie aeterni  [im Licht der Ewigkeit - wp] zu betrachten, so dünkt mir dies doch unnatürlich, unmenschlich und erfahrungswidrig. Die Erfahrung zeigt, daß wir zum Allgemeinen nur durch eine Vergleichung des Besonderen kommen, und andererseits ist ja genugsam bekannt, daß jene Philosophen, welche es versuchten, das Besondere und Einzelne, ohne Beihilfe der Erfahrung  a priori  aus dem Allgemeinen zu deduzieren, doch bei jedem Schritt ihre Ideen heimlich aus der Erfahrung herübernahmen, und uns nur Sand in die Augen streuen, wenn sie uns plausibel machen wollen, all diese Entfaltungen des Absoluten seien aus sich selbst heraus ohne Beihilfe der Erfahrung gewonnen. Kurz, gerade die absolute Philosophie hat uns wieder die menschliche Ohnmacht gelehrt, und wir sollten daraus lernen, uns mit dem Menschenmöglichen zu begnügen und Extravaganzen beiseite zu lassen.

9. Was die Universalienfrage betrifft, so stammt sie bekanntlich aus der scholastischen Philosophie. "Universalia" nannten die Scholastiker die Allgemeinbegriffe, insbesondere die Gattungs- und Artbegriffe. Hier stritt man sich nun darum, ob das Allgemeine wirklich außer uns oder ob es bloß in unseren Gedanken existiert. Dieser Streit wurde durch die "Eisagoge eis tas Aristoteles kategorias" des PORPHYRIUS hervorgerufen, mit welcher im Mittelalter aller logischer Schulunterricht zu beginnen pflegte. In diesem Schulbuch ist nämlich die Frage aufgeworfen: ob die Allgemeinbegriffe (Universalien) entweder im Sinne PLATOs als wirklich existierende Wesen oder im Sinne des ARISTOTELES als Erzeugnisse der denkenden Rede des Menschen zu fassen sind; beantwortet aber hat PORPHYRIUS diese Frage nicht, da sie allzu schwierig sei. Die Scholastiker versuchten nun die Beantwortung derselben und verloren sich in die beiden Extreme des Nominalismus und Realismus.
    a) Der  Nominalismus,  die aristotelisch-scholastische Philosophie des Mittelalters, behauptete, die Universalien seien nur leere Namen, Gedankendinge, denen nichts in der Wirklichkeit entspricht; denn in der Wirklichkeit gebe es nirgends Allgemeinbegriffe, weder Gattungen noch Arten, sondern eben lauter einzelne Dinge, die man mit den Sinnen wahrnimmt und sich vorstellt.

    b) Dagegen behauptete der  Realismus,  die platonisch-scholastische Philosophie, daß die Universalien wirklich existierende Wesen, Ideen im Geiste Gottes sind.
Neben diesen beiden Hauptgruppen erscheint als vermittelnde Ansicht der  Konzeptualismus,  welcher behauptete: Die Allgemeinbegriffe seien allerdings nur ein Gedachtes und Vorgestelltes; aber als solches nicht nur im denkenden Subjekt sondern in den Dingen selbst wirklich vorhanden; denn wäre dies nicht der Fall, so könnte man aus den Dingen auch kein Allgemeines abstrahieren.

Indessen ist die summarische Einteilung in Nominalismus und Realismus keineswegs erschöpfend, vielmehr finden sich, wie PRANTL in seiner Geschichte der Logik im Abendland zeigt, noch eine erkleckliche Anzahl eigentümlicher Ansichten, wie z. B. die Statustheorie, welche lehrt, die Universalien seien  status  (WALTHER von MORTAGNE) oder die Indifferenztheorie, welche sagte, die Universalien seien das, was sich nicht mehr unterscheidet (ABELARD von BATH) etc. Großen Einfluß auf die Universalienfrage hatte auch der orientalisch-arabische Philosoph AVICENNA (Ibn Sina), welche die Einteilung in  Universalia ante rem  [den Dinge vorgeordnet - wp],  in re  [mit den Dingen zusammenfallend - wp] und  post rem  [nur im Verstand - wp] aufbrachte. Eine besondere Schwierigkeit ergab sich bei den  universalia in re,  indem sich nämlich hier die Frage einstellte, wodurch denn die Universalien zu Individuen werden. Und so entsprang hieraus ein weiterer Streit über das  principium individuationis,  worüber namentlich im späteren Mittelalter viel gestritten wurde. Doch ich darf mich hier nicht ins Detail verlieren und will nur noch bemerken, daß seit OCKHAM († 1347) der Sieg des Nominalismus entschieden war und nun die gewöhnliche Ansicht dahin ging, daß nur das Einzelne wirklich, das Allgemeine aber eine bloße Abstraktion ist.

Sehen wir genau zu,  so kann die Abstraktionstheorie konsequenterweise nur zum extremen Nominalismus führen  und jede andere Anschauung wäre eine Inkonsequenz. Denn sind die Begriffe nichts anderes als Allgemeinvorstellungen, die durch Abstraktion entstanden sind, so sind sie offenbar bloß subjektive Gebilde und die Existenz objektiver Gattungen und Arten muß geleugnet werden. Behauptet man sie aber dennoch, so ist dies eine Inkonsequenz, ein Abfall von der Abstraktionstheorie. Gerade hier nun zeigen sich die Vorteile der Komparationstheorie gegenüber der Abstraktionstheorie auf schlagende Weise. Denn  die Komparationstheorie führt ganz naturgemäß,  wie wir gleich sehen werden,  auf objektive Gattungen und Arten.  Und was dieser Satz für die gesamte Naturwissenschaft bedeutet, namentlich seit DARWIN geschrieben hat, braucht nicht erst erörtert zu werden.

Wenn ich sage, die Begriffe sind  tertium comparationis,  so scheint dieser Satz auf den ersten Anblick allerdings zum extremen Nominalismus zu führen; allein erwägt man andererseits, daß tert. comp. bereits potenziell in den Dingen vorliegen, d. h. daß die Dinge-ansich schon gleichartig sein müssen, wenn überhaupt eine Vergleichung möglich sein soll, so zeigt sich, daß der Komparationstheorie nicht der Nominalismus, sondern ein potenzieller Realismus entspricht. Die tert. comp. liegen schon potenziell in den Dingen vor und brauchen durch unser Vergleichen nur noch unterschieden und anerkannt zu werden. Sie drängen sich uns auf und - das ist ein Zeichen ihrer Objektivität - wir können an ihnen nichts ändern, sondern müssen sie nehmen, wie sie sich uns aufdrängen. Ein Pferd steht dem anderen gleich und wir müssen das, wodurch ein Pferd dem anderen ähnlich ist, hinnehmen, wie es sich uns aufdrängt, ohne daß wir etwas dazutun oder beliebig ändern können. Die tert. comp. koexistieren also schon an den Dingen ansich und liegen bereits potenziell in ihnen vor. -  Es gibt daher objektive Gattungen und Arten,  und die Komparationstheorie führt mithin zu einem potenziellen Realismus.

Ebenso haben auch die  Kategorien,  wie ULRICI richtig sagt, die obersten Normen (tert. comp.) unserer vergleichenden bzw. unterscheidenden Denktätigkeit, objektive Existenz im potenziellen Sinne. Schon die Dinge-ansich müssen potenziell nach Qualität und Quantität verschieden sein, sonst wäre es nicht möglich, sie in unserem Denken nach diesen Kategorien zu unterscheiden. Es wäre nicht einzusehen, wie die Kategorien auf die Erscheinungswelt anwendbar wären, wenn nicht hier schon zumindest potenzielle Verschiedenheiten nach den Kategorien vorlägen, noch was uns veranlassen sollte, die Dinge gerade nach diesen und keinen anderen Kategorien zu unterscheiden, wenn diese mit dem objektiven Sein in gar keiner Beziehung ständen. Die Veranlassung muß immer schon im objektiven Sein vorliegen, sonst würden sich die Erscheinungen nicht unseren Kategorien fügen, sich nicht nach denselben unterscheiden lassen und diese angeblich subjektiven Denkformen wären absolut unbrauchbar zur Anwendung auf die Erfahrung. Ich kann mich daher nicht mit jenen philosophischen Systemen befreunden, welche den Kategorien nur eine subjektive Gültigkeit zugestehen und ihnen jede Beziehung zu einem objektiven Sein absprechen. Solche Kategorien wären ein totes Schema, mit welchem praktisch nichts anzufangen wäre. Nach meiner Ansicht liegt daher in den Dingen selbst die Veranlassung, sie gerade nach diesen und keinen anderen Kategorien zu unterscheiden; die Dinge-ansich sind schon nach den Kategorien unterschieden, und hiermit haben die Kategorien objektive Gültigkeit im potenziellen Sinn.

Ganz mit Recht hat daher ERNST von LASAULX in seiner Rektoratsrede "Über die theologische Grundlage aller philosophischen Systeme", 1856, Seite 19 gesagt: "Alle Philosophie und jede Wissenschaft beruth auf einer doppelten Voraussetzung: Erstens, daß ein objektiver Verstand in demjenigen ist, was wir erkennen wollen; und zweitens, daß der subjektive Verstand in uns fähig ist, den objektiven Verstand zu erkennen." Und in der Tat gäbe es nichts Gleichartiges, kein Allgemeines, keine tert. comp. in den Dingen, sondern wäre Alles, wie HERAKLIT meinte, in einem ewigen Fluß begriffen, so gäbe es auch kein Vergleichen, keine Begriffsbildung, keine Wissenschaft; nun gibt es aber Wissenschaft, es gibt auch gleichartige Merkmale in den Dingen, sie drängen sich uns vergleichenden Menschen selbst wider willen auf - also liegt das Allgemeine, das Gesetz schon potenziell in der Natur vor, und  die  Universalien wie  die Kategorien haben daher objektive Gültigkeit in einem potenziellen Sinn. 
LITERATUR - Max Schießl, Über die Entstehung der Begriffe, Zeitschrift für Philosophie und philosophische Kritik, Neue Folge, Bd. 64, Halle a. Saale 1874
    Anmerkungen
    1) Das gestehe ich nicht, sondern leugne es vielmehr. Alles Unterscheiden involviert zwar ein Beziehen, aber das bloße Beziehen ist noch kein Vergleichen. Vergleichbar sind nur Objekte, die nicht bloß verschiedene, sondern auch gleiche Bestimmtheiten haben. Einen mathematischen (ausdehnungslosen) Punkt kann ich daher mit einem ausgedehnten Körper nicht vergleichen, wohl aber von letzterem unterscheiden, indem ich beide als Objekte meiner Vorstellung aufeinander beziehe, d. h. in Gedanken aneinander halte. Alles Vergleichen ist und involviert ein Unterscheiden, aber nicht alles Unterscheiden ein Vergleichen. Dagegen gebe ich zu und habe selbst zu zeigen gesucht, daß dasjenige Unterscheiden, mit dem wir uns unsere Begriffe bilden, stets ein Vergleichen ist. - HERMANN ULRICI
    2) ULRICI sagt zwar in seinem "System der Logik", Seite 454f: "Solange wir auch verschiedene Dreiecke  untereinander  vergleichen mögen, wir finden durchaus Nichts, das trotz ihrer Unterschiedenheit ihnen allen gemein wäre. ... Vergleichen wir dagegen verschiedene Dreiecke nicht bloß untereinander, sondern vielmehr mit verschiedenen Vierecken oder Fünfecken, so zeigt sich unmittelbar, daß alle Dreiecke von allen Vierecken durch dieselben Unterschiede unterschieden sind, also in Bezug auf die Vierecke (relativ) identische Bestimmtheiten haben. Denn ihr Unterschied besteht eben darin, daß alle Dreiecke bei aller Verschiedenheit ihrer Linien und Winkel, alle Vierecke dagegen vier sich schneidende Linien und vier Winkel haben." Das ist sehr wahr und trägt auch ganz entschieden dazu bei, uns den Inhalt des Begriffs recht deutlich ins Bewußtsein zu bringen; allein es ist nicht einzusehen, warum wir "durchaus nichts, was trotz ihrer Verschiedenheit allen Dreiecken gemein wäre" bemerken sollten, solange wir Dreiecke nur  untereinander  vergleichen, und dieses erst wahrgenommen werden könnte, wenn wir Dreiecke mit Vierecken vergleichen. Entweder haben die Dreiecke überhaupt nichts miteinander gemein: dann wird auch die Vergleichung mit Vierecken nichts Gemeinsames aufzeigen, oder sie haben ein allen Gemeinsames: dann muß dieses auch erkennbar sein, wenn wir bloß Dreiecke untereinander vergleichen. Daß aber Dreiecke, die wir miteinander vergleichen, das tert. comp., die drei sich schneidenden Linien und die 3 Winkel, miteinander gemein haben, kann nicht geleugnet werden. [Aber die 3 Linien verschiedender Dreiecke sind ja 3  verschiedene  Linien. - H. U.] Daher muß ich darauf bestehen, daß die Vergleichung gleichartiger Objekte genügt, um ihr Identisches im Unterschied herauszufinden, daß dagegen, wenn wir eine Mehrheit von Objekten auch noch mit einer Mehrheit verschiedenartiger anderer Objekt in Beziehung setzen, die Deutlichkeit der identischen Merkmale einer Gruppe ähnlicher Vorstellungen allerdings noch mehr erhöht wird und daß in dieser Hinsicht die Methode ULRICIs nur zu empfehlen ist.
    3) Allerdings vermögen wir uns kein Dreieck vorzustellen, das nicht ein irgendwie bestimmtes wäre. Aber an diesem Dreieck wird doch das Allgemeine, die drei sich schneidenden Linien, mit  vorgestellt.  Und da es nur ein  irgendwie  bestimmtes ist, d. h. da ich mir  bewußt  bin, daß ich seine Bestimmtheiten beliebig ändern kann, das Allgemeine dagegen, die Dreiheit und das Sichschneiden der Linien nicht zu ändern vermag (weil damit das Dreieck aufhören würde, ein Dreieck zu sein), so fasse ich eben damit das bestimmte Dreieck nicht als dieses bestimmte, sondern nur als Repräsentanten des allen Dreiecken Gemeinsamen. Dieses Bewußtsein, diese Auffassung ist meines Erachtens der Inhalt des Begriffs. - H. U.