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ROBERT LIEFMANN
Hermann Heinrich Gossen
und seine Lehre


"Eine allgemeine Regel für die Veränderung des Wertes einer Sache wird schwerlich aufgestellt werden können, weil hier alles von einer Masse von Bedingungen abhängt, die auch nicht für 2 Fälle als identisch betrachtet werden dürften. Indessen hat die Staatswirtschaftslehre kein Bedürfnis einer solchen Regel, da dieser es genügt, den Wert einer jeden Sache als etwas betrachten zu können, was überall einer Vermehrung und Verminderung zugänglich ist, und zu wissen, daß diese Veränderungen von nichts anderem abhängen als eben von der Stärke des Begehrens."

"Beim wirtschaftlichen Handeln kommt es nicht auf den Wert (Nutzen), sondern auf den  Ertrag  an.  Wert  ist nicht Reinertrag, sondern nur sozusagen  Bruttoertrag,  der Grad der erwarteten Bedarfsbefriedigung. Das Wirtschaftssubjekt strebt aber nicht nach größtem Bruttoertrag, bzw. absolutem Genuß, sondern nach  größtem Überschuß an Genuß  über die mit der Erlangung desselben verbundenen  Unlustgefühle  und  Kosten." 

Jeder Nationalökonom kennt heute den Namen HERMANN HEINRICH GOSSEN. In jeder Vorlesung über theoretische Nationalökonomie wird er genannt, und man verfehlt auch nicht, auf die seltsamen Schicksale seines Buches hinzuweisen. Sein Verfasser gilt als einer der ersten Vertreter der  subjektiven Wertlehre  in der ökonomischen Wissenschaft und als der eigentliche Urheber der Grenznutzenlehre. Grundlegenden ökonomischen Lehrsätzen hat man seinen Namen gegeben. Und doch, wenn man fragt, wieviele etwas über sein Leben und seine Persönlichkeit wissen, begegnet man allgemeiner Unkenntnis. - Es ist seltsam: Engländer waren es, die, nachdem das Buch GOSSENs 25 Jahr lang verschollen war, es wieder entdeckten, in England und Frankreich fand diese Entdeckung großes Interesse; ein Franzose war es, der sich mehrere Jahre lang bemühte, über das Leben und die Persönlichkeit des Verfassers Näheres zu erfahren. Aber was JEVONS 1879 über die Entdeckung des Buches berichtete und was WALRAS schließlich 1885 im  Journal des Economistes  über GOSSEN veröffentlichte, fand in Deutschland gar kein Interesse. Keine deutsche Zeitschrift hat meines Wissens jemals darüber berichtet. Und bezeichnend genug: während im "Handwörterbuch der Staatswissenschaften" und im "Wörterbuch der Volkswirtschaft" die ältesten und unbekanntesten Nationalökonomen eigene Artikel erhalten haben, sucht man in den bisherigen Auflagen den Namen GOSSEN vergeblich (1). Trotz der ihm allgemein zugesprochenen Bedeutung ist er noch nicht offiziell in die Reihe der wichtigeren nationalökonomischen Theoretiker aufgenommen worden, zu denen er zweifellos gehört.

Es ist bei all dem eine gewisse Schuld vorhanden, die die deutsche ökonomische Wissenschaft, nachdem jetzt bald 60 Jahre seit dem Erscheinen des GOSSENschen Werkes und mehr als 50 seit seinem Tod vergangen sind, diesem Mann gegenüber abzutragen hat, und die hundertste Wiederkehr seines Geburtstages mag der Anlaß sein, sich kurz mit seinem Leben und seinem Werk zu beschäftigen (2).

HERMANN HEINRICH GOSSEN wurde am 7. September 1810 als Sohn eines Steuereinnehmners in dem damals unter französischer Herrschaft stehenden Städtchen  Düren  geboren (3). Obwohl er schon frühzeitig eine besondere Begabung für die Mathematik zeigte, wendete er sich auf Wunsch des Vaters dem juristischen Studium zu, um Verwaltungsbeamter zu werden. Er hörte in Berlin bei HOFFMANN, in Bonn bei KAUFMANN auch nationalökonomische Vorlesungen, ohne jedoch dadurch eine Anregung zu bekommen. 1834 wurde er Regierungsreferendar in Köln. Da er aber gar kein Interesse für die praktische Tätigkeit des Verwaltungsbeamten hatte, wollte er noch 2 Jahre auf die Universität gehen, vermutlich um eine akademische Laufbahn zu ergreifen. Sein Vater jedoch verweigerte ihm dazu die Erlaubnis. Erst 1844 machte GOSSEN das zweite juristische Staatsexamen und wurde als Regierungsassessor zuerst in Magdeburg, dann in Erfurt verwendet. Sobald sein Vater aber gestorben war, verließ er Ende 1847 den Dienst und lebte zunächst als Privatmann in Berlin. Ganz von liberalen Ideen erfüllt, nahm er hier an der Revolution von 1848 einen gewissen Anteil, siedelte jedoch 1849 nach Köln über, um hier zusammen mit einem Belgier eine allgemeine Versicherungsgesellschaft, die die Feuer-, Hagel- und Viehversicherung betreiben sollte, ins Leben zu rufen, einen Plan, den er schon in Berlin gefaßt hatte. Als diese Unternehmung jedoch keinen Erfolg hatte, zog sich GOSSEN 1850 davon zurück. In den folgenden Jahren lebte er zurückgezogen in Köln zusammen mit seiner Mutter und zwei Schwestern, beschäftigt mit der Ausarbeitung seines Werkes. Dasselbe erschien im Kommissionsverlag bei VIEWEG & Sohn in Braunschweig im Sommer 1854 mit dem Titel: "Entwicklung der Gesetze des menschlichen Verkehrs, und der daraus fließenden Regeln für menschliches Handeln". Die Vorrede, in der GOSSEN die Schrift als das Resultat 20-jährigen Nachdenkens bezeichnet, ist aber vom Januar 1853 datiert (4). 1853 überstand GOSSEN einen Typhus, als dessen Folge sich aber bald Symptome von Lungenschwindsucht zeigten, die rasche Fortschritte machten. In den folgenden Jahren beschäftigte er sich noch eifrig mit einer Theorie der Musik, ohne diese Studien zu Ende führen zu können. Er erlag seiner Krankheit am 13. Februar 1859, 49 Jahre alt.

Bekannter als die Lebensgeschichte des Autors sind die seltsamen Schicksale seines Werkes, dessen völliges Verschwinden und seine Wiederentdeckung durch englische Nationalökonomen. GOSSEN hatte von seiner Leistung die größte Meinung. "Was einem KOPERNIKUS zur Erklärung des Zusammenseins der Welten im Raum zu leisten gelang, das - so sagt er in der der Vorrede - glaube ich für die Erklärung des Zusammenseins der Menschen auf der Erdoberfläche zu leisten. Ich glaube, daß es mir gelungen ist, die Kraft, und in großen Umrissen das Gesetz ihrer Wirksamkeit zu entdecken, welche das Zusammensein der Menschen möglich macht, und die Fortbildung des Menschengeschlechts unaufhaltsam bewirkt. Und wie die Entdeckungen jenes Mannes es möglich machten, die Bahnen der Weltkörper auf unbeschränkte Zeit zu bestimmen, so glaube ich mich in den Stand gesetzt, dem Menschen mit untrüglicher Sicherheit die Bahn zu bezeichnen, die er zu wandeln hat, um seinen Lebenszweck in vollkommenster Weise zu erreichen." Zur großen Enttäuschung des Verfassers fand aber sein Werk gar keine Beachtung. In keiner der damaligen ökonomischen Zeitschriften ist es besprochen. Der Verfasser zog am 1. Januar 1858 die noch beim Verleger befindlichen Exemplare aus dem Buchhandel zurück (5). Immerhin ist es erwähnt in der 1858 erschienenen "Theorie und Geschichte der Nationalökonomik" von KAUTZ, als enthaltend eine Theorie des Genusses und der Beschwerde, sowie in der zweiten Auflage (nicht in der 1865 erschienenen ersten) von FRIEDRICH ALBERT LANGEs "Die Arbeiterfrage", Winterthur 1870, Seite 125 (6).

Anfang der 70-er Jahre erschienen nun ziemlich gleichzeitig 3 Werke, die die Wert- und Tauschvorgänge schärfer als bisher zu erfassen suchten: CARL MENGERs "Grundsätze der Volkswirtschaftslehre", Wien 1871 und LÉON WALRAS' "Eléments d'économie politique pure", Lausanne 1874. Zwischen den beiden letztgenannten Verfassern, die unabhängig voneinander die mathematische Erfassung des Maximus der Bedarfsbefriedigung versucht hatten, erhob sich bald eine Polemik über die Priorität dieses Gedankes. Aufgrund des Umstandes, daß JEVONS' Werk 3 Jahre früher erschienen war, mußte WALRAS sie jenem zugestehen. Aber 4 Jahre später schrieb JEVONS an WALRAS, daß er seinerseits die Priorität einem neu entdeckten Werk überlassen muß, das schon 1854 in Braunschweig erschienen, aber ganz unbekannt geblieben ist. Professor ADAMSON, der Nachfolger JEVONS' am  Owens College  in Manchester, hatte es schon vor mehreren Jahren in der Geschichte der Nationalökonomie von KAUTZ erwähnt gefunden, aber erst 1878 war es ihm gelungen, sich ein Exemplar zu verschaffen, das er zufällig in einem deutschen Antiquariatskatalog angeboten gesehen hatte. In der zweiten, 1879 erschienen Auflage seines Werkes weist JEVONS in der Vorrede ausdrücklich auf GOSSEN als seinen Vorgänger hin und bedauert, daß seine Leistung so ganz unberücksichtigt geblieben ist.

Daraufhin begann WALRAS seine Nachforschungen nach dem Verfasser und veröffentlichte seine Ergebnisse 1885 in einem Artikel "Un économiste inconnu" im  Journal des Economistes.  Auch er spricht mit größter Bewunderung von der wissenschaftlichen Leistung GOSSENs, den er als einen der bedeutendsten Nationalökonomen bezeichnet, die gelebt haben. Er meint auch, daß es niemals ein ähnlich krasses (criant) Beispiel wissenschaftlicher Ungerechtigkeit gegeben hat, wie das völlige Übersehen des GOSSENschen Werkes. -

In der Tat ist der Scharfsinn, mit dem GOSSEN zu Werke geht, und die Klarheit seines Denkens bewundernswert. Es ist natürlich, daß er in seinen Anschauungen auch Vorläufer gehabt hat. Aber er scheint sie, teilweise wenigstens, nicht gekannt zu haben. Sowohl in Bezug auf die Anwendung mathematischer Formeln zur Erfassung der Bewertungsvorgänge, worauf JEVONS und WALRAS besonderes Gewicht legen, als auch in Bezug auf seinen rein subjektiven Wertstandpunkt ist er nicht ohne Vorgänger gewesen. In ersterer Hinsicht sind die französischen Mathematiker COURNOT und DUPUIT zu nennen, in Bezug auf die subjektive Wertlehre ist vor allem auf SODEN, LOTZ und THOMAS hinzuweisen (7). Aber, wenn auch diese zweifellos als Vertreter einer subjektiven Wertlehre zu bezeichnen sind, so gelangt doch GOSSEN in seinen Resultaten weit über sie hinaus. Noch THOMAS kommt nicht weiter , als zu sagen (8): "Es muß der Wert eines jeden Gegenstandes als kontinuierlich zwischen den Grenzen Null und Unendlich angesehen werden. Eine allgemeine Regel für die Veränderung des Wertes einer Sache wird schwerlich aufgestellt werden können, weil hier alles von einer Masse von Bedingungen abhängt, die auch nicht für 2 Fälle als identisch betrachtet werden dürften. Indessen hat die Staatswirtschaftslehre kein Bedürfnis einer solchen Regel, da dieser es genügt, den Wert einer jeden Sache als etwas betrachten zu können, was überall einer Vermehrung und Verminderung zugänglich ist, und zu wissen, daß diese Veränderungen von nichts anderem abhängen als eben von der Stärke des Begehrens." GOSSEN gelang es demgegenüber doch, einen allgemeinen Satz über die Verminderung der "Stärke des Begehrens" aufzustellen und, was noch wichtiger ist, eine allgemeine daraus fließende Regel für die menschlichen Handlungen zu formulieren (siehe unten).

GOSSEN gelangt dazu, indem er, gerade im Gegensatz zu THOMAS, der von einer psychologischen Betrachtung nichts wissen will und sich in scholastischen Begriffsabgrenzungen in Anlehnung an die HERBARTsche Schule verliert, eine  individuell psychologische Untersuchung  der Wertvorstellungen als seine Hauptaufgabe ansieht. Er will die Nationalökonomie zu einer  "Genußlehre"  erweitern (siehe unten), weil eine  Psychologie des Genusses  geben und ist in der Tat mit der Verwendung einer psychologischen Betrachtung zu sehr wichtigen Ergebnissen für die nationalökonomische Theorie gelangt. Er geht aus von dem Satz:  "Der Mensch wünscht sein Leben zu genießen und setzt seinen Lebenszweck darin, seinen Lebensgenuß auf die möglichste Höhe zu steigern"  (Seite 1). Dabei dürfe man aber nicht nur an  augenblickliche  Genüsse, sondern muß an einen möglichst großen Genuß  des ganzen Lebens  denken.  "Es muß das Genießen so eingerichtet werden, daß die Summe des Genusses des ganzen Lebens ein Größtes werde"  (Seite 1). Bei der Betrachtung, wie das Genießen vor sich geht, kommt GOSSEN bald zu dem wichtigen Satz: "Die Größe ein und desselben Genusses nimmt, wenn wir mit der Bereitung des Genusses ununterbrochen fortfahren, fortwährend ab, bis zuletzt Sättigung eintritt" (Seite 4). Dieses Gesetz, das später von FECHNER als  Gesetz des abnehmenden Reizes  auf das ganze physiologische Gebiet ausgedehnt wurde, ist in der Tat, wenn auch manche Ansätze, z. B. bei BERNOULLI, vorhanden waren, von GOSSEN zuerst klar ausgesprochen, und von WIESER hat es ihm zu Ehren als das  Gossensche Gesetz  bezeichnet (9).

Aus diesem Gesetz leitet GOSSEN für alles menschliche Handeln den Satz ab, der meines Erachtens der wichtigste der ganzen nationalökonomischen Theorie, und den klar aufgestellt zu haben, GOSSENs größtes Verdienst ist:  "Der Mensch, dem die Wahl zwischen mehreren Genüssen freisteht, dessen Zeit aber nicht ausreicht, sich alle vollauf zu bereiten, muß, wie verschieden auch die absolute Größe der einzelnen Genüsse sein mag, um die Summe seines Genusses zum Größten zu bringen, bevor er sich auch nur den größten vollauf bereitet, sie alle teilweise bereiten, und zwar in einem solchen Verhältnis, daß die Größe eines jeden Genusses in dem Augenblick, in welchem seine Bereitung abgebrochen wird, bei allen noch die gleiche bleibt".  (Seite 12) Man macht sich dies am besten an einem Beispiel klar, indem man verschiedene Genüsse oder Bedürfnisse (A - C) und mehrere Wiederholungen derselben annimmt.

A B C
5    
4    
3 3  
------------------------
2 2 2
1 1 1

Zunächst nimmt, nach dem ersten Satz, die Größe eines jeden der 3 Genüsse bei der Wiederholung ab. Hat nun der Mensch nur Zeit, sich 4 Genußeinheiten zu bereiten, so muß er die Bereitung des stärksten,  A,  beim dritten Mal abbrechen, weil anstelle einer weiteren Bereitung desselben Genusses ein anderer,  B,  an Stärke überwiegt. Ähnliche Gedanken hatte zwar schon BENTHAM ausgesprochen (10), aber erst GOSSEN hat diesen Satz scharf formuliert und auf die ökonomische Theorie angewendet. Man kann ihn daher mit LEXIS (11) das  zweite Gossensche Gesetz  nennen.

Im folgenden führt GOSSEN dann den  Wertbegriff  ein:  "Den Zustand der Außenwelt, der sie befähigt, uns zur Erreichung unseres Lebenszwecks behilflich zu sein, bezeichnen wir mit dem Ausdruck: die Außenwelt hat für uns "Wert".  (Seite 24). Er findet nun, daß von diesem Standpunkt aus die Gegenstände der Außenwelt in 3 Klassen geteilt werden können: die  Genußmittel,  bei denen es zur Bereitung des Genusses nur noch nötig ist, sie mit unseren Organen in die geeignete Verbindung zu setzen, die  Gegenstände der zweiten Klasse,  die etwa identisch sind mit den komplementären Gütern MENGERs: das Feuerungsmaterial zum Ofen, das Pferd zum Wagen, Tabak und Feuer zur Pfeife, und schließlich die  Gegenstände der dritten Klasse,  die nur zur Erzeugung von Genußmitteln und ihrer Teile behilflich sind, niemals aber selbst Genußmittel oder Teile von solchen werden, also alles, was an Materialien verbraucht wird, die später in den Genußmitteln nicht mehr vorgefunden werden, wie Werkzeuge und Maschinen. "Bei diesen Gegenständen ist die Schätzung nur eine mittelbare, ihnen kann nur insoweit Wert zugeschrieben wrden, als sie zur Hervorbringung eines Genußmittels behilflich sind." "Nur die Summe des Wertes ist bestimmbar, welche alle vereinigt zur Hervorbringung eines Genußmittels dienenden Gegenstände in ihrer Vereinigung besitzen" (Seite 27).

GOSSEN betont nun auf das schärfste, "daß die einzelnen Atome ein und desselben Genußmittels einen höchst verschiedenen Wert haben und daß überhaupt für jeden Menschen nur eine bestimmte Anzahl dieser Atome, d. h. eine bestimmte Masse Wert hat" (Seite 31). "Von allem,welches überhaupt Wert erlangen kann, hat nur ein bestimmtes mehr oder weniger großes Maß Wert, eine Vermehrung dieses Maßes über diesen Punkt hinaus bleibt wertlos. Dieser Wertlosigkeit nähert sich die Sache immer mehr mit der Vergrößerung des Maßes,  so daß mithin das Erste, was von einer Sache Wert erhält, den höchsten Wert hat, jedes neu hinzukommende von gleicher Größe einen minderen Wert, bis zuletzt Wertlosigkeit eintritt  (Seite 33).

Hier ist der Punkt, wo sich die  österreichische  Form der Grenznutzentheorie von der GOSSENschen Grenznutzenlehre, wie auch von der JEVONS' und WALRAS' trennt. Denn nach jener bemißt sich der Wert jeder einzelnen Quantität nach dem Wert der letzten Teilquantität. Zur Begründung pflegt man besonders darauf hinzuweisen, daß von beliebig vorhandenen Gütern (fließendes Wasser) die ganze Quantität für uns keinen Wert hat. Diese Lehre ist aber ein Abgehen von der rein subjektiven Auffassung des Wertes und beruht, wie ich schon in meiner Schrift "Ertrag und Einkommen" angedeutet habe und später ausführlicher darzulegen gedenke, darauf, daß man die Verwendung der Güter beim Genuß als  Opfer  (ökonomisch ausgedrückt als  Kosten)  auffaßt. Faßt man dagegen, wie GOSSEN es tut, rein psychologisch den  Grad  des Genusses ins Auge, so ist klar, daß auch von einer Quelle der erste Becher Wasser uns den größten Genuß gewährt, jeder folgende einen geringeren. Diese Erkenntnis ist unbedingt notwendig für das richtige Verständnis der Wertschätzung auch beim wirtschaftlichen Handeln, denn ohne sie kommt man nicht dazu, die Bedeutung des  Ertrages  als des Ziels aller wirtschaftlichen Handlungen zu erkennen. Hier liegt daher der erste Hauptfehler der Grenznutzenlehre, den GOSSEN vermieden hat.

Jedoch ist hier auch der Punkt, wo GOSSENs rein psychologische Untersuchungsmethode zwar nicht auf einen ganz ungangbaren und falschen Weg, jedoch vom Standpunkt  ökonomischer  Betrachtung auf einen Abweg führt. GOSSEN meint nämlich an dieser Stelle: "Die Nationalökonomie habe es sich zur Aufgabe gemacht, die Regeln zu entwickeln, nach welchen die Versorgung des Menschengeschlechts mit sogenannten  sachlichen  Gütern vor sich geht. Zu dieser Beschränkung sei aber durchaus kein haltbarer Grund vorhanden, denn dem genießenen Menschen sei es ganz und gar gleichgültig, ob der Genuß durch materielle oder immaterielle Güter zustande gebracht wird. Wenn wir daher diese Beschränkung aufheben und den Zweck dieser Wissenschaft auf seine wahre Größe:  dem Menschen zur größten Summe des Lebensgenusses zu verhelfen,  erweitern, paßt die jetzt übliche Benennung für diese Wissenschaft nicht mehr, an deren Stelle ich daher im folgenden im Hinblick auf ihren Zweck die Benennung  "Genußlehre"  wählen werde" (Seite 34).

Zwar hat auch hier GOSSEN zweifellos eine der größten Wahrheiten ausgesprochen, die heute nur zu oft verkannt wird. Daß man die theoretische Nationalökonomie als eine Lehre von der  Güterbeschaffung  auffaßt, und demgemäß  rein technische  Fragen der Produktion mit den eigentlich  wirtschaftlichen:  wie beeinflußt die individuelle Bewertung der Güter den ganzen wirtschaftlichen Prozeß? häufig verwechselte, hat viel dazu beigetragen, daß sich die ökonomische Theorie noch heute in einem so unbefriedigenden Zustand befindet und daß sie grundlegende Irrtümer, z. B. die Zurechnungslehre, noch als Axiom mit sich herumschleppt.

Aber GOSSEN hat bei seiner "Genußlehre", seiner rein psychologischen Betrachtung der Genüsse, die Brücke, die von diesem Ausgangspunkt zur Untersuchung der tatsächlichen  wirtschaftlichen  Handlungen und Vorgänge führt, versäumt. Die nationalökonomische Theorie kann wohl und muß sogar von einer "Genußlehre"  ausgehen  aber nicht in ihr  aufgehen.  Sie hat über die Betrachtung subjektiver Bewertungsvorgänge hinaus auch objektive Vorgänge zu erklären, und gerade die Erklärung, wie solche objektiven Vorgänge, z. B. die Preisbildung, doch wieder auf die subjektiven Bewertungen der einzelnen Menschen zurückführen, ist heute noch so wenig gelungen. Daher liefert GOSSEN auch keine  Preistheorie  und daher bieten auch die nun folgenden Partien seines Buches für die ökonomischen Theorie nur wenig Brauchbares.

Denn GOSSEN ist jetzt in seinen Ausführungen zu dem Punkt gelangt, wo zu berücksichtigen ist, daß die Genußerzielung in der Regel  Anstrengungen  und  Aufwendungen  erfordert. Er kommt dabei über den psychologischen Begriff der  Beschwerde  und den physiologischen der  Kraftanstrengung,  Arbeit nicht hinaus, während die  ökonomische  Betrachtung diese Begriffe zu dem viel schärferen und meßbareren der  Kosten  zu verdichten vermag. Darin besteht ja gerade die Weiterführung der ökonomischen Theorie über diese Genußlehre hinaus, daß sie an die Stelle der rein subjektiven  Wertschätzung  die objektive  Kostenvergleichung  setzt. Daher hat GOSSEN auch gar nicht den Begriff entwickelt, der diese Vermittlung zwischen Wert und Kosten übernimmt. Er kommt nicht dazu, den Begrif des  Ertrages  als der Spannung zwischen Genuß und Arbeit, Nutzen und Kosten zu analysieren (12), und scharf zu formulieren, daß die wirtschaftliche Tätigkeit nicht in der Befriedigung der dringendsten Bedürfnisse, der Erlangung des größten Genusses, sondern in der Erzielung  eines möglichst hohen Ertrages,  eines möglichst hohen  Überschusses  an Nutzen über die Kosten besteht.

GOSSEN nämlich sieht zunächst sehr einseitig die Unlustgefühle, Beschwerden nur in der vorzunehmenden  Bewegung  beim Schaffen von Gütern (Seite 36). Der viel allgemeineres Gedanke des Unlustgefühls oder des  Opfers  ist ihm fremd und er kompliziert dann diese einseitige Behandlung des Kostenmoments ganz unnötigerweise dadurch, daß er meint, jede Bewegung gewähre zunächst Genuß, die fortgesetzte Bereitung dieses Genusses lasse ihn aber wie bei allen Genüssen auf  O  sinken, und dann trete die immer zunehmende Beschwerde ein. Deshalb haben die folgenden Sätze, zu denen GOSSEN gelangt, auch für die Wirtschaftstheorie keine große Bedeutung, weil man das darin Gesagte ökonomisch viel schärfer fassen kann. Hier ist der Punkt, wo insbesondere MENGERs Untersuchungen weit über GOSSEN hinausgehen. Dieser sagt: "Durch eine Steigerung der Kraft, durch die wir uns die Genüsse bereiten, und der Geschicklichkeit in ihrem Gebrauch können wir unseren Lebenszweck bis dahin erhöhen, daß die Kraftentwicklung, deren Verwendung an und für sich Genuß gewährt, ausreicht, sich alle Genüsse vollauf zu verschaffen" (Seite 65). Auch weist er darauf hin, daß "die ohne eigene Kraftanstrengung dem Menschen zufallenden Genüsse auf das Arbeitsquantum, welches auf einen Genuß zu verwenden ist, keinen Einfluß haben" (Seite 64) und daß "durch eine Vergrößerung der Geschicklichkeit und Arbeitskraft die Größe der Genüsse beim Abbrechen unausgesetzt bis dahin sinkt, daß sie, wenn Geschicklichkeit und Arbeitskraft ausreichen, alle Genüsse vollauf zu bereiten, gleich Null wird" (Seite 67).

Die bisherigen Ergebnisse seiner Ausführungen faßt GOSSEN in folgenden Sätzen zusammen, nach denen der Mensch zu handeln hat, um seinen Lebenszweck in möglichst vollkommenem Maß zu erreichen: "Um seinen Lebensgenuß zum Höchsten zu steigern, hat der Mensch dahin zu streben:
    1) Die Zahl der ihm möglichen Genüsse und ihre absolute Größe möglichst zu vermehren.

    2) seine Arbeitskraft und Geschicklichkeit in ihrer Verwendung möglichst zu steigern.

    3) die zur völligen Bereitung der Genüsse erforderliche Arbeit möglichst zu vermindern, und dann,

    4) je nach dem Maß, in welchem ihm die Herstellung jener Bedingungen gelungen ist, seine Kraft auf die Bereitung der verschiedenen Genüsse inder Art zu verwenden, wie es die vorstehenden Rechnungen als vernünftig erscheinen lassen" (d. h. in der Hauptsache: daß die Größe eines jeden Genuses in dem Augenblick, in dem seine Bereitung abgebrochen wird, bei allen von ihnen die gleiche bleibt).
Es braucht hier nicht weiter ausgeführt zu werden, daß diese Sätze nur als Richtschnur für das gesamte menschliche Handeln, als welche sie GOSSEN ansehen möchte, doch von recht fragwürdigem Wert sind, da eben beim praktischen Handeln doch auch ethische, moralische, altruistische Gesichtspunkte der verschiedensten Art mitbestimmend sind. Deshalb wäre es viel besser gewesen, GOSSEN hätte seine Untersuchungen auf die wirtschaftliche Seite beschränkt, wo er einerseits zu viel schärferen Formulierungen hätte gelangen können, andererseits viel eher nicht-egoistische (nicht-wirtschaftliche) Gesichtspunkte hätte ausschalten dürfen. Die nun folgenden Ausführungen GOSSENs bewegen sich daher auch in der Hauptsache auf wirtschaftlichem Boden.

Er weist nämlich zunächst (Seite 81f) darauf hin, daß die genannten Bedingungen größten Lebensgenusses einander widersprechende Anforderungen an den Menschen stellen. "Während die Notwendigkeit, sich die verschiedenartigen Genüsse teilweise zu bereiten, die Zersplitterung der Arbeitskraft auf alle diese verschiedenen Genüsse bedingt, erfordert die Notwendigkeit, die Geschicklichkeit möglichst zu steigern und die erforderiche Arbeit möglichst zu vermindern, bekanntlich, daß der Mensch seine Tätigkeit auf die Verfertigung möglichst weniger verschiedener Gegenstände beschränke." Diesen widersprechenden Anfordernungen gleichzeitig zu genügen, sei der Zweck des  Tausches und daher kommt es daß  "durch den einfachen Tausch bestimmter Sachen, wenn diese auch durch den Tausch durchaus keine Veränderung erleiden, eine außerordentliche Wertvermehrung bewirkt werden kann."  Der Tausch erweist sich so lange für alle Teile als vorteilhaft und es wird durch ihn ein Größtes an Wert geschaffen, wenn  "das letzte Atom, welches jedem von einem jeden Gegenstand zufällt, bei ihm den gleich großen Genuß schafft, wie das letzte Atom desselben Gegenstandes bei einem jeden anderen".  (Seite 85)

Das ist nur mit der großen Einschränkung richtig, auf die ich immer wieder aufmerksam zu machen habe, daß es beim wirtschaftlichen Handeln nicht auf den Wert (Nutzen), sondern auf den  Ertrag  ankommt. Wert ist aber nicht Reinertrag, sondern nur sozusagen  Bruttoertrag,  der Grad der erwarteten Bedarfsbefriedigung. Das Wirtschaftssubjekt strebt aber nicht nach größtem Bruttoertrag, absolutem Genuß, sondern nach  größtem Überschuß an Genuß  über die mit der Erlangung desselben verbundenen  Unlustgefühle  und  Kosten. 

In dieser Weise abgeändert, enthält der GOSSENsche Satz dasselbe, was ich kürzlich, speziell auf das tauschwirtschaftliche Handeln und auf das dabei grundlegende Streben nach größtem Ertrag, größter Rentabilität angewendet, als theoretische Lösung des  Produktivitätsproblems  (im wirtschaftlichen Sinne) angegeben habe (13): Größte Produktivität ist dann gegeben, wenn jeder Erwerbszweig so mit Kapital und Arbeitskräften ausgestattet ist, nicht mehr und nicht weniger, daß die durchschnittliche Rentabilität in allen ungefähr gleich ist.

GOSSEN formuliert "die theretische Lösung der Aufgabe, wieviel von jedem Gegenstand zu produzieren ist, damit die größtmögliche Summe des Genusses für die ganze Menschheit erzeugt werde," so, daß die Aufgabe gelöst ist,  "wenn die Produktion der verschiedenen Gegenstände derart eingerichtet wird, daß das letzte Atom, welches einem jeden von jedem Gegenstand zufällt, im Verhältnis der Anstrengung beim Schaffen desselben den gleich großen Genuß gewährt".  (Seite 90)

Also auch für das Zusammenwirken der einzelnen Wirtschaftspersonen in der Volkswirtschaft und die Frage der Ausdehnung der einzelnen Produktionszweige gilt der  zweite Gossensche Satz  und diese Anwendung auf den Tauschverkehr ist es eben, die ihn zum wichtigsten der Volkswirtschaftslehre macht.

GOSSEN erkennt natürlich, daß "es sowohl dem einzelnen Menschen wie der ganzen Menschheit, selbst bei klar erkanntem Zweck, ewig unmöglich bleiben würde, diesen wünschenswerten Zustand herbeizuführen. Denn selbst, wenn es gelänge, jedem einzelnen all die Tatsachen genau zu liefern, deren er bedarf, um seine Kräfte in zweckmäßigster Weise zu verwenden, würde die Berechnung auf Grund dieser Tatsachen unstreitig mehr Zeit in Anspruch nehmen, als ihm überhaupt zu leben vergönnt ist, während die Tatsachen selbst nur einen Augenblick richtigt bleiben". (Seite 91)

Diese Erkenntnis hält aber den Verfasser nicht ab, gleich im Anschluß an jene Bemerkung "die wunderbare Schönheit der Gesetze des Genießens anzustaunen".  "Durch ihre Konstruktion wird es zustande gebracht, daß der einzelne, um seinen eigenen Lebenszweck in vollkommenster Weise zu erreichen, seine Handlungen so einrichten muß, daß bei ungehinderter Wirksamkeit das Endresultat das ist, daß jener Lehrsatz sich in vollendetster Weise ausgeführt findet",  d. h. daß das letzte Atom, welches jedem von einem jeden Gegenstand zufällt, jedem auch einen gleich großen Genuß verschafft. "Der Schöpfer hat es also durch die Konstruktion der Gesetze des Genießens erreicht, daß das Menschengeschlecht seine intellektuellen und materiellen Kräfte fortwährend so verwendet, daß es sich durch dieselben fortwährend ein Größtes an Lebensgenuß verschafft, sobald nur die Hindernisse beseitigt sind, die sich dem einzelnen in den Weg stellen, sein Geld in zweckmäßigster Weise zu verwenden, und den Produktionszweig zu ergreifen, der ihm selbst die höchste Belohnung bietet" (Seite 101). Dann ist auch das Ziel erreicht, daß "jeder Mensch in dem Maße ander Arbeit des ganzen Menschengeschlechts teilnimmt, in welchem er sich auch bei der Konsumtion der durch Arbeit geschaffenen Genußmittel beteiligt" (Seite 148). GOSSEN betont aber bei allen diesen Erörterungen nicht genügend, daß die größte Werterhöhnung durch den Tausch, die größte Produktivität, wie wir sagen können, nur unter der Voraussetzung gegeben ist, daß alle ihren Vorteil ganz genau kennen, absolut freie Konkurrenz und vollkommene Beweglichkeit aller Kapitalien und Arbeitskräfte besteht. Natürlich kann die Theorie sehr wolhl die Tauschvorgänge in einem derartigen Zustand untersuchen, muß aber betonen, daß er tatsächlich nicht vollkommen vorhanden ist.

Schon in den vorhergehenden Erörterungen hatte GOSSEN gelegentlich den Begriff des  Geldes  in die Untersuchung eingeführt, der dann im folgenden eine größere Rolle spielt. Er weist darauf hin - und dieser Gedanke ist vor ihm meiner Meinung nach nur von LOTZ ausgesprochen worden - daß das Geld und damit der Preis  "kein Maßstab des Wertes ist".  (Seite 149) Er behauptet aber ebenda, daß das Geld  "ein Maßstab der Arbeit ist,  die die Herstellung eines Gegenstandes erfordert". Erstere Auffassung dürfte richtig sein, obwohl sie bis heute der herrschenden Theorie nicht entspricht, letztere ist, wie die heutige Theorie ziemlich übereinstimmend und meines Erachtens mit Recht lehr, falsch. "Zum Wert - sagt GOSSEN - steht der Preis nur insofern in Beziehung, als eine Unverhältnismäßigkeit zwischen Wert und Preis ein Mißverhältnis zwischen Nachfrage und Vorrat hervorruft, wodurch weitere Massen- und Preisänderung bis dahin bewirkt wird, daß der Wert des zuletzt produzierten Atoms zur Arbeit, welche die Produktion verursacht, im richtigen Verhältnis steht." Das "in richtigem Verhältnis" bedeutet, daß das Verhältnis des Wertes der zuletzt produzierten Einheit eines jeden Gutes zu seinen Kosten bei allen Gütern das gleiche sei, mit anderen Worten, daß der  "Grenzertrag",  wie ich es genannt habe, bei allen Gütern gleich hoch ist. Hiermit ist aber nur gesagt, wie sich der Preis zum Wert verhalten muß, damit möglichst viel Produktivität gesichert wird (14), nicht aber, wie  überhaupt ein Preis entsteht.  Eine Preistheorie hat aber GOSSEN nicht entwickelt, ebensowenig wie er eine Theorie des Geldwertes entwickelt hat, die ja eine Voraussetzung der Preislehre ist. "Es fehlt bei GOSSEN - sagt DIEHL mit Recht (15) - die exakte Ableitung der Preise aus den subjektiven Wertschätzungen, wie sie den späteren Theorien gelang."

Jedenfalls ist es nicht richtig, wenn GOSSEN die Meinung vertritt, das Geld sei ein Maßstab der Arbeit, die die Herstellung eines Gegenstandes kostet. Dadurch würde der Preis eines Gegenstandes überhaupt durch die aufgewendete Arbeit bestimmt. Der Preis für eine Arbeit in einer Geldsumme ausgedrückt, ist aber nicht das Äquivalent für diese Arbeit oder Ausdruck des Wertes derselben, ebensowenig wie der Preis Ausdruck des Wertes der Genußgüter ist. Der Verkäufer eines Gegenstandes schätzt ihn regelmäßig niederer, der Käufer höher, als der Preis angibt. Beide wollen mit dem Produkt einen Ertrag erzielen: der Preis, d. h. der sogenannte objektive Tauschwert eines Gegenstandes in Geld ausgedrückt, ist vielmehr stets ein Mittleres zwischen Kosten, seien es Arbeitsleistungen, seien es Produktionsmittel, und Wertschätzungen der Konsumenten, ein Mittleres, dessen Höhe allgemein durch das Verhältnis von Angebot und Nachfrage bestimmt wird, wobei nur zu beachten ist, daß das Angebot immer erfolgt im Hinblick auf eine ungefähr bekannte Wertschätzung der Konsumenten und einen aufgrund derselben zu erzielenden Ertrag.

Doch das näher auszuführen ist hier nicht unsere Aufgabe, die nur in einer Darstellung und Kritik von GOSSENs Anschauungen besteht. Jedenfalls aber liegt hier ein Mangel und Fehler in seinen Theorien vor und deshalb sind auch seine noch folgenden Ausführungen für die ökonomische Theorie nicht von großer Bedeutung. Nach einigen Erörterungen wirtschaftspolitischer und pädagogischer Natur gelangt er zu Untersuchungen über das Geld, die deswegen hier etwas eingehender mitgeteilt sind, weil die beiden neueren Dogmenhistoriker der Geldwertlehre, HOFFMANN und ALTMANN, sie nicht berücksichtigen. In seiner Stellung zum Problem des Geldwertes kann GOSSEN, wie oben schon erwähnt, nicht beigestimmt werden. Er meint (Seite 199 - 200): "Jeder Mensch wird einen Gegenstand, wenn ihm derselbe auch von einem anderen Menschen als Geld gegeben wird, doch nur dann wieder als Geld benutzen, wenn die dafür kaufbaren Sachen einen höheren Wert für ihn haben als der als Geld erhaltene Gegenstand, und es folgt dann daraus,  daß jeder Mensch das Geld als solches genau in der Höhe schätzt wie die Genüsse bei ihrem Abbrechen."  Das letztere ist zweifellos nicht richtig und in Widerspruch mit früheren Auffassungen des Autors selbst, da ja nach dem  zweiten Gossenschen Satz  der Mensch auch mit dem letzten beschafften Gut noch einen Überschuß von Genuß über die Kosten erzielt. Da das Geld nur Tausch mittel  ist, ist es ebenso ein Gut entfernterer Ordnung wie die Tauschgüter, für die Wirtschafter es in Empfang genommen hat. Dieser erzielt also Ertrag, d. h. ein Mehr von Genuß, erst dann, wenn er es gegen Genußgüter eingetauscht hat. Der Wert der erhaltenen Geldsumme ist daher für ihn gleich dem Wert seiner Tauschgüter (seiner Kosten) und der Ertrag in Geld ausgedrückt ist demgemäß die Differenz zwischen der erhaltenen Geldsumme und derjenigen, die er für die beschafften Genußgüter  gerade noch aufgewendet haben würde.  Allerdings macht man heute im Zustand entwickeltster Geldwirtschaft regelmäßig  Kostenvergleiche  in Geld. Der Unternehmer bezeichnet als Ertrag die Differenz zwischen der Geldsumme, die er für Produktionsmittel aufwenden mußte, und der, die er für seine verkauften Waren erhält. Das aber nur, weil mit dem Besitz dieser Differenz an Geld seine Bedarfsbefriedigung sichergestellt ist. Tatsächlich sind aber die Summen, die seinen Geldreinertrag darstellen, auch nur wieder Güter entfernterer Ordnung, Kostengüter für seine Bedarfsbefriedigung. Wenn man also auch heute so handelt, als ob Geld selbst ein Genußgut, ja das einzige Genußgut wäre, so darf man doch nie übersehen, daß mit der Erzielung eines Geldreinertrags das eigentliche wirtschaftliche Handeln noch nicht beendet ist.

GOSSEN ist im übrigen Anhänger der Quantitätstheorie, wie sich aus folgenden Sätzen ergibt (Seite 201):
    1) Die Preise von allem zum Kauf Gestellten erleiden eine Änderung im Verhältnis der veränderten Masse des zu Geld dienenden Gegenstandes.

    2) Das jedem Menschen von dem zu Geld dienenden Gegenstand zur wirklichen Genußbereitung bleibende Quantum und demgemäß die Summe seines Lebensgenusses verändert sich genauso wie bei der Änderung des betreffenden Gegenstandes im ungekehrten Verhältnis der Massenänderung.

    Und ferner: Die Beschleunigung des Geldumlaufs wirkt wie eine entsprechende Massenvermehrung.
Als am besten geeignet, die Geldfunktion zu erfüllen, bezeichnet GOSSEN den Gegenstand, der physisch durch die Zeit keine Veränderungen erleidet und bei dem es "andererseits gelingt, das Massenverhältnis des Gegenstandes zu den tatsächlichen Umständen immer gleich groß zu erhalten" (Seite 203. Daher kommt er zu dem Resultat, daß sich Gold und Silber am besten als Geld eignen und daß "es dringend nötig ist, alles Papiergeld ... aus der Welt zu schaffen" (Seite 208). Die dann folgenden Erörterungen über die beste Münzausprägung und der Festsetzung des Wertes von Gold und Silber sind heute kaum von Interesse.

In seinen weiteren Untersuchungen (Seite 228f) stellt GOSSEN den Satz auf, daß einerseits jedem die Früchte seiner Arbeit zufallen müßten, andererseits aber "alles, was existiert, durch sich selbst die Mittel zu seiner Fortexistenz schaffen muß, sonst verdient es nicht weiter zu existieren". Vom ersteren Standpunkt aus verteidigt er das Privateigentum, dessen Bedeutung für die menschliche Entwicklung er voll würdigt, von letzterem aus gelangt er zur Forderung möglichster Freiheit in Benutzung desselben. Da aber "der Mensch sich nicht nach Gutdünken die günstigste Stelle auf der ganzen Erdoberfläche zum Betrieb seiner Produktion aussuchen kann" und "durch das Privateigentum an Grund und Boden es oft ganz und gar dem Eigensinn eines einzelnen Menschen anheimgegeben ist, ob er einen ihm zugehörigen Fleck des Erdbodens zum zweckmäßigsten Produktionszweig hergeben und einrichten will oder nicht" (Seite 250), so empfiehlt GOSSEN, das Eigentum an Grund und Boden der Gesamtheit zu überlassen.

Schließlich verlangt GOSSEN noch eine Vereinheitlichung des Kredits in einer allgemeinen staatlichen Darlehenskasse und bemerkenswert ist auch sein Vorschlag, anstelle der heute üblichen Ansammlung und Vererbung eines Vermögens Leibrenten zu setzen. Diese würden einerseits dem Erwerber früher ein Kapital in die Hand geben, andererseits kann jeder daraus seinen Kindern schon bei Lebzeiten Zuschüsse zu ihrer wirtschaftlichen Tätigkeit gewähren, die umso viel wertvoller für sie seien, je früher sie ihnen zufließen. Erbschaften würden dann keine große Bedeutung mehr haben.

Mit all dem "würde erreicht, daß jeder Mensch nach dem Verhältnis des Verdienstes, welches er sich um die Menschheit erwirbt, belohnt wird", der ganzen Menschheit ist das Maximum an Lebensgenuß gewährleistet "und so fehlt dann der Erde durchaus nicht mehr zu einem vollendeten Paradies" (Seite 276).

Dies ist der wesentlichste Inhalt des GOSSENschen Werkes. GOSSEN hat es leider durch die Einführung zahlreicher mathematischer Formeln und die Verwendung von Buchstaben für den Nichtmathematiker schwer lesbar gemacht, ganz unnützerweise, da sich alle seine Gedanken sehr wohl ohne solche Hilfsmittel darlegen lassen. Die Bedeutung des Werkes für die nationalökonomische Theorie steht heute außer allem Zweifel, und es ist deswegen bedauerlich, daß es noch immer so verhältnismäßig wenig zitiert, noch bedauerlicher, daß es so wenig gelesen wird. Dazu haben ja allerdings mancherlei Absonderlichkeiten und allzuhohe Prätentionen [Voreingenommenheiten - wp] des Verfassers beigetragen, insbesondere auch die Verquickung seiner theoretischen Sätze mit wirtschaftspolitischen Forderungen, die zu jenen doch eigentlich in keiner Beziehung stehen. Immerhinaber möchte ich behaupten, daß es von allen Werken über die ökonomischen Grundbegriffe dasjenige ist, welches auf der richtigsten Grundlage aufgebaut ist und die wenigstens positiven Fehler enthält. Denn GOSSENs psychologische Erörterungen sind meines Erachtens unanfechtbar, während die österreichischen Grenznutzentheoretiker und alle, die ihnen in der Wertlehre folgen, wie erwähnt, den subjektiven Nutzen außer acht lassen, die Genußgüter als Kosten auffassen und demgemäß nicht zu dem entscheidenden Begriff des Ertrags als der Differenz zwischen Nutzen und Kosten gelangen. GOSSENs Fehler dagegen ist nur der, daß er von den richtigen Anschauungen seiner Genußlehre aus nicht den Weg zur eigentlichen ökonomischen Theorie, d. h. zur Untersuchung der  Verkehrsvorgänge  findet.

Jedenfalls aber ist es für die heutige theoretische Forschung, die sich mit der Erfassung der Verkehrsvorgänge abmüht, nötig, zunächst ihre ersten psychologischen Grundlagen einmal scharf zu revidieren. Tut man das nicht und glaubt man, diese Dinge als selbstverständlich ansehen und gleich mit der Untersuchung der Verkehrsvorgänge beginnen zu können, so baut man auf grundlegenden Irrtümern auf, wie sie die klassische Nationalökonomie und der wissenschaftliche Sozialismus aufweisen (ich erinnere nur an die Idee vom Äquivalententausch bei SMITH und MARX). Aber auch die österreichischen Theoretiker und ebenso die modernen amerikanischen behandeln bei den psychischen Voraussetzungen wirtschaftlicher Tätigkeit Anschauungen als Axiome, die, wie die österreichische Grenznutzenlehre und die Zurechnungstheorie, tatsächlich schwierige Probleme sind. Wenn also einmal,wie ich hoffen möchte, die ökonomisch-theoretische Forschung wieder mehr um ihrer selbstwillen getrieben und das Interesse an ihr größer werden wird, wenn sie ihre bloß kritische und negierende Behandlung aufgeben und ihre heutige Vorliebe für methodologische Fragen etwas zugunsten der  positiven> Analyse und Betrachtung wirtschaftlicher Vorgänge GOSSENs
Werk sehr wohl den Ausgangspunkt für weitere Fortschritte bilden. In diesem Sinne kann man der ökonomischen Theorie ein:  Zurück zu Gossen!  zurufen.
LITERATUR Robert Liefmann, Hermann Heinrich Gossen und seine Lehre, Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik, III. Folge, Bd. 40, Jena 1910
    Anmerkungen
    1) In der neuesten, dritten Auflage des "Hanwörterbuches der Staatswissenschaften" findet sich eine kurze biographische Notiz.
    2) Allerneuestens erschien ein Artikel über GOSSEN mit Inhaltsangabe seines Werkes von O. KRAUSS, im 55. Band der "Allgemeinen Deutschen Biographie", Leipzig 1919, Seite 483 - 488.
    3) Ich folge den Angaben, die Professor LÉON WALRAS nach langem Herumforschen 1881 von einem Neffen GOSSENs, Professor KORTUM von der Universität Bonn erhalten und im 30. Band des "Journal des Economistes", April - Juni 1885) gleichzeitig mit einer Würdigung des GOSSENschen Werkes veröffentlicht hat.
    4) 1889 erschien im Verlag von R. L. PRAGER, Berlin, eine Neuausgabe des Buches, die der alten vollständig gleich ist.
    5) 1888 kaufte der Verlag von PRAGER von von Professor KORTUM die noch vorhandenen Exemplare.
    6) Vgl. RUDOLF KAULLA, Die geschichtliche Entwicklung der modernen Werttheorien, Tübingen 1906, Seite 248. - LANGE weist dort in der Anmerkung darauf hin, daß das Buch eine mathematische Begründung der Wertlehre enthält, betont, daß es größere Beachtung verdient, tadelt aber seine Einseitigkeit.
    7) Der Bedeutendste von ihnen ist wohl J. E. LOTZ, "Handbuch der Staatswirtschaftslehre", 2. Auflage, Erlangen 1837, bemerkenswert vor allem meines Erachtens durch seine scharfe Trennung von Wert und Preis. Freilich kommt er dabei über Allgemeinheiten nicht hinaus und gelangt weder zu einer klaren Wert- noch Preistheorie. - - - CARL THOMAS' 1841 in Königsberg erschienene Schrift "Theorie des Verkehrs" ist fast ebenso unbekannt geblieben wie das Buch GOSSENs. Erst neuestens hat KARL DIEHL (Die Entwicklung der Volkswirtschaftslehre im 19. Jahrhundert, Bd. 1, Seite 49 - 51) nach dieser Ausgabe einige Inhaltsangaben gemacht. 1879 erschien nach dem Tod des Verfassers eine vom Leipziger Pädagogen T. ZILLER herausgegebne und etwas erweiterte 2. Auflage mit dem Titel: "Die Grundbegriffe der nationalökonomischen Güterlehre". Von großer Bedeutung für die Geschichte der Nationalökonomie ist diese Schrift nicht, trotzdem der sehr selbstbewußte Verfasser ihr eine solche beimißt, und es liegt kaum Veranlassung vor, ihn aus seiner Vergessenheit wieder ans Licht zu ziehen. Sein Hauptfehler ist u. a., daß er an der SMITH'schen Lehren vom Äquivalententausch festhielt. Wer sich näher für C. THOMAS interessiert, der ein Schüler HERBARTs und von 1835 - 1854 mit Unterbrechungen Königsberger Privatdozent zuerst für Philosophie, dann für Nationalökonomie war und später vergeblich eine preußische Professur zu erlangen suchte, lese seine Broschüre: "Altes und Neues", Freiburg 1863.
    8) 2. Auflage, Seite 60
    9) FRIEDRICH von WIESER, Der natürliche Wert, Seite 7
    10) Vgl. KAULLA, Die geschichtliche Entwicklung der modernen Werttheorien, Tübingen 1906 und die dort zitierte Literatur.
    11) WILHELM LEXIS, Artikel "Grenznutzen" im Supplement zur ersten Auflage des Handbuchs der Staatswissenschaften.
    12) In der Heraushebung dieses Begriffs, der bisher in der ökonomischen Theorie nur eine ganz stiefmütterliche Rolle spielt, glaube ich einen der Hauptgedanken meiner Schrift "Ertrag und Einkommen", Jena 1907, erblicken zu sollen, was bisher leider noch nirgends berücksichtigt wurde.
    13) Einstweilen nur vorläufig in der, durch eine Verkürzung der Redezeit beeinträchtigten Debatte in der Wiener Generalversammlung des Vereins für Sozialpolitik, Schriften des Vereins Bd. 132, Seite 577f; eine größere Arbeit über den Gegenstand ist in Vorbereitung.
    14) Vgl. meine damit übereinstimmenden Ausführungen in der Produktivitätsdebatte auf der Wiener Generalversammlung des Vereins für Sozialpolitik.
    15) DIEHL, Volkswirtschaftslehre im 19. Jahrhundert, Seite 53. Nur möchte ich behaupten, daß sie auch den heutigen Theoretikern nicht vollständig gelungen ist, weil die einen an der Grenznutzenlehre, die andern an einer mehr oder weniger objektiven Wertlehre, einer Bestimmung des Wertes durch die Kosten, festhalten.