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HEINRICH PESCH
Eine neue Richtung
in der Nationalökonomie


"In der berühmten Diskussion zwischen unserem verehrten Meister  Schmoller  und  Lasson  kam einmal der Ausdruck vor:  Es wird kein Nagel eingeschlagen in der Welt ohne irgendeine ethische Beimischung.  Das konzediere ich vollständig. Diese ethische Motivierung innerhalb des Wirtschaftslebens ist natürlich vorhanden, und ich konzediere auch ohne weiteres, daß bei einer totalen Erörterung der wirtschaftlichen Zusammenhänge die Bedeutung der ethischen Faktoren niemals außer acht gelassen werden darf."

"Es heißt zuviel, ja eigentlich ihre  Selbstvernichtung  als eine  soziale  Disziplin von der Volkswirtschaftslehre fordern, wenn man verlangt, sie solle, angeblich um das Objektive vom Subjektiven zu lösen, das Wirtschaftsleben der Völker gewissermaßen wie ein Stück unpersönlicher Welt betrachten und behandeln. Hat sie es ja doch nicht nur mit wirtschaftlichem  Geschehen,  sondern recht eigentlich und vor allem mit  Handlungen menschlicher, in der Gesellschaft verbundener Personen  zu tun, darum auch nicht bloß mit Gesetzmäßigkeiten in den konkreten wirtschaftlichen Erscheinungen, sondern mit einem  Stück des Gesellschaftslebens selbst,  nicht mit einer  Naturlehre,  sondern mit einer  Soziallehre  der Wirtschaft, mit den sozialen Zusammenhängen auf wirtschaftlichem Gebiet und darum mit dem  Prinzip  der sozialen  Verbindung." 


I.

1. Wer den alten Methodenstreit auf nationalökonomischem Gebiet für endgültig erledigt hielt, wurde durch die Debatten der letzten Tagung des Vereins für Sozialpolitik in Wien sowie durch eine Reihe umfassender Abhandlungen in den volkswirtschaftlichen Zeitschriften eines anderen belehrt. Man spricht von neuen Wegen, welche die nationalökonomische Forschung im Interesse einer gedeihlichen Fortbildung der Wissenschaft einzuschlagen hat, von neuer Bestimmung und Umgrenzung ihres Gegenstandes, ihrer Aufgaben. Dabei werden insbesondere die Kathedersozialisten, die historische Schule, die ethische Richtung in der Nationalökonomie nicht ohne Schärfe angegriffen: Es sei keineswegs Aufgabe des Nationalökonomen, so heißt es, Ideale zu zeichnen, Werturteile zu fällen, wirtschaftspolitische Schlußfolgerungen zu ziehen; die Nationalökonomie sei heute zu einer anmaßlichen normativen Wissenschaft geworden, habe Ethik und Ökonomie vermengt, das Leben kritisiert, statt die Theorie zu pflegen, Forderungen an das Leben gestellt, die doch nur Ausfluß eines subjektiven politischen Standpunktes oder einer subjektiven Weltanschauung sind. Nicht mit dem "Seinsollen", sondern mit dem ökonomischen "Sein" habe die Nationalökonomie sich zu beschäftigen, insbesondere auch der theoretischen Behandlung jener Fragen größere Aufmerksamkeit zu widmen, welche die Geschäftswelt in erster Linie interessiert etc. (1)

Wenn eine ganze Reihe hervorragender Gelehrter solche Anklagen erhebt und solche Forderungen stellt, so wird dafür kaum jegliche Veranlassung und Begründung fehlen können. Auch darf nicht allgemein und mit Notwendigkeit eine bestimmte Weltanschauung für den Standpunkt jener Kritiker verantwortlich gemacht werden. Sehen wir ja doch als Förderer der neuen Richtung Männer von verschiedener Weltanschauung zusammenwirken, Anhänger einer positivistischen Weltanschauung, wie MAX WEBER, WERNER SOMBART usw., andererseits ADOLF WEBER, der aus seiner christlichen Weltanschauung keinen Hehl macht. Man mag also immerhin zugeben, daß der relativ jungen Wissenschaft der Nationalökonomie noch mancherlei Mängen anhaften dürften. Wird deren Überwindung, ohne Verkürzung der außerordentlich großen Verdienste bisher führender Schulen und ohne Verkennung ihrer gewaltigen Geistesarbeit, erstrebt, so mag das immerhin als erfreuliches Symptom von frischer Lebenskraft und wagender Lebensbetätigung auf nationalökonomischem Gebiet begrüßt werden, selbst wenn die "neue" Richtung nicht gerade in allem das Rechte trifft, vielleicht zuweilen sogar weit über das Ziel hinausschießt. Wir wollen diesbezüglich keine Anklagen erheben, keinen Tadel aussprechen, nicht gegen Männer polemisieren, die wir achten und verehren, sondern objektiv unsere Ansicht darlegen, wenn dieselbe uns in den schwebenden Fragen auch nicht an die Seite der Hauptvertreter der neuen Richtung stellt.

WERNER SOMBART hat in der Wiener Debatte über die Produktivität der Volkswirtschaft durchaus zutreffend theoretische Erörterungen solcher Art für unmöglich erklärt, wenn nicht  vorerst  Klarheit darüber besteht,  was wir denn überhaupt unter nationalökonomischer Wissenschaft zu verstehen haben  (2):
    "Hier ist der Punkt, auf dem die Entscheidungsschlacht ... geschlagen wird. Es handelt sich hier um die zwei großen Möglichkeiten, ob wir Nationalökonomen als einzige  Aufgabe  uns stellen, festzustellen, daß etwas  ist,  oder ob wir uns gleichzeitig zur Aufgabe stellen oder überhaupt nur als einzige Aufgabe ansehen, das festzustellen, was  sein soll Mit anderen Worten: Es handelt sich darum, ob aus den nationalökonomischen Betrachtungen, soweit sie wissenschaftlicher Natur sind und sein wollen, das, was wir  Werturteile  nennen, ausgeschlossen oder einbegriffen werden soll, die Werturteile, verschiedenartig verankert, größtenteils  ethisch  verankert. Es ist also wieder einmal die Frage aufgerollt von der Bedeutung dessen, was man die  ethische Nationalökonomie  genannt hat. Ich glaube, daß der Streit hierüber bisher nicht mit der prinzipiellen Klarheit - ich möchte nicht selber ein Werturteil aussprechen -, aber nicht so in der Problemstellung geführt worden ist, daß eine Einigung möglich gewesen wäre. Worüber hier Zweifel oder Unklarheiten herrschen, ist folgendes: Als der Streit zuerst auftauchte - und es ist ja die sogenannte  historische Schule,  die hier eine große Rolle gespielt hat, in der Vertretung gerade der Wertung ethischer Potenzen -, hat man, soviel wie ich sehe, nicht genügend unterschieden, wiederum  wo  die ethischen Wertungen eigentlich sitzen, von denen die Rede ist, hat man wiederum nicht genügend unterschieden, ob es sich um die ethische Wertung handelt, die etwa ein Wirtschaftssubjekt vornimmt oder die der betrachtende Nationalökonom vornimmt. - In der berühmten Diskussion zwischen unserem verehrten Meister von SCHMOLLER und LASSON kam einmal der Ausdruck vor - ich glaube Herr von SCHMOLLER gebrauchte ihn -: Es wird kein Nagel eingeschlagen in der Welt ohne irgendeine ethische Beimischung. Das konzediere ich vollständig. Diese ethische Motivierung innerhalb des Wirtschaftslebens ist natürlich vorhanden, und ich konzediere auch ohne weiteres, daß bei einer totalen Erörterung der wirtschaftlichen Zusammenhänge die Bedeutung der ethischen Faktoren niemals außer acht gelassen werden darf; gerade mein Freund MAX WEBER, mit dem ich in der methodischen Auffassung grundsätzlich übereinstimme, hat beispielsweise in seiner Arbeit über den Puritanismus nachgewiesen, welch große Bedeutung ethische Faktoren im Ablauf des wirtschaftlichen Lebens haben können. Wenn wir trotzdem die ethischen Erwägungen ausschließen wollen - ich bemerke, daß die ganze Frage von der isolierenden Methode bei der Betrachtung des Wirtschaftslebens, das Auseinanderhalten der verschieden wirkenden Motive und die Verfolgung eines Motivs in seiner reinen Wirkung, hier nicht weiter in Betracht kommt - wenn wir trotzdem das Ethische ausschalten wollen, so meinen wir damit nicht, daß die Ethik nicht im Leben eine Rolle spielt, sondern wir meinen damit, daß sie in der nationalökonomischen Wissenschaft keine Rolle spielen soll. Wir meinen Damit, daß in dem Moment, in dem wir Wissenschaft treiben, wir nicht Puritaner oder Nichtpuritaner zu sein haben in der Bewertung des Wirtschaftslebens, sondern wir haben eben objektiv Schauende und Festzustellende zu sein. In dem Sinne also nur scheiden wir das Werturteil aus der wissenschaftlichen Betrachtung aus. - Ja, nun warum, werden wir Sie fragen. Aus dem Grund, weil, solange Werturteile in der wissenschaftlichen Betrachtung eine Rolle spielen, eine objektive Verständigung über irgendetwas, was  ist nicht möglich ist, die wissenschaftliche Erkenntnis aber dahin drängt, festzustellen und  objektiv  zu beweisen, daß etwas ist."
So weit SOMBART.

2. Demgegenüber möchten wir die Aufgabe der Wirtschaftswissenschaft weder auf die Feststellung dessen, was ist, noch dessen, was sein soll, beschränken, dieselbe vielmehr  sowohl  in der Feststellung dessen, was ist,  als auch  dessen, was sein soll, und zwar, was  volkswirtschaftlich,  nicht was "ethisch sein soll, erblicken. Wird so, bei richtiger Verbindung der kausalen und teleologischen Forschungsweise, die Möglichkeit einer objektiven Verständigung über das wirtschaftliche "Sein" durch kein  "ethisches"  Werturteil gestört, dann dürfte eine Verständigung über das  objektive,  soziale,  volkswirtschaftliche  "Seinsollen", in wissenschaftlicher Allgemeinheit, und über entsprechende, objektiv begründete Werturteile sozialer,  volkswirtschaftlicher  Art auch  über  "ethische Potenzen" nicht völlig aussichtslos bleiben. Eine Beschränkung der Forschung auf den Ablauf des wirtschaftlichen "Seins" oder "Geschehens" aber würde unseres Erachtens die Volkswirtschaftslehre heillos verstümmeln, gerade um ihren wesentlichsten Bestandteil verkürzen und vielleicht von neuem einer im Grund genommen privatwirtschaftlichen und individualistischen Auffassung des Wirtschaftslebens Eingang verschaffen.

Mit Recht hat HANS RIZZI (3) betont, daß der Streit um das Wesen der Volkswirtschaftslehre nur einen Ausschnitt aus dem umfassenden Kampf um das Wesen und die Methode der Wissenschaft überhaupt darstellt, daß er auf die tiefsten Erkenntnisquellen, die sich menschlichem Forschungsdrang eröffnen, zurückgeht. Ja man wird mit der Annahme nicht fehlgreifen, daß auch die Verschiedenheit der Weltanschauungen für manche der Streitenden sogar von entscheidendem Einfluß ist, unbewußt gerade für solche, die Wissenschaft und Weltanschauung so scharf voneinander trennen möchten, als ein Reich objektiver Erkenntnis einerseits, subjektiven Dafürhaltens und Empfindens andererseits.

Wo immer Positivismus und Materialismus die Geister beherrschen und zu einseitigen Überschätzungen der naturwissenschaftlichen Betrachtungs- und Forschungsweise verleiten, da zumindest darf es nicht wundernehmen, wenn der Begriff der Wissenschaft von vornherein und ganz allgemein rein empirisch gedeutet und folgerichtig auch nur jene Wirtschaftsauffassung als wissenschaftlich vollwertig anerkannt wird, die das Wirtschaftsleben, analog dem äußeren Naturgeschehen, lediglich als wirtschaftliches Sein und Geschehen, unter der Kategorie von Ursache und Wirkung, betrachten will. Bei der Eigenart der  Soziallehre,  zu der die  Volkswirtschaftslehre als Teil  gehört, wird es jedoch nicht zweifelhaft bleiben, daß jede naturalistische oder quasi-naturalistische Wirtschaftsauffassung zu einer befriedigenden und erschöpfenden wissenschaftlichen Erkenntnis in keiner Weise ausreicht. Gewiß kann die Volkswirtschaftslehre der zuverlässigen Erkenntnis des wirtschaftlichen Seins und Geschehens  nicht entbehren.  Sie wird darum die Wirtschaftsgeschichte, die Statistik, die beschreibende Wirtschaftskunde, die Feststellung und systematische Gliederung der wirtschaftlichen Erscheinungen in ihrer wachsenden Bedeutung wohl zu schätzen und zu verwerten wissen. Auch die "Natur" kommt, wie sie für das wirtschaftliche Leben tatsächlich Geltung hat, innerhalb der Volkswirtschaftslehre zu ihrem vollen Recht: die äußere Natur nicht nur, sondern auch die menschliche Natur, die körperliche, die geistige Natur, das "Naturhafte" des physiologischen und psychologische Gebietes; ferner jene empirischen Regelmäßigkeiten im Handeln, die, ohne Aufhebung der individuellen Freiheit zu bedeuten, in der Natur des Menschen ihre Stütze habe, in der Masse unverkennbare Gesetzmäßigkeiten sind, obwohl sie in ihrer Regelmäßigkeit mit der physischen Notwendigkeit der die Körperwelt beherrschenden Naturgesetze nicht verwechselt werden dürfen (4). Möge man sogar in Zukunft immerhin speziell jenen Regelmäßigkeiten, der Aufsuchung des Typischen, Gleichartigen in den wirtschaftlichen Phänomenen vielleicht eine erhöhte Aufmerksamkeit schenken, wobei wir aufrichtig wünschen, daß diese Forschungsweise sich größerer Erfolge als bisher erfreuen und als erweiterte Wirtschaftskunde unser Wissen mit wertvollen neuen Feststellungen bereichern möge. Dennoch bleibt bestehen, daß die Volkswirtschaftslehre mit einer  solchen  Feststellung des wirtschaftlichen "Seins" und der Gesetzmäßigkeiten dieses "Seins" sich  nicht bescheiden  kann. Es heißt zuviel, ja eigentlich ihre  Selbstvernichtung  als eine  soziale  Disziplin von ihr fordern, wenn man verlangt, sie solle, angeblich um das Objektive vom Subjektiven zu lösen, das Wirtschaftsleben der Völker gewissermaßen (analog) wie ein Stück unpersönlicher Welt betrachten und behandeln. Hat sie es ja doch nicht nur mit wirtschaftlichem "Geschehen", sondern recht eigentlich und vor allem mit  Handlungen menschlicher, in der Gesellschaft verbundener Personen  zu tun, darum auch nicht bloß mit Gesetzmäßigkeiten in den konkreten wirtschaftlichen Erscheinungen, nicht mit der Masse und den in der Masse zutage tretenden Regelmäßigkeiten, sondern mit der  Gesellschaft,  und zwar nicht bloß mit dem wirtschaftlichen "Geschehen"  innerhalb  der Gesellschaft, sondern mit einem  Stück des Gesellschaftslebens selbst,  nicht mit einer "Naturlehre", sondern mit einer  Soziallehre  der Wirtschaft, mit den sozialen Zusammenhängen auf wirtschaftlichem Gebiet und darum mit dem  Prinzip  der sozialen  Verbindung, Gemeinschaft, Einheit,  mit jener  Gesetzmäßigkeit des Geistes und der Freiheit die das Handeln und Wirken der Menschen und der menschlichen Gesellschaft  regelnd und ordnend  beherrscht, mit einer Gesetzmäßigkeit  teleologischer  Art, mit dem  Sozialzweck  der staatlichen Gemeinschaft in seiner Bedeutung für das Wirtschaftsleben des Volkes. Diese Auffassung verläßt nicht den Boden objektiver und universaler Erkenntnis; - oder seit wann wären denn Objektivität und Universalität in den Rahmen einer naturalen empirischen Gesetzeswissenschaft festgebannt? Und ebensowenig bedeute die Einführung des Zwecks als eines allgemeinen Prinzips der sozialen Einheit und Ordnung in die wissenschaftliche Betrachtung die Verkennung der historischen Wandelbarkeit in den geschichtlichen Erscheinungen, da sich ja derselbe Zweck unter den verschiedensten Verhältnissen und in den mannigfachsten Formen verwirklichen kann. Sie findet aber ihre hellste Beleuchtung überall da, wo die Wirtschaft des Volkes, bei fortgeschrittener Arbeitsteilung, offensichtlich den Charakter einer sozialen Arbeitsgemeinschaft an sich trägt.

3. Die Lehre vom  sozialen  Charakter der Volkswirtschaft ist übrigens nicht neu. Namhafte Nationalökonomen haben sich zu ihr bekannt, wenn sie auch nicht alle die sich hieraus ergebenden Folgerungen für den systematischen Aufbau der Volkswirtschaftslehre gezogen haben.

Die  Kathedersozialisten,  die hierher gehören, bilden keine einheitliche Schule. Vertreter sehr verschiedener Ansichten werden unter diesem Sammelnamen zusammengefaßt. Manche von Kathedersozialisten vorgetragene Lehrmeinungen sind anfechtbar. Auch mag der gemeinschaftliche, für alle charakteristische Standpunkt nicht immer ohne Übertreibungen und Einseitigkeiten zum Ausdruck gelangt sein. Es versteht sich sogar ganz leicht, daß namentlich jene Dozenten der Nationalökonomie, die einem Publikum gegenüberstehen, welches eine engere Fühlung mit Unternehmerkreisen hat, gewisse kathedersozialistische Einseitigkeiten besonders stark empfinden.

Wir haben ebenfalls die bei einzelnen Anhängern der  historischen Schule  zutage tretende Geringschätzung der klassischen Nationalökonomie niemals geteilt, ferner, trotz aller Anerkennung der Leistungen jener Schule, eine Überspannung der historischen Auffassung bis zum vollendeten Relativismus und Evolutionismus als irrig abgewiesen. All dies wird uns jedoch nicht abhalten, das außerordentlich große Verdienst anzuerkennen, welches sich insbesondere Kathedersozialisten und Historiker durch eine scharfe Hervorkehrung gerade der  sozialen  Gesichtspunkte, des sozialen Charakters der Volkswirtschaft erworben haben. Der überlieferten individualistischen Naturlehre der Wirtschaftswissenschaft gegenüber, welche die wirtschaftliche Tätigkeit des Menschen unter dem Gesichtspunkt der individuellen Interessenbefriedigung untersuchte, dabei die Bedeutung der sozialen Organismen ganz oder zum Teil verkannte (5), war ja in der Tat eine Reaktion durchaus gerechtfertigt, welche die wirtschaftliche Tätigkeit der Individuen nicht atomistisch, sondern vom sozialen Standpunkt aus wissenschaftlicher Forschung unterwarf und ebenso den Leistungen der sozialen Organismen, insbesondere des Staates, für das wirtschaftliche Gebiet ein objektiv begründetes wissenschaftliches Verständnis entgegenbrachte. Dies umso mehr, als die maßlose sozialistische Reaktion gegen den Individualismus Theorie und Praxis bereits in falsche Bahnen zu lenken drohte. In der  sozialen  Korrektur der älteren Nationalökonomie wird der Kathedersozialismus recht behalten, wenn er auch, wie ADOLPH WAGNER sagt (6), im übrigen keinen "Ersatz" der klassischen Nationalökonomie (7) darstellt, überhaupt noch als bloße "Übergangsrichtung" mit "unfertiger Theorie" erscheint.

Konnten wir dem Kathedersozialismus und der historischen Schule nicht unbeschränkt und in allem Beifall zollen, so werden wir uns der  neukantianischen Philosophie  (STAMMLER usw.) gegenüber vielleicht noch größere Zurückhaltung auferlegen müssen. Bei allen Mängeln und Fehlern der neukantianischen Gesellschaftsphilosophie jedoch berührt uns die Bezugnahme auf eine  objektiv gültige Zwecksetzung  ansich wie die Verknüpfung des Gesellschaftsbegriffs mit der Idee des  geregelten  Zusammenlebens der Menschen durchaus sympathisch. Das Bestreben, einer in der einseitigen naturwissenschaftlichen Weltanschauung befangenen Zeit wieder einmal die Beachtung  sozialphilosophischen  Denkens abzunötigen, darf immerhin ein günstigeres Urteil in Anspruch nehmen, als es bei manchen Kritikern gefunden hat (8).

4. Verlassen wir aber nicht mit der Einführung des Telos den festen, sicheren Boden der Wissenschaft? Führt uns die Anerkennung eines Ziels und Zwecks der Volkswirtschaft nicht mit Notwendigkeit zu einem  ethischen  Seinsollen, zu  ethischen  Werturteilen?

Durchaus nicht! Wer sich nicht von der veralteten Vorstellung losmachen kann, daß nur eine kausale Betrachtung, im Sinne der traditionellen Naturlehre, echt wissenschaftlich ist, der mag immerhin  jeder  Zweckbetrachtung die Pforten der Wissenschaft verschlossen wähnen. Nur möge man vorab zumindest das Vorurteil fahren lassen, als ob die Anerkennung eines Zieles der Volkswirtschaft die Volkswirtschaftslehre mit Notwendigkeit gewissermaßen zu einem Teil der Moraltheologie machen muß. Gern geben wir zu, daß der Nationalökonom als solcher es nicht mit  ethischen  Werturteilen zu tun hat, daß er seine Erkenntnisse und Ausstellungen nicht  ethisch  zu motivieren hat. Das "Seinsollen", von dem der Nationalökonom handelt, ist nicht das moralische Seinsollen, sondern ein  ökonomisches Seinsollen,  und dieses wiederum nicht bloß im Sinne des wohl auch auf der anderen Seite anerkennaten "Seinsollens" des "ökonomischen Prinzips" (größter Erfolg mit den geringsten Opfern), sondern gemäß dem  nationalökonomischen  Prinzip, im Hinblick auf den Zweck, dem  die Volkswirtschaft in ihrer sozialen Ganzheit  dient.

Alle Wirtschaftslehre hat es mit "Wirtschaft" zu tun, nicht bloß mit "Wirtschaftlichkeit", die Privatwirtschaftslehre mit dem Lebensprozeß der Privatwirtschaft, die Volkswirtschaftslehre mit dem volkswirtschaftlichen Lebensprozeß. Muß jede Wirtschaft mit dem "ökonomischen Prinzip" rechnen, so ist dieses Prinzip doch als Prinzip der praktischen Vernunft wieder an die richtige  Ordnung  der Zwecke gebunden. Es bleibt überall eine wichtige Eigenschaft, ein wirksames Motiv des Wirtschaftens, eine unerläßliche Bedingung und, bei rechter Anwendung, auch hervorragende Ursache des günstigen Erfolges wirtschaftlicher Betätigung. Aber es trägt nicht in sich selbst seine letzte und oberste Bestimmung.  Welches  ist der Erfolg, auf den es bezogen wird? Das ist vorerst die entscheidende Frage, und darum wird auch die einheitliche Gesamtaufgabe, der Zweck derjenigen Wirtschaft - Privatwirtschaft oder Volkswirtschaft -, innerhalb deren Sphäre es zur Anwendung kommt, letztlich den Ausschlag geben für Art und Weise, Form und Maß seiner Geltung. Weder Privatwirtschaft noch Volkswirtschaft stellen also das ökonomische Prinzip außer Dienst. Beide wollen den größten Erfolg mit den geringsten Opfern erzielen, aber jede in ihrer Art, im Hinblick auf den besonderen Zweck, dem sie dienen - anders in einer modernen, auf Gewinn abzielenden, vom fundamental-kapitalistischen Prinzip des höchsten Reinertrages beherrschten Unternehmung, anders in der Volkswirtscahft, deren Erfolge durch sozial umfassendere Gesichtspunkte bestimmt werden, durch einen Zweck, der sich nicht im Dienst rein privatwirtschaftlicher Rentabilität erschöpft. Man wird hiernach verstehen, warum wir sagten: Die Rücksicht, unter welcher der Nationalökonom sein Materialobjekt untersucht, ist ökonomischer Art, aber nicht das "ökonomische", sondern das  nationalökonomische  Prinzip.

Immerhin bleibt es also richtig, daß der Nationalökonom dem gleichen  Material objekt gegenüber anders verfährt als der Moralist. Letzterer untersucht das wirtschaftliche Handeln unter der Rücksicht der  sittlichen  Güte, der Nationalökonom hat ein ganz anderes  Formal objekt für seine Untersuchungen, d. h. eben die Beziehung auf  Zweck  und  Ziel der Volkswirtschaft  als eines Bestandteiles des Gesellschaftslebens eines staatlich geeinten Volkes.

Ob nun bei der den Philosophen geläufigen Einteilung in metaphysische, physische, moralische Disziplinen die Nationalökonomie den letzteren nicht doch in  dem  Sinne und  insofern  zugewiesen werden kann, als es sich hier um eine Gebiet  freien  menschlichen Wirkens handelt, ob diese erwähnte Unterscheidung nicht etwa gegenüber der von DILTHEY vorgenommenen Scheidung in Natur- und Geisteswissenschaften oder gegenüber der von der RICKERTschen Gruppe der Neukantianer gewählten Unterscheidung zwischen Natur- und Kulturwissenschaften manche Vorzüge aufweist, das soll hier dahingestellt bleiben. Darin hat SOMBART jedenfalls recht, daß die Nationalökonomie keine  ethischen  Untersuchungen und Wertungen, Motivierungen vorzunehmen oder zu prüfen hat und darum auch nicht in  diesem  Sinne als eine "ethische" Wissenschaft angesprochen werden darf. Andererseits erkennt SOMBART erfreulicherweise rückhaltlos die große Rolle an, die das Ethische im Leben und spezielle im Wirtschaftsleben spielt; ja er betont mit Nachdruck, daß bei einer  totalen  Erörterung der wirtschaftlichen Zusammenhänge die Bedeutung der  ethischen  Faktoren niemals außer acht gelassen werden darf. Lange bevor man noch von einer "ethischen Richtung" sprach, haben ja auch z. B. ROSSI und andere Nationalökonomen den  segensreichen  Einfluß des Sittengesetzes auf die Volkswirtschaft der christlichen Völker anerkannt. Und es will uns scheinen, daß, wenn nun SOMBART und MAX WEBER überhaupt einmal eine  Berücksichtigung  der Rolle, die das Ethische im Wirtschaftsleben spielt, zugeben und für notwendig erklären, die Abstinenz von jedem  nationalökonomischen  "Werturteil" über "ethische Potenzen", über die  Bedeutung  des Ethischen für das Wirtschaftsleben doch mehr als gezwungene und gekünstelte "wissenschaftliche" Askese empfunden werden muß. Wer den Einfluß von Sitte und Sittengesetz auf das wirtschaftliche Leben anerkennt, der wird ferner, bei folgerichtigem und vorurteilsfreiem Denken, auch wohl wissen, daß mit Rücksicht auf die harmonische Verbindung der Bestrebungen der materiellen Ordnung mit den Anforderungen im Volk anerkannter höherer geistiger und sittlicher Ordnungen (Prinzip der  Einheit  der Kultur) ein  Widerspruch  mit diesen höheren Postulaten zu vermeiden ist. Diese Rücksichtnahme macht den Nationalökonomen noch lange nicht zu einem Moraltheologen, beweist nur, daß er über die Stellung seines Gebietes im Rahmen der Gesamtkultur sich einer richtigen Orientierung erfreut. Schließlich möchten wir es auch nicht gerade als eine besonders unheilvolle Entgleisung bezeichnen, wenn z. B. LEXIS (9) sagt, daß
    "der übermäßigen Ausnützung kindlicher Fabrikarbeiter in allen Kulturländern  durch die Macht des von der Wissenschaft geweckten öffentlichen Gewissens  ein Ende gemacht worden ist. Eben dieser  ethischen Einwirkung  ... ist es auch zu verdanken, daß die Förderung des Gemeinwohls heute als gleichbedeutend gilt mit der Verbesserung der Lage der die große Masse der Bevölkerung bildenden besitzlosen Arbeiterklasse."
Sahen Professoren der Nationalökonomie sich veranlaßt, an das öffentliche Gewissen zu appellieren, so mag das durch die besonderen Bedürfnisse der Zeit durchaus gerechtfertigt erscheinen. Sollte aber in dieser Hinsicht die richtige Grenze überschritten worden sein, so würede ein solches Versehen vor dem Forum der wissenschaftlichen Nationalökonomie jedenfalls ehrenvoller bestehen als eine Volkswirtschaftslehre, die, die Einheit menschlicher Kultur vergessend, im arbeitenden Menschen nur die Kraft zu schätzen und zu achten wußte, die Religion, Sittlichkeit, Familienglück, Eltern- und Kindespflicht, die körperliche und geistige Gesundheit des Volkes dem rein "ökonomischen" Optimum in der Erzeugung des Jahresprodukts und privatwirtschaftlichem Reichtumstrebens zum Opfer brachte.


II.

5. Die Frage, ob die Nationalökonomie als Wissenschaft ihre Forschungen lediglich auf das "Sein" beschränken muß, oder ob sie es auch mit dem "Seinsollen" zu tun hat, hängt, wie wir schon andeuteten, mit der weiteren Frage zusammen,  ob  und  in welchem Sinne  die Volkswirtschaftslehre als eine  soziale  Disziplin zu gelten hat.

Weder nach der politischen noch nach der ökonomischen Seite weist das Leben einer irgendwie staatlich geeinten Volksgemeinschaft in allen Epochen das gleiche Gepräge auf. Wer schon für die Zeit der geschlossenen Eigenwirtschaften, Familienwirtschaften, Fronhöfe, mit geringem Verkehr, bloß gelegentlichen Tausch, mit Rücksich auf die noch schwachen Verkehrsfäden, die sich von Wirtschaft zu Wirtschaft ziehen, oder wegen der Leistungspflichten für den gemeinsamen Staat, wegen des von dorther allen zuteil werdenden Schutzes, gemeinsame Kriegsbereitschaft gegen auswärtige Feinde, gemeinsamer Rechtsordnung usw. von einer "Volkswirtschaft" sprechen und in der Versorgung des Volkes mit materiellen Gütern deren unmittelbar Aufgabe erblicken wollte, der wird zugleich zugeben dürfen, daß diese Volkswirtschaft einer älteren Wirtschaftsstufe sich eher noch als eine Summe von Einzelwirtschaften oder Stadtwirtschaften und mehr für die gedankenmäßige Zusammenfassung als Einheit darstellt. Ganz anders auf der Stufe einer höher entwickelten Verkehrswirtschaft, mit welcher sich heute die Nationalökonomie als selbständige Wissenschaft beschäftigt. Da ist die Volkswirtschaft unzweideutig und klar wahre  Sozial ökonomie geworden, ein Bestandteil des  Gesellschaftslebens  staatlich geeinter Volksgemeinschaft; da ist sie eine reale, sozialökonomische, durch Verkehr, Sitte, Recht, Sozialzweck verbundene  Einheit wie die staatlich geeinte Volksgemeinschaft durch Zweck und Autorität in wirklicher politischer Einheit verbunden ist; da ist sie eine  organische  Einheit, der sich alle Einzelwirtschaften und Spezialverbände einordnen müssen, ein Zusammenwirken vieler und verschiedener Organe, so zwar, daß die Berufstätigkeit der wirtschaftlichen Stände den Charakter sozialer Funktionen an sich trägt. Da ist sie schließlich eine  moralisch -organische Einheit, keine physisch-organische, weil die Einzelwirtschaft und der Spezialverband dem Ganzen gegenüber nicht bloß Teil, nicht bloß Glied ist, sich nicht in der Gemeinschaft völlig verliert, vielmehr aller Freiheit und Selbständigkeit sich erfreut, die nötig ist, um die eigenen Zwecke, unter Mithilfe der großen sozialen Arbeitsgemeinschaft, mit eigenen Kräften zu verwirklichen; genau so, wie auch der einzelne Mensch innerhalb der staatlichen Gesellschaft, indem er dem Ganzen dient, doch nicht zum bloßen Mittel wird, den absoluten Wert der menschlichen Persönlichkeit bewahrt und als Selbstzweck zur gebührenden Geltung kommt.

Ist aber die Volkswirtschaft, bei ihrer heutigen verkehrswirtschaftlichen Ausbildung, in ausgesprochenster Weise Teil des  Gesellschaftslebens  einer  staatlich  geeinten Volksgemeinschaft, so gewinnt der  Zweck  dieses Gesellschaftslebens der staatlichen Volksgemeinschaft maßgebende Bedeutung für die Volkswirtschaft und den volkswirtschaftlichen Lebensprozeß, wie auch insbesondere jene, in der Natur begründete, durch die geschichtliche Entwicklung in dieser oder jener Form ausgestaltete Vielheit der sozialen Stufen und Gliederungen durch die Teleologie des staatlich gesellschaftlichen Lebens zu einer harmonischen, moralisch-organischen Einheit verbunden wird. Die Versorgung des gesamten Volkes mit allen materiellen Gütern, deren es, der erreichten Kulturhöhe entsprechend, zur Befriedigung seiner Bedürfnisse benötigt, die Güterbeschaffung wie die Güterverteilung, erscheinen hier als  gesellschaftliche  Vorgänge. Von einem  gesellschaftlichen  Gesichtspunkt aus, der hierbei  über  dem technischen (das "Wie" der Güterbeschaffung betreffenden) und  über  dem ökonomischen Gesichtspunkt privatwirtschaftlicher Rentabilität steht, erhebt sich, wie LEXIS (10) sagt, "die Frage nach der  Ordnung  der  gesellschaftlichen  Beziehungen, die durch das Bedürfnis nach wirtschaftlichen Gütern entstanden sind". Der  Zweck  aber, der die Gesellschaftsordnung der staatlich geeinten Volksgemeinschaft beherrscht, er ist es, der zugleich die  höchste teleologische Norm  für die  Ordnung  des volkswirtschaftlichen Lebensprozesses als eines gesellschaftlichen Prozesses bildet.

Von diesem  sozial ökonomischen Gesichtspunkt aus erfaßt der  Staatsmann  wie der  Volkswirt  den volkswirtschaftlichen Lebensprozeß, erscheint die Volkswirtschaftslehre als eine  sozial-  und  staatswissenschaftliche  Disziplin.
    "Die politische Ökonomie, als ein Zweig der Wissenschaft eines Staatsmannes oder Gesetzgebers betrachtet", sagte schon ADAM SMITH (11), "verfolgt zwei verschiedene Ziele: erstens, wie dem Volk reichliches Einkommen oder Unterhalt zu verschaffen, oder, richtiger, wie dasselbe instand zu setzen sei, sich selbst ein reichliches Einkommen oder Unterhalt zu verschaffen; und zweitens, wie dem Staat oder Gemeinwesen ein zur Bestreitung der öffentlichen Dienste hinreichendes Einkommen zu sichern ist."
Dieser Gesichtspunkt ist wesentlich verschieden von einem privatwirtschaftlichen Gesichtspunkt, "welcher die  Geschäftswelt  in erster Linie interessiert", der "ihr die Einsichten zu gewähren imstande ist, nach denen sie begehrt und die sie braucht". (12) Alles, was diesbezüglich,  auch  von der volkswirtschaftlichen Theorie und im Rahmen der Volkswirtschaftslehre, mit Recht gefordert werden darf, z. B. mit Rücksicht auf die Probleme der Preisbildung, der Einkommensverteilung, des Geldumlaufs, der periodischen Konjunkturschwankungen usw. kann in völlig ausreichendem Maß geboten werden, ohne daß die Volkswirtschaftslehre zu einer "Geschäftsnationalökonomie" wird. Andererseits muß doch auch gerade der "Geschäftswelt" gegenüber, die in der Nationalökonomie Belehrung sucht, der  sozial ökonomische Charakter der Volkswirtschaft mit voller Klarheit betont, die  Volks wirtschaftslehre, wie bisher, ebenfalls an den speziellen Fachschulen - nicht bloß auf den Universitäten - als ein Zweig der  Staats wissenschaften betrachtet und behandelt werden.

6. Erscheint nun der volkswirtschaftliche Prozeß als Bestandteil des gesellschaftlichen Lebensprozesses einer staatlich geeinten Volksgemeinschaft, empfängt demgemäß die Ordnung der gesellschaftlichen Beziehungen, die durch das Bedürfnis nach wirtschaftlichen Gütern unter den Menschen entstanden sind, ihr Maß und ihre höhere Bestimmung durch die Ordnung und darum durch den Zeck der staatlich geeinten Volksgemeinschaft, dann wird unsere Aufmerksamkeit sich notwendigerweise zunächst auf jenen die gesamte Gesellschaftsordnung beherrschenden  Zweck der staatlichen Gesellschaft  (13) richten müssen, wenn wir uns über den  Zweck und die Ordnung der Volkswirtschaft  ein wohlbegründetes Urteil bilden wollen.

Zweck des Staates, d. h. der staatlichen Gesellschaft, aber ist die  öffentliche Wohlfahrt  (salus publica), die Volkswohlfahrt, nicht als ein bloßer Summenbegriff, als die Summe befriedigter Individualinteressen (das größte Glück der größten Zahl), sondern als  zuständlicher  Inbegriff von Gütern, Bedingungen, Einrichtungen, Ordnungen, durch welchen dem Volk und den Gliedern des Volkes, mittels des Wirkens der geeinten und, dem Sozialzweck entsprechend, geregelten Kräfte der einzelnen, der gesellschaftlichen und politischen Faktoren die äußere  Möglichkeit  geboten, erhalten, erhöht wird, unter eigener Verantwortung, durch Selbstbetätigung, nach Maßgabe der eigenen Kräfte und Fähigkeiten, ihr Eigenwohl zu verwirklichen und zu behaupten. Man wird folgerichtig dann auch die  tatsächliche allgemeine Wohlfahrt  (prosperiats universalis) moralisch aller Volksglieder den  letzten  Zweck der staatlichen Gesellschaft nennen können, jene Wohlfahrt, die sich in ihrer konkreten Verwirklichung für den einzelnen zwar als ein unmittelbares Ergebnis der privaten Selbstbetätigung erscheint, zugleich aber doch auch als mittelbares Ziel und Produkt der in der öffentlichen Wohlfahrt gebotenen Mithilfe der individuellen, sozialen und politischen Kräfte der staatlich geeinten Volksgemeinschaft darstellt.
LITERATUR Heinrich Pesch, Eine neue Richtung in der Nationalökonomie, Stimmen aus Maria-Laach, Bd. 80, Freiburg i. Br. 1911
    Anmerkungen
    1) Man vgl. hierzu insbesondere MAX WEBER, Die Objektivität sozialwissenschaftlicher und sozialpolitischer Erkenntnis, im Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik, Bd. 19, Seite 22-27; GUSTAV COHN, Über den wissenschaftlichen Charakter der Nationalökonomie, im Archiv für Sozialwissenschaft etc., Bd. XX, Seite 461-478; derselbe "Wirtschaftswissenschaft und Wirtschaftspolitik, in Zeitschrift für die gesamte Staatswissenschaft, Bd. 46, Seite 1-40, 445-461; ADOLF WEBER, Die Aufgaben der Volkswirtschaftslehre als Wissenschaft (1909); KARL BÜCHER, Rezension zu Adolf Weber, Aufgaben etc., Zeitschrift für die gesamte Staatswissenschaft, Bd. 65, Seite 711f; LUDWIG POHLE, Einführungswort des Herausgebers zur Neuen Folge der Zeitschrift für Sozialwissenschaft, Bd.1, Seite 1-4; Politik und Nationalökonomie, in Zeitschrift für Sozialwissenschaft, Neue Folge, Bd. 1, Seite 69-81, 170-182, 201-218; JULIUS WOLF, Über Ehrenbergs "exakte Wirtschaftsforschung", im Tag, Nr. 74, 31. März 1910; Verhandlungen des Vereins für Sozialpolitik in Wien (1909). III. Die Produktivität der Volkswirtschaft mit Referaten von EUGEN von PHILIPPOVICH usw., Seite 329f, Debatte, namentlich Seite 563f; GEORG BRODNITZ, Die Zukunft der Wirtschaftsgeschichte, in CONRADs Jahrbüchern für Nationalökonomie und Statistik, Bd. 40, 1910, Seite 145f
    2) Verhandlungen des Vereins für Sozialpolitik in Wien (1909) III. Die Produktivität der Volkswirtschaft (1910), Seite 565f.
    3) HANS RIZZI, Monatsschrift für christliche Sozialreform, 32. Jahrgang, Juni 1910, Seite 325.
    4) Für die frei fallenden Körper gibt es  kein "Gesetz der großen Zahl", keine "Regelmäßigkeit",  sondern  absolute Gleichheit  in jedem Einzelfall. "Soziale" und "wirtschaftliche  Tendenzen",  wie die gekennzeichneten Regelmäßigkeiten, erlauben nur den Schluß, "daß die Verhaltensweise, welche unter gewissen Umständen von den Gliedern einer wirtschaftlichen Gruppe erwartet werden kann, die  normale  Handlungsweise der Mitglieder der betreffenden Gruppe für eben diese Verhältnisse ist" (MARSHALL, Handbuch der Volkswirtschaftslehre, 1905, Seite 87f).
    5) Daß diese Richtung ("klassische Nationalökonomie") bei der einseitigen philosophischen Grundlage einseitig sein mußte, daß sie vor allem an der Lehre von den sozialen Organismen achtlos vorbeiging, erklärt sich ganz einfach daraus, daß sie in ihnen nicht selbständige, sondern nur abgeleitete Wesen sah. Ebenso wie die anorganische Physik, deren Methode als der damals am meisten entwickelten Wissenschaft beispielgebend geworden war, die Gesetzmäßigkeiten nicht an den zusammengesetzten Phänomenen aufsucht, sondern in ihren einfachsten darstellbaren oder vorstellbaren Bestandteilen, so daß die theoretische Mechanik als die Lehre von den Gesetzmäßigkeiten der bewegten Massenteilchen die Grundlage der gesamten Physik genannt werden kann, so hielt auch die klassische Nationalökonomie, die ihr in der Erfahrung gegebenen sozialen Organisationsformen, Genossenschaft, Gemeinde, Staat, für restlos in ihre individuellen Bestandteil auflösbar. Dieser Grundirrtim, vereint mit dem sozialen Optimismus, führte zur Politik des Laissez-faire." So HANS RIZZI, Der jüngste Methodenstreit in der deutschen Nationalökonomie, in der "Monatsschrift für christliche Sozialreform", Jahrgang 32, Juni 1910, Seite 332f.
    6) ADOLPH WAGNER, Theoretische Sozialökonomik I, 1907, Seite 16f
    7) Bezüglich der  historischen  Richtung bemerkt ADOLF WEBER: "Trotz der hervorragenden wissenschaftlichen Leistungen des Historismus bleibt es doch wahr, daß er dem Klassizismus auf wissenschaftlichem Gebiet einen entscheidenden Kampf nicht einmal angeboten, viel weniger einen solchen Kampf ausgefochten hat."
    8) Die Philosophen haben zum Teil selbst die Mißachtung ihrer Wissenschaft verschuldet. Wenn jemand einen anderen lehrt, was er nicht versteht, so nennt man das Philosophie, sagt VOLTAIRE; verstehen es beide nicht, dann heißt es Metaphysik. Daß man sich heute aber allgemein nicht mehr versteht, dafür dürfte doch wiederum eben der Mangel an philosophischer Geistesbildung die Schuld tragen.
    9) WILHELM LEXIS, Allgemeine Volkswirtschaftslehre, 1910, Seite 26f.
    10) LEXIS, a. a. O., Seite 2
    11) ADAM SMITH, Untersuchungen über das Wesen und die Ursachen des Volkswohlstandes. Deutsch von F. STÖPEL, Bd. II, 1878, Seite 194. Damit ist nicht gesagt, daß nur Staatsmänner Nationalökonomie betreiben sollen. Lediglich der  Gesichtspunkt  wird hervorgehoben, unter welchem der wirtschaftliche Lebensprozeß Objekt wisssenschaftlicher Forschung wird: der  volks wirtschaftliche Gesichtspunkt im Unterschied vom  privat wirtschaftlichen.
    12) LUDWIG POHLE, An die Mitarbeiter und Leser der Zeitschrift für Sozialwissenschaft, Neue Folge, Bd. 1, 1910, Seite 3.
    13) Der Ausdruck  "Staat"  wird hier vorerst lediglich auf die  staatliche Gesellschaft,  nicht auf die  Staatsgewalt  bezogen; vom Zweck der  staatlichen Gesellschaft,  nicht von den  Aufgaben  der Staatsgewalt ist hier unmittelbar die Rede.