ra-2Heinrich CohnAlbert SchäffleTatiana Grigorovici    
 
ALBERT SCHÄFFLE
(1831-1903)
Die ethische Seite der
nationalökonomischen Lehre vom Wert
(1)

"Der Wert ist die ethische Seite des Gutes, er ist dasjenige Moment, durch welches das menschliche Handeln am Gut zum bestimmenden Regulator alles Güterlebens wird und die Technik zur Ökonomie gestaltet."

"Nur wenn wir den Fall setzen, daß sich alle äußeren Mittel für menschliche Lebenszwecke ohne Handeln, ohne ethische Vermittlung dem Menschen darböten, mit anderen Worten, nur wenn die Wirtschaft ein Naturprozeß und nicht ein ethischer Prozeß wäre, könnte der Wert keine Rolle spielen und würde überhaupt nicht existieren; denn dann wäre keine Willensanregung und ethische Bewegung gegeben und die der menschlichen Subsistenz dienen Außendinge träten ihrer Bedeutung nach gar nicht ins menschliche Bewußtsein."

"Im Geldpreis der Weltmärkte empfängt das individuelle Wertbewußtsein den Maßstab einer  communis opinio  über den Wert und die Herrschaft des Ausdrucks der öffentlichen Meinung über den Güterwert im Geldpreis der Weltmärkte wird umso unwiderstehlicher, je mehr die Individuen nur einzelne Räder im großen Triebwerk der Arbeitsteilung sind und sich der Wert im Engros-Preis des Weltmarkts nicht mehr am individuellen Zwiespalt von Bedarf und Befriedigung bestimmt."

"Dafür, daß die Lehrer geistige Genüsse, Bildung usw. hoch schätzen, daß sie infolgedessen willig sind, vom abstrakten Wertvorrat mehr für Bücher, edle Musik, kirchliche, politische, nationale Zwecke, als für Schnaps, Zechen, Spektakel und Tafelfreuden auszugeben, hat nicht die Volkswirtschaft zu sorgen. Das ist vielmehr Sache derjenigen gesellschaftlichen Organismen, (der Kirche, Schule, Wissenschaft, des Staates), welche die religiöse, moralische, intellektuelle, rechtlich-politische Richtung des Volkes und daher auch die Richtung der Güterverwendungen hierfür beherrschen und lauter erhalten sollen."

Die Nationalökonomie hat es mit dem äußeren Umfang nach größten und allgemeinsten, mit der der Art nach mannigfaltigsten Gebiet vernunftbewußter  Willensäußerungen  zu tun. Ihr Gebiet ist  ethischer  Art, das Gebiet desjenigen Handelns, welches die äußeren MIttel für alle, auch die idealsten Zwecke geselligen Lebens durch die frei schaffende, ihres sittlichen, vernünftigen Zweckes sich bewußte Tat gewinnt, desjenigen Handelns, an welchem und in welchem für die Masse des Volkes die Regeln der Moral und der Religion ganz vorzüglich (praktisch) zur Erscheinung zu gelangen, eines Handelns, welches überall die Schöpfung der geradlinigen Zweckmäßigkeit in schönen Formen vergeistigt, eines Handelns, welches der inneren Willensbedingung durch Moral und Religion und der äußerlichen Willensbedingung durch das Recht nirgends entbehren kann und nirgends entbehren will. Der Methode nach sucht die Nationalökonomie ihr Gesetze allerdings mit Hilfe der Erfahrung; ihre Methode ist in der Hauptsache nicht die spekulativ konstruierende. Allein auch die Disziplinen, welche sich gerne kat exochen [schlechthin, wp] die ethischen nennen, haben sich neuerdings vielfach bequemt, aus der Höhe der spekulativen Unfehlbarkeit herabzusteigen und an der Hand einer realen, fast naturwissenschaftlich analysierenden Anthropologie empirische Pfade zu wandeln. Im Übrigen hat selbst die Nationalökonomie der spekulativen Methode niemals ganz entbehrt; auch ist die Frage, ob die Nationalökonomie die Würde einer ethischen Disziplin sich beimessen dürfe, überhaupt keine Frage der Methode. Der entscheidende Punkt ruht darin, ob sie das ökonomische Volksleben als ein Gebiet freitätigen Willens, durchwaltet von allen sittlichen und sinnlichen Kräften der menschlichen Persönlichkeit und mit Bewußtsein gerichtet auf die allseitige Erfüllung der sittlich vernünftigen Lebenszwecke ansieht. Diese Anschauung nimmt nun die Nationalökonomie für sich in Anspruch. Ihr ist die Wirtschaft auch eine Seite der Verwirklichung des Guten, diejenige, welche nach der gegebenen irdischen Bedingtheit des Menschen die Natur um des übrigen Guten willen überwindet, äußere "Güter" als Mittel für die verschiedenen Arten des Guten (das Kapital z. B. als Mittel für Erzeugung des wirtschaftlich Guten) schafft. Die Ethik aber hat es mit der Darstellung des Guten nach allen Beziehungen und in Angemessenheit an alle Lebensverhältnisse zu tun.

Die ethische Dignität der Nationalökonomie wird sich am besten in den Grundlehren der letzteren erweisen lassen, besonders an der Lehre vom Wert.


1. Die Ableitung des Begriffs

Ökonomie ist nur, wo in  bewußtem Schaffen  die Außenwelt zum Mittel menschlicher Zwecke bestimmt wird. Keine Ökonomie ist z. B. das Atmen, so lange es bloß ein durch den Organismus naturgesetzlich geschehendes unbewußtes Aneignen der Luft ist, keine Ökonomie ist die naturgesetzlich organische Aufnahme der Wärme oder des Lichts durch den Körper. Wären für jedes Bedürfnis alle korrelaten äußeren Mittel fertig vorhanden, so bedürfte es einer bewußten Tätigkeit für ihre Erlangung nicht, eine ethische Wirkung auf die Außenwelt wäre beseitigt, ein Wirtschaften gäbe es nicht. Dem ist aber nicht so. Unter allen lebenden Wesen ist der Mensch am meisten darauf angewiesen, auch in der Ergänzung aus der Außenwelt sein eigenes Produkt zu sein, die meisten äußeren Lebenserfordernisse sich selbst zuzurüsten, statt wie die Planze und wie in der Hauptsache auch die Tierwelt sie bloß anzunehmen und als schon fertig vorzufinden. Bei ihm vollzieht sich die mit seiner irdischen Anlage gegebene Notwendigkeit der Ergänzung aus der Natur nicht vorherrschend als naturgesetzlicher Prozeß, sondern als voller ethischer Akt, als ein Hauptinhalt des Kulturlebens.

Der Inhalt aller Ökonomie ist nach der der vorigen Bestimmung der äußeren Dinge zu Mitteln menschlicher Zwecke, der Inhalt des ökonomisch Guten sind daher Außendinge zu Mitteln menschlicher Zwecke erhoben, - "Güter". Die Güter gewordenen Außendinge sind Güter nur, indem sie die Beziehung, Mittel für menschliche Zwecke zu sein, potentiell oder aktuell wirklich besitzen und dieselbe vom Menschen durch zweckbewußte Aneignung empfangen haben; der in das Meer versinkende Diamant ist kein Gut mehr, wenn er auch Jahrtausende lang seine physischen Eigenschaften behält, er hat seine Eigenschaft für das menschliche Auge zu glänzen verloren. Eine potentielle oder aktuelle vom Menschen mit bewußtem Willen gestaltete Beziehung zwischen Person und unpersönlichen Außendingen ist also stets erforderlich, wenn vom Wirtschaften und von wirtschaftlichen Gütern soll die Rede sein können.

Diese Beziehung läßt sich nun sowohl von der Seite des wirtschaftlichen Objekts als auch von der Seite des wirtschaftlichen Subjekts auffassen. Objektiv ist sie die Brauchbarkeit, subjektiv der Wert des Gutes.  Brauchbarkeit (Dienlichkeit, Nützlichkeit) ist die Tauglichkeit der Sache, einem menschlichen Zweck (welcher in seiner von der Person getragenen Richtung auf ein äußeres Substrat zum ökonomischen Bedürfnis wird), zu dienen. Wert aber ist die  Bedeutung,  welche das Gut vermöge seiner Brauchbarkeit für das ökonomische Zweckbewußtsein der wirtschaftlichen Persönlichkeit hat. Der Wert ist die ethische Seite des Gutes, er ist dasjenige Moment, durch welches das menschliche Handeln am Gut zum bestimmenden Regulator alles Güterlebens wird und die Technik zur Ökonomie gestaltet.


2. Der Wert als die
bewegende Macht der Wirtschaft

Nächstliegend ist nun die Aufgabe, die beherrschende Stellung des Wertes in der Volkswirtschaft und die ihm innenwohnenden Gesetze selbst aus dem ethischen Charakter des Wirtschaftsprozesses abzuleiten. Die Lösung dieser Aufgabe liegt schon im Bisherigen.

Die Sachen, welche in die wirtschaftliche Welt verflochten werden, sind in ihrem Schicksal abhängig von der Bedeutung, welche ihnen das wirtschaftliche Subjekt beilegt, womit nicht gesagt ist, daß diese subjektive Schätzung und somit der Wert ein Produkt der Laune sein müßte. Nur wenn wir den oben erwähnten Fall setzen, daß sich alle äußeren Mittel für menschliche Lebenszwecke ohne Handeln, ohne ethische Vermittlung dem Menschen darböten, mit anderen Worten, nur wenn die Wirtschaft ein Naturprozeß und nicht ein ethischer Prozeß wäre, könnte der Wert keine Rolle spielen und würde überhaupt nicht existieren; denn dann wäre keine Willensanregung und ethische Bewegung gegeben und die der menschlichen Subsistenz dienen Außendinge träten ihrer Bedeutung nach gar nicht ins menschliche Bewußtsein. Die Luft zum Atmen hat in der Regel gar keinen Wert, so unentbehrlich nützlich sie ist, außer etwa für den Taucher, welcher sie durch einen sinnreichen Apparat gewinnen muß oder für den Schmied und Hüttenarbeiter, welcher sie durch die Gebläse anzieht; Brauchbarkeit aber im Sinne der Dienlichkeit für die menschliche Subsistenz überhaupt besitzen Luft, Wasser, Sonnenlicht im höchsten Maße. Sobald dagegen durch menschliche Tätigkeit, wirtschaftlich-ethisch, die Außendinge auf die menschlichen Zwecke tätig bezogen werden müssen, ist die Bedeutung des Gutes im Zweckbewußtsein des Subjektes das bewegende Prinzip aller Ökonomie.

In der ethischen Auffassung der Nationalökonomie tritt nachgewiesener Maßen der Wert mit voller Schärfe in das Licht derjenigen hohen Bedeutung, welche ihm von den Ökonomisten empirisch stets beigelegt worden ist.


3. Der Wert als wirtschaftlicher Regulatur
des gesellschaftlichen Güterlebens

Solange der Wert nur als verschwommene unmeßbare Schätzung im ökonomischen Einzelbewußtsein Existenz hat, so lange wird er zwar für das einzelne wirtschaftliche Subjekt nicht ohne Bedeutung sein, er wird auch in dieser unvollkommenen, innerlichen und individuellen Erscheinungsweise das normierende und bewegende Prinzip des ökonomischen Tuns bilden. Allein jene elektrisch zündende Wirkung, wie sie durch die Presse z. B. die wissenschaftliche Geistes- und die politische Willensbewegung hat, fehlt dem die Betätigung an der Sachenwelt bestimmenden Wertbewußtsein noch. Die Schätzung z. B., welche der Eremit über die einfachen Gegenstände seines Haushaltes anstellt, bestimmt zwar dir Richtung seiner Produktion und die Art seiner Konsumtion; dasselbe ist im Haushalt einer ländlichen Einzelfamilie der Fall. Aber das Wertbewußtsein ist noch ein rohes, die nach ihm sich richtende wirtschaftliche Tätigkeit eine schwerfällige, träge und stumpfe. Ein Gemeinbewußtsein des Wertes und ein Ausdruck für dasselbe wird sich nun bilden, indem das Wirtschaften vieler in Folge der Arbeitsteilung ein gemeinsames oder vielmehr wechselseitig sich ergänzendes wird. Ein äußerer Ausdruck des Wertes erscheint alsdann im Maß der anderen Güter, welche man im Tausch erhält. Je weiter die Arbeitsteilung fortschreitet, desto mehr nimmt die Bedeutung des Tauschwertes gegenüber der Wertung zum eigenen Gebrauch (Gebrauchswert) zu. (2) Die Tauschbedeutung oder der Tauschwert findet seinen äußeren Ausdruck nun im Tauschäquivalent oder Preis. Der Tauschwert hat aber hiermit einen allgemeinen Maßstab noch nicht empfangen; denn er hat so viele Preisausdrücke, als Tauschgüter gegeneinander ausgetauscht werden. In der Periode des Tauschhandels kann ein Stück Zeug zum Wertmaßstab Vieh, Öl, Eisen, Gewürz, Glas usw. haben und kein Gut ist sicher, sein Wertmaßstab im Tauschäquivalent irgendeines dieser Güter auch nur immer zu finden. Den weiteren Fortschritt bringt das Aufkommen eines allgemein gültigen Tauschgutes, des  Geldes,  in welchem Gebrauchswert und Tauschwert zusammenfallen, dessen Gebrauchsbedeutung darin liegt, daß es Tauschinstrument ist. Im Geldpreis der Weltmärkte empfängt das individuelle Wertbewußtsein den Maßstab einer  communis opinio  [allgemeinen Meinung, wp] über den Wert und die Herrschaft des Ausdrucks der öffentlichen Meinung über den Güterwert im Geldpreis der Weltmärkte wird umso unwiderstehlicher, je mehr die Individuen nur einzelne Räder im großen Triebwerk der Arbeitsteilung sind und sich der Wert im Engros-Preis des Weltmarkts nicht mehr am individuellen Zwiespalt von Bedarf und Befriedigung bestimmt. Das Eindringen der sogenannten Geldwirtschaft ist daher durch Angewöhnung eines einheitlichen, gemeingültigen, genauen Wertmaßes für die meisten Güterschätzungen an kulturhistorischer Wirksamkeit der Erfindung der Schreib- und Buchdruckerkunst vergleichbar; beide haben sich auch parallel entwickelt; wenn die Presse das Instrument ist, wodurch der Gedanke überhaupt die auf einmal die ganze Gesellschaft entzündende Gewalt gewonnen hat, so ist es der Geldpreis, dessen Bewegung steigernd und mäßigend an tausend Punkten zumal auf die ökonomische Ameisenwelt einwirkt, neue Kombinationen anregende, alte auflösend; die Preisnotiz über eine Liverpooler, Londoner oder Amsterdamer Auktion kann in wenigen Tagen auf dem ganzen europäischen Kontinent Tausende von großen und kleinen Spekulationen, in Millionen von Familien Einschränkungen und Ausdehnungen des Haushaltes erzeugt, nach zwei Monaten in den fernsten Kolonialländern neue Betriebspläne angeregt haben. Der Geldpreis ist eben der jeweilige Ausdruck des gesellschaftlichen Wertbewußtseins, die magische Wirkung der Preisnotierung der Weltmärkte der glänzendste soziale Beweis von der ethischen Bedeutung des Wertes.

Wie das allgemeinste, so ist der Geldpreis allerdings auch das indifferenteste Maß des Wertes. Er sagt noch nichts aus über die individuelle Bedeutung des Gutes für die Persönlichkeit, welche dasselbe gebraucht. Güter, welche in ihren Geldpreise äquivalent sind, können in ihrer Bedeutung für den Gebrauch sich sehr verschiedenartig verhalten. Dieses Verhältnis ist sehr wichtig, z. B. für alle Streitfragen, in welchen aus einem Äquivalenzverhältnis des geldgemessenen Tauschwertes verschiedener Gütermengen argumentiert wird. Sagt etwa der abstrakte Freihändler: der unbeschränkte Freihandel kann nichts schaden, da man ja nur eintauscht, was man bezahlen kann, so beweist das auf die Geldwertäquivalenz der Tauschmengen gestützte Argument zuviel und daher nichts; denn eine Nation, welche fortgesetzt für Millionen Luxusgegenstände eintauscht, während sie diese Millionen besser für Nahrung, Kleidung, geistige Bildung, als Brot, Bücher usw. verwenden würde, kann bettelarm werden, obgleich der Geldwert dessen, was sie empfängt, dem Geldwert der nützlicheren Gegenstände, welche sie hingibt, vollständig gleich sein wird. Sieht man hierbei vollends auf den Umstand, daß vom Standpunkt der nationalen Kultur aus die verschiedenen Produktionszweige, deren Produkte im Geldpreis äquivalent sind, den verschiedensten Kulturwert haben können, zehn Techniker z. B., welche in einer Maschinenfabrik angestellt sind, einen weit größeren als hundert Steinbrecher oder zweihundert Klöpplerinnen, so wird es vollends einleuchtend, daß aus der Geldwertbilanz im Tauschverkehr einzelner Wirtschaften und ganzer Nationalwirtschaften sich für die Behauptungen, für welche man daraus Beweisgründe zu entlehnen gesucht hat, selten ein richtiger Schluß ziehen läßt. Andererseits folgt hieraus für die angeregte Streitfrage allerdings auch nicht, daß die nationale Wirtschaftspolitik überall mit einem Schutzzoll bei der Hand sein müßte. Lediglich das Argument des abstrakten Freihandels, welches rein materialistisch aus der Äquivalenz des individuell indifferenten Wertausdrucks, des geldgemessenen Tauschwertes, folgert und die verschiedenartige Bedeutung übersieht, welche verschiedene Gütermengen von gleichem Geldpreis in Produktion und Konsumtion für die ganze Entwicklung der nationalen Kultur besitzen, wollte hier in seiner innerlichen Nichtigkeit um so eher zurückgewiesen werden, als es eben neuestens aus Anlaß des preußisch-französischen Handelsvertrages beliebt geworden ist, den Übergang zum Freihandel durch die Tatsache zu rechtfertigen, daß Gewinn an Geldwert auf beiden Seiten stattfindet.

Voraussetzung für eine der wahren Kultur dienende Differenzierung des abstrakten Tauschwertes der disponiblen Geldfonds jeder Wirtschaft zum konkreten Gebrauchswert ist Aufklärung der Menge des Volkes über eine ihrem wahren Wohl dienende Klassifikation der Bedürfnisse und über die ökonomische Nutzbarkeit der Güter. Und dieses Verhältnis weist abermals auf die innige Beziehung des Wirtschaftslebens zum höheren Kulturleben hin. Dafür, daß die Lehrer geistige Genüsse, Bildung usw., hoch schätzen, daß sie infolgedessen willig sind, vom abstrakten Wertvorrat mehr für Bücher, edle Musik, kirchliche, politische, nationale Zwecke, als für Schnaps, Zechen, Spektakel und Tafelfreuden auszugeben, hat nicht die Volkswirtschaft zu sorgen. Das ist vielmehr Sache derjenigen gesellschaftlichen Organismen, (der Kirche, Schule, Wissenschaft, des Staates), welche die religiöse, moralische, intellektuelle, rechtlich-politische Richtung des Volkes und daher auch die Richtung der Güterverwendungen hierfür beherrschen und lauter erhalten sollen. Das Amulett verliert den Wert mit der Aufklärung, die Burg mit dem Landfrieden, schlimme Moden jeder Art mit der Läuterung des ästethischen Geschmacks und der Sitte; wachsender religiöser Sinn baut Dome oder stellt sie wieder her, steigender Kunstsinn füllt die Gemächer mit veredelnden Bildern, sich vermehrender Bildungsdrang baut Museen und Schulen. Moral, Kunst, Wissenschaft, Religion, alle Potenzen, welche in sittlicher und sinnlicher Beziehung den Menschen auf wahre Kultur hinlenken, beherrschen das Wertbewußtsein und damit das ökonomische Leben. Die Nationalökonomie erkennt von diesem Punkt an, daß die Reinheit des Wertbewußtseins, die Richtigkeit der Wertklassifikation, infolgedessen die Richtung der Güterproduktion und der Konsumtion, vom sittlichen Geist der Gesellschaft überhaupt bedingt ist. Dieser Geist kann ein guter oder ein schlechter sein und danach ist auch die Richtung der das Wirtschaften durchherrschenden Wertbewegung eine gute oder eine schlimme. Der Wert aber als der persönliche Charakter, welcher dem Gut aufgeprägt ist, ist im einen wie im anderen Fall bestimmend, Träger des guten und des schlimmen Einflusses. Gegen eine  materialistische  Auffassung der Wertlehre selbst hat sich die Nationalökonomie unbewußt und bewußt dadurch aufgelehnt, daß sie neben der indifferenzierenden, die individuelle Güterbedeutung im abstrakten Wertmaß aufhebenden Überschätzung des geldgemessenen Tauschwertes die Bedeutung des Gebrauchswertes immer wieder mit Nachdruck zur Geltung zu bringen suchte. Dies hat zumal die deutsche Nationalökonomie in ihren Ausführungen über die Schätzung des Nationalvermögens gegenüber den englischen Ökonomisten getan, welche die Volkswirtschaft nicht selten wie vom Standpunkt des Kassiers eines Spekulationsgeschäftes, wie hinter einem Hauptbuch sitzend, aufgefaßt haben und den Wert fast nur in der Form des Tauschwertes kennen und anerkennen. (3)


4. Der Wert im Kreislauf
von Produktion und Konsumtion

Die regulierende Macht des Wertes zeigt sich dann auch in der Bewegung von Produktion und Konsumtion nach allen Seiten hin.

Die ökonomischen Grundbegriffe "Kosten" und "Marktpreis" sind nur besondere  Erscheinungen des Wertes innerhalb der reproduktiven Fortbewegung der Volkswirtschaft,  jene der Wertausdruck der verwendeten Güter, dieser der Wertausdruck der neu entstandenen Güterelemente. Auf der Differenzierung beider beruth das Tempo in der Bewegung der Produktion. Bei eintretender Indifferenz muß diese Bewegung notwendig zur Ruhe kommen; denn ist die Bedeutung des zu reproduzierenden Gutes, am objektiven Maß des verkehrsmäßigen Geldpreises gemessen, nur dieselbe oder eine geringere, als der Wert der schon vorhandenen, kostenweise der Reproduktion zu opfernden Güter, so kann, insofern die Produktion ein von vernünftigem Zweckbewußtsein erfüllter ethischer Prozeß ist, eine Produktionstätigkeit nicht angeregt, beziehungsweise fortgesetzt werden. Die tätige Reproduktion setzt eine durch sie zur Ausgleichung zu bringende Differenz der Kosten und des Marktpreises voraus.


5. Brauchbarkeit und Gebrauchswert

Diejenigen Kontroversen der Wertlehre, welche in der Begriffsbestimmung von Brauchbarkeit und Gebrauchswert ihr Zentrum haben, finden, wie uns scheint, in einer ethischen Auffassung der Wertlehre eine ungezwungene Erledigung. Eine solche Auffassung bestätigt namentlich die Resultate der Untersuchungen von HILDEBRAND (4) und von KNIES (5) über die von PROUDHON (6) behaupteten Antinomien zwischen Gebrauchs- und Tauschwert.

Brauchbarkeit im Sinne von Nützlichkeit und Gebrauchswert sind, wie schon oben hervorgehoben worden ist, keine identischen Begriffe. Brauchbarkeit ist Dienlichkeit der Sache für den Menschen überhaupt, Gebrauchswert ist die dem Menschen in seiner wirtschaftlichen Tätigkeit bewußte, von ihm geschätzte Nützlichkeit. Gebrauchswert kann dem Menschen kein Gut sein, das ihm schlechterdings kein, auch nicht eine imaginäre Brauchbarkeit darbietet; aber nützlich, sogar unentbehrlich können dem Menschen Dinge sein, welche ihm beim Gebrauch schlechterdings nichts wert sind (Licht, Luft). Der Gebrauchswert involviert daher zwar die Brauchbarkeit, aber nicht umgekehrt die Brauchbarkeit den Gebrauchswert; ein Glas, welches zerbricht, verliert seinen Wert, weil es unbrauchbar wird, aber das Wasser wird für den Menschen nicht unnütz, wenn er es weder beim Gebrauch, noch zum Tausch für wert hält, wenn es ihm weder gebrauchs- noch tauschwert ist. Das Moment nun, welches, um die Brauchbarkeit gebrauchswert im wirtschaftlichen Sinn zu machen, zur Brauchbarkeit weiter hinzutreten muß, liegt eben darin, daß das Gut vom Menschen in bewußter Tätigkeit, ethisch, wirtschaftlich erst zum Mittel seiner Zwecke bestimmt und gewonnen werden muß. Wasser an einer Quelle ist so gut wie wertlos; es ist aber dem Eisenbahnpassagier an Haltstationen bereit gehalten, dem Bierbrauer mit Vorrichtungen in die Brauerei geleitet, gebrauchs- und infolgedessen selbst tauschwert.

Nach dieser ethischen Auffassung der Wertlehre ist daher nicht anzuerkennen:
    a) daß gewisse, absolut tauschwertlose Dinge, wie die sogenannten freien Güter, dennoch den höchsten Gebrauchswert zu haben pflegen; (7) denn was gebrauchswert ist, ist in der Regel auch Tauschwert, außer insofern eben die Tauschbarkeit aus besonderen Ursachen mangelt; nicht aber ist, was sogar bis zur Unentbehrlichkeit brauchbar (nützlich) ist, darum auch gebrauchswert; eine Antinomie zwischen Gebrauchswert und Tauschwert besteht daher nicht, wäre aber dann nicht zu leugnen, wenn durch Vernachlässigung des subjektiv-ethischen Moments im Wertbegriff  Brauchbarkeit  und  Gebrauchswert  ununterschieden durcheinander geworfen werden;

    b) von der ethischen Auffassung der Wertlehre, welche Brauchbarkeit und Gebrauchswert unterscheidet, ist die Klage der Sozialisten (8) darüber nicht anzuerkennen, daß Dinge, die einen höheren Gebrauchswert haben, dennoch einen geringeren Tauschwert finden, als solche mit geringerem Gebrauchswert (1 Zentner Eisen gegen einen Zentner Gold), daß ferner in Teuerungen beim Gleichbleiben des Gebrauchswertes der Tauschwert steige und daher eine Vernichtung von Gebrauchsvorräten zur Erhöhung des Nationalreichtums führen könne, endlich, daß die Arbeit und die Intelligenz im Fortschritt der ökonomischen Kultur immer mehr Gebrauchswert liefern, ohne mehr, wenigstens ohne entsprechend mehr Tauschwert dafür zu finden. Diese seiner Zeit zu beunruhigenden sozialistischen Angriffen auf die Gerechtigkeit der wirtschaftlichen Gesellschaftsordnung mißbrauchten angeblichen Antinomien sind nur von scheinbarer Wahrheit. Jene scheinbaren Gegensätze beruhen insgesamt auf der Verwechslung von Brauchbarkeit und Gebrauchswert. Wer letztere Begriffe in der angegebenen Weise zu scheiden weiß wird,

      α) in Abrede stelle, daß ein Pfund Eisen mehr Gebrauchswert hat, als ein Pfund Gold. Wie mir scheint, nicht so sehr deshalb, weil ein Pfund Gold eine höhere konkrete Brauchbarkeit ("konkreten Gebrauchswert") hat, als Eisen (9); denn in Beziehung auf die rein objektive Brauch barkeit  sind zwei verschiedenartige Güter in der Hauptsache inkommensurabel, was im gegebenen Fall vollkommen klar ist, wenn man die Brauchbarkeit von Korn und Gold, statt von Eisen und Gold nebeneinander hält; kommensurabel sind sie nur, in ihrem Gebrauchswert, d. h. in ihrer Gebrauchsbedeutung für das ökonomische Bewußtsein, in welchem sie eine Klassifikation finden. Nun ist aber der Gebrauch von Gold für ganz legitime Bedürfnisse doch mindestens so bedeutend, als der von Eisen, z. B. für ein Brautpaar zu Ringen und bei gleichem Bedürfnis nach beiden wird dasjenige Gut in bestimmter Quantität zum Gebrauch das wertvollere sein, welches größere Anstrengung (Arbeit, Kosten usw.) verursachen würde.

      β) Bei einer Kornteuerung bleibt bei steigendem Tauschwert (höheren Geldpreisen) der Gebrauchswert derselben Menge von Getreide nicht derselbe, sondern er steigt gleich dem Tauschwert, wie sich das namentlich am wirtschaftlicheren Gebrauch des Getreides zeigt. Die Intensität des Bedürfnisses, der subjektive Hauptfaktor des Wertes, ist in Hungerjahren eine größere, obwohl dasselbe Quantum Getreide von gleicher Qualität zu seiner Befriedigung ausreicht. Ebenso ist die Anstrengung zur Erlangung des gleichen Quantums (entferntere Einfuhr) im Hungerjahr eine größere, als in Jahren des Überflusses. Freilich wechselt dieses Verhältnis mit der Zeit; je mehr die Zivilisation durch Aufhebung der Schranken des Transportes dazu gelant, auch in geringen Erntejahren über die Befriedigung der Notdurft  subjektiv  Gewißheit zu geben und  objektiv  die Erntevorräte der mageren und der fetten Länder in schnellem und leichtem Transport auszugleichen, desto mhr verliert der Getreidewert der Hungerjahre am Faktor der Steigerung des Gebrauchs- und Tauschwertes durch blinde Panik, einen Faktor, welcher ehedem so verheerende und auch Wucher begünstigend wirkte; desto mehr verliert auch die KINGsche Regel (10), welche kurz als  geometrisch-progressives Steigen (Sinken) der Getreidepreise bei  arithmetischer  Progression der Ernteausfälle (Erntezunahmen) zu bezeichnen ist, an ihrer Furchtbarkeit für die bürgerliche Gesellschaft.

      Endlich ist

      γ) das Gleichbleiben oder gar Sinken des Tauschwertes bei quantitativ und qualitativ höherer Leistung der sich höher entwickelnden Arbeiterklasse nur eine scheinbare Antinomie. Indem Arbeitswille und Arbeitsintelligenz steigen, wird mit gleicher Kraft ein größeres Resultat an Gütern erzielt, eine gleiche Güterquantität wird infolge hiervon weniger gebrauchs- und weniger tauschwert,  obwohl sie vielleicht infolge besserer Technik brauch barer  geworden ist. Wirkt in allen Produktionsgebieten dasselbe Gesetz, so daß etwa die Produkte des Maurers, Tischlers, Eisenarbeiters zugleich an Gebrauchs- und Tauschwert verlieren, so ist die Folge davon nicht ein allgemeines Kleiner-, sondern ein allgemeines Größerwerden der im Tausch äquivalenten Güterquantitäten (das Gleichbleiben der Umstände der Verteilung vorausgesetzt). Beispiel: 10 Spinner erzeugten 1800 10, 1860 100 Pfund Garn in gleicher Zeit, und 10 Ackerbauern 10, bzw. 100 Scheffel, beide Klassen teilen sich zu gleichen Teilen den Garn- und Kornbedarf. Von den zwanzig Personen hat nun 1860 jede 5 Scheffel und 5 Pfund Garn, 1800 hatte eine jede nur 1/2 Scheffel und 1/2 Pfund Garn zu verbrauchen. Das Ergebnis für die Arbeiterklasse wäre also ein sehr günstiges, obwohl der Gebrauchs-  und  Tauschwert von Garn und Korn pro Pfund und Scheffel erheblich abgenommen hätte. Eine fortschreitende Erniedrigung des Tausch- und Gebrauchswertes gleicher Güterquantitäten, nicht Erhöhung ist ein Triumpf der ökonomischen Zivilisation; denn sie ist der Ausdruck dafür, daß der Mensch umso freier von der Materie ist, je unwerter diese ihm wird. Darum bezeichnet auch die Beobachtung, daß bei Abnahme der Güterquantität der Gebrauchs- und der Tauschwert des Restes (bei Teuerungen) steigen können, zwar eine in jedem vorkommenden Fall zu bedauernde und mit allen tauglichen Mitteln abzuwehrende Wendung, aber keine Disharmonie in der ökonomischen Weltordnung; denn nicht Steigerung des Gebrauchswertes (obwohl der Brauchbarkeit) und des Tauschwertes gleicher Güterquanten, sondern ihre Erniedrigung, ist Aufgabe ökonomischer Gesittung, Zeichen des Reichtums oder Erfolg der fortschreitenden wirtschaftlichen Überwindung der Außenwelt. Jenes Wertsteigen des Restes bei Abnahme der Gesamtquantität ist nur das Übel selbst, dessen Überwindung ein Ziel der ökonomisch sozialen Einrichtungen ist.
Auf die bisherigen, großenteils aphoristischen Ausführungen müssen wir uns an dieser Stelle beschränken. Vielleicht haben sie den Zweck, welchen sie verfolgten, nicht ganz verfehlt. Dieser Zweck ging dahin, an der begrifflichen Bestimmung des Wertes und an der Verwendung dieser Bestimmung zur Beleuchtung einiger tiefgreifender Streitfragen der national-ökonomischen Wertlehre das ethische Wesen der Wirtschaft und die Bedeutung einer ethischen Auffassung der Wirtschaftslehre zu bescheinigen und auch für die ökonomische Welt den sittlichen "Menschen als das Maß aller Dinge", nach dem Wort des alten Weltweisen, darzustellen.
LITERATUR Albert Schäffle, Gesammelte Aufsätze I, Tübingen 1885
    Anmerkungen
    1) Akademisches Programm zur Feier des Geburtsfestes "Seiner Majestät des Königs WILHELM. Tübingen, 27. Sept. 1862. Vgl. meine Ausführungen gegen HERMANNs Wert- und Preistheorie, Tübinger Zeitschrift, 1870, Seite 122 - 179
    2) Vgl. ROSCHER, Grundprobleme der Nationalökonomie, § 6, letzter Absatz.
    3) WILHELM ROSCHER, a. a. O. Seite 7, Anm. 4, sagt: "Adam Smith kennt den Gegensatz von  value in use  und  in exchange,  ohne sich jedoch um den ersten Begriff weiter zu kümmern. Er hat in dieser Hinsicht unter seinen Landsleuten nur allzuviel einseitige Nachfolger gehabt, so daß z. B. Ricardo, Princ. ch. 28, geradezu fragt: Was kann der Tauschwert mit der Fähigkeit zu nähren und zu kleiden gemein haben?
    4) BRUNO HILDEBRAND, Nationalökonomie der Gegenwart und Zukunft.
    5) KARL KNIES, Die nationalökonomische Lehre vom Werthe. Tübinger Zeitschrift für die ges. Staatswissenschaft. Jahrgang 1855
    6) PIERRE-JOSEPH PROUDHON, Contradictions, philosophie de la misére.
    7) Vgl. ROSCHER, a. a. O., Seite 6
    8) Auch PROUDHON, Systéme des contradictions économiques, Kap. 2. Vgl. dagegen HILDEBRAND, Nationalökonomie der Gegenwart und Zukunft I, Seite 316f und KNIES, a. a. O.
    9) ROSCHER, a. a. O., Seite 8
    10) Vgl. ROSCHER, a. a. O. Seite 103