ra-2H. CohnR. LiefmannO. Conrad    
 
ROBERT ZUCKERKANDL
(1856-1926)
Zur Theorie des Preises

"Die englische Nationalökonomie hat schwer gefehlt und, wie mit Absicht, die tatsächlichen Umstände so angesetzt, wie sie in Wirklichkeit nicht vorkommen. Sie hat z. B. die Frage, ob die wirtschaftliche Macht unter den Kontrahenten ungleich ist, nicht aufgeworfen, sondern angenommen, daß Käufer und Verkäufer stets den gleichen wirtschaftlichen Rückhalt besitzen, und demgemäß den Preis der Arbeit so behandelt, wie den Preis der Kohle oder des Eisens, trotzdem bekanntlich der Käufer der Arbeit viel mächtiger ist als der Verkäufer."

"Das, was man Heizwert, Nährwert, Dungwert nennt, kommt den Sachen zu, auch wenn der Mensch diese Qualitäten nie erprobt. Fleisch hätte Nährwert, auch wenn die ganze Welt vegetarisch wäre, und Zyankali besäße einen Vergiftungswert, auch wenn sich nie jemand vergiftet hätte. Es ist mit diesen Eigenschaften wie mit der Undurchdringlichkeit, dem Gewicht und der Kristallisation der Mineralien; sie kommen den Sachen von Natur zu."

Einleitung

Eine der ersten Fragen, bezüglich deren Schüler und Geschäftsmänner eine Antwort von der Volkswirtschaftslehre verlangen und erwarten, ist die, wie sich die Preise herausbilden, wovon die Kaufkraft der Güter abhängt. Und sicherlich ist es die Aufgabe der Volkswirtschaftslehre, nachdem sie das Wesen und die Zusammenhänge der volkswirtschaftlichen Erscheinungen darzustellen hat, diese Frage zu beantworten. Eine genauere Betrachtung der Wirklichkeit zeigt, daß diese Antwort nicht mit  einem  Satz erteilt werden kann, und wenn man die Sätze zusammenstellt, die anstelle der Unkenntnis die Kenntnis setzen sollen, so findet man alsbald, daß nur ein Teil der Erscheinungen unter dieselben falle, bis man im Bestreben, immer neue Regeln zu bilden, endlich zur Einsicht kommt, daß es nicht möglich ist, alle wirklichen Preiserscheinungen, noch weniger aber alle möglichen zu fassen, und daß die Liste der Preisbestimmungsgründe eine endlose ist.

Daraus folgt nichts anderes, als daß man die gleichartigen Erscheinungen zusammenfassen und diejenigen Arten behandeln müsse, welche die zahlreichsten Einzelfälle in sich schließen. Man weiß dann nicht alles, aber die Kenntnis ist doch nicht so bedeutungslos, daß sie die Forschung nicht verlohnt.

Die Nationalökonomie hat sich dann auch weder durch die Schwierigkeit der Frage, noch durch die Unmöglichkeit, sie ganz zu beantworten, von der Untersuchung derselben abschrecken lassen, und jeder Fachkundige weiß, wieviel über den Preis geschrieben wurde. Allein die Ergebnisse der Forschung bleiben hinter den Erwartungen weit zurück, hauptsächlich aus dem Grund, weil die Untersuchung bald auf eine falsche Fährte geriet. In der Lehre vom Preis wie in der Nationalökonomie überhaupt hat bekanntlich, seit einem Jahrhundert die englische Wissenschaft die Führung gehabt. Sie ging, wie bei der Behandlung der anderen Fachfragen, auch hier bloß darauf aus, die streng wirtschaftlichen Erscheinungen zu erklären, in unserem besonderen Fall diejenige Preisbildung, wo beide Teile den größtmöglichen Tauschvorteil anstreben; diese nimmt aber nicht das ganze Gebiet der Preiserscheinungen ein. Eine derartige Untersuchung hat große Wichtigkeit; allein man muß sich und die anderen darüber aufklären, daß man nur einen Teil der Wirklichkeit behandle und daß ein anderer großer Teil derselben dabei außer Betracht bleibt.

Die englischen Nationalökonomie seit ADAM SMITH und die von ihm beherrschte Theorie im allgemeinen hat in diesem Punkt gefehlt. Sie hat nicht nur nicht gesagt, daß sie nur einen Teil der Preiserscheinungen behandelt, sondern vielmehr die Ansicht zum Ausdruck gebracht, daß die nicht streng wirtschaftlichen Preisbildungsgefälle geringfügige Ausnahmen seien, die füglich außer Betracht bleiben können. Dadurch erhielten die Ergebnisse ihrer Forschungen eine sehr weitreichende und fast allgemeine Geltung zum Nachteil der Wissenschaft, denn das alsbald von der Erfahrung erteilte Dementi mußte naturgemäß das Vertrauen in die Nationalökonomie erschüttern.

Auch davon abgesehen ist die englische Preislehre und Nationalökonomie nicht tadellos. Die Nationalökonomie hat, wie jede Wissenschaft, die Aufgabe, die Wirklichkeit zu erklären, und sie soll für ihre Untersuchungen die Methode wählen, welche die größten Bürgschaften des Erfolges bietet. Die Methode, deren sich die englische Nationalökonomie bedient, war schon bei ADAM SMITH die Deduktion, und an der Spitze aller Untersuchungen stand der Satz, daß jedermann jederzeit seine wirtschaftlichen Interessen mit größter Sorgfalt wahrnehme. Daraus allein vermag man jedoch bekanntlich keine Wahrheiten abzuleiten; dieser Satz soll vielmehr nur die Richtung anzeigen, in der sich menschliche Erwägungen und Handlungen bewegen. Die tatsächlichen Umstände nun, unter denen der menschliche Eigennutz sich betätigt, wenn Güter produziert, gekauft, verkauft oder konsumiert werden, sind, um die Deduktion durchzuführen, der Erfahrung zu entnehmen und mit möglichster Genauigkeit so anzusetzen, wie sie in Wirklichkeit sind. Und je glücklicher man in der Kombinationi dieser Umstände ist, umso mehr werden sich die Ergebnisse der Wirklichkeit nähern, das heißt jenem Teil der Wirklichkeit, wo allenthalben der Eigennutz uneingeschränkt herrscht und die Einsicht nicht fehlt, das zu tun, was dem Eigennutz entspricht.

In dieser Beziehung hat die englische Nationalökonomie schwer gefehlt und, wie mit Absicht, die tatsächlichen Umstände so angesetzt, wie sie in Wirklichkeit nicht vorkommen. Sie hat z. B. die Frage, ob die wirtschaftliche Macht unter den Kontrahenten ungleich ist, nicht aufgeworfen, sondern angenommen, daß Käufer und Verkäufer stets den gleichen wirtschaftlichen Rückhalt besitzen, und demgemäß den Preis der Arbeit so behandelt, wie den Preis der Kohle oder des Eisens, trotzdem bekanntlich der Käufer der Arbeit viel mächtiger ist als der Verkäufer. Sie hat angenommen, daß die Überführung des Kapitals aus einem Beschäftigungszweig in den anderen leicht bewerkstelligt werden kann, trotzdem dies bekanntlich nicht der Fall ist. Sie hat angenommen, daß die meisten Güter ohne Erhöhung der Produktionskosten beliebig vermehrt werden können, daß jeder Unternehmer weiß, wie groß die Gewinne in den anderen Unternehmen sind, daß jeder Unternehmer, wenn in anderen Beschäftigungszweigen höherer Gewinn winkt, sich sofort der neuen Unternehmung zuwenden kann, daß jeder Arbeiter den Zutritt zu allen Beschäftigungen hat, daß jeder also über die Möglichkeit der freien Wahl, über das richtige Urteil über die Schwierigkeiten und Unannehmlichkeit der Arbeiten verfügt, Annahmen, aus denen man die verhältnismäßige Gleichheit aller Gewinne und aller Löhne ableitete. Unter allen Annahmen war die des ausschließlichen Waltens des Eigennutzes fast noch die ungefährlichste, wenn die Ergebnisse der Untersuchung nicht verallgemeinert wurden. Die unrichtige Ansetzung der tatsächlichen Umstände mußte dagegen zu Ergebnissen führen, die durch die Wirklichkeit auch nicht annähernd bewahrheitet werden konnten.

Indem die Lehre derart den Menschen und die tatsächlichen Umstände vereinfachte, gelangte sie zu einer Reihe von Sätzen, die an Klarheit und Bestimmtheit nichts zu wünschen übrig ließen. Allein da jede aufmerksame Betrachtung der Wirklichkeit die Unbrauchbarkeit dieser Sätze zeigte, so konnte ein Rückschlag nicht ausbleiben, und in England hat bereits JOHN STUART MILL den Übergang zu einer rationelleren Behandlung der Nationalökonomie bewerkstelligt. Die neuere deutsche Wissenschaft hat selbständig mit größter Eindringlichkeit immer wieder das Studium der Wirklichkeit gefordert. Bei dieser Umkehr wurde vielfach der Methode zur Last gelegt, was die unrichtige Anwendung derselben verschuldet hat; doch soll durch diese Bemerkung die Methode selbst nicht gerechtfertigt werden, die zu gefährlich ist, als daß man ihre allgemeine Verwenung empfehlen könnte. Die deutsche Wissenschaft hat sich zweifellos das größte Verdienst erworben, indem sie die Unrichtigkeit der Ergebnisse der älteren Forschung betonte, und sie hat erreicht, daß die früher unbestrittene Autorität eines ADAM SMITH und DAVID RICARDO beseitigt wurde. Es ist nicht notwendig, hier in die Prüfung der Bedeutung, Leistung und Verdienste dieser Männer einzutreten, die trotz der erwähnten Irrtümer sehr groß sind; es soll nur dargetan werden, daß viele ihrer theoretischen Lehren unzutreffend sind und daß die Voraussetzungen, von denen sie ausgingen, der Wirklichkeit nicht entsprechen.

Ähnlichen Irrungen begegnet man auch in der Geschichte anderer Wissenschaften, und man hat da, sowie man sich darüber klar geworden ist, daß ein unrichtiger Weg eingeschlagen wurde, die Methode verbessert oder geändert. Die Nationalökonomie, die erst in den letzten hundert Jahren aus einer Kunstlehre in eine Wissenschaft umgewandelt wurde, befindet sich gegenwärtig im Zustand des Übergangs zu einer rationelleren Behandlung; doch vollzieht sich dieser Übergang schwerer als in den anderen Wissenschaften, weil neben dem Zweifel über die Methode der Forschung der Gegenstand der Wissenschaft selsbt schwankend geworden ist. Die volkswirtschaftlichen Studien können sich, wie bekannt, in sehr verschiedenen Richtungen bewegen: neben der Beschreibung des heutigen Zustandes kann man sich mit der Reform des Bestehenden beschäftigen, man kann die Wirtschaftsgeschichte studieren, den Zusammenhang zwischen Gegenwart und Vergangenheit suchen, um die Gestaltung der Zukunft zu erraten usw. Je nach der individuellen Neigung und Vorbildung pflegen die Forscher vorzugsweise den einen oder anderen Zweig volkswirtschaftlicher Studien - naturgemäß hält jeder seine Richtung für die wichtigste -, und es ist sicher, daß dabei die theoretische Volkswirtschaftslehre in den letzten Zeiten das geringste Interesse fand. Die mangelhaften Ergebnisse der älteren Forschungen auf diesem Gebiet, wobei gerechterweise neben der englischen auch der französischen und deutschen Theorie zu gedenken ist, haben eine abschreckende Wirkung ausgeübt; jeder theoretischen Arbeit begegnet man mit der Befürchtung, es würden wieder nur die alten sachlichen und methodischen Irrtümer wiederholt, und wenn schon der Bedarf der Schule oder das praktische Leben eine Darstellung der volkswirtschaftlichen Gesetze unausweichlich macht, so gilt es als korrekt, sich jeder allgemeineren, bestimmteren Formulierung zu enthalten. Der Wandel in der deutschen Volkswirtschaftslehre tritt klar hervor, wenn man beispielsweise die Behandlung des Preises bei RAU mit der bei GUSTAV COHN vergleicht. RAU bietet einige kurze, mehr oder weniger bestimmte Sätze, die Ausführungen COHNs sind breiter, gipfeln nicht in einigen Hauptlehren, sondern enthalten eine Reihe von Apercus, die wohl auch ohne die Hilfe der Wissenschaft zu finden wären.

Man kann nun gewiß der theoretischen Volkswirtschaftslehre andere volkswirtschaftliche Untersuchungen geschichtlicher und praktischer Art angliedern, allein man kann die Volkswirtschaftslehre nicht als ersten Bestandteil in diesem Komplex von Lehren oder überhaupt übersehen. Ihr Gegenstand ist ebenso gegeben, wie jener der Astronomie oder der Botanik, und sicherlich ist das erste und wichtigste Bedürfnis der Schüler sowie der praktischen Geschäftsmänner dahin gerichtet, zu erfahren, nach welchen Gesetzen in der heutigen Volkswirtschaft die Güter hervorgebracht und den einzelnen zugeteilt werden. Die Antwort erteilt, oder versucht zu erteilen, die theoretische Volkswirtschaftslehre. Sie beschäftigt sich nicht mit Definitionen und Begriffen, sondern mitder Wirklichkeit des wirtschaftlichen Lebens, und sie bezweckt, den Organismus der Volkswirtschaft, wie er in Wirklichkeit beschaffen ist, soweit als möglich zum Verständnis zu bringen, indem in allen Fällen von der sorgfältigsten Beobachtung der Wirklichkeit ausgegangen wird. Diese Wissenschaft ist durch nichts anderes zu ersetzen. Sie beruth auf der erfahrungsmäßigen Tatsache, daß die volkswirtschaftlichen Erscheinungen in ihrer Mannigfaltigkeit die Wirkungen bleibender psychischer Grundkräfte sind und folglich stetig wiederkehren. Durch Beobachtung der wirtschaftlichen Erscheinungen sollen zumindest die allgemeinsten und auffallendsten Tatsachen erklärt werden. Die Untersuchung der uns umgebenden wirtschaftlichen Wirklichkeit ist sicherer als die der Vergangenheit, und sie liefert das Material, aus der die Zukunft die Geschichte unserer Zeit aufbauen wird. Uns hat die Vergangenheit nur Trümmer hinterlassen, die den Wiederaufbau schwer machen; die Quellen der Wirtschaftsgeschichte im besonderen fließen spärlich, trübe und sind vergiftet. Die Gegenwart sollte sich deshalb auch der Zukunft klarer machen, als uns die Vergangenheit ist.

Wenn man eine große, komplizierte Maschine in ihrer Zusammensetzung und Funktion verstehen will, dann kann man sich mit Nutzen darüber unterrichten lassen, wie sie aus älteren, einfachen, weniger zweckmäßigen Formen entstanden ist, wie jeder Bestandteil im Laufe der Zeit besser geworden ist, wie man früher den erwünschten Zweck entweder gar nicht oder minder vollkommen erreicht hat. Man kann sich ferner belehren lassen, in welchen Details die Maschine noch ungenügend ist und was die Technik in einem solchen Fall anstrebt. Allein die Hauptsache bleibt die Darstellung aller Bestandteil der Maschine, der Funktion jedes einzelnen und ihres Zusammenwirkens. Nicht anders ist es mit der Volkswirtschaft. Es kann nicht ausbleiben, daß der jetzige Zustand des Übergangs damit enden wird, daß neben den historischen und den praktischen Studien über die wirtschaftliche Regierung der Völker auch die theoretische Volkswirtschaftslehre wieder jene Pflege finden wird, deren sie bedarf.. Nur die Methode wird eine andere geworden sein, man wird durch Beobachtung der Wirklichkeit die wichtigsten wirtschaftlichen Erscheinungen zu erklären versuchen.

Indem sich die Forschung, wie gezeigt, hauptsächlich den der Volkswirtschaftslehre neu angegliederten Gebieten zuwandte, wurde diese selbst nur wenig beachtet, und so kommt es, daß die Einsicht in die längst bekannten Irrtümer der klassischen Nationalökonomie noch nicht in allen Teilen zu einer richtigeren Lehre geführt hat, und daß in vielen Beziehungen das Überkommene in Geltung bleiben muß, weil nichts da ist, um es zu ersetzen. Derart drängt sich die Erwägung auf, daß es die nächste Aufgabe der Wissenschaft sei, das Versäumte nachzuholen, und aus dieser Erwägung erklärt sich, wenn hier der Versuch unternommen wird, einen Teil der wirtschaftlichen Wirklichkeit zu einem besseren Verständnis zu bringen, als bisher gelungen. Die nachfolgenden Untersuchungen, die ich im vollen Bewußtsein ihrer Geringfügigkeit der Öffentlichkeit übergebe, betreffen die Lehre vom Preis, die, in ihrem ganzen Umfang erfaßt, die Lehre von der Güterverteilung enthält. Es sollen nur die von der Wissenschaft bereits gelegten Grundlagen für eine richtige Lehre vom Preis durch eine genaue Revision des Überkommenen gefestigt werden. Die Haupttextur der Preisbildung bildet den Gegenstand der Untersuchung.

Der eigenen Lehre, welche nur die Sicherung der unserer Wissenschaft noch nicht ganz gewonnenen Wahrheiten bezweckt, wurde eine Darstellung der bisherigen Lehren vom Wert und Preis, die, soweit sie geht, aus den Quellen geschöpft ist, aber naturgemäß unvollständig bleiben muß, vorausgeschickt. Sie soll die Entwicklung der Lehren vom Wert und Preis zeigen. Ihr folgt eine Auseinandersetzung über die Aufgaben der theoretischen Lehre vom Preis und endlich die Beschreibung der Grundzüge der Preisbildung. Ich kann nur wiederholen, daß dabei von der sorgfältigen Bestrachtung der Wirklichkeit ausgegangen und dem Ziel zugestrebt wurde, die Wirklichkeit soweit als möglich zu erklären, um allen, die sich dafür interessieren, nicht etwa Definitionen, sondern das Verständnis dessen zu bieten, was uns alle stündlich umgibt.




Zur Terminologie

In der Lehre von Wert und Preis ist beinahe alles streitig von den Benennungen angefangen. Vor allem muß also die Terminologie, der Sinn, der hier mit den Worten "Wert" und "Preis" verbunden wird, festgestellt werden. Es sei gestattet, eine kurze Darlegung der Wandlungen der Terminologie vorauszuschicken, die im kleinen die Wandlungen der Lehre widerspiegeln.

1. Die Nationalökonomie hat die Worte  Wert  und  Preis  von der Jurisprudenz des Mittelalters mit feststehenden Bedeutungen übernommen, die wieder dem gewöhnlichen Sprachgebrauch entsprachen, der bis heute unverändert geblieben ist. Trotzdem es eigentlich nie unbekannt sein konnte, daß die Kaufkraft der Güter aur einem Werthalten beruth, auf der Empfndung, daß eine Sache für den Menschen irgendeine wirtschaftliche Bedeutung besitzt, so hat sich der tägliche Sprachgebrauch, dem die Wissenschaft darin folgte, nicht um diese inneren Vorgänge, sondern um deren Ergebnis, um ihren Ausdruck gekümmert, auf den es allein anzukommen schien. So gebraucht die ältere Jurisprudenz  valor  im Sinne von Kaufkraft und  pretium  als Bezeichnung für das, was man durch Hingeben der Sache an Gütern (meist an Geld) empfängt. (1)

Soviel über den älteren wissenschaftlichen Sprachgebrauch. Die Nationalökonomie hat daran zunächst wenig geändert. Betrachten wir vorerst die englische Nationalökonomie.

Die englischen Nationalökonomen vor ADAM SMITH haben für die Begriffe "Wert" und "Preis" drei Worte: value, worth und price. Zieht man, um sich über die verschiedene Bedeutung dieser Worte klar zu werden, das bekannte Wörterbuch von JOHNSON zu Rate, so findet man angeführt als Bedeutung von value: 1. price, worth; 2. high rate; 3. rate, price equal to the worth of the thing bought; als Bedeutung von worth: price, value, und als Bedeutung von price: 1. equivalent paid for anything; 2. value, estimation, supposed excellence; 3. rate at which anything is sold. Der gewöhnliche Sprachgebrauch scheint also zwischen Worten nicht genau unterschieden zu haben.

Vom wissenschaftlichen Sprachgebrach kann ich, soweit ich die Literatur kenne, das nämliche sagen. Die drei Worte werden im allgemeinen nebeneinander angewendet, wenn die Kaufkraft der Güter ausgedrückt werden soll. Den englischen Autoren des 17. und 18. Jahrhunderts erschien der Wert bloß als die Kaufkraft der Güter, die in bestimmten Mengen anderer, im Tausch erhältlicher Güter ihren Ausdruck fand. Das ist gemeint, wenn von value gesprochen wird. Die Gütermenge, die man im Austausch erhielt, den Gegenwert, das Äquivalent der eigenen Sache nannte man price. Ein Gut hatte demnach den Wert einer Unze Silber; die Unze war aber nicht der Wert, sondern der Preis des Gute. Der "price" ist in diesem Sinne "the equivalent paid for anything". Die verschiedene sich aus dieser Unterscheidung ergebende Anwendung von value und price zeigt z. B. folgende Stelle (PETTY, On taxes and contributions, Chapter IV, Seite 17): "Ich sage das Silber des einen muß als gleicher Wert (value) mit dem Getreide des anderen angesehen werden." Dagegen aber "das eine ist der natürliche  Preis  des anderen". Allein es liegt nahe, daß bei einer so subtilen Unterscheidung umso mehr die verwandten Begriffe alsbald ineinander fließen mußten, als damals auf die scharfe Auseinanderhaltung von Grenzbegriffen der Nationalökonomie nicht viel geachtet wurde. Es wird demnach sowohl price gebraucht, um Kaufkraft, als auch value, um den Gegenwert, das Äquivalent, zu bezeichnen. (2)

Die natürliche Tauglichkeit der Güter zur Befriedigung der Bedürfnisse bezeichnet die ältere englische Nationalökonomie mit intrinsic, natural worth, auch mit natural intrinsic value. Dieser Ausdruck (3) ist den älteren kanonistischen und juristischen Schriften über das Geld entnommen, bei dem man Feingehalt und Gewicht mit bonitas intrinseca, den Nennwert aber mit bonitas extrinseca, auch mit valor impositius bezeichnete. MOLINÄUS bemerkt, daß dieser Sprachgebrauch seit etwa 300 Jahren in Gebrauch sei. Demgemäß nannte man den Nennwert der Münzen extrinsic value, auch computative value, den Feingehalt und das Gewicht intrinsic value. In Übertragung dieser Ausdrücke auf die Gebrauchsgüter erschien die wirkliche Tauglichkeit als innerer Wert, die Kaufkraft dagegen als äußerer Wert. So sagt LOCKE, "the change of the marketable value of any commodity ... ist not the altering of any intrinsic value or quality in the commodity, but the alteration of some proportion which that commodity bears to something else." Besonders glücklich gewählt war dieser Sprachgebrauch nicht, und BARBON hatte wohl recht, denselben zu verwerfen. (4) In Wirklichkeit verstand man unter intrinsic value bei Gütern nichts anderes, als diese virtue. So gebrauchte auch PETTY diesen Ausdruck, wie auch LOCKE. Ein anonymer Autor aus dem Jahre 1718 erklärt geradeheraus "that is of the greatest intrinsic value, which has in itself the most useful und delightful Properties. Earth, water and Light are things of the great Intrinsic value although the commonest in the world." (5)

Dies war der allgemeine Sprachgebrauch der englischen Autoren aus dem Ende des 17. und Anfang des 18. Jahrhunderts, was wohl nicht erst durch lange Zitate nachzuweisen ist. Bloß der anonyme Verfasser des erwähnten Essay on Money, Bullion and Exchanges versteht unter value nicht bloß Kaufkraft. Er sagt: "value is an affection of the mind, and signifies the Likung, we have for anything from a principle of Reason: Love is an affection like it, and sometimes accompanies it, but that generally proceeds from Passion. There are many things, we love without reason, but nothing we value without, although often with a very wrong one. When we speak of value being in a thing, as in a horse, or Gold or Silver we mean no more than that it stirs up that affection in us; to the higher degree it does it the greater value it has. When we say a Bushel of wheat is worth five shillings, we mean that it stirs up this affection in us, as much as five shillings." Das, was die anderen Autoren unter value und price verstehen, bezeichnet er in der bereits zitierten Stelle mit worth.

In der folgenden Zeit hat sich eine Veränderung bloß mit dem Ausdruck intrinsic value vollzogen. Man verstand darunter nun nicht mehr bloß die innere Güte der Dinge, sondern den durch die Produktionskosten gegebenen natürlichen Wert. Dies gilt von HARRIS, CANTILLON, STEWART.

2. Dies über die englische Terminologie bis zu ADAM SMITH. Prüft man die italienische und französische Literatur, so zeigt sich manche Verschiedenheit gegenüber dem eben Dargestellten. Eine subjektive Auffassung des Wertes war den italienischen und französischen Autoren nicht fremd. Was zunächst Italien anlangt, so wurden die Worte  valore  und  prezzo  vielfach als gleichbedeutend gesetzt. Doch hebt schon MONTANARI (6) an verschiedenen Stellen hervor: der Wert der Güter sei "la stima que ne fanno i nostri desiderj" oder "la stima che ne facciano secondo il bisogno o desiderio nostro". Da er der Meinung war, daß der Tauschwert sein Maß von den Bedürfnissen der Menschen empfange, so erschien ihm die Kaufkraft als der Ausdruck der erwähnten  stima  [Schätzung - wp]. Doch bedeutet auch bei ihm  valore  häufig nichts anderes als Kaufkraft, was nach der richtigen Zurückführung derselben auf menschliche Nützlichkeitserwägungen nicht weiter zu beanstanden ist. Die erwähnte subjektive Definition des Wertes scheint ziemlich gebräuchlich gewesen zu sein, denn GALIANI (7) sagt ausdrücklich: der Wert der Güter werde von vielen definiert als "la stima che di esso hanno gli nomini". Er selbst versteht unter Wert "una idea di proporzione tra il possesso d' una cosa c quello d' un' altra nel concetto d' un uomo". Demnach würde der Wert die Austauschmöglichkeit zu einem gewissen Satz bedeuten, und so sagt auch GALIANI: der Wert ist "una ragione" [ein Grund - wp].

Wie schwankend übrigens der Sprachgebrauch der Wissenschaft war, zeigt am besten GENOVESI. (8) Er sagt die Worte "prezzo, pregio, stima, valuta, valore" werden als gleichbedeutend gebraucht und sollen im vulgären Sprachgebrauch anzeigen, was man für ein Gut an Geld erhalte. GENOVESI selbst gebraucht bald das eine, bald das andere Wort, ohne weiter zu unterscheiden, und erklärt endlich alle diese Worte unter  einem,  indem er sagt: "il prezzo e la potenza da soddisfare ai nostri bisogni", und wie um zu zeigen, daß valore ebensoviel bedeutet als prezzo, fügt er hinzu, "per modo che quelle cose non hanno valore le quali non hanno alcuna efficacia da soddisfare a nostri bisogni".

In der französischen Literatur finden wir zwei einander entegengesetzte Anwendungen des Wortes valeur. Einerseits stehen TURGOT und CONDILLAC, andererseits die physiokratischen Autoren. TURGOT (9) verstand unter Wert die Anerkenntnis der wirtschaftlichen Bedeutung der Güter und unter Preis das, was man im Austausch für ein Gut erhielt. CONDILLAC (10) versteht unter Wert die anerkannte Tauglichkeit eines Gutes zur Befriedigung unserer Bedürfnisse, unter Preis die Schätzung eines Gutes mit Beziehung auf ein anderes Gut. Die Physiokraten mit Ausnahme TURGOTs verstanden unter Wert Tauschwert, und unter Preis den in Geld ausgedrückten Tauschwert. Man findet bei ihnen die später von ADAM SMITH verbreitete Unterscheidung zwischen Gebrauchswert und Tauschwert klar ausgesprochen; sie nennen jenen valeur usuelle [Gebrauchswert - wp], diesen valeur vénale [Kaufwert - wp]. Dem ersteren wird weiter keine Beachtung geschenkt. (11)

3. Um die Terminologie bei ADAM SMITH, mit welcher der moderne englisch-französische Sprachgebrauch übereinstimmt, kurz zu charakterisieren, genügen einige Bemerkungen.

ADAM SMITH unterschied Gebrauchs- und Tauschwert, indem er unter jenem die natürliche Nützlichkeit, den intrinsic value der älteren Autoren, den valeur usuelle der Physiokraten verstand, unter diesem Kaufkraft. Der Gebrauchswert wird von ihm weiter nicht berücksichtigt. Preis bedeutet bei ihm bald das Äquivalent, bald im allgemeinen Kaufkraft. Bei diesem Sprachgebrauch sind die französischen und englischen Nachfolger ADAM SMITHs verblieben; nur verstand man unter Preis das in Geld ausgedrückte Äquivalent, die in Geld dargestellte Kaufkraft der Güter. Es scheint nicht notwendig, dies durch Zitate weiter zu beweisen; soweit sich bei einzelnen Autoren ein anderer Sprachgebrauch findet, wird davon noch die Rede sein. Die bekanntesten Differenzen in der Erklärung des Wertbegriffs können schon hier erwähnt werden. So sagen die einen: "Wert ist die Fähigkeit der Güter, daß sie vertauschbar sind" (MacCULLOCH, SENIOR), die andern: "Wert bedeutet die Quantität der Güter, die man im Austausch für ein Gut erhält" (J. B. SAY, JOHN STUART MILL, CHERBULIEZ), die dritten: "Wert ist das quantitative Austauschverhältnis der Güter" (CAIRNES).

Erst in der neuesten Zeit beginnt man in England die subjektive Bedeutung des Wertes hervorzukehren. So sagt JEVONS: "Ich bin zu der Ansicht gelangt, daß die meisten Menschen unter Wert nicht ein quantitatives Verhältnis verstehen; es liegt darin eine Achtung und ein Wunsch, die wir einem Gut entgegenbringen, wobei wir von einem Tauschverhältnis zu anderen Gütern ganz absehen." BONAMY PRICE definiert demgemäß den Wert, wie die Liebe, (die Verschiedenheit liegt nur im Objekt) als "a sense of attachment, of affection for a thing, a caring for it, a desire to possess it, an intention more or lesse strong to retain it in possession".

In Deutschland hat die Terminologie zwei Phasen durchgemacht. Zunächst - nach ADAM SMITH - verstand man unter Wert niemals Kaufkraft, sondern die Nützlichkeit der Gütergattungen oder den Grad dieser Nützlichkeit. Den Wert teilte man in Gebrauchs- und Tauschwert, je nachdem der Besitzer mit seiner Sache selbst ein Bedürfnis befriedigt oder sie zum Tausch bestimmt. Unter Preis verstand man zumeist die Sache, die man im Tausch für ein Gut erhält. Der Schöpfer dieser Terminologie und der damit verbundenen Lehren war LOTZ. (12) Sie blieben bis in die zweite Hälfte dieses Jahrhunderts in Geltung und sind es zum Teil noch.

Neuere Autoren fanden, daß dabei der Wert nicht ökonomisch und nicht subjektiv aufgefaßt werde. Große Verdienste haben sich in dieser Beziehung KNIES und SCHÄFFLE (13) erworben. Dem letztgenannten Forscher verdankt man, daß der Wert endlich wohl allgemein als eine Bedeutung der Güter für den Menschen in wirtschaftlicher Beziehung aufgefaßt wird. Damit war der subjektive Charakter des Wertes klar zum Ausdruck gebracht. Es galt nun, den Grund dieser Bedeutung zu erfassen.

Ohne hier dieser Frage näher zu treten, akzeptiere ich als die im Wesen richtige Darstellung dieser Beziehung zwischen Gut und Mensch die von KARL MENGER (14) gegebene Definition: der Wert ist die Bedeutung konkreter Güter oder Güterquantitäten, "daß wir in der Befriedigung unserer Bedürfnisse von der Verfügung über dieselben abhängig zu sein uns bewußt sind." Sie macht die landläufige Unterscheidung von Gebrauchswert und Tauschwert überflüssig oder drückt doch deren Bedeutung sehr herab.

Gegen diese Unterscheidung, die, wie erwähnt, von der des ADAM SMITH wesentlich abweicht, hat man mit Recht eingewendet, daß sie entweder nichtssagend oder zu eng ist. Versteht man unter Gebrauch jede zweckentsprechende Verwendung einer Sache, dann ist auch das Vertauschen ein Gebrauchen. Nimmt man dagegen das Wort "Gebrauchen" im eigentlichen Sinn, dann kommt man zu dem Resultat, daß wichtige Beziehungen der Menschen zu den Gütern ignoriert werden. Das Haus, das der Eigentümer nicht selbst bewohnt, hat für ihn keinen Gebrauchswert, da er es nur zum Vermieten hat; der Grund und Boden kommt vielfach nur als Ertragsobjekt, eine Maschine nur als Produktionsobjekt in Betracht usw. Wenn nun der Wert entweder Tausch- oder Gebrauchswert sein soll, wie wären dann diese Güter einzureihen, bei denen das wirtschaftliche Interesse weder die Eignng zum Tausch noch die Eignung zum Selbstgebrauch berücksichtigt, sondern die für andere Zwecke? Selbst in beschränkterer Gültigkeit ist aber die Bedeutsamkeit dieser Unterscheidung nicht einzusehen. Sie besagt, daß der Einzelne zwecks Befriedigung seiner Bedürfnisse zufällig bald direkt, bald indirekt von einem Gut abhängig ist, und demnach den Wert nicht stets aus gleichen Rücksichten schätzt. Volkswirtschaftlich fallen beide Werte stets zusammen, es sei denn daß es sich um ein Gut handelt, das nur für  einen  Menschen Wert hat, nämlich für den, der es besitzt; wenn sie privatwirtschaftlich nicht zusammenfallen, so ist das in der herrschenden arbeitsteiligen Produktionsform begründet, welche dahin führt, daß die Produzenten die eigenen Produkte nicht gebrauchen können.

Eine neue, durchgreifende Unterscheidung hatNEUMANN (15) versucht. Er trennt subjektiven und objektiven Wert; der erstere bezieht sich "auf gewisse Personen und ihre Vermögensinteressen, bzw. ihre Interessen, Wünsche oder Neigungen überhaupt"; beim objektiven Wert wird "von gewissen Personen absehend" allein "die Tauglichkeit, gewissen einzelnen Interessen, Wünschen, Zwecken usw. der Menschen im allgemeinen zu genügen," berücksichtigt. Objektive Werte sind z. B. der Heizwert, Nährwert, Düngwert, Kaufwert, Ertragswert. Wenn die Wissenschaft diese Einteilung annimmt, dann macht sie dem ungenauen Sprachgebrauch des täglichen Lebens ein überflüssiges Zugeständnis und schafft eine in sich ungleiche, unrichtige Kategorie. Es werden hier Begriffe zusammengestellt, die voneinander ganz verschieden sind. Wenn ein Gut Kaufwert hat, dann hat es Wert; allein ein Gut kann Heizwert, Nährwert usw. haben, ohne Wert zu besitzen. Dazu kommt noch ein anderer Umstand: das, was man Heizwert, Nährwert, Dungwert nennt, kommt den Sachen zu, auch wenn der Mensch diese Qualitäten nie erprobt. Fleisch hätte Nährwert, auch wenn die ganze Welt vegetarisch wäre, und Zyankali besäße einen Vergiftungswert, auch wenn sich nie jemand vergiftet hätte. Es ist mit diesen Eigenschaften wie mit der Undurchdringlichkeit, dem Gewicht und der Kristallisation der Mineralien; sie kommen den Sachen von Natur zu, und wenn der Sprachgebrauch jene Tauglichkeiten als Werte bezeichnet, so geschieht dies, weil er vielfach unter Wert überhaupt Tauglichkeit versteht.

Jedenfalls wären alle diese objektiven Wert auszuscheiden, bei denen, wie gezeigt, der Wert im eigentlichen Sinne mit natürlichen Qualitäten der Güter verwechselt wird. Sie beruhen, wie BÖHM von BAWERK zutreffend bemerkt (16), nicht auf wirtschaftlichen, sondern auf technischen Verhältnissen und gehen die Nationalökonomie nichts an. Was den Kauf-, Ertrags-, Miet-, Leihwert usw. betrifft, so scheint gleichfalls keine Veranlassung vorzuliegen, dem täglichen Sprachgebrauch zu folgen und besondere objektive Werte zu konstituieren. Güter können nur dann vertauscht, vermietet, verliehen werden, wenn sie Wert haben, und wenn einem Gut Wert beigelegt wird, dann ist damit selbst schon die Möglichkeit des Vertauschens gegeben. Es geht nicht an, die Kaufkraft der Güter, die nur ein Ausfluß ihres Wertes ist, als eine selbständige Qualität oder Kraft hinzustellen; sie wäre in dieser Selbständigkeit unverständlich.

In seiner vortreffliche Arbeit über den Wert hat von BÖHM-BAWERK hervorgehoben, daß von den sogenannten objektiven Werten bloß der Tauschwert wissenschaftliche Relevanz besitze, daß es aber unmöglich sei, diesen und den subjektiven Wert in  eine  Definition zusammenzufassen. "Wichtigkeit für die Wohlfahrt eines Menschen und objektive Fähigkeit gegen andere Güter vertauscht zu werden sind zwei Begriffe, die so wenig gemeinsame logische Merkmale besitzen, daß ein allgemeinerer Begriff, der sie beide umschließen ... sollte, ganz leer und schattenhaft geraten müßte." Ich bin dieser Meinung nicht. Ist der Wert die Bedeutung der Güter, daß wir bei Befriedigung unserer Bedürfnisse von der Verfügung über dieselben abhängig zu sein uns bewußt sind, dann liegt darin, daß wir zwecks Erwerbung der Güter Opfer bringen und die Güter nicht anders, als gegen Entgelt abgeben. Wert bedeutet demnach zugleich Entgeltlichkeit des Erwerbs und Kaufkraft. Die Kaufkraft der Güter ist mit dem Wert gegeben und wie dieser bald allgemein, bald beschränkt auf bestimmte Kreise und Personen; Wert ohne Kaufkraft findet man nur in dem Fall, wo ein Gut nur das Bedürfnis  eines  Menschen, des Besitzers, befriedigt. Im Wort  Wert  ist also sowohl die wirtschaftliche Bedeutung, als auch die aus dieser fließende Kaufkraft der Güter ausgedrückt. Ich glaube demnach, daß die Wissenschaft an einem einheitlichen Wertbegriff festhalten sollte. Welcher Unterschied besteht aber zwischen Wert und Preis?

Wenn einem Gut Wert beigelegt wird, so sagt man von demselben verschiedenes aus: daß es ein Bedürfnis befriedigt, daß dieses Bedürfnis ohne dieses Gut unbefriedigt bliebe, daß man dafür Opfer bringt. Diese zusammengesetzte Bedeutung der Güter soll zum Ausdruck kommen, und man muß diesen vom Wert wohl unterscheiden. Die Wertschätzung findet symptomatischen Ausdruck in der sorgfältigen Behandlung der Güter, in der Sparsamkeit der Verwendung und in der vorsichtigen Aufbewahrung. Sie findet einen präziseren Ausdruck teils in den Opfern, die der einzlne bringt, um Güter zu erwerben, teils im Entgelt, das für die Hingabe der Güter verlangt wird. Es gibt eine Wertschätzung und einen Wertausdruck vor dem Tausch und ohne Rücksicht auf denselben: der Wert könnte im Tausch keinen Ausdruck finden, wenn es nicht vor dem Tausch einen Wertausdruck geben würde. Auch der isolierte Mensch schätzt den Wert. Das Austauschverhältnis braucht die beiderseitigen Wertschätzungen nicht mehr zum genauen Ausdruck zu bringen, es wird vielmehr eine  media sententia  [der mittlere Weg - wp] geschaffen, und man kann ein Gut eventuell mit wenigen Opfern erlangen oder mehr für sein Gut erhalten, als man gedacht hat. Das nun, was man im Austausch für ein Gut erhält, nennt man dessen Preis, und dieser ist nichts, als eine Resultierende aus verschiedenen Wertschätzungen.

Der Unterschied zwischen Wert und Preis ist demnach klar: es ist der Unterschied zwischen einer Größe und ihrem Ausdruck. Es ist unrichtig, wenn von so vielen Seiten der Wert als der Grad irgendeiner Tauglichkeit definiert wird. Es ist nicht minder unrichtig, wenn NEUMANN den Unterschied darin findet, daß der Wert "vorzugsweise aus Schätzungen und Beurteilungen hervorgeht", während der Preis "regelmäßig auf einer ein- oder zweiseitigen Festsetzung oder Normierung beruth". Denn der Wert bezeichnet, daß eine Sache eine gewisse wirtschaftliche Bedeutung besitzt; gelangen Güter zum Austausch, so entsteht der Preis als Resultierende der verschiedenen Schätzungen dieser wirtschaftlichen Bedeutung der auszutauschenden Güter. Dies wird noch genau dargestellt werden. Zwischen Wert und Preis ist also nicht der Unterschied wie zwischen oberflächlicher Schätzung und genauer Messung, sondern wie zwischen dem, was man zum Ausdruck bringen will, und dem Ausdruck, also etwa wie zwischen Gedanke und Wort.

Man hat behauptet, der Tauschwert bringe nicht die wirtschaftliche Bedeutung der Güter zum Ausdruck, sondern ein rein mechanisches Verhältnis der Güter (17), und im Zusammenhang damit wurde auch die Behauptung aufgestellt, der subjektive Wert sei unmeßbar im Gegensatz zum sogenannten objektiven Wert, namentlich zum Tauschwert. Diese Meinung enthält einen Widerspruch. Es handelt sich nicht um die Meßbarkeit, sondern darum, ob die Menschen imstande sind, die den Gütern beigelegten Bedeutungen zum Ausdruck zu bringen, und das ist wohl zweifellos. Die Kaufkraft ist nur eine Äußerungsform des Wertes, und zwar wird die Bedeutung der Güter in wirtschaftlicher Beziehung zum Ausdruck gebracht. Wäre das wirtschaftliche Interesse, das wir an den Gütern haben, nicht zum Ausdrck zu bringen, wie könnte man ein Austauschverhältnis finden? Wenn man ein Gut gegen ein anderes hingibt, so werden beiderseits die subjektiven Werte verglichen. Wenn ich 100 Gulden für ein Gebrauchsgut gebe, was ist damit zur Feststellung gelangt? Offenbar die wirtschaftliche Bedeutung, die ich dem Gut beilege. Wenn ein Gut auf dem Markt um 100 käuflich ist, was besagt das? Daß unter den herrschenden Umständen die Bestrebungen, das Gut zu kaufen und zu verkaufen, die Einzelschätzungen der wirtschaftlichen Bedeutung des Gutees zu dieser  media sententia  geführt haben. Der Preis ist demnach ein ungenaues Mittel zwischen vielen Wertschätzungen. Bei der modernen Preisbildung erhalten die Güter gleichsam eine gesellschaftliche Geltung, die jeweilig unabänderlich ist; allein sie kann ihren Ursprung nicht verleugnen: nur bildlich kann man den Preis als Gesamturteil bezeichnen, etwa so, wie man bei einer Volksabstimmung von einem Gesamturteil spricht; in Wirklichkeit handelt es sich in beiden Fälen um zahlreiche Einzelurteile, die zusammentreffend ein Ergebnis liefern. Die Preise sind die Resultierenden aus den verschiedenen Schätzungen der einzelnen Güter seitens der Käufer und Verkäufer. Geschätzt wird aber in allen diesen Fällen nicht etwa die Kaufkraft, sondern die wirtschaftliche Bedeutung der Güter; könnte man diese, wie behauptet wird, nicht feststellen, dann wäre es unmöglich, zu tauschen und zu wirtschaften.

Die ältere deutschen Nationalökonomie hat in ihren besten Vertretern den Gedanken aufgestellt, der Preis sei kein Ausdruck des Wertes. Noch RAU sagt: "der Preis kann über das Wesen eines Gutes, über die Dienste, die es den Menschen leistet, keinen Aufschluß geben", und diese Bemerkung ist auch in die  erste,  von A. WAGNER herausgegebene  neue  Auflage des RAUschen Werkes übergegangen. Früher schon hatten LOTZ und BERNHARDI diese Ansicht verteidigt. Sie erklärt sich aus der damals gebräuchlichen idealistischen Definition des Wertes, den man ganz abstrakt als die Bedeutung von Gütergattungen für die Menschheit auffaßte; der Preis mußte, da er diesen abstrakten Wert nicht zum Ausdruck brachte, vom Wert losgerissen werden und schwamm haltlos auf dem weiten Meer der Theorie umher. Jetzt, da der Wert wirtschaftlicher aufgefaßt wird, ist es möglich geworden, den Preis als eine eigenartige Ausdrucksform des Wertes zu bezeichnen.
LITERATUR Robert Zuckerkandl, Zur Theorie des Preises [mit besonderer Berücksichtigung der geschichtlichen Entwicklung der Lehre] Leipzig 1889
    Anmerkungen
    1) JOHANNES NIDER (Compendiosus tractatus de contractibus mercatorum, Kap. 11) unterscheidet in diesem Sinne  valor  und  pretium.  Er sagt: secundus articulus erit de valore rei: est enim inter DD magnum dubium, penes quid venditor mensurare debeat. Oder er sagt, der Preis soll nach dem Wert bemessen werden, was ganz dem gewöhnlichen Sprachgebrauch entspricht: man solle für eine Sache nur einen dem Tauschwert entsprechenden Preis verlangen. Die Kaufkraft des Geldes wurde gleichfalls  valor  genannt. Naturgemäß wurden die beiden Begriffe  valor  und  pretium  bei dieser Auffassung fast gleichbedeutend. SCACCIA (Tractatus de Commerciis, Romae 1619) sagt: mercis pretium seu valor vilescit ... si merx emptorem quaerat. Oder: propter dubicatem valoris mercis venditae, an tempore solutionis faciendae sit majori pretio valitura, quam tempore venditionis, quia tunc aequileber dubium de valore pretii, tempore solutionis potest salvare contractum ...
    2) Man betrachte z. B. PETTY. Er sagt: "the  value  of the buildings in Amsterdam may well be half that of Paris" - "the  value  of the goods exported out of France" - "but what is exported out of Holland into England ist  worth  3 Millions" ("Politische Arithmetik") "But a further though collateral question ist, how much English money this corn or rent is  worth.  ("On taxes etc.") Daneben wird gesprochen von  "price  of commodities" -  "price  of corn" - "the  price  of land". ("Politische Arithmetik") Die Frage: "how much money this corn or rent is worth" wird wie folgt beantwortet: "I say the silver of the on must be esteemed of equal  value  with the corn of the other. ... from whence it follows, that the  price  of a bushel of this corn to be an ounce of sivler." ("On taxes, Chapter IV, Seite 17) - "the word measures things by gold and silver, but principally by the latter ... and if silver granted to be of the same finenesse and weight rise and fall in its  price,  and be more  worth  at one place than another ... an if it differ in its proportion unto the several things  valued  by it" usw. (ebd.) Es wird auch oft, wenn Güter mit Geld verglichen werden, von value gesprochen. Ich erwähne diesbezüglich nur  eine  Stelle aus dem eben zitierten Werk PETTYs (Chap. V), wo er von einem Gut sagt: "not aus yet comparing it to money, in which the  value  of the said hay well be more or less according to the plenty of money." - - - Bei LOCKE findet man in nicht geringerem Maße als bei PETTY value, price und worth unterschiedslos nebeneinander. Das läßt sich durch zahlreiche Stellen aus seinen nationalökonomischen Werken beweisen. Zum Beispiel "he that will justly estimate the  value  of anything, must consider its quantity in proportion to its vent, for this alone regulates the  price."  (Consequences of the lowering of interest). - "it is certain that on ounce of silver ist always of equal  value  to another ounce of silver, considered in its intrinsic  worth  ... but it is not of the same  value  at the same time, in several parts of the world, but is of the most  worth  ... where there ist the least money in proportion to its trade." (ebd.) - "the  value or price  of anything being only the respective estimate it bears to some other ..." ("Of Raising our Coin") - "Money ... is really a standing measure of the falling and rising  value  of other things, in reference to one another; and the alteration of  price  truly in them only. But if you increase, or lessen the quantity of money ... the the alteration of  value  is in the money: and if at the same time wheat keep its proportion of vent to quantity, money ... alters  worth."  ("Consequences etc.") - "But the  value  or  price  of all commodities ... consisting in proportion ..." (ebd.).
    3) KARL MARX behauptet (Das Kapital, Seite 2, Anm. 4): "Im 17. Jahrhundert finden wir noch häufig bei englischen Schriftstellern worth für Gebrauchswert und value für Tauschwert." Das ist, soweit ich sehe, unrichtig. Zum Beispiel PETTY: "how much money is corn or rent is  worth".  Zumeist, wo die natürliche Brauchbarkeit der Güter hervorgehoben wird, finden wir nicht worth, sondern intrinsic value. KARL MARX macht jene Bemerkung im Anschluß an ein Zitat aus LOCKE (Consequences) "the intrinsic natural worth of anythin consists in its fitness to supply the necessities, or serve the conveniences of life", allein gleich nach diesen Worten sagt LOCKE "that there ist noch such intrinsic, natural settled  value  in anything, to make any assigned quantity of it constantly  worth  any assigned quantity of another. The marketable value of any assigned quantities of two, or more commodities are equal, when they will exchange one for another. As supposing one bushel of wheat, two bushels of barley, thirty pounds of lead, and one ounce of silver will now in the market be taken one for another they are then of equal  worth,  and an Englishman would say ... that now one bushel of wheat, two bushels of barley, thirty pounds of lead and an ounce of silver were equally  worth  five shillings." Hier ist worth gewiß nicht als Gebrauchswert angewendet. MARX zitiert BUTLER "the value of a thing is just as much as it will bring". Der Vers lautet in den besten Ausgaben: "what  is worth  in anything, But so much money it will bring." Der anonyme Verfasser von "An Essay on Money, Bullion etc.", London 1718 sagt "worth in the concrete, is a comparative term, and signifies the relation, one thing has to another in value".
    4) Ich zitiere nach MacLEOD, Dicitonary of Pol. Econ, "Barbon", da mir die Abhandlung selbst nicht zugänglich war: "There is nothing that troubles this controversy more than for want of distinguishing between value and virtue. Value is only the price of things; that can never be certain because it must be then, at all times and in all places of the same value, therefore nothing can have an intrinsic value. But things have an intrinsic virtue in themselves which in all places have the same virtue, as the loadstone to attract iron and the several qualities that belong to herbs and drugs ... But these things, though they may have great virtues may be of small value or no price according to the place, where they are plenty or scarce."
    5) ANONYMUS, An Essay on Money, Bullion and foreign Exchanges, London 1718
    6) Della Moneta, 1683 erschienen, Scrittori Parte ant. Tom. III Kap. II
    7) Della Moneta 1750, Scritt. Part. mod. Tom III, Kap II.
    8) Lezioni die Econ. civile, 1765. Scritt. Tom. VIII, P. II. Kap I.
    9) Valeurs et Monnaies bei Daire Oeuvres de Turgot, Bd. 1, Seite 74f.
    10) Le commerce et le gouvernement chap. II: "le prix n'est que la valeur estimée d'une chose par rapport á la valeur estimée d'une autre." Der Wert wird definiert als "estime" der Nützlichkeit eines Gutes.
    11) Le TROSNE, de l'intérét social chap. I: "la valeur consiste dans le rapport d'éxchange qui se trouve entre telle chose et telle autre ... le prix est l'expression de la valeur ... dans la vente le prix est en argent." MERCIER d. l. R., l'ordre naturel des soc. pol. DAIRE, Phys. Seite 385f. QUESNAY Anm. 2 zur XVIII Maxime: "on doit distinguer dans un État les biens, qui ont une valeur usuelle et qui n'ont pas de valeur vénale, d'avec des richesses qui ont une valeur usuelle et une valeur vénale: par exemple, les sauvages de la Lousiane jouissaient de beaucoup de biens, tels sont l'eau, le bois, le gibier, les fruits de la tarre etc. qui n'étaient pas des richesses, parce qu'ils n'avaient pas de valeur vénale. Mais depuis que quelques branches de commerce se sont établies entre eux et les Francais ... une partie de ces biens a acquis une valeur et est devenu richesse."
    12) Bereits in seiner im Jahre 1811 erschienenen "Revision der Grundbegriffe der Nationalwirtschaftslehre" wird sie genau begründet.
    13) KNIES, Die national-ökonomische Lehre vom Wert, Zeitschrift für die gesamte Staatswissenschaft, 1855; ALBERT SCHÄFFLE, "Die ethische Seite der nationalökonomischen Lehre vom Wert, 1862, Gesammelte Aufsätze, Seite 192f.
    14) KARL MENGER, Grundsätze der Volkswirtschaftslehre, Wien 1871, Seite 78
    15) FRANZ NEUMANN, Handbuch der politischen Ökonomie, herausgegeben von SCHÖNBERG, 2. Auflage, Bd. 1, Seite 156f
    16) EUGEN von BÖHM-BAWERK, Grundzüge der Theorie der wirtschaftlichen Güterwerts, Jahrbuch für National-Ökonomie und Statistik, Neue Folge - Bd. XIII, 1886, Seite 13
    17) Siehe auch JULIUS WOLF, Zur Lehre vom Wert, Zeitschrift für Staatswissenschaft, Tübingen 1886