ra-2Albert SchäffleFranz Staudinger    
 
ALBERT SCHÄFFLE
Die Quintessenz
des Sozialismus

[1/2]

"Wenn auch in den Städten und Fabrikzentren das Proletariat bereits  im Feuer exerziert,  die leitenden Führer ahnen gewiß, daß das nur erste Vorpostengefechte der späteren Klassenschlacht sind, wovon sie die völlige Umwälzung der bestehenden privat-kapitalistischen in die kollektiv-kapitalistische Ordnung erwarten. Und die  alsdann  obwaltenden Verhältnisse müßten über viele Einzelheiten des einst zu verwirklichenden positiven Programmes entscheiden. Die Zurückhaltung in der Kundgebung des positiven Programmes ist also gar nicht auffallend; alle klugen Parteiführer haben in ähnlichen Stadien der Agitation immer ähnlich gehandelt."


Vorwort zur ersten Auflage

Die folgende Schrift ist erstmals (1874) in den "Deutschen Blättern" erschienen und durch den Wunsch der Redaktion dieser Monatsschrift veranlaßt, einem gemischten, auch aus vielen Theologen bestehenden Publikum ein fachwissenschaftlich begründetes und doch gemeinverständliches Bild von den volkswirtschaftlichen Konsequenzen des neuesten Sozialismus zu entwerfen. Die Arbeit hat Aufsehen erregt, als sie in den "Deutschen Blättern" erschien und wird auf Wunsch der Verlagshandlung in gegenwärtiger Form einem weiteren Kreis der Öffentlichkeit zugeführt. In dieser Form hat sie nur der größeren Deutlichkeit wegen einige Änderungen, namentlich eine durchsichtigere Einteilung des Stoffes erfahren. Am sachlichen Inhalt war keine Modifikation nötig.


Vorwort zur dreizehnten Auflage

Die Schrift bleibt auch in dieser neuen Auflage fast unverändert und beschränkt sich wie bisher darauf, den Wirtschaftlichen Gedankenkreis des  radikalen  Sozialismus dem allgemeinen  Verständnis  zu erschließen. Sie ist und bleibt  Darstellung  der  wirtschaftlichen  Seite des zeitgenössischen Sozialismus und drängt die  Kritik  fast ganz zurück.

Den politischen, erzieherischen, ethischen und religiösen Inhalt der sozialdemokratischen Weltanschauung hat der Verfasser an anderer Stelle dargelegt. Ebenda hat er weiter eine vollständige  Kritik  versucht und die  positive Bekämpfung  des demokratischen Sozialismus eingehend erörtert.

Schon nach seiner  wirtschaftlichen  Seite hat der demokratische Sozialismus, wie er seit mehr als zwanzig Jahren die Parteiprogramme der deutschen Arbeiterwelt beherrscht und bis zur Erfüllung der gerechten Forderungen positiver Sozialreform noch länger beherrschen wird, zwei im  Prinzip  der  Verteilung des Ertrags  der Gesamtproduktion sich unterscheidende Formulierungen gefunden. Erst wollte (Eisenacher Programm von 1869) jedem genau der volle Gegenwert seiner Arbeitsbeiträge zur Kollektivproduktion als Einkommen zugeteilt werden, seitdem aber (Gothaer Programm von 1875) sollen alle zur Arbeit nach ihren Kräften gleich verpflichtet werden, wogegen sie zum Güterbezug  "nach den vernünftigen Bedürfnissen"  gleichberechtigt sein sollen. Der radikale Sozialismus ist also seinem  Programm  nach seit 1875  reiner Kommunismus  geworden. Wir halten uns auch in der gegenwärtigen Lage weder genau an die früher nichtkommunistische, noch an die spätere kommunistische Formulierung des sozialdemokratischen  Güterzuteilungs programms, berühren aber in der folgenden Auflage gelegentlich beide. Daß weder das eine, noch das andere Zuteilungsprinzip realisierbar ist, das erstere aber dem unverbrüchlichen Grundsatz aller Volks wirtschaft,  der Verhältnismäßigkeit zwischen Arbeitsleistung und Gütereinkommen praktisch weit näher kommt, ist in meiner ob angeführten Schrift (3. Auflage) genauer nachgewiesen.

Schon aus dem Folgenden, noch mehr aus der eben erwähnten Schrift ergibt es sich, daß die sozialistische Hauptidee öffentlicher Grundorganisation der Güterhervorbringung und des Güterumsatzes auch eine nicht radikale, nicht demokratische, nicht die ganze Volkswirtschaft verschlingende Ausgestaltung zuläßt. Dieser "Sozialismus" ist längst da und breitet sich zusehends aus. Je mehr die private kapitalistische Organisation der Volkswirtschaft sich vom Standpunkt der Gesellschaft aus als leistungsunfähig erweist, je mehr sie auf der Spitze ihrer Entwicklung in Großmonopole auslaufend die Garantien der Konkurrenz für die Gesamtheit einbüßt und abwirft, desto mehr mag dieser "praktische" Sozialismus an äußerer Verbreitung und innerer Durchbildung gewinnen. Meines Dafürhaltens ist eine noch stärkere Hinüberbildung der Volkswirtschaft der Zukunft aus der kapitalistischen Organisation in die Formen des Vereinswesens (Konsumvereine!) und in die Formen des öffentlichen Rechts (Körperschafts-, Gemeinde- und Staatsanstalten) - eine Eventualität, welcher der Staatsmann mit der größten Ruhe entgegensehen kann, sofern nur bei dieser teilweisen und schrittweisen Umbildung die Erreichung höchster Wirtschaftlichkeit und die ewig notwendige "Trennung der Volkswirtschaft vom Staat", bzw. die "Dezentralisation" verstaatlichter Betriebe, als maßgebende Gesichtspunkte von der Gesetzgebung und von der Verwaltung behandelt werden. Das Nähere über diese letztere Ansicht ergeben meine kleinen Schriften: "Die Aussichtslosigkeit der Sozialdemokratie" (3. Auflage 1891) und die "Bekämpfung der Sozialdemokratie ohne Ausnahmegesetz" (1890).

Mit Rücksicht auf das gegenwärtige Vorwort entfallen die Schlußbemerkungen (Abschnitt IX) früherer Auflagen.




I. Der sozialistische Grundgedanke

Seit der zweiten Wahl zum Deutschen Reichstag spukt das "rote Gespenst" bis in die letzte Bierstube. Aber merkwürdig, nicht bloß in der Welt der Kannegießer, sondern weit hinauf in die Reihen der "besitzenden und gebildeten Klassen", ja sogar weitherum im Kreis der sozialistischen Parteigänger selbst sind der Kern und das Ziel der sozialistischen Propaganda noch fast unbekannt. Wir überzeugen uns täglich, daß eine Unsumme von falschen Vorstellungen, von ebenso maßlosen Hoffnungen wie auch übertriebenen Befürchtungen auf diesem Gebiet wuchert. Die Hasser, die Verächter, namentlich aber zahllose Gläubige des "neuen Evangeliums" selbst haben keinen rechten, zum Teil nicht den entferntesten Begriff von der Sache, die sie fürchten oder verabscheuen oder geringschätzen oder in den Himmel heben.

Bei einem so verworrenen Zustand der öffentlichen Meinung ist sicherlich das erste, was not tut: die präzise Kenntnis vom Wesen und Ziel der sozialistischen Neugestaltung, insbesondere die Zerstreuung der einlullenden falschen Vorstellungen und die Vernichtung der sich selbst täuschenden Ignoranz. Richtige Kenntnisse auf diesem Feld zu fördern, ist die Absicht der folgenden "Quintessenz des Sozialismus". Manchen Leser der "Deutschen Blätter" hoffen wir durch ein scharf gezeichnetes Bild dieser Frage uns doch zu verbinden, wenn wir ihn vielleicht in der Sache selbst auch unangenehm überraschen. Wenigstens glauben wir aus umfassenden und durchaus vorurteilslosen Studien heraus Aufklärung geben zu können. Wenn wir uns täuschen, so ist es nich absichtliche Selbsttäuschung. Die Wahrheit über alles!

Sehen wir sogleich mitten hinein in die Bewegung. Fassen wir - unter vorläufiger Beiseitelassung ihrer vorübergehenden agitatorischen Außenseite, ihrer religiösen und politischen Begleiterscheinungen und Begleittendenzen, ihrer provisorischen Schlagwörter - zuerst nur den  volkswirtschaftlichen Kern  des Sozialismus ins Auge.

Wirtschaftlicher Art ist ja ohne Zweifel die Angelegenheit, sie bildet wenigstens in erster Linie eine "Magenfrage", sie ist Erzeugnis eines fundamentalen Umschwungs in der Organisation des sozialen Stoffwechsels, eine volkswirtschaftliche Erscheinung, die aus dem Umsturz des kleinbürgerlichen Produktions- und Erwerbssystems hervorwuchs und folgerichtig ist auch das Ziel der sozialistischen Bewegung in erster Linie auf eine fundamentale Umgestaltung der bestehenden Volkswirtschaft gerichtet, wie von allen Seiten zugegeben ist.

Die volkswirtschaftliche Quintessenz des sozialistischen Programmes, das eigentliche Ziel der "internationalen" Arbeiterbewegung lautet nun:
    Ersetzung des "Privatkapitals" (d. h. der spekulativen, sozial nur durch freie Konkurrenz geregelten privaten Produktionsweise) durch das "Kollektivkapital", d. h. durch eine Produktionsweise, welche aufgrund  kollektiven,  d. h. gesamtheitlichen  Eigentums  aller Mitglieder der Gesellschaft an den  Produktionsmitteln  eine einheitlichere (soziale, "kollektive") Organisation der Nationalarbeit durchführen würde. Diese "kollektivistische Produktionsweise" würdie die heutige Konkurrenz beseitigen, indem sie die kollektiv (sozial, kooperativ) durchführbaren Teile der Güterhervorbringung unter eine öffentliche Leitung stellen und unter derselben Leitung auch die  Verteilung des gemeinsamen  ("gesellschaftlichen")  Produktes  aller an alle - nach dem Maß der Arbeitsleistung eines jeden oder (kommunistisch) nach den "vernünftigen Bedürfnissen" - vornehmen würde.
Das ist, auf den kürzesten Ausdruck gebracht, das  Ziel  des heutigen Sozialismus, wie verschieden und bei einzelnen Führern selbst noch unklar der Weg zu diesem Ziel gedacht werden mag.

Statt daß gegenwärtig jeder, welcher Kapital besitzt, frei  (privatim)  einen Teil der nationalen Totalproduktion aus Privatinteresse übernimmt ("unternimmt") und nur am sozusagen hydrostatischen Gegendruck aller anderen Gewinnkonkurrenten einen sozialen Einfluß erleidet, wäre im Sozialistenstaat das Organisationsmittel aller Güterhervorbringung und Güterzirkulation (d. h. "das Kapital", der Inbegriff der Produktionsmittel) von Anfang an im Gemeinbesitz der Gesamtheit, deren Kollektivorgane einerseits alle Sonderarbeitskräfte in sozialer Arbeitsgliederung ("Kollektivarbeit") zusammenhalten, andererseits alle Produkte der sozialen Kooperation nach Maßgabe der Arbeitsleistungen oder nach dem Bedürfen austeilen würden; Privatgeschäft, "Unternehmung", bestände nicht mehr, sondern  gliedliche  (nicht private) Produktivarbeit aller in gesellschaftlich geordneten und aus kollektivem Kapitaleigentum ausgestatteten Produktions- und Umsatzanstalten, mit Besoldung, statt mit privatem Gewinn- und Lohnbezug. Die Bedarfssummen an jeder Produktart müßten durch eine fortlaufende offizielle Erhebung des Bedarfs seitens der Absatzämter und Produktionsvorstandschaften festgestellt und dem sozialen Betriebsplan zugrunde gelegt werden. Der gelegentliche Ausfall oder Überschuß der wirklichen Erträge gegenüber dem "Kapitalismus", die Quintessenz der öffentlichen "Organisation der Arbeit" im Gegensatz zu jener behaupteten "Konkurrenz-Anarchie" von heute, bei welcher - den Sozialisten zufolge - die große Aufgabe des gesellschaftlichen Stoffwechsels, die soziale Güterhervorbringung und Güterverteilung, keine einheitlich bewußte Sozialfunktion darstellt, sondern dem Spiel einer "anarchischen" Konkurrenz und der Privatjagd um die größten Privatportionen anheim gegeben ist.

Die Führer der internationalen Bewegung - KARL MARX zumal in seinem kritisch ätzenden und unleugbar scharfsinnigen Hauptwerk (1) - verhalten sich zwar sehr vorsichtig bei der Kundgebung ihres positiven Programms; allein jeder, welcher zu lesen und konsequent zu denken versteht, wird den soeben angegebenen Grundgedanken als Kern und Ziel des Sozialismus betrachten. Das erhellt sich aus der breiten Kritik der Sozialisten gegen die bestehende private, kapitalistische Organisation der Volkswirtschaft. Dasselbe geht hervor aus den Theoremen der "sozialistischen Wissenschaft" über die Arbeit als Substanz allen Güterwerts, über die künftige Bemessung der Privateinkommen nach Maßgabe der geleisteten Arbeitszeit oder des vernünftigen Bedürfens, über die Beseitigung des jetzigen Geldgebrauchs usw. Endlich ist diese Grundansicht auch aus den positiven Programmen sozialistischer Neuordnung der Volkswirtschaft zu entnehmen, soweit solche von denkenden Führern entwickelt oder angedeutet worden sind. Kritisch, dogmatisch und programmatisch tritt der Kardinalsatz hervor:  Kollektiv- statt Privatbesitz an allen Produktionsmitteln  (Grundstücken, Werkhäusern, Maschinen, Werzeugen usw.), - "Organisation der Arbeit von  Gesellschaftswegen"  anstelle der einheitlosen, privaten Kapitalistenkonkurrenz, d. h. körperschaftliche Gliederung und Leitung des Produktionsprozesses anstelle von Privatgeschäften, öffentliche Gliederung der Gesamtarbeit aufgrund des kollektiv besessenen Eigentums an allem Geschäftsmaterial sozialer Arbeit, - endlich Verteilung des Kollektivvertrages an allerlei Güterarten nach Maßgabe der Arbeitsleistungen oder der Bedürfnisse an die Arbeiter. Die Produzenten wären  individuell  nur noch  Arbeiter;  denn an den Produktionsmitteln (dem Kapital) gäbe es keinen Privatbesitz mehr, alle arbeiten eventuell mittels der dem Ganzen gehörigen Produktionsmittel (des Kollektivkapitals); formell wären sie nicht Privatunternehmer und im Privatdienst, sondern gleiche  Berufs arbeiter, der ganzen Gesellschaft  unmittelbar  verpflichtet und von ihr  besoldet.  Folgerichtig gäbe es künftig auch die heutige Grundunterscheidung der  Privateinkünfte  einerseits in  Gewinn  (bzw. Zinsanteil des Gläubigers am Gewinn des Schuldners) und andererseits in  Lohn  überhaupt nicht mehr, sondern alle Einkünfte repräsentieren gleichmäßig einen direkt von der Gesellschaft nach gleichem Maßstab jedem zugebilligten Anteil am Nationalprodukt, d. h.  ausschließliches Arbeitseinkommen.  Diejenigen, welche dem Ganzen als Richter, Verwaltungsbeamte, Lehrer, Künstler, Forscher, gemeinnützige Dienste leisten würden, statt Sachgüter zu erzeugen, d. h. alle "nicht unmittelbar produktiven", nicht dem sozialen Stoffwechsel zugewendeten Personen, würden für ihren Bedarf nach dem Verhältnis ihrer geleisteten Arbeit am Sachgüterprodukt der Nationalarbeit beteiligt werden, soweit es noch nötig wäre.

Der Leser, welcher mit diesem umwälzenden Organisationsplan sich niemals näher abgegeben hat, wird ihn kaum begreifen. Wir selbst haben längere Zeit gebraucht, uns in denselben hineinzudenken.

Und doch hat dieser Plan bereits eine Partei, welche an Feuereifer, Begeisterung, Berge versetzenden Glauben, geschlossener Organisation und internationaler Ausbreitung es vielen anderen großen Parteien zuvortut, immer mehr Proselyten [Anhänger - wp] macht und siegesgewiß der Zukunft entgegengeht. Es ist daher für alle der Mühe wert, wenigstens so tief in den der bestehenden Gesellschaftsordnung entgegengesetzten Gedankenkreis einzudringen, um den Gegner überhaupt zu verstehen. Wir werden deshalb den obigen lapidaren Grundgedanken des Sozialismus durch einige weitere Erörterungen aufzuschließen suchen müssen. Ehe eine wirksame Bekämpfung eines bedeutenden Gegners möglich ist, muß man vor allem genau, unbefangen und unverfälscht wissen, was derselbe will und grundsätzlich "wollen  muß".  Und hierbei darf man nicht subjektive Torheiten von Heißspornen, wofern sie nur Beiwerk, nicht notwendiger Ausfluß des Grundsatzes sind, zugrunde legen, sondern muß sich an das dem Prinzip notwendig Entstammende, ja an die  denkbar vernünftige Formulierung des neuen Prinzips  halten. Das ist jetzt noch umso mehr möglich, als keinesfalls von heute auf morgen oder übers Jahr der "neue Glaube" der Arbeiter bereits Gewalt erlangen wird. In diesem möglichst objektiven Sinn, mit Ausscheidung von unwesentlichem Beiwerk, suchen wir im folgenden den Gegenstand vorzuführen.

Beim Versuch einer durchaus anschaulichen Darstellung der  positiven  Ordnung, welche der Sozialismus im Schilde führt, begegnet man nun allerdings sogleich bedeutenden Schwierigkeiten.

Eine Reihe von Schlagwörtern sind von bloß vorübergehender agitatorischer Bedeutung, von untergeordneten Wortführern ausgegeben, Erzeugnis des agitierenden Augenblicks; sie bilden keinen maßgebenden Katechismus. Die alten phantastischen Reorganisationspläne eines CHARLES FOURIER und anderen enthalten zwar in ihrer Motivierung schon alle Grundgedanken des heutigen Sozialismus, aber sie bilden nicht mehr das Programm des letzteren. Der unzweifelhaft viel nüchterner gewordene, praktisch agitatorische Kollektivismus der Gegenwart ist nicht mehr die Phantasterei der Fourieristen und St. Simonisten, abe sich selbst bei einflußreichen Führern nicht völlig klar. Vielfach sogar mit den Grundsätzen der modernen privatistisch-liberalen Volkswirtschaft transigiert [zusammenfällt - wp]; das hat selbst LASSALLE in allen positiven Vorschlägen getan, so daß KARL MARX die LASSALLEschen Vorschläge (z. B. die Produktivassoziationen mit Staatskredithilfe) von sich gewiesen hat. (1)

Über die positiven Ziele, wie sie aus dem obersten Prinzip des einen Kollektivkapitals anstelle er jetzigen vielen konkurrierenden Sonderkapitale sich ergeben hat, äußern sich auch die zielbewußten Führer, namentlich KARL MARX, äußerst vorsichtig mit politischer Klugheit. Sie wissen, warum sie das tun. Wohl keinem derselben besteht ein Zweifel darüber, daß die Agitation für die kollektivistische Neuordnung noch sehr weit vom Ziel entfernt ist, daß sie sich erst in den Anfangsstadien befindet, in welchen Negation und Kritik gegen das Bestehende, allgemeinste Erweckung des Massenbewußtseins durch Schlagwörter die Hauptsache ist. Es wissen genau, daß die jetzige Produktionsweise erst noch ihre letzten praktischen Konsequenzen der vollen Auffassung des Kleinbesitzes ganz entfaltet, den plutokratischen Prozeß der Scheidung des Volks in ein massenhaftes Proletariat und in wenige Überreiche nahezu vollendet haben müßte, bevor die Massen - namentlich auch die Landbevölkerung und das Kleinbürgertum - dem Prinzip des Kolletivismus zufallen werden und können. In Deutschland ist nun aber, namentlich auf dem Land, diese Entwicklung noch lange nicht vollzogen. Wenn auch in den Städten und Fabrikzentren das Proletariat bereits "im Feuer exerziert", die leitenden Führer ahnen gewiß, daß das nur erste Vorpostengefechte der späteren Klassenschlacht sind, wovon sie die völlige Umwälzung der bestehenden privat-kapitalistischen in die kollektiv-kapitalistische Ordnung erwarten. Und die  alsdann  obwaltenden Verhältnisse müßten über viele Einzelheiten des einst zu verwirklichenden positiven Programmes entscheiden. Die Zurückhaltung in der Kundgebung des positiven Programmes ist also gar nich auffallend; alle klugen Parteiführer haben in ähnlichen Stadien der Agitation immer ähnlich gehandelt.

In jeder Hinsicht ist die bezeichnendst und bedeutendste Kundgebung die Zusammenfassung, welche KARL MARX am Schluß seiner "Kritik des Kapitals" gibt.

Das heutige Großkapital entstand - sagt er ungefähr - durch die Vernichtung jener  Kleinbesitzformen  (des Handwerks, Kleinhandels, der Bauernschaft), in welchen Arbeit und Privateigentum wirklich verknüpft, der wirkliche Arbeiter auch Eigentümer  seines  Arbeitsmittels und seines Arbeitsproduktes war. Diese innerlich wahre Form des Privateigentums, "wo der Arbeiter freier Eigentümer seiner von ihm selbst gehandhabten Arbeitsbedingungen war, der Bauer des Ackers, den er bestellt, der Handwerker des Werkzeugs, das er virtuos gebraucht", diese für ihre Zeit beglückende, weil innerlich wahre, mit der Arbeit identische Form des privaten Produktionsmittelbesitzes, habe jedoch am großen Fehler der  Zersplitterung der Produktionsmittel,  daher an einer Zwerghaftigkeit und  Unproduktivität der Betriebsweise  gelitten. An diesem Mangel habe der Kleinbesitz zugrunde gehen  müssen  und gehe er in seinen kleinbürgerlichen und kleinbäuerlichen (?) Resten fort und fort zugrunde; er müsse der Übermacht des großen landwirtschaftlichen und industriellen Kapitals weichen. "Das selbsterarbeitete, sozusagen auf Verwachsung des isolierten unabhängigen Arbeitsindividuums mit seinen privaten Arbeitsbedingungen beruhende Privateigentum war verdrängt worden durch das kapitalistische Privateigentum, welches auf Exploitation [Ausbeutung - wp] fremder, aber formell freier Arbeit beruth."

Sobald dieser (Kleingewerbe und Bauernstand vernichtende) Umwandlungsprozeß nach Tiefe und Umfang die alte Gesellschaft hinreichend zersetzt habe, sobald die (alten Privat-) Arbeiter in Proletarier, d. h. in Arbeiter ohne eigene Produktionsmittel, ihre Arbeitsbedingungen (älterer Kleinbesitz) in (modernes Groß-) Kapital verwandelt seien, gehe der Kampf des Kapitals noch weiter: der große Kapitalist bekämpfe - in zweiter Entwicklungsstufe - den kleineren  Kapitalisten  selbst. Unter fortwährender Konzentration der Produktionsmittel in Großbetrieben "schlägt je ein Kapitalist viele andere tot; Hand in Hand damit entwickelt sich innerhalb des Privatkapitals die  korporative (gesellschaftliche)  Form der Arbeit  auf stets wachsender  Stufenleiter, - die bewußte technologische Anwendung der Wissenschaft, - die planmäßig gemeinsame Ausbeutung der Erde, - die Verwandlung privater Arbeitsmittel in nur gemeinsam verwendbare Arbeitsmittel und die Ökonomisierung aller Produktionsmittel durch ihren Gebrauch  als gemeinsame Mittel kombiniert gesellschaftlicher  Arbeit".

Mit der forwährenden Abnahme der Zahl der Kapitalmagnaten, welche alle Vorteile dieses Umwandlungsprozesses usurpieren [an sich reißen - wp] und monopolisieren, wachse aber "auch die Masse des Elendes, des Druckes, der Knechtung, der Degradation, der Ausbeutung", wachse auch die Empörung der stets anschwellenden und  durch den Mechanismus des kapitalistischen Produktionsprozesses selbst geschulten, vereinten und organisierten  Arbeiterklasse. Das Kapitalmonopol selbst werde endlich zur Fessel der Produktionsweise, die mit und unter ihm aufgeblüht sei. Alsdann habe die Stunde des kapitalistischen Privateigentums geschlagen.  "Die Expropriateure werden expropiiert.  die kapitalistische Produktions- und Aneignungsweise war die erste Negation des auf eigene Arbeit gegründeten Privateigentums. Diese Negation negiert sich jetzt selbst und drängt zur Wiederherstellung  individuellen  Eigentums, jedoch auf Grundlage der Errungenschaft der kapitalistischen Ära:  nämlich aufgrund der Kooperation freier Mitarbeiter und ihres Gemeineigentums  an der Erde und an den durch die Arbeit selsbt produzierten Produktionsmitteln. Die vorausgegangene Verwandlung des zersplittert gewesenen, auf eigener Arbeit beruhenden Privateigentums in modernes Kapital war ein ungleich mehr langwieriger, harter und schwieriger Prozeß als die Verwandlung des faktisch bereits auf gesellschaftlicher Arbeitsweise beruhenden Privatkapitals in gesellschaftliches Eigentum. Dort handelte es sich um die Expropriation der  Volksmasse  durch  wenige  Usurpatoren durch die  Volksmasse." 

Kann man klarer reden? Die bezeichnenden Stellen sprechen über den kritischen wie über den behutsam geoffenbarten positiven Gehalt des Sozialismus so viel wie ganze Bände.

Sie zeigen erstens, wie klar die neue Bewegung ihres allgemeinen Zieles, ihrer Unterstützung durch die geldherrschaftliche Entwicklung der Dinge selbst, des notwendigen Wachstums ihrer Hilfsmittel, sowie des jetzigen erst präparatorischen Stadiums der Agitation sich bewußt ist. Mit großer Sicherheit rechnen die Führer des "Proletariats" darauf, daß - mehr als alle Agitation -  der mechanische Großbetrieb selbst, die ganze Zentralisationstendenz der Zeit  die Proletarierschule ausmache und als politisch-soziale Macht konzentriere. Die staatliche Konzentration der Arbeit durch den militärischen Mechanismus dre allgemeinen Wehrpflicht wird von ihnen nicht gebilligt, aber endgültig nicht als Hemmung empfunden; sie dürfte den Führern als eine "Schule" gelten, welche dem Sozialismus dauernd nichts weniger als gefährlich ist, seine Zukunftssoldaten drillt und die Völker schließlich finanziell widerwillig macht. Alles, was die Massen als ein Ganzes abrichtet, was zentralisiert, was eine öffentliche Zusammenfassung der Einzelkräfte im größten Maßstab in sich schließt, das hat etwas dem Sozialismus durchaus Verwandtes. Die angeführte Stelle zeigt, wie klar und unerschrocken der letztere auf die Schulung durch moderne Kapital- und Staatswirtschaft rechnet. Man möge also ihm gegenüber vor allem nicht ruhig auf die Bajonette und jene politische Zentralisation rechnen, die gerade der Sozialismus eventuell am allermeisten und ausgiebigsten als Mittel seiner ersten Einführung zu benutzen gezwungen ist.

Indessen wollen wollten wir zunächst nur auf die Quintessenz des Sozialismus kommen, als wir obige Stelle abdruckten.

Aus letzterer ersehen wir nun allerdings zunächst klar,  weshalb  der Sozialismus  nicht  eilt, sich über die kritische Rolle hinaus ins Zeug der  positiven  Programme zu legen - er sagt und weiß: der vorbereitende Prozeß ist ein langwieriger, harter und schwieriger. Wir ersehen aber zweitens ganz bestimmt, um was es sich  endgültig  handelt. Wir erhalten an maßgebendster, abschließender Stelle des sozialistischen Hauptwerks die Erklärung, daß man eine Verwandlung des faktisch ja doch schon mit kooperativer, gesellschaftlicher Arbeit verknüpften Privatkapitals in Gemeineigentum der kooperativen Arbeiter, in "gesellschaftliches Eigentum", "Kollektivkapital", will und antrebt. Aus diesem  einen  positiven Hauptgedanken läßt sich aber der ganze positive Gehalt des Sozialistenstaates voraus in die Zukunft hinein noch sicherer ableiten, als sich rückwärts aus einem Schädelknochen ausgestorbener Tierarten auf den ganzen Bau der untergegangenen Spezies schließen läßt. Bei dieser Ableitung kommen uns über dies die sozialistischen Theorien (z. B. über den Wert), die häufige, wenn auch nur hypothetische Einmengung positiver Anschauungen in die Kapitalkritik zu Hilfe. Das Bild, welches wir im folgenden vom positiven Gehalt des Sozialismus entwerfen, ist daher, obwohl es in denselben Strichen  nicht  von den Sozialisten gezeichnet ist, doch strengste Folgerung aus ihren kritischen und positiven Hauptsätzen und von uns der Kontrolle einer sorgfältigen Vergleichung der uns zugänglichen sozialistischen Literatur unter worfen worden.
LITERATUR Albert Schäffle, Die Quintessenz des Sozialismus, Gotha 1920
    Anmerkungen
    1) Offenbar deshalb, weil auch die Genossenschaft oder "Gruppe", wenn sie in  Konkurrenz  vieler isolierter genossenschaftlicher Geschäfte den sozialen Produktionsprozeß durchzuführen unternähme, schlechterdings auf dem Boden der jetzigen Produktionsordnung verharren würde.