cr-2O. CaspariL. SteinG. NeudeckerA. StadlerK. MannheimF. Rittelmeyer    
 
AUGUST MESSER
Einführung in die Erkenntnistheorie
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"Das durch keinen Zweifel erschütterte Vertrauen auf die Wahrheitsfähigkeit des Denkens nennt man  Dogmatismus. Ihm gilt es als selbstverständlich, daß schlechterdings alles und jedes gedacht und erkannt werden kann."

"Der Trieb zum Philosophieren beginnt mit jenem dogmatischen Verhalten, das unmittelbar die Gegenstände zu ergreifen meint, und dem schon deshalb die Erkenntnis noch kein Problem sein kann, weil sie ihm als solche überhaupt nicht zu Bewußtsein kommt.  Nur die Gegenstände sind ihm bewußt, oder richtiger, sie sind einfach für ihn  da, aber noch nicht das Erkennen als  Beziehung zwischen Ich und Gegenständen."

"Die logische Betrachtung richtet sich lediglich auf Denkinhalte. Sie sind für sie gleichsam losgelöst von denkenden Individuen vorhanden. Solche Denkinhalte (Begriffe, Urteile, Schlüsse) sind in ihr ganz zeitlose, ideale Gebilde."

"Die Logik ist es aber nicht allein, die sich mit idealen Gegenständen beschäftigt: für Disziplinen wie reine Mathematik und Ethik gilt dasselbe. Auch die geometrischen Figuren und Zahlengrößen sind nichts  real Existierendes, sowenig wie die Ideale und Normen, die unserem Wollen vorschweben; denn diese sollen ja erst  verwirklicht werden."

I. Kapitel
Die Aufgaben der Erkenntnistheorie

1. Die Erkenntnistheorie als Teil
der Wissenschaftslehre

Die Erkenntnistheorie bildet zusammen mit der Logik (und Methodenlehre) diejenige philosophische Disziplin, die man passend als  "Wissenschaftslehre"  bezeichnet.

Das Ziel des wissenschaftlichen Denkens ist es, seine Gegenstände durch allgemeingültige Urteile zu bestimmen (1), d. h. sie zu erkennen.

"Allgemeingültig" sind zunächst die "denknotwendigen" Urteile. Dahin gehören vor allem die mathematischen Urteile, wie  2 x 2 = 4;  wir können sie nicht verneinen, ohne in einen Widersinn zu geraten. Allgemeingültig sind aber auch zahlreiche Urteile, deren Inhalt wir ohne Selbstwiderspruch anders denken könnten, die aber durch einfache Wahrnehmung, planmäßige Beobachtung oder geschichtliche Überlieferung sichergestellt sind. Als Beispiele seien Sätze genannt wie folgen: "In dieser Retorte hat sich ein gelblicher Niederschlag gebildet"; "ein Körper, der sich in der Luft fortbewegt, erleidet einen Widerstand, der umso größer ist, je schneller die Bewegung ist";  "Napoleon  hat die Österreicher bei Wagram besiegt". Wir können sie "empirisch-allgemeingültige" nennen.

Zur Terminologie sei hier bemerkt, daß wir den Ausdruck "Satz" im gleichen Sinn wie "Urteil" gebrauchen wollen; denn auch mit letzterem meinen wir sprachlich-formulierte Urteile, und bei "Satz" denken wir nicht an eine sinnlose Zusammenstellung von bloßen Worten, sondern lediglich an den sprachlichen Ausdruck von Gedanken.

"Allgemeingültig" aber will besagen, daß die Urteile, wie wir sie im wissenschaftlichen Denken anstreben und auch vielfach erreichen, nicht die subjektive Meinung oder willkürliche Annahme Einzelner enthalten, sondern daß sie für alle gelten, d. h. daß sie von jedem, der über die nötigen geistigen Fähigkeiten und Kenntnisse verfügt, anerkannt werden müssen.

Wir haben bisher nur solche Sätze berücksichtigt, bei denen wir die Gewißheit haben, daß sie "wahr" sind, d. h. ihrem Gegenstand entsprechen, mit dem objektiven Sachverhalt übereinstimmen; aber oft müssen wir uns mit der bloßen "Wahrscheinlichkeit" begnügen, so etwa bei naturwissenschaftlichen Hypothesen, deren Wahrheit zur Zeit noch nicht durch Beobachtung hinreichend gesichert ist. Aber auch Sätze, in denen wir aufgrund bisheriger Erfahrung künftige voraussagen, sind - streng genommen - nur wahrscheinlich. Auch die wahrscheinlichen Sätze dürfen wir zu den allgemeingültigen rechnen, sofern ihnen nur kein größerer Grad der Sicherheit beigelegt wird, als ihnen zukommt. Die rein subjektive, nicht weiter zu begründende Vermutung, daß ein Urteil wahr ist, verleiht ihm noch nicht den Charakter der Wahrscheinlichkeit; dieser muß sich vielmehr in allgemeingültiger Weise darlegen lassen: eine Berufung auf die eigene gefühlsmäßige Überzeugung leistet dies aber nicht. -

Einzelne zusammenhanglose Urteile, mögen sie auch wahr sein, nennen wir noch nicht Wissenschaft; andererseits rechnen wir zur Wissenschaft nicht nur die von ihr als Ergebnisse gewonnenen allgemeingültigen Urteile (d. h. Erkenntnisse), sondern auch die Untersuchungen, die diesem Ziel zustreben. Wir können also Wissenschaft (mit ERDMANN) definieren als einen wohlgeordneten Inbegriff von zusammenhängenden wahren und (soweit die Bedingungen dazu fehlen) wahrscheinlichen Urteilen über die Gegenstände des Denkens und von Untersuchungen, die zu solchen Urteilen führen.

Während nun die Einzelwissenschaften ihren besonderen Gegenständen zugewandt sind, macht die Wissenschaftslehre sie selbst zum Objekt ihrer Untersuchung. Und zwar betrachtet zunächst die  "Logik das Denken, sofern es allen Einzelwissenschaften gemeinsam ist. Die wichtigsten Fragen, die dabei zur Behandlung kommen, sind folgende: Was ist ein "Urteil"? was ist sein Sinn? unter welchen Bedingungen sind Urteile allgemeingültig? welche Arten von Urteilen gibt es? Weiterhin können die "Begriffe" und "Schlüsse", die allgemeinsten Methoden der Untersuchung (analytisches und synthetisches Verfahren, Abstraktion und Determination, Induktion und Deduktion) und der systematischen Darstellung (Definition, Klassifikation, Beweis) behandelt werden, ohne daß man die Verschiedenheit der Denkgegenstände berücksichtigt. Diese Verschiedenheit bezeichnet man gewöhnlich als eine solche "materialer" Art. Die Logik behandelt also die allgemeinen "Formen", in denen sich das Denken bewegen muß, um allgemeingültig zu sein; sie kann insofern als Wissenschaft von den "formalen" Prinzipien des Denkens (2) bezeichnet werden.

Für das Denken in den Einzelwissenschaften bilden aber nicht nur diese allgemein-logischen Gesetze die Norm, sondern es hat sich auch zu richten nach den verschiedenen Gegenständen, deren Erkenntnis Aufgabe der jeweiligen Untersuchung ist. Insbesondere kommen hier die Arten in Betracht, wie die einzelnen Disziplinen das Gebiet, das sie untersuchen, im Voraus begrenzen, und die wesentlichen Gesichtspunkt und Fragestellungen, die ihre Untersuchungen leiten. Dasselbe Ding, z. B. eine metallene Schale, kann Objekt ganz verschiedener wissenschaftlicher Betrachtungsweisen werden. So kann sie etwa der Physiker als physikalischen Körper von gewisser Schwere und Dichte bestimmen, der Chemiker auf ihre stoffliche Zusammensetzung untersuchen, der Nationalökonom nach ihren Herstellungskosten und ihrem Tauschwert abschätzen und der Kulturhistoriker und der Ästhetiker endlich werden sie wieder von anderen Gesichtspunkten aus betrachten. Mit solchen Gesichtspunkten aber sind gewisse "materiale" Voraussetzungen über die Gegenstände gegeben. Im erwähnten Beispiel müssen Begriffe wie der des  physikalischen Körpers, des chemischen Elements, des wirtschaftlichen und künstlerischen Wertes  schon gebildet sein, um auf das vorliegende Objekt angewandt zu werden. Mit und in solchen Begriffen sind aber gewisse materiale Voraussetzungen über die Gegenstände gegeben, die in den einzelnen Wissenschaften verschieden sind. Sie bilden die materialen Voraussetzungen des Denkens. Die Aufgabe der  "Erkenntnistheorie ist es, diese "materialen" Prinzipien des Erkennens, soweit sie allgemeiner Art sind, zu untersuchen. Auf dem Grund der Logik und Erkenntnistheorie kann sich dann die  "Methodenlehre der einzelnen Wissenschaften erheben. Nicht selten wird sie, mit ihren beiden fundamentalen Disziplinen zusammen, als Logik (im weiteren Sinne) bezeichnet. Wir verwenden das Wort in dieser umfassenderen Bedeutung nicht, sondern gebrauchen dafür den Ausdruck "Wissenschaftslehre".


2. Die Erkenntnistheorie in ihrem Verhältnis
zum wissenschaftlichen und zum
vorwissenschaflichen Erkennen.

Wir haben der Erkenntnistheorie als Untersuchungsobjekt das wissenschaftliche Denken und Erkennen zugesprochen. Damit soll nicht gesagt sein, daß sich nur in der Wissenschaft Erkenntnis vollzieht, und daß die Erkenntnistheorie ausschließlich das wissenschaftliche Denken zu berücksichtigen habe. Auch im täglichen Leben gelangen wir ohne jedes wissenschaftliche Verfahren tausendfach zu Urteilen, die so allgemeingültig sind wie nur irgendein wissenschaftlicher Satz. Daß ich soeben an einem Tisch sitze, daß hier Bücher vor mir liegen, daß die Stadt, in der ich wohne, in Deutschland liegt - das sind alles (empirisch-) allgemeingültige Urteile, von deren Wahrheit ich vollkommene Sicherheit habe. Urteile von gleicher Gültigkeit aber kann jeder stets in fast beliebiger Zahl fällen. Unter Umständen gehört freilich auch zur Vollziehung von Urteilen, die wir nicht zur Wissenschaft rechnen, die aber durchaus durch bedeutsame Bedürfnisse des praktischen Lebens gefordert sind, ein sehr großes Maß an Kenntnissen und Scharfsinn. Man denke z. B. an die Tätigkeit "Untersuchung führender Gerichtsbeamter" (3). Aber wie bei dieser vielfach das wissenschaftlich begründete Urteil des Sachverständigen zur Ergänzung herangezogen werden muß, so ist auch nicht zu verkennen, daß wir uns im praktischen Leben oft mit sehr unbestimmten und unsicheren Urteilen und Kenntnissen ohne inneren Zusammenhang und tiefere Begründung begnügen. Endlich fehlt es nicht an verbreiteten Anschauungen, die die wissenschaftliche Untersuchung als Vorurteile erweist. So zeigt sich das wissenschaftliche Denken und Erkennen im allgemeinen als viel vollkommener als das vorwissenschaftliche. Die Wissenschaft berichtigt und vertieft es, macht das menschliche Wissen umfassender, systematischer und genauer, stellt seine Gründe fest und unterscheidet die Grade seiner Sicherheit.

Es wäre eine interessante Aufgabe, darzulegen, wie sich auf den einzelnen Gebieten das wissenschaftliche Erkennen zum vorwissenschaftlichen verhält. Die Lösung dieser Aufgabe ist freilich dadurch erschwert, daß das vorwissenschaftliche Erkennen nicht so greifbar vorliegt wie das wissenschaftliche, soweit es literarisch fixiert ist. Auch ist die Abgrenzung zwischen beiden deshalb außerordentlich schwierig, weil in einem Kulturvolk das vorwissenschaftliche Erkennen von der Wissenschaft nicht unberührt bleibt, sondern im einzenen durch die Schule und den freien Bildungserwerb in mannigfachster Weise beeinflußt und modifiziert wird. Auch nicht dadurch kann man eine scharfe Scheidung zwischen dem Erkennen der Wissenschaft und dem des Lebens vollziehen, daß man etwa betont: jenes verläuft "diskursiv", dieses "intuitiv". Man versteht dabei unter intuitivem Erkennen ein rasches Überschauen verwickelter Verhältnisse, ein instinktives Herausgreifen des Wesentlichen, eine ohne lange Überlegung eintretende subjektive Gewißheit, daß ein bestimmter Sachverhalt vorliegt. In derartigen Erkenntnisvorgängen werden gewissermaßen in einem kühnen Flug Einsichten vorweggenommen, zu denen das diskursive Denken nur langsam und mühselig, sozusagen Schritt für Schritt gelangt. Aber solche Intuitionen fehlen durchaus nicht im wissenschaftlichen Denken; ohne solche Vorblicke würde es in seinem Weiterschreiten bald erlahmen. Wenn aber hier das diskursive mehr zur Geltung kommt, so ist dies in gewissen Mängeln des intuitiven wohl begründet. Bei ihm leidet unter der Raschheit vielfach die Richtigkeit, sachlich bedeutsame Umstände werden leicht übersehen oder unzureichend gewürdigt, die subjektive Gewißheit aber, die das intuitive Denken meist begleitet, beweist durchaus nicht stets seine objektive Gültigkeit, seine Ergebnisse müssen sich vielmehr erst bei wiederholter Nachprüfung bewähren. Das vorwissenschaftliche Denken freilich begnügt sich vielfach mit solchen Intuitionen, das wissenschaftliche aber sieht darin nur Einfälle, Vermutungen, die sicherlich oft fruchtbar, auch sachlich richtig sein können, die aber jedenfalls einer sorgsamen Kritik bedürfen. So zeigt sich auch hier, daß zwar eine wesentliche Verschiedenheit zwischen vorwissenschaftlichem und wissenschaftlichem Denken nicht besteht, daß aber das letztere als das vollkommenere anzusehen ist.

Dabei soll natürlich nicht geleugnet werden, daß bei den vielen, die an der wissenschaftlichen Forschung teilnehmen, das wissenschaftliche Denken in sehr verschiedenen Graden der Vollendung verwirklicht ist. Aber bei einer summarischen Vergleichung darf es doch wohl höher bewertet werden.

Es bietet schließlich noch den Vorzug, daß wir anhand der wissenschaftlichen, einschließlich der philosophischen Literatur seine Entwicklung durch die Jahrhunderte hindurch überschauen können, und daß es sich vor allem auf naturwissenschaftlichem Gebiet durch sein praktisches Ergebnis: die steigende Naturbeherrschung bewährt hat.

Bei dieser Sachlage ist es also wohlbegründet, wenn die Erkenntnistheorie vorzugsweise das wissenschaftliche Denken und Erkennen zum Gegenstand ihrer Untersuchung macht. Aber da die Wissenschaft allmählich aus den Erkenntnisbedürfnissen und Erkenntnisversuchen des praktischen Lebens herausgewachsen ist und fortdauernd auf dieses zurückwirkt, so wird die Erkenntnistheorie gut tun, diese innigen Zusammenhänge mit dem vorwissenschaftlichen Denken nicht außer acht zu lassen. -

In den seitherigen Darstellungen der Erkenntnistheorie sind diese ihre Beziehungen zu den Wissenschaften und zum Leben nur selten in ihrer vollen Breite zur Anerkennung gekommen. Dadurch ist diese Disziplin in eine gewisse innere Verarmung geraten. Bestimmte Streitfragen, die sich in der Entwicklung der Philosophie stark geltend gemacht haben, wie der Gegensatz von Realismus und Idealismus, von Empirismus und Rationalismus, nehmen fast allen Raum ein. Gewiß sind diese Fragen bedeutsam, aber im Gesamtbereich der Erkenntnistheorie bilden sie eben doch nur Einzelprobleme. Hier sei darum vor allem die Logik WUNDTs genannt als ein Werk, in dem darauf Bedacht genommen ist, den Beziehungen der Erkenntnistheorie zu den Einzelwissenschaften im weitesten Umfang gerecht zu werden. Andererseits hat besonders MÜNSTERBERG das Denken und Erkennen des praktischen Lebens in seinem Verhältnis zu dem Wissenschaft anschaulich zu charakterisieren versucht.

Eine "Einführung" in die Erkenntnistheorie und in die vorhandene erkenntnistheoretische Literatur muß freilich dem Stand dieser Disziplin, wie er sich historisch entwickelt hat, Rechnung tragen und darum den Fragen, die in ihr seither im Vordergrund gestanden haben, besondere Beachtung schenken. Auch verbietet schon der knappe uns zu Gebote stehende Raum, auf die Methodenlehre der Einzelwissenschaften einzugehen, aber ein Überblick über die wichtigsten Disziplinen und ihre leitenden Gedanken soll wenigstens eine Anschauung erwecken von der Fülle der Probleme, die hier der Erkenntnistheorie erwachsen.


II. Kapitel
Die Wahrheitsfähigkeit des Denkens

1. Dogmatismus, Skeptizismus, Kritizismus.

Die allgemeinste Voraussetzung des wissenschaftlichen wie des vorwissenschaftlichen Denkens ist die, daß wir überhaupt Gegenstände erkennen können. Das durch keinen Zweifel erschütterte Vertrauen auf die Wahrheitsfähigkeit des Denkens nennt man  "Dogmatismus".  Ihm gilt es als selbstverständlich, daß schlechterdings alles und jedes gedacht und erkannt werden kann. Die Gültigkeit dieser Voraussetzung bestreitet der  "Skeptizismus".  In seiner radikalsten und insofern reinsten Form würde er besagen: Erkenntnis, d. h. Gewinnung allgemeingültiger Urteile über irgendwelche Objekte, ist überhaupt unmöglich. Aber dieses Urteil hebt sich selbst auf. Denn es selbst soll doch ein allgemeingültiges Urteil darstellen; es behauptet also implizit die Möglichkeit der Erkenntnis. Daß aber menschliche Erkenntnis nicht bloß möglich, sondern  wirklich  ist, zeigen Wissenschaft und Leben. Gleichwohl beruth der Skeptizismus nicht lediglich auf einem müßigen Einfall. Die Erfahrung, daß menschliches Erkenntnisstreben vielfach in Irrtümer gerät oder sich vor Probleme gestellt sieht, die es nicht zu lösen vermag, treibt ihn immer wieder hervor. Er bleibt freilich solange unfruchtbar, als er sich begnügt, in radikaler Weise überhaupt alles Wissen zu bestreiten oder zu bezweifeln. Er wird aber dem Erkenntnistrieb selbst dienstbar, sobald er dazu übergeht, seine Bedenken näher zu formulieren und zu begründen. Er trägt dann dazu bei, das eigentliche Wesen des menschlichen Erkennens, seine Grenzen und Quellen und die Grade seiner Sicherheit näher zu erfassen.

Der Skeptizismus ist damit zum  "Kritizismus"  geworden, jener Denkrichtung, die in der Geschichte der Philosophie an KANT (1724-1804) ihren klassischen Vertreter gefunden hat. Sie hat mit dem Dogmatismus das Vertrauen auf die Erkenntnisfähigkeit des Denkens gemein, ist aber bestrebt, über die Gründe und die Tragweite dieses Vertrauens zur Klarheit zu kommen. Der Kritizismus sucht also das Berechtigte jener beiden einseitigen Richtungen zu vereinigen.

Wie sich aber Dogmatismus, Skeptizismus und Kritizismus in der Entwicklung der Philosophie geltend gemacht haben, so sind sie in der Regel auf für den einzelnen, der aus einem inneren Trieb zum Philosophieren gelangt, unentbehrliche Entwicklungsstufen. Er beginnt mit jenem dogmatischen Verhalten, das unmittelbar die Gegenstände zu ergreifen meint, und dem schon deshalb die Erkenntnis noch kein Problem sein kann, weil sie ihm als solche überhaupt nicht zu Bewußtsein kommt.  Nur  die Gegenstände sind ihm bewußt, oder richtiger, sie sind einfach für ihn  da,  aber noch nicht das Erkennen als  Beziehung  zwischen Ich und Gegenständen.

Dann kommen aber Zweifel - zuerst wohl meist auf religiösem Gebiet. Sie führen leicht zum Nachdenken über das menschliche Erkennen überhaupt. Vieles, was bisher ganz selbstverständlich schien, stellt sich jetzt als rätselhaft oder als irrig heraus. Das Erkennen selbst, je mehr man sich darin vertieft, erscheint als ein ganz unbegreiflicher, wunderbarer Vorgang. Immer neue Probleme drängen sich herbei; die philosophische Literatur, an die man sich hilfesuchend wendet, bietet einen unübersehbaren Wirrwarr von widerstreitenden Ansichten und eine geradezu babylonische Sprachverwirrung, indem mit denselben Worten ganz verschiedene Begriffe verbunden werden. So kann es kommen, daß im suchenden und forschenden Menschen allmählich eine müde Verzweiflung an allem Erkennen Platz greift; womit wohl vereinbar ist, daß er in das frühere dogmatische Verhalten zurücksinkt, soweit das praktische Leben oder die Arbeit in den Einzelwissenschaften dies nahe legen. So ist es für den Einzelnen oft recht schwer, den Weg zu einem gesunden "kritischen" Verhalten zu finden. Und doch wird dieses allein als die richtige innere Verfassung zum eigenen philosophischen Nachdenken angesehen werden müssen.


2. Pragmatismus

In moderner Verkleidung ist der Skeptizismus neuerdings wieder hervorgetreten im sogenannten  "Pragmatismus." (4) Es ist dies eine erkenntnistheoretische Richtung, die, von Amerika ausgehend, sich in England verbreitet hat und auch auf dem europäischen Festland Einfluß gewinnt, weil sie allenthalben verwandte Ansichten und - Stimmungen antrifft. Der Name ist vom Amerikaner  WILLIAM JAMES der als Psychologe großes Ansehen genießt, geprägt worden. Der Pragmatismus lehrt: "wahr" bedeutet nichts anderes als "wirksam", "lebensfördernd", als wertvoll (im biologischen Sinne) für unser Handeln. Als wahr bezeichnen wir solche Urteile, die uns zu nützlichem Handeln veranlassen und insofern "Befriedigung gewähren". Es gibt soviele verschiedene "Wahrheiten", als es verschiedene Organisationen von Lebewesen mit verschiedenen Bedürfnissen gibt. Was für ein Insekt wahr ist, ist es nicht für den Adler; denn Vorstellungen, aufgrund deren jenes zweckmäßig handelt, können diesen zu verderblichen Handlungen bringen. Auch wir Menschen haben für die Wahrheit unserer Auffassungen vom Seienden kein anderes Kriterium als daß die daraufhin vorgenommenen Handlungen erwünschte Folgen ergeben. Alles Wissen ist nur eine Zurechtlegung unserer Erlebnisse entsprechend unseren wechselnden Zwecken; wissenschaftliche Theorien sind keine Antworten auf Fragen, sondern Werkzeuge für eine weitere Tätigkeit. -

Es genügt aber, an beliebigen konkreten Beispielen eine Reflexion über den Inhalt der beiden Begriffe "wahr" und "lebensfördernd" anzustellen, um zu erkennen, daß beide einen ganz verschiedenen Sinn haben. Ebensogut könnte man behaupten: "angenehm" bedeute dasselbe wie "sittlich gut", oder "Mittel" sei identisch mit "Zweck". Ferner zeigt die Erfahrung, daß Sätze wahr, und ihre Kenntnis für gewisse Menschen doch schädich oder zumindest ganz indifferenz sein kann. Gäbe es schließlich so viel verschiedene Wahrheiten als verschiedene Organisationen, so könnten einander widersprechende Sätze über denselben Gegenstand (wenn sie eben verschiedenen Gehirnen angepaßt wären) in gleicher Weise wahr sein. Daß dies aber unmöglich ist, ist uns in unmittelbar evidenter Weise gewiß.

Mit Rücksicht auf solche naheliegenden Einwände vertreten manche den "Pragmatismus" in einer etwas anderen Fassung. Sie geben zu: heute mögen die Begriffe "wahr" und "lebensfördernd" verschieden sein, aber sie halten daran fest: der Begriff des Wahren habe sich aus dem zweiten Begriff erst entwickelt. Nur diejenigen Gehirnvorgänge - so begründet man diese Ansicht evolutionistisch - mit den ihnen entsprechenden Auffassungen konnten sich entwickeln, die biologisch den Menschen nützlich waren. Somit ist alles, was wir als "Wahrheit" bewerten, nur ein Auslese-Ergebnis der Menschheitsentwicklung.

Diese evolutionistische Betrachtungsweise erklärt nur das eine nicht, wie es überhaupt zu einer doppelten Begriffsbildung ("wahr" und "falsch" neben "nützlich" und "schädlich") kommen konnte. Jedenfalls ist im ersten Begriffspaar etwas anderes gemeint als im zweiten, und wenn jenes aus diesem hervorgegangen sein sollte, so wäre dies eine höchst seltsame  generatio aequivoca [Urzeugung organischer aus anorganischen Stoffen - wp]. Und wollten wir selbst diese annehmen, so würden wir dadurch doch nicht unseren Wahrheitsbegriff in dem Sinne, den er nun einmal tatsächlich hat, tiefer erfassen. Übrigens setzen alle diese biologischen Betrachtungen den uns geläufigen Wahrheitsbegriff voraus; sie erheben ja doch den Anspruch, den wirklichen Verlauf der Entwicklung wiederzugeben, und keiner, der sie für zutreffend hält, wird einräumen, daß die entgegengesetzte Ansicht geradeso wahr sein könnte.

Eine sinnvolle und berechtigte Frage bleibt nun freilich die, ob das menschliche Streben nach Wahrheitserkenntnis in seiner Entwicklung durch seine biologische Nützlichkeit begünstigt worden ist; ob es also für die Menschheit lebensfördernd war, Wahrheit zu suchen und auch in steigendem Maß zu erreichen. Gegen diese Problemstellung ist nichts einzuwenden, weil hierbei die Verschiedenheit der Begriffe "wahr" und "biologisch nützlich" von vornherein anerkannt ist. Die Frage selbst aber darf wohl dahin beantwortet werden, daß die Wahrheitserkenntnis in der Regel zweckmäßiges Handeln ermöglicht und sich so als lebensfördernd erweist. Aber freilich ist das nur die Regel, und sie gilt nur, soweit die Erfahrung sie bestätigt. Selbstverständlich ist das keineswegs, wie man vielfach in gedankenloser Weise annimmt. Und nicht ganz unbegründet ist darum *NIETZSCHEs paradoxes Wort:
    "Die Falschheit eines Urteils ist uns noch kein Einwand gegen ein Urteil. Die Frage ist, wieweit es lebensfördernd, lebenerhaltend, Art-erhaltend, vielleicht gar Art-züchtend ist; und wir sind grundsätzlich geneigt, zu behaupten, daß die falschesten Urteile ... und die unentbehrlichsten sind ..., daß Verzichtleisten auf solche Urteile ein Verzichten auf Leben, eine Verneinung des Lebens wäre." (5)
Vielleicht kommen nirgends dem Pragmatismus so viele verwandte Anschauungen entgegen wie auf dem Gebiet der Religion. Nach pragmatischen Grundsätzen ist die Hypothese von Gott wahr, wenn sie im weitesten Sinn befriedigend wirkt. Gedanken, die mit diesem Satz von JAMES im Wesentlichen übereinstimmen, begegnen vielfach in der neueren protestantischen Literatur.

Die Nützlichkeit für das Handeln als Wahrheitskriterium: diese Behauptung ist es nicht allein, die den "Pragmatismus" charakterisiert und seinen Namen als sachgemäß erscheinen läßt: die Wahrheit selbst wird auch als  Handlung  gefaßt, nämlich als "allgemeiner Name für Verifikationsprozesse", für die Handlungen also, durch die wir Wahrheit finden und uns ihrer vergewissern. Diese Seite des "Pragmatismus" wird uns aber nach den Ausführungen des 4. Abschnitts dieses Kapitels leichter verständlich sein; wir werden darum dort auf sie zurückkommen.


3. Die Auffassung der Wissenschaft als
denkökonomische Leistung

Noch ein weiteres angebliches Wahrheitskriterium ist hier zu erwähnen, das gleichfalls geeignet ist, den Wahrheitsbegriff zu trüben. Es findet sich in der von HERBERT SPENCER (1820-1903), RICHARD AVENARIUS (1843-1896), ERNST MACH (6) und anderen vertretenen "ökonomischen" Definition der Wissenschaft. Auch hier wird wie bei Pragmatismus der Prozeß der Bildung von Vorstellungen, Begriffen, Urteilen usw. unter einem biologischen Gesichtspunkt betrachtet; er wird als Teilprozeß in der Anpassung eines Lebewesens an seine Umgebung aufgefaßt. Aufgabe der Wissenschaft ist es danach nicht, eine objektive Wahrheit festzustellen - eine solche gibt es nicht -, sondern die zweckmäßigste, d. h. zu unserer Orientierung tauglichste begriffliche Beschreibung von Tatsachen zu liefern. Die Wissenschaft ist eine möglichst kraftersparende und insofern ökonomische Anpassung der Gedanken an die verschiedenen Erscheinungsgebiete; der Wert der Begriffe, Formeln, Methoden, Theorien besteht lediglich in dieser ihrer denkökonomischen Leistung. Zweckmäßigkeit, Kraftersparnis, Denkökonomie ist so das Kennzeichen der Gültigkeit von Urteilen.

Nun ist es nicht zu bestreiten, daß die Wissenschaft durch ihre Begriffsbildung und durch die Auffindung von Gesetzen uns den Überblick über die Mannigfaltigkeit der Tatsachen erleichtert und so kraftersparend wirkt; wie sie auch dasselbe tut, wenn sie die Naturkräfte in unseren Dienst stellt. Auch für das Verständnis wissenschaftlicher Methoden und Hilfsmittel aller Art ist die Frage, inwieweit sie kraftersparend wirken und so ökonomischer Natur sind, sehr fruchtbar. Vielfach verdankt die Wissenschaft ihre Entwicklung, Verfahrensweisen, die die Unvollkommenheit der geistigen Konstitution überwinden und durch die schwierige Denkoperationen sozusagen mechanisch vollzogen werden können. Man denke nur an die Hilfe, die die Ziffern, Buchstaben und Formeln in der Mathematik leisten; ebenso lassen sich Bibliotheken, Lexika, Logarithmentafeln, Tabellen aller Art, auch die Arbeitsteilung im Betrieb der Wissenschaften u. a. unter einem denkökonomischen Gesichtspunkt würdigen.

Aber all dies bleibt bedeutungslos, wo es sich um die Frage der Gültigkeit von Urteilen handelt. Bei all dem kann es sich nämlich nur darum handeln, mit möglichst geringem Aufwand von Kräften zu gültigen Urteilen zu gelangen; niemals ist jedoch ein Urteil oder eine Theorie deshalb gültig, weil sie kraftersparend wirkt, oder weil es am bequemsten ist, sich den Sachverhalt so zurechtzulegen. Wären denn damit die Rätsel, die er uns etwa aufgibt, gelöst?

Man kann also einen denkökonomischen Wert der Wissenschaft im weiten Umfang anerkennen, man wird es aber ablehnen müssen, das eigentliche Ziel der Wissenschaft oder das Kriterium der Wahrheit in so einer ökonomischen Leistung zu sehen; man würde sonst (wie es auch der "Pragmatismus" tut) eine Wirkung der Wahrheitserkenntnis für diese selbst halten.


4. Der gegenständliche Charakter
des Denkens
(7)

Das dogmatische Vertrauen auf das Denken wie die skeptischen Versuche, seine Erkenntnisfähigkeit zu bestreiten oder dem Wahrheitsbegriff seinen eigentlichen Sinn zu rauben, lassen sich in Beziehung setzen zu den beiden Seiten, die das Denken der Betrachtung darbietet. Es ist einerseits ganz auf seine Gegenstände gerichtet: nicht unser Denken kommt und bei unserem gewöhnlichen Verhalten zu Bewußtsein, sondern das, was wir denken, d. h. eben der Gegenstand (im weitesten Sinne). Hier hat der Dogmatismus seine Wurzel. Er beherrscht den einzelnen umso sicherer, je weniger dieser noch seines Denkens selbst inne geworden und darüber zu reflektieren begonnen hat.

Andererseits ist aber doch offenbar das Denken ein Erlebnis des Subjekts wie Fühlen und Wollen und hieraus entnimmt der Skeptizismus sein gewichtigstes Argument. Das Denken ist, so erklärt er, als subjektiver Vorgang von den Beschaffenheiten und Zuständen der erkennenden Subjekte abhängig; ihre individuellen Verschiedenheiten und Unvollkommenheiten müssen sich also in ihm geltend machen.

Gewiß ist in diesem Bedenken viel Berechtigtes: Sinnestäuschungen und Irrtümer, Ungenauigkeiten der Wahrnehmung und der Erinnerung, schwer auszurottende Vorurteile und eine einseitige Auffassung zeigen zur Genüge, wie viele subjektive Trübungen das Denken erleidet. Wenn aber die meisten Menschen trotz all dem den Gedanken einer allgemeingültigen Wahrheit festhalten, so dürfte das doch in der Natur des Denkens besser begründet sein, als der skeptische Verzicht auf Wahrheit.

Über der Betonung der Zugehörigkeit des Denkens zu den Bewußtseinsvorgängen der Subjekte darf nämlich nicht sein gegenständlicher Charakter übersehen werden. Das Denken ist kein rein subjektiver Vorgang in dem Sinne, daß er uns lediglich als Zustand unseres Ich (wie irgendeine Stimmung) oder als eine Folge solcher Innenzustände gilt. Die Eigenart des Denkens besteht vielmehr darin, daß es auf Gegenstände gerichtet ist. Das Denken "meint" stets Objekte irgendwelcher Art, physische oder psychische, wirkliche oder bloß gedachte; Dinge oder Eigenschaften und Zustände, Vorgänge oder Verhältnisse usw. Es will diese Objekte erfassen, sei sich geistig aneignen, und zwar in aller Treue, ohne sie zu ändern. Oder - vom Standpunkt der Gegenstände aus betrachtet - es sucht den Forderungen der Gegenstände zu genügen, die Objekte so aufzufassen, wie sie sind.

Hier erhebt sich freilich ein schwerwiegender Einwand: Wie ist es möglich, daß das Denken sozusagen über das Bewußtsein hinausgreift und Gegenstände, die außerhalb der Bewußtseinssphäre existieren sollen, erfaßt? Dieser Einwand soll uns später eingehend beschäftigen. Er trifft in seiner vollen Schwere nämlich nicht alles Denken, sondern nur dasjenige, das sich auf Gegenstände bezieht, die unabhängig vom Bewußtsein vorhanden sein sollen, also das Denken, wie es in den sogenannten Realwissenschaften vorliegt. Für jetzt können wir es aber vorläufig ganz dahingestellt sein lassen, ob es berechtigt ist, von Denkobjekten zu reden, die unabhängig vom Denken und insofern "außerhalb" des Bewußtseins existieren. Auch wenn wir diese Frage zunächst unerledigt lassen, so darf doch mit gutem Grund dem Denken ein "gegenständlicher" Charakter zugesprochen werden. In allen Fällen hat nämlich das Denken infolge seiner Richtung, seiner Intention auf Gegenstände einen "Inhalt". Denn es muß uns ja im Denkakt bewußt sein, auf welche Gegenstände wir gerichtet sind, un in welchem Sinn wir sie meinen. Es ist ein Unterschied, ob ich an den Mond oder an die Tiefseeflora denke, und ob ich jenen als Himmelskörper der Astronomen oder als Freund der Dichter und Liebenden meine. In diesen "Denkinhalt" geht aber das individuell-augenblickliche Denkerlebnis, in dem er gedacht wird,  nicht  ein; kein Denkerlebnis hat sich selbst zum Inhalt oder Gegenstand; es gehört auch nicht zu den Bestandteilen eines Denkinhalts, daß ihn das Individuum  A  oder  B  gerade in diesem oder jenem Zeitpunt denkt. Eben darum kann der Inhalt (mit Hilfe seiner sprachlichen Formulierung) von den Denkerlebnissen des Individuums losgelöst und für sich betrachtet werden. Im Denken liegt der Anspruch, den Inhalt als "objektiv" zu setzen, d. h. als geltend nicht bloß für dieses oder jenes Einzelbewußtsein, sondern als geltend schlechthin; man darf sagen: sogar die Beziehung auf irgendein beliebiges Bewußtsein (ein "Bewußtsein überhaupt", wie man das genannt hat) kann fehlen. Denn der Denkinhalt soll für die Sache selbst, d. h.  objektiv  gelten; womit gegeben ist, daß er für alle gelten, also allgemeingültig sein soll.

Damit wird noch ein Weiteres verständlich: Von den Denk erlebnissen  desselben Subjekts oder mehrerer Subjekte kann man nie mit Recht behaupten, sie seien "identisch"; ja nicht einmal völlige Gleichheit wird man an ihnen konstatieren können. Dagegen kann man von den Denk inhalten,  sofern in ihnen eine und derselbe Gegenstand in demselben Sinn gemeint ist, sagen: sie sind als Teilstücke verschiedener Denkerlebnisse "gleich". Ja, wenn man solche Inhalte aus den Denkerlebnissen der Individuen herauslöst, so darf man behaupten, es handelt sich um "denselben" Denkinhalt. So können viele Individuen "denselben" Satz verstehend auffassen oder "dasselbe" Urteil fällen, und dabei können ihre Denkerlebnisse (in ihrer Totalität) beträchtliche Verschiedenheiten aufweisen an begleitenden anschaulichen Sachvorstellungen, innerlich gesprochenen Worten oder bloßen Wortvorstellungen, Gefühls- und Willensregungen.

Dieser "gegenständliche" Charakter des Denkens ermöglich zugleich, daß es außer von der Psychologie auch von der Logik zum Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchung gemacht wird.

Die Psychologie behandelt die Denkerlebnisse in ihrem gesamten Bestand, sie beschränkt sich also nicht auf den eigentlichen "Inhalt" des Denkens. Sie betrachtet es zugleich in seinem Verflochtensein in das gesamte seelische Getriebe des Individuums, sie sieht es als zeitlich verlaufenden, realen und kausal bedingten Vorgang an.

Die Logik will kein reales Denkgeschehen kausal und genetisch erklären, sondern feststellen, unter welchen Bedingungen Gedanken und ihre Verknüpfungen gültig sind. Sie gelangt dadurch zu Normen für das Denken. Die logische Betrachtung richtet sich lediglich auf Denkinhalte. Sie sind für sie gleichsam losgelöst von denkenden Individuen vorhanden. Solche Denkinhalte (Begriffe, Urteile, Schlüsse) sind in ihr ganz zeitlose, ideale Gebilde; ihr Zusammenhang ist nicht der kausale des realen Denkgeschehens, sondern ein rein inhaltlicher, etwa der von Grund und Folge, von Satz und Gegensatz usw. Die zwei Prämissen z. B. enthalten den logischen Grund für den Schlußsatz; sie lassen diesen aber nicht als wirkende Ursachen ins Dasein treten.

Ähnlich wie bei der logischen Betrachtung sind wir schon im täglichen Verkehr und bei der Lektüre in der Regel lediglich auf den Inhalt von Gedanken gerichtet, unter Absehen von den Denkerlebnissen der Individuen. Freilich werden wir dabei in der Regel nicht auch von dem Umstand abstrahieren, daß diese Inhalte wirklich gedacht wurden, wie das die Logik tut. Schließlich können wir vom Gedankeninhalt ganzer Bücher und wissenschaftlicher Disziplinen reden, ohne die Individuen zu berücksichtigen, durch deren Denkakte jene Inhalte produziert wurden.

Da der Denkinhalt nichts weiter sein soll als die Erfassung des Gegenstandes, da er gewissermaßen der Gegenstand selbst ist, wie er für das Subjekt da ist, so ist es oft schwer, Inhalt und Gegenstand auseinanderzuhalten, oder es kann leicht als überflüssig erscheinen, diese Unterscheidung zu vollziehen. Tatsächlich aber ist sie für viele erkenntnistheoretische Betrachtungen von größter Wichtigkeit. Aber auch schon dem vorwissenschaftlichen Denken drängt sie sich als zweckmäßig und sachgemäß auf. Im mündlichen und schriftlichen Verkehr z. B. vermitteln die Menschen einander Denkinhalte, insofern der Hörende und Lesende in die Lage versetzt wird, Inhalte, die ein anderer vorher gedacht hat, nachzuerzeugen. Aber die gemeinten Gegenstände brauchen von diesem Gedankenaustausch gar nicht berührt zu werden. Oder wenn etwa ein bestimmtes politisches oder Naturereignis das Denken von Millionen beschäftigt, so ist der Gegenstand ein und derselbe, die Denkinhalte aber sind so zahlreich wie die Denkerlebnisse der Individuen und sie werden große Verschiedenheiten aufweisen.

Bemerkenswert ist auch, daß wir unter den Gegenständen des Denkens nicht bloß "wirkliche", d. h. unabhängig von ihrem Gedachtsein existierende verstehen.

Für das Denken des Logikers z. B. gilt ja dasselbe wie für das Denken überhaupt, daß es nämlich auf Gegenstände gerichtet ist. Seine Gegenstände aber bilden, wie wir soeben sahen, Denkinhalte, von deren wirklichem Vorkommen ganz abgesehen wird. Sie werden also nicht als real existierende, sondern als "ideale" (d. h. bloß gedachte) Gebilde gefaßt. Und zwar denkt sie der Logiker, um an ihnen festzustellen, wie man denken  muß,  um widerspruchslos zu denken.

Da liegt nun der Einwand nahe, daß doch sicherlich  hier  die Scheidung von Inhalt und Gegenstand undurchführbar ist, weil ja der Gegenstand gar nicht außerhalb des Denkens existiert. Allein auch hier ist es geboten, die Unterscheidung zu vollziehen. Die Denk"inhalte" des nachsinnenden Logikers sind Bestandteile seiner psychischen Erlebnisse und insofern psychisch wirklich, die von ihm gemeinten "Gegenstände" aber, die Begriffe, Urteile, Schlüsse etwa, die er betrachtet, sollen ja gerade nichts Wirkliches sein. Wenn man gelegentlich auch ihnen eine "Unabhängigkeit" vom individuellen Denken und insofern ein "Sein" zuschreibt, so hat das darin seinen Grund, daß wir uns genötigt sehen, sie in "bestimmter" Weise, also unabhängig von einem individuellen Belieben zu denken. Jedenfalls aber muß das ihnen zugeschriebene "Sein" als "ideales" vom "wirklichen" oder "realen" sein (dem "Dasein") unterschieden werden.

Auch bei solchen idealen Gegenständen ist es möglich, daß zahlreiche Denkerlebnisse, deren jedes seinen besonderen Inhalt hat, auf "dasselbe" Objekt gerichtet sind. Das ist z. B. der Fall, wenn sich mehrere über ein logisches Problem, etwa den Sinn des Urteils, unterhalten.

Die Logik ist es aber nicht allein, die sich mit solchen idealen Gegenständen beschäftigt: für Disziplinen wie reine Mathematik und Ethik gilt dasselbe. Auch die geometrischen Figuren und Zahlengrößen sind nichts  real  Existierendes, sowenig wie die Ideale und Normen, die unserem Wollen vorschweben; denn diese sollen ja erst "verwirklicht" werden - wofür freilich die wirklichen Denkerlebnisse, die diese Ideale und Normen zum Gegenstand haben, von größter Bedeutung sind.

So erweist sich also auch in den sogenannten Idealwissenschaften die Scheidung von "Inhalt" und "Gegenstand" als notwendig; auch in ihnen zeigt das Denken seinen "gegenständlichen" Charakter.

Mit all dem soll natürlich nicht gesagt sein, daß das Denken infolge dieses gegenständlichen Charakters stets ein den logischen Normen und den gemeinten Gegenständen entsprechendes, also ein wirklich "allgemeingültiges" oder "objektives" ist. Nur das sollte gezeigt werden: sieht man mit dem Skeptizismus im Denken lediglich subjektive Vorgänge, lediglich Geschehnisse im Bewußtseinsleben von Individuen, so verkennt man das eigentliche Wesen und den Sinn des Denkens. -

Man hat jene einseitige Auffassungsweise des Denkens, die in ihm lediglich individuelle Bewußtseinsvorgänge, psychische Prozesse zu erblicken vermag, als "Psychologismus" bezeichnet. Er beruth auf der Unfähigkeit, neben der psychologischen Betrachtungsart des Denkens sich in die inhaltlich-logische hineinzuversetzen und sie in ihrer wahren Bedeutung zu würdigen.

Die Verwandtschaft des "Pragmatismus" mit dem "Skeptizismus" zeigt sich auch darin, daß beide im "Psychologismus" stecken bleiben. Die Wahrheit ist nach JAMES keine "statische" Beziehung, sie ist "ein Geschehen, ein Vorgang, und zwar der Vorgang der Selbstbewahrheitung einer Vorstellung, ihre Verifikation." "In den Zwischenzeiten aber, wo sich kein Verifikationsprozeß vollzieht, wir die Wahrheit zu einer bloßen Disposition unserer Vorstellungen und Überzeugungen."

Aber das Denken als zeitlich verfließender "Prozeß" bildet lediglich das Objekt der Psychologie. Jeder Denk"vorgang" ist dabei, wie er ist; etwas rein Tatsächliches, aber nicht "wahr" oder "falsch". Diese Prädikate werden nur in der logischen Betrachtung den Denkinhalten, genauer: Urteilen (Sätzen) beigelegt, die wir dabei ganz losgelöst vom realen Denkgeschehen ins Auge fassen. Die Wahrheit solcher Denkinhalte kann in der Tat als eine "statische" Beziehung bezeichnet werden, nämlich als die der Geltung für die in ihnen gemeinten Gegenstände. Etwas anderes aber als ein wahrer Satz ist das Auffinden eines solchen Satzes und die Erhärtung seiner Gültigkeit, seine Verifikation. Übrigens kann die letztere sowohl psychologisch wie auch logisch gefaßt werden. Im ersteren Fall sind darunter die individuellen Denprozesse zu verstehen, die das Subjekt dazu führen, einen Urteilsakt als wahren zu erleben, im zweiten der Inbegriff von Sätzen, bzw. Wahrnehmungstatsachen, auf dem die Geltung eines Satzes ruht. Alle diese Begriffe gehen aber bei den Pragmatisten durcheinander, und ihren Höhepunkt erreicht diese Verwirrung, wenn schließlich die Wahrheit als eine "Disposition" bezeichnet wird, ganz in der Art, wie der Psychologe von "Dispositonen" redet, womit er die bleibenden "Spuren" benennt, die uns das Wiederauftauchen einer Vorstellung verständlich machen sollen.


5. Das Denken in den
Wertwissenschaften

Gegenstände des Denkens können auch Werte sein. Es soll dies hervorgehoben werden, weil man bei dem Ausdruck "Gegenstand" in der Regel nur an seiende oder gar nur an real existierende Gegenstände denkt. Den Wertwissenschaften gegenüber hat die Erkenntnistheorie eine analoge Stellung wie gegenüber den Wissenschaften vom Seienden. Auch diese Disziplinen streben nach allgemeingültigen Urteilen, freilich nicht solchen über das Seiende und seine Beschaffenheit (Seinsurteile), sondern über Werte (Werturteile). Auch ihnen gegenüber kann jene dreifache Verhaltensweise Platz greifen, die wir gegenüber den Seinsurteilen kennengelernt haben: die dogmatische, skeptische und kritische. Auch hier ist das dogmatische Verhalten das ursprüngliche; die meisten Menschen kommen wohl zeitlebens nie über es hinaus. Sie fällen also Urteile über Werte in der naiv-sicheren Überzeugung ihrer allgemeinen Geltung. Werturteil teilen aber mit den Seinsurteilen den von uns als "gegenständlich" bezeichneten Charakter. Wie dort der Urteilsinhalt von einem individuell-augenblicklichen Urteilserlebnis abgelöst werden kann, so auch hier; und dabei wird der Wert dem Gegenstand zu- oder abgesprochen wie irgendeine Eigenschaft. Darauf beruth es, daß der naiv-dogmatisch Urteilende die Beziehung, die alles Bewerten zu einem Fühlen und Wollen hat, gewöhnlich ganz übersieht. Ebenso wie beim Wahrnehmen und Denken lediglich die Gegenstände für ihn da sind, un er darüber das Wahrnehmen und Denken selbst gar nicht merkt, so meint er hier objektiv geltende Werte und Unwerte sich gegenüber zu haben und einfach vorzufinden, und es kommt ihm nicht die eigene seelische Funktion zum Bewußtsein, die den Objekten erst diesen Wertcharakter verleiht.

Nun zeigt aber die tägliche Erfahrung, daß sich die Menschen im Inhalt ihrer Werturteile viel mehr unterscheiden als in dem der Seinsurteile. Diese Erkenntnis mag auch hier gelegentlich einen Skeptizismus zur Folge haben, aber meist ist das kein allgemeiner und durchgreifender; auf einzelnen Wertgebieten zumindest pflegt sich die dogmatische Sicherheit mit größter Zähigkeit zu behaupten. Daß über den Wohlgeschmack von Speisen und Getränken und die Annehmlichkeit von Parfüms keine streng allgemeingültigen Werturteile abgegeben werden können, wird verhältnismäßig bereitwillig zugestanden. Erheblich anders steht es schon auf den weiten Gebiet der wirtschaftlichen Werte. Daß die Dinge hier einen - wenn auch vielfach schwankenden - Preis haben, das scheint doch dafür zu sprechen, daß ihnen ein objektiver Wert unabhängig von den individuen zukommt, der sich hier sogar mittels des gemeinsamen Wertmaßstabes, des Geldes, genau bestimmen läßt. Daß ferner Gesundheit, Kraft und Schönheit, Reichtum, Ansehen und Macht Werte sind - von wie wenigen wird das jemals ernsthaft in Zweifel gezogen? Am unzugänglichsten aber pflegt dem Skeptizismus das sittliche Gebiet zu sein. Gewisse Handlungsweisen gelten hier als in sich gut, andere als schlecht; und selbst die Kritik KANTs zweifelte zumindest nicht den Satz an, daß der "gute Wille" den obersten Wert darstellt.

Es ist aber unverkennbar, daß der Skeptizismus auf dem Gebiet der Werte viel mehr zu seinen Gunsten geltend machen kann als hinsichtlich der Seinsurteile. Während dort die radikale Bestreitung jeglicher Wahrheitserkenntnis an ihrem Selbstwiderspruch zusammenbrach, ist der Satz, daß es keine allgemeingültigen Werturteile, und insofern keine objektiven Werte gibt, durchaus nicht insich widerspruchsvoll (8) Die tatsächliche Entwicklung der Wissennschaften vom Seienden zeigt auch, daß zahlreiche Seinsurteile, die im praktischen Leben gefällt werden, der kritischen Prüfung standhalten, und daß unsere Erkenntnis vom Seienden in einem steten Fortschritt begriffen ist. Die faktische Übereinstimmung des praktischen Lebens in gewissen Klassen von Werturteilen hat dagegen bis jetzt noch keine ähnliche Rechtfertigung und tiefere Begründung durch die Wertwissenschaften gefunden; diese stehen noch durchaus in den Anfängen ihrer Entwicklung.

Hier muß freilich beachtet werden, daß in einem zweifachen Sinn von Werturteilen und dementsprechend auch von ihrer Gültigkeit die Rede sein kann: "eigentliche" Werturteile möchte ich dabei diejenigen nennen, in denen wir Objekten überhaupt einen Wert beilegen, in denen sich ihr Wert für uns konstituiert; "uneigentliche" dagegen solche, in denen wir Wertrelationen as existierend konstatieren, in denen wir also aussagen, daß zwischen dem Gefühl oder Begehren (auch den Gefühls- oder Begehrungsdispositionen) von Individuen und gewissen Objekten eine Beziehung besteht, die primäre Werturteile bedingt. Hier wird also lediglich zwischen Subjekt und Objekt aufgrund ihrer Beschaffenheit eine Relation als (tatsächlich oder möglicherweise) existierend festgestellt. Diese "uneigentlichen" Werturteile können darum auch zugleich als Seinsurteile bezeichnet werden, und ihre Allgemeingültigkeit unterliegt keinen anderen Bedingungen als die von Seinsurteilen überhaupt. Dasselbe gilt, was hier beiläufig erwähnt sei, für Urteile, in denen "wertvoll" soviel wie "nützlich" oder "tauglich" zu irgendeinem Zweck bedeutet. In solchen Urteilen (die übrigens auch als "sekundäre" Werturteile bezeichnet werden) wird lediglich der Gegenstand als Mittel zu gewissen Zwecken, d. h. als in einer Finalrelation stehend gedacht; sie sind offenbar Seinsurteile.

Anders die eigentlichen Werturteile! In ihnen legt man Gegenständen irgendwelcher Art einen Wert bei, ohne an das Subjekt oder die zwischen ihm und den Objekten bestehende Beziehung irgendwie zu denken. Wenn ich Wein schlürfend urteile "- gut!" oder "- ein köstlicher Wein!"; wenn ich beim Anblick eines Gemäldes ausrufe: "- ein herrliches Kunstwerk!", so fälle ich eigentliche Werturteile. In ihnen werden augenscheinlich die Wertprädikate den Objekten schlechthin beigelegt als etwas ihnen selbst Anhaftendes; womit ohne weiteres der Anspruch gegeben ist, daß diese Urteile auch allgemeingültig sind. Wir haben bereits gesehen, daß dieser Anspruch sich nicht uneingeschränkt behauptet gegenüber der Erfahrung, daß Wertschätzungen, besonders solche hedonistischer Art, eben von individuell verschiedenen Dispositionen abhängen, und der daraus erwachsenden Einsicht in die Relation, die bei aller Werthaltung vorliegt. Wer es darum nicht liebt, dogmatische Behauptungen aufzustellen, die er nicht aufrechterhalten kann, der wird es mehr und mehr vermeiden, ein Objekt schlechthin zu bewerten, sondern nur konstatieren, daß es für ihn wertvoll ist. Er gibt also seinen Aussagen lieber die Form: "der Wein schmeckt mir"; "das Gemälde gefällt mir". Das bedeutet aber, daß er jetzt nicht mehr einem eigentlichen, sondern einem uneigentlichen Werturteil Ausdruck verleiht. Natürlich fällt er auch jetzt noch zunächst unwillkürlich ein eigentliches Werturteil, aber er kleidet dies nicht ohne weiteres in Worte, sondern er macht es selbst zum Gegenstand seiner Reflexion, und der Inhalt seiner Aussage ist jetzt ein ganz anderer wie vorher: er legt darin nicht dem Objekt einen Wert (mit dem Anspruch auf Allgemeingültigkeit) bei, sondern er konstatiert eine vorhandene Beziehung zwischen seinem Fühlen und Wollen und dem Objekt. Damit sichert er sich gegen den Einspruch anderer, der gegen das eigentliche Werturteil möglich wäre. Daß das Gemälde wertvoll ist, kann ein anderer bestreiten, aber nicht, daß es mir gefällt.

Im eigentlichen Werturteil wird kein (ideales oder reales) Sein erkannt, sondern es wird ein Wert beigelegt und damit das Objekt  als wertvolles  erst geschaffen; und zwar kann es sich dabei um wirkliche wie um bloß gedachte Objekte handeln. Zur letzteren Klasse gehören alle Ideale, die wir als Ziele unseres Handelns in eigentlichen Werturteilen denken. Somit unterscheiden sich diese Werturteile von allen Urteilen, die wir bisher betrachtet haben; denn in ihnen handelt es sich um keine Auffassung eines Sachverhaltes, nicht um eine Erkenntnis, sondern um eine Bewertung; sie können darum auch nich wahr oder falsch sein, wenn sie schon mit den theoretischen Urteilen die Prädikate "gültig" und "ungültig" gemein haben.

Wollte man einwenden, auch in diesen Werturteilen wird doch ein vorhandener Wert anerkannt, und insofern sind auch sie theoretischer Natur und könnten wahr oder falsch sein, so würde man damit nur jene naive Auffassung verraten, die Werte seien etwas unabhängig von jeglichem Subjekt und seinem Fühlen und Wollen objektiv Gegebenes, etwas "ansich" Existierendes. In dieser Weise müssen wir das "Wirkliche" denken, aber ein Wert außerhalb aller Beziehung zu bewertenden Subjekten, wäre ein Wert, der für niemanden wertvoll wäre.

Nun ist leicht ersichtlich, daß das Problem, ob es allgemeingültige Werturteile gibt, sich auf die eigentlichen Urteile dieser Art bezieht; denn daß uneigentliche in allgemeingültiger Weise gefällt werden können, darin ist kein Zweifel: sie konstatieren ja nur, daß ich oder andere einzelne Individuen oder beliebige Mengen von Individuen eigentliche Werturteile fällen oder in der Lage dazu sind. Nicht weniger klar ist aber auch, daß trotz aller Feststellung solcher tatsächlicher Werthaltungen die Frage ganz offen bleibt: was ist denn nun "wirklich" oder "objektiv" wertvoll? Eine solche Frage ist aber nur in eigentlichen Werturteilen zu beantworten, und ob dies in allgemeingültiger Weise geschehen kann: das bleibt uns vorläufig - Problem.
LITERATUR - August Messer, Einführung in die Erkenntnistheorie, Leipzig 1909
    Anmerkungen
    1) Dies und die folgende Einteilung der Urteile im Anschluß an BENNO ERDMANN, Logik, Halle 1907, Seite 10f.
    2) OSWALD KÜLPE, Einleitung in die Philosophie, Leipzig 1907, Seite 33
    3) Sehr belehrend ist in dieser Beziehung für den Erkenntnistheoretiker HANS GROSS, "Handbuch für Untersuchungsrichter als System der Kriminalistik", München 1908.
    4) Vgl. WILLIAM JAMES, Pragmatismus, Wien und Leipzig 1907 (besonders Seite 123f)); WILHELM JERUSALEM, Der kritische Idealismus, Wien und Leipzig 1905, Seite 162f; GEORG SIMMEL, Philosophie des Geldes, Leipzig 1900, Seite 58f; LUDWIG STEIN, Der Pragmatismus, Archiv für systematische Philosophie, Neue Folge, Bd. 14, 1908, Heft 1 und 2, der eingehend die Vorläufer dieser Denkrichtung in der Geschichte der Philosophie nachweist; TH. LORENTZ, Internationale Wochenschrift vom 25. 7. 1908 (zweiter Jahrgang, Nr. 30).
    5) FRIEDRICH NIETZSCHE, Jenseits von Gut und Böse (Werke I, Bd. 7, Leipzig 1905, Seite 12f)
    6) Von HERBERT SPENCER kommen hier besonders in Betracht "Die Prinzipien der Psychologie", Stuttgart 1882, Seite 86. Die Schriften der beiden anderen Autoren sind im Literaturverzeichnis genannt. - Die kritischen Bemerkungen des Textes schließen sich an HUSSERL, Logische Untersuchungen I, Seite 192f an.
    7) Zur näheren Begründung der Ausführungen dieses Abschnitts verweise ich vor allem auf HUSSERL, Logische Untersuchungen II, besonders Seite 322f, KÜLPE, Einleitung a. a. O., NATORP, Logik, Seite 6f; STUMPF, Einteilung, Seite 9f und meine Schrift "Empfindung und Denken".
    8) Einen Versuch, dies darzulegen (zumindest hinsichtlich der  sittlichen Werte), macht z. B. BRUNO BAUCH in dem Werk "Die Philosophie im Beginn des 20. Jahrhunderts" (Festschrift für Kuno Fischer), Bd. I, Heidelberg 1904, Seite 94f. Vgl. dazu meine Kritik in "Kantstudien", Bd. XI, 1906, Seite 395 und 422f. Neuerdings versucht MÜNSTERBERG (Philosophie der Werte, Seite 33) den sittlichen Skeptizismus als sich selbst widersprechend durch folgende Erwägung nachzuweisen: "Wer da behauptet, daß es keine Pflicht gäbe, die ihn unbedingt bindet, und jedes Motiv zum Handeln nur persönliche Bedeutung besäße, der will durch eine solche Behauptung selbst eine Handlung vollbringen und dadurch ein Ziel erreichen: die Anerkennung der sittlichen Leugnung beim Hörer. Aber der Hörer, der dem Skeptiker trauen wollte, müßte ja dann von vornherein zweifeln, ob jener sich überhaupt verpflichtet fühlt, seine wirliche Überzeugung zum Ausdruck zu bringen. Wer durch keine Pflicht gebunden ist, mag lügen, mag also seine wahre Ansicht verleugnen und mag somit, seinem Wort zum Trotz, sehr wohl überzeugt sein, daß es überindividuelle Pflichten gibt. Er kann somit keinen Glauben für seine Behauptung erwarten und unternimmt eine Handlung, deren Ziel er durch seine eigene Tat unerreichbar macht". - - - Dazu sei bemerkt: ob der Satz: es gibt keine Pflicht (anders ausgedrückt: es gibt keinen allgemeingültigen sittlichen Wert) einen Widerspruch enthält, muß beurteilt werden lediglich durch eine Betrachtung des Satzinhaltes. Daß ein Individuum den Satz ausspricht und dadurch bei einem anderen Glauben finden will, kommt dafür gar nicht in Betracht. Diesen Nachweis aber, daß der Satz seinem Gedankeninhalt nach sich selbst widerspricht, hat MÜNSTERBERG in keiner Weise geführt, obwohl er es später (Seite 38) behauptet. Aber hat er nicht zumindest dargelegt, daß mit der Aufstellung des Satzes ein sich widersprechendes, sich selbst vereitelndes Tun vorliegt, daß also damit ein "praktischer Widerspruch" gegeben ist? Alein derjenige, der das Vorhandensein einer (allgemeingültigen) Pflicht bestreitet, kann doch sehr wohl bei seinen Hörern den Eindruck erwecken, daß er für seine Person Wahrhaftigkeit wertschätzt; auch muß ja der Zweck seiner Mitteilung nicht der sein, daß seine Behauptung auf guten Glauben hingenommen wird; er kann darin bestehen, daß der Hörer sie zum Gegenstand des Nachdenkens und der kritischen Prüfung machen soll. Und schließlich: ist denn der, der versichert: es gibt eine Pflicht, davor gesichert, daß der Hörer daran zweifelt, ober er seine wirkliche Überzeugung zum Ausdruck bringe? - In diesem Zusammenhang ist auch der Schrift von FRANZ BRENTANO, "Vom Ursprung der sittlichen Erkenntnis" (Leipzig 1887) zu gedenken. Sie schreibt gewissen Werturteilen, besonders den sittlichen, eine eigenartige "innere Richtigkeit" zu. Was ich von dieser Lehre als berechtigt ansehe, habe ich am Schluß dieses Abschnitts angedeutet. - Für die folgenden Ausführungen vgl. HEINRICH MAIER, "Emotionales Denken", Seite 259 und 641f.