ra-2 Eisler - KirchnerK. LangeMauthnerJosepha Kodis    
 
AUGUST MESSER
Die Apperzeption
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"Unser Erkenntnisdrang ist nicht damit befriedigt, daß wir das unmittelbar Vorfindbare feststellen, wir verlangen auch noch Erklärung. Nun kann sich freilich schon mit der Beschreibung in gewissem Sinn und Umfang ein Erklären verbinden. Eine Erklärung liegt ja bereits vor, wenn ich etwas Einzelnes unter ein Allgemeines (Begriff, Regel oder Gesetz) unterordne."


I. Theoretisch-psychologischer Teil

I. Kapitel
Über Aufgabe und Gegenstand der Psychologie

Es ist die Forderung aufgestellt und vielfach auch anerkannt worden, die wissenschaftliche Psychologie müsse eine "Psychologie ohne Seele" sein, d. h. sie müsse sich beschränken auf die Beschreibung des im Bewußtsein unmittelbar Vorfindbaren, der sogenannten "Erlebnisse".

Daß ich eben jetzt eine Amsel im Garten schlagen höre, daß ich mich freue über das sonnige Frühlingswetter und den Vorsatz fasse, in einer Stunde mit der Arbeit aufzuhören und einen Spaziergang zu machen, das alles: diese Wahrnehmung, dieses Gefühl der Freude, dieser Willensentschluß, es ist unmittelbar und unbezweifelbar für mich im Bewußtsein vorhanden, er ist mein "Erlebnis". Ich bestreite nun durchaus nicht, daß die empirische, d. h. sich auf Erfahrung gründende, Psychologie als ihre erste Aufgabe die Beobachtung und Beschreibung der Erlebnisse anzusehen hat. Aber wenn die Psychologie mit der Arbeit an dieser Aufgabe anhebt, so ist damit nicht gesagt, daß sie sich darauf beschränken soll. Unser Erkenntnisdrang ist doch damit nicht befriedigt, daß wir das unmittelbar Vorfindbare feststellen, wir verlangen auch noch Erklärung. Nun kann sich freilich schon mit der Beschreibung in gewissem Sinn und Umfang ein Erklären verbinden (dieses Wort hat nämlich mehrere Bedeutungen). Eine Erklärung liegt ja bereits vor, wenn ich etwas Einzelnes unter ein Allgemeines (Begriff, Regel oder Gesetz) unterordne. Nehmen wir an, ein Kind hat bis dahin nur schwarze Tinte gesehen; es bemerkt zum erstenmal ein Fläschen mit roter Tinte und fragt, was das sei. Wenn ich ihm nun sage: "Das ist auch Tinte; damit kann man ebenfalls schreiben," so habe ich ihm das neu Wahrgenommene "erklärt". Entsprechende Erklärungen kann schon die beschreibende Psychologie liefern. Auch sie verfügt ja über eine ganze Fülle allgemeiner Begriffe, wie z. B. Empfindung, Wahrnehmung, Vorstellung, Denken, Fühlen, Streben, Wollen. Sie entlehnt diese dem vorwissenschaftlichen Sprachgebrauch; sie bemüht sich, ihren Inhalt und ihr Anwendungsgebiet genauer zu bestimmen, um mit ihrer Hilfe die Gesamtheit der Erlebnisse in Klassen einzuteilen. Dadurch versetzt sie uns instand, die einzelnen Erlebnisse, die uns vorkommen und interessieren, solchen Klassen einzuordnen und in diesem Sinne zu "erklären".

Ja, sie kann sogar - freilich nur in einem beschränkten Bereich - noch in einem zweiten Sinn Erklärungen bieten. Sie kann nämlich gewisse "Gesetze" (oder wie wir lieber vorsichtig sagen wollen): gewisse "Regelmäßigkeiten" im Eintreten und in der Aufeinanderfolge von Erlebnissen feststellen, z. B. daß sich zu gewissen Sinneseindrücken gewisse Gefühl gesellen, daß auf gewisse Wahrnehmungen bestimmte Betätigungen ("Reaktionen") folgen, daß das Gefühl der Unlust das Streben zur Folge hat, davon frei zu werden usw. In solche Fällen kann das Auftreten des zweiten Erlebnisses durch Hinweise auf das erste "erklärt" werden.

Aber gerade diese Art der Erklärung, die "kausale", d. h. die Feststellung der Ursachen, die Erlebnisse veranlassen, und der (mehr oder minder dauernden) Bedingungen, die zu ihrem Zustandekommen erforderlich sind, kann in sehr vielen Fällen von der beschreibenden Psychologie unmöglich geleistet werden. Sie hat ja lediglich das im Bewußtsein unmittelbar Konstatierbare zum Gegenstand; sie kann also zur kausalen Erklärung von Erlebnissen nur auf Erlebnisse, d. h. Bewußtseinsvorgänge, hinweisen. Aber wie oft versagt diese Art des Erklärens! Wie häufig müssen wir zu anderen kausalen Faktoren unsere Zuflucht nehmen! Betrachten wir nur ein paar beliebig herausgegriffene Beispiele. Wenn ich jetzt den Wind draußen brausen höre und dann ein Klingeln an der Vortür vernehme, so kann ich doch dieses zweite Erlebnis unmöglich aus dem ersten Erklären. Überhaupt bedarf es bei der ganzen Fülle der Wahrnehmungen, die wir unausgesetzt im wachen Zustand erleben, zur Erklärung meist anderer Faktoren als der jeweils vorausgehenden Erlebnisse. Da müssen wir die physikalischen oder chemischen Vorgänge berücksichtigen, die als äußere "Reize" unsere Sinne treffen; wir müssen auch zahlreiche physiologische Prozesse innerhalb unseres Körpers in Rechnung stellen, die ebenfalls als "Reize" wirken; wir müssen die "Erregungen" (d. h. die chemischen und elektrischen Vorgänge) beachten, die durch diese Reize in unseren Nerven und in unserem Gehirn ausgelöst werden, und wir müssen vermutlich auch noch Unbewußt-Psychisches als erklärendes Moment annehmen. Diese Faktoren (wenn auch nicht stets alle), kommen nicht minder als Ursachen und Bedingungen in Betracht, wenn wir das Auftreten von Erinnerungen und Einfällen aller Art, wenn wir den Verlauf des Nachdenkens und Phantasierens, das Erleben von Gefühlen, Affekten, Stimmungen, Wertschätzungen, Begehrungen, Willensakten erklären wollen. Endlich sind sie heranzuziehen, um verständlich zu machen, daß alle derartige Erlebnisse bei den einzelnen Menschen ein mehr oder minder eigenartiges Gepräge zeigen. Denn aus den seelischen Vorgängen und aus der Art, wie sie sich nach außen bekunden und wirken, schließen wir doch auf die "Fähigkeiten", "Neigungen", "Charakteranlagen" der Menschen, kurz auf ihre "Individualität". Alle diese Worte aber, die man in der Psychologie ebensowenig wie im Leben entbehren kann, bezeichnen nicht selbst Bewußtseinsvorgänge (Erlebnisse), sondern Dispositionen, Vermögen dazu. Es scheint deshalb unzulässig, den Begriff des "Psychischen" - wie das zahlreiche angesehene Psychologen tun - mit dem des "Bewußten" gleichzusetzen; vielmehr läßt sich die Annahme eines Unbewußt-Psychischen wohl begründen. Will man ihn nämlich vermeiden, so muß man behaupten, daß  alle  die genannten Faktoren außerhalb des Bewußtseins, die wir zur Erklärung der Bewußtseinsvorgänge brauchen, nur  materieller  Natur sein könnten. Der Begriff der "Materie", wie ihn die Naturwissenschaft gebraucht, ist zwar geeignet, Bewegungen verständlich zu machen, nicht aber zugleich Bewußtseinsvorgänge zu erklären. Wir brauchen dazu freilich auch Materielles: Gehirn und Nervensystem und ihre Funktionen sind, wie die Erfahrung zeigt, zweifellos  Teil bedingungen für das Zustandekommen von Bewußtseinsvorgängen, aber nicht  mehr!  Die andere Gruppe der Teilbedingungen und wahrscheinlich die wichtigere, besteht in den unbewußt-psychischen Dispositionen zu Erlebnissen, die unter Namen wie "Anlagen", "Begabung", "Talent", "Charakter", "Gedächtnisbesitz" usw. aller Welt geläufig sind, und die auch die Eigenart der einzelnen Individuen ausmachen. Wenn wir für den Inbegriff dieses Unbewußt-Psychischen den Namen  "Seele verwenden, so benutzen wir dieses Wort im Einklang mit dem wissenschaftlichen Sprachgebrauch und mit allgemein verbreiteten Überzeugungen. Wir schließen uns dabei aber diesen nicht kritiklos an, sondern sind uns bewußt, daß und warum auch die empirische Psychologie, wenn sie zugleich auch noch "erklärende" Wissenschaft sein will, nicht "Psychologie ohne Seele" sein kann und darf. Mag sie vielleicht aus eingem gewissen Vorurteil den  Namen  "Seele" vermeiden, der  Sache  muß sie Rechnung tragen.

Der Name "Seele" ist auch dafür geeignet, zu betonen, daß diese unbewußt-psychischen Faktoren trotz ihrer Verschiedenartigkeit eine  Einheit  ausmachen. Die Einheit eines Wesens schließt ja die Mannigfaltigkeit seiner Eigenschaften und Lebensäußerungen nicht aus, sondern ein. Diese unsere Einheitlichkeit aber erfassen wir unmittelbar in unserem Ich-Bewußtsein. Auch im allgemeinen Sprachgebrauch bezeichnet das Wörtchen "Ich" nicht nur das seiner selbst bewußte Subjekt aller Erlebnisse, sozusagen jenen Zentralpunkt, der alle seine Bewußtseinsgeschehnisse unmittelbar als "seine", als ihm zugehörige erfassen kann, sondern auch den unbewußten Träger aller seelischen Eigenschaften und Fähigkeiten.

Wenn wir so für das Recht der Begriffe "Seele" und "Ich" innerhalb der empirischen Psychologie eintreten, so bestreiten wir nicht, daß diese Begriffe zu Fragen Anlaß bieten, deren Lösung erst von der Metaphysik angestrebt werden kann. Dahin gehört vor allem das Problem, ob das Verhältnis der psychischen Vorgänge zu den psychischen (insbesondere den physiologischen im Gehirn) als Wechselwirkung oder als ein gesetzmäßiges Nebeneinanderhergehen zu denken ist. Das erstere behauptet der althegebrachte "Dualismus", das letztere der sogenannte "psycho-physische Parallelismus", der sich häufig mit der "monistischen" Ansicht verbindet, daß das Seelische und das Körperliche nur Erscheinungsformen  eines  Wesens seien. Dieses ganze Problem kann hier beiseite gelassen werden. Das schließt nicht aus, daß ich mich der üblichen und zugleich bequemeren dualistischen Ausdrucksweise bediene.


II. Kapitel
Das Wesen der Apperzeption

Alle diese prinzipiellen Betrachtungen (1) sind nötig, um den Begriff der  "Apperzeption",  der uns nunmehr beschäftigen soll, seinem Inhalt und seiner wissenschaftlichen Berechtigung nach klarzulegen. Denn um verständlich zu machen, was wir mit dem Wort "Apperzeption" meinen, werden wir am besten von dem soeben entwickelten Begriff der "Seele" ausgehen.

Die Seele ist nämlich nicht - wie ein neuerer Philosoph in ironischer Polemik gegen diesen Begriff gesagt hat - ein "starres Wirklichkeitsklötzchen", das man zu den unmittelbar vorfindbaren Bewußtseinsvorgängen noch hinzufügt, sondern sie ist zu denken als ein lebendiges, sich entwickelndes organisches Wesen.

Wenn man Wasser in ein Gefäß (von gleicher Temperatur) gießt, so verändert sich das Gefäß nicht (wenigstens nicht in einer für uns merklichen Weise); es bildet sozusagen nur den gleichgültigen Behälter, der mit demselben Gleichmut seinen Inhalt auch wieder hergibt. Ganz anders wie dieses mechanische Verhältnis ist das Verhältnis eines Organismus zu den Stoffen, die er als Nahrung aufnimmt. Er verarbeitet sie, er "eignet" sie sich an, nicht durch äußerliche Besitznahme oder bloßes passives Hinnehmen und mechanisches Umschließen, sondern auch wirkliche Ausnutzung und "Einverleibung" unter Ausscheidung des Verbrauchten und für ihn Wertlosen.

Analog den körperlichen Organismen verhält sich die Seele. Auch sie ist kein bloßes Gefäß, in das aus der Umwelt - etwa durch die Sinne - Stoff einfließt; sie ist kein Behälter für allen möglichen Inhalt, der wahllos hineingeschüttet werden könnte: sie ist ein aktives Lebewesen, das sich aus inneren Bedürfnissen heraus betätigt und Nahrung sucht, das auch Eindrücke von außen nicht passiv aufnimmt, sondern mit verschiedenartigen Gegenwirkungen (Reaktionen) beantwortet. Es wehrt sich gegen sie oder entzieht sich ihnen, wenn sie ihm schädlich sind, es eignet sie sich an, wenn die Dispositionen dazu vorhanden sind. Es ist dabei leicht verständlich, daß auch das, was der Seele nicht gemäß, ja schädlich ist, wenn es in ihr die entsprechenden Reaktionen auslösen soll, zunächst aufgenommen, nämlich beachtet oder wenigstens irgendwie wahrgenommen werden muß. Die Tatsache aber, daß die Seele alle Eindrücke nicht passiv hinnimmt, sondern ihrer eigenen individuellen Beschaffenheit entsprechend sich aneignet, nennen wir  Apperzeption. (2)

Der Ausdruck ist in der Philosophie und Psychologie besonders seit LEIBNIZ (1646 - 1716) und KANT (1724 - 1804) üblich. Es würde aber dem praktisch-pädagogischen Zweck dieser Abhandlung wenig entsprechen, wollte ich genauer auf die Bedeutungsverschiedenheiten eingehen, welche bei der Verwendung des Wortes im Laufe der Zeit eingetreten sind. Eine solche historische Gelehrsamkeit wirkt leicht verwirrend. Ich begnüge mich darum mit der Bemerkung, daß die Definition, die ich von diesem Begriff gegeben habe, sich an diejenige HERBARTs (1776 - 1841) anschließt, allerdings in ganz freier Weise. HERBART nämlich versteht unter Apperzeption "die Aufnahme und Beeinflussung von Vorstellungen durch andere, besonders durch Gruppen anderer ("Apperzeptionsmassen"), die mit jenen verschmelzen. Neue Vorstellungen werden apperzipiert (angeeignet), indem "ältere, gleichartige" Vorstellungen erwachen, mit jenen verschmelzen und sie in ihre Verbindungen einführen" (3). Daß HERBART meint, nur "Vorstellungen" seien an der Apperzeption beteiligt, beruth auf seiner Grundansicht, "Vorstellungen" seien eigentlich die einzige Art der seelischen Vorgänge; Gefühle, Strebungen und Willensakte seien nur Verhältnisse und Geschehnisse an "Vorstellungen". Da wir diese ("intellektualistische") Grundansicht für durchaus einseitig halten, so finden wir es nicht sachgemäß, die Apperzeption auf "Vorstellungen" einzuschränken. Da die Seele es ist, die apperzipierend wirkt, so können alle Arten seelischer Vorgänge dabei in Betracht kommen (wie wir das später noch genauer sehen werden).


III. Kapitel
Die allgemeine Bedeutung der Apperzeption

Die ungeheure  Bedeutung  der Apperzeption für das gesamte Seelenleben läßt sich wohl am leichtesten erkennen, wenn wir noch das  Gedächtnis  dabei berücksichtigen.

Wir müssen dabei zunächst für das Gedächtnis sozusagen ein gutes Wort einlegen. Denn in der Pädagogik ist man schon lange dem Gedächtnis gram. Man denkt da sofort an mechanisches Auswendiglernen von unverstandenem oder halb verstandenem Lernstoff, an geistloses Pauken für Prüfungen; man fordert: nicht das Gedächtnis, sondern der Verstand ist auszubilden; nicht "Lern"schulen, sondern "Arbeitsschulen" müssen wir haben. - Das alles ist nicht unberechtigt. Es soll gar nicht bestritten werden, daß beim Unterricht von jeher mit dem Gedächtnis viel Mißbrauch getrieben wurde und noch getrieben wird. Aber Mißbrauch darf uns nie gegen den wahren Wert einer Sache blind machen. Die Bedeutung des Gedächtnisses reicht auch viel weiter und tiefer, als man gewöhnlich meint, wenn man dabei nur an die Einprägung und die Wiedergabe von Lernstoff denkt. Das Gedächtnis ist überhaupt das erhaltende Prinzip im Seelenleben. Die Erlebnisse huschen eben nicht, ohne Spuren zu hinterlassen, über die Seele hin wie die Wolkenschatten über eine Landschaft. Sie hinterlassen in der Seele selbst ihre Nachwirkungen und deshalb wandelt und entwickelt die Seele selsbt sich in und durch ihr Erleben; auch ihre mannigfachen Bedürfnisse und Fähigkeiten erstarken und differenzieren sich durch ihre Befriedigung und Übung, oder sie verringern sich und verkümmern durch Mangel daran. Sänke nicht so von unserem Erleben ein Niederschlag in die Tiefen des seelischen Organismus, hätte die Seele kein "Gedächtnis" in diesem umfassenden Sinn, so bliebe sie stets auf der Stufe des neugeborenen Kindes.

Das Gedächtnis ist somit nicht einer Schatzkammer vergleichbar, die nur bei besonderen Gelegenheiten geöffnet wird, es ist vielmhr die Seele selbst im Hinblick auf all die Bereicherung, Entwicklung, Übung, die ihr durch das bisherige Erleben zuteil geworden ist. Da aber die Seele es ist, die das Neue apperzipiert und damit zum Ihrigen macht, so ist es verständlich, daß in aller Apperzeption das Gedächtnis mit in Betracht kommt. -

Sicherlich kann der Mensch noch lange Zeit geistig wachsen, wenn seine körperliche Größe nicht mehr zunimmt, aber jedenfalls ist Kindheit und Jugend in besonderem Grad auch die Zeit geistigen Wachstums und geistiger Entwicklung. Die Apperzeption aber ist der Weg, auf dem die jugendliche Seele "erwirbt, um zu besitzen", und um durch diesen Besitz selbst zu erstarken und zu reifen zur Betätigung im Dienst menschlicher Kultur. Darum ist die Beachtung und Berücksichtigung der Apperzeptionsvorgänge eine wichtige Aufgabe für Unterricht und Erziehung. So bedeutsam eine richtige Ernährung für die Entwicklung des Körpers ist, so wichtig ist es für das gesunde Wachstum des Geistes, daß man beachte, was und wie er apperzipiert.

Jedoch auch davor wollen wir uns hüten, die Bedeutung der Apperzeption zu überschätzen. Auch die Ernährung tut ja nicht alles: Bewegung und Betätigung müssen hinzukommen und vor allem ein gesunder und kräftiger Körper von Geburt an. So genügt es auch nicht für die normale und wertvolle Entfaltung des jugendlichen Geistes, daß er sich durch die Apperzeption ausreichende und ihm zuträgliche Nahrung aneignet: er muß sich auch auswirken können und es muß ihm von Haus aus eine gesunde Natur innewohnen; er muß die wünschenswerten Anlagen und Gaben auf diese Welt mitbringen.

Es ist ja ein seit dem Altertum viel erörtertes Problem, wieviel Bedeutung für die Entwicklung des Menschen der angeborenen Natur, wieviel dem Einfluß der Erziehung (einschließlich des Unterrichts) zukomme. Die schroffsten Gegensätze haben sich in der Erörterung dieser Frage offenbart. Man denke an den optimistischen Überschwang der Aufklärungszeit, in der man zumeist überzeugt war, der Erziehung sei nichts unmöglich; man denke andererseits an die pessimistische Ansicht SCHOPENHAUERs (1788 - 1860), der den angeborenen Charakter für schlechterdings unveränderlich hält. Gewiß ist diese Behauptung übertrieben, aber die neueren Forschungen über Vererbung haben doch gezeigt, daß sie einen sehr berechtigten Kern enthält. Daraus ergibt sich, daß aller Erziehung vorgearbeitet werden muß durch die Sorge für die Veredlung der menschlichen Rasse und vor allem durch die Bekämpfung der mannigfachen schädlichen Einflüsse, welche die menschliche Nachkommenschaft schon vor ihrer Geburt treffen.

Es eröffnet sich hier ein weiter Ausblick. Auch vom pädagogischen Gesichtspunkt ist es von ungeheurer Wichtigkeit, daß für die Volksgesundheit gesorgt und daß die wirtschaftliche Lage des arbeitenden Volkes verbessert werde. So sollte kein Erzieher meinen, daß z. B. der Kampf gegen den Alkoholismus (der ja schon die neue Generation im Keim schädigt) ihn nichts anginge, oder daß etwa die Bemühungen um bessere Entlohnung der Arbeit oder um Beseitigung der Wohnungsnot ihm völlig gleichgültig sein könnten.

Indessen diese Gedankengänge können wir hier nicht weiter verfolgen. Wir wollen aber wenigstens auf sie hindeuten; denn wenn man ein Gebiet von einem bestimmten Gesichtspunkt aus betrachtet, so ist man leicht geneigt, diesen für den einzig richtigen und maßgebenden zu halten, und das, was man von hier aus erblickt, in seiner Bedeutung einseitig zu überschätzen. Auch wir betrachten ja das Gebiet von Erziehung und Unterricht von einem Gesichtspunkt aus, nämlich im Licht des Apperzeptionsbegriffs. Wenn wir selbst vor einer Überschätzung der Apperzeption warnen, so wird man uns andererseits umso weniger mißtrauen, wenn wir ihre Bedeutung für groß und weitreichend erklären.
LITERATUR - August Messer, Die Apperzeption als Grundbegriff der pädagogischen Psychologie, Berlin 1915
    Anmerkungen
    1) Eine nähere Ausführung und Begründung dieser Bemerkungen über die Aufgaben der Psychologie und einiger Grundbegriffe findet man in meiner "Psychologie", Stuttgart 1914.
    2) Das Wort kommt von der lateinischen Präposition  ad  (zu, hinzu) und dem Zeitwort  percipere  (auffassen).
    3) Nach RUDOLF EISLER, Handwörterbuch der Philosophie, Berlin 1913, Seite 46. Die wichtigsten Stellen bei HERBART finden sich in seinem Werk "Psychologie als Wissenschaft", Bd. II, § 125 und in seinem "Lehrbuch der Psychologie", 2. Auflage, § 26 und § 39f.