ra-2J. SchumpeterR. StolzmannTugan-BaranowskiJ. St. Mill    
 
ROBERT LIEFMANN
Grundlagen einer
ökonomischen Produktivitätstheorie

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"Ich stimme vollkommen der von  Max Weber  und  Sombart  vertretenen Ansicht zu, daß die Frage nach dem,  was sein soll,  nicht Gegenstand der Wissenschaft sein kann. Ich halte diese Stellungnahme geradezu für etwas Selbstverständliches. Die Entscheidung wirtschaftspolitischer Fragen ist keine Wissenschaft, obwohl wissenschaftlich-theoretische Erwägungen dabei natürlich von großer Bedeutung sein können. Dagegen ist es viel zu weit gegangen, wenn manche verlangen, daß die  Frage nach dem Zweck  aus der wirtschaftswissenschaftlichen Betrachtung auszuscheiden habe."

"Man muß sich natürlich davor zu hüten, ethische, moralische und ähnliche Gesichtspunkte in das Produktivitätsproblem hineinzutragen.  Sombart  diese Versuche in ausgezeichneter Weise kritisiert, indem er zeigte daß dann jeder Mensch über die Produktivität der Volkswirtschaft anderer Meinung sein würde: der Anti-Alkoholiker würden den Weinbau als unproduktiv erklären, der Vegetarier die Viehzucht, der Atheist den Kirchenbau, während andere diese Tätigkeiten für sehr produktiv halten würden."

"Man verkennt die fundamentale Tatsache, daß der Mensch, entsprechend seinen speziellen Bedürfnissen, die Güter  verschieden  bewertet, und daß gerade die ökonomische Theorie die Aufgabe hat, zu zeigen, wie aufgrund solcher rein subjektiven Bewertungen, über deren Zustandekommen sie nichts auszusagen hat, sich ein sogenannter objektiver Tauschwert, Preis, zu bilden vermag."


I. Einleitung.
Methodologischer Standpunkt

Eine zufällige Äußerung Professor von PHILIPPOVICHs auf der Ausschußsitzung des  Vereins für Sozialpolitik  im Herbst 1908 über die  Produktivität des Kohlenbergbaus  und der Widerspruch bei einigen Teilnehmern der Versammlung führte zu dem Antrag MAX WEBERs, die Frage der  Produktivität  auf die Tagesordnung der nächsten Generalversammlung zu setzen. Daraus hat sich am 29. Dezember 1909 in Wien eine wissenschaftliche Debatte entwickelt (1), die, nach SOMBART, einen Wendepunkt in der Entwicklungsgeschichte des Vereins für Sozialpolitik bedeutet, jedenfalls in der Literatur noch längere Zeit Wellen schlagen und vielleicht das Interesse für die ökonomischen Theorie weiter beleben wird.

Letzteres vielleicht auch nicht! Denn weder das Thema als solches, noch insbesondere die Art, wie es in Wien behandelt wurde, scheint mir glücklich, um das Interesse an theoretischen Studien mehr zu beleben. Zunächst war es ein Fehler, daß der Ausschuß zu viele verschiedenartige Dinge unnützerweise herangezogen hatte, vor allem die Frage des Geldwertes, die eine eigene Behandlung verdient und aufgrund eines Vereinsbeschlusses vielleicht auch finden wird. Ferner aber war es bedauerlich, daß unter dem Einfluß einiger besonders an methodologischen Problemen interessierten Herren, die zuerst und noch mit unbeschränkter Redezeit zu Wort kamen, die ganze Diskussion fast ausschließlich auf methodologische Erörterungen hinauslief, die doch schließlich mehr in das Gebiet der Philosophie als der nationalökonomischen Theorie gehören. Hierüber entbrannte vor allem der Kampf der Meinungen, und so kam es, daß die wenigen Versuche, die überhaupt in Wien gemacht wurden, zur Produktivitätstheorie etwas Positives beizutragen, so gut wie unbeachtet geblieben sind. Es sei mir daher hier gestattet, meine Produktivitätstheorie, von der ich in Wien nur den Hauptgedanken in der "drangvoll fürchterlichen Enge" einer Redezeit von 10 Minuten vorzutragen imstande war, ausführlicher zu entwickeln. Ich glaube feststellen zu können, einmal nach der positiven Seite hin,  was eine ökonomische Produktivitätstheorie überhaupt leisten,  dann nach der negativen oder kritischen Seite hin, was sie nicht leisten kann. Wir werden zeigen, daß man bisher von einer Produktivitätstheorie viel zu viel verlangt hat - das tritt noch deutlich in den Referaten von PHILIPPOVICHs zutage - es wird sich aber auf der anderen Seite ergeben, daß unsere positive Produktivitätstheorie manche volkswirtschaftlichen Erscheinungen besser als bisher zu erklären vermag, so daß ein gewisser theoretischer Nihilismus, der sich leider neuerdings ziemlich bemerkbar macht und auch den Begriff der Produktivität oder des Volkswohlstandes für ganz unbrauchbar erklärt, hier doch nicht berechtigt erscheint.

Bevor wir jedoch in die Erörterung des Produktivitätsproblems eintreten, sei auf die methodologischen Fragen, die in Wien, wie gesagt, so ausführlich besprochen wurden, kurz eingegangen.

Ich stimme vollkommen der auf der Wiener Versammlung insbesondere von MAX WEBER und SOMBART vertretenen Ansicht zu, daß die Frage nach dem,  was sein soll nicht Gegenstand der Wissenschaft sein kann. Ich halte diese Stellungnahme geradezu für etwas Selbstverständliches. Die Entscheidung wirtschaftspolitischer Fragen ist keine Wissenschaft, obwohl wissenschaftlich-theoretische Erwägungen dabei natürlich von großer Bedeutung sein können. Dagegen ist es viel zu weit gegangen, wenn manche verlangen, daß die  Frage nach dem Zweck  aus der wirtschaftswissenschaftlichen Betrachtung auszuscheiden habe. Das ist ganz einfach aus dem Grund unmöglich, weil alle wirtschaftlichen Handlungen und Veranstaltungen natürlich nur einem bestimmten Zweckstreben entspringen. Die Nationalökonomie untersucht die Erscheinungen und Vorgänge, die sich aus dem Streben der Menschen nach der Befriedigung ihrer Bedürfnisse ergeben, und wenn auch die Theorie naturgemäß von den Absichten, die die einzelnen Menschen im gegebenen Fall leiten, abstrahiert, so kann sie doch die Untersuchung der Zwecke, denen die von ihnen geschaffenen Institutionen allgemein im Wirtschaftsleben dienen, nicht außer acht lassen.

Von der Frage nach dem  Seinsollen  und der nach dem  Zweck  ist nun aber die Frage, inwieweit sich die Nationalökonomie mit  Werturteilen  zu befassen habe, wieder scharf zu trennen. In der Diskussion über diese Dinge werden die verschiedenen Probleme in der Regel noch nicht genügend auseinandergehalten. Insbesondere hat man nicht erkannt, daß die gewöhnliche Formulierung, die ökonomische Theorie habe es nicht mit Werturteilen zu tun, zu unbestimmt ist und damit zwei ganz verschiedene Dinge vermengt. Ich glaube, die Frage so entscheiden zu können, daß ich sage: die ökonomische Theorie muß bestimmte Werturteile der Wirtschaftspersonen als  vorhanden  und  gegeben voraussetzen,  aber sie selbst hat nur die ökonomischen Vorgänge zu untersuchen, die sich aufgrund bestimmter Werturteile der Wirtschaftspersonen allgemein ergeben. Um ein Beispiel von den Grunderscheinungen des Wirtschaftslebens zu geben: die ökonomische Grundtatsache ist die Befolgung des ökonomischen Prinzips, d. h. das Streben nach einem möglichst großen Erfolg mit möglichst geringen Aufwendungen und Kosten. Erfolg, Nutzen, Aufwendungen, Kosten sind  Wertbegriffe.  Welcher Art sie sind und wie sie zustande kamen, geht aber die ökonomische Theorie nichts an. Sie untersucht nur ganz allgemein, wie aufgrund gegebener Werturteile die Menschen handeln, produzieren, tauschen, zur Erleichterung des Verkehrs Einrichtungen treffen usw.  Wertvorstellungen sind also Voraussetzungen ökonomischen Geshehens und damit auch Voraussetzungen der ökonomischen Theorien, aber nicht ihr Gegenstand.  Wenn die ökonomische Theorie also auch mit lauter Begriffen operiert, die Werturteile enthalten, wie Nutzen, Kosten, Ertrag usw., so sind das eben nur allgemeine Kategorien. Ich fälle selbst kein Werturteil, wenn ich zeige, wie ganz allgemein die Vorstellung des Nutzens den Ertrag bestimmt.

Schließlich ist noch eine kurze Erörterung am Platz über den Charakter dessen, was hier vorgetragen wird. Wir treiben bei den folgenden Untersuchungen  ökonomische Theorie.  Die ökonomische Theorie hat die Aufgabe,  die Grunderscheinungen der heutigen tauschwirtschaftlichen Organisation zu erklären,  ein  vereinfachtes,  aber  systematisches  Abbild davon zu geben, wie sich in der  heutigen entwickelten Tauschwirtschaft die Bedarfsversorgung vollzieht.  Und zwar ist, wie hier schon hervorgehoben sei, die  Theorie der Produktivität,  die uns hier beschäftigen soll, nichts anderes als die  Aufstellung der Bedingungen,  unter denen sich diese Bedarfsbefriedigung durch den Tausch  am besten und vollkommensten  vollzieht. Sie ist daher eine  Theorie der optimalen Bedarfsbefriedigung.  Diese Theorie stellt aber nicht etwas dar, was in der Wirklichkeit nicht vorkommt, sondern sie zeigt, nur isoliert und von allem Unwesentlichen abstrahierend, das Prinzip, nachdem sich in der Tat in der heutigen Tauschwirtschaft die Bedarfsversorgung regelt und wie die tauschwirtschaftliche Organisation dem Ziel aller Wirtschaftssubjekt nach möglichst vollkommener Befriedigung ihrer Bedürfnisse zu entsprechen sucht. Diese Theorie ist daher, wie alle meine früheren Theorien, nicht aus der Luft gegriffen, nicht künstlich konstruiert, sondern beruth auf der Beobachtung des praktischen Lebens und vor allem des Verhaltens der Einzelwirtschaften im Tauschverkehr. Deswegen kann man diese Theorie, obwohl die Bedingungen der optimalen Bedarfsbefriedigung des einzelnen ihr Ziel sind, doch nicht als eine  privatwirtschaftliche  bezeichnen. Es gibt überhaupt keine besondere privatwirtschaftliche Theorie neben der tauschwirtschaftlichen. Vielmehr geht die letztere naturgemäß von den Bestrebungen und Handlungen der einzelnen Wirtschaften aus, und ihre Hauptaufgabe ist es, zu erklären, wie die Bedürfnisse der einzelnen und ihr Ertragsstreben den ganzen volkswirtschaftlichen Organismus in Gang setzen.

Unsere Theorie der Volkswirtschaft geht daher nur von einer einzigen Voraussetzung aus, nämlich der, daß der Mensch nach  möglichst vollkommener Bedarfsbefriedigung  strebt und daß er bei diesem seinem Streben den erreichten Erfolg, das Mehr an Genuß, mit den Aufwendungen und Anstrengungen vergleicht, ökonomisch ausgedrückt, daß er nach einer möglichst großen Differenz zwischen Nutzen und Kosten, nach einem möglichst hohen Gewinn oder Ertrag aus seiner wirtschaftlichen Tätigkeit strebt. Dies ist schon im Begriff der  Wirtschaftlichkeit  oder des  wirtschaftlichen  Prinzips als des möglichst großen Erfolges mit den kleinsten Mitteln enthalten. Bei der Betrachtung dieses Strebens in der durch dasselbe herbeigeführten Organisation des tauschwirtschaftlichen Prozesses sieht die Theorie allerdings von allen sonstigen Motiven ab, die das wirtschaftende Subjekt bestimmen und es unter Umständen in der Verfolgung jenes Prinzips beschränken. Sie legt also  homines oeconomici  zugrunde, kann dies aber auch, weil diese tauschwirtschaftliche Organisation in der Tat durch die Befolgung des wirtschaftlichen Prinzips seitens der Einzelwirtschaften geschaffen wird und sie ja überhaupt nicht die Motive der wirtschaftenden Menschen zu untersuchen hat, vielmehr eines von ihnen, das ökonomische voraussetzt. Es ist aber zuzu geben, daß, wenn auch keine  tauschwirtschaftliche  Organisation, so doch eine sonstige Art der Bedarfsversorgung denkbar ist, bei welcher das Streben nach dem höchsten Ertrag nicht das Organisationsprinzip ist. Wir betrachten daher nur den  heutigen  Zustand der Tauschwirtschaft, die aufgrund dieses Prinzips organisiert ist, und lassen es ganz dahingestellt, inwieweit z. B. schon die mittelalterliche regulierte Stadtwirtschaft noch auf diesem Prinzip beruth.

Wir denken also nicht daran, wie das die bisherigen nationalökonomischen Theoretiker immer stillschweigend taten, ökonomische Theorien aufzustellen, die für alle Zeiten und für alle Arten der Bedarfsversorgung gelten, sondern die hier entwickelte Theorie ist, kurz gesagt, die eines  Zustandes der freien Konkurrenz.  Das bedeutet aber nicht - es ist das vielleicht nicht überflüssig zu bemerken - daß diese Theorie über die heute so zahlreiche Monopol-Organisationen nichts aussagen könnte, daß sie vielmehr durch diese durchbrochen würde. Die privaten Monopol-Organisationen, Kartelle, Trusts und dgl. beseitigen nicht die Konkurrenz, sondern nur den  Konkurrenzkampf.  Sie beseitigen nicht das Prinzip, daß Kapitalien und Arbeitskräfte sich im Ganzen frei jedem Erwerbszweig zuwenden können und daß in dieser Freiheit, und nur in ihr, die einzige Regelung der Bedarfsversorgung, das einzige tauschwirtschaftliche Organisationsprinzip liegt.

Die Erörterungen dieses Aufsatzes beruhen auf theoretischen Grundgedanken, die ich vor 4 Jahren in meiner Schrift "Ertrag und Einkommen auf der Grundlage einer rein subjektiven Wertlehre" (Jena 1907) zum ersten Mal entwickelt habe. Sie enthält die Grundlinien eines theoretisch-ökonomischen Systems, das allmählich weiter ausgebaut werden wir. Eine Anwendung der dort entwickelten Gedanken auf das Zentralproblem der Wirtschaftstheorie, die  Erklärung des Preises,  gebe ich in einem Aufsatz, der vor kurzem im "Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik", Bd. 34, Heft 1 und 2 erschienen ist. In der vorliegenden Arbeit sind meine theoretischen Grundgedanken nach einer anderen Richtung hin verwertet. Beide sollen später mit weiteren Anwendungen jener Grundgedanken in einem größeren Buch  "Die Theorie des Volkswohlstandes"  zusammengefaßt werden.


I. Dogmengeschichtliche Übersicht
der Produktivitätstheorien

Wenn wir uns nun der Produktivitätstheorie zuwenden, so wird es nicht zu umgehen sein, daß wir uns zuerst mit dem Wort selbst beschäftigen und feststellen, daß man mit dem Ausdruck  Produktivität  sehr verschiedene wissenschaftliche Probleme bezeichnen kann und tatsächlich darunter verstanden hat. Erst später wollen wir dann dasjenige Produktivitätsproblem näher umgrenzen, welches unserer Meinung nach allein in die Wirtschaftstheorie gehört bzw. von ihr gelöst werden kann.

Bezüglich der Dogmengeschichte unseres Begriffs wollen wir uns kurz fassen und für die Literatur vor allem auf ROSCHER (2) verweisen, der von den neueren Nationalökonomen das Produktivitätsproblem wohl am eingehendsten behandelt.

Es ist bekannt, daß Produktivitätsfragen eigentlich den ersten Anstoß zur Entwicklung der ökonomischen Wissenschaft gegeben haben, daß die ersten nationalökonomischen Schulen sich dadurch unterscheiden, ob sie  Landwirtschaft und Bergbau  oder den  auswärtigen Handel  als produktiv, als einzige Quelle des Volksreichtums bezeichneten. Diesen beiden engsten Auffassungen des Produktivitätsbegriffs, der merkantilistischen und der physiokratischen, stellt sich dann schon frühzeitig eine Reihe unabhängiger Schriftsteller gegenüber, die die jeweils herrschende Schulmeinung nicht mitmachten, sondern  alle  auf die  Herstellung von Produkten  gerichteten Tätigkeiten für produktiv erklärten. Über diese Auffassung des Produktivitätsbegriffes gingen aber einige noch hinaus, die, wie HUME, HOBBES, BOISGUILBERT, CONDILLAC auch den  inneren Handel  als produktiv bezeichneten. Mit dieser Erweiterung wurden in den bis dahin rein  technischen  Begriff zum ersten Mal  wirtschaftliche  Erwägungen hineingebracht, man fragte nicht mehr nur nach der  Menge der Produkte  als dem Erfolg einer wirtschaftlichen Tätigkeit, sondern nach den dabei erzielten  Werterhöhungen.  Man hatte jetzt also zwei Produktivitätsbegriffe, der Unterschied wurde aber bis in die neueste Zeit hinein nicht klar erkannt und daher blieb auch die Verschiedenheit der Anschauungen über die Produktivität des Handels bestehen.

ADAM SMITH gehörte zu denen, welche die Produktivität des Handels behaupteten; dagegen erklärt er für unproduktiv alle persönlichen Dienstleistungen, ein Rückschritt gegenüber früheren Anschauungen, z. B. von HOBBES, aber in Übereinstimmung mit anderen, z. B. mit HUME. SMITH beginnt das dritte Kapitel des 2. Buches, das "Von der Ansammlung des Kapitals oder von produktiver und unproduktiver Arbeit" handelt, mit den Worten (3):
    "Es gibt eine Art von Arbeit, welche den Wert des verarbeiteten Gegenstandes erhöht, und eine andere, welche einen solchen Erfolg nicht hat. Die erstere können wir, da sie einen Wert  erzeugt,  eine produktive, die letzte eine unproduktive Arbeit nennen. So fügt die Arbeit eines Fabrikarbeiters dem Wert der von ihm verarbeiteten Rohstoffe den seines eigenen Unterhaltes und des Gewinns seines Brotherrn hinzu; die eines Dienstboten dagegen erhöht nichts im Wert."
Die Anschauung, auf der diese Produktivitätslehre beruth, ist die sogenannte  Arbeitswerttheorie,  die Vorstellung, daß der Wert der Güter durch die auf sie verwendete Arbeit geschaffen wird, der folgenschwerste Irrtum der SMITHschen Lehre, auf dem z. B. der ganze Marxismus beruth, der aber auch in der bürgerlichen Volkswirtschaftslehre noch längst nicht überwunden ist. Diese Auffassung von der Unproduktivität der Dienstleistungen war aber mit so einfachen Beobachtungen aus dem wirtschaftlichen Leben in Widerspruch, daß sie nicht lange unangefochten bleiben konnte. Am frühesten trat wohl GERMAIN GARNIER in seiner französischen Übersetzung von SMITH's "Volkswohlstand" (4) dagegen auf mit dem Beispiel, daß die Arbeit des Violinfabrikanten produktiv sein soll, die des Violinspielers aber unproduktiv, obgleich das Produkt des ersteren gar keinen anderen Zweck hat als den, von diesem gespielt zu werden. Auch FRIEDRICH LISTs Gegenüberstellung des produktiven Schweinezüchters und des unproduktiven Lehrers ist bekannt.

Einen gewissen Fortschritt bezeichnet von HERMANN, der Produktivität vom Standpunkt des Produzenten, des Konsumenten und der ganzen Volkswirtschaft unterscheidet (5). Ersterer nennt seine Arbeit produktiv, wenn er seine Kapitalauslagen samt dem landesüblichen Gewinn im Wege des Tauschverkehrs wieder empfängt, der Konsument aber schreibt allen solchen Arbeiten Produktivität zu, deren Leistung der gebrauchen kann und sich eintauscht. Danach wären also alle Tätigkeiten, die tatsächlich zu einem Austausch führen (privatwirtschaftlich) produktiv, und diese Produktivität ist also gleichbedeutend mit Rentabilität. Die Unterscheidung des Produzenten- und Konsumentenstandpunktes, die von HERMANN macht, ist aber dabei nicht von Bedeutung, und der Begriff ist natürlich nicht auf den Tauschverkehr beschränkt, sondern auch auf die tauschlose Wirtschaft auszudehnen. Privatwirtschaftlich produktiv oder rentabel ist daher, allgemeiner ausgedrückt, jede Tätigkeit, mit der man einen  Ertrag  erzielt. Die Volkswirtschaft schließlich nennt, nach von HERMANN, jede Arbeit produktiv, welche die  Quantität  der auf dem Markt feilgebotenen Güter (im weitesten Sinn) vergrößert. Hierbei wird also ganz von einer  Beurteilung  der Güter, die angeboten und eingetauscht werden, abgesehen, ein  Werturteil  ist in diesem Produktivitätsbegriff sicherlich nicht enthalten.

Die meisten Nationalökonomen glauben aber auf eine Rangordnung und Beurteilung der Bedürfnisse bei der Feststsellung der Produktivität nicht verzichten zu können und können sich nicht entschließen, die Befriedigung  jedes  auftretenden Bedarfs, mag er auch noch so töricht oder unmoralisch sein, für produktiv zu erklären. Daher macht z. B. auch ROSCHER die Einschränkung, nur "dasjenige Geschäft, dessen Leistung  vernünftigerweise (?) begehrt und angemessen (?) bezahlt wird, als produktiv zu bezeichnen". Charakteristisch für die Unentschiedenheit, die bis auf den heutigen Tag dieser Seite des Problems gegenüber üblich ist (6), sind auch die Ausführungen von PHILIPPOVICHs in seinem schriftlichen Referat für den Verein für Sozialpolitik. Er erklärt auf der einen Seite, daß jedes Verzichten auf die Prüfung der Vernünftigkeit der Bedürfnisse "ein Gefühl der Unbefriedigung hinterläßt".
    "Wir haben zwar den bloßen Mengenvergleich als etwas Unvollständiges, Inhaltsloses verlassen, aber wir haben nichts Wertvolleres dafür eingetauscht. Die Arbeit, welche auf die Herstellung von Bomben für anarchistische Attentate verwendet wird, so produktiv sein? usw. (Seite 334-335)
Andererseits aber gibt er zu (Seite 336), der in den Anschauungen von RUSKIN, HERKNER u. a. zum Ausdruck gekommene Begriff der Produktivität scheint ihm "aus dem Bereich der Wirtschaft heraus in das Gebiet der Ethik zu führen". Immerhin steht er der letzteren Auffassung näher, indem er die Aufgabe der wissenschaftlichen Betrachtung noch nicht als erfüllt ansieht, "wenn die Veränderungen beobachtet sind, die sich in den Güterquantitäten unter dem Einfluß bestimmter Tatsachen vollziehen". Hiermit lehnt von PHILIPPOVICH die früher schon in Amerika (CLARK, PATTEN), neuestens in Deutschland hauptsächlich durch SCHUMPETER (Wesen und Hauptinhalt der theoretischen Nationalökonomie, Leipzig 1908) vertretene Anschauung ab, die in einer merkwürdigen Verkennung der eigentlichen Aufgaben der Nationalökonomie die Betrachtung der Veränderungen, die sich in den  Güterquantitäten  vollziehen, als den Hauptinhalt der Nationalökonomie ansieht und demgemäß mathematisch-mechanische Methoden in Anwendung bringen will (7). Immerhin gehört auch von PHILIPPOVICH naturgemäß der in der heutigen Wirtschaftstheorie absolut herrschenden Richtung an, die ich die  materialistische  nennen möchte, die die Wirtschaft mit der  Beschaffung von Sachgütern  und daher vor allem mit der  Produktion  identifiziert. Der Begriff der Wirtschaft, sagt er auf der ersten Seite seines Lehrbuches, "umfasse daher all jene Vorgänge und Einrichtungen, welche auf die dauernde Versorgung der Menschen mit  Sachgütern  gerichtet sind" (8). Und auch in seinem Referat meint er: "das unmittelbare Ziel der Wirtschaft ist auf materielle Güter gerichtet, und wir müssen ihre Erfolge an materiellen Ergebnissen messen" (Seite 339). Es ist schwer verständlich, wie man eine solche Anschauung angesichts der Tatsachen des wirtschaftlichen Lebens aufrecht halten kann, und es ist klar, daß sie für die ökonomische Theorie sehr unheilvolle Konsequenzen haben muß. Veranlaßt denn mein Bedürfnis nach einem Konzert, einem Vortrag, einer Theatervorstellung, einer Erholungsreise mich nicht ebensogut zu wirtschaftlichen Handlungen wie das nach Essen und Kleidung? Nehme ich auf derartige Bedürfnisse in meinem Wirtschaftsplan nicht ebenso Rücksicht wie auf die materiellen? Und veranlaßt nicht umgekehrt mein Bedürfnis, eine Fahrt auf der Trambahn zu machen, eine Droschke zu benutzen und dgl. ebensogut  andere  Personen zu wirtschaftlicher Tätigkeit wie mein Bedürfnis nach Brot und Fleisch? Diesen ganz einseitigen Auffassungen sind auch die meisten Irrtümer und Unklarheiten der Produktivitätstheorie zuzuschreiben.

Auf der anderen Seite aber muß man sich natürlich davor zu hüten, ethische, moralische und ähnliche Gesichtspunkte in das Produktivitätsproblem hineinzutragen. SOMBART hat auf der Wiener Versammlung diese Versuche in ausgezeichneter Weise kritisiert, indem er zeigte daß dann jeder Mensch über die Produktivität der Volkswirtschaft anderer Meinung sein würde: der Anti-Alkoholiker würden den Weinbau als unproduktiv erklären, der Vegetarier die Viehzucht, der Atheist den Kirchenbau, während andere diese Tätigkeiten für sehr produktiv halten würden. (Seite 568)

Daraus ergibt sich aber nur, daß der Begriff der Produktivität,  in dieser Weise aufgefaßt,  mindestens wissenschaftlich unbrauchbar ist. Denn es ist doch sinnlos, wenn z. B. de AUGUSTINIS auch den Mordbrenner produktiv nennt, weil er für sich "das Vergnügen der Zerstörung erzeugt hat. (9) Der Begriff wird aber auch dadurch nicht wissenschaftlich brauchbarer, wenn man, wie es manche Neuere wollen, statt solcher  persönlicher  Werturteile allgemeine durchschnittliche  Massenurteile  setzen will, eine Handlung nur dann als produktiv bezeichnen will, wenn der Erfolg  nach einem allgemeinen Urteil  als wertvoll erscheint. Von diesem Standpunkt aus könnte man z. B. die Frage von PHILIPPOVICHs: "Die Arbeit, welche auf die Herstellung von Bomben für anarchistische Attentate verwendet wird, soll produktiv sein", dahin beantworten, daß auch sie als produktiv gelten kann, wenn die Mehrzahl der Bevölkerung eine Steigerung ihrer Wohlfahrt von der Beseitigung jedes obrigkeitlichen Zwangs, die der Anarchismus herbeiführen will, erwartet und solange sie sich nicht vom Gegenteil überzeugt hat. Von diesem Standpunkt aus kann die Herstellung einer Höllenmaschine als produktiv erklärt werden, mit der das Land von einem Tyrannen befreit wird, der das Volk ausbeutet, kann die Herstellung von Kriegsschiffen und Kanonen als produktiv gelten, wenn sie helfen, den Feind zurückzuschlagen oder einen Angriff zu verhindern usw. Es ist aber klar, daß mit einem derartigen Begriff in der Wirtschaftstheorie nichts anzufangen ist.

Die meisten neueren Nationalökonomen suchen nun nichtsdestoweniger den Produktivitätsbegriff für die Wirtschaftstheorie zu retten, indem sie alle solche Werturteile, die über das wirtschaftliche Gebiet hinausgehen, auszuschalten suchen. Das geschieht in der Weise, daß man nur da von Produktivität spricht, wo  Tauschwerte  erzeugt werden, also materielle oder immaterielle Güter, die einen Tauschwert haben, der höher ist als die Produktionskosten. Diese Ansicht ist schon von ADAM SMITH angebahnt worden und wurde dann vor allem von JEAN-BAPTISTE SAY vertreten und von vielen anderen akzeptiert. Sie erlangte im Laufe des 19. Jahrhunderts hauptsächlich deswegen große Verbreitung, weil mit der Entwicklung der Statistik immer mehr das Bestreben hervortrag, die Zunahme des Volksreichtums und damit die Produktivität der Volkswirtschaft zu  messen Das war natürlich nur möglich, wenn man die Betrachtung auf wirtschaftliche Güter, die einen  Preis  haben, beschränkte, und auch wieder auf solche Güter, die zum Vermögen gerechnet werden können. Man suchte als das  "Volksvermögen"  und seine Veränderungen festzustellen. Dabei erkannten freilich einige Nationalökonomen bald, daß der Tauschwert kein richtiger Maßstab für das Volksvermögen und die Produktivität sei. Denn man könne doch unmöglich gerade dann von einer Verminderung der Produktivität sprechen, wenn die Produktion  vermehrt  worden ist, infolgedessen aber der Tauschwert der Produkte gesunken. Diese "Wertantinomie", deren völlige Klarstellung bis auf den heutigen Tag nicht gelungen ist, führte dazu, scharf privatwirtschaftliche und volkswirtschaftliche Produktivität zu unterscheiden. Für erstere soll der Tauschwert, für letztere der Gebrauchswert entscheidend sein (10).

Die Erkenntnis der Unbrauchbarkeit des Tauschwertes (Preis) für die Untersuchung der volkswirtschaftlichen Produktivität und die Betonung des Gebrauchswertes führte aber weiter zu der Frage, wie dieser festgestellt werden soll, und zu der Unmöglichkeit, hierbei rein wirtschaftliche Gesichtspunkte von ethischen, moralischen und dgl. zu trennen. Dieser Zwiespalt tritt charakteristisch auch bei von PHILIPPOVICH zutage. Auf der einen Seite ist es ihm doch das Wichtigste, "festzustellen, in welchem Maß der Volkswohlstand durch die betrachteten Einzeltatsachen gefördert wird; alle volkswirtschaftlichen Untersuchungen sind letztenendes diesem Ziel untergeordnet" (Seite 357); auf der anderen Seite will er aus der Produktivitätslehre eine Antwort erhalten auf Fragen, welche die Nationalökonomie unmöglich geben kann.
    "Der eigentliche Sinn des Verhältnisses des Menschen zur Güterwelt liege nur im Gebrauchswert der Güter. Was wir bei der Feststellung der Produktivität suchen, ist immer nur die Antwort auf die Frage: fördert die gegenwärtig vorhandene Gütermasse die Zwecke, welche der Mensch durch Gütererwerb, Besitz und Gebrauch anstrebt, besser, leichter und vollständiger als die früher vorhandene? Sind mehr Güter gleichen Wertes vorhanden als früher? Oder fördern die gegenwärtigen zur Verfügung stehenden Güter mehr und höhere und edlere Zwecke als die früheren?"
Auf solche Fragen kann keine Wissenschaft eine Antwort geben!


II. Die drei verschiedenen
Produktivitätsbegriffe

Man erkennt schon aus unseren bisherigen Erörterungen, die nur die Hauptrichtungen der Produktivitätstheorien skizzieren sollten, daß wir es hier mit sehr verschiedenen Problemen zu tun haben, daß hier, wie es so häufig im Sprachgebrauch der Fall ist, ein Wort allmählich einen ganz anderen Inhalt und sehr verschiedene Bedeutungen bekommen hat. Anfänglich im reinen Wortsinn verwendet, daß produktiv alles ist, was Produkte schafft, wurde zunächst der Begriff  Produkt  auch auf immaterielle Dinge ausgedehnt; dann aber wurde der Begriff spezieller ins Ökonomische übertragen, es wurde anstelle von Produkt  Wert  gesetzt, was vom Standpunkt der SMITHschen Arbeitswerttheorie immer noch ein Festhalten an der ursprünglichen Grundvorstellung war. Dieser Begriff wurde aber beibehalten, als die Vorstellung von der "Wertproduktivität" der Arbeit nicht mehr allgemein war, und spaltete sich wieder danach, ob die Feststellung der Produktivität nach dem Tauschwert oder nach dem Gebrauchswert der Produkte erfolgen soll. Letztere Anschauung siegte im allgemeinen, und das, was als wertvoller Erfolg im Sinne der Produktivitätstheorie anzusehen war, wurde immer mehr verallgemeinert, indem man einerseits nicht nur Produkte, sondern immaterielle Güter aller Art dazu rechnete, andererseits alle diese Güter nicht nur vom wirtschaftlichen Standpunkt der Bedarfsbefriedigung, sondern von allen möglichen ethischen, hygienischen und dgl. Gesichtspunkten aus bewerten wollte. Daneben bleibt aber die ursprüngliche Vorstellung, die die Produktivität nur nach der Menge der Produkte bemißt - ich bezeichne sie als quantitative Produktivitätstheorie - immer noch bestehen, und sie wird von vielen Schriftstellern ohne Besinnen mit der "qualitativen" Feststellung der Produktivität konfundiert [vermischt - wp].

Um nun aus dieser "Herrschaft des Wertes", um mit GOTTL zu reden, einen Weg zu finden zu den Problemen, welche die Wirtschaftstheorie lösen kann, müssen wir zunächst versuchen, einmal alle die Probleme systematisch nebeneinanderzustellen, die man überhaupt mit dem Wort  Produktivität  bezeichnen kann. Vorarbeiten dazu haben wir oben schon in unserer dogmengeschichtlichen Übersicht geleistet, und es ist selbstverständlich, daß diese schon vom Standpunkt der folgenden Unterscheidungen aus verfaßt wurde.

1. Der technische oder
quantitative Produktivitätsbegriff

An erster Stelle ist darauf aufmerksam zu machen, daß der Ausdruck "Produktivität" im Gegensatz zur "Produktion" ein Relationsbegriff ist. Er enthält einen  Vergleich.  Wenn man das überblickt, und das geschieht meistens, kommt die Untersuchung sofort auf ein falsches Geleis. Es ist aber vielleicht nicht überflüssig zu betonen, daß  Vergleich  nicht gleichbedeutend ist mit  Werturteil.  Man sagt: die Produktivität dieses Landgutes ist gegen früher gestiegen oder gefallen, die Produktivität dieses Mannes ist größer als die eines anderen und dgl. Immer denkt man an ein Mehr oder Weniger, stellt einen Vergleich an. In manchen Fällen des gewöhnlichen Sprachgebrauchs ist nun dieser Ausdruck in der Tat überflüssig. Denn man könnte geradesogut sagen: die  Produktion  ist gestiegen oder gefallen, oder wenn man nicht an die wirkliche Produktion, sondern an eine Produktions möglichkeit  denkt, könnte man korrekt diesen Ausdruck wählen oder von  Produktionsfähigkeit, Produktionskraft  sprechen: so z. B., die Produktionsfähigkeit dieser Maschine ist größer als von jener.


a) Das Kostenmoment dabei.

Dies sind also nur mißbräuchliche und überflüssige Anwendungen des Wortes  Produktivität.  Ganz besonders aber wird dieser Begriff gebraucht in dem Fall, daß  mit denselben Aufwendungen eine größere Produktmenge als bisher erzielt wird oder dieselbe Produktmenge mit geringeren Aufwendungen.  Hier spricht man von gestiegener Produktivität, die dabei also in einem scharfen Gegensatz steht zur "gestiegenen Produktion". Bei dieser Anwendung des Begriffs trägt man also schon  wirtschaftliche Momente  hinein, denn der Ausdruck  Aufwendungen  oder, schärfer formuliert,  Kosten,  ist ein wirtschaftlicher Begriff. Es handelt sich dabei regelmäßig um einen  Vergleich von Anwendungen und Erfolg, von Kosten und Ertrag,  also um eine Anwendung des  ökonomischen Prinzips.  Nur selten ist auch dieser Begriff der Aufwendungen ein rein technischer, z. B.: um einen Kubikzentimeter Wasserstoff zu gewinnen, brauche ich nach diesem Verfahren  x,  nach jenem  x + 1 g  eines bestimmten Produkts. In der Regel aber wird man bei Produktivitätsvergleichen von  wirtschaftlichen  Erwägungen ausgehen.  Doch ist darauf aufmerksam zu machen,  was für das richtige Verständnis, z. B. der Lehre vom abnehmenden Bodenertrag von der größten Bedeutung ist, daß  trotz des Hineintragens eines wirtschaftlichen Gesichtspunktes,  des Kostenmoments,  der Produktivitätsvergleich deswegen doch ein rein technischer sein kann.  Die Einführung eines ökonomischen Wertbegriffs, Kosten, bedeutet  nicht,  wie man vielleicht meinen sollte (11) und wie auch ich längere Zeit glaubte, daß nun der Produktivitätsvergleich immer ein ökonomischer sein muß, der  Wert oder Preis der Produktionsmittel (Kosten)  jetzt nur dem  Wert oder Preis der Produkte  gegenübergestellt werden darf und man danach beim Vergleich  zweier  verschiedener Produktionsakte die größere oder geringere ökonomische Produktivität (Wertproduktivität) des einen feststellen könnte. Zwar ist es natürlich unmöglich und ein logischer Schnitzer, die Kosten mit dem Produkt vergleichen zu wollen, wovon in der ganzen Literatur über den abnehmenden Bodenertrag die Rede ist. Denn wenn man hier einen Vergleich vornehmen will, kann man Kosten, d. h. einen Wertbegriff, nur mit dem Wert der gewonnenen Produkte vergleichen. Es liegt da eine Verwechslung technischer und ökonomischer Vorstellungen zugrunde, die ich schon des öfteren getadelt habe und über deren unheilvolle Folgen für die Wirtschaftstheorie man noch immer nicht genügend Rechenschaft ablegt. Deshalb darf man auch solche Sätze, wie sie sich selbst noch bei ESSLEN finden: "Auf die (volkswirtschaftlichen) Kosten kommt es bei der Beurteilung der Produktivität eines Wirtschaftszweiges an, verglichen mit dem gewonnenen Produkt", nicht durchgehen lassen (12). Man kann nicht die Kosten einer Wirtschaft mit dem Produkt vergleichen.

Wohl aber kann man bei  zwei verschiedenen Produktionsakten sowohl die Kosten als auch die Menge der gewonnenen Produkte  einander gegenüberstellen und dann den einen der beiden Faktoren in beiden Fällen gleich  1  setzen, ihn also  eliminieren.  Es handelt sich gewissermaßen um  2  Verhältnissätze, in denen der eine Faktor der gleiche ist, weshalb man ihn eliminieren und die beiden anderen Faktoren in ein Verhältnis zueinander setzen kann. Man kann also in 2 Fällen die Kosten gleichsetzen und dann die verschiedene Menge der Produkte feststellen, oder die Produktmenge gleichsetzen und die verschiedene Höhe der Kosten vergleichen. Man kann entweder gegenüberstellen: Hier wird mit  x  Kosten der Erfolg  y,  dort mit ebensoviel Kosten der Erfolg  y ±1  erzielt, oder hier wird mit  x  Kosten der Erfolg  y,  dort derselbe Erfolg mit  x ±1  Kosten erzielt. Niemals aber gibt es eine "Beurteilung der Produktivitität  eines Wirtschaftszweiges",  sondern ein Produktivitätsurteil abgeben heißt, wie gesagt, 2 Wirtschaften vergleichen. Es handelt sich regelmäßig um den Vergleich zweier verschiedener Verfahren, und dieser Vergleich ist, obwohl dabei auch ein wirtschaftlicher Faktor, Kosten, mit hineinspielt, doch ein  rein technischer,  d. h. ein solcher, der von den  Wertverhältnissen  der Produkte ganz abstrahiert und nur die gewonnenen  Quantitäten  berücksichtigt.

Dies klar zu erkennen ist von der größten Wichtigkeit für die Kritik all der Theorien, die im Zusammenhang mit dem Produktivitätsbegriff aufgestellt worden sind. Es liegt darin z. B. auch der tiefere Grund, weshalb das sogenannte Gesetz des abnehmenden Bodenertrags, obwohl es ebenfalls mit einem ökonomischen Wertfaktor (Kosten) operiert, doch ein  rein technisches Gesetz  ist, das mit der Wirtschaftstheorie gar nichts zu tun hat. (13)

Daß der Vergleich ein  technischer  oder, wie man vielleicht besser sagt,  quantitativer  ist, wenn die Kosten gleichgesetzt und eliminiert und die verschiedenen  Mengen der Produkte  verglichen werden, ist ohne weiteres klar. Aber auch wenn man die Produktmenge gleichsetzt, und die verschiedenen Kosten feststellt, bleibt der Produktivitätsvergleich immer noch ein technischer, wobei natürlich nicht bestritten wird, daß er auch wirtschaftlich von Bedeutung und für das wirtschaftende Subjekt von Interesse sein kann. Er bleibt es, solange die Produkt menge  das  tertium comparationis [das Dritte zum Vergleich - wp] bildet und solange man nichts über den  Wert  der Produkte aussagt. Zwar ist  Kosten  ein Wertbegriff, aber wenn man verschiedene Kosten einer bestimmten Produktmenge gegenüberstellt und dann beide miteinander vergleicht, hat man zwar auch eine wirtschaftlich bemerkenswerte Tatsache festgestellt, abr noch keinen  wirtschaftlichen Produktivitätsvergleich  vorgenommen.


b) Beispiele und Ergebnisse

Das ist es, was SOMBART bei seinen Ausführungen im Verein für Sozialpolitik (a. a. O., Seite 572) nicht erkannt hat, als er es als ein Problem der Produktivitätstheorie hinstellte,
    "die Produktion einer bestimmten, fest gegebenen Gütermenge, z. B. 100 Paar Stiefel, auf den Arbeitsaufwand hin zu prüfen, den sie verursacht  a)  in dem Fall, daß sie von Schustern gemacht werden als Handwerker, so daß der einzelne Besteller sofort vom Produzenten ein Paar Stiefel nimmt;  b)  unter der Voraussetzung, daß eine große Schuhfabrik, weit abgelegen, diese 100 Paar Stiefel in einem Tag herstellt und sie nun einer Anzahl von Händlern zum Verkauf an die Stiefelträger übermittelt. Dann können sie festellen, ob diese 100 Paar Stiefel in einem größeren oder geringeren Zeitaufwand im  a-  oder im  b-Fall hergestellt sind."
Hier wird also das  Zeitmoment  zum Maßstab des Kostenvergleichs gemacht. Nehmen wir einmal an, man könnte wirklich feststellen, was SOMBART hier vorschlägt, dann muß man aber erkennen, daß das, was man an diesem Beispiel allenfalls feststellen kann, bei genauerem Hinsehen schon etwas sehr Verschiedenartiges ist. Denn man kann feststellen
    a) daß während die Fabrik 100 Paar Stiefel in einem Tag herstellt, ein Schuhmacher 100 Tage brauchen würde. Und man kann feststellen

    b) daß, wenn man die Arbeitsstunden, die die in der Fabrik beschäftigten Arbeiter aufwenden müssen, zusammengerechnet nur den 5. Teil der bei einem handwerksmäßigen Schumacher erforderlichen Zeit ausmachen.
Aber sind denn das  wirtschaftliche  Erwägungen, die man da angestellt hat, handelt es sich um  Ertragsverhältnisse  oder nicht vielmehr um rein  technische?  Wobei übrigens noch gar nicht berücksichtigt ist, daß auch die auf die Herstellung der Fabrik und der benutzten Maschinen verwendete Zeit mit einer gewissen Quote in Anrechnung kommen müßte, weshalb in Wirklichkeit ein solcher Vergleich nach der Zeit unmöglich ist. Aber selbst wenn man
    c) feststellt, daß die  Produktionskosten  des Handwerkers um die Hälfte höher sind als die der Fabrik,
so ist das zwar eine  wirtschaftliche  Tatsache, aber es ist immer noch keine Feststellung  wirtschaftlicher Produktivität.  Das wird sie nämlich  erst dann,  wenn man feststellt,  zu welchem Preis die Handwerker und die Fabrik ihre Produkte verkauft haben,  und wenn man danach den  Ertrag feststellt,  den einerseits die Handwerker, andererseits die Fabrik erzielen. Das kann ein ganz anderes Resultat geben als der Vergleich der Produktionskosten und Produktmengen.

SOMBART irrt daher sehr, wenn er glaubt, an diesem Beispiel gezeigt zu haben, "wie man sehr wohl einen objektiven wissenschaftlichen Produktivitätsbegriff haben und doch derartige Probleme behandeln kann" (Seite 571). Objektiv ist er wohl, aber eben deswegen auch nicht  wirtschafts wissenschaftlich. Der Produktivitätsvergleich ist auch in den 3 Fällen, in die man SOMBARTs Beispiel zerlegen kann, ein rein technischer oder quantitativer. Nur hat SOMBART hier den Kostenvergleich durch eine Heranziehung anderer Kostenmomente, wie der Absatzorganisation, komplizierter gemacht.

Solange man als Erfolg nur  Quantitäten  von Produkten in Betracht zieht,  bleibt  der Produktivitätsbegriff ein technischer. Er wird zu einem  wirtschaftlichen  nur, wenn man nach dem  Wert  oder  Preis  der Produkte fragt. Ein wirtschaftlicher Produktivitätsbegriff setzt aber den Vergleich von  Wert vorstellungen und die Messung desselben an einem  Wertmaßstab  voraus. An die Stelle subjektiver Wertvorstellungen können dabei in der heutigen Geldwirtschaft die Preise treten, der Wertmaßstab sind die Kosten. Oder umgekehrt, die Preise werden als Vergleichsmaßstab genommen und verschiedene Kosten an ihnen verglichen. Und da man für die Spannung zwischen Preisen und Kosten den Ausdruck  Ertrag  oder  Gewinn  hat, so kann man kürzer sagen, daß  das privatwirtschaftliche Produktivitätsproblem in Frage besteht, welche von zwei Wirtschaften oder Wirtschaftszweigen bei gleichen Kosten oder bei gleichen Preisen den größten Ertrag erzielt.  Nie aber besteht die wirtschaftliche Produktivität in einem Vergleich von Produktmengen und Kosten. Denn Wirtschaft ist eben nicht gleichbedeutend mit der Herstellung von Produkten, und die möglichste Förderung der Wirtschaft oder die größte Produktivität nicht mit der Herstellung einer möglichst großen Menge von Produkten, sondern die wirtschaftliche Produktivitätsfeststellung ist ein  Vergleich von wirtschaftlichen Erträgen. 


2. Die privatwirtschaftliche Produktivität
oder Rentabilität

Wenn man also den Gesamtwert oder Gesamtverkaufspreis der in einer Wirtschaft gewonnenen Produkte ihren Produktionskosten gegenüberstellt und beide mit dem Wert oder Preis der Produkte und den Produktionskosten einer anderen Wirtschaft vergleicht, so kommt man zum Begriff der  privatwirtschaftlichen Produktivität,  die man aber besser mit dem weniger mißverständlichen Ausdruck  Rentabilität  bezeichnet (14). Hier also ist, wie bei allen wirtschaftlichen Handlungen, der ökonomische Ertrag, die Differenz zwischen Kosten und Wert grundlegend und dabei darf dann natürlich nicht außer acht gelassen werden, wie die Vermehrung oder Verminderung der gewonnenen oder angebotenen Produkte auf den Wert oder Preis derselben und damit auf den Ertrag einwirken wird. Hierbei kann also nicht wie bei der Frage nach der technischen Produktivität einfach ein Mehr an Produkten oder ein Weniger an Kosten bei zwei wirtschaftlichen Akten einander gegenübergestellt werden, Bedarfsveränderungen, Preisverschiebungen, welche den wirtschaftlichen Ertrag in beiden Fällen bestimmen.

Also, um beim obigen Beispiel zu bleiben: wenn festgestellt ist, daß eine Schuhfabrik mit derselben Zahl von Arbeitskräften, die Kosten der Maschinen und der Absatzorganisation alle hineingerechnet, in einem Jahr 10mal soviele Stiefel produzieren und daher 10mal soviele Konsumenten versorgen kann als eine Anzahl handwerksmäßiger Schuhmacher, so knüpft sich an diese rein technische Tatsache ein wirtschaftliches Produktivitätsproblem erst dann, wenn man fragt: Lohnt es sich nun, eine solche Schuhfabrik tatsächlich zu errichten? Ist der Ertrag, den sie erzielt, tatsächlich höher als der, den jene Schuhmacher hatten? Diese Frage wird keineswegs beantwortet durch die obigen Feststellungen. Denn für die Frage, ob die Schuhfabrik wirtschaftlich produktiver oder rentabler ist, kommt noch in Betracht, ob diese vergrößerte Produktion auch tatsächlich abgesetzt werden kann und zu welchem Preis. Und aufgrund dieser Frage wird man vielleicht feststellen, daß die 10mal größere Produktion nur mit einem solchen Preisdruck absetzbar sein wird, daß der erwartete Ertrag sich ganz bedeutend vermindern muß; oder man wird feststellen, daß überhaupt nicht mehr Stiefel absetzbar sind, als vorher die Schuhmacher herstellten, daß die Maschinen daher nur ganz ungenügend beschäftigt werden können und ihre Kosten und die der Absatzorganisation sich daher auf eine viel kleinere Zahl von verkauften Waren verteilen. Und aus all dem wird man feststellen, daß der Ertrag dieses technischen und kommerziellen Verfahrens, der Fabrik, der und der sein und daß er sich so und so zu den Erträgen der Schuhmacher verhält,  und damit hat man dann "wirtschaftliche" Produktivitätsfeststellungen gemacht. 

Diese sind also ganz etwas anderes, als was SOMBART zu erörtern vorschlug. Es ist nun hier, wo wir von der sogenannten volkswirtschaftlichen Produktivität zu reden haben, nicht unsere Aufgabe, diesen privatwirtschaftlichen Produktivitätsbegriff, über den sich noch mancherlei sagen ließe, näher zu untersuchen. Es genügt, ihn scharf von einem technischen zu unterscheiden. Daß dies bisher nicht geschah, hängt eng mit der von mir in "Ertrag und Einkommen" kritisierten Tatsache zusammen, daß in der Werttheorie technischer und wirtschaftlicher Ertrag, Menge der Produkte und Wert der Produkte sehr häufig, man kann sagen, fast regelmäßig verwechselt wurde. Diese Tatsache wurde in zahlreichen Rezensioen zugegeben, aber über eine der von mir angeführten Konsequenzen: Zurechnungslehre ist man allgemein mit Stillschweigen hinweggegangen. Hier ist also eine weitere Folge dieser Verwechslung angeführt.

Dieser Begriff der privatwirtschaftlichen Produktivität oder Rentabilität, den man also von der technischen Produktivität wohl zu unterscheiden hat, hat, wie schon gesagt, bisher nur wenig Beachtung gefunden. Dies hauptsächlich deshalb, weil man sich sagte, daß eine hohe Rentabilität einer einzelnen Wirtschaft für die allgemeine  volkswirtschaftliche Produktivität,  die man feststellen wollte, nichts beweist, und weil man glaubte, mit der Untersuchung jenes Begriffs sich nur vom Boden volkswirtschaftlicher Betrachtung zu entfernen. Ob nicht aus einer gewissen Art von Rentabilität bei allen oder den meisten Einzelwirtschaften doch ein gewisser Schluß auf die allgemeine volkswirtschaftliche Produktivität vorgenommen werden kann, diese Frage hat man sich niemals vorgelegt.


3. Der Gedanke einer
volkswirtschaftlichen Produktivität

Vor allem hat also die Wissenschaft seit mehr als einem Jahrhundert die sogenannte  "volkswirtschaftliche Produktivität"  beschäftigt. Man hat unter diesem Namen den Versuch gemacht, die  "Entwicklung der Volkswirtschaft",  den  "volkswirtschaftlichen Fortschritt",  die  "Zunahme des Volksreichtums"  zu messen, dessen Betrachtung ja der Ausgangspunkt unserer Wissenschaft war. Während in der Literatur der letzten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts, wie wir gesehen haben, derartige Erörterungen über Produktivität und Volkswohlstand etwas zurückgetreten sind, hat man neuerdings versucht, den Begriff des Volkswohlstandes wieder in den Vordergrund zu schieben. In der englischen Literatur ist aber von ADAM SMITH her bis auf die Gegenwart der Begriff des  "national wealth"  noch immer der Ausgangspunkt der ökonomischen Theorie. Als die Hauptaufgabe der theoretischen Untersuchung erscheint dann die Frage der  "Distribution of wealth",  und mehrere derartige theoretische Untersuchungen (von CLARK, CARVER u. a.) führen diesen Titel. Es brauch aber kaum gesagt zu werden, daß es durchaus verkehrt und sehr bedenklich ist, einen solchen Begriff wie Nationalwohlstand zum Ausgangspunkt der ökonomischen Theorie zu machen. Dieser kann vielmehr nichts anderes sein als die wirtschaflichen Bedürfnisse des Einzelnen. Es ist daher durchaus kein Fortschritt, wenn neuerdings auch in der deutschen Volkswirtschaftslehre Versuche gemacht werden, den Begriff des Volksreichtums wieder in den Vordergrund zu stellen.


a) Die neuesten Anschauungen über
den "Volksreichtum"

Insbesondere ist dies durch HEINRICH PESCH, "Lehrbuch der Nationalökonomie", Bd. 1, Seite 402f geschehen. Nach ihm ist "Gegenstand der Volkswirtschaftslehre die Ordnung des wirtschaftlichen Lebens im Hinblick auf das materielle Gemeinwohl des Volkes". "Volkswirtschaftslehre ist die Lehre vom materiellen Gemeinwohl oder vom materiellen Wohlstand des Volkes, insofern dieser Wohlstand innerhalb der staatlichen Gesellschaft durch die rechte und rechtmäßige Ordnung der wirtschaftlichen Verhältnisse, der öffentlichen und privaten Tätigkeiten und Einrichtungen verwirklicht werden kann und soll." Sehen wir ganz davon ab, daß durch den Zusatz: "insofern ... usw."  ethische  und  moralische  Voraussetzungen gemacht, d. h. von außen  Werturteile  hineingetragen werden, die die Volkswirtschaftslehre nichts angehen und die ganz unbestimmter Natur sind, so ist doch zu fragen: Was ist "materieller Wohlstand des Volkes", "materielles Gemeinwohl". Diese Ausdrücke sind doch nicht ohn weiteres klar, es ist aber bei PESCH nirgends näher ausgeführt, was darunter zu verstehen ist. Jedenfalls aber ist zu tadeln, daß auch er die Volkswirtschaftslehre rein materialistisch auffaßt. So sehr er auf der einen Seite überall ethische und moralische Forderungen hineinträgt, so bleibt er doch in der Bestimmung des Zwecks der Wirtschaft ganz materialistisch, obgleich es gerade für diesen Verfasser nahe gelegen hätte zu erkennen, daß der Mensch nicht von Brot allein lebt und daß auch die Wirtschaft nicht mit der Beschaffung von Sachgütern identifiziert werden kann.

Dieser von PESCH vertretenen Auffassung der Volkswirtschaft und Volkswirtschaftslehre hat sich nun neuestens auch von PHILIPPOVICH in seinem Referat angeschlossen. Er verwendet den größten Teil seiner Ausführungen dazu, den Begriff des Volkswohlstandes zu definieren und die Möglichkeiten einer Messung seiner Zunahme, der volkswirtschaftlichen Produktivität zu untersuchen. Er will den Ausdruck "volkswirtschaftliche Produktivität" da anwenden,  "wo soziale Beziehungen der Menschen gewertet werden."  Damit spricht er allerdings von meinem methodologischen Standpunkt aus schon selbst die Unmöglichkeit aus, jenen Begriff in der ökonomischen Theorie zu verwenden. Die Theorie kann und soll eben nicht "werten". "Die im Gesamtleben der Volkswirtschaft zutage tretende Fähigkeit, Wohlstand hervorzurufen ist es, die wir als Produktivität der Volkswirtschaft bezeichnen." Es gebe "keinen individuellen Reichtum". "Jeder Einzelne kann sich wirtschaftlich nur in einem großen Zusammenhang betätigen und erhalten, seine Bedarfsbefriedigung ist von der Leistung des ganzen Verbandes, dem er angehört, bedingt, sein wirtschaftliches Wohlergehen abhängig vom Grad des Wohlergehens, das die Gesamtheit erreicht." Immer ist der Reichtum ein soziales Produkt, das durch zusammenwirkendes Arbeiten von vielen ins Leben gerufen und erhalten wird" (a. a. O., Seite 340). Und aufgrund dieser Anschauungen spriecht er in dem mündlichen Referat davon, daß die volkswirtschaftliche Produktivität gesellschaftliche Bedarfsbefriedigung ist, und das Problem, das wir hier zu beantworten haben, das, "ob durch einen konkreten Produktionsvorgang die Gesellschaft in der Verfolgung ihrer wirtschaftlichen Zwecke einen größeren Nutzen erfahren hat also ohne ihn" (Seite 360/61). Das praktische Leben fordere von der Wissenschaft eine Antwort auf die Frage:  "Welchem Maß des gesellschaftlichen Bedarfs vermag die Leistungsfähigkeit der Volkswirtschaft zu entsprechen?" 

Auch HERKNER schließt sich diesen Ausführungen an und sucht teilweise den Begriff der "volkswirtschaftlichen Produktivität" noch schärfer zu formulieren, wobei freilich auch immer deutlicher zutage tritt, daß er auf von den verschiedensten Seiten herangezogenen Werturteilen basiert. "Der Begriff der volkswirtschaftlichen Produktivität" - sagt er (Seite 550) - "wird flankiert von den Begriffen  der gesellschaftlichen Kosten  und des  gesellschaftlichen  Gebrauchswertes". Je niedriger der Betrag der gesellschaftlichen Kosten, je höher der gesellschaftliche Gebrauchswert bei der Produktion zu veranschlagen ist, desto günstiger wird der Grad der erreichten Produktivität zu beurteilen sein". Er zeigt dann, daß der Begriff der "gesellschaftlichen Kosten" zum größten Teil aus  Arbeitskosten  besteht und daß diese wieder zu einem großen Teil auf  Arbeitsmühe  zurückzuführen sind. Er führt damit den Kostenbegriff auf psychologische Momente zurück. Man könne "nicht im Ernst von einer Steigerung der Produktivität dort sprechen, wo zwar die Zahl der Arbeitsstunden abgenommen hat, wo sich aber die Arbeit selbst drückender, gefährlicher, aufreibender, abschreckender gestaltet" (Seite 552) (15). Zwar gibt HERKNER am Schluß seiner Ausführungen selbst zu, er verstehe, wenn man "diesen schwankenden und schwammigen Begriff der Produktivität und der gesellschaftlichen Kosten mit Entrüstung aus dem Tempel unserer Wissenschaft hinauswerfen" wollte, aber er meint, der privatwirtschaftliche Kostenbegriff sei ebensowenig exakt (Seite 559).


b) Kritik des "Volksreichtums" und
verwandter Begriffe

Man kann nun gegen die theoretischen Grundlagen, auf denen diese Ausführungen von PHILIPPOVICHs und HERKNERs beruhen, meines Erachtens im Interesse der ökonomischen Theorie und ihrer Weiterbildung nicht energisch genug protestieren, und ich möchte betonen, daß ich die rein kritische und negierende Bekämpfung dieser Anschauungen im Interesse der ökonomischen Theorie für gerade so wichtig halte wie den positiven Beitrag, den ich im folgenden dann zu geben versuche.

Gerade das Gegenteil scheint mir richtig von dem, was von PHILIPPOVICH ausführt. "Es gibt keinen individuellen Reichtum", sagt er. Nein!  Es gibt keinen Volksreichtum!  Die ganzen Irrtümer der klassischen und vorklassischen Nationalökonomen, die man bis in die Gegenwart konserviert hat, beruhen darauf, daß man immer glaubte, vom Reichtum des ganzen Volkes wie von einem individuellen Reichtum sprechen zu können. Inwiefern diese Anschauung auf der Lehre des Merkantilismus und der klassischen Nationalökonomie beruth, ist bekannt und braucht hier nicht auseinandergesetzt zu werden. Sie zu konservieren, trägt aber bei uns in Deutschland noch ganz besonders der Umstand bei, daß wir immer von  "Volks wirtschaft" und  "volks wirtschaftlich" sprechen, um Verkehrsvorgänge zu bezeichnen, ein Ausdruck, den die anderen Nationen bekanntlich nicht haben. Das legt die Auffassung ganz besonders nahe, als ob die "Volkswirtschaft" auch eine Wirtschaft sei analog der Einzelwirtschaft, ein einheitlicher wirtschaftlicher Organismus, der von einem  wirtschaftlichen Prinzip  beherrscht wird, und in dem es also darauf ankommt, mit möglichst wenig Kosten ein möglichst großes Maß an Bedarfsbefriedigung zu erzielen. Das ist aber nicht richtig. Wenn auch innerhalb der sogenannten Volkswirtschaft jede einzelne Wirtschaft nach diesem Prinzip handelt, so ist doch jene keine danach geleitete Wirtschaft (16), sondern sie ist nur ein kurzer, aber sehr leicht mißverständlicher Ausdruck für die mannigfaltigsten Verkehrsbeziehungen zwischen den Einzelwirtschaften, die bei den Zugehörigen eines "Volkes" allerdings besonders eng sind. Und wenn auch heute im Zeitalter des Hochschutzzolls die einzelnen Staaten sich noch so sehr von anderen abschließen und selbst wenn man sich das Extrem dieser Entwicklung verwirklicht denkt und jeder eine "geschlossene Volkswirtschaft" bilden würde, so wäre ein solcher Staat doch keine Wirtschaft, kein Organismus, der analog der Einzelwirtschaft näch einem möglichst hohen Ertrag strebt, und es gäbe auch hier, für die theoretische Untersuchung zumindest, keinen Volksreichtum und kein Volksvermögen.

Es ist auch rein logisch leicht zu zeigen, daß  Volksreichtum  kein klarer theoretisch brauchbarer Begriff ist. Denn auch Reichtum ist, genau wie  Produktivität,  ein Relationsbegriff. Ich kann nur dann von jemandem, der eine Million Mark besitzt, sagen, er sei reich, wenn ich weiß, daß die große Mehrzahl erheblich weniger besitzt. Bei den Ausdrücken  Reichtum  und  Wohlstand  spielen nun schon, worauf MAX WEBER mit Recht hingewiesen hat, Werturteile zumindest leise hinein. Es handelt sich hier um kein bloßes Mengenverhältnis mehr, wie wenn ich sage: dieses Verfahren erfordert die doppelten Kosten wie jenes. Es laufen dabei Vorstellungen eines gewissen Überflusses, eines Mehr als genug mitunter, kurzum, es wird kein rein quantitativer Maßstab angelegt, was auch darin zutage tritt, daß über das, was als reich gilt, die Anschauungen zu verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Volkswirtschaften sehr verschieden sind. Daß Reichtum ein Relationsbegriff ist, vergessen nun alle diejenigen, die von Volksreichtum und dgl. sprechen. Denn wo ist für den Volksreichtum der Vergleichsmaßstab? Etwa der anderer Nationen? Und wo ist das  tertium comparationis? [das Dritte zum Vergleich - wp] Ja, wenn es überhaupt nur möglich wäre, den Volksreichtum zu messen! Die dabei vorhandenen Schwierigkeiten, die größtenteils daraus hervorgehen, daß das Geld eben kein unveränderlicher Wertmaßstab ist, hat von PHILIPPOVICH selbst schon genügend hervorgehoben. Volksreichtum und volkswirtschaftliche Produktivität sind fiktive Begriffe, hervorgegangen aus einer falschen Auffassung über das Wesen der Volkswirtschaft. Sie mögen für die Wirtschaftspolitik und allenfalls für die Statistik eine gewisse Bedeutung haben, wo das ihnen zugrunde liegende Mißverständnis nicht schadet,  für die Theorie aber sind sie unbrauchbar. 

Wenn von PHILIPPOVICH deswegen behauptet, "es gäbe keinen individuellen Reichtum", weil "jeder einzelne in seiner Bedarfsbefriedigung von der Leistung des ganzen Verbandes, dem er angehört, bedingt, sein wirtschaftliches Wohlergehen abhängig ist vom Grad des Wohlstandes, den die Gesamtheit erreicht hat, so betont er damit nichts weiter als die genugsam bekannte Tatsache, daß heute im Zustand des Tauschverkehrs jedes Einkommen und jeder individuelle Vermögenserwerb durch das Zusammenleben und Zusammenwirken vieler Menschen erzielt wird. Aber es scheint mir doch etwas kühn, deswegen den individuellen Reichtum (und warum nicht auch das individuellen  Einkommen?,  womit die ganze Einkommenslehre erledigt wäre!) als nicht existierend zu bezeichnen, und einen Kollektivreichtum als allein wirklich anzusehen.

Allen derartigen, außerordentlich verbreiteten Anschauungen liegt die unserem heutigen demokratischen Zeitalter charakteristische, auf den verschiedensten Gebieten bemerkbare Tendenz zugrunde, überall nur  Massenerscheinungen  zu sehen und die individuelle Beobachtung zu vernachlässigen. Sie hat gerade auch der ökonomischen Theorie außerordentlich geschadet, indem sie eine ganze Zahl von Begriffen, die nur für die Einzelwirtschaft gelten, auf den ebenfalls so ausgedehnten Begriff der "Volkswirtschaft" übertrug. Es ist, wie gesagt, im Interesse der Weiterbildung der ökonomischen Theorie höchste Zeit, daß einmal gegen alle derartigen Begriffe Front gemacht wird, und ich möchte wünschen, daß ich von anderen dabei unterstützt würde.

Zu derartigen Begriffen gehören nun auch die schon erwähnten des  "gesellschaftlichen Gebrauchswertes"  und der  "volkswirtschaftlichen  oder  gesellschaftlichen Kosten."  Nachdem der große Dialektiker MARX die "gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit" erfunden hatte, sind ähnliche Begriffsbildungen in der ökonomischen Wissenschaft leider sehr beliebt (17). Man will damit in der Regel einen Durchschnittswert, einen einer gewissen Kulturstufe der Massen entsprechenden Durchschnittssatz, kurzum eine  Massenerscheinung  bezeichnen, und trägt jedenfalls in den Begriff Maßstäbe hinein, die von allen möglichen anderen als wirtschaftlichen Erwägungen hergenommen sind. Es ist doch klar, daß, wer den Begriff des "gesellschaftlichen Gebrauchswertes" verwendet, alle Erkenntnisse der subjektiven Wertlehre kaltlächelnd aufgibt, und das, genau wie wir beim Begriff  Volksreichtum  gesehen haben, auch wieder nur der ansich ja ganz richtigen Tatsache wegen, daß die subjektive Bewertung natürlich nicht unbeeinflußt ist durch Urteile und Wertschätzungen anderer Menschen. Man verkennt aber dabei die fundamentale Tatsache, daß nichtsdestoweniger der Mensch, entsprechend seinen speziellen Bedürfnissen, die Güter  verschieden  bewertet, und daß gerade die ökonomische Theorie die Aufgabe hat, zu zeigen, wie aufgrund solcher rein subjektiven Bewertungen, über deren Zustandekommen sie nichts auszusagen hat, sich ein sogenannter objektiver Tauschwert, Preis, zu bilden vermag. Daß ein solcher "schwammiger Massendurchschnittsbegriff wie der "gesellschaftliche Gebrauchswert" die richtige Erkenntnis der Tauschvorgänge und der Preisbildung verdunkelt, das ficht freilich heute die große Mehrzahl der Nationalökonomen, die nur Wirtschaftspolitiker sind und sich um die Weiterbildung der Theorie nicht kümmern, wenig an.

Das Gesagte gilt auch vom Begriff der  "gesellschaftlichen Kosten",  wie ihn HERKNER wenigstens näher zu begründen versucht, und der  "volkswirtschaftlichen Kosten",  wie ihn ESSLEN ganz ohne Definition verwendet. Auch er ist eine Fiktion, von der falschen Anschauung ausgehend, daß die Volkswirtschaft eine Organisation ist, die mit möglichst geringen Kosten einen möglichst großen Ertrag erzielen soll, auch er führt auf durchschnittliche, allgemeine, einem bestimmten Kulturzustand entsprechende Anschauung über Arbeitsmühe und dgl. zurück, auf Werturteile, die ihren Maßstab ganz außerhalb wirtschaftlicher Vorstellungen finden. Ich möchte daher auch HERKNER nicht beistimmen, der diesen Begriff der gesellschaftlichen Kosten als "ein zartes, leicht zerbrechliches Prunkstück unserer Wissenschaft bezeichnet, das nur selten, bei ganz besonders feierlichen Veranstaltungen behutsam aus dem Glasschrein hervorgeholt wird" (Seite 550), sondern vielmehr als einen Begriff, der dem Inventar unserer Wissenschaft keineswegs zur Zierde gereicht, vielmehr ihm einverleibt wurde aus Verlegenheit, weil man glaubte, damit gewisse Erscheinungen unseres Wirtschaftslebens erklären zu können. Es sollte mich freuen, wenn diese Erörterungen den Anstoß geben würden, ihn und ähnliche Begriffe zu "zerbrechen". HERKNER meint ja selbst, "es würde sich damit in unserer Wissenschaft nicht sehr viel ändern", "manche würden den Verlust gar nicht bemerken". Ich glaube sogar, daß sich manches in der ökonomischen Theorie eher bessern würde, wenn man "diese schwammigen Begriffe der Produktivität und gesellschaftlichen Kosten aus dem Tempel hinauswerfen" würde.

In der Hinsicht allerdings möchte ich HERKNER entschieden widersprechen, daß diese Begriffe deswegen hinausgeworfen gehören, weil sie exakten Messungen unzugänglich sind. Er meint:
    "Ich bitte ganz konsequent zu sein; ich bitte, alles andere auch hinauszuwerfen, was ebensowenig den exakten Messungen zugänglich ist, wie die oben genannten Begriffe. Ich fürchte, es würde dann sogar der privatwirtschaftliche Kostenbegriff anzugreifen sein" usw.
Das ist eine durchaus falsche Vorstellung von den Erfordernissen für die Theorie brauchbarer Begriffe. Der Begriff der volkswirtschaftlichen Kosten ist nicht deswegen für die Theorie zu verwerfen, weil er nicht exakt meßbar ist, sondern weil er eine Vorstellung, die nur für die Einzelwirtschaft gilt, unzulässigerweise auf die Volkswirtschaft überträgt. Der Ausdruck  Volkswirtschaft  ist, zumindest für die Theorie - in der Wirtschaftspolitik ist es in gewisser Hinsicht anders - nur eine kurze, aber leicht irreführende Bezeichnung für die Verkehrsbeziehungen zischen zahlreichen Einzelwirtschaften. In dieser aber bedeutet der Begriff  Kosten  einen ganz bestimmten Tatsachenkomplex, dessen einzelne Teile man zwar auch nicht immer genau ziffernmäßig in Geld abschätzen kann, weshalb der Begriff aber doch nicht aufhört, ein klarer, theoretisch brauchbarer zu sein. Denn während es beim Problem der volkswirtschaftlichen Produktivität darauf ankommt, die volkswirtschaftlichen Kosten zu  messen operiert die ökonomische Theorie nur mit diesem Begriff als einem den Ertrag und die Preisbildung beeinflussenden Faktor. Es ist ihr aber gleichgültig, wie hoch die Kosten sind, und wie und ob sie gemessen werden können.


c) Quantitative Produktivität und
sogenannter "Volkswohlstand".

Aus dem Gesagten ergibt sich, daß der Begriff der  volkswirtschaftlichen Produktivität,  wie ihn von PHILIPPOVICH und andere im Anschluß an die seit der Zeit des Merkantilismus und der klassischen Nationalökonomie verbreiteten Vorstellungen entwickeln wollen, auf unklaren Grundbegriffen beruth und wirtschaftstheoretisch unbrauchbar ist. Wie sollte auch die  Theorie  etwas darüber aussagen können, ob der Reichtum eines Volkes gestiegen oder gefallen ist. Die ganze Frage der Produktivität in dem Sinne, den man bisher immer damit verband, ist keine Frage der Wirtschaftstheorie, sondern eine solche der  Wirtschaftsbeschreibung, - politik  oder  statistik  eines bestimmten Landes. Es handelt sich darum, Veränderungen in den allgemeinen Vermögensverhältnissen, eine Verbesserung der Bedarfsbefriedigung irgendwie zu messen und festzustellen. Für solche Zwecke kann der Ausdruck Steigerung des Volkswohlstandes oder Zunahme der Produktivität einer Volkswirtschaft wohl beibehalten werden. Nur hätte man sich im  "Verein für Sozialpolitik"  darüber klar werden müssen, daß solche Erörterungen und Feststellungen mit Wirtschafts theorie  nichts zu tun haben.

Und weiter hätte man sich darüber klar werden müssen, daß für solche praktische Feststellungen nicht irgendein Begriff der "volkswirtschaftlichen Produktivität", sondern wenn überhaupt etwas, höchstens der der  quantitativen Produktivität  von Nutzen sein kann. von PHILIPPOVICH selbst hat ja auf das zutreffendste ausgeführt, daß für die Verbesserung der Bedarfsbefriedigung die Einkommen in Geld oder die Geldsummen, die für bestimmte Waren ausgegeben werden, nicht in Betracht kommen. Daß heute pro Kopf der Bevölkerung für gewisse Lebensmittel 200 Mark ausgegeben werden gegenüber 100 Mark vor 50 Jahren, beweist nicht eine Verbesserung der Lebenshaltung, wohl aber wenn ein doppelt so großes  Quantum  gekauft wird. Docht ist auch hier wieder darauf aufmerksam zu machen, daß die wirtschaftliche Tätigkeit nicht bloß auf die Erlangung materieller Güter gerichtet ist, daß aber die Zunahme der Bedarfsbefriedigungen zahllosen immateriellen Gütern, wozu auch hier die verschiedenen nicht meßbaren  Leistungen  aller Art gerechnet werden mögen, sich in keiner Weise feststellen läßt. Man denke allein an die enormen Summen, die heutzutage für Personen- und Nachrichtenbeförderung ausgegeben werden, und die immateriellen Werte, die ein Volk dadurch gewinnt. Gerade eine Erhöhung der gesamten Bedarfsbefriedigung, des "Volksreichtums" ist daher in keiner Weise irgendwie zu messen, und der Nutzen derartiger Feststellungen ist selbst für die Wirtschaftsbeschreibung, - politik und -statistik sehr gering.

Es soll dabei aber nicht verkannt werden, daß trotzdem die Frage der technischen Produktivität natürlich für den Nationalökonomen oft von Interesse sein wird. Aber sie ist  kein Gegenstand der Wirtschaftstheorie Ein Beispiel wird die Stellung der technischen Produktivität zu den wirtschaftlichen Problemen klar machen. Durch eine neue Produktionsmethode verbilligt sich der Preis einer Ware so, daß jetzt 2 Millionen Stück zu je 1 Mark abgesetzt werden, während früher 1 Millionen à 2 Mark verkauft wurden. Nehmen wir der Einfachheit halber an, daß jeder Konsument ein Stück kauft, so sparen also die 1 Million Menschen, die früher schon kauften, jeder 1 Mark, zusammen 1 Million Mark von ihrem Einkommen, während die 1 Million Menschen, die jetzt als Käufer hinzutreten, dafür im Gesamtbetrag von 1 Million Mark auf den Ankauf anderer Produkte verzichten. Nehmen wir nun weiter an, daß die Waren im Wert von 1 Million, auf die die letztgenannten Käufer verzichten, gerade von jenen gekauft werden, die zusammen 1 Million Mark an unserem Artikel gespart haben - diese Annahme wird freilich im Wirtschaftsleben nicht zutreffen, derartige Produktions-, Preis- und Bedarfsveränderungen werden vielmehr meist partielle Krisen im Gefolge haben -, so hat sich in den wirtschaftlichen Verhältnissen nichts geändert. Nur 1 Million Exemplare unseres Artikels werden mehr konsumiert. Ist die Produktivität, der Volkswohlstand gestiegen? Jedermann wird unbedingt antworten: Ja. - Die 1 Million Exemplare wurden aber früher von 100 kleinen Produzenten mit je 1 Arbeiter hergestellt. Die Gesamtkosten betrugen 1½ Millionen Mark, der Gewinn zusammen also ½ Million Mark. Jetzt stellt  eine  Fabrik mit 50 Arbeitern die ganze Produktion von 2 Millionen Stück her, die Kosten betragen vielleicht 1,6 Millionen Mark, der Gewinn also 400 000 Mark. Kann man immer noch sagen, daß der Volkswohlstand gestiegen ist? Trotzdem 150 Produzenten brotlos geworden sind - denn wir wollen wieder annehmen, daß die 50 Angestellten der Fabrik aus jenen früheren Produzenten genommen wurden, was in Wirklichkeit nicht ganz zutreffen wird - und trotzdem sich der gesamte Reingewinn um 100 000 Mark vermindert hat, kann man von diesem Standpunkt vielleicht immer noch sagen, daß die Produktivität und vielleicht auch daß der Volksreichtum gestiegen ist. Denn die Tatsache, daß 1 Million Menschen mehr einen Gegenstand konsumieren können als früher, ist von solcher Bedeutung, daß daraüber der Umstand, daß 150 Produzenten arbeitslos werden, vielleicht (?) nicht ins Gewicht fällt.  Aber: wo ist die Grenze?  Man sieht, wie hier schon Werturteile anfangen hineinzuspielen. Und zwei Resultate ergeben sich, wie mir scheint, aus diesem Beispiel mit voller Deutlichkeit:
    erstens:  der einzige Standpunkt, den wir einnehmen können, wenn wir hier überhaupt von Produktivität und Volkswohlstand sprechen wollen, ist der quantitative. 

    Und zweitens:  mit Wirtschaftstheorie und überhaupt mit wirtschaftlichen Erwägungen hat diese ganze Fragestellung nichts zu tun. 
Man  kann  hier, wenn man will, von einem gestiegenen Volksreichtum sprechen, aber einen  wirtschaftlichen  Maßstab dafür gibt es nicht. -

Einen wirtschaftlichen Maßstab für das Steigen oder Sinken des Volksreichtums gibt es überhaupt nur in einem Fall, nämlich dem, wenn man die inländische Volkswirtschaft als eine Einheit betrachten und  in einen Gegensatz zu ausländischen  stellen kann. Dies ist der Fall in dem Beispiel, das ich in der Debatte des Vereins für Sozialpolitik erwähnte, unzweckmäßigerweise, weil bei der kurz zusammengedrängten Darstellung, das Verständnis für meine Grundgedanken durch die Heranziehung dieses besonderen Falls unnötig erschwert wurde. Ich knüpfte dort an den auch schon von PHILIPPOVICH erwähnten Fall der Vernichtung von Reismengen im Hafen von Marseille an, die schon FOURIER von einem Produktivitätsstandpunkt aus verurteilt hatte. Ich sagte dort: wenn man auch bei  diesem  Beispiel  nicht  angeben kann, ob der Konsum der ganzen importierten Menge oder die Vernichtung eines Teils derselben volkswirtschaftlich produktiver ist, so gäbe es doch, im Gegensatz zur herrschenden Ansicht, die die Produktivität immer nur nach der Menge des Konsums bemißt, Beispiele, in denen allein die Vernichtung zu viel erzeugter Produkte wohlstandsfördernd ist. Ein solches sei die bekannte Vernichtung eines Teils der griechischen Korinthenernte, die vor einigen Jahrzehnten vorgenommen wurde, um einen starken Preisfall der Korinthen zu verhindern. Neuerdings haben wir ein ähnliches Beispiel beim Kaffee in Brasilien. Da praktisch die ganzen Korinthenernte Griechenlands  exportiert  wird, war in diesem Fall für die griechische Volkswirtschaft allein der Gewinn aus dem Export entscheidend und der Export nur  jener  Mengen war deshalb hier wohlstandsfördernd, bei welcher der Gesamterlös am höchsten war. Wenn nun eine überreiche Ernte den Preis der einzelnen Quantität so herabdrückte, daß der Gesamterlös niedriger war als beim Verkauf einer geringeren Menge, so war zweifellos die Vernichtung oder das Nichternten eines Teils der Korinthen allein wohlstandsfördernd (18).

Derartige Fälle sind die einzigsten, daß man einen Maßstab dafür hat, ob eine Vermehrung oder Verminderung der Produkte volkswirtschaftlich wohlstandsfördernd ist oder nicht (19). Sonst aber gibt es, wie ich gezeigt zu haben glaube,  kein Merkmal für die volkswirtschaftliche Wohlstandsförderung.  Dieser Begriff, so aufgefaßt wie es bisher geschah, ist im wirtschaftlichen Sinne eine Utopie;  Zu- oder Abnahme des Volkswohlstandes an einem wirtschaftlichen Maßstab zu messen ist eine Unmöglichkeit. 
LITERATUR Robert Liefmann, Grundlagen einer ökonomischen Produktivitätstheorie, Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik, III. Folge, Bd. 43, Jena 1912
    Anmerkungen
    1) Siehe Schriften des Vereins für Sozialpolitik, Bd. 132, Seite 329f.
    2) WILHELM ROSCHER, Grundlagen der Nationalökonomie, 17. Auflage, Seite 108f.
    3) Deutsche Ausgabe von LÖWENTHAL, 2. Auflage, Berlin 1882, Bd. 1, Seite 340.
    4) Zitiert bei ROSCHER, a. a. O., Seite 113f.
    5) von HERMANN, Staatswirtschaftliche Untersuchungen, erste Auflage, 1832, Seite 20f.
    6) Die meisten neueren nationalökonomischen Lehrbücher pflegen übrigens das ganze Problem der Produktivität mit Stillschweigen zu übergehen.
    7) Vgl. zur Kritik der Unterscheidung von Statik und Dynamik in der Volkswirtschaft vor allem ALFRED MARSHALL in der Vorrede zu seinen "Principles of political economy", 5. Auflage 1907, Seite VIIIf. - Eine ausgezeichnete Kritik jener Grundanschauung, der ich mich voll anschließe, lieferte auch OTHMAR SPANN, Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik, 1910, in seiner Besprechung von SCHUMPETERs Buch. Vor allem aber siehe zur Kritik der materialistisch-quantitativen Theorien jetzt meinen oben erwähnten Aufsatz über die Entstehung des Preises. Es handelt sich hier um fundamentale Irrtümer aller bisherigen Lehren.
    8) Ebenso z. B. PESCH, Lehrbuch der Nationalökonomie, Bd. 1, Seite 402, der alle nicht materiellen Güter aus der Betrachtung ausschließt und die Volkswirtschaftslehre als die "Lehre vom materiellen Gemeinwohl" bezeichnet. (siehe darüber auch weiter unten)
    9) zitiert bei ROSCHER, a. a. O.
    10) ROSCHER, a. a. O., Seite 118, der aber selbst nicht betont, daß und warum der Tauschwert der Güter für die volkswirtschaftliche Produktivität nicht maßgebend ist. ROSCHER stellt übrigens Privat- und Weltökonomie einander gegenüber. "Schlechthin produktiv sollte man nur solche Geschäfte nennen, die das Weltvermögen steigern."
    11) Vgl. auch die folgenden zitierten Ausführungen von OTHMAR SPANN.
    12) Referat in den Verhandlungen des Vereins für Sozialpolitik, Seite 473. Richtig dagegen von PHILIPPOVICH, Mündliches Referat, Seite 359.
    13) Damit wird das Bedenken zerstreut, dem OTHMAR SPANN in der Debatte (a. a. O., Seite 591) Ausdruck gegeben hat, daß der von PHILIPPOVICH entwickelte Begriff der technischen Produktivität (den er allerdings, wie gleich hervorgehoben werden wird, mit dem privatwirtschaftlichen konfundiert, siehe nächste Anmerkung) kein rein technischer ist, weil der Begriff der  Kosten  dabei eine Rolle spielt. Aus dem Gesagten ergibt sich, warum hier nichtsdestoweniger doch ein rein technischer Produktivitätsvergleich vorliegt.
    14) von PHILIPPOVICH allerdings (a. a. O., Seite 339) verwechselt, wie schon gesagt, wieder technische und privatwirtschaftliche Produktivität, indem er sonderbarerweise gerade die technische Produktivität als privatwirtschaftliche bezeichnet. Es dürfte nach dem Gesagten hier klar sein, daß beides keineswegs zusammenfällt. Viele Beispiele werden dafür angeführt, daß eine weniger ausgiebige Ernte privatwirtschaftlich produktiver, rentabler sein kann als eine reiche Ernte (technische Produktivität), die geringere Produktion einer Fabrik, bei welcher also die technische Produktivität geringer ist, doch rentabler sein kann wegen der höheren Preise, die erzielt werden. Man sieht aber daraus wieder, wie große Unklarheiten über alle dieses Gebiet berührenden Fragen noch vorhanden sind.
    15) Die weiteren Ausführungen HERKNERs über "Arbeitsfreude" fallen außerhalb des Rahmens dieser Erörterungen. Für die Behandlung des zur Diskussion stehenden Themas war es ein Fehler, daß er gar nicht erörterte, ob nicht die Arbeit auch dann, wenn sie Freude macht, als Kostenmoment zu betrachten ist.
    16) Womit natürlich nicht gesagt ist, daß in ihr das wirtschaftliche Prinzip gar nicht zum Ausdruck kommt.
    17) Besonders beliebt sind auch Zusammensetzungen mit Sozial-, ich erinnere nur an das furchtbare  "Sozialkapital",  ein Begriff, der die größten Verheerungen angerichtet hat. Man tut gut, ökonomischen Theorien, in denen solche Worte vorkommen, mit dem allergrößten Mißtrauen gegenüberzutreten. Die Unklarheiten und Irrtümer, die ihre Anwendung mit sich gebracht hat, sind nicht zu beschreiben.
    18) Allerneuestens ist in Griechenland wieder derselbe Fall praktisch geworden. Infolge einer übermäßig großen Korinthenproduktion im Jahr 1909 erhielt die französische Gesellschaft, der das Monopol des Korinthenexports übertragen ist, vom Staat das Recht, einen Teil der vorhandenen Korinthenfelder zu vernichten und die Landwirte zu zwingen, zu anderen Bebauungsarten überzugehen.
    19) Das können, wie es scheint, manche Nationalökonomen immer noch nicht einsehen und meinen, daß zu den billigen Preisen, die durch das Überangebot in Griechenland selbst herbeigeführt würden, sicher noch manche Griechen gern Korinthen gegessen hätten. Wenn aber, wie die Theorie natürlich anzunehmen hat, die Griechen ihren Vorteil genau kennen und ihr Einkommen zur Befriedigung der Bedürfnisse verwenden, die mit dem größten Ertrag befriedigt werden können, so ist es ganz ausgeschlossen, daß das Mehr an Bedarfsbefriedigung, das die Käufer dieser billigen Korinthen vielleicht mit dem Ankauf erzielen, die geringere Kaufkraft sowohl der Korinthenproduzenten als auch vor allem derjenigen Produzenten auszugleichen vermag, auf deren Produkte jene zugunsten von Korinthen verzichteten. Irgendeine dieser Gruppen von Wirtschaftspersonen muß, wie wir es später ausdrücken werden, einen Ertrag unter dem volkswirtschaftlichen Grenzertrag erzielen.