ra-2L. StephingerR. LiefmannJ. SchumpeterTugan-Baranowski    
 
JOSEPH SCHUMPETER
Das Grundprinzip
der Verteilungstheorie


"Mag den Wert der Theorie leugnen wer will - der  Praktiker  jedenfalls darf es nicht. Denn er treibt immer Theorie und  seine  Anschauungen sind meist nichts anderes als Theorien von vor 200 Jahren."

"Ein sehr großer, vielleicht der größte Teil allen Wirtschaftens, geht trieb- oder doch gewohnheitsmäßig vor sich. Dennoch ergibt sich durch das Ineinanderspielen aller individuellen Nachfragen und Angebote ein Ganzes, dessen Grundriß dem Beschauer durchaus den Eindruck des Planvollen macht. Damit darf man ferner auch nicht die Vorstellung eines Güter vorrats  verbinden. Es handelt sich vielmehr um ein arbiträr herausgeschnittenes Stück eines stetig fließenden, stetig sich erneuernden Güter stroms  - der übrigens auch ebensogut als Strom von  Wertungen  oder  Bedürfnisbefriedigungen  definiert werden könnte."

I.

Es ist ziemlich lange her seit der letzten größeren Kontroverse über Fragen der theoretischen Ökonomie. Überhaupt waren bedeutendere Diskussionen dieser Art in Deutschland immer selten und auch die gelegentlichen Streitigkeiten darüber - Rezensionen eingeschlossen - nehmen eine ganz verschwindend kleinen Raum ein, so daß die theoretische Arbeit, soweit es sie gibt, überwiegend wie hinter einem Vorhang, sozusagen mit Ausschluß des - auch wissenschaftlichen - Publikums vor sich geht. Trotzdem herrscht in weiten Kreisen das Gefühl, daß über theoretische Fragen viel mehr als gut und nützlich diskutiert worden sei. Der Kenner der Sozialpsychologie des wissenschaftlichen Lebens wird sich über diesen Widerspruch nicht wundern, vielmehr in jenem Gefühl gerade die Folge der Seltenheit und Unpopularität - die ja gewiß begreiflich ist- solcher Erörterungen sehen. Deshalb muß das erste Wort einer jeden noch so bescheidenen theoretischen Erörterung - und die vorliegende ist sehr bescheiden - stets ein Wort der Rechtfertigung, der Einführung, ja der Entschuldigung sein, zumal dann, wenn dem Autor, wie das mein Fall ist, daran liegt, den Verdacht abzuwehren, er überschätze die ökonomische Theorie oder deren gegenwärtige Leistungen, und die Tatsache zu betonen, daß er selbst nur mit Widerstreben und unter dem Druck eines Gefühls der Notwendigkeit an der Diskussion theoretischer Tagesfragen teilnimmt.

Kurz gesagt also: Es nützt nichts die Augen davor zu schließen, daß die Lösung einer großen Anzahl sozialwissenschaftlicher Probleme unter anderen, meist viel wichtigeren Mitteln auch des analytischen Werkzeugs der ökonomischen Theorie bedarf (1). Daß die Antworten, die wir auf eine Reihe von Fragen zu geben haben, so oft hinter den billigsten Anforderungen zurückbleiben, liegt vielleicht nicht in erster Linie, aber sicher zum Teil daran, daß weitaus die meisten Fachgenossen dieses Werkzeug gar nicht beherrschen, fast niemand etwas zu einer Vervollkommnung tut, vielmehr jeder seine Probleme in "Tatsachen" oder praktischen Interessen erstickt oder sie soziologisch verfärbt. Und doch ist es klar, daß - um ein Beispiel zu wählen - die gewaltige Arbeit der WEBBs, soweit sie nicht rein historisch ist, in ihren Resultaten zu einem sehr großen Teil auf uneingestandenen analytischen Erwägungen beruth und daß dieser Teil infolge der Mangelhaftigkeit dieser Erwägungen - seinerseits zum Teil - schlechthin wertlos ist. Alte Probleme, über deren ewiges Einerlei es Mode ist zu lächeln, wie z. B. das Zinsproblem, bleiben auf diese Art ewig ungelöst, obgleich ihre Lösung zum Verständnis der ökonomischen Struktur z. B. der kapitalistischen Gesellschaft durchaus unentbehrlich ist. Was man darüber gelegentlich hören kann, ist nicht mehr und nicht weniger als ein Skandal. Da bleibt dann nichts übrig, als die Dinge eben durchzudiskutieren.

Das ist eine alte Geschichte. Aber wichtiger für unseren Zweck ist die momentane Situation - überall, aber besonders in Deutschland. Vor einiger Zeit, da sah es so aus - und von Theoretikern wurde das immer betont, - wie wenn sich die ökonomische Theorie nach außen in das richtige Verhältnis zu den Schwesterdisziplinen und koordinierten Methoden setzen, nach innen aber nach und nach zu einem einheitlichen Standpunkt in die Grundfragen druchringen wollte, was ja die Voraussetzung für ein weiteres Vordringen zu den erst wirklich relevanten Einzelfragen wäre. Es sah so aus, wie wenn es im Gewirr der prinzipiellen Gegensätze zu dämmern beginnt und nach und nach die Umrisse des Geländes um uns herum erkennbar werden, die sich allen von uns, woher wir auch kommen und wohin wir auch wollen mögen, ungefähr in den gleichen großen Zügen darstellen. Nun war das sicher keine bloße Selbsttäuschung. Ich glaube sogar, daß die Entwicklungsrichtung damit ganz richtig erkannt war. Aber momentan sieht es gar nicht so aus, vielmehr scheint sich ein Nebel auf unseren Weg gesenkt zu haben, in dem sich unsere Schar zu verirren droht: In manchen Kreisen in England hat HOBSON mehr Erfolg als MARSHALL, in Amerika hier und da VEBLEN Mehr als CLARK, in Italien gelegentlich JANNACONE oder LORIA mehr als PARETO usw. - und viele Hoffnungen auf Einigkeit und Fortschritt, die man vor zehn Jahren haben konnte, haben sich nicht erfüllt.

In Deutschland insbesondere ist die Situation ganz eigentümlich. Die große Mehrheit der deutschen Sozialökonomen steht zwar nicht in ihren prinzipiellen Äußerungen, wohl aber in der Sache, der Theorie ganz so ablehnend gegenüber als vor zwanzig Jahren. Ja, es äußern sich gerade erst jetzt die Wirkungen der Alleinherrschaft der "prinzipiell Ablehnenden", insofern als es zu deren Zeit doch noch eine größere Anzahl von Leuten gab, die aus der vorhergehenden Periode stammend, sich einen Vorrat theoretischer Kenntnisse und theoretischer Interessen - meistklassischer oder RODBERTUS'scher oder ähnlicher Färbung - bewahrt hatten, während heute erst die völlige Unterbrechung der theoretischen "Ausbildung" - die später durch nichts mehr zu ersetzen ist, mag man sich auch "prinzipiell" zu einer gewissen Theoriefreundlichkeit durchringen - in voller Schärfe hervortritt. Unter dem doppelten Schutz des Fehlens einer fachmäßigen Kritik und des Vorhandenseins dieser prinzipiellen, wenn auch völlig platonischen, Theoriefreundlichkeit entwickelt sich nun auf dem freigelassenen Feld eine theoretische Literatur, die sicher manche zweifellose Talentprobe, aber ebensosicher die bedauerlichsten Fehlgriffe enthält. Alles ist in dieser Literatur möglich. Die elementarsten Fehler, Fehler, die eben nichts anderes sind als Fehler und von keinem "Standpunkt" aus gehalten werden können, kommen massenhaft vor und bleiben unbemerkt und ungerügt. Die ältesten, zum Teil vorwissenschaftlichen Anschauungen können gefahrlos aufgetischt werden. Mißverständnisse, wie sie beim ersten Studium einer Theorie leicht vorkommen, haben sich zu ernst genommenen, stets wiederholten, für entscheidend gehaltenen "Einwendungen" kristallisiert. In aller Ruhe wird das hingenommen. Die Unsicherheit des Urteils ist sogar so groß, daß Manche so vorsichtig sind - wenn ich das sagen darf ohne zu verletzen, was mir umso ferner liegt, als diesen Mängeln ja soviele ausgezeichnete Leistungen auf anderen Gebieten gegenüberstehen und selbst den ärgsten Sündern auf  diesem  meist  optima fides  [auf Treu und Glauben - wp] und oft Begabung zuzubilligen ist - sozusagen jeder theoretischen Arbeit gegenüber ein verständnisvolles Gesicht zu machen, den Autor dafür bis zu einem gewissen Grad zu bewundern, ohne sich aber mit der Arbeit jemals näher befassen zu wollen oder - weil theoretisches Arbeiten gelernt sein will - auch nur zu können. Wird überhaupt etwas diskutiert, so ist es eine Methodenfrage, eine soziologische Seite der Sache, ein praktisches Resultat, ein allgemeiner Standpunkt- nie aber das, worauf es auf diesem Problemgebiet ankommt.

Diese Verhältnisse, deren Kenntnis die notwendige Voraussetzung für das Verständnis des gegenwärtigen Standes der ökonomischen Theorie ist, erschweren auch eine Diskussion sehr. Denn notwendig muß dabei manche Trivialität immer wiederholt werden, während auf der anderen Seite alle tiefer eingehenden Argumente dem Leser gegenüber, dem diese Wege ungewohnt sind, wenig entscheidend sein können.


II.

Die Knoten im Faden des theoretischen Gedankengangs, an denen sich theoretisch gestimmte Geister am leichtesten verfangen, liegen natürlich in der Verteilungslehre. Da ist es nun bei einer ganzen Gruppe von Autoren aller Länder fast zum Schlagwort geworden zu sagen, daß die Grenznutzentheorie - ich gebrauche diesen Namen für die Lehre der meisten theoretischen Fachmänner der Gegenwart, obgleich er nur für eine engere Gruppe üblich geworden ist, weil er den Kern dieser Lehre immerhin sachlich richtig ausdrückt, - die Grundlagen der Wert- und Preisbildung zutreffend erfaßt (2) und man der Welt der Genußgüter gegenüber damit auch im wesentlichen das Auslangen findet, daß sie aber am Verteilungsproblem versagt. Und von der Erörterung dieses Standpunkts aus, der als Anknüpfungspunkt den großen Vorteil bietet, daß er die Diskussion von einer Mengen von methodischen und sachlichen Vorfragen befreit, weil er Verständnis und Anerkennung sowohl des Wesens der ökonomischen Theorie überhaupt wie der Grundlagen der Grenznutzentheorie im besonderen voraussetzt, wollen wir uns die Frage stellen, ob jenes Erklärungsprinzip, das die Grenznutzentheorie zu bieten hat, für  das  am sozialen Prozeß der Verteilung oder Einkommensbildung ausreicht, was durch eine reinökonomische Theorie daran überhaupt erklärt werden kann, und dabei dieses Prinzip am Lohnprobem exemplifizieren.

Manche Autoren stützen jenen Standpunkt bloß durch eine Behauptung; bei anderen ist er nur skizzenhaft angedeutet; bei noch anderen ergibt er sich implizit aus ihren Ausführungen; bei vielen fließt er schließlich mit anderen Elementen, z. B. einer im Grunde anti-theoretischen Stimmung oder vorwiegendem Interesse an konkreten Spezialfragen zusammen. Am reinsten aber tritt er uns in einer neuen Arbeit TUGAN-BARANOWSKYs (3) entgegen, an die wir uns vornehmlich halten wollen, soweit wir zu polemisieren haben. Der Name und die Leistungen des Autors, der Umstand, daß er an einem Punkt hält, der heute Vielen naheliegt und daß unsere Diskussion mit ihm daher durch bevölkerte Landstriche führen kann, und der weitere Umstand, daß er genug allen Theoretikern Gemeinsames festhält, daß die Diskussion fruchtbar sein kann, rechtfertigen diese Wahl. Er spricht ferner zwar auch wieder von einer besonderen "Methode", die er auf das Verteilungsproblem anwendet, während er für die Welt der Genußgüter die Grenznutzentheorie akzeptiert. Aber seine These, daß über die Verteilung nicht Wert- und Preisgesetze, sondern soziale Machtverhältnisse entscheiden, involviert keine besondere Methode im logischen Sinn. Indem er seine Ausführungen auf die Frage der Möglichkeit einer Erhöhung der Löhne durch gesetzliche Maßregeln oder ein organisiertes Vorgehen der Arbeiter zuspitzt, welche die herrschende Theorie leugnet und die seine beweist, bietet er einen willkommenen praktischen Mittelpunkt für die Diskussion, und wir wollen dasselbe tun (4).

Zunächst sei nun die entscheidende Auffassungsweise formuliert, wie sie uns sowohl die Grenznutzen- und Grenzproduktivitätstheorie (5) in ihrer ursprünglichen Form wie die auf ihr beruhende, sie vervollkommnende und verallgemeinernde  kat exochen  [schlechthin - wp] sogenannte Gleichgewichtstheorie (PARETO) bietet, - wobei wir, obgleich in noch weiterer, nur die Grundform des Wirtschaftens erfassender Abstraktion die prinzipiell gleiche Auffassungsweise für alle denkbaren sozialen Organisationsformen gilt, uns auf das engere Problem der durch Privateigentum usw. charakterisierten "Verkehrswirtschaft" beschränken und deren Terminologie und Spezialprobleme vor allem im Auge haben wollen.

Das reinökonomische Erkenntnisobjekt, das wir für unsere Zwecke aus dem Realobjekt des sozialen Wirtschaftsprozesses zimmern, ist nun zunächst streng einheitlich (6): Was wir da betrachten, ist  ein  nur  nur ein  Vorgang, dessen jeweils unterscheidbare Elemente in einem unlöslischen Zusammenhang und einer prinzipiell unlöslichen, höchstens im einzelnen Fall in erster Annäherung gelegentlich zu vernachlässigenden Wechselwirkung stehen, einander gegenseitig und zwar eindeutig bestimmen (7), und deren Ineinanderwirken aufgrund nur eines Prinzips beschreibbar ist. Diese Elemente sind jeweils irgendwelche Gütermengen oder individualpsychische (8) Wertgrößen, wobei es im allgemeinen nur eine Frage der Zweckmäßigkeit ist, ob wir terminologisch auf die einen oder anderen das Hauptgewicht legen (9) - ob wir unsere Elementensysteme als Systeme von Güterquanten oder als Systeme von individualpsychischen Wertgrößen definieren: Denn in beiden Fällen tun wir ja doch im Wesen ganz das Gleiche. Trotz dieser Einheitlichkeit löst diese Theorie eine unendliche Anzahl verschiedenartigster Probleme. Aber es ist jeweils der Frager, dessen konkretes Interesse das Spezialproblem konstituiert, während der Theoretiker, um zu antworten, immer dasselbe tu, immer die im letzten Grund gleichen Gedankengänge - die auch für alle anderen reinökonomischen Probleme gelten würden - durchführt, nur jedesmal in einem anderen Gewand (10). Trotz dieser Einheitlichkeit läßt sich diese Theorie ferner durch die Einführung besonderer Tatsachen - spezieller Bedingungen - unendlich variieren, und gerade diese Einführung besonderer Tatsachen ist die Art, wie man ihre meisten Resultate von "praktischem" Interesse gewinnt.

Wie alle Gütermengen oder Wertungen, die es in einem gegebenen Zeitpunkt in einer Volkswirtschaft oder in den Gehirnen der Wirtschaftssubjekte gibt, gleichsam aufeinander eingestellt, aneinander angepaßt sind oder ein System bilden, das man nach Belieben - je nach dem Gesichtspunkt, den man ins Auge faßt - mit einem mechanischen, einem organisierten oder einem organischen (11) System vergleichen kann, so passen auch die zeitlich aufeinanderfolgenden Zustände der Welt der Güter oder Wertungen zu- und aufeinander, und jeder ist durch den ihm vorhergehenden bestimmt wie er seinerseits den folgenden bestimmt - soweit nicht der Theorie fremde Momente hereinwirken -, und zwar wird diese Bestimmtheit durch dasselbe Erklärungsprinzip gegeben, das auch die Wechselwirkungen der Elemente in jedem Augenblick beherrscht. Wir erfassen diesen ohne angebbare zeitliche Grenzen hinfließenden Strom des Wirtschaftens, indem wir ein Stück davon herausgreifen, irgendeine sich entweder an die Dauer eines technischen Produktionsprozesses oder eine rein formale Rechnungsperiode oder an die Lebensdauer einer Unternehmung oder sonst eine längere oder kürzere, zum Auswirken der gerade betrachteten Momente ausreichende "Wirtschaftsperiode", die wir in geeigneter Weise schematisieren (12). In jeder solchen Wirtschaftsperiod wird produziert und konsumiert und ein Kreislauf wirtschaftlichen Lebens vollendet. Mit einer seit QUESNAY üblich gewordenen Auffassung kann man alles, was in einer Wirtschaftsperiode geschieht, deuten als die Produktion und "Verteilung" eines "Sozialprodukts". Damit darf man natürlich nicht die Vorstellung eines bewußtplanmäßigen Zusammenwirkens der Wirtschaftssubjekte verbinden. Vielmehr haben psychische Realität nur individuelle Wirtschaftspläne und auch diese, weil ein sehr großer, vielleicht der größte Teil allen Wirtschaftens trieb- oder doch gewohnheitsmäßig (13) vor sich geht, nur zum Teil. Dennoch ergibt sich durch das Ineinanderspielen aller individuellen Nachfragen und Angebote ein Ganzes, dessen Grundriß dem Beschauer durchaus den Eindruck des Planvollen macht, sozialer Wirtschaftsplan genannt werden und als das Pendant eines bewußten sozialen Wirtschaftsplans, wie ihn der "Produktionsminister" im sozialistischen Staat entwerfen würde, betrachtet werden kann. Damit darf man ferner auch nicht die Vorstellung eines Güter vorrats  verbinden. Es handelt sich vielmehr um ein arbiträr herausgeschnittenes Stück eines stetig fließenden, stetig sich erneuernden Güter stroms  - der übrigens auch ebensogut als Strom von Wertungen oder Bedürfnisbefriedigungen definiert werden könnte (14).

Das Sozialprodukt besteht jeweils, wie schon die letztere Bemerkung andeutet, aus den materiellen und immateriellen Genußgütern, die in einer Wirtschaftsperiode konsumiert werden. Soweit die in einer Wirtschaftsperiode produzierten Güter - seien es Konsum- oder Produktionsgüter - an die folgende weitergegeben werden, wurde bei stationärer Wirtschaft die gleiche, bei nicht stationärer eine annähernd gleiche Menge von der vorhergehenden übernommen. Soweit Produktionsgüter erzeugt werden, die noch in der gleichen Wirtschaftsperiode zu Genußgütern ausreifen - andernfalls gehören erzeugte Produktionsmittel in die eben erwähnte Kategorie von "weitergegebenen" Gütern - dürfen sie nicht noch neben diesen veranschlagt werden. So erklärt sich das Paradoxon, daß das ganze Sozialprodukt bloß aus Genußgütern besteht und der Konsumtionsfonds einer Wirtschaftsperiode normalerweise (abgesehen von auswärtigen Darlehen usw.) das Gesamtresultat aller nationalen Produktionskräfte darstellt, obgleich doch daneben immer auch noch andere Produkte dieser Produktivkräfte vorhanden sind (15). Der Fall eine Wirtschaftsperiode überdauernder Genußgüter braucht wohl nicht besonders erörtert werden.

Wie dieses Sozialprodukt, dieser Konsumtionsfonds, diese nationale Dividende (MARSHALL) das Reinergebnis all der verschiedenen Arten und Qualitäten von persönlichen Leistungen, Naturstoffen und -kräften und produzierten Produktionsmitteln oder, weil sich die dritte Kategorie in die beiden ersten ökonomisch "auflösen" läßt, in letzter Linie das Reinergebnis aller "Arbeit" und allen "Bodens" ist, so ist das Sozialprodukt auch die Quelle aller im Wirtschaftsgebiet entstehender Erträge und wird durch dieselben erschöpft (16).

Das ist klar genug. Die nächstliegende Auffassung ist nun die, beide Seiten des Prozesses, die Produktion und die Verteilung, zu trennen und als besondere Phänomene und Probleme zu konstituieren, die erstere mehr unter den Einfluß technisch-ökonomischer, die letztere mehr unter den soziologisch-historischer Momente zu stellen, für beide besondere "Gesetze" zu formulieren und erst hinterher oder gelegentlich die unabweisbarsten Zusammenhänge zwischen beiden einzuführen. Dabei beginnt man mit der Produktion - weil ja erst etwas vorhanden sein muß, ehe man es "verteilen" kann, - um dann das Sozialprodukt für die Verteilung als ein Datum zu betrachten. Dem entspricht ja auch die alte Stoffeinteilung, die die reine Theorie wesentlich nach diesen beiden Titeln gliedert - denn die "Zirkulation" ist dann nichts anderes als ein Mechanismus, der Produktion und Verteilung verbindet, und das Kapitle über "Konsumtion" ja meist eine Art Rumpelkammer für verschiedene Dinge. Dem entspricht auch ganz besonders die Stellung jener Autoren, die im Umkreis des Verteilungsproblems die "sozialen Machtverhältnisse" die entscheidende Rolle spielen lassen (17).

Diese Auffassung ist nach jeder Richtung mangelhaft. Es liegt auf der Hand, daß die "Verteilung" darüber entscheidet, was und wie produziert wird, denn von ihr hängt ja das Einkommen, mithin die Nachfragefähigkeit der Wirtschaftssubjekte ab. Es liegt aber ebenso auf der Hand, daß die Produktionsverhältnisse ihrerseits die "Verteilung" bestimmen, denn sie entscheiden darüber, mit welchen Ansprüchen der Einzelne an das Sozialprodukt herantreten kann (18). Schließlich, daß die Produktion ebensosehr unter dem Einfluß einer sozialen Regelung steht wie die Verteilung und die Verteilung ebensosehr unter dem Einfluß technischer Naturgesetzlichkeiten und ökonomischer Notwendigkeiten wie die Produktion. Das spezifisch technische Moment ansich und das spezifisch soziologische Moment ansich sind übrigens, obgleich beide natürlich das ganze Wirtschaftsleben beherrschen, dem ökonomischen Moment ansich gleich fremd, und nur das Konfundieren [Vermischen - wp] des ersteren mit dem  ökonomischen  Wesen der Produktion und das Konfundieren des letzteren mit dem  ökonomischen  Wesen der Verteilung - worin also ein doppelter Fehler liegt - erschwert die Einsicht in das auf völlig gleichem Niveau vor sich gehende Ineinandergreifen  aller  Elemente des Wirtschaftsprozesses, verrammelt den Ausblick auf die Grundidee der Verkehrswirtschaft und der verkehrswirtschaftlichen Einkommensbildung und erklärt jenes Suchen nach speziellen Erklärungsgründen für jede einzelne Erscheinung, z. B. jeden Einkommenszweig, das zum Flickwerk der älteren Theorie führte, und dem dabei das einigende Band zwischen den Einzelerscheinungen entging.

Demgegenüber ist es ein wesentlicher Fortschritt gewesen, zu erkennen, daß der Vorgang der Erfüllung der produktiven Rolle - im ökonomischen Sinn - eines jeden Elements von Produktivkraft uno actu [Produktion und Konsum fallen zeitlich zusammen - wp] den Ertrag realisiert, der in der Verkehrswirtschaft die Grundlage der Einkommensbildung seines Herrn wird. Produktion und Verteilung sind nicht zwei unterscheidbare reale Vorgänge, die etwa nur aufeinander wirken würden, sondern zwei Aspekte eines einheitlichen Prozesses und Schriff für Schritt miteinander identisch (19). Jeder produktive Vorgang ist gleichzeitig ein Verteilungsvorgang, jeder Verteilungsakt ein Glied in der Kette des Produktionsprozesses. Man kann sie prinzipiell nicht unabhängig voneinander erfassen, - was man gesondert erfassen kann, gehört der Technik oder der Soziologie an - und nichts an ihnen ist ohne das Ganze des Wirtschaftsprozesses verständlich. Natürlich kann - und  muß  man gelegentlich - ein Element herausgreifen und die übrigen als konstant betrachten. Man kann, um die Sache irgendwo anzupacken (20) - erst einen Genußgütermarkt konstruieren, auf dem Konsumenten mit bestimmten gegebenen Einkommen auftreten und den Unternehmern ihre Genußgüter abkaufen - aber zu diesem "Markt" gehört dann als notwendige Ergänzung ein anderer, auf dem eben diese Konsumenten ihre "produktiven Leistungen" eben diesen Unternehmern um eben diese Geldsummen, die nun in den Händen der letzteren sind, anbieten, so daß das  volle  Verständnis der Vorgänge auf einem dieser fiktiven Märkte stets auch eine Beachtung der Vorgänge auf dem andern erfordert. Man kann und muß ferner für besondere Zwecke, vor allem bei der Beantwortung konkreter Fragen einzelne Elemente herausgreifen, z. B. irgendwelche bestimmte Genußgüter, und alle anderns als "gegeben" betrachten, aber auch da liegt eine vereinfachende Fiktion vor.

Ansich ist also der  Kern  der Theorie nur ein System von Beziehungen zwischen völlig farblosen Gütermengen oder Wertgrößen als solchen, innerhalb dessen es keine prinzipiellen Unterschiede und auch kein besonderes unterscheidbares Verteilungsproblem gibt, und das nur entweder aus didaktischen oder sonstigen praktischen Gründen jeweils bruchstückweise dargelegt oder in den Dienst eines speziellen Fragenkomplexes gestellt wird, wobei aber der spezifisch theoretische Gedankengang sich jedesmal, wenn auch jedesmal in einem anderen Kleid, wiederholt: die neuere Arbeit an der Ökonomie hat eben, wie gesagt, aus der alten Serie von wirtschaftlichen Fragenkomplexen einen ihnen allen gemeinsamen Grundstoff destilliert, der das  kat exochen  "Reinwirtschaftliche" an ihnen ist, während alles andere, wie man ja auch leicht einsieht, technologischen, soziologischen usw. Charakter trägt. Ich sage: "Wie man leicht einsieht" - in der Tat, wäre es wirklich schwer einzusehen, daß z. B. das Phänomen der Lohnarbeit vor allem andern - in seinen Ursachen, seinen Wirkungen, seiner Kulturbedeutung, seinem "Sinn" - uns soziologische Probleme stellt und in seiner Fülle etwas sehr anderes ist als das Phänomen des Arbeitswerts, daß aber dieses letztere nur eine Erscheinungsform eines viel allgemeineren Phänomens ist, das eine einheitliche Theorie erfordert?

Hoffentlich meint der Leser nicht, daß ich die Sozialökonomie auf die Diskussioin jenes ökonomischen Grundstoffs beschränken will. Im Gegenteil, dessen Diskussion ist zwar nötig, aber sie gibt uns unmittelbar fast nur einen Einblick in das Wesen der reinökonomischen Zusammenhänge, im Übrigen wird sie gerade erst in ihren Anwendungen auf ihr vom Außerökonomischen her gestellte Probleme fruchtbar: Erst wenn ihre allgemeinen Daten konkretisiert werden durch die spezielleren Bedingungen z. B. der Lohnbildung, erst wenn der Mechanismus ihres Gedankengangs sich in irgendein technisches oder soziologisches Tatsachenmaterial gleichsam verfangen kann, ergeben sich ihre meisten Resultate: Nur für den Zweck der besseren Ausarbeitung eines methodisch autonomen Moments ist jene Scheidung nötig - für die einzelne Untersuchung kann man dann dieses Moment nach Bedürfnis und Gefallen mit anderen kombinieren. Diese Feststellung ist wichtig, weil immer wieder Theoretiker und Gegner der Theorie diese Sachlage verkennen, erstere mit der Erklärung, daß z. B. die Einkommenszweige "Werterscheinungen" sind, das Grundproblem des Verteilungsprozesses überhaupt für erledigt halten, letztere wiederum in eben dieser Auffassung einen prinzipiellen Fehler sehen, und weil es ferner vorkommt, daß man aus dem Fehlen in die Theorie eben erst einzusetzenden konkreteren Daten Einwendungen gegen die Theorie als solche macht.

Ich bin mir trotzdem völlig bewußt, wie gefährlich es ist, auf unserem Gebiet, wo das spezifisch analytische Interesse um seiner selbst willen so gar keinen Boden bei den Fachgenossen hat, dergleichen zu sagen, Dinge zu sagen, die selbst von den meisten Autoren, für deren Anschauungen ich hier eintreten will, mißbilligt werden würden und denen die alte abgeschmackte Phrase von der "theoretischen Spielerei" stets siegreich zu begegnen pflegt. Allein, daß solche "refinements" auch eine rein praktische Bedeutung haben, geht daraus hervor, daß Unklarheiten über diesen Punkt die fruchtbarste Quelle von Mißverständnissen und Kontroversen gerade auf dem Gebiet der Verteilungstheorie sind. Und weil sich diese Mißverständnisse und Kontroversen durch eine Anwendung der nötigen logischen Rigorosität meines Erachtens aus der Welt schaffen lassen, so habe ich das Gesagte so vorgebracht wie ich es tat - mag es immer pedantisch aussehen -, und möchte es nun anwenden auf die Frage der sozialen Machtverhältnisse als Bestimmungsgrund der Einkommensbildung, wie sie vornehmlich bei TUGAN-BARANOWSKY behandelt ist, und überhaupt auf die Fragegruppe, die mit den Ausdrücken "ökonomische" und "historisch-rechtliche" Kategorie und vielen ähnlichen charakterisiert werden kann.

Die meisten Autoren, die der hier vertretenen Auffassung durch die Tat zustimmen, würden den Ausgangspunkt der Grenzproduktivitätstheorie dahin ausdrücken, daß die Einkommen im allgemeinen und die Löhne im besonderen Wert- und Preisphänomene "seien". Aber es könnte nie schwer fallen, ihre Zustimmung zu zwei Zugeständnissen zu gewinnen, die ihre Auffassung auch erkenntnistheoretisch mit der hier vertretenen im wesentlichen vereinten. Sie alle würden erstens zugeben, daß ihre Theorie nur das Wesen und das Gesetz der Höhe der Einkommenszweige erklärt, aber weder die konkrete Höhe derselben, die ja stets von eventuell "empirisch-realistisch" zu untersuchenden Daten, noch die Besonderheiten in der Bildung der jeweils unterscheidbaren einzelnen Arten z. B. von Lohn, die ja stets von eventuell durch besondere "empirisch-realistische" Untersuchungen festzustellenden und in die Theorie bei "praktischen Anwendungen" einzusetzenden weiteren Tatsachen abhängen. Das schiene ihnen allen sogar selbstverständlich, und sie würden daher alle dem Satz zustimmen, den z. B. KARL DIEHL neuerdings im Ton einer Einwendung vorgebracht hat, nämlich "daß Lohntheorien ohne eine realistisch-empirische Grundlage, nur aufgebaut auf den logischen Schlußfolgerungen aus gewissen "allgemein-menschlichen" Nutzerwägungen heraus, nicht zum Ziel führen können" (21), wenn dieses Ziel die Erklärung nicht des Wesens der Sache, sondern der konkreten Gestaltung der Sache ist - am meisten  der  Autor, den DIEHL hier zu bekämpfen sucht. Zweitens würden sie alle ohne weiteres zugeben, daß ihre Theorie offenbar nicht alle "Seiten" und Beziehungen der Verteilungsvorgänge erklärt, daß z. B. die Entstehung des Systems der Lohnarbeit oder dessen kulturelle Folgen und Voraussetzunen, das Maß, in dem es sich auswirken kann oder an ethische, rechtliche usw. Schranken stößt, die Art, wie es organisatorisch aufrechterhalten wird, und vieles anderes nicht in deren Rahmen fällt. Von da ist es nicht mehr weit zu der Auffassung, daß für die ökonomische Theorie - oder jenes Kapitel einer weitergefaßten ökonomischen Theorie, das diese Autoren gerade behandeln -, die Einkommen im allgemeinen  unter dem Gesichtspunkt  von Wert- und Preiserscheinungen  betrachtet  werden.
LITERATUR Joseph Schumpeter, Das Grundprinzip der Verteilungstheorie, Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik, Bd. 42, Tübingen 1916
    Anmerkungen
    1) Mag den Wert der Theorie leugnen wer will - der "Praktiker" jedenfalls darf es nicht. Denn er treibt immer Theorie und  seine  Anschauungen sind meist nichts anderes als Theorien von vor 200 Jahren.
    2) Manche freilich meinen, daß die Grenznutzentheorie nur die Wert- und Preisbildung solcher Güter zutreffend schildert, die in gegebenen, durch Produktion nicht vermehrbaren Mengen vorhanden sind. Aber diesen Standpunkt wollen wir undiskutiert lassen.
    3) TUGAN-BARANOWSKY, Soziale Theorie der Verteilung, Berlin 1913
    4) Ein Punkt seiner Ausführungen liegt außerhalb der wissenschaftlichen Diskussion und soll nur hier erwähnt werden: sein (negatives) moralisches Werturteil über das Zinseinkommen. Von meinem Standpunkt aus kann ich die Äußerung dieser Reaktion des moralischen Bewußtseins einer hervorragenden Persönlichkeit auf die Tatsache des Kapitalzinses nur mit Achtung und Sympathie zur Kenntnis nehmen, ohne mich als berechtigt zu erachten sie zu diskutieren. Interessant ist die bei Nationalökonomen auch sonst nicht seltene Ansicht des Autors, daß sein moralisches Urteil aus seiner Erklärung des Zinseinkommens logisch folgt, was offenbar nur unter der Voraussetzung einer allgemeinen Verbindlichkeit gewisser ethischer Obersätze gilt. Für TUGAN-BARANOWSKY involviert der Ausdruck "Ausbeutung" also schon ipso facto die moralische Mißbilligung.
    5) "Grenzproduktivitätstheorie" wäre dem Wortsinn nach nichts anderes als eine Name für die Grenznutzentheorie in ihrer Anwendung auf das Verteilungsproblem und in diesem Sinn soll das Wort hier gebraucht werden. Doch wird es in einem engeren Sinn auch speziell für die Verteilungstheorie der CLARK-Schule gebraucht, die eine Spielart der Grenzproduktivitätstheorie im ersteren Sinn ist, aber in Bezug auf die Lohntheorie durchaus mit der der "Österreicher" und des MARSHALL-Kreises zusammenfällt.
    6) Dieser Standpunkt muß als Resultat eines langen Entwicklungsprozesses beurteilt werden. Es ist begreiflich, wenn das Maß an Abstraktion, das er involviert, dem Laien wie dem untheoretisch gestimmten Fachgenossen unsympathisch ist.
    7) Über den Sinn und die Bedeutung dieser Tatsache vgl. das Werk, in dem sie am klarsten hervortritt und wo alle die altgewohnten Einzelprobleme der Ökonomie in einer sie alle umfassenden allgemeinen Theorie aufgelöst sind, das MANUEL von PARETO, oder auch mein "Wesen und Hauptinhalt der theoretischen Nationalökonomie".
    8) Diese individualpsychischen Wertgrößen sind natürlich "sozial bedingt", so daß sie an sich niemals als "letzte Gründe" - wohl aber als Indizes - des Verhaltens der Individuen betrachtet werden können.
    9) Man hat daraus einen großen prinzipiellen Gegensatz gemacht und ihm alle möglichen Bedeutungen beilegen wollen - einer der Punkte, mit dem sich bei uns Kräfte vergnügen, die dann der ernsten theoretischen Arbeit fehlen.
    10) Strenggenommen gilt das nur für die - allerdings vielfach auch außerhalb ihres Gebietes anwendbaren - Methoden der wirtschaftlichen Statik. Um jedoch unsere Ausführungen nicht unnötig zu komplizieren, wollen wir darauf weiter kein Gewicht legen. Doch komme ich dadurch darstellerisch in eine Schwierigkeit. Meiner Ansicht ist nämlich der Kapitalzins, abgesehen von natürlich stets vorkommenden Konsumtivdarlehen, eine Folge der wirtschaftlichen Entwicklung, so daß er ein einer sich gleichbleibenden, lediglich den Kreislauf der Wirtschaftsperioden unverändert wiederholenden Volkswirtschaft verschwinden würde (vgl. meine Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung). Da es mir aber nicht möglich ist, im Rahmen dieser Abhandlung meine Ansicht zu begründen, und da ich ferner gern vom Standpunkt möglichst vieler Theoretiker sprechen möchte, so bleibt mir nichts anderes übrig als in diesem Punkt ihre Ansicht zu akzeptieren und von Kapital und Zins im üblichen Sinn zu sprechen, also im Sinn eines Gütervorrats und eines sich irgendwie an dessen Rolle in der Volkswirtschaft knüpfenden Reinertrags.
    11) Es ist mir oft aufgefallen, daß wenn man sich über die Bedenken hinwegsetzen will, denen solche Vergleiche stets ausgesetzt sind - und diese Vergleiche  sind  bedenklich, seien sie auch noch so harmlos gemeint, weil sich die Art von Kritik, die wir haben, immer an solche Nebendinge klammert -, es besser ist, die chemische Analogie der organisierten Substanz als die biologische des Organismus zu gebrauchen.
    12) Ein durchgeführtes Beispiel einer solchen Schematisierung findet man im 1. Kapitel meiner "Theorie der wirschaftlichen Entwicklung".
    13) Dieser Umstand hat dann auch zu einer "Einwendung" gegen die Grundlagen der Theorie geführt, der unterstellt wurde, sie setze voraus, daß der Mensch in einem Maß  bewußte  Motive habe und rationell aufgrund derselben handle, wie es der Wirklichkeit nicht entspricht (so selbst GRAHAM WALLAS, Human Nature in Politics). Allein erstens ist das Fehlen bewußter Motive und das Fehlen von Motiven überhaupt nicht dasselbe und zweitens kommt es überhaupt nicht auf die Geistesverfassung und eine individuelle Psychologie der Individuen an, sondern nur darauf, daß der Druck der Notwendigkeit oder sonst etwas ihr  Verhalten  so form, daß es im  Großen und Ganzen  und  für unsere Zwecke  so interpretiert werden kann, wie wenn jene Voraussetzungen zuträfen.
    14) Es ist wesentlich klar festzuhalten, daß die Wirtschaft ein  Prozeß  ist und daß wir von "Zuständen", z. B. von einem Gleichgewichtszuständen nur in dem Sinne sprechen, in dem man eben vom Gleichgewichtszustand eines Prozesses sprechen kann.
    15) Liegt also nicht ein Mißverständnis vor, wenn TUGAN-BARANOWSKY (Seite 76) ment, daß die meisten Theoretiker die einfache Tatsache ignoriert hätten, daß nur "ein Teil des gesellschaftlichen Produkts das gesellschaftliche Einkommen" bildet, der Rest aber der Wiederherstellung der verbrauchten Produktionsmittelvorräte dient? Höchst befremdend ist aber die Anwendung, die er von diesem Gesichtspunkt mach. Er will nämlich mit seiner Hilfe nachweisen, daß bei steigender sozialer Produktivität infolge des technischen Fortschritts nicht nur, was gewiß richtig ist, die Realeinkommen aller wirtschaftlichen Klassen, sondern auch deren Quoten am Sozialprodukt  zugleich  steigen können - auf Kosten des Teils, der zur Wiederherstellung der Produktionsmittel nötig ist! Denn es sei dann weniger Arbeit dazu erforderlich, folglich bleibe mehr für das "gesellschaftliche Einkommen" und alle die nach dem Arbeitswertmaßstab gemessenen Quoten des letzteren seien vermehrt. Allein es ist nicht klar, daß man ebensogut umgekehrt sagen könnte, der Arbeitswert des "gesellschaftlichen Einkommens" sinkt, weil nun weniger eine direkte und indirekte Arbeitsaufwendung zu seiner Erzeugungnötig ist; ferner, daß die vermehrte Produktivität im allgemeinen nur durch die Vermehrung der sachlichen Produktionsmittel hindurch auf die Größe des Genußgüterfonds irkt, sodaß sich das Verhältnis beider nicht zu ändern braucht? Wenn das der "Kern der Wahrheit" in der Grenzproduktivitätstheorie wäre und nur  so  nachgewiesen werden könnte, daß die Höhe der Einkommenszweige etwas mit der "Produktivität" zu tun hat, so stünde es wohl schlimm um sie.
    16) Wiederum: strenggenommen nur in einer stationären Wirtschaft.
    17) Schon JOHN STUART MILL macht eine derartige Bemerkung in seinen  preliminary remarks,  nämlich daß "unlike the laws of production those of distributen are partly of human institution." [Ungleich anderen Gesetzen der Produktion sind die der Verteilung teilweise eine menschliche Einrichtung. - wp] Er bricht ihr dadurch die Spitze ab, daß er - die Sachlage ganz richtig charakterisierend - hinzufügt: "But though government or nations have the power of deciding what institutions shall exist, they cannot arbitrarily determine, how those institutions shall work." [Aber obwohl Regierungen oder Nationen die Macht haben zu entscheiden, welche Einrichtungen es geben soll, können sie doch nicht willkürlich bestimmen, wie diese Einrichtungen arbeiten werden." (Seite 21, Edition ASHLEY)
    18) Natürlich nur in der Verkehrswirtschaft. Eine kommunistische Wirtschaft ist eine "geschlossene" Wirtschaft, d. h. sie bildet eine einzige Wirtschaftseinheit und ist  ein  Wirtschaftssubjekt. Sie kennt  dieses  Verteilungsproblem überhaupt nicht, sondern der Gesamtertrag der Produktion ist für sie wirklich ein Einkommen - und nicht wie das Volkseinkommen, von dem man auch in der Verkehrswirtschaft spricht, lediglich eine Fiktion, eine Begriffskonstruktion, die im Grunde widerspruchsvoll wäre, wenn nicht dabei das Wort "Einkommen" nur ein einem übertragenen Sinn verwendet würde- so daß  ihr  Verteilungsprozeß wirklich ein unterscheidbarer Vorgang und zwar ein unter den Begriff der Einkommensverwendung zu subsumierender wäre. Das, was in einer streng kommunistischen Volkswirtschaft eventuell Individualeinkommen heißt, wäre wiederum  hier  kein wahres "Einkommen" im vollen Sinn des Begriffs.
    19) Aber besteht denn kein Gegensatz zwischen Arbeitleisten und Lohnerhalten? Immer noch denkt man beim Wort "Produktion" zu sehr an den  technischen  Vorgang. Aber über diesen haben wir ja nichts zu sagen, und für uns besteht die Produktion nur im Kombinieren von Produktionsmitteln - das allerdings aufgrund zum Teil technischer Daten erfolgt. In diesem sinn kann man in der Tat sagen, daß wir mit dem  Leisten  der Arbeit nichts zu tun haben und daß sich das speziell ökonomische Interesse an den zur Durchführung des Wirtschaftsplanes nötigen - und ihn ausmachenden - kommerziellen Operationen erschöpft. Dann verschwindet jener Gegensatz und es bleibt ein Kaufakt übrig, der gleichzeitig dem produktiven Zweck und dem Verteilungsvorgang dient.
    20) Didaktisch wäre es zweckmäßig, erst eine allgemeine Skizze vom Mechanismus oder Organismus des Gleichgewichtssystems zu geben und damit den fiktiven Charakter aller scharfen Scheidungen besser hervorzuheben, während sie sich sonst dem Leser oder Hörer unvermeidlich als real einprägen und die fundamentale und fruchtbare Vorstellung des Wirtschaftslebens als eines ausbalancierten, kontinuierlichen Prozesses; in dem alle Stadien immer gleichzeitig vorhanden sind, zurücktreten lassen. Verfehlte Anschauungen über die Bedeutung des Zeitablaufs in der Wirtschaft, die Notwendigkeit dem Arbeiter "Genußgüter zuzuschießen" vor usw. sind aus einer Vernachlässigung dieser Momente entstanden.
    21) KARL DIEHL, Zur Kritik der Kapitalzinstheorie Böhm-Bawerks, Conrads Jahrbücher, Bd. 105, Seite 606.