ra-2R. StolzmannO. ConradA. SchäffleN. BucharinH. CohnA. Lindwurm    
 
KARL THOMAS
Die Theorie des Verkehrs

"Faßt man die notwendigen Beziehungen des Begriffs der Schätzung auf ein schätzendes Subjekt und ein geschätztes Objekt zusammen, so ergibt sich, daß die Schätzung in jedem Fall ein Verhältnis zwischen Person und Sache voraussetzt. Die Form eines Verhältnisses zwischen Person und Sache, ganz abgesehen von seiner Materie, kann nun verändert werden sowohl in Bezug auf die Zahl der in dasselbe eintretenden Personen und Sachen, als auch in Bezug auf die Stellung der Glieder, so daß an die Stelle  eines  Verhältnisses eine Reihe von Verhältnissen tritt, deren Glieder nach den Regeln der Kombinationslehre sich auf eine feste, jeder Willkür enthobene Weise entwickeln."


Vorrede

Veranlaßt, eine besondere Aufmerksamkeit auf die Grundbegriffe der Staatswirtschaftslehre zu richten, gelangte ich beim Studium der sie betreffenden Werke zu der Überzeugung, daß ich in Beziehung auf jene Begriffe weder einem der gepriesenen Meister mich vollständig anschließen, noch auch aus dem, was ich bei jedem Richtiges und Brauchbares zu finden glaubte, ohne weiteres ein abgeschlossenes und zusammenhängendes Ganzes bilden kann. Ich entschloß mich daher, diese Begriffe zum Gegenstand eines wiederholten Nachdenkens zu machen, und wurde hierbei vorzüglich von folgenden Rücksichten geleitet.

Zuvörderst hielt ich es für zweckmäßig und notwendig, diese Begriffe ohne alle Berücksichtigung irgendeiner Wissenschaft, die sich ihrer bedienen kann, ohne alle Rücksicht auf irgendwelche feststehende, durch sie nur zu erläuternde Resultate, zu erwägen; denn die Grundbegriffe der Staatswirtschaftslehre finden sich nicht nur in den übrigen Wirtschaftslehren, sondern zum Teil zumindest, auch auf dem Gebiet der ethischen Güterlehre wieder. Die Verhältnisse dieser Lehren aber liegen noch nicht so klar vor, daß eine Ziehung genauer Scheidelinien las eine leichte Sache hätte erscheinen können. Die Entscheidung hierüber konnte füglich anderen Untersuchungen überlassen bleiben. Resultate aber, welche die Wissenschaft aus einer noch so reichen Masse von Erfahrungen sich gebildet und als allgemein gültige Sätze aufgestellt hat, als dasjenige zu betrachten, welchem die einfachen Grundbegriffe sich notwendig beugen müßten, schien bedenklich, da eben die Richtigkeit solcher Sätze durch eine behutsame Bildung der Grundbegriffe selbst bedingt ist. Gelang es aber, in selbständiger Bearbeitung jener Begriffe zu irgendwelchen haltbaren Ergebnissen hindurch zu dringen, so konnte späteren Untersuchungen der Nachweis überlassen bleiben, wo und wie dieselben sich geltend zu machen haben, und in wie weit die früher als erfahrungsmäßige Tatsachen entsprechend hingestellten Sätze als richtig betrachtet werden dürfen.

Es war nicht schwer, den Grund der Mangelhaftigkeit in den Resultaten derjenigen Versuche, welche bis jetzt in der Darstellung und Entwicklung jener Grundbegriffe angestellt waren, in der Vernachlässigung aller Methoden bei der Bearbeitung derselben zu entdecken. Die Staatswirtschaftslehre strebte mit aller Macht dahin, sich zum Rang einer Erfahrungswissenschaft zu erheben: aber die Erfahrungen, auf welche sie sich stützt, sind von zu großem Umfang, um eine zusammenfassende Beobachtung ohne Hilfe einer genauen Begriffsbestimmung zu gestatten. Von solchen Beobachtungen aber allgemeine Begriffe zu abstrahieren, diese Begriffe zu Ausgangspunkten besonderer Untersuchungen zu machen, war ein Unternehmen, welches zu viele Klippen zu vermeiden hatte, um nicht zu scheitern. Jeder glaubte ein Recht zu haben, die Grundbegriffe nach seiner Weise zu bestimmen; jeder glaubte sich durch die Fehler des andern dazu berechtigt. Indem aber alle ihre Grundbegriffe aus der Erfahrung abzuleiten bestrebt waren, blieben dieselben mit aller Zweideutigkeit, Unbestimmtheit und Verwirrung der gewöhnlichen Erfahrungsbegriffe behaftet; die geringe Mühe, die man auf sie verwendete, um so schnell als möglich sich im Reichtum der Erfahrung zu verlieren, zwang sogar da, wo genauere Bestimmungen versucht waren, diese fahren zu lassen, und nur diejenigen Begriffe vorauszusetzen, welche jedem irgendwie Gebildeten vom Leben selbst beigebracht werden. Deswegen erschien es zulässig, die bisherigen Leistungen der Schulen ganz aus den Vordergrund der Untersuchung zurückzudrängen, zu den anerkann fehlerhaften und, so wie sie vorliegen, unbrauchbaren Begriffen des täglichen Lebens zurückzukehren, und von ihnen aus eine neue Begriffsbildung auf dem Weg des regelrechten Denkens zu versuchen.

Über die hierbei zu befolgende Methode konnte nur die Natur desjenigen Begriffs entscheiden, welcher sich als Anfangspunkt der Untersuchung aufdrängt, die Natur des Begriffs vom Guten. Denn mit Allem, was gut ist, hat sich die Güterlehre im weitesten Sinn zu befassen; bevor sie aber noch zu fragen hat, an welche Gegenstände sich jener Begriff als Prädikat knüpfen kann und knüpfen muß, muß sie Rechenschaft abgelegt haben von demjenigen, was durch dieses Prädikat bezeichnet werden soll.

Der Begriff vom Guten schien nun wegen der Widersprüche, in welche das Denken des täglichen Lebens sich leicht und vielfältig entwickelt, indem derselbe Gegenstand von demselben Subjekt und zu gleicher Zeit für gut und auch für nicht gut erklärt wird, sich zu einer Bearbeitung nach HERBARTs Methoden der Beziehungen zu eignen. Eine genauere Erwägung zeigte jedoch, daß dieser Widerspruch nur als das Ergebnis einer unrichtigen Gedankenbewegung betrachten werden darf, daß eine logische Berichtigung derselben ausreicht, die Beziehungen dieses Begriffs nachzuweisen. In diesen Beziehungen zeigte sich aber das Mittel, die hierher gehörigen Begriffe auf eine von jeder Willkür freie Art so zu entwickeln, daß dieselben scharf bestimmt, gesondert und geordnet hervorgehen, und zwar so, daß die Bezeichnung derselben durch diese oder jene Worte als eine Nebensache erschien, bei der eine Vereinigung nicht mit Unrecht zu erwarten steht, wenn jene Entwicklung imstande ist, sich vor dem scharfen Auge der Kritik zu behaupten.

Waren aber die Resultate anderweitiger wissenschaftlicher Bearbeitungen desselben Gegenstandes aus dem Vordergrund der Untersuchung verdrängt worden, weil sie nicht als die Ausgangspunkte betrachtet werden konnten, so durften sie doch nicht ganz unberücksichtigt bleiben. Es erschien nicht hinlänglich, daß fast in jedem Werk über die Mangelhaftigkeit der Bestimmungen dieser Begriffe geklagt wird, um die Möglichkeit eines erneuten Versuchs zu beschönigen, es mußte nachgewiesen werden, daß dieser Versuch nicht ohne gewissenhafte Prüfung und Berücksichtigung des schon Bestehenden gewagt wurde. Wird die Undankbarkeit kritischer Arbeit noch dadurch vermehrt, daß die Resultate derselben fast nur in der Form des Tadels auftreten können, so gehört keine geringe Überwindung dazu, die Resultate selbst der Öffentlichkeit zu übergeben; ich leugne nicht, daß ich dazu mehr durch den Rat wohlmeinender Freunde, als durch eigene Neigung bestimmt wurde.

Es kann zweifelhaft bleiben, ob man diese Entschuldigung der fragmentarischen Kürze der kritischen Versuche genügend erachten wird, deren Vervollständigkung ein mühsameres und langwierigeres Studium erfordert haben würde, als die dadurch zu erlangenden Resultate belohnen konnten. Wichtigeren Gegenständen zugewendet, lag mir zu viel daran, zu erfahren, ob ich auf diesem Gebiet meiner Untersuchungen einen Fehler zu berichtigen habe, bevor ich mich an die Bearbeitung schwierigerer Fragen der Staatswirtschaft wage. Deswegen übergebe ich der Kritik die gegenwärtigen Versuche nicht mit der Bitte, sie als Erstlinge einer ungeübten Feder schonend und milde zu behandeln, sondern in der Hoffnung, man werde dieselben in Beziehung auf die Hauptsachen einer genauen und strengen Prüfung nicht für unwürdig erachten.



Die Grundbegriffe der Güterlehre

Erster Abschnitt
Vom Begriff der Schätzung und von den
verschiedenen Arten derselben


§ 1.
Vom Verhältnis des Begriffs der Guten
zu dem der Schätzung

Versucht man alle diejenigen Gegenstände aufzuzählen, welche in der gewöhnlichen Meinung des täglichen Lebens als gute bezeichnet zu werden pflegen, so dürfte kaum einer gefunden werden, welcher gar keine Ansprüche zur Aufnahme in diesen Kreis nachzuweisen hätte. Denn nicht nur dasjenige nennt man gut, was sich durch eine ihm innewohnende Würde und Vortrefflichkeit als lobenswert und preiswürdig darstellt, sondern auch das Nützliche, das Angenehme, das Kostbare, ja das Erwünschte selbst dann, wenn gar kein vernünftiger Grund der Sehnsucht nach demselben vorliegt, wird gut genannt, und muß als gut anerkannt werden, wenn die Rede ist von der erfahrungsmäßigen Denkweise des täglichen Lebens. Aber all jene Gegenstände sind nur gut, solange sie gerade als angenehme, nützliche, kostbare oder erwünschte vorgestellt werden; sie treten in den Kreis der gleichgültigen Gegenstände zurück, sobald die Verhältnisse jenes bestimmten Vorstellens sich ändern, und nur wenige treten als bleibende Güter hervor, scheinbar mehr deswegen, weil sie sehr häufig als Güter vorgestellt werden, als weil sie nicht anders vorgestellt werden könnten. Aber nicht nur zu einem gleichgültigen Gegenstand kann dasjenige werden, was soeben als ein Gut betrachtet wurde, sondern die veränderten Verhältnisse können dasselbe in ein Übel verwandeln, ja, der oberflächlichsten Beobachtung drängt sich die Erfahrung auf, daß oftmals ein und derselbe Gegenstand ein und demselben Subjekt zu ein und derselben Zeit als ein Gut und als ein Übel sich gestalten kann. In solchen Fällen wird diese Sache gut und auch nicht gut genannt, nicht um ein loses Spiel mit Worten zu treiben, sondern weil eine unwillkürliche Bewegung des Denkens nötigt,, nach den verschiedenen Rücksichten des Urteilens, der Sache jene widersprechenden Eigenschaften beizulegen. So kann eine Sache wegen ihrer großen Annehmlichkeit oder Schönheit als ein sehr großes Gut, wegen der traurigen, mit ihrem Genuß verbundenen Folgen aber als ein ebenso großes, wenn nicht größeres, Übel betrachtet werden; so kann ein Gegenstand wegen seiner Unannehmlichkeit als ein herbes Übel, wegen seiner wohltätigen Folgen aber als ein sehr wünschenswertes Gut geschätzt werden. Beispiele hierzu drängen sich in so großen Massen auf, daß es nicht erforderlich erscheint, solche besonders zu erwähnen. In vielen dieser Fälle nun hilft man sich freilich mit einer ungefähren Vergleichung: die Größe des Nutzens läßt die Unannehmlichkeit verschwinden, und die Sache unbedingt als gut erscheinen; ebenso pflegt die Schädlichkeit der Folgen die Schönheit und Annehmlichkeit zurückzudrängen, und es wird die Giftpflanze, mag sie auch mit allem Glanz der Vegetation prangen, als ein gefährliches Übel betrachtet. Und doch verweilt das Auge des Beschauers auf ihr mit Vergnügen, und weidet sich an ihrer Schönheit; doch macht sich auch in jenen Fällen die Unannehmlichkeit geltend, denn Niemand läßt sich gern die Anwendung eines sehr schmerzenden Mittels gefallen, sollte er es auch zur Rettung des Lebens mit der größten Energie begehren. Solche Gegenstände bleiben gut und nicht gut, und das oberflächliche Denken gerät bei ihnen leicht in Verwirrung und Staunen, und fragt, was es denn mit diesem  gut  und  nicht gut  zu bedeuten hat. Grund zu einer solchen Verwirrung wäre nun allerdings vorhanden, wenn in all diesen Fällen das Wort  gut  streng ein und dieselbe Sache bezeichnen sollte. Eine etwas genauere Betrachtung der obigen Beispiele zeigt aber, daß es sich nicht um den scharfen kontradiktorischen Gegensatz zwischen  gut  und  nicht gut,  sondern um die viel besser zu vereinigenden Gegensätze der disparaten Begriffe  angenehm  und  schädlich,  und  unangenehm  und  nützlich  handelt. Der Begriff  gut  stellt sich als allgemeiner über die besonderen Begriffe des Angenehmen und Nützlichen, die zwar eine Ähnlichkeit miteinander haben, sich in anderer Hinsicht jedoch so voneinander unterscheiden, daß es dem scharfen Denken nicht einfallen kann, sie als identisch mit demselben Wort zu bezeichnen. Geschieht dies bei minderer Schärfe, so ist es ein Fehler gegen die Logik, der freilic zu gering ist, um für die Bedürfnisse des täglichen Lebens fühlbar zu werden. Das wissenschaftliche Denken aber, welches verpflichtet ist, hierin genauer zu verfahren, hat diese Andeutung sorgfältiger zu verfolgen.

Ordnet sich nun der allgemeine Begriff vom Guten über die besonderen Begriffe vom Schönen, Angenehmen, Nützlichen, Kostbaren und Erwünschten, so wird der eigentliche Inhalt desselben durch diejenigen Merkmale gebildet werden, welche als dieselben sich in all diesen besonderen Begriffen vorfinden. Zur Entwicklung dieser allen gemeinschaftlichen Merkmale könnte es erforderlich erscheinen, all jene besonderen Begriffe vollständig aufzuführen. Doch da es nicht möglich ist, die Vollständigkeit einer solchen Aufführung scharf und genügend zu beweisen, so muß es genügen, wenige besonders hervorstechende zur weiteren Untersuchung hervorzuheben, falls dieselben nur Verschiedenheiten genug darbieten, um nicht als identisch zu erscheinen. So bieten die Begriffe des Schönen, des Angenehmen, des Nützlichen, des Kostbaren und des Erwünschten hinreichende Verschiedenheiten dar, um zu dem Schluß zu berechtigen, der von ihnen abstrahierte allgemeine Begriff werde auf für andere etwa noch hinzuzufügende besondere, in diese Kategorie gehörende Begriffe dieselbe Gültigkeit haben.

In den Begriffen des Schönen, des Angenehmen, des Nützlichen, des Kostbaren und des Erwünschten ist aber als allgemeines Merkmal der Begriff der Schätzung vorhanen, und zwar in derjenigen Bedeutung dieses Wortes, welche genauer durch eine Hochschätzung bezeichnet zu werden pflegt. Einige Schwierigkeiten, welche aus den verschiedenen Bedeutungen des Wortes  Schätzung  hervorgehen könnte, dürfen hier nicht ganz unberücksichtigt bleiben. Das Wort  Schätzung  verbindet sich nämlich in einer engeren Bedeutung mit dem Begriff des Taxierens und Messens, durch welches, wie viel ein Ding wert sei, in einer Geldsumme, oder etwas dem ähnlichen ausgedrückt wird. In weiterer Bedeutung aber knüpft sich daran ein Begriff, in dessen Umfang die Begriffe der Hochschätzung und Geringschätzung liegen, und umfaßt so neben dem Begriff vom Guten auch den vom Bösen. Es darf jedoch dieses Verhältnis dieser Begriffe fürs erste unberücksichtigt bleiben und  Schätzung  nur zur Bezeichnung der Hochschätzung angewendet werden, ohne dem Sprachgebrauch zuwider zu handeln. Denn man pflegt von unschätzbaren Gegenständen zu sprechen, die keinem noch so großen Preis gleichgestellt werden dürfen, weil es ihrem Wesen widerspricht, als Gegenstände des Kaufs und Verkaufs betrachtet zu werden. Indem man sie aber als unschätzbare bezeichnet, verlangt man gerade, daß sie mehr geschätzt werden sollen, als irgendetwas, was um einen noch so hohen Preis wirklich feil steht. Und diese Schätzung unschätzbarer Dinge ist es, von welcher oben gesagt wurde, daß sie den Inhalt des Begriffs vom Guten als eines allgemeinen Begriffs bildet, und es darf unter dieser näheren Bestimmung kein Mißverständnis befürchtet werden, wenn die Behauptung aufgestellt wird, daß alles dasjenige gut ist, was auf irgendeine Weise geschätzt wird.

Dadurch, daß der Begriff vom Guten dem Begriff der Schätzung gleichgestellt worden ist, scheint auf den ersten Blick nur ein dunkler Begriff an die Stelle eines andern getreten zu sein. Denn auf die Frage, was  Schätzung  ist, kann nur auf die verschiedenen Arten der Schätzung zurückgewiesen werden, welche durch die Begriffe des Schönen, des Angenehmen, des Nützlichen usw. bezeichnet werden. Aus dem Umstand, daß alle diese Prädikate den Dingen nur insofern zukommen können, als sie unter diesen oder jenen Umständen vorgestellt werden, ergibt sich zwar, daß die Schätzung selbst in einem bestimmten Denken und Urteilen bestehen muß. Die Natur dieses Denkens und Urteilens aber kann nur durch metaphysische und psychologische Untersuchungen erörtert werden, welche nur dann mit Erfolg so weit getrieben werden können, wenn die ganze Reihe der Schätzungsbegriffe mit Hilfe der Logik vollständig bestimmt ist. Der Begriff der Schätzung als nachgewiesener Erfahrungsbegriff bietet aber auch ohne weitere psychologische Erörterung die Mittel dar, die Reihe der besonderen Schätzungsbegriffe vollständig zu entwickeln, und so zumindest den Umfang desselben genau zu bestimmen, ohne daß es nötig ist, den Inhalt desselben weiter zu berücksichtigen, als er sich der unmittelbaren Erfahrung eines jeden darbietet. Dieses Mittel ist in den Beziehungen des Begriffs der Schätzung enthalten.


§ 2.
Von den Beziehungen
des Begriffs der Schätzung

Es ist nicht möglich den Begriff der Schätzung zu denken, ohne zu gleicher Zeit an ein Subjekt zu denken, welches da schätzt, und an ein Objekt, welches geschätzt wird. Diese beiden Punkte bilden demnach die notwendigen Beziehungen dieses Begriffs. Vergleicht man den Begriff der Schätzung in dieser Hinsicht mit dem vom Guten, so zeigt sich sogleich, wie viel durch die Gleichstellung dieser beiden Begriffe an Bestimmtheit und Klarheit gewonnen wurde. Denn beim letzteren tritt mit Bestimmtheit nur die Beziehung auf ein Objekt hervor, welches da gut sein soll; die Beziehung auf ein Subjekt, wiewohl vielfach in Anregung gebracht, konnte sich jedoch nicht als notwendig geltend machen, solange es noch zulässig erschien, von einem absoluten Gut zu reden. Dagegen veranlaßte die oben gerügte Verwirrung dieses allgemeinen Begriffs mit den unter ihm befindlichen, und zwar hauptsächlich mit dem der Nützlichkeit, daß eine dem allgemeinen Begriff vom Guten ganz fremde Beziehung auf ein zweites Objekt, zu welchem ein Gegenstand gut sein soll, sich eindrängte, daß man sich zum Unglück der Wissenschaft daran gewöhnte, die Begriffe  Gut  und  Nützlich  für identisch zu halten. Doch hat in Beziehung auf diesen Punkt die Spekulation noch anderweitige Sünden zu büßen.

Faßt man die notwendigen Beziehungen des Begriffs der Schätzung auf ein schätzendes Subjekt und ein geschätztes Objekt zusammen, so ergibt sich, daß die Schätzung in jedem Fall ein Verhältnis zwischen Person und Sache voraussetzt. Von welcher Art dieses Verhältnis sein muß, um eine Schätzung herbeizuführen, mußt der Psychologie zur weiteren Entwicklung überlassen bleiben, da hier nur so viel darüber zu wissen erforderlich ist, daß aus diesem Verhältnis ein auf besondere Weise bedingtes Vorstellen und Urteilen hervorgehen muß. Die Materie des Verhältnisses bleibt also hier den Blicken und der Untersuchung fast ganz entzogen: ist nun in demselben ein Hilfsmittel zur Bestimmung, Sonderung und Ordnung besonderer Schätzungsbegriffe vorhanden, so kann dasselbe nur von der Form dieses Verhältnisses dargeboten werden.

Die Form eines Verhältnisses zwischen Person und Sache, ganz abgesehen von seiner Materie, kann nun verändert werden sowohl in Bezug auf die Zahl der in dasselbe eintretenden Personen und Sachen, als auch in Bezug auf die Stellung der Glieder, so daß an die Stelle  eines  Verhältnisses eine Reihe von Verhältnissen tritt, deren Glieder nach den Regeln der Kombinationslehre sich auf eine feste, jeder Willkür enthobene Weise entwickeln. Läßt sich nun mit Hilfe dieser Reihe eine Reihe der Schätzungsbegriffe bilden, so werden die einzelnen Glieder mit derselben Evidenz und Bestimmtheit hervortreten müssen.

§ 3.
Von den verschiedenen Arten der Schätzung

Wenn zur Sonderung und Anordnung der Schätzungsbegriffe kein anderes Mittel vorhanden wäre, als die formelle Entwicklung des der Schätzung zugrunde liegenden Verhältnisses zwischen Person und Sache, so würde sich die Untersuchung in einer sehr schwierigen Lage befinden. Sie ist nun wohl imstande, alle diese Schwierigkeiten aus ihren eigenen Mitteln zu überwinden. Doch weil ein solcher Gang vielen als gar zu philosophisch erscheinen möchte, so kann hier wohl dasjenige Hilfsmittel benutzt werden, welches sich ganz außerhalb der Untersuchung selbst im Reichtumg der Erfahrung aufdrängt. Die Erfahrung bietet nämlich eine große Menge von Schätzungsbegriffen, von denen einige so große spezifische Verschiedenheiten zeigen, daß eine gewisse Gewalt dazu gehört, si, wie das Schöne und das Nützliche, in eine Kategorie zu werfen, andere aber so geringe Abweichungen voneinander der oberflächlichen Beobachtung zeigen, daß sie, wie die Begriffe  Wert  und Preis, Gefahr laufen, sich wechselseitig ineinander zu verlieren. Mag unvorsichtiges Denken nun hier auch vielfältige Fehler begangen haben, so sind doch alle hierher gehörigen Begriffe so vielfach und in so verschiedenen Richtungen durchforscht worden, daß kaum der Vermutung Raum gegeben werden darf, es seien auf diesem Gebiet noch ganz neue Begriffe zu entdecken. Es wird vielmehr nur darauf ankommen, die schon vorhandenen Begriffe genauer zu bestimmen, schärfer zu sondern und durch eine bestimmte Regel ihrer Anordnung sie vor einem neuen Rückfall in eine chaotische Verwirrung zu schützen. Die Untersuchung darf demnach diese unausgebildeten und verwirrten Begriffe als denjenigen Stoff betrachten, durch dessen weitere Bearbeitung jene Begriffe vollendet und genau bestimmt der Wissenschaft und dem Leben zurückgegeben werden sollen.

So stellen sich nunmehr die Begriffe des Guten, des Schönen, des Würdigen, des Angenehmen und des Erwünschten, die Begriffe des Gebrauchs-, des Tausch- und der verschiedenen Arten des Wertes, der Begriff des Preises in seinen verschiedenen Modifikationen, und was sonst noch für Schätzungsbegriffe mit Hilfe der Wörterbücher nachgewiesen werden könnten, den regelrecht geordneten Formen des Schätzungsverhältnisses gegenüber, um durch einen Vergleich mit denselben selbst eine bestimmte Form zu erhalten. Den Hauptgesichtspunkt der Untersuchung werden aber die streng bestimmten Formen des Schätzungsverhältnisses bilden, da hier kein Verdacht einer absichtlichen oder absichtslosen Verwirrung obwalten kann. Der Anfang ist hierbei von denjenigen Formen des Schätzungsverhältnisses zu machen, welche zwischen  einer  Person und  einer  Sache obwalten können, dann sind diejenigen Formen zu betrachten, welche stattfingen zwischen  einer  Person und mehreren Sachen, darauf diejenigen, bei welchen  eine  Sache mherere Personen zusammentreten, schließlich aber diejenigen Formen zu untersuchen, bei welchen mehrere Personen und mehrere Sache als dieses Verhältnis bildend vorausgesetzt werden.

Es bedarf wohl kaum der Erwähnung, daß es bei dieser Methode der Begriffsentwicklung notwendig ist, die zwecks derselben gemachten Voraussetzungen auf das Strengste festzuhalten, so daß, wenn von  einer  Person und  einer  Sache die Rede ist, jede Reflexion darauf abgeschnitten ist, daß es außer dieser noch andere Personen und andere Sachen gibt. Ja, wenn von  einer  Sache geredet wird, so darf nicht einmal dadurch der Gesichtspunkt verrückt werden, daß eine Mehrheit von Eigenschaften bei dieser  einen  Sache vorausgesetzt werden kann, wobei diese Beziehungen zu  einer  oder zu mehreren Personen gestattet, daß dieselbe ohne Fehler als eine Mehrheit von Sachen betrachtet werden könnte. Die Schärfe der Untersuchung verlangt, daß wenn von  einer  Sache die Rede ist, diese Einheit so streng genommen wird, daß jede quantitative oder qualitative Vielheit daneben verschwindet.

An den Anfang derjenigen Kombinationsreihen, welche die verschiedenen Formen des Schätzungsverhältnisses bilden, tritt das Verhältnis zwischen  einer  Person und  einer  Sache in doppelter Gestalt, indem dasselbe obwaltend gedacht werden kann entweder zwischen  einer  Person und  einer  Sache, oder zwischen  einer  Sache und  einer  Person. Liegt hierin wirklich die Hindeutung auf zwei verschiedene Arten der Schätzung, so können sich diese nur dadurch voneinander unterscheiden, daß im ersten Fall der Hauptgrund der Schätzung in der Person liegt, während er im zweiten Fall sich an die Sache anknüpft. Denn, streng genommen, kann nicht die Rede davon sein, daß der Grund der Schätzung in einem bestimmten Fall allein in der Person, oder allein in der Sache liegt, weil beide als notwendige Beziehungen dieses Begriffs erkannt wurden, es wird sich weiter unten Gelegenheit finden, diesen Punkt zumindest einigermaßen zu beleuchten, dessen schwierige Untersuchung hier absichtlich beiseite geschoben wurde. Begnügt man sich zuerst bei der obigen, allerdings etwas unbestimmten, Erklärung, so fragt es sich demnächst, ob eine Schätzung erfahrungsmäßig nachgewiesen werden kann, bei welcher Beschaffenheit der Sache so in den Hintergrund treten, daß nur die Gemütsveränderungen der Person als die Schätzung bestimmend angesehen werden dürfen, und eine andere, bei welcher die Schätzung also an der Qualität der geschätzten Sache haftet, daß zufällige Veränderungen in der Gemütslage der Person gar keinen Einfluß auf ihre Bestimmung ausüben können. Es ist nicht schwer, diese beiden verschiedenen Schätzungsarten als Tatsachen der Erfahrung nachzuweisen.

Was nämlich die erste anbelangt, welche ihren Hauptgrund in der Person sucht und findet, so zeigt es sich, daß sehr häufig ein und derselbe Gegenstand verschieden geschätzt wird nach Maßgabe der verschiedenen Gemütsstimmungen, in welcher sich das schätzende Subjekt befindet. Die Schätzung ändert sich mit der Gemütslage, sie steigt und fält durch alle Phasen der Laune, oftmals bereit, in den Stürmen der Leidenschaft die höchsten Grade der Liebe mit den untersten Stufen der Aneignung und des Hasses zu vertauschen. Die Beschaffenheit des Gegenstandes bleibt dabei stets unverändert, sie ist gar keinem Einfluß jener Veränderungen unterworfen, und bestimmt dieselben nur auf so mittelbare Weise, daß das Häßlichste und Schädlichste von der höchsten Leidenschaft der Liebe und des Begehrens erfaßt werden kann, während das Schönste und Beste nicht sicher ist, daß es auch neben der Anerkennung dieser Schönheit und Güte eben vielleicht darum umso leidenschaftlicher gehaßt wird. Hierbei beweist aber diese Schätzung, daß sie von den Eigenschaften der Dinge gar nicht abhängt, sondern allein in den Zuständen der Seele ihre Bedingungen und mit ihnen ihre Regeln und Normen findet. Diese nur von der inneren Gemütslage des schätzenden Subjekts abhängende Schätzung eines Gegenstandes wird künftig allein mit dem Namen des Wertes bezeichnet werden.

Die andere Schätzungsart, welche sich an die Form des Verhältnisses zwischen  einer  Sache und  einer  Person anknüpft, macht sich in ebenso entscheidenden Tatsachen geltend. Denn es gibt große Massen von Gegenständen, welche gar nicht auf jene veränderlichen und zufälligen Lagen des Gemüts warten, um als gut, schön und preiswürdig anerkannt zu werden. Die ihnen gebührende Hochschätzung ist so eng mit ihnen verbunden, daß sie nicht aufhören, schön und preiswürdig zu sein, wenn ihnen auch aus irgendwelchen Gründen die Anerkennung verweigert werden sollte. Sie warten nur auf eine ruhige, leidenschaftslose Betrachtung, um bei einem jeden, der sie vollständig aufzufassen vermag, ihr Recht zu finden. Das Schöne wird nicht schön dadurch, daß es Gegenstand ist der Liebe und der Verehrung, es bleibt auch schön als Gegenstand des Hasses und der Verachtung: das Angenehme bleibt angenehm, selbst wenn es wegen der Schädlichkeit seiner Folgen vermieden und geflohen wird. Diese allein von der Beschaffenheit des Gegenstandes abhängende Schätzung wird mit dem Namen  Würde  bezeichnet werden.

Wenn zwischen den beiden Verhältnissen zwischen Person und Sache, und zwischen Sache und Person es sich um die Bestimmung der Rangordnung handelt, so dürfte nicht leicht jemand angeneigt sein, dem Verhältnis zwischen Person und Sache die erste Stelle einzuräumen, weil der Person ein gewisses Übergewicht vor der Sache beiwohnt. Es ist jedoch oben bemerkt worden, daß beim Begriff des Guten, als dessen Repräsentant hier der Begriff der Schätzung auftritt, die Beziehung auf ein Subjekt, welchem jener Begriff als Prädikat hinzugefügt werden muß, um dem Gedanken zumindest einige Vollständigkeit zu geben, sich mit einem solchen Übergewicht vor der Beziehung auf eine Person geltend macht, daß die letztere Beziehung bei oberflächlichem Denken ganz aus dem Gesichtskreis hinaustritt. Mit Berücksichtigung dieses Punktes ist die Untersuchung gezwungen, auf die objektive Beziehung des Begriffs der Schätzung das größere Gewicht fallen zu lassen, und unter allen möglichen Formen des Schätzungsverhältnisses zuerst diejenige zu erwägen, in welcher sich dasselbe zwischen  einer  Sache und  einer  Person bildet. Zur Erleichterung der Entwicklung wurde in dem obigen dieser Gesichtspunkt unberücksichtigt gelassen. In der streng systematisch geordneten Reihe der Schätzungsbegriffe muß jedoch dem Begriff der Würde der erste Platz zuerkannt werden, der ihm auch seines Inhaltes wegen zuzukommen scheint, der des Wertes aber jenem als der zweite hinzugefügt werden.

Bevor die nächste Klasse der Kombinationen zur Erwägung gezogen wird, muß noch bei einem Fall der ersten verweilt werden, der zumindest als möglich vorausgesetzt werden könnte. Der Unterschied der an die beiden Formen der ersten Klasse geknüpften Schätzungen, der Würde und des Wertes, wurde darin gesetzt, daß einmal der Hauptgrund der Schätzung in die Sache, das anderemal aber in die Person gelegt wurde. Es liegt hierin das nicht zu umgehende Zugeständnis, daß immer noch ein Teil des Grundes das einemal in der Person, das anderemal in der Sache vorhanden gedacht werden muß, eben weil die Schätzung jedesmal diese beiden Beziehungen notwendig voraussetzt. Nun fragt es sich, ob für den Fall, daß diese Gründe so gleich verteilt sind, daß von einem Übergewicht auf der einen oder auf der anderen Seite nicht die Rede sein darf, eine besondere Art der Schätzung mit einem besonderen Begriff zu verknüpfen sein wird. In solchen Fällen pflegt aber schon die Denkweise des gewöhnlichen Lebens eine Sonderung der beiden Bedingungen eintreten zu lassen, und einzugestehen, daß der Grad des von der Liebe abhängenden Wertes ganz unabhängig neben der auch sonst anzuerkennenden Schönheit des Gegenstandes steht. Das Interesse der Wissenschaft erfordert es, diese Sonderung der beiden Begriffe  Würde  und  Wert,  wo sie sich auf ein und dasselbe Objekt richten, genau auszuführen. Hiermit fällt aber jede Veranlassung fort, für solche Voraussetzungen einen besonderen Schätzungsbegriff anzunehmen.

Die zweite Klasse der Kombinationen, in welcher die Verhältnisse zwischen  einer  Person und mehreren Sachen auftreten, zerfällt auf gleiche Weise in zwei Hauptunterabteilungen, in die Formen desselben zwischen  einer  Person und mehreren Sachen und in die zwischen mehreren Sachen und  einer  Person.

Was die erste Unterabteilung dieses Falles betrifft, so kommt dabei nichts darauf an, wie viele Sachen als eintretend in dieses Verhältnis gedacht werden mögen. Denn mögen diese mehreren Sachen als bloße Summanden auftreten, oder durch irgendwelche andere Beziehungen miteinander zusammenhängen, so wird durch die Form dieses Verhältnis gefordert, daß der Hauptgrund der Schätzung der also zusammenhängenden Dinge in der Person enthalten sein soll. Die Schätzung wird also unter solchen Voraussetzungen nie aus den Schranken des Wertes hinaustreten können. Anders verhält sich dagegen die Sache, wenn diese Form in der Gestalt des Verhältnisses zwischen mehreren Sachen und  einer  Person auftritt. Stellen sich aber mehrere Sachen der Beobachtung gegenüber, so werden diese entweder durch keine, oder durch eine äußere, oder schließlich durch eine in ihnen selbst liegende Beziehung festgehalten. Der erste dieser Fälle kommt hier ebensowenig zur Betrachtung wie der zweite, denn das Verhältnis zwischen mehreren Sachen und einer Person zuerfällt dann in soviele einzelnen Verhältnisse zwischen  einer  Sache und  einer  Person, als Sachen angenommen wurden, im zweiten Fall vereinigen sich die mehreren Sachen in eine Summe, und ergeben auch nur das Verhältnis zwischen  einer  Sache und  einer  Person. Innere Beziehungen zwischen mehreren voneinander verschiedenen Sachen fallen aber immer in die Form des Kausalverhältnisses, weil zwischen zwei Dingen dieser Art kein anderes Verhältnis als das zwischen Grund und Folge obwalten kann. Hat nun die Frage, ob sich aus einem Verhältnis zwischen mehreren Dingen und  einer  Person eine besondere Art der Schätzung knüpft, eine Bedeutung, so knüpft sie sich an die Lösung der Frage, ob die Kausalverbindung zweier Dinge ein Verhältnis von der Art ist, daß der eine Gegenstand eben wegen dieser Verbindung mit dem andern von einer Schätzung getroffen wird, welche ohne diese Verbindung ihm ganz fremd bleiben würde. Diese Frage aber beantwortet sich beinahe von selbst. Denn ist die Folge ein wegen seiner Würde oder wegen seines Wertes geschätzter Gegenstand, so reflektiert sich diese Schätzung desselben auf den Grund, wird dabei aber so modifiziert, daß sie nicht weiter als Würde oder als Wert betrachtet werden darf. Diese Schätzung des Grundes aus Rücksicht auf die geschätzte Folge ist von jeher mit dem Namen der Nützlichkeit bezeichnet worden.

Auf gleiche Weise kann die Schätzung des Grundes auf die Folge übertragen und reflektiert werden. In solchen Fällen wird diese nach derjenigen Schätzungsart erwogen, welche sich an den Begriff der Kosten knüpft.

Die beiden Schätzungsbegriffe der Nützlichkeit und der Kosten stimmen mit den darüber herrschenden Ansichten so sehr überein, daß es nicht nötig erscheint, schon hier länger dabei zu verweilen.

Wenn an die Stelle zweier Sachen drei, vier oder mehrere treten, so wird im wesentlichen gar nichts geändert. Denn es bleibt immer nur das Kausalverhältnis, welches die Entstehung neuer Schätzungsarten bedingen könnte, und es macht hierbei gar keinen Unterschied, ob diese mehreren Sachen durch dasselbe so verbunden werden, daß aus  einer  die übrigen als gleichzeitige Folgen hervorgehen, oder also, daß aus einem Grund durch eine beliebig lange Reihe von unmittelbar auseinander hervorgehender Folgen eine letzte als Hauptfolge mittelbar hervorgehend vorgestellt wird. Die Mittelglieder werden in einem solchen Fall zu gleicher Zeit wegen ihrer Nützlichkeit und wegen ihrer Kosten geschätzt werden, doch wird sich keine neue Schätzungsart aus diesem Umstand bilden können.

Die dritte Klasse der Kombinationen setzt  eine  Sache mehreren Personen gegenüber. Auch hier sind zwei Hauptabteilungen zu betrachten: diejenigen, in welchen die mehreren Personen der  einen  Sache, und diejenigen, in welchen die  eine  Sache den mehreren Personen gegenübertritt.

Wenn nun in jedem dieser Fälle die mehreren Personen nur eine Summe bildend vorausgesetzt werden, so kann keine neue Schätzungsart daraus hervorgehen, sondern jede unter diesen Umständen sich bildende in die Kategorie der Würde oder des Wertes fallen müssen. Wenn dagegen die mehreren Personen in solchen Beziehungen stehen, daß sie nicht mehr als eine bloße Summe betrachtet werden dürfen, so können alle diese Beziehungen zwei Gesichtspunkten untergeordnet werden. Denn sie werden entweder auf die Schätzung des Gegenstandes allein gerichtet sein, oder es werden dieselben durch Interessen anderer Art, wie sie durch den Gegenstand hervorgerufen werden können, vermittelt werden. Im ersten Fall werden sich bestimmte Regeln für die Schätzungen nach dem Wert und nach der Würde bilden und dies geschieht, wie die Erfahrung lehrt, fast überall durch Sitte und Gewohnheit. Im zweiten Fall dagegen wird die Sache ein Gegenstand des Streites werden; die einzelnen Personen werden dann jede für sich den Gegenstand nach Wert und Würde schätzen, von neuen Arten der Schätzung wird aber weder in diesem noch in jenem Fall die Rede sein können.

Die vierte Klasse der hier zu betrachtenden Kombinationen stellt schließlich mehrere Personen mehreren Sachen gegenüber. Es bedarf nur der Erwähnung, daß unter den durch diese Voraussetzung als möglich bedingten Fällen eine ähnliche Übereinstimmung Vieler über die Schätzung der Gegenstände nach ihrer Nützlichkeit und nach ihren Kosten herbeigeführt werden kann, wie sie so eben in Beziehung auf die Würde und auf den Wert nachgewiesen worden sind. Neben diesen Fällen kann sichjedoch noch eine eigentümliche Verbindung der Beziehungen zwischen den mehreren Personen und den mehreren Sachen ausbilden, welche das Fundament zu einer neuen Schätzungsart abgibt.

Solange den widerstreitenden Interessen mehrerer Personen nur  ein  Gegenstand gegenüber stand, in welchem jene Interesse aufeinander stießen, konnte der daraus hervorgehenden Streit jene Personen nur so isolieren, daß sie in Beziehung auf die Schätzung des Gegenstandes demselben nur als einzelne Personen gegenübertraten. Sind aber mehrere Sachen vorhanden, so kann ein jedes der widerstreitenden Interessen sich auf eine andere Sache so richten, daß dieselben, weit entfernt, sich feindselig einander gegenüber gestellt zu bleiben, vielmehr sich wechselseitig unterstützen. Die Bedingungen, unter welchen sich dergleichen ereignen wird, lassen sich auf leichte Weise entwickeln, wenn der Einfachheit wegen nur zwei Personen und zwei Sachen angenommen werden.

Die Personen sollen mit  P1  und  P2,  die Sachen mit  R1  und  R2  bezeichnet werden:  P1  schätzt  R1  nach seinem Wert und  P2 R2  auf gleiche Weise;  P1  dagegen befindet sich im Besitz von  R2  und  P2  im Besitz von  R1,  und sämtliche Beziehungen zwischen diesen Personen und Sachen mögen dadurch miteinander verschlungen gedacht werden, daß  P1  und  P2  sich in einer Lage befinden, welche jedem gestattet, den Besitz der von ihm dem Wert nach geschätzten Sache durch Tausch zu erwerben. Dann wird es nur auf den Willen dieser Personen ankommen, diesen Tausch in der Wirklichkeit auszuführen; dieser Wille aber wird sich an eine ganz eigentümliche Schätzung der beiden Gegenstände knüpfen.  P1  nämlich wir  R2  schätzen nach derjenigen Schätzung, welche  P2  auf  R1  anwendet,  P2  aber aus den gleichen Gründen aufgefordert sein,  R1  zu beurteilen nach der Schätzung, welche  P1  auf  R2  anwendet. Zum Tausch werden sie sich entschließen, wenn durch diese wechselseitigen Bestimmungen die Gleichheit der Leistung und Gegenleistung ermittelt worden ist. Diese Schätzung einer Sache in Gemäßheit der Schätzung, welche ein andere Person auf eine andere Sache anwendet, ist mit dem Namen des Preises zu bezeichnen.

Dieser etwas verwickelte Begriff des Preises kann erst weiter unten mehr erläutert werden. Deutlicher tritt er jedoch hervor, wenn die Zahl der Personen und Sachen vermehrt wird; am entschiedensten aber dann, wenn in einem bestimmten Umfang von Personen und Sachen alle Gegenstände von einem jeden beurteilt werden nach der Schätzung, welche alle Personen auf ein und denselben Gegenstand richten. Hierbei wird ein jeder die Schätzung der Gegenstände als Schätzung nach dem Preis, den ein und denselben Gegenstand aber als Geld leicht wiedererkennen.

Da es bei diesem Verhältnis ganz gleichgültig ist, von wie vielen Personen und von wie vielen Sachen dasselbe gebildet werden mag, so ist die Frage ganz unstattaft, ob auf diesem Weg noch andere Schätzungsarten als möglich entwickelt werden können.
LITERATUR Karl Thomas, Die Theorie des Verkehrs, Berlin 1841