ra-2R. LiefmannJ. SchumpeterTugan-Baranowskyvon Wieser    
 
WARTHOLD MOHRMANN
Dogmengeschichte der Zurechnunslehre

"Daß die Zurechnungstheorie außerhalb des Kreises der Anhänger der  reinen Theorie  verhältnismäßig wenig bekannt ist, erklärt sich dadurch, daß die meisten Nationalökonomen gewissermaßen unbewußte Anhänger der Zurechnungstheorie sind. Sie setzen bei ihren Untersuchungen es als ganz  selbstverständlich  voraus, daß der spezifischen produktiven Wirksamkeit jedes Produktionsfaktors ein bestimmter Teil des gemeinsamen Ertrages entspricht, den man diesem Produktionsfaktor verdankt. Die Frage, ob die Zurechnung überhaupt möglich ist, wird von ihnen gar nicht untersucht; sie sind sich nicht einmal bewußt, daß hier ein Problem vorliegt, sondern behandeln die Zurechnung wie eine  unbestreitbare  Voraussetzung, ein Axiom, und viele von ihnen bauen auf dieser Grundlage ihre ganze  Verteilungs- ud Einkommenslehre  auf."

"Es handelt sich um die Untersuchung des Rechts unserer Gesellschaft, in ihrer gegenwärtigen Form zu existieren, und der Wahrscheinlichkeit, daß sie so weiter bestehen bleiben wird. Diese Tatsachen geben unserem Verteilungsproblem seine unermeßliche Wichtigkeit. Eine Lebensordnung, welche den Menschen zwingen würde, irgendetwas in den Händen der Arbeitgeber zu lassen, was ihnen aufgrund des Rechts der Hervorbringung gehört, wäre der Raub als Gesellschaftseinrichtung - eine gesetzlich sanktionierte Verletzung desjenigen Prinzips, von dem man glaubt, daß das Eigentum auf ihm beruth."


Einleitung

Es gehört zu den elementarsten Lehren der Nationalökonomie, daß der Produktionsprozeß auf einem Zusammenwirken der drei Produktionsfaktoren: Arbeit, Kapital und Boden beruth. Nichts ist natürlicher und naheliegender, als daß sich von Anfang an und immer wieder in der weiteren Entwicklung der Wissenschaft die Frage erheben mußte:  In welchem Maß  haben die einzelnen Produktionsfaktoren an der Hervorbringung des gemeinsamen Produktes mitgewirkt,  Welcher Anteil ist jedem einzelnen  vom Gesamtertrag  zuzurechnen?  Die verschiedenen Theorien, die dieses Problem zu lösen versuchen, faßt man in neuerer Zeit unter dem Namen "Zurechnungstheorie" zusammen. Daß die Zurechnungstheorie außerhalb des Kreises der Anhänger der "reinen Theorie" verhältnismäßig wenig bekannt ist, erklärt sich dadurch, daß die meisten Nationalökonomen gewissermaßen unbewußte Anhänger der Zurechnungstheorie sind. Sie setzen bei ihren Untersuchungen in der Lehre von der Produktion und ganz besonders in der Verteilungs- und Einkommenslehre es als ganz  selbstverständlich  voraus, daß der spezifischen produktiven Wirksamkeit jedes Produktionsfaktors ein bestimmter Teil des gemeinsamen Ertrages entspricht, den man diesem Produktionsfaktor verdankt. Die Frage, ob die Zurechnung überhaupt möglich ist, wird von ihnen gar nicht untersucht; sie sind sich nicht einmal bewußt, daß hier ein Problem vorliegt, sondern behandeln die Zurechnung wie eine  unbestreitbare  Voraussetzung, ein Axiom, und viele von ihnen bauen auf dieser Grundlage ihre ganze  Verteilungs- und Einkommenslehre  auf. Hierin liegt die große Bedeutung der Zurechnungstheorie und der Frage nach ihrer Richtigkeit, daß sie so vielfach zu den wichtigsten Konsequenzen in der Verteilungslehre und zu den eingreifendsten wirtschaftspolitischen Forderungen für die Verteilung führt. Gegenüber der Kritik an diesem verhüllten Dogma der Nationalökonomie hat man neuerdings zu bestreiten versucht, daß die Zurechnungstheorie überhaupt eine so wichtige Rolle in der Theorie spielt und die herrschende Ansicht bildet. Wenn die Kritiker auf die Zurechnungstheorien führender Theoretiker hinweisen, so wird entgegnet, daß man diese nicht richtig aufgefaßt habe. Besonders die österreichischen Zurechnungstheoretiker glauben, alle Angriffe damit abschlagen zu können, daß sie behaupten, mit Zurechnung etwas ganz anderes zu meinen, als man ihnen vorwirft. Aber auch untereinander beklagen sie sich darüber, z. B. BÖHM-BAWERK, daß er von WIESER und ebenso von SCHUMPETER nicht richtig verstanden wird. Auf diese Weise können wir allerdings niemals zur Klärung und zur Lösung des komplizierten und recht schwierigen Problems der Zurechnung kommen. Um da endlich einmal eine richtige, zuverlässige Grundlage für alle weitere Diskussion zu erhalten, und um jedem die Gelegenheit zu einer  selbständigen  Beurteilung der verschiedenen Zurechnungstheorien zu bieten, habe ich mich für die allein zu diesem Ziel führende Methode entschieden, eine systematisch geordnete Zusammenstellung von wörtlichen Zitaten sämtlicher wesentlicher Auffassungen unseres Problems zu geben, auf eine Wiedergabe seiner Gedanken zu beschränken. Doch ist gerade die Behandlung der Zurechnungstheorie bei den meisten Schriftstellern für eine wörtliche Wiedergabe sehr geeignet. Um den lebendigen Zusammenhang zwischen den zitierten Ausführungen nicht zu unterbrechen, habe ich mich jeder Kritik enthalten, die ich mir für die zusammenfassende Untersuchung des Problems im letzten Teil dieser Schrift aufspare. Ich werde deshalb auch die einführenden Bemerkungen zu den Zitaten auf das Allernotwendigste beschränken.

Das Zurechnungsproblem hängt eng, aber doch nicht untrennbar, mit der Lehre von den Produktionsfaktoren, der Lehre von der Verteilung und dem Einkommen und mit der Wertlehre zusammen. Wir müssen das Objekt unseres Problems streng gegen diese verwandten Gebiete abgrenzen. Denn sonst könnten wir niemals zu einer Lösung und Verständigung in unserer Frage kommen, weil wir von den Vorurteilen aufgrund der unzähligen gegensätzlichen Ansichten und Kontroversen auf diesen Gebieten, besonders der Wertlehre, abhängig wären. Aus diesem ganzen Fragenkomplex müssen wir das Zurechnungsproblem erst herauslösen, um dann auf dem Boden gemeinsamer Voraussetzungen unsere Streitfrage zum Austrag zu bringen. Die Isolierung der Schwierigkeiten war noch immer die erfolgreichste Methode der Wissenschaft. Wir verhalten uns also völlig unparteiisch gegenübersolchen Fragen, wie z. B. in der Lehre von den Produktionsfaktoren, ob die Einteilung in die Faktoren: Arbeit, Kapital und Boden richtig und zweckmäßig ist, ob man in der Einkommenslehre den Unternehmergewinn als besonderen Einkommenszweig betrachten soll. Speziell in der Wertlehre wollen wir nicht untersuchen, ob es richtig ist, - nach der herrschenden Ansicht - den Gesamtwert des gemeinsamen Produktes auf die Gesamtheit der zusammenwirkenden Produktionsfaktoren zurückzuführen, oder ob vom Standpunkt einer rein subjektiven Wertlehre aus jede kausale Abhängigkeit des Gesamtertrags, also des Wertes des Produktes, von den Produktionsfaktoren zu bestreiten ist, weil der Wert ausschließlich auf den subjektiven Wertschätzungen der Konsumenten beruth. Wir wollen nicht die Beziehung des Gesamtertrags zur ungeteilten  Gesamtheit  der Produktionsfaktoren untersuchen, sondern den Kausalitätszusammenhang der  einzelnen  Produktionsfaktoren mit den  Anteilen  am gemeinsamen Ertrag. Ob man dabei den Rohertrag oder nur den Reinertrag im Auge hat, bedingt keinen Unterschied im Resultat der Zurechnung.



E r s t e r  A b s c h n i t t
I. Die Anhänger der Zurechnungstheorie

1. Die Entstehung der Zurechnungstheorie

Die Grundgedanken der Zurechnungstheorie treten mit dem Beginn der nationalökonomischen Literatur bei merkantilistischen Schriftstellern auf. Der Zusammenhang, in dem wir solche Äußerungen finden, läßt überall deutlich erkennen, wie diese Schriftsteller auf den Zurechnungsgedanken kamen. Das Grundproblem, von dem alle älteren Nationalökonomen ausgingen, war die Frage nach den Quellen des Volksreichtums. Als diese Quellen des Volksreichtums sah man anfangs die Arbeit und die Natur an, später Arbeit, Boden und Kapital. Man frage sich nun: In welchem Maß sind diese Elemente an der Reichtumsbildung beteiligt? Wer trägt mehr dazu bei, die Natur oder die Arbeit.

Eine charakteristische Äußerung dieser Art findet sich bei JOHN LOCKE (1):
    "Die Vervollkommnung der Produkte durch die Arbeit erzeugt den weitaus größten Teil des Wertes. Mir scheint, es würde nur eine sehr bescheidene Schätzung sein, wenn man sagt, daß von den Produkten der Erde, die Nutzen haben für das menschliche Leben, neun Zehntel die Wirkung der Arbeit sind: nein, wenn wir die Dinge, die wir gebrauchen, richtig schätzen wollen und die verschiedenen Aufwendungen für sie abschätzen, welcher Teil in ihnen allein der Natur zu verdanken sist und welcher der Arbeit, so werden wir finden, daß in den meisten von ihnen neunundneunzig Hundertstel ausschließlich der Arbeit zugerechnet werden müssen.

    Der Boden, der die Rohstoffen hervorbringt, ist kaum in Rechnung zu ziehen, überhaupt nicht oder höchstens zu einem sehr kleinen Teil" weil der Boden ohne Arbeit nichts oder fast gar nichts hervorbringt."
Die Lehre der  Physiokraten  und die  Arbeitswerttheorie  in der klassischen Schule stimmen darin überein, daß sie den ganzen Ertrag nur einem einzigen der drei Produktionsfaktoren zuschreiben, die Physiokraten allein der Natur, die Arbeitswerttheorie allein der Arbeit. Die Gründe, welche diese Schriftsteller dafür anführen, daß man den ganzen Wertertrag nur dem einen Faktor zu verdanken habe, sind aus der Wertlehre bekannt. Ob man diese Theorien überhaupt zu den Zurechnungstheorie zählen will, hängt ganz davon ab, wie weit man den Begriff "Zurechnungstheorie" faßt. Ich für meine Person möchte sie nicht zu den eigentlichen Zurechnungstheoretikern rechnen. Ich will aber mit niemandem darüber streiten, der hier anderer Ansicht ist, weil bei einer solchen Kontroverse wirklich nichts Positives herauskommen könnte.

Die erste eingehende Erörterung des Zurechnungsproblems finden wir bei THÜNEN (2). Bei ihm treten schon Gedankenreihen in den Grundzügen hervor, die in neuester Zeit eine große Rolle in der Zurechnungstheorie spielen. Ich meine den Begriff der "Grenzproduktivität" (d. h. der spezifische produktive Teilerfolg der letzten Einheit, der Grenzeinheit, jedes Produktionsfaktors), den neuerdings der amerikanische Theoretiker CLARK unabhängig von THÜNEN zu einem ganzen System der Verteilungslehre bis in alle Einzelheiten ausgebaut hat. CLARK erzählt selbst, daß er THÜNENs Zurechnungsideen erst nach der Konzeption seines Systems zu seiner großen Überraschung kennengelernt hat.

THÜNEN mißt dem Zurechnungsproblem eine ganz außerordentliche Bedeutung zu:
    "Wenn einmal das erwachende Volk die Frage aufstellt und praktisch zu lösen versucht:  Was ist der naturgemäße Anteil des Arbeiters an seinem Erzeugnis?  so kann ein Kampf entstehen, der Verheerung und Barbarei über Europa bringt.
THÜNEN glaubt diesen naturgemäßen Arbeitslohn durch eine komplizierte mathematische Berechnung in der Formel  √ap  gefunden zu haben.  p  bezeichnet hierbei den Wert des Arbeitsprodukts des einzelnen Arbeiters,  a  ist die durch die Erfahrung bekannte Größe des zur Existenz einer Arbeiterfamilie mit zwei Kindern nötige Unterhalts, unter der Annahme, daß die beiden Kinder bis zum 14. Lebensjahr aufgezogen werden müssen.
    "In  √ap  ist der Lohn des Arbeiters dem Wert des Erzeugnisses proportional; in unseren gegenwärtigen Zuständen ist der Lohn des Arbeiters von seinem Arbeitsprodukt ganz unabhängig. In der Trennung des Arbeiters von seinem Erzeugnis liegt die  Quelle des Übels." 

    "Das Kapital ansich ist ein Totes und vermag ohne die bewegende Kraft des Menschen nichts hervorzubringen. Ebensowenig aber vermag in unserem europäischen Klima der mit keinem Kapital - Kleidung, Lebensmitteln, Gerätschaften usw. - versehene Mensch etwas hervorzubringen. Das Arbeitsprodukt  p  ist das gemeinschaftliche Erzeugnis von Arbeit und Kapital: Wie ist hier nun der Anteil, den diese beiden Faktoren,  jeder für sich,  am gemeinschaftlichen Produkt haben, zu  ermessen? 

    Die Wirksamkeit des Kapitals haben wir ermessen am Zuwachs,  den das Arbeitsprodukt eines Mannes durch eine Vergrößerung des Kapitals, womit er arbeitet, erlangt. Hier ist die Arbeit eine konstante, das Kapital aber eine veränderliche Größe.

    Wenn wir dieses Verfahren beibehalten, aber umgekehrt das Kapital als gleichbleibend, die Arbeiterzahl als wachsend betrachten, so muß auch bei einem Betrieb im Großen die Wirksamkeit der Arbeit durch den  Zuwachs,  den das Gesamtprodukt  durch die Vermehrung  der Arbeiter  um einen  erhält, der Anteil des Arbeiters am Produkt zu unserer Kenntnis gelangen." (Seite 569)

    "Der Arbeitslohn ist gleich dem  Mehrerzeugnis,  was durch den in einem großen Betrieb  zuletzt  angestellten Arbeiter hervorgebracht wird."

2. Die Proportionalitätstheorien

Während THÜNEN der Ansicht Ausdruck verleiht, daß der wirkliche Arbeitslohn weit unter dem "natürlichen" Arbeitslohn steht, und daraus die wirtschaftspolitische Forderung nach einer Erhöhung des Arbeitslohnes ableitet, ist eine sehr zahlreiche Gruppen von Zurechnungstheoretikern der Ansicht, daß die wirklichen Preise für Arbeit, Boden und Kapital mit den "natürlichen Preisen", d. h. den zuzurechnenden Ertragsanteilen,  zusammenfallen.  Diese Theorien faßt man wohl am besten unter dem Namen "Proportionalitätstheorien" zusammen, da ihnen trotz mannigfacher Unterschiede der Gedanke gemeinsam ist, daß Arbeitslohn, Grundrente und Kapitalzins  genau proportional  den Teilen des Gesamtertrags sind, die man der Mitwirkung der entsprechenden Faktoren an der Produktion verdankt. Bei diesen Theoretikern steht und fällt ihre  ganze Verteilungs- und Einkommenslehre  mit ihrer Grundlage: der Zurechnungstheorie. Manche der Proportionalitätstheoretiker stützen sich auch zur  Verteidigung der bestehenden Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung  gegenüber der  sozialistischen  Kritik auf diese Theorie. Am weitesten gehen hierin, wie wir sehen werden, die Amerikaner unter Führung CLARKs. Könnte diese Theorie die  gerechte Verteilung  unter die produzierenden Klassen beweisen, so käme ihr allerdings eine große Bedeutung zu. Das wird aber von zweierlei abhängen, erstens natürlich davon, ob die Zurechnungstheorie überhaupt richtig ist. Damit werden wir uns später noch zu beschäftigen haben. Jedoch selbst die Richtigkeit der Zurechnungstheorie zugegeben, fragt es sich doch noch, ob es zulässig ist, aus dieser  rein wirtschaftlichen  Theorie Schlüsse zu ziehen, die ein  moralisches  Werturteil enthalten. Viele Nationalökonomen, und gerade auch Anhänger der Zurechnungstheorie, wenden sich mit aller Schärfe gegen die Berechtigung einer  "moralischen Zurechnung"  in der nationalökonomischen Wissenschaft. Wenn man diesen Schriftstellern auch ohne weiteres zugestehen wird, daß eine moralische Zurechnung nicht in das Gebiet der Nationalökonomie gehört, so wird doch auch stets der Nationalökonom kurz darauf hinweise dürfen, welche Schlüsse für andere Gebiete oder die Praxis aus den Ergebnissen der nationalökonomischen Forschung eventuell gezogen werden könnten.

Ist es nun berechtigt, von der Übereinstimmung bzw. Nichtübereinstimmung der tatsächlichen Verteilung mit den zuzurechnenden Ertragsanteilen das Urteil über die  Gerechtigkeit  oder Ungerechtigkeit der Verteilung abhängen zu lassen? Es läßt sich gar nicht leugnen, daß tatsächlich, wenn überhaupt ein solcher  objektiver Maßstab der produktiven Wirksamkeit  der einzelnen an der Produktion beteiligten Klassen gefunden werden kann, diese  kausale Abhängigkeit der Ertragsanteile  von den Faktoren für die politische Frage nach der gerechtesten und besten Verteilung nicht ganz unbeachtet gelassen werden kann. Aber niemals käme der Zurechnungstheorie das entscheidende Wort oder eine zwingende Beweiskraft in diesen Fragen zu. Denn aus der Tatsache, daß der Mitwirkung von Arbeit, Kapital und Boden ein Ertragsanteil von bestimmter Höhe verdankt wird (vorausgesetzt, daß die Zurechnung überhaupt möglich ist), folgt noch lange nicht, daß man diese Ertragsteile den Besitzern dieser Produktionsfaktoren verdankt, weil die Frage nach der Gerechtigkeit des Eigentums an den Produktionsfaktoren damit noch nicht entschieden ist. Außerdem sind noch ganz andere Gesichtspunkte für die Beurteilung der Gerechtigkeit der Verteilung der Einkommen möglich, wie z. B. die größere oder geringere Mühe und Entbehrungen oder die verschiedene soziale Nützlichkeit der Verwendung der in Frage stehenden Verteilungsquoten, also z. B. die Verwendung der Einkommen zu Luxus oder zu kulturellen Zwecken.

Der erste Vertreter dieser Proportionalitätstheorie ist JAKOB (3):
    "Arbeit, Kapital und Grundstücke  bringen vereint  die Dinge von Wert hervor."

    "Haben nun Grundstücke, Arbeit und Kapital fast an allen Produkten Teil, so ist auch natürlich, daß sich das Produkt oder dessen Wert unter diejenigen, welche dasselbe hervorbringen, nach der Proportion ihrer Teilnahme verteilen wird. Denn niemand ist geneigt, etwas umsonst hervorzubringen, sondern er verlangt Nutzen davon. Ein Teil davon wird also dem Grundeigentümer, ein anderer dem Arbeiter, ein dritter dem Kapitalisten gehören, und jeder derselben wird einen umso größeren Teil davon empfangen, je größeren Anteil er an der Hervorbringung genommen hat. Keiner aber wird dem andern seine Quelle, woraus er nützliche Produkte schöpfen kann, umsonst leihen wollen. Er muß ihm einen Teil von dem, was ihm die Benutzung derselben gewinnen hilft, abgeben, es sei nun von demselben Produkt, das er dadurch gewinnt, oder der Wert ihres Anteils an der Erzeugung in einem anderen annehmlichen Gut. Arbeitslohn, Kapitalgewinn und Grundrente sind also die Elemente, in welche sich der ursprüngliche Wert aller Dinge zuletzt auflösen läßt, und also auch die Elemente aller Kostenpreis. Demnach wird der Preis eines jeden Dings durch den Preis der Elemente bestimmt, woraus er zusammengesetzt ist." (Seite 178)

    "Ehe der Schaffungskostenbeitrag irgendeiner gegebenen Ware mit Zuverlässigkeit bestimmt werden mag, muß immer erst vorher sorgfältig untersucht werden, in welchem Verhältnis die wesentlichen Bedingungen der Produktion Arbeit, Kapital und Grund und Boden gegeneinanderstehen, und was vom Ertrag der verschiedenen Zweige der menschlichen Betriebsamkeit auf die Rechnung der einen oder anderen dabei vielleicht wirksam gewesenen Bedingungen geschrieben werden muß." (Lotz, Seite 125) (4)

    "So wenig sich auch der Betrag des ganzen Einkommens eine Nation vermehren oder vermindern mag, wenn das Verhältnis seiner einzelnen Faktoren unter sich unrichtig angegeben ist, so ist es doch unerläßlich notwendig, daß jedem einzelnen Individuum, das auf irgendeine Weise zur Produktion der Gütermasse mitgewirkt haben mag, woraus jenes Einkommen besteht, vom Betrag dieses Einkommens gerade soviel zugeteilt wird, als ihm davon gebührt, nach dem Verhältnis seiner dabei wirksam gewesenen Kräfte."

    "Die Betriebsamkeit muß immer dann stocken, wenn der Arbeiter vom Ertrag eines durch seine Arbeit betriebenen Gewerbes weniger erhält, als ihm nach dem Maß seiner Teilnahme an der Produktion gebührt. Und ebenso muß sie stocken, wenn der Arbeitslohn die Kapitalrente oder die Grundrente verschlingt, und dem Kapitalisten oder Grundeigentümer vom Ertrag des Gewerbes für die verstattete Benutzung der vom Arbeiter dabei benutzten Gütervorräte oder Naturfond nicht so viel zufließt, als er fordern zu können berechtigt sein mag, nach dem Einfluß jener vom Arbeiter benutzen Werkzeuge auf dessen Betriebsamkeit und deren rohen Ertrag."

    "Nur da kann der Konsument mit Zuversicht hoffen, des Lebens ganz froh werden zu können, wo die Natur überall ihre Rechte behauptet, und vom Ertrag der Betriebsamkeit aller jedem dabei konkurrierenden Individuum derjenige Teil zufließt, welcher ihm nach den Forderungen des Naturgesetzes gebührt." (Lotz, Seite 322)

    "Die Summe der Werte, die in einem Stoff hervorgebracht worden sind, ist das Gesamterzeugnis des Volkes, dessen Überrest nach Abzug der Hervorbringungskosten das Reinerzeugnis (Reinertrag) bildet." Den "drei Quellen der Gütervorbringung" entsprechen die drei Klassen der Arbeiter, Kapitalisten und Grundeigentümer, die alle an den "hervorbringenden Kräften" Teil haben." (Storch, Seite 130) (5)

    "Jedes Hervorbringen gehört ursprünglich dem Erzeuger und dem, der die Mittel zur Hervorbringung hergab. Das gesamte jährliche Erzeugnis eines wohlhabenden Volkes gehört daher ausschließlich den genannten ersten drei Klassen, weil diese allein die hervorbringenden Kräfte besitzen, und jede von ihnen wird im Verhältnis ihrer Teilnahme an der Hervorbringung ihren Anteil fordern können, so daß das Ganze zwischen den Gewerbsleuten, Grundeignern und Kapitalisten geteilt werden wird." (Storch, Seite 176)

    "Um in die Bildung der Preise eine nähere Einsicht zu gewinnen, ist es notwendig, zuvörderst vom natürlichen Preis, und zwar vor allem vom natürlichen Kostenpreis, zu handeln. Mit diesem sollen die notwendigen Kosten der Erzeugung einer Sache vergolten werden; als solche sind aber nachgewiesen worden: Grund und Boden, Arbeit und Kapital. War der Erzeuger im Besitz all dieser drei Produktionsmittel, so gehört ihm das ganze Produkt, da hier kein Dritter einen Anspruch darauf zu machen hat. Rührten sie jedoch von verschiedenen Inhabern her, so gehört ihnen das Produkt gemeinschaftlich, und der Anteil eines jeden richtet sich nach der Wichtigkeit der Mitwirkung seines Produktionsmittels zur Erzeugung des Gutes. Dieser Anteil oder dessen Wert bildet die Rente jedes der Teilnehmer an der Produktion; der Grundeigentümer bezieht den seinigen als Grundrente, der Arbeiter als Arbeitsrente oder Lohn, für die Mitwirkung des Kapitals entfällt ihm, nachdem der Kapitalseigentümer aus dem Kapitalgewinn mit den Zinsen befriedigt worden ist, der ganze übrig bleibende Teil als Unternehmergewinn zu. Wird nun das Produkt an einen Dritten hinangegeben, so soll der Preis so hoch sein, daß jeder Teilnehmer an der Produktion für seine Mitwirkung durch eine zulängliche Rente befriedigt wird. Würde ihm weniger zufallen, so fände er bei der Teilnahme an diesem Geschäft nicht mehr seine Rechnung, er würde daher seine Mitwirkung versagen." (Kudler, Seite 88) (6)

    "Ursprüngliche und abgeleitete Verteilung es Produkts unter die Produzenten: Wenn sich die Teilnehmer der Produktion in das durch ihr Zusammenwirken entstandene, folglich ihnen allein angehörige Produkt unmittelbar teilen sollen, so bestimmt sich der Anteil eines jeden nach der Wichtigkeit seiner Mitwirkung zur Zustandebringung des Produkts; man kann diese Art der Verteilung der neu entstandenen Teile des Vermögens die ursprüngliche nennen. An die Stelle einer solchen Gütererzeugung auf gemeinschaftliche Rechnung tritt aber in einem entwickelteren wirtschaftlichen Zustand bald das Verhältnis, daß ein Unternehmer die Produktion auf eigene Rechnung ergreift, und die Inhaber der Produktionsmittel, deren er bedarf, für ihre Mitwirkung, oft schon im Vorhinein, befriedigt, d. h. ihnen den gebührenden Lohn, oder die ihnen zukommende Rente verabfolgt. Diese Renten sind nun die Grund-, Arbeits- und Kapitalrente; und die Verteilung des Wertes eines Gutes, die sich auf diesem Weg ergibt, wird die abgeleitete genannt." (Kudler, Seite 100)

    "Kehren wir zu den Tatsachen zur Beobachtung der Weise zurück, wie die Dinge sich ereignen, so erblicken wir vorerst Triebkräfte der Produktion, welche wir Produktivfonds genannt haben, und welche Eigentumssstücke sind; wir erblicken Produktivdienste, welche durch diese Triebkräfte verrichtet werden; und Produkte, die aus diesen Produktivdiensten entspringen. Diese Produkte aber sind es, was das Eigentum der Eigentümer der Produktivfonds bildet: der Eigentümer, weil sie entweder selbst oder durch ihre Fonds produzieren. - Sie können diese Produkte konsumieren oder vertauschen. Die Quantität von Sachen, welche sie durch diesen Tausch erhalten können, bildet den Wert ihrer Produkte." (Say, Seite 5) (7)

    "Das wahre Einkommen der Produzenten besteht mithin, wenn wir auf seine erste Quelle zurückgehen, in dem Produktivdienst, welchen ihre Fonds (d. h. ihre Arbeit, ihre Kapitale oder ihre Ländereien) zu leisten fähig sind. Der Wert dieses Produktivdienstes ist es, was sie nach Belieben bald gegen das Produkt umtauschen, wozu dieser Dienst mitwirkt, bald gegen irgendein anderweitiges Produkt." (Say, Seite 7)

    "Oft geschieht es, daß der Eigentümer eines Fonds statt ihn selber geltend zu machen und ein Einkommen davon zu beziehen, indem er die Produktivdienste, welche dieser Fonds leistet, selbst reproduktiv konsumierte, diese Dienste an einen Unternehmer verkauft, welcher sie konsumiert, um Produkte dadurch zu erzielen. Der Eigentümer des Fonds findet alsdann sein Einkommen im erlösten Kaufpreis der Produktivdienste, welche sein Fonds zu leisten fähig ist." (Say, Seite 501)

    "Der Arbeiter, welcher einen Lohn empfängt, tritt seinen Anteil an den Arbeitsgewinnen dem Unternehmer ab, welcher ihm diesen Lohn bezahlt. Letzterer gewinnt oder verliert auf den bezahlten Lohn, je nachdem der aus der erkauften Arbeit entspringende Gewinn niedriger oder höher steht als der Lohn. Der Lohn ist in Bezug auf den Arbeitsgewinn dasselbe, was die Zinsen in Bezug auf den Kapitalgewinn sind, und was die Pacht in Bezug auf den Ländereigewinn darstellt." (Say, Seite 521)

    "Wir haben gesagt, daß die Arbeit drei dauernde Quellen des Reichtums in der Gesellschaft geschaffen hat, aus welchem drei verschiedene Arten von Einkommen entstanden sind." (Sismondi, Seite 77) (8)

    "Es hat sich eine mehr oder weniger ungleiche Teilung zwischen dem Kapitalisten und dem Arbeiter entwickelt, eine Teilung, bei welcher der Kapitalist bemüht ist, dem Arbeiter nur genau das zu lassen, was er zu seinem Lebensunterhalt bedarf, und sich selbst alles das zu wahren, was der Arbeiter über den Wert dieses Lebensunterhalts hinaus geschaffen hat." (Sismondi, Seite 79)

    "Nachdem der Farmer von seiner Ernte das Saatkorn vorweggenommen hat, welches dem des vergangenen Jahres entspricht, findet er in ihr noch den Teil, welcher für die Ernährung seiner Familie bestimmt ist; er eignet ihn sich an und verzehrt ihn im Austausch gegen sein Einkommen, welches in seiner Jahresarbeit bestanden hat; er findet in ihr außerdem den Teil, welcher zur Nahrung seiner Hilfsarbeiter gedient hat, ebenfalls im Tausch gegen ihre Arbeit; er findet ferner den Teil, welcher zur Entschädigung des Eigentümers des Bodens bestimmt ist, welcher ein Recht auf dieses Einkommen durch die Rodungsarbeiten erworben hat, oder einfach durch die Beschlagnahme eines herrenlosen Landes; er findet endlich den Teil, mit welchem er die Zinsen seiner Schulden bezahlen muß, oder mit dem er den Gebrauch seines eigenen Kapitals bezahlt; dies ist ein Einkommen, auf welches er durch die erste Arbeit, dem sein Kapital die Entstehung verdankt, ein Recht erworben hat ... Ebenso Findet der Fabrikant im jährlichen Produkt seiner Arbeit einmal die Rohstoffe, die er verwendet hat, dann den Gegenwert für den eigenen Lohn und den seiner Arbeiter, ein Einkommen, auf welches die Arbeit allein ein Recht verleiht; den Gegenwert der Verzinsung für die jährliche Zerstörung, ein Einkommen, auf welches er selbst oder der Eigentümer der Kapitalien durch eine frühere Arbeit ein Anrecht erworben hat; endlich den Gegenwert von Zins und Nutzen aus seinen Umlaufkapitalien, die eine andere frühere Arbeit hat entstehen lassen ... Ein jeder erhält einen Teil vom Nationaleinkommen nur aufgrund dessen, was er selbst oder seine Rechtsnachfolger getan haben oder tun, um es entstehen zu lassen, oder aber, wie wir es bald sehen werden, er empfängt ihn aus zweiter Hand als Belohnung für die Dienste, die er den andern leistet." (Sismondi, Seite 85)

    "Die ganze Produktion ist das Ergebnis des Zusammenwirkens der drei Faktoren: Boden, Kapital und Arbeit, oder dieser drei produktiven Kräfte ... Da aber die Mitwirkung jedes dieser Faktoren an der Produktion notwendig ist, scheint es natürlich, daß jeder einen Teil der Ergebnisse fordert, nach Maßgabe der Dienste, die er geleistet hat. Und so ist es auch in der Tat." (9)

    "Derjenige Teil des Gesamteinkommens, der den persönlichen Anteil irgendjemandes bildet, ist bestimmt durch den Wert seines Beitrags zur Produktion des Gesamteinkommens, mag sein Beitrag nun geleistete Arbeit sein oder die Nutzung von Boden und Kapital." (10) Ebenso  Sidgwick (11), Cambridge und viele englische Nationalökonomen.

    "Es ist die Aufgabe dieses Buches, zu zeigen, daß die Verteilung des Einkommens der Gesellschaft durch ein Naturgesetz beherrscht wird, und daß dieses Gesetz, wenn es ohne Reibung wirken würde, jedem Teilnehmer an der Produktion die Summe von Gütern (wealth) zuteilen würde, welche dieser Teilnehmer selbst geschaffen hat. Wenn auch die Löhne durch freies Feilschen und Handeln zwischen Individuen in ihrer Höhe bestimmt werden, so behaupten wir doch, daß die Lohnsäte, die aus solchen Unterhandlungen hervorgehen, die Tendenz haben, sich demjenigen Teil des Produktes der wirtschaftlichen Tätigkeit gleichzustellen, der sich auf die Arbeit selbst zurückführen läßt, und wenn auch der Zins durch einen ähnlichen freien Preiskampf in seiner Höhe bestimmt wird, er die natürliche Tendenz hat, sich in gleicher Höhe mit dem Teilprodukt zu stellen, das sich auf das Kapital zurückführen läßt." (Clark, Einleitung) (12)

    "Wir sagten, daß die Bezahlung, welche die Arbeiter mit der größten Strategie im Preiskampf, die sie anwenden können, von den Unternehmern erlangen, durch die produktive Kraft begrenzt ist, die in der Arbeit selbst liegt, und daß eine Untersuchung des Lohngesetzes nach den Einflüssen suchen muß, welche die produktive Kraft bestimmen. Wir wollen nun zu der allgemeinen - später zu beweisenden - These fortschreiten, daß, wo Naturgesetze ihren Lauf haben, der Einkommensanteil, der mit irgendeiner Funktion der Produktion verknüpft ist, im wirklichen Produkt dieser Funktion sein Ausmaß findet. Mit anderen Worten: freie Konkurrenz hat die Tendenz, der Arbeit zu geben, was die Arbeit hervorbringt, den Kapitalisten, was das Kapital hervorbringt. Die gesamte Untersuchung der Verteilung ist von diesem Standpunkt aus eine Untersuchung der spezifischen Produktion. Sie ist eine Analyse der Vermögen schaffenden Tätigkeit und bezüglich der drei Teilnehmer, die zusammen Vermögen schaffen, ein Zurückführen desjenigen Teils auf jeden von ihnen, den er für sich allein zum gemeinsamen Ergebnis beiträgt. Zu jedem Teilnehmer ein ausscheidbarer Anteil an der Produktion und für jeden eine entsprechende Belohung - so lautet das Naturgesetz der Verteilung. Diese These haben wir zu beweisen, und mehr hängt von ihrer Wahrheit ab, als irgendwelche einleitenden Worte feststellen können. Es handelt sich um die Untersuchung des Rechts unserer Gesellschaft, in ihrer gegenwärtigen Form zu existieren, und der Wahrscheinlichkeit, daß sie so weiter bestehen bleiben wird. Diese Tatsachen geben unserem Verteilungsproblem seine unermeßliche Wichtigkeit.

    Eine Lebensordnung, welche den Menschen zwingen würde, irgendetwas in den Händen der Arbeitgeber zu lassen, was ihnen aufgrund des Rechts der Hervorbringung gehört, wäre der Raub als Gesellschaftseinrichtung - eine gesetzlich sanktionierte Verletzung desjenigen Prinzips, von dem man glaubt, daß das Eigentum auf ihm beruth.

    Das Eigentum ist an seinem Entstehungspunkt geschützt, wenn die in Wirklichkeit gezahlten Löhne das volle Produkt der Arbeit bilden, wenn der Zins das Produkt des Kapitals ist, und wenn der Unternehmergewinn das Produkt der organisierenden Tätigkeit ist.

    Wenn jede produktive Funktion entsprechend dem Betrag ihres Produktes dafür bezahlt wird, dann erhält jeder, was er selbst produziert. Wenn er arbeitet, erhält er das, was er durch seine Arbeit hervorbringt; wenn er auch Kapital zur Verfügung stellt, erhält er, was sein Kapital produziert; und wenn er ferner dadurch einen Dienst leistet, daß er die Arbeit und das Kapital zusammenbringt, erhält er das Produkt, das abgesondert auf diese Funktion zurückgeführt werden kann. Nur auf einem von diesen Wegen kann jemand etwas produzieren. Deshalb wird, weil Rechte persönlich sind, die  Rechtsfrage,  die in die Verteilung verwickelt ist, durch die Untersuchung der Funktionen entschieden, und wenn Löhne und Zins und Unternehmergewinn, für sich allein betrachtet, nach einem gesunden Prinzip bestimmt werden, dann haben die verschiedenen Klassen, die ihre Kräfte in der wirtschaftlichen Tätigkeit vereinigen, keine Beschwerden gegeneinander. Wenn die Funktionen ihren Produkten entsprechend bezahlt werden, dann werden es die Personen ebenso." (Clark, Seite 3)
Diese Thesen sucht CLARK in sehr eingehenden Ausführungen zu beweisen. Den Kern dieser Beweisführung bildet die Anwendung einer Grenznutzen-Werttheorie auf das Zurechnungsproblem. Wir wollen versuchen, ihren Gedankengang möglichst kurz darzustellen.
Zum Zweck seiner Untersuchungen setzt CLARK theoretisch zunächst eine Volkswirtschaft voraus, in der uneingeschränkt das Prinzip der freien Konkurrenz herrscht. Wie die zitierten einleitenden Ausführungen CLARKs über seine Problemstellung gezeigt haben, stützt sich nach ihm die Ertragsaufteilung auf die spezifische Wertproduktivität des einzelnen Produktionsfaktors, die sich ihrerseits wieder auf die spezifische technische Produktionskraft der mitwirkenden Faktoren gründet. Um dies zu beweisen, geht CLARK von seiner eigenen Wertlehre aus, die, wnn auch mit der Ausgestaltung der subjektiven Wertlehre durch die österreichischen Grenznutzentheoretiker nicht übereinstimmend, doch ebenso auf dem Grenznutzenprinzip aufgebaut ist. Bei gegebenen Bedürfnissen und gegebenem Gütervorrat wird das Maß des Wertes der Gutseinheit durch den Nutzen bestimmt, den die letzte verfügbare Einheit der Güter uns gewährt. Dieser Nutzen ist gleich der Bedeutung, welche die Befriedigung des letzten, d. h. des geringsten, von dieser Einheit abhängigen Bedürfnisses besitzt. Diesem  Grenznutzen  entspricht eine  Grenzproduktionskraft,  nämlich diejenige Einheit der Produktivgüter, von deren Mitwirkung in der Produktion die Existenz des Grenzgenußgutes und damit des Grenznutzens, d. h. die Befriedigung des Grenzbedürfnisses abhängt. Wenn wir annehmen, daß der Besitzer der Grenzproduktivkraft diese, während sonst in der Produktion alles unverändert bleibt, aus der Produktion ausschaltet, so wird die  physische  Produktion des Grenzprodukts und damit auch die  Wert produktion der entsprechenden Wertgröße unmöglich. Daraus zieht CLARK die Folgerung, daß der Besitzer der Grenzproduktivkraft dadurch, daß er durch diese in der Produktion mitwirkt, tatsächlich allein den entsprechenden abhängigen Wert schafft, der also "sein Produkt" ist und auf dessen ungeschmälerten Erwerb durch den Verteilungsprozeß er deshalb ein durch nichts beschränktes Recht besitzt. Das alles gilt nun aber für sämtliche Produktivgutseinheiten und damit für sämtliche Besitzer der Produktivgüter:  Arbeitskraft, Kapital  und  Unternehmertätigkeit.  Denn jeder beliebige Besitzer jeder beliebigen Produktivgutseinheit kann sich ja ohne weiteres auf den Platz des Besitzers der  Grenzeinheit  stellen, indem er  seine  Produktivgutseinheit aus dem Produktionsprozeß herauszieht oder nur damit droht, weil wir, wenn wir uns durch eine Verringerung unserer Genußgütermenge um  eine Einheit  zu einer entsprechenden Einschränkung unserer Bedarfsbefriedigung gezwungen sehen, selbstverständlich immer auf die Befriedigung des  geringsten  Bedürfnisses, des  Grenz nutzens, verzichten.

Daraus ergibt sich aber nach CLARKs Ansicht zugleich der Beweis auf für seine zweite These, daß nämlich  tatsächlich  in unserer gegenwärtigen Volkswirtschaft, soweit in ihr die freie Konkurrenz nicht durch Monopole beschränkt ist,  jeder in seinem Einkommen genau das erhält, was er an Wert produziert hat.  Denn jeder Besitzer einer Produktivgutseinheit, der Arbeiter als Besitzer seiner Arbeitskraft, der Kapitalist als Besitzer des Kapitals, kann durch Kündigung und Entziehung seiner Produktivgutseinheit oder durch die Drohung damit die Unternehmungen zwingen, seine Mitwirkung  genau in der Höhe des Wertes des von ihm eventuell zu schaffenden Grenzproduktes zu bezahlen.  Höher kann die Unternehmung natürlich nicht bezahlen, weil sie sonst einen Verlust erleiden würde,  niedriger aber auch niemals,  solange die  freie Konkurrenz  herrscht, weil sich die Unternehmungen in der Nachfrage nach der Grenzproduktivkraft  solange gegenseitig überbieten,  bis die Höhe des entsprechenden Wertes des Grenzproduktes erreicht ist.

SELIGMAN sagt in seinen Grundlehren
    "Die Untersuchung der Verteilung ist in erster Linie eine Untersuchung des Entgelts für die Produktionsfaktoren. Da jeder Faktor zum gemeinsamen Ergebnis, dem gesellschaftlichen Einkommen, beiträgt, muß sich ein bestimmter Teil des Produktes auf jeden Faktor zurückführen lassen. Der Entgelt für die Arbeit heißt  Lohn  usw." (13)
Dem bekanntesten amerikanischen Theoretiker CLARK folgen außer SELIGMAN noch eine Reihe anderer Schriftsteller in den Vereinigten Staaten wenigstens in den Grundzügen seiner Zurechnungstheorie, von denen vor allem CARVER erwähnt werden muß. CARVER verteidigt CLARKs Theorie der Grenzproduktivität, die von HOBSON und DAVENPORT kritisiert wird. Doch stehen auch HOBSON und DAVENPORT auf dem Boden der Zurechnungstheorie. Auch in Europa gibt es einen Anhänger der CLARKschen Theorie, das ist der Franzose ALBERT AFTALION (14):
    "Die moderne nationalökonomische Wissenschaft räumt der Produktivität einen sehr großen Platz auf dem Gebiet der Verteilungslehre ein.  Jedem Produktionsfaktor entsprechend seiner Produktivität - hat die Tendenz, in der modernen Literatur immer mehr die herrschende Formel für das in der Verteilung vorwaltende Gesetz zu werden." (Aftalion, Seite 146)

    "Drei Produktivitätsbegriffe (oder sogar vier) muß man also im Auge haben. Die Gesamtproduktivität (in deren Gebiet man die  natürliche  Gesamtproduktivität und die Gesamtwertproduktivität unterscheiden könnte), da man es nun einmal nicht sehr passend so benennt: die spezielle  natürliche Produktivität  und die spezielle  Wertproduktivität  jedes Produktionsfaktors. Es ist nun der letzte dieser Begriffe, der nach der modernen Wissenschaft in einem strengen Verhältnis zum Einkommen steht. Denn der Wert des zuzurechnenden Reinertrags und der Entgelt jedes Faktors haben die Tendenz, sich in gleicher Höhe zu halten." (Aftalion, Seite 148)

    "Die physische Produktivität eines Produktionsfaktors ist derjenige Teil der materiellen Produktion, die man in einer gegebenen Zeit erhält, der auf die Einheit dieses Faktors  zurückführbar  ist. Die ganze Verteilungstheorie bildet in Wirklichkeit nur einen Teil des umfassenden Wertproblems. Während der Wert der Konsumgüter, der direkten Güter, von ihrer Gegenüberstellung mit dem Bedarf abhängt, von ihrem Grenznutzen, ist der Wert der Produktivgüter oder ihrer Dienste ein abgeleiteter Wert. Er hängt vom Wert der direkten Güter ab, an deren Produktion sie teilnehmen. Aber diese letzte Formel ist unvollständig. Ein zweiter Faktor muß notwendigerweise vermitteln, um den Wert der Produktivgüter oder ihrer Dienste zu bestimmen: die  Menge  der direkten Güter, die ihnen zugerechnet werden kann. Der Unternehmer, der einen neuen Arbeiter einstellt und den Wert überschlägt, den der neue Arbeiter dem Gesamtwert der Produktion hinzufügen wird, muß damit beginnen, die Zahl der zuwachsenden Produkte zu überschlagen, die zu erlangen seine Beschftigung gestatten wird. Er führt zwei Kalkulationen aus, die eine über den Naturalertrag des Arbeiters, die andere über seinen Wertertrag. Und die erste Kalkulation stützt die zweite.

    Die ökonomische Wissenschaft mußte also diese eigene  physische  Produktivität jedes Produktivgutes oder Produktionsfaktors bestimmen. Die Aufgabe war schwierig, weil im allgemeinen das Zusammenwirken mehrerer Produktivgüter, die man demzufolge komplementäre Güter nennt, oder mehrerer Produktionsfaktoren zur Herstellung derselben Gegenstände unentbehrlich ist ... Das Problem würde  unlösbar  geblieben sein, wenn man fortgefahren wäre, sich zu fragen, was  die Gesamtheit der Einheiten jedes Produktionsfaktors,  die Arbeit oder der Boden  in globo [insgesamt - wp], in abstracto, zur Produktion beiträgt." Man müßte sonst jedem einzelnen Produktionsfaktor die ganze Produktion zurechnen. "Die Lösung ist erst gefunden worden, als man untersucht hat, um was  jede  individuelle, sehr kleine Einheit jedes Faktors,  jeder einzelne Arbeiter, jedes einzelne Ar des Bodens  den Gesamtertrag vermehrt. Man hat dann gesehen, daß jede Einheit das hinzufügt, was die letzte der Einheiten derselben Art und Qualität hinzufügt, weil ja jede der Einheiten eine neue und letzte, an eine zusammengesetzte Gruppe angegliederte Einheit ist, wo sich schon die anderen Einheiten derselben Art an der Seite von einer gegebenen Quantität der anderen Produktionsfaktoren befinden. Wenn vier Arbeiter beschäftigt sind, ist  jeder  von ihnen ein  vierter  Arbeiter der drei anderen Arbeitern, wie gleichzeitig der gegebenen Quantität der anderen Produktionsfaktoren angegliedert ist. Der durch die Angliederung eines vierten und  letzten  Arbeiters erlangte  Überschuß  bildet den Teil,  der jedem von ihnen zuzurechnen ist,  ihre individuelle physische Produktivität." (Aftalion, Seite 151)

    "Da man doch nur Sachen produziert, ist die Wertproduktivität einer gegebenen Einheit nur der Wert des physischen Ertrags, der ihr zuzurechnen ist. Da diese Zurechnung vom Grenzertrag abhängt, ist die Wertproduktivität eines Produktionsfaktors gleich dem Wert des naturalen Reinertrags, den man während einer gegebenen Zeit durch die Beschäftigung der  letzten Einheit  dieses Faktors erhält." (Aftalion, Seite 170)
Auf das eigentliche Problem, nämlich die Frage nach der Zurechnung, geht AFTALION gar nicht ein, er konstatiert eine Menge Ausnahmefälle, in denen sich die verschiedenen Produktivitätsbegriffe nicht decken, aber er versucht nicht, nachzuweisen, daß dort, wo sie sich decken, ein kausaler Zusammenhang vorliegt.
LITERATUR Warthold Mohrmann, Dogmengeschichte der Zurechnunslehre, Jena 1914
    Anmerkungen
    1) The works of John Locke in ten volumes, London 1812, Bd. V: Two treatises of Civil Government, II, § 40, Seite 361 (erste Ausgabe 1690).
    2) JOHANN HEINRICH von THÜNEN, Der isolierte Staat in Beziehung auf Landwirtschaft und Nationalökonomie, 1826
    3) LUDWIG HEINRICH JAKOB, Grundsätze der Nationalökonomie, 1805, Seite 165
    4) JOHANN FRIEDRICH EUSEBIUS LOTZ, Revision der Grundbegriffe, Bd. III, Seite 125
    5) HEINRICH von STORCH, Handbuch der Nationalwirtschaftslehre, Bd. 1, 1819
    6) JOSEF von KUDLER, Die Grundlehren der Volkswirtschaft, 1846
    7) JEAN-BAPTISTE SAY, Darstellung der Nationalökonomie, übersetzt von MORSTADT, Bd. II
    8) SIMONDE de SISMONDI, Neue Grundsätze der politischen Ökonomie, 1901 (nach der zweiten Ausgabe von 1827, übertragen von PRAGER).
    9) Dictionaire de l'économie politique, Paris 1854, Artikel: "Distribution des richesses", Seite 564.
    10) EDWIN CANNAN, Dictionary of Political Economy, Artikel "Distribution".
    11) SIDGWICK, Principles of Political Economy, erste Auflage 1883.
    12) JOHN BATES CLARK, The Distribution of Wealth, 1899, Einleitung.
    13) EDWIN ROBERT ANDERSON SELIGMAN, Principles of Economics, Seite 352
    14) AFTALION, Les trois notions de la productivité et les revenus, Revue d'Economie politique, Nr. 25, Jahrgang 1911