ra-2L. StephingerG. SchmollerL.BrentanoF. BleiF. Lifschitzvon Neumann    
 
JOSEPH SCHUMPETER
Das Wesen und der Hauptinhalt
der theoretischen Nationalökonomie


"Man erwies meines Erachtens der reinen Ökonomie einen schlimmen Dienst, als man sie schlechthein als  deduktiv  bezeichnete: Viele Angriffe zog man ihr dadurch zu, denen die Berechtigung nicht abzusprechen ist, die dann aber ihrerseits viel, viel zuweit gingen. Ähnlich steht es mit Kontroversen innerhalb der reinen Theorie. Ein Beispiel ist die berühmte Wertkontroverse. Erstens operierte man zuviel mit  falsch  und  wahr,  statt mit  zweckmäßig  und  unzweckmäßig. Daß die Sonne aufgeht,  ist nicht  falsch  und widerspricht nicht dem Satz, daß jene Erscheinung durch die Bewegung der  Erde  verursacht ist: Beide Sätze sind Beschreibungen desselben Vorgangs und ansich gleich falsch oder richtig; für manche Zwecke aber ist der eine, für manche der andere praktischer - das ist alles."

Vorwort

Ein guter Sinn liegt in dem geflügelten Wort: "Alles verstehen heißt alles verzeihen." Treffender noch könnte man sagen: "Wer alles versteht, sieht, daß es nichts zu verzeihen gibt." Und das gilt auch auf dem Gebiet des Wissens.

Der Laie sieht im Wissen seiner Zeit das Bild der Vollkommenheit. Lehrsätze älterer Systeme gelten ihm einfach als "falsch". Das "falsche" ptolemäische System z. B. mußte dem "richtigen" kopernikanischen weichen, das nun endgültig feststeht. Wäre er sich darüber klar, daß auch die modernste Theorie nur ein provisorisches Gerüst ist, bestimmt, über kurz oder lang neueren oder korrekteren Formen der Darstellung - etwas anderes sind alle Wissenschaften nicht - Platz zu machen, so würde er an der Wissenschaft verzweifeln. Das Schlagwort "Bankrott der Wissenschaft" erfaßt treffend den Eindruck, den eine solche Erkenntnis auf weitere Kreise macht. Auf unserem Gebiet jedoch ist das nicht bloß der Standpunkt des "Laien". Physiker und Mathematiker gleichen wohlgeübten Triariern [Elite der römischen Legion - wp], die ruhig in ihrer Stellung bleiben, wenn auch das Gefecht eine bedenkliche Wendung zu nehmen droht, unsere Autoren dagegen haben sich nicht so standhaft gezeigt. Es mag ein Folge der verhältnismäßigen Jugend der Sozialwissenschaften sein, daß sich ihre Vertreter so leicht zu neuen Richtungen bekennen und dabei das von den Früheren Geleistete recht wenig beachten, daß man geneigt ist, über den Differenzen das Gemeinsame zu vergessen, daß man Reformen statt so schonend als möglich, so grundstürzend als möglich durchführt, daß man einen Neubau von Grund auf einem verständnisvollen Ausbauen des Bestehenden vorzieht. So kommt es, daß die Gegensätze innerhalb unserer Disziplin so unüberbrückbar scheinen, nicht nur die Gegensätze zwischen den verschiedenen Richtungenn, sondern auch innerhalb der reinen Theorie, welche uns hier vor allem interessiert.

Das ist nicht mein Standpunkt. Wie vielen Fachgenossen in der Gegenwart, so hat sich auch mir die Überzeugung aufgedrängt, daß fast jede "Richtung" und jeder individuelle Autor mit seinen Behauptungen  Recht  hat: So  wie  sie gemeint sind, und  vom Standpunkt der Zwecke,  für die sie gemeint sind, sind die meisten Behauptungen  wahr,  und es kommt nur verhältnismäßig selten vor, daß wir einem Satz gar keinen Sinn abzugewinnen vermögen und genötigt sind, ihn als hoffnungslos verfehlt zu bezeichnen. Wir mögen Grund haben, eine andere Auffassungsweise vorzuziehen, aber das berechtigt uns im allgemeinen nicht, eine entgegengesetzte ohne weiteres zu verwerfen. Sie hat  ihren  Zweck vielleicht ganz gut erfüllt und die neue wäre vielleicht nicht möglich ohne sie. Einen Gedanken durchzudenken ist auch dann ein Verdienst und notwendig, wenn sich weiter nichts, als seine Unbrauchbarkeit ergibt. Meist jedoch steht es viel günstiger und wir können wenigstens  etwas  aus fast jeder Theorie gewinnen.

Wir nun wollen uns redlich bemühen, eine jede zu  verstehen das geschieht besonders dadurch, daß wir ihre Voraussetzungen formulieren, was der Autor selbst nur selten ausreichend tut. Und dann zeigt sich meist, daß die Sache logisch einwandfrei ist und manche erbitterte Kontroverse von selbst wegfällt.  Verstehen  wollen wir und nicht bekämpfen,  lernen,  nicht kritisieren,  analysieren  und das Richtige an jedem Satz herausarbeiten, nicht einfach billigen oder verwerfen.

Nicht nur gegenüber verschiedenen Meinungen innerhalb der Theorie wollen wir stets so verfahren, auch über verschiedene "Richtungen" der Nationalökonomie denken wir nicht anders und werden immer wieder betonen, daß zwischen denselben überhaupt kein Gegensatz in dem Sinne besteht, daß die eine wertlos sein müßte, wenn die andere "richtig" ist. So teilen wir die Exklusivität oder Parteitreue nicht, die die meisten Nationalökonomen auszeichnet und sind völlig willens, jedermann, soweit unser Verständnis reicht, Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Und damit stehen wir heute nicht allein. Freilich gibt es einen Punkt, der auf unserem Gebiet eine Verständigung erschwert; das ist der Umstand, daß der Forscher hier fast immer auch Politiker ist und seiner wissenschaftlichen Arbeit sehr oft nicht unvoreingenommen obliegt; doch wir glauben, daß sich Theorie und Politik trennen lassen, ja im Grunde nichts miteinander gemein haben. Aber wenn man uns auch darin nicht beistimmen sollte, so wird man uns doch kaum widersprechen, wenn wir sagen, daß der "Schulenstreit" zwischen reiner Theorie und Geschichte zum größten Teil als überwunden anzusehen ist. Und jedenfalls wollen wir uns nicht daran beteiligen, sondern ruhig bei jedem einzelnen Problem untersuchen, ob die eine oder die andere Behandlungsweise sich mehr empfiehlt. Dabei kommen wir nicht zu einer allgemeinen, sondern zu einer in jedem Fall verschiedenen Antwort.

So hat dieses Buch keine Parteistellung. Der Leser wird eine vollkommene Ruhe konstatieren. Weder für wissenschaftliche noch für politische Dogmen irgendeiner Art wird hier gestritten. Es hätte mich in allen Punkten nicht die geringste Überwindung gekostet, das Gegenteil von dem zu schreiben, was man hier lesen wird, wenn ich es für richtig gehalten hatte. Warum auch? Praktischer Politik stehe ich fern und habe kein anderes Streben, als Erkenntnis; und ebensowenig liegt für mich irgendein Grund vor, mich für eine bestimmte Methode oder Richtung zu erwärmen oder eine andere zu attackieren. Würde ich zur Überzeugung kommen, daß eine andere Methode oder anderes Material, als das von mir verwendete, besser zum Ziel führte, so läge für mich kein Grund vor, an meinem bisherigen Vorgehen festzuhalten. Vielmehr wäre es mir nur ein Vergnügen - und viel Anregung und Befriedigung würde ich davon erwarten -, eben zu jener anderen Behandlungsweise überzugehen und fehlende Kenntnisse zu erwerben.

Auch ist es mir völlig gleichgültig, woher ein Satz, den ich vertrete, stammt, welches das Vaterland einer Theorie oder Richtung ist. Sache des Dogmenhistorikers ist es, in dieser Beziehung Gerechtigkeit zu üben, uns handelt es sich um die Sache und nicht um Personen. Lediglich aus Zweckmäßigkeitsgründen spreche ich vom "System Ricardos" der "österreichischen Schule" usw., weil das übliche Ausdrücke sind, bei denen jedermann schnell sieht, was gemeint ist, ohne daß lange Umschreibungen, die freilich korrekter sein mögen, nötig wären.

Allerdings ist das dogmenhistorische Moment zum vollen Verständnis eines Theorems nötig und soweit das der Fall ist, wollen wir ihm sein Recht werden lassen. Indessen können und wollen wir in dieser Beziehung nicht vollständig sein. Daß der Leser darüber informiert ist und meine kurzen Andeutungen versteht, wird vorausgesetzt, wie das Buch überhaupt nicht für Anfänger oder Laien berechnet ist. Nur bei recht genauer Kenntnis des Standes unserer Wissenschaft kann seine Lektüre ihre eventuellen Früchte tragen. Andernfalls - und es ist meine Pflicht, das zu betonen, umso mehr als diese Bedingung gerade in unserem Kreis oft nicht erfüllt ist, weil der Anfänger sich meist frühzeitig spezialisiert und nur selten eine gründliche Kenntnis aller Teile der Disziplin mitbringt, wo namentlich die reine Theorie vielen Fachgenossen nur oberflächlich bekannt ist - kann von einem ausreichenden Verständnis keine Rede sein. Ich mußte so verfahren, wollte ich den Umfang des Buches nicht ungebührlich vergrößern. Spreche ich also z. B. von der "Böhm-Bawerkschen Theorie", so folgt dem kein genaues Referat derselben. Werden auch ihre Elemente besprochen, so reicht das nicht dazu aus, der Diskussion zu folgen, wenn man das betreffende Werk selbst nicht gelesen hat. Allerdings suche ich speziell auf das deutsche Publikum Rücksicht zu nehmen und bei Materien, die ihm fremder sind als andere, das Nötigste zur allgemeinen Information zu sagen.

Im allgemeinen vermeide ich Zitate und Namensnennungen so viel wie möglich. Ich folge hier dem englischen Gebrauch, der mir viele Vorteile zu haben scheint: Vollständigkeit in Literaturangaben ist, wie gesagt, hier unmöglich und es ist ungerecht,  einzelnen  Schriftstellern zum Verdienst oder zum Vorwurf zu machen, was  viele  tun. Der Leser muß wissen, welche Richtungen und Gedankengänge - Personen spielen hier für uns keine Rolle - gemeint sind, wenn von "einer verbreiteten Theorie" die Rede ist oder die Wendung gebraucht wird: "Man hat oft gesagt". Und er wird auch zu beurteilen haben, was das Buch an Neuem bringt und inwieweit es nur referierend ist. Ich erhebe meinerseits keinerlei Ansprüche: Sollte ich jemals finden, daß ein Resultat, das ich für mein Eigentum hielt, schon früher erreicht worden ist, so würde mich das nur freuen.

Die Arbeit der Späteren entwickelt sich organisch aus der der Früheren und gerne behalte ich die überkommenen Ansichten bei, wo es mir möglich scheint. Je weniger in den folgenden Seiten als neu und fremd berührt wird, umso besser. Nur kurz sei bemerkt, daß LEON WALRAS und von WIESER jene Autoren sind, denen der Verfasser am nächsten zu stehen glaubt.

Findet man auch nicht viele Namen in diesem Buch, so dürfte dasselbe doch die meisten Gedanken enthalten, welche die reine Ökonomie der Gegenwart ausmachen, so daß es in diesem Sinne wohl einen Überblick über den Stand dieser Disziplin gibt. Alle Ansätze zu einer weiteren Entwicklung hoffe ich berücksichtigt zu haben. Und stets war es mein Bestreben, weiterzubauen, ohne mehr als unbedingt nötig niederzureißen. Jede exakte Wissenschaft muß sich langsam, Schritt für Schritt, ihren meist so steinigen Pfad brechen, unbekümmert darum, daß ihr Fortschritt weiteren Kreisen oft unbedeutend erscheint. Auf unserem Gebiet geschiecht das leider zu wenig, und noch immer ist das Streben nicht ausgestorben, womöglich mit jedem Buch eine neue Ökonomie zu begründen. Das wird besser werden, wenn unsere Disziplin zu ihren Jahren kommt. Wir wollen uns des Wertes der vorgeleisteten Arbeit bewußt bleiben und ihre Hilfe nicht verschmähen, freilich auch keineswegs der Ansicht huldigen, daß nichts Wesentliches mehr zu tun ist. Die Zahl der grundlegenden Gedanken ist eine geringe; manche, aber noch nicht alle, sind gefunden.

Doch auch hier wird man kaum eine vollständige Befriedigung in den folgenden Erörterungen finden. Bei manchen Punkten, die uns besonders wichtig oder zu wenig beachtet erscheinen und bei denen wir etwas zu sagen haben glauben, verweilen wir länger, andere streifen wir nur. Was uns genügend klargestellt scheint - mag es auch sehr wichtig sein -, wird nahezu übergangen. Der Leser bedenke, daß er kein Lehrbuch vor sich hat, auch kein systematisches Werk, dessen Aufgabe es wäre, mit gleicher Sorgfalt alle Teile der Disziplin darzustellen.

Das Gebotene soll dem Vorhandenen etwas hinzufügen, nicht das Getane wiederholen. Wir wollen im allgemeinen vorwärts und nur soweit rückwärts blicken, als es nötig ist. Und außerdem interessieren uns die einzelnen Theoreme nicht so sehr ansich, als ihre Natur und ihre Stellung im System der Wissenschaft. Hochwichtige praktische Fragen haben nur die Bedeutung von Beispielen für uns, an denen wir die Art und die Resultate unserer Räsonnements beobachten. So wird die Darstellung mehr als einmal gerade dort abgebrochen, wo die Sache für manchen Leser interessant zu werden  beginnt,  und an diesen Punkte macht sich unsere Unvollständigkeit besonders fühlbar. Aber es liegt im Wesen der Sache, daß wir nur wenige Fragen erschöpfend behandeln zu können und bei den meisten nur Beiträge zu diesem Ziel bieten. Ich glaube trotzdem nicht, daß jemand, der sich der Mühe unterzieht, dieses Buch zu lesen, mir den Vorwurf der Oberflächlichkeit oder ungenügender Kenntnis machen wird.

Zum Gegenstand unserer Diskussion haben wir ein ganz enges Gebiet aus dem Reich der Sozialwissenschaften gewählt, das sich dadurch auszeichnet, daß es eine exakte Behandlung zuläßt.

Es mag sein, daß schon der bloße Name der exakten Ökonomie manchen abschreckt. Wer für den Vorgang der exakten Disziplinen keinen Geschmack hat, der lege das Buch ungelesen beiseite. Es liegt mir fern, jemandem daraus einen Vorwurf machen zu wollen. Und wer der Ansicht ist, daß er für praktische Fragen daraus nichts lernen könne, hat Recht: Für den Praktiker ist etwas anderes als für den Theoretiker wichtig.

Das klassische System der Nationalökonomie liegt Trümmern. Dennoch wird es von vielen noch immer als "die" Nationalökonomie betrachtet. Viele Autoren wandten sich davon ab und anderen Arbeitsgebieten zu, welche methodologisch und selbst inhaltlich kaum etwas gemein damit haben. Außerdem jedoch entstand eine neue Theorie, aber auf teilweise anderen Grundlagen und mit teilweise anderen Zielen. Das sieht verwirrend und keineswegs erfreulich aus, fast chaotisch.

In welchem Verhältnis steht die Theorie zu jenen anderen Richtungen und, innerhalb der ersteren, das alte und das neue System? Und was aknn man davon erwarten? Überhaupt: Was nun? Gibt es Wege, die weiterführen, und wo sind sie zu suchen? Über alles das hat man soviel diskutiert, aber wirkliche Klarheit - obgleich sie durchzuleuchten beginnt - wurde nicht erreicht. Das kam daher, daß man mit prinzipiellen, allgemeinen, aprioristischen und oft sogar außerwissenschaftlichen Argumentenn arbeitete und nie ins Einzelne einging. Mehr einer politischen Fehde glich die Diskussion, Schlagworte, auf die die Anhänger schworen, traten an die Stelle einer ruhigen Auseinandersetzung und so wurden zahllose Mißverständnisse aufgehäuft, die sehr schwer zu beseitigen sind. Man kann heute, unbeschadet der Tatsache, daß die Fortgeschrittensten über den Methodenstreit längst hinaus sind, ohne Übertreibung sagen, daß viele Ökonomen über diese Fragen durchaus im Unklaren sind und sozusagen nicht aus und nicht ein, vor allem aber nicht  weiter  wissen. Jeder kann seine prinzipielle Stellung angeben und mit allgemeinen Sätzen verteidigen, aber wie sich die Sache im Grunde verhält, mit Rücksicht auf jedes einzelne Problem, und was von der Nationalökonomie zu halten, was ihre Natur, Bedeutung und ihre Zukunft denn eigentlich ist, darüber herrscht - und nicht bloß in den weitesten Kreisen - eine bedauerliche Unklarheit.

Darauf nun wollen wir Antwort zu geben versuchen. Aber nicht wiederum mit allgemeinen Argumenten, die alle wahr sind und doch zu nichts führen; nicht mit "Dialektik", mit der man  alles  beweisen kann, sondern aus unserer Arbeit heraus.

Stets wollen wir uns klarzumachen suchen, was eigentlich jeder unserer Sätze bedeutet, was sein Wert und seine Natur ist. Daraus wird sich etwas wie eine  Erkenntnistheorie der Ökonomie  ergeben oder doch ein Beitrag dazu. Es ist meine Überzeugung, daß nur so jene Fragen endgültig gelöst werden können, nicht mit allgemeinen Argumenten. Bisher hat jeder Nationalökonom seine Erörterungen mit gewissen aprioristischen Obersätzen über das Wesen des Wirtschaftens oder des menschlichen Handelns begonnen und daraus deduktiv Behauptungen für diese oder jene Methode gewonnen. Das kann zu keinem Resultat führen. Der Satz: "Alles Geschehen ist dem Kausalgesetz unterworfen, daher müssen exakte Gesetze auch auf ökonomischem Gebiet möglich sein", beweist gar nichts. Denn, abgesehen davon, daß der moderne Erkenntnistheoretiker denselben nicht ohne weiteres unterschreiben wird, bliebe noch immer die Frage offen, ob die Kausalzusammenhänge, mit denen wir es zu tun haben, einfach genug sind, um die Aufstellung allgemeiner Sätze von hinlänglichem Interesse zu ermöglichen. Und darauf kommt es an.

Auf der anderen Seite, ein Satz wie: "In den Geisteswissenschaften ist der naturwissenschaftliche Gesetzesbegriff unanwendbar" ist ebenso wertlos. Wiederum abgesehen von der Frage, ob und in welchem Sinne er überhaupt richtig ist, schließt er das Bestehen von Regelmäßigkeiten, welche exakt beschrieben werden können, nicht aus. Und ob solche bestehen - was für die Möglichkeit einer exakten Behandlung völlig ausreichen würde - kann nur die Untersuchung am einzelnen Problem lehren. Das führt uns auf den zweiten Punkt, in dem unseres Erachtens gefehlt wird. In allgemeinen methodologischen Werken ist von konkreten Problemen meist gar nicht die Rede; vielmehr bewegt sich die Diskussion in allgemeinen Behauptungen; oft fehlt - und das muß nicht nur Darstellungen wie denen WUNDTs und SIGWARTs zum Vorwurf gemacht werden, sondern sehr oft sogar Nationalökonomen vom Fach - eine ausreichende Sachkenntnis bezüglich der Details der Theorie. Sogar das Gebiet der Ökonomie wird aufgrund allgemeiner Erwägungen abgesteckt. Und selbst methodologische Erörterungen in den Einleitungen von Werken, die es mit konkreten Problemen zu tun haben, tragen diesen Charakter: Sie stehen nicht im organischen Zusammenhang mit dem Folgenden, sondern stellen meist nur eine Art Glaubensbekenntnis dar, das durch die Praxis des Handelns oft desavouiert [abgewertet - wp] wird. Man erklärt z. B., daß man die Notwendigkeit der Verwendung historischen Materials anerkene, oder daß man nicht nur Daten sammeln, sondern "Gesetze" finden wolle - tatsächlich tut man es nicht. Man sagt, daß man keine praktischen Vorschläge machen dürfe, tatsächlich findet dann der Leser dennoch, daß ihm solche aufgedrängt werden. Man spricht davon, daß statistische Grundlagen nötig seien, tatsächlich führt man statistische Daten nur beispielsweise an und kommt durch abstraktes Räsonnement und nicht durch jene zu seinen Resultaten. So kann es uns nicht wundern, daß man oft den allgemeinen Argumenten eines Autors völlig beistimmen kann, und die Sache ganz in Ordnung zu sein scheint, doch aber in allen praktischen Fällen die größte Unsicherheit über den einzuschlagenden Weg herrscht.

Unserer  Ansicht nach darf man sich nicht die methodologischen Anschauungen apriori zurechtzimmern, sondern muß, unbeeinflußt von allen Erwägungen, in jedem Fall tun, was am weitesten führt. Man darf besonders das Gebiet der Ökonomie nicht apriori abgrenzen wollen. Wir müssen vielmehr ruhig an die Fragen, die uns interessieren, herantreten und über sie klar zu werden suchen. Die Methode, die uns dabei nützlich war, braucht aber deshalb nocht nicht allgemeingültig zu sein. Wohl werden wir  versuchen,  sie auch weiter anzuwenden, aber dieser Versuch kann gut oder schlecht ausfallen, und in letzterem Fall ist unsere Methode ebensowenig allgemein schlecht, wie in ersterem allgemein gut. Daraus nun, daß man Behauptungen, die für manche Probleme und Zwecke richtig sind, allgemein ausspricht, ergibt sich der eigentümliche Zustand, daß dieselben sowohl mit allgemeinen Gründen verteidigt, als auch mit Beispielen belegt werden können, ohne doch jemanden völlig zu befriedigen. Es ist ein Leichtes für den Gegner, andere allgemeine Gründe und andere Beispiele anzuführen, welche genau das Gegenteil beweisen und da beide nur auf jene Dinge blicken, die ihnen am Herzen liegen, so eine Verständigung fast ausgeschlossen. Jeder ist von seinem  ausschließlichen  Recht, weil er es  zum Teil  klar nach weisen kann, überzeugt, und der Anfänger weiß nicht, woran er sich halten soll.

Die ganze Geschichte des Methodenstreits liegt in diesen Worten. Nicht neue allgemeine Sätze zu finden ist unser Bestreben: Der einzige allgemeine Satz, der wirklich apriori haltbar ist, ist meines Erachtens der, immer vernünftig vorzugehen. Auch wollen wir uns nicht für die eine oder die andere Partei entscheiden. Wir wollen jene allgemeinen Sätze, deren Richtikeit wir anerkennen, in das richtige Verhältnis zueinander setzen, präzise ihre Grenzen und relative Tragweite angeben, durch das Studium der Einzelfälle sehen, wie sich denn die Sache  wirklich  verhält.

Man kann also das Studium der Methoden nicht von dem der konkreten Probleme trennen. Nur im Hinblick auf die letzteren haben die ersteren Sinn. Auf das  Detail  kommt es an, die großen Allgemeinheiten haben wenig Inhalt. Nur aus unserer Arbeit heraus dürfen sich Regeln ergeben, welche aber der Vervollkommnung und Änderung fähig, ja der Desavouierung in jedem neuen Fall ausgesetzt sind. Nicht das erste, sondern das letzte Kapitel eines Systems müßte die Methodenlehre sein. Was unter diesem Titel in logischen Systemen steht, kann uns wenig nützen, abgesehen davon, daß die Ökonomen das Neueste - das in diesem Fall meines Erachtens das Beste ist - noch immer ignorieren.

Ein Beispiel ist die Diskussion über Induktion und Deduktion. Zunächst wurde sie mit allgemeinen Redensarten geführt. Das Resultat und das Beste, was darüber gesagt wurde, war, wie es nicht anders sein konnte, daß beide Prozesse gleich unentbehrlich seien. Aber das hilft uns nicht weiter, ist eigentlich nur selbstverständlich. Interessant ist lediglich, zu untersuchen, welchen Charakter jeder einzelne unserer Sätze, jeder Schritt, den wir tun, trägt.  Das  ist allerdings nötig, um die Bedeutung und den Wert jedes derselben beurteilen zu können. Und da zeigt sich dann, daß manche Sätze vorwiegend auf induktivem, andere vorwiegend auf deduktivem Weg gewonnen wurden, sodaß ein allgemeines Urteil, das auf die eine oder die andere Eventualität  ausschließlich  lautet, notwendig unbefriedigend sein muß. Man erwies meines Erachtens der reinen Ökonomie einen schlimmen Dienst, als man sie schlechthein als "deduktiv" bezeichnete: Viele Angriffe zog man ihr dadurch zu, denen die Berechtigung nicht abzusprechen ist, die dann aber ihrerseits viel, viel zuweit gingen.

Ähnlich steht es mit Kontroversen innerhalb der reinen Theorie. Ein Beispiel ist die berühmte Wertkontroverse. Erstens operierte man zuviel mit "falsch" und "wahr", statt mit "zweckmäßig" und "unzweckmäßig". Daß die  Sonne  "aufgeht", ist nicht "falsch" und widerspricht nicht dem Satz, daß jene Erscheinung durch die Bewegung der  Erde  verursacht ist: Beide Sätze sind Beschreibungen desselben Vorgangs und ansich gleich falsch oder richtig; für manche Zwecke aber ist der eine, für manche der andere praktischer - das ist alles.

Dann werden wir auch nicht versuchen, eine  allgemeine  Diskussion der Wert- und der Kostenhypothese nochmals durchzuführen. Vielmehr wollen wir in jedem Fall, wenn wir sie nicht  beide  zulassen, angeben, warum wir der einen von beiden den Vorzug geben. Und durch dieses, ich möchte sagen "pragmatische" Vorgehen, welches noch nie eingeschlagen wurde, wird unser Urteil nicht nur viel präziser werden, als es sein könnte, wenn wir es ganz allgemein fassen wollten, sondern es wird auch die Kontroverse viel von ihrer Schärfe verlieren, sich ganz natürlich lösen, und ganz klar werden wir Recht und Unrecht auf beiden Seiten sehen. Absichtlich spreche ich an verschiedenen Stellen über die Frage und versuche sie in verschiedenen Beleuchtungen vorzuführen.

Diese Art, an unsere Probleme heranzutreten, mag befremdend erscheinen. Sie entspricht jedoch einer Richtung der modernen Erkenntnistheorie, welche aus der praktischen Arbeit an Problemen der exakten Naturwissenschaften herausgewachsen ist. Wir wollen und können darauf nicht eingehen, möchten vielmehhr verhüten, daß unsere Ausführungen von der Anerkennung jener Richtung abhängig erscheinen: Sie sollen natürlich und unbefangen aufgefaßt werden, wie sie unbefangen von irgendwelchen Obersätzen geschrieben wurden. Nur für den Fall, daß manche Wendung oder Bemerkung in dieser Beziehung auffallen sollte, möchte ich bemerken, daß ich mit meinen erkenntnistheoretischen Anschauungen keineswegs allein stehe. Ich bin darauf gefaßt, daß meine Ausführungen über die Werthypothese und einige verwandte Fragen auf Widerspruch stoßen werden. Dennoch glaubte ich die Darstellungsweise, welche allein meines Erachtens das Wesen des Vorgangs der ökonomischen Theorie wirklich bloßlegt, nicht den Vorteilen einer populäreren opfern zu dürfen.

In diesem Zusammenhang möchte ich auch erwähnen, daß ich - im exakten Gedankengang - die Begriffe "Ursache" und "Wirkung" tunlichst vermeide und durch den vollkommeneren Funktionsbegriff ersetze. Wie wichtig das ist, wie sehr das zur Klarheit und Reinheit des  Räsonnements  beiträgt, kann hier nicht auseinandergesetzt werden. Aber ich glaube, daß es gerade für die exakte Ökonomie wesentlich ist, sich strenger Korrektheit zu befleißigen, mag dadurch die Darstellung auch trocken und leblos werden, viel wesentlicher, als für jene Disziplinen, die im Großen und Ganzen schon zu Klarheit in den Grundlagen und Sicherheit in der Lösung konkreter Probleme vorgedrungen sind.

Klarheit in den Grundlagen und Sicherheit in der Lösung spezieller Probleme! Das ist es, was wir anstreben, das ist es, worum wir die exakten Wissenschaften beneiden und wozu wir etwas beitragen möchten. Eine Fülle von Hindernissen finden wir auf unserem Weg, noch ehe wir an die eigentlichen Probleme unserer Wissenschaft herantreten können, und alle Diskussion darüber hat sie bisher nicht völlig hinwegzuräumen vermocht. Unsere Aufgabe dem gegenüber besteht nicht so sehr in neuen Lösungsversuchen, als in dem Nachweis, daß es möglich ist, um dieselben herumzusteuern, ohne an ihnen zu stranden. Die Fragen von  Telos  und  Causa  können ihm Rahmen einer exakten Disziplin nicht gelöst, sie können nur sozusagen neutralisiert werden: Man kann zeigen, daß sie unseren Weg nicht verbarrikadieren - und so steht es mit vielen ähnlichen Schwierigkeiten.

Es wäre überflüssig, darüber zu streiten, ob die Ökonomie, wie so oft gesagt wird, eine "Wissenschaft des Lebens" und der Biologie verwandt sei, als etwa der Mechanik, wenn man zeigen kann, daß das irrelevant ist für unsere Resultate. Und gerade Bemerkungen solcher Art haben auf weite Kreise Eindruck gemacht und ihr Vertrauen zu unserer Disziplin erschüttert. Derartige Schlagworte gibt es viele und alle Beiträge zu einer "Erkenntnistheorie" unserer Wissenschaft wimmeln davon. Was daran denn eigentlich wahr ist und welche Tragweite ihnen zukommt, darauf muß endlich präzise und leidenschaftslos geantwortet werden. Und diese Antwort bezüglich einer Reihe von wichtigen Punkten soll sich gleichsam von selbst aus der folgenden Darstellung ergeben.

Was also von der reinen Ökonomie von heute zu halten, welches ihre Natur, ihre Methoden, Resultate sind und wo und wie weiterzuarbeiten ist, das möchten wir herausarbeiten. Ihre Grenzen und schwachen Punke sollen ins Licht gesetzt und dem Leser Vorschläge über die Besserung der letzteren unterbreitet werden. Auch hier ist man zu rigoros: Entweder hält man das Bestehend für vollkommen und sieht keine wesentlichen Fortschritte mehr oder man verwirft es von Grund aus. Beides ist ebenso oberflächlich wie bequem. Aber die Einzelbetrachtung lehrt, daß keine dieser beiden Ansichten ganz wahr ist, daß jedoch in beiden Elemente von Wahrheit stecken. Das fühlt jeder, ohne aber imstande zu sein, präzise anzugeben, für welche konkreten Sätze das eine und für welche das andere gilt: Das nun ist es, was wir tun wollen.

Die allgemeinen Argumente findet man hier nicht; weder über politische, noch über methodologische und andere prinzipielle Fragen. Was da zu leisten ist, scheint uns geleistet und wird als bekannt vorausgesetzt. Nur in wenigen Punkten fügen wir der Diskussion etwas hinzu, bei Allgemeinheiten aber, die ebenso wahr wie billig sind, wollen wir uns nicht aufhalten: Unsere Arbeit an konkreten Problemen selbst lehrt uns unsere Methode und gibt uns unsere Prinzipielle Stellung zu den Grundfragen und zu den einzelnen Richtungen innerhalb unserer Wissenschaft. Wir nehmen nicht a priori an, daß die wirtschaftlichen Tatsachen eine hinreichende Regelmäßigkeit aufweisen, daß die Aufstellung exakter "Gesetze" möglich ist, sondern es werden sich uns solche  ergeben,  und gleichzeitig ihre Voraussetzungen, ihre Natur, ihre Grenzen und Mängel und ihr Wert. Wir werden sehen, daß wir uns gewisser Sätze mit größter Sicherheit bedienen können und daß dieselben ein in sich geschlossenes System bilden und präzise angeben, welchen Wert dasselbe besitzt und in welchem Sinn und inwieweit es allgemeingültig ist, ferner was davon auf prinzipiell willkürlichen Voraussetzungen und Definitionen und was auf Tatsachenbeobachtung beruth. Die Resultate dieser Detailarbeit weichen nicht unerheblich von denen der allgemeinen aprioristischen Diskussion ab. Doch genug davon.

Fast möchte ich sagen, daß die konkreten Resultate für meinen Zweck von nur sekundärer Bedeutung sind. Jedenfalls strebe ich, wie gesagt, nicht systematische Vollständigkeit an. Nur eine verhältnismäßig kleine Zahl von grundlegenden Sätzen soll vorgeführt werden. Im Zentrum steht das Gleichgewichtsproblem, dessen Bedeutung vom Standpunkt einer praktischen Anwendung der Theorie nur gering, das aber fundamental für die Wissenschaft ist. In Deutschland ist ihm nicht hinlängliche Beachtung geschenkt worden und es ist von Wichtigkeit hervorzuheben, daß es die Basis unseres exakten Systems ist. Die Tausch-, Preis- und Geldtheorie und deren wichtigste Anwendung, die exakte Verteilungstheorie, basieren darauf und ihnen ist der größte Teil der folgenden Ausführungen gewidmet. Diese Dinge bilden jenen Teil der Nationalökonomie, der für die exakte Behandlung reif und dem eine solche bisher zuteil geworden ist.

Meine Darstellung beruth auf der fundamentalen Scheidung zwischen "Statik" und "Dynamik" der Volkswirtschaft, ein Punkt, dessen Bedeutung nicht genug betont werden kann. Die Methoden der reinen Ökonomie reichen vorläufig nur für die erstere aus, und nur für die erstere gelten ihre wichtigsten Resultate. Die "Dynamik" ist in jeder Beziehung etwas von der "Statik" völlig verschiedenes, methodisch ebenso wie inhaltlich. Gewiß ist jene Scheidung nicht neu. Besonders wurde sie von den amerikanischen Theoretikern betont. Aber in Deutschland ist sie bisher wenig beachtet und auch im Ausland ihre volle Tragweite nicht erfaßt worden. Wir werden namentlich sehen, daß in ihr der Schlüssel zur Lösung vieler Kontroversen und vieler scheinbarer Widersprüche liegt, daß sie nicht mit einer Bemerkung in der Einleitung abgetan werden kann, sondern sich fast bei jedem konkreten Problem aufdrängt. Nur mit der Statik wollen wir uns hier befassen; lediglich Ausblicke auf und gelegentliche Bemerkungen über das Gebiet der Dynamik sollen gegeben werden.

Im Zusammenhang damit sei ein Punkt berührt, der mir sehr am Herzen liegt, es ist das, was man hier über das Kapital- und das Zinsproblem lesen wird. Verzeihe der Leser, daß diesbezüglich eigentlich nur negative Resultate im Rahmen dieser Arbeit vorgeführt werden. Der wichtigste Satz, den man in diesem Abschnitt finden wird, ist der, daß der Zins  kein  "statischer" Einkommenszweig und mehr mit dem Unternehmergewinn im engeren Sinn des Wortes als mit Lohn und Grundrente verwandt ist. Ich weiß wohl, daß die Mehrheit der Theoretiker entgegengesetzter Ansicht ist. Doch hat sich mir jene Überzeugung unabweisbar aufgedrängt und mir scheint, daß jener Umstand das eigentümlich Unbefriedigende an allen mir bekannten Zinstheorien erklärt. Aber bei diesem Ergebnis mußte ich stehen bleiben, wenn nicht eine verfrühte Darstellung meine eigene Zinstheorie kompromittieren sollte. Hoffentlich ist es mir vergönnt, derselben eine vollkommenere Ausarbeitung zuteil werden zu lassen, als es hier möglich wäre. Nicht gerne habe ich die Insuffizienz der bisherigen Theorien konstatiert, sondern nur deshalb, weil ich nicht anders konnte. Eine neue - ungefähr wohl die fünfundzwanzigste oder dreißigste - Zinstheorie vorzutragen ist eine Aufgabe, die wenig beneidenswert ist. Ich habe sie nicht gesucht, sondern sie hat sich mir aufgedrängt.

Noch manches hätte ich zur Einführung meines Buches zu sagen, so über die Bedeutung des "Zurechnungsproblems" und dessen, was ich "Variationsmethode" nannte. Diese trockenen Abschnitte können nur den Theoretiker von Fach interessieren, der seinerseits wiederum finden mag, daß sie mehr bieten sollten. Doch liegt es in der Natur der Sache, daß es in unserer Wissenschaft besonders schwer ist, gleichzeitig Theoretikern und der Theorie fernerstehenden Nationalökonomen, welche sich gleichwohl für theoretische Probleme interessieren, Befriedigendes zu bieten, gleichzeitig nicht zu abstrus und nicht zu inkorrekt zu sein, gleichzeitig die wissenschaftliche Strenge der exakten Wissenschaften anzustreben und die Eigenart unseres Gebietes nicht zu verleugnen. Am ehesten wird der letzte Abschnitt auf allgemeineres Interesse rechnen können.

Einer meiner Zwecke ist, das deutsche Publikum mit manchen Dingen - Begriffen, Lehrsätzen, Auffassungsweisen - vertraut zu machen, welche ihm bisher fremd geblieben sind, weil die Entwicklung der Theorie nicht hinlänglich verfolgt wurde. Der deutsche Nationalökonom weiß oft nur sehr ungefähr, womit sich eigentlich der "reine" Theoretiker beschäftigt. Und wenn auch eine Kenntnis der Theorie vorausgesetzt wird, so kann doch manches zu dem Zweck geschehen, die Theorie anderer Länder der deutschen Wissenschaft näher zu bringen.

Einer der wichtigsten Punkte in diesem Zusammenhang ist die Frage der "mathematischen Methode". Mancher Leser wird von ihr kaum etwas und wohl nur wenige werden mehr als allgemeine Gründe für und wider gehört haben. Es würde nun zu nichts führen, wollten wir solche allgemeine Gründe anführen, welche immer mehr, entsprechend dem rapiden Fortschreiten dieser Richtung, einen Bestandteil wenigstens der englischen Lehrbuchliteratur zu bilden tendieren. Ebensowenig können wir längere mathematische Deduktionen bringen, für deren Verständnis die Vorbedingungen nicht vorhanden sind und welche nur abschrecken würden. Allerdings glauben wir daß, wenn man überhaupt Theorie betreiben will, man das so exakt wie möglich tun müsse, und daß die Denkformen der höheren Mathematik sich geradezu unseren Gedankengängen aufdrängen. Und doch sprechen wir nicht etwa den Satz aus, daß die Mathematik notwendig sei, weil unsere Begriffe quantitativer Natur seien oder daß wirkliche Exaktheit, besonders bei komplizierteren Problemen, nur in mathematischer Form erreichbar ist. Wir begnügen uns, das Wesen des exakten Räsonnements auf unserem Gebiet herauszuarbeiten und einige Punkte aufzuzeigen, wo der Gedankengang selbst mathematische Formen annimmt, ob wir wollen oder nicht, und sorgfältig auseinanderzusetzen, was dabei geschieht, was der Vorgang bedeutet und was dabei herauskommen kann. Der Leser selbst mag dann urteilen, ob etwas Anstößiges daran liegt, ob es ihm der Mühe wert scheint, sich näher damit zu befassen und was von den Einwendungen dagegen zu halten ist. Wir gehen nirgendwo soweit, daß wirklich mathematische Kenntnisse zum Verständnis nötig wären. Das würde dem Zweck des Buches zuwiderlaufen. Und wir hoffen, diesen neuen Tendenzen vielleicht so einen größeren Dienst zu leisten und eher jemand für dieselben zu gewinnen, als wenn wir im allgemeinen darüber argumentieren und dem Leser eine mangelnde Vorbildung vorwerfen würden.

Wie jede Polemik, so liegt mir auch jede Bitterkeit fern. Ich vertraue der Zukunft unserer Disziplin und bedaure nicht von der Vergangenheit. Gleichweit von Autoritätsglauben und dem Festhalten an alten Dogmen wie von rücksichtsloser *Zerstörungssucht, von melancholischem oder selbstzufriedenem *Skeptizismus wie von überschwänglichen Hoffnungen blicke ich mit Ruhe in den neuen wissenschaftlìchen Tag, der, wenn ich nicht irre, zu grauen beginnt.

Kairo, 2. März 1908

J. Schumpeter

LITERATUR Joseph Schumpeter, Das Wesen und der Hauptinhalt der theoretischen Nationalökonomie, Leipzig 1908