ra-2ra-2H. LammaschN. MladenW. OstermannE. WachlerA. Ferguson    
 
HEINRICH DIETZEL
Selbstinteresse und Methodenstreit
in der Wirtschaftstheorie


"Den wirtschaflichen Egoismus als vermutlich einzig wirksamen psychischen Kausalfaktor zu  isolieren,  von den übrigen zu  abstrahieren  - eine solche Methode wäre grundsätzlich verkehrt und nur in der Anwendung auf gewisse konkrete Situationen weniger verkehrt als auf andere. Mag auch, z. B. heute bei uns, der Altruismus zumindest in der wirtschaftlichen Sozialsphäre der Regel nach eine wenig wichtige Rolle spielen - mag auch das Sprichwort, daß  in Geldsachen die Gemütlichkeit aufhört,  im allgemeinen gelten: es kann auch einmal anders sein."

"Physik, Chemie, Physiologie, Anatomie etc. erzeugen  abstrakte  Lehrsätze, formulieren Kausalreihen,  Gesetze,  welche immer nur einen - oder einige wenige - der  in concreto  waltenden Kausalfaktoren des natürlichen Geschehens in Betracht ziehen, welche sich daher als  hypothetische, fiktive  Ergebnisse darstellen. Im Zeichen dieser Methode der  Isolierung  ist die moderne Naturwissenschaft zu staunenswerten Siegen der Erkenntnis gelangt."

"Rau, Wagner, Menger  und andere haben versucht, die Prämisse des Egoismus gegen die historische Schule zu verteidigen. Sie kommen, im Detail auseinandergehend, darin überein, daß sie die Legitimation dieser Prämisse auf die Behauptung stützen, es sei der Egoismus, wenn auch nicht die einzige psychische Triebkraft, so doch die  allgemeinste und mächtigste;  daher darf, unter nachfolgender Kontrolle  in concreto,  die abstrakte Theorie vorerst mit ihr allein operieren."


I. Egoismus und Altruismus

Sagen wir von einem Individuum, daß es sich vom Selbstinteresse leiten läßt, mit anderen Worten, daß es  egoistisch  handelt, so soll dies bedeuten, daß das  subjektive Motiv  seines Handelns die Förderung des eigenen Ich ist, die Mehrung des eigenen Glücks, d. h. die Annäherung an den von diesem Individuum subjektiv als Ideal gesetzten Status der Außenwelt und Innenwelt.

Nur auf das subjektive Motiv, nicht auf das  objektive Ergebnis  kommt es an, um die Frage, ob sich eine Handlung als egoistische oder altruistische darstellt, zu entscheiden. Jeder Tauschakt z. B. hat, falls nicht Irrtum oder Zwang eingreift, zum objektiven Ergebnis die Förderung beider Tauschparteien, wenn auch das Maß auf beiden Seiten recht ungleich sein mag. Aber deshalb, weil jemand nicht bloß die Förderung des eigenen, sondern auch die eines fremden Ich durch seine Handlung bewirkt, streift diese keineswegs den Charakter einer egoistischen ab.

Sagen wir von einem Individuum, daß es  altruistisch  handelt, so soll dies bedeuten, daß das  subjektive Motiv  seines Handelns  nicht  die Förderung des eigenen Ich, sondern die eines fremden Ich ist. Das altruistische Individuum erstrebt die Mehrung des Glücks Anderer, ohne Rücksicht darauf, ob das objektive Ergebnis seines Handelns auf der Linie liegt, welche zur Förderung des eigenen Ich führt.

Auch das  egoistische  Individuum wird vielfach die Förderung Anderer nicht nur bewirken, wie oben schon gesagt, sondern auch darauf abzielen - letzteres aber nur soweit, als diese ihm ein  Mittel  ist zur Förderung des eigenen Ich. Für das  altruistische  Individuum ist die Förderung Anderer  Selbstzweck;  welcher Effekt durch ein solches Handeln für es selbst sich ergibt, gilt ihm gleich.

Abweichend bestimmt NOHLE (Staatslehre Platos, 1880, Seite 7) den Altruismus als "Einrichtung (des Handelns) nach eine  allgemeinen Prinzip  ohne jede Rücksicht auf den Erfolg für das Subjekt". Die Definition geht fehl: was hier  altruistisches  Handeln heißt, ist vielmehr die  Gesamtheit  des  nicht-egoistischen Handelns, von dem das altruistische nur die eine, allerdings die in der Wirklichkeit wichtigste Kategorie bildet.

Der Begriff "nicht-egoistisch" ist der weitere, "altruistisch" der engere. Nicht-egoistisches Handeln ist alles Handeln, welches seinen Anlaß und seine Richtschnur in einem "allgemeinen Prinzip", in einer  objektiven Idee  hat, die das Subjekt anerkennt und durchzuführen strebt, ohne nach dem "Erfolg für das Subjekt" zu fragen. Diese objektive Idee - welche ebensowohl aus der Vernunft, wie aus einer Offenbarung empfangen sein kann, -  kann  und wird vielfach ein altruistisches Handeln zur praktischen Konsequenz haben; notwenig ist dies aber nicht - sie schließt nur ein egoistisches Handeln, ein Handeln, welches ohne Rücksicht auf sie, zum Dienst des Eigenwohls geschieht, aus. Die konsequenten Apostel des Egoismu, STIRNER z. B., haben - von ihrem Standpunkt aus ganz mit Recht - nicht bloß den Altruismus, sondern, weit allgemeiner, den "Idealismus", im Sinne des Obigen, verdammt, die Empörung gegen alle "idealen Sparren" gepredigt.

Ein Beispiel mag erläutern, daß altruistisches Handeln und nicht-egoistisches Handeln sich keineswegs decken. Wenn Jemand nur deshalb von Selbstmord absieht, weil er ihn als Christ für eine Sünde hält, so braucht diese Handlungsweise keineswegs altruistisch zu sein; es ist denkbar, daß bei ihr das Motiv, anderen Individuen zu nützen, völlig fehlt. Aber sie gehört, wenn der Wille zum Weiterleben ausschließlich dem Gehorsam gegen das Gebot Gottes entstammt, zweifellos zur Kategorie der "nicht-egoistischen".

Somit bietet die heute vielfach beliebte Gegenüberstellung egoistischen und altruistischen Handelns keine erschöpfende Einteilung. Wenn auch in vielen, vielleicht in den meisten Fällen das Motiv des "nicht-egoistischen" Handelns in der Förderung Anderer liegen mag, so doch nicht in allem. -


II. Die Kontroverse: Egoismus oder Altruismus,
in der theoretischen und in der praktischen Soziallehre

Seit Beginn des Denkens über soziales Geschehen ist die Kontroverse lebendig, ob sich jener Gegensatz zwischen Egoismus und Altruismus, welcher als  begrifflicher  unleugbar besteht, in der Wirklichkeit, als  tatsächlicher  wiederfindet?

Daß man  objektiv,  nach dem äußeren Erfolg des menschlichen Handelns, so klassifizieren kann, daß man "jedes Handelns, welches den eigenen Vorteil - Egoismus, jedes Handeln, welches den Vorteil Anderer zum nächsten Zweck hat - Altruismus" tauft (wie DARGUN im Artikel  Altruismus,  Handwörterbuch der Staatswissenschaften, Bd. 1, Seite 281 formuliert), bedarf allerdings keines Beweises. Ob aber  subjektiv,  nach ihrem Motiv, gewisse Handlungen, wie dies oben geschehen, als egoisische, gewisse andere als altruistische gestempelt werden dürfen, ist eine der Fragen, über die von jeher der Kampf der Geister geführt wurde und bis in alle Zukunft andauern wird.

Schon die griechischen Philosophie ist sich des möglichen Gegensatzes der Entscheidung voll bewußt. Daß der Egoismus da ist, bezweifelt niemand; aber die Skepsis benagt die Annahme des Daseins des Altruismus. Ist nicht alles Handeln, welches den Vorteil Anderer bezweckt, doch im Kern egoistisch? Die große Mehrzahl der Sophisten bekennt sich zu letzterer Anschauung. Auch der SOKRATES der Memorabilien gründet das scheinbar dem Egoismus widersprechende Handeln "fast durchweg auf das Motiv des Nutzens" (ZELLER, Philosophie der Griechen II, Seite 103). "Wir sollen uns - so faßt ZELLER die Hauptsätze der sokratischen Sittenlehre zusammen - der Enthaltsamkeit befleißigen, weil der Enthaltsame angenehmer lebt als der Unenthaltsame; wir sollen uns abhärten, weil der Abgehärtete gesünder ist und weil es ihm leichter wird, Gefahren abzuwehren, Ruhm und Ehre zu erwerben; wir sollen bescheiden sein, weil die Prahlerei Schaden und Schande bringt; wir sollen uns mit unseren Geschwistern vertragen, weil es töricht ist, zum Schaden zu gebrauchen, was uns zum Nutzen gegeben ist; wir sollen uns um wahre Freunde bemühen, weil ein treuer Freund der nützlichste Besitz ist; wir sollen uns der Teilnahme an den öffentlichen Angelegenheiten nicht entziehen, weil das Wohlbefinden des Ganzen auch allen Einzelnen zugute kommt; wir sollen den Gesetzen gehorchen, weil dies  für uns selbst  und den Staat das  Nützlichste  ist und des Unrechts uns enthalten, weil es sich am Ende doch immer straft; wir sollen tugendhaft leben, weil die Tugend von seiten der Götter dem Menschen die größten  Vorteile  verschafft."

Überall wird hier der Egoismus angerufen, um ein altruistisches  Verhalten  zu bewirken. Mit anderen Worten: es wird so gerechnet, als ob es eine altruistische  Gesinnung,  als ob es ein altruistisch motiviertes Wollen nicht gäbe.

Im Mittelalter wird der Streit weiter geführt. Aber erst der Rationalismus der Neuzeit spitzt ihn zu vollster Schärfe zu.

Während die Einen (z. B. HELVETIUS) rundweg das Dasein des Altruismus verneinen, so bejahen es die Anderen - mehr oder minder bedingt. Während jene als Triebfeder  allen  menschlichen Handelns den so oder so maskierten Egoismus aufdecken, behaupten diese, daß Egoismus und Altruismus beieinander wohnen und das menschliche Handeln bald durch jenes, bald durch dieses Motiv beherrscht wird - wenn sie auch zugeben, daß viele Akte, welche dem oberflächlichen Betrachter als altruistische erscheinen, in Wahrheit aus der Quelle des Selbstinteresses fließen, sich darstellen als "une maniére intelligente de s'aimer soi-même" [eine kluge Art, sich selbst zu lieben - wp] (BASTIAT).

Neben das Problem, wie  ist  der Mensch, tritt das weitere Problem wie  soll  er sein, was soll er wollen und wie soll er handeln? Darf er dem Trieb nach dem eigenen Vorteil freies Spiel lassen, ist er berechtigt Egoist zu sein, oder soll er den Vorteil Anderer zur Norm nehmen - darf er jenes, soll er diese unbedingt oder mit gewissen Einschränkungen? Strittig wie jene Frage der  theoretischen  Soziallehre (der Wissenschaft, die das soziale Geschehen betrachtet, die das soziale Geschehen betrachtet, um dessen Ursachen zu erkennen) ist diese zweite, dem Gebiet der  praktischen  Soziallehre (der Wissenschaft, die Sätze aufstellen will, die dem menschlichen Wollen und Handeln, durch welches das soziale Geschehen gestaltet wird, als Richtschnur zu gelten haben) (1) angehörige Frage.

Ich habe diese letztere Frage bereits oben im Artikel  "Individualismus"  (Handwörterbuch der Staatswissenschaften, Bd. IV, Seite 1328f) gestreift. Anstatt, wie dort geschehen, zu sagen, daß Individual- und Sozialprinzip sich als logische Antinomien gegenüberstehen, hätte auch die Formel: Egoismus gegen Altruismus gewählt werden können.

Soll die politische und wirtschaftliche Ordnung gemäß dem  Individual prinzip gestaltet werden, d. h. die höchstmögliche Befriedigung jeden Individualinteresses als oberste Norm gelten, oder soll sie gemäß dem  Sozial prinzip gestaltet werden, d. h. die höchstmögliche Befriedigung des Sozialinteresses, des Interesses der Gesellschaft, als oberste Norm gelten? Dieses  aut-aut  [entweder - oder / wp], in anderen Worten, dem Sinn nach so ziemlich gleich - soll das soziale Leben auf den  egoistischen  oder den  altruistischen  Grundton gestimmt werden?

Auch dieses Problem, gleichfalls schon durch die griechische Philosophie gestellt, ist erst durch den Rationalismus der Neuzeit (z. B. STIRNER) in allen Konsequenzen entwickelt worden.

Es handelt sich hier wie dort um Kardinalpunkte der Sozialwissenschaft.

Will die  theoretische  Soziallehre das soziale Gewesensein, Sein, Seinwerden  causaliter  erkennen, so muß sie die  Motive  der Menschen kennen. Denn alles soziale Geschehen vollzieht sich ja durch das Medium des Willens; um es ursächlich zu ergründen, bedarf es der Kenntnis der Reaktionen des menschlichen Willens auf Verschiebungen des sozialen Status. Alle Geschichte - der einfachere Ausdruck für das, was oben theoretische Soziallehre genannt wurde - ist "angewandte Psychologie". Je nachdem Jemand zugibt oder bestreitet, daß der menschliche Wille sowohl egoistisch wie altruistisch reagieren kann, muß das Bild, welches er vom sozialen Geschehen gewinnt, verschieden ausfallen. Mag ein bereits abgeschlossenes Faktum zur Erforschung anstehen oder die Vorausbestimmung eines künftigen - nicht stets, aber in unbestimmbar vielen Fällen wird zuvor Klarheit darüber zu schaffen sein, ob nur mit dem Egoismus oder auch mit dem Altruismus der wirkenden Subjekte gerechnet werden muß.

Und für die  praktische  Soziallehre - zumindest für deren normativen Bestandteil, für die  Ethik  (2) - ergibt sich aus der Entscheidung der Kontroverse, ob sich der Mensch bei seinem Handeln ausschließlich durch den Egoismus leiten lassen darf oder nicht, der oberste Satz, durch welchen dann alle einzelnen ethischen Postulate bedingt sind. (Natürlich greift auch in die praktische Soziallehre jenes theoretische Problem - wie ist der Mensch - ein. Das Urteil darüber, welche Mittel zur Verwirklichung der ethischen Postulate anzwenden sind, muß verschieden ausfallen, je nachdem Jemand, wie oben gesagt, bestreitet oder zugibt, daß der menschliche Wille sowohl egoistisch wie auch altruistisch reagieren kann.)

Die sozial praktisch  - genauer: ethische - Grundnorm, nach welcher die höchstmögliche Befriedigung des Selbstinteresses jedes einzelnen Individuums als das oberste Gebot des sozialen Sein sollens  zu gelten hat, ist in dem Artikel  "Individualismus"  (a. a. O.) erörtert. Hier bliebe nur die sozial theoretische  Kontroverse zu untersuchen, ob das Selbstinteresse die einzige Triebkraft des menschlichen Handelns und damit des sozialen Geschehens ist?

Wie jene sozialpraktische, so ist auch diese sozialtheoretische Frage  axiomatischer  Natur: sie kann mit gleichem Recht bejaht oder verneint werden. Die Materialien zu ihrer Lösung liegen in Tiefen, zu deren Ergründung die menschliche Vernunft nicht ausreicht. Nur der, welcher "Herz und Nieren prüft", vermag die Antwort zu geben.

Weil dies so ist, wird das Denken über den Kausalzusammenhang der konkreten sozialen Phänomene niemals zu  absoluten,  von allen Denkern anerkannten Urteilen gelangen. Über vieles können die Urteile harmonieren, aber im Großen und Ganzen mß, infolge der Gabelung der Antwort auf diese ihre theoretische Kardinalfrage - auch aus anderen, hier nicht zu erörternden Gründen - die theoretische Soziallehre immer den subjektiven Stempel derer tragen, die sie lehren. "Es ist im Grund der Herren eigener Geist, in dem die Zeiten sich bespiegeln." Wer überzeugt ist, daß alles "Denken und Trachten des menschlichen Herzens böse ist von Jugend auf", wer den Menschen nur vom Selbstinteresse beweg glaubt, muß bezüglich der Ursachen des sozialen Geschehens zu anderen Schlüssen kommen, als wer im Menschen ein egoistisch-altruistisches Wesen sieht, wer an die "zwei Seelen" glaubt, die der  Faust  GOETHEs in seiner Brust fühlt.

Der Beweis, daß neben dem Egoismus auch der Altruismus als psychische Potenz im sozialen Geschehen wirksam ist, läßt sich nicht erbringen; der Beweis des Gegenteils ebensowenig. Ob man die Frage allgemein, oder in Hinsicht auf einen Einzelfall stellt - die Antwort hat für die, welche sie nicht glauben wollen, keine zwingende Kraft. Das "post hoc" [danach - wp] mag die theoretische Soziallehre - die Wissenschaft von der  Gesamtheit  des sozialen Geschehens, die Geschichte - zweifelsfrei darstellen; über das "propter hoc" [deswegen - wp] muß immer Streit herrschen.

Es fragt sich aber nun, ob die  Teil disziplinen der theoretischen Soziallehre, die Wissenschaften, die sich nur die Kausalanalyse eines  einzelnen  Gebiets des sozialen Geschehens, eines einzelnen Zweiges des menschlichen Wollens und Handels, als Aufgabe setzen, zu jener Kontroverse wie  ist  der Mensch, Stellung zu nehmen brauchen?

Die Frage ist eine "wohl aufzuwerfende" - vor allem für die sozialwissenschaftliche Teildisziplin, welche als theoretische Sozial ökonomik  - oder, kürzer, als Wirtschaftstheorie - bezeichnet wird. Der langwierige Methodenstreit zwischen "Dogmatikern" und "Historikern" ist in der Hauptsache aus dieser Kontroverse über die Motive des menschlichen Wollens erwachsen.


III. Die Kontroverse und der Methodenstreit
in der Wirtschaftstheorie


A. Aufgabe der Wirtschaftstheorie
und Methode der Isolierung

Kann die Wirtschaftstheorie um jenes fatale, unlösbare Rätsel, ob die Menschen nur egoistisch oder auch altruistisch handeln, herum kommen? Die Antwort hängt davon ab, welche Aufgabe man dieser Wissenschaft stellt, welche Ergebnisse man von ihr verlangt.

Fordert man (mit der historischen Schule), daß sie eine genaue kausale Analyse der  einen  Gruppe der  konkreten  Phänomene, eben der konkreten  Wirtschafts phänomene darbietet - daß sie die wirtschaftliche Wirklichkei voll und ganz erklärt, so ist sicher, daß sie nicht vermeiden kann, zu jenem Rätsel Stellung zu nehmen. Der einfachste, konkrete Vorgang, eine Preisbaisse [Preisverfall - wp] z. B., welche ihren äußeren Anlaß hat im Überangebot einer rasch verderbenden und daher nicht wohl vom Markt zurückzuziehenden Ware, läßt sich nicht genau, nicht bis in die letzten wirkenden Ursachen - die psychischen - hinein "exakt" erklären, wenn man nicht die verschiedenartigen  Motive,  unter denen die konkreten Käufer und Verkäufer handeln, kennt. Da ist vielleich ein Käufer, Herr  X,  welcher zwar von der für die Verkäufer ungünstigen Situation weiß, aber doch zu einem höheren Preis, als er eigentlich zu zahlen nötig hätte, den armen Leuten abnimmt. Der Theoretiker dieser konkreten wirtschaftlichen Erscheinung, welcher angewandte Psychologie treibt und treiben muß, wenn er nicht bloß das  post hoc  aufklären will, muß sich fragen - dieser Herr  X,  ist er ein Menschenfreund, oder ein maskierter Egoist, welcher nur seinen Namen im Wochenblättchen lesen möchte oder für seine Wahl zum Landtag Stimmung und Stimmen gewinnen? Altruismus oder Egoismus, Interesse für Andere oder Selbstinteresse - die Kontroverse kann in jedem konkreten wirtschaftlichen Phänomen ihr Schlachtfeld öffnen.

Jene Auffassung der historischen Schule von der Aufgabe der  Wirtschaftstheorie  ist aber unhaltbar. Diese Wissenschaft soll gar nicht die konkreten Wirtschaftsphänomene beschreiben und sie ursächlich begreifen lehren; wer ihr dieses Ziel setzt, vermischt sie, verwechselt sie mit der  Wirtschaftsgeschichte. 

Die  Wirtschaftsgeschichte  ist  keine selbständige Teildisziplin,  sondern ein Kapitel der allgemeinen theoretischen Soziallehre, oder Geschichte. Die konkreten Wirtschaftsphänomene sind unlöslich verschlungen mit den konkreten Phänomenen der übrigen Teilgebiet des Gesellschaftslebens. Um die wirtschaftlichen Bestände und Bewegungen einer Zeit, eines Volkes voll und ganz  causaliter  zu verstehen, bedarf es des Unterbaus einer Erkenntnis, welche sich über die volle und ganze geschichtliche Wirklichkeit ausspannt. Natur und Technik, Staat und Recht, Religion und Sittlichkeit, Bildung und Sitte müssen dem Forscherauge offen liegen, wenn es die  konkreten  Wirtschaftsphänomene exakt durchdringen will. Es gibt nur  eine  Geschichtswissenschaft, nur  eine  theoretische Soziallehre vom Konkreten; die Zerlegung derselben in Teildisziplinen vom Konkreten ist grundsätzlich zu verneinen.

Die Theorie der konkreten "Erscheinungsformen des wirtschaftlichen Lebens" (SCHMOLLER), mit anderen Worten: die  Wirtschafts geschichte, ist ein organisches Glied der  Sozial geschichte. Das konkrete wirtschaftliche Geschehen kann nur begriffen werden im Rahmen der Gesamtheit des sozialen Geschehens; jenes zu "isolieren", von seinem organischen Zusammenhang mit dem übrigen zu "abstrahieren", ist schlechterdings nicht erlaubt. Darin hat die historische Schule recht; und ebenso hat sie - wie bereits oben aus dem Beispiel erhellt - darin recht, daß bei aller wirtschaftsgeschichtlichen Arbeit die Annahme, als ob die Menschen, die auf der wirtschaftlichen Bühne agieren, nur vom wirtschaftlichen Egoismus bewegt würden - als ob sie hier als "nothing-but-economical-men" handelten, nicht gemacht werden darf. Immer und überall ist im Einzelfall zu prüfen, welche Motive die konkreten Individuen, die "vollen und ganzen Menschen" leiten. Zu gewissen Zeiten mag für gewisse soziale Gruppen jene Annahme ungefähr der Wirklichkeit entsprechen - zu anderen Zeiten, für andere soziale Gruppen nicht. Den wirtschaflichen Egoismus als vermutlich einzig wirksamen psychischen Kausalfaktor zu "isolieren", von den übrigen zu "abstrahieren" - eine solche Methode wäre grundsätzlich verkehrt und nur in der Anwendung auf gewisse konkrete Situationen weniger verkehrt als auf andere. Mag auch, z. B. heute bei uns, der Altruismus zumindest in der wirtschaftlichen Sozialsphäre der Regel nach eine wenig wichtige Rolle spielen - mag auch das Sprichwort, daß "in Geldsachen die Gemütlichkeit aufhört", im allgemeinen gelten: es kann auch einmal anders sein.

Wäre - wie die historische Schule meint - "der Nachweis dessen, was die genaue Beobachtung des geschichtlichen Lebens in seiner fortschreitenden Entwicklung und das psychologische Studium des (wirklichen) Menschen darbietet" (KNIES), die  einzige Aufgabe,  welche sich theoretisches Forschen über wirtschaftliches Geschehen stellen könnte, so würde allerdings die klassische Schule gefehlt haben, da sie eine Methode handhabte, mittels deren sie  diese  Aufgabe nicht zu lösen vermochte; dann würden allerdings die harten Anklagen gegen die "Naturgesetze" der RICARDO usw., welche die wirtschaftlichen Vorgänge des "geschichtlichen Lebens" nur unvollkommen zum Ausdruck brachten, - gegen die Nationalökonomie des "Egoismus", die, zur Gewinnung ihrer Lehrsätze, mit konstruierten "Marktmenschen" operierte, zutreffen.

Zumindest die Anhänger der (wie gesagt: nicht beweisbaren) Anschauung, daß neben egoistischen auch altruistische Motive die Menschen bewegen, müßten die aus der Prämisse des im Wirtschaftsleben allein waltenden Selbstinteressesaus der Annahme des Egoismus als einer "naturgesetzlich" wirkenden Kraft, unter deren "unbezwinglichen Antrieb" die wirtschaftlichen Entschlüsse, Handlungen und Ereignisse mit "Naturnotwendigkeit" sich vollziehen - gewonnenen Lehrsätze als "abstrakte Nebelbilder" (SCHMOLLER) kennzeichnen und verwerfen.

Sofern die RICARDO usw. in dem Wahn lebten - was aber keineswegs so allgemein der Fall war, wie ihre Gegner behaupten - daß derart gewonnene Lehrsätze die Erscheinungen des wirklichen Wirtschaftslebens exakt wiedergeben; sofern die RICARDO usw. - was sie aber wiederum keineswegs so allgemein taten, wie man ihnen vorwirft - dem Irrtum huldigten, als ob alle wirklichen, in der wirtschaftlichen Sozialsphäre handelnden Menschen hartgesottene "Egoisten" wären, hat ihnen die historische Schule eine verdiente Lektion erteilt - vielleicht zu schulmeisterlich im Ton, aber gerecht der Sache nach.

Die Frage ist aber eben:  muß  denn die Aufgabe allen theoretischen Forschens über wirtschaftliches Geschehen die Kausalanalyse  konkreter  Wirtschaftsphänomene sein? Ist es wirklich ein Vorwurf gegen die Wirtschaftstheorie der klassischen Schule, daß sie nicht will und nicht leistet, was die Wirtschaftsgeschichte will und leistet? Trifft jene Auffassung der historischen Schule von der  Aufgabe  nicht zu, so natürlich ebensowenig ihre Auffassung bezüglich der  Methode

Zweifellos ist nun, daß das  Endziel  des sozialtheoretischen Forschens die Erklärung, das ursächliche Begreifen der Wirklichkeit ist; wenn die Ergebnisse solchen Forschens nicht diesem Endziel zu dienen vermögen, so sind sie "pro nihilo" [vergeblich - wp].

Aber damit ist durchaus noch nicht gesagt, daß jede sozialtheoretische Arbeit nur von Wert sei, wenn sie ein Quantum Wirklichkeit erklärt, - daß der Fortschritt sozialtheoretischer Erkenntnis nur zu gewinnen ist durch eine Untersuchung möglichst vieler konkreter Fakta und deren systematische Verknüpfung. Hier liegt die "petitio principii" [es wird vorausgesetzt, was erst zu beweisen ist - wp] des Historismus: die Frage, ob nicht statt dieses  direkten  Weges - des direkten Losgehens auf das Konkrete - ein  indirekter  Weg dem Fortschritt sozialtheoretischer Erkenntnis besser dienen könnte, hält er für negativ entscheiden, ohne sie erst genauer zu prüfen.

Hat aber nicht die Naturwissenschaft einen solchen indirekten Weg mit großem Erfolg beschritten? Kann nicht,  mutatis mutandis  [unter sonst gleichen Umständen - wp] von der  Sozial wissenschaft die gleiche Taktik zur Erforschung des sozialen Geschehens angewandt werden, welcher die  Natur wissenschaft sich bedient, um die Geheimnisse der Naturwelt zu erlauschen?

Auch für diese bildet die Erklärung des Konkreten das Endziel des theoretischen Forschens. Aber sie begeht nicht den taktischen Fehler, sie verfällt nicht in die taktische Einseitigkeit, zu welcher die historische Schule die Wirtschaftswissenschaft zu verleiten sich müht. Sondern: sie fundamentiert das Wissen von der  ganzen  Wirklichkeit durch eine Reihe von  Teil disziplinen - Physik, Chemie, Physiologie, Anatomie etc. Diese Teildisziplinen erzeugen  abstrakte  Lehrsätze, formulieren Kausalreihen, "Gesetze", welche immer nur einen - oder einige wenige - der  in concreto  waltenden Kausalfaktoren des natürlichen Geschehens in Betracht ziehen, welche sich daher als "hypothetische", "fiktive" Ergebnisse darstellen. Im Zeichen dieser Methode der  Isolierung  ist die moderne Naturwissenschaft zu staunenswerten Siegen der Erkenntnis gelangt.

Gleicherweise verfuhr, auf einem Teilgebiet des sozialtheoretischen Forschens, die klassische Schule. Sie stellte sich nicht die  Aufgabe,  die konkreten Wirtschaftsphänomene zu beschreiben und ursächlich zu begreifen - diese Aufgabe ist, wie oben gesagt, nur zu lösen, wenn nicht nur das konkrete wirtschaftliche Geschehen, sondern die  ganze  Wirklichkeit des sozialen Geschehens beschrieben und ursächlich begriffen ist. Die theoretische Wissenschaft, welche sie zu begründen versuchten, sollte nur eine  Teil disziplin sein, welche die Wirkungsweise  eines  Kausalfaktors des sozialen Geschehens - nämlich des wirtschaftlichen Egoismus, richtiger des wirtschaftlichen Motivs - erkennen, mit anderen Worten: die Vorgänge darstellen  causaliter  analysieren wollte, die diesem einen entspringen. Und weil diese Teildisziplin nur die  spezifische Kausalität,  die spezifische Wirkungsweise dieses einen Faktors klarstellen sollte, mußte ihre Lehrsätze "abstrakt" sein, konnten die konkreten Wirtschaftsvorgänge, da eben in diese noch andere psychische Potenzen eingreifen, nicht mit photographischer Treue malen. Teil bewußt (RICARDO, SAY, THÜNEN), teils unbewußt (SMITH) ahmten die Vertreter der klassischen Schule das Vorgehen der Naturforscher nach, bezüglich der Auffassung der Aufgabe der Teildisziplin wie bezüglich der Gestaltung ihrer Methode.

Niemand hatte den Naturforschern einen Vorwurf daraus gemacht, daß z. B.  in concreto  kein Ding genau so fällt, wie der betreffende abstrakte, mittels der Methode der Isolierung gewonnene Lehrsatz bestimmt. Dagegen erhob, nachdem diese Methode Jahrzehnte lang gehandhabt wurde, die historische Schule das, was sie behauptete und noch behauptet, durchschlagende Bedenken, daß die abstrakten Preis-, Renten-, Zinsfuß- und Lohnformeln der Klassiker mit den konkreten wirtschaftlichen Vorgängen nicht übereinstimmten - jener Prämisse des alleinwaltenden Egoismus halber.

Das Bedenken ist aber völlig unbegründet. Jene abstrakten Lehrsätze des Sozialökonomen sollen nicht und können nicht konkrete wirtschaftliche Vorgänge genau wiedergeben, sie sollen und können vielmehr nur  Vorarbeiten  sein, dank welcher das Verständnis konkreter Vorgänge ganz außerordentlich erleichtert wird - genauso wertvolle Vorarbeiten, wie die abstrakten Lehrsätze der Physiker usw.

Machen wir uns die Analogie an einem Beispiel klar.

Der Physiker formuliert  in abstracto  den Lehrsatz von der ballistischen Kurve - ohne welchen kein konkretes Flugphänomen begriffen werden kann. Aber  in concreto,  z. B. auf dem Schießstand, reicht diese Vorarbeit nicht voll aus; eine "causa disturbans" kann eingreifen, welche im Lehrsatz ignoriert ist, ignoriert werden mußte - der Wind kann von rechts oder links, von vorwärts oder rückwärts, mit größerer oder geringerer Gewalt auf das Geschoß wirken und dessen Flugbahn beeinflussen; der Offizier, welcher die Übung leitet, muß dem Soldaten sagen, wie er sich, in Anbetracht dieses konkreten Umstandes, beim Zielen zu verhalten hat. Die  abstrakte Vorarbeit  wir durch eine  "realistische Nacharbeit  ergänzt und dadurch das  Endziel,  das Verständnis des Konkreten, erreicht.

Der Sozialökonom klassischer Observanz formuliert  in abstracto  den Lehrsatz von der Bewegung des Geldwerts, die sogenannte Quantitätstheorie. Er erschließt damit allen, die an Geldwertschwankungen ein theoretisches (oder praktisches) Interesse haben, erschließt dem Wirtschaftshistoriker wie dem Geschäftsmann eine überaus wertvolle Erkenntnis; aber für den Einzelfall reicht sie nicht voll aus.

Jene Kausalformel sagt, daß die Erscheinung  A  (Vermehrung der Geldmenge, des Angebots an Geld, ohne gleichzeitige Vermehrung des Geldbedarfs, der Nachfrage nach Geld),  wenn  die von ihr betroffenen Wirtschaftssubjekte bestrebt sind, aus dieser Situation möglichst großen Vorteil für sich zu gewinnen, möglichst wenig wirtschaftlichen Verlust erleiden - mit anderen Worten: wenn sie nur von einem wirtschaftlichen Motiv bewegt werden - die Erscheinung  B  zur Folge haben muß (entsprechende Verminderung des Geldwerts); und umgekehrt: die Erscheinung  A1  (Verminderung der Geldmenge usw.) die Erscheinung  B1  (entsprechende Steigerung des Geldwerts).

Wenn  die konkreten Wirtschaftssubjekte, auf welche die Erscheinung  A  oder  A1 in concreto  wirkt, genau der Prämisse entsprechen, welche dem abstrakten Lehrsatz zugrunde gelegt ist, so tritt auch im "geschichtlichen Leben" der Kausalismus  A-B,  bezüglich  A1 - B1  ein. In der Regel wird sich allerdings sozialwirtschaftliche Kausalismus, den die sogenannte Quantitätstheorie  in abstracto  formuliert, in der Wirklichkeit ebensowenig genau wiederfinden wie die ballistische Kurve der theoretischen Physik. Dort wie hier müssen  in concreto  all die Kausalfaktoren berücksichtigt werden, welche beim abstrakten Vorgehen absichtlich nicht berücksichtigt wurden.

Der Rubelspekulant hört von einer Vermehrung der Rubelmenge um 25 Prozent; nach der Quantitätstheorie müßte diese Vermehrung des Angebots von Zirkulationsmitteln falls die Nachfrage nach Zirkulationsmitteln konstant bleibt, binnen einer gewissen Frist das Disagio [Abschlag - wp] des Rubels gegen Metall um 25 Prozent steigern. Darf er nun auf diese Theorie hin sich bis zu diesem Kurs  á la baisse  einlassen?

Nicht ohne weiteres. Er wird sich vielmehr fragen, ob nicht gewisse Kausalfaktoren, welche die Theorie ignoriert hat und ignorieren mußte, in der Wirklichkeit das Maß des Disagio hemmen, vielleicht die bisherige Disagiohöhe erhalten, unter Umständen sogar eine Minderung des Disagio bewirken können?

Wenn z. B. eine größere Anzahl von leitenden russischen Finanziers die Rubel, die sich in ihren Kassen anhäufen, nicht weiterbegeben, sondern zinslos, gegen ihren wirtschaftlichen Vorteil, liegen lassen, um, aus patriotischen Motiven, den Kurssturz zu verhüten, so ist die Quantitätstheorie, welche auf der Prämisse erbaut ist, daß die von der Erscheinung der Geldmengevermehrung betroffenen Wirtschaftssubjekte nur vom Erwerbstrieb geleitet werden, durch dieses tatsächliche Spiel eines anderen Triebes im Widerspruch mit der Wirklichkeit.

Die abstrakten Lehrsätze der klassischen Schule unmittelbar für den Einzelfall der Wirklichkeit zu verwerten, geht nicht an. Zur Erklärung des Konkreten bedarf es - nicht immer, aber vielfach - noch der Heranziehung  anderer  psychischer Kausalfaktoren als des in diesen Lehrsätzen ausschließlich in Rechnung gestellten wirtschaftlichen Motivs; daß sie  in concreto  mitwirken von dem im Lehrsatz formulierten Vorgang bewirken können, muß stets im Auge behalten werden.

Aber mit allen naturwissenschaftlichen Lehrsätzen ist es eben nicht anders. Jeder physikalische Lehrsatz kann z. B. durch das Eingreifen von Kausalfaktoren, welche im Lehrsatz ignoriert sind, in mehr oder weniger großen Widerspruch zur Wirklichkeit geraten. Und ebensowenig wie der Offizier auf dem Schießstand die abstrakte Theorie von der ballistischen Kurve dadurch in ihrer Bedeutung herabwürdigt, daß er sich fragt, ob nicht irgendwelche Kausalfaktoren auf die Gestaltung der konkreten Flugbahn influieren [beeinflussen - wp], von denen der Lehrsatz schweigt - ebensowenig kann der Wert eines Lehrsatzes der Sozialökonomik, z. B. der Quantitätstheorie, gemindert werden durch den Vorwurf, daß er abstrakt ist, daß sich sein Inhalt nicht mit dem konkreten Vorfall voll deckt, weil in ihm nicht von allen psychischen Potenzen, unter deren Druck die konkreten Wirtschaftssubjekte stehen, Notiz genommen wird.

Zur Erklärung des Konkreten bedarf es der Berücksichtigung "aller wesentlichen Ursachen"; aber der Vorwurf, daß diese im Lehrsatz unterblieben sind, ist, wie oben gesagt, eine  petitio principii.  Die historische Schule - so oft man sie auch darauf hingewiesen hat - hat sich bis heute niemals ernsthaft die Frage vorgelegt, ob nicht durch Lehrsätze, die mittels der Methode der  Isolierung  gewonnen sind, ob nicht auf diesem  indirekten  Weg das Endziel des wirtschaftstheoretischen Denkens, die Erklärung des wirtschaftlich Konkreten, mindestens ebenso gut erreicht werden kann wie auf dem  direkten  Weg der Analyse möglichst vieler wirtschaftsgeschichtlicher Fakten. Sie hat niemals erwogen, daß nur mittels jenes  indirekten  Weges (abstrakte Vorarbeit, welche dann kontrolliert, bezüglich ergänzt wird durch "realistische" Nacharbeit) die  spezifische  Kausalität des auf Befriedigung wirtschaftlicher Bedürfnisse gerichteten Wollens und Handelns klar werden kann.

"Wenn eine Wirkung" - sagt JOHN STUART MILL - "von einem Zusammenwirken von Ursachen abhängig ist, so müssen diese Ursachen einzeln studiert und deren Wirkungsweise einzeln erforscht werden." Die Wirtschaftstheorie leugnet, indem sie als psychische Ursache von Vorgängen auf wirtschaftlichem Gebiet  nur  das wirtschaftliche Motiv in Betracht zieht, nur dessen Wirkungsweisen studiert und in ein System bringt, durchaus nicht, daß andere psychische Ursachen  in concreto  mit jener zusammenwirken, vielleicht sogar hier und da statt jener wirken können. Sie meint nur, daß die Enträtselung der "Herzensgeheimnisse des Verkehrs" (LASALLE) einfacher und rascher vor sich gehen wird, wenn  neben  dem direkten Weg, den die historische Schule für den einzig gangbaren, allein erfolgreichen erklärt,  neben  der unmittelbar auf das Konkrete gerichteten wirtschaftlichen Forschung - deren Bedeutung und Notwendigkeit niemand bestreitet - jener indirekte Weg beschritten wird, welchem die Naturwissenschaft so gewaltige Errungenschaften zu verdanken hat.

Nicht  aut - aut  darf es heißen sondern  et - et  [sowohl als auch - wp]. Beide Wege führen zum Endziel hin, der Erklärung des Konkreten. Daß mittels der Methode der Isolierung "Großes geleistet" wurde, wird von den Führern des Historismus zugestanden - ob auch künftig mittels ihrer Großes geleistet werden wird, das wird davon abhängen, ob sie wieder Männer finden, welche diese Methode so virtuos zu handhaben wissen wie TURGOT, RICARDO, THÜNEN.


B. Deduktion und Induktion

Der Methodenstreit hätte sich kaum so lange fortspinnen und so schroff gestalten können, wenn dessen Schlichtung nicht dadurch erschwert worden wäre, daß die Frage betreffs der Berechtigung der Methode der Isolierung verquickt wurde und bis heute verquickt wird mit der von ihr scharf zu trennenden Frage nach dem relativen Wert des deduktiven bezüglich des induktiven Verfahrens zwecks Gewinnung von wirtschaftstheoretischen Lehrsätzen.

Wer die Methode der  Isolierung  auf sozialwissenschaftlichem Gebiet für berechtigt erklärt, sagt damit nur, daß es zweckmäßig ist, die  spezifische  Kausalität  eines  der  in concreto  vielfach kombiniert wirkenden Motive menschlichen Handelns, unter Außerbetrachtstellung der übrigen, in einem System von Lehrsätzen zu entwickeln, z. B. die spezifische Kausalität des  wirtschaftlichen  Motivs in der Wirtschaftstheorie.

Aber darüber,  wie  diese Lehrsätze zu gewinnen sind, ist mit dem Bekenntnis zur Methode der Isolierung nicht das Mindeste entschieden.

Der eine Sozialökonom mag sich z. B. die Grundrententheorie deduzieren (nach dem bekannten Wort SENIORs) beim Spazierengehen. Wenn nur die Tatsache, daß der Boden von verschiedener natürlicher Ergiebigkeit ist, dem Spaziergänger vor Augen steht und weiter Privateigentum am Boden und Vertragsfreiheit vorausgesetzt wird, so kann er den Lehrsatz RICARDOs formulieren, ohne irgendwelches historisch-statistisches Induktionsmaterial zur Hand zu nehmen. Um die Kausalreihe zu entrollen, genügt die  Deduktion  aus dem wirtschaftlichen Motiv, dessen spezifische Wirkungsweise die Wirtschaftstheorie klarlegen will und welches deshalb hier als einziges, die Grundherren etc. ausschließlich in ihren Handlungen beherrschendes, in Betracht gezogen wird.

Diese Theorie kann ebensogut gewonnen werden durch  Induktion.  Es dürfte heute schwer sein, zu entscheiden, ob RICARDO sie an der Bewegung der Kornpreise und Pachtrenten zur Zeit der Kontinentalsperre  induziert  hat oder  deduktiv  abgeleitet, so wie das berühmte Kapitel der "Principles" sie vorträgt. Vermutlich hat jede dieser Methoden ihren Teil am Ergebnis.

Die historische Schule ist geneigt, die  Induktion  als die  absolute  Methode zu verherrlichen. Daß diese Anschauung einseitig ist, läßt sich bei dem beschränkten Raum hier nicht nachweisen. Betont sei nur erstens, daß kein Vertreter der Methode der Isolierung bestreiten wird, daß Sätze, welche  deduktiv gewonnen  sind, womöglich durch  Induktion kontrolliert  werden sollen; zweitens, ebensowenig bestreiten wird, daß die  Induktion  mehr als früher zur  Gewinnung  neuer Lehrsätze angewandt wird. Daß sie in der Zeit, als unsere Wissenschaft sich erhob, etwas vernachlässigt wurde, ist zuzugeben, wenn auch in diesem Punkt die historische Schule stark übertreibt. Heute verfügen wir über ein weit umfassenderes und ein weit besseres Material wirtschaftlicher Tatsachen als vor hundert Jahren; wir können und sollen diesen Schatz nutzen, können und sollen da induktiv verfahren, wo die TURGOT, RICARDO und THÜNEN gar nicht anders als deduktiv verfahren konnten.

Aber so viel man auch der Methode der Induktion einräumen mag, die Methode der  Isolierung  wird damit durchaus nicht in ihrem Recht geschmälert. Nach der Feststellung des Kausalismus eines Wirtschaftsphänomens durch Induktion muß immer - zumindest in all den Fällen, wo der Kausalismus durch das Walten wirtschaftlicher und auch  nicht -wirtschaftlicher Motive bedingt ist - der spezifisch  wirtschaftliche  Kausalismus herausgeschält, "isoliert" werden, welcher die Sozialökonomik allein angeht, welchem sie allein in ihrem Lehrsatzinventar Platz gönnen kann, d. h. es muß bestimmt werden, was eintreten würde, wenn die handelnden Subjekte ausschließlich durch  wirtschaftliche  Motive bewegt wären.

Zum Beispiel kann am oben erwähnten konkreten Fall der Preisbaisse das Ergebnis, daß bei steigendem Angebot der Preis sinkt,  induziert  werden. Aber dieser Lehrsatz kommt erst dadurch zustande, daß das  in concreto  wahrgenommene Eingreifen von Individuen, welche aus  nicht-wirtschaftlichen Motiven kaufen, unberücksichtigt bleibt. Die Wirtschaftstheorie will nur untersuchen, welche Wirkung erfolgt, falls auf ein gegebenes Ereignis - Steigen des Angebots einer Ware bei gleichbleibender Nachfrage - die davon berührten Individuen nur bewegt vom  wirtschaftlichen  Motiv reagieren. Sie weiß wohl, daß  in concreto  alle möglichen anderen Motive mit reinspielen können - wenn sie dies aber mit berücksichtigen würde, so müßte sie als  Teil disziplin aufhören und sich zur  Sozialwissenschaft  erweitern.

Sofern diese Säuberung des Induktionsergebnisses, diese "Isolierung" des spezifisch wirtschaftlichen Kausalismus vorgenommen wird, steht die Methode der  Isolierung  keineswegs in Widerspruch mit der Methode der  Induktion,  sondern diese letztere bildet einfach ein Vorstadium jener. Mittels der Methode der  Deduktion  kann man zum gleichen Lehrsatz von der Preisbewegung gelangen. Nur wird hier von vornherein vom Walten  nicht-wirtschaftlicher Motive abstrahiert; der Lehrsatz wird unmittelbar in der Form gewonnen, wie ihn die Wirtschaftstheorie braucht: die  Isolierung  ist schon vollzogen, während sie bei der Handhabung der Methode der  Induktion  erst nachträglich vollzogen werden muß.

Aber der Umstand, daß hier sofort, dort erst nachträglich isoliert wird, enthält keinen Fingerzeig über den relativen Wert beider Methoden zur Gewinnung sozialökonomischer Erkenntnis. Je nach dem Problem, dessen Erhellung versucht wird, je nach der geistigen Individualität des Denkers, welcher es behandelt, je nach Quantum und Quale des Materials, welches vorliegt, kann bald die  Induktion,  bald die  Deduktion  der bessere Weg sein.

Die methodologische Kontroverse lautet also nicht so, wie sie seitens der historischen Schule fast immer gestellt wird: Deduktion oder Induktion? Sondern sie lautet:  Isolierung des wirtschaftlichen  Motivs als im Lehrsatz einzig in Betracht zu ziehenden psychischen Kausalfaktors der Wirtschaftsphänomene - und damit Begründung einer Sozial ökonomik  als selbständiger  Teildisziplin  der Sozialwissenschaft, - oder  Nicht -Isolierung, Berücksichtigung  aller in concreto  waltenden Motive - und damit Einschmelzung der Sozialökonomik in die Sozialwissenschaft.


C. Hypothese des Egoismus - oder Hypothese
des wirtschaftlichen Motivs und des
sogenannten "wirtschaftlichen Prinzips"?

Die Schlichtung des Methodenstreits ist weiter noch dadurch erschwert worden, daß die Methode der Isolierung, wie die Klassiker sie handhaben, an einem Fehler leidet. Sie bedarf allerdings der Korrektur - einer Korrektur, die im Vorhergehenden schon stillschweigend vollzogen wurde, die aber ausdrücklich hervorgehoben und begründet werden muß.

Den Hauptpunkt der Anklage-Akte der historischen Schule gegen die klassische bildet, wie oben gesagt, der Vorwurf, daß deren Lehrsätze aus der Prämisse vom alleinwaltenden  Egoismus  gezogen sind; es werde hier von einer Hypothese Gebrauch gemacht, welche durch die Wirklichkeit oft widerlegt wird.

So falsch es war, die Methode der Isolierung grundsätzlich zu negieren, so richtig wäre es gewesen, die  bestimmte Art,  wie hier isoliert wurde, zu bekämpfen. Denn die theoretische Sozialökonomik hat als psychischen Kausalfaktor, mit dem sie ausschließlich rechnet, nicht das  egoistische  Motiv, sondern das  wirtschaftliche  Motiv, in Verbindung mit dem sogenannten "wirtschaftlichen" Prinzip, zu nehmen.

KARL HEINRICH RAU, ADOLF WAGNER, CARL MENGER und andere haben allerdings versucht, die Prämisse des Egoismus gegen die historische Schule zu verteidigen. Sie kommen, im Detail auseinandergehend, darin überein, daß sie die Legitimation dieser Prämisse auf die Behauptung stützen, es sei der Egoismus, wenn auch nicht die einzige psychische Triebkraft, so doch die "allgemeinste und mächtigste" (MENGER); daher dürfe, unter nachfolgender Kontrolle  in concreto,  die abstrakte Theorie vorerst mit ihr allein operieren.

Sie stellen aber damit die Methode der Isolierung auf zu schwankende Füße. Darüber, ob wirklich der  Egoismus  die "allgemeinste und mächtigste" Triebkraft des wirtschaftlichen Handelns ist, ist ein endgültiges, die Gegner einer solchen Anschauung mit Beweisen überführendes Urteil nicht möglich. Sobald man den  Altruismus  überhaupt als vorhanden zugibt, wird diese These, auf welche die Methode gebaut werden soll, recht brüchig. Wer will von den arbeitenden Millionen sagen, sie seien in der Mehrzahl "Egoisten" - wer will die auszählen, welche nicht um des eigenen Ich willen, sondern für Weib und Kind die Besserung ihrer Lage im Lohnkampf erstreben? Und was für diese gilt, gilt auch für alle übrigen Klassen, welche auf der wirtschaftlichen Bühne agieren. Mit jener  realistischen  Beweisführung kommt man nicht weit; sie bietet der Kritik eine zu breite Zielfläche.

Man braucht aber die Prämisse nicht realistisch zu rechtfertigen; es liegt kein Zwang vor, diese Jahrtausende alte Streitfrage in die Methodologie der theoretischen Sozialökonomik hereinzuzerren.

Es handelt sich um die Rechtfertigung einer hypothetischen Prämisse, deren man sich zu bedienen habe, um Lehrsätze über den Kausalzusammenhang der Wirtschaftsphänomene formulieren zu können. Diese Phänomene sind durch menschliches Handeln vermittelt; um zu bestimmen, welches Phänomen sich als Wirkung des Ereignisses  A  abspielen wird, muß bei den auf  A  reagierenden Subjekten eine bestimmte Beschaffenheit des Willens vorausgesetzt werden.

Nämlich - ein ausschließlich durch das  wirtschaftliche Motiv  (d. h. den Trieb zur Befriedigung des Bedürfnisses nach materiellen Gütern, nach Reichtum) geleiteter Wille. Es muß die Fiktion gemacht werden, als ob die handelnden Subjekte nichts als lauter "Marktmenschen" oder "Wirtschaftsmenschen" seien, als ob sie kein anderes Interesse hätten als das, eine gegebene wirtschaftlich relevante Situation - wie das Ereignis  A  oder  B  oder  C  sie geschaffen hat - zu ihrem wirtschaftlichen Vorteil, bezüglich zur Vermeidung eines wirtschaftlichen Nachteils, auszunutzen.

Außer dieser ersten Voraussetzung: Alleinwalten des wirtschaftlichen Motivs, ist aber noch eine zweite unbedingt geboten; und zwar die, daß sich die handelnden Subjekte vom sogenannten  "wirtschaftlichen"  Prinzip leiten lassen, d. h. ihre Handlungen so gestalten, daß sie die wirtschaftlichen Zwecke - Erlangung wirtschaftlicher Vorteile, Vermeidung wirtschaftlicher Nachteile - mit dem geringstmöglichem Aufwand wirtschaftlicher Mittel zu verwirklichen suchen.

Mit anderen Worten: daß sie sich leiten lassen durch das Prinzip, welches nicht nur bei der wirtschaftlichen, sondern "bei  aller  auf Bedürfnisbefriedigung gerichteten Tätigkeit" (ADOLF WAGNER) den Menschen beherrscht und beherrschen muß, sofern er das Mißverhältnis zwischen der Begrenztheit seiner Mittel und der Unbegrenztheit seiner Zwecke, der Unendlichkeit seiner Bedürfnisse, begreift.

Gibt man die Prämisse des Egoismus auf und setzt stattdessen die Prämisse wirtschaftliches Motiv und "wirtschaftliches" Prinzip, richtiger: Prinzip allen vernünftigen Tuns - so vertauscht man eine zur Kritik vom ethischen Standpunkt reizende Prämisse mit einer Prämisse, die zu einer solchen Kritik keinen Anlaß bietet - die  ethisch neutral  ist. Die Lehrsätze der Klassiker und ihrer Nachfolger brauchen deshalb keineswegs revidiert zu werden - sie sind, wenn auch von "Egoismus" oder von "Selbstinteresse" geredet wird, tatsächlich unter Zugrundlegung jener ethisch neutralen Prämisse gewonnen.

In der  englischen  Literatur hat die Prämisse des Egoismus schon seit längerer Zeit abgedankt. Die neueren Schriftsteller vermeiden diesen Stein des Anstoßees und des Ärgernisses und sprechen, nach dem Voranschreiten von JOHN STUART MILL, von der Fiktion eines "economical man".

Auch in der  französischen  Literatur beginnt sich die korrektere Ausdrucksweise einzubürgern. BEAUREGARD, in seinem weitverbreiteten "Précis", schreibt allerdings, daß der Wirtschaftsforscher "d'accord avec le philosophe, observe qu'en régle générale, les hommes font de préférence ce qu'ils croient conforme à leur intéret" [mit dem Philosophen einer Meinung ist, daß der Menschen in der Regel das tun, was sie im Einklang mit ihrem Interesse glauben - wp] (Seite 11), nimmt also den Egoismus, nicht das wirtschaftliche Motiv, zur Prämisse. Desto bemerkenswerter ist es, daß ein Mann, wie CHARLES GIDE, ein Gegner der klassischen Schule, die vorzügliche Gelegenheit, der "Nationalökonomie des Egoismus", welche im Kreis der deutschen historischen Schule ein so beliebtes Schlagwort bildt, einen Hieb zu versetzen, ungenutzt läß und schreibt: es mache die "deduktive Schule" die Voraussetzung des "wirtschaftlichen" Prinzips - "que l'homme cherche ent toute occasion à se procurer le maximum de satisfaction possible avec le minimum de peine" [Menschen suchen jede Gelegenheit, um maximale Befriedigung mit einem Mindestmaß an Aufwand zu erreichen - wp] (Principes, Seite 5).

Besonders wertvoll ist mir die Zustimmung, welche meine oben skizzierte, zuerst in meinen "Beiträgen zur Methodik" vorgetragene, dann in meinem Lehrbuch der "Theoretischen Sozialökonomik" (Bd. 1, Seite 78-85) noch zwingender, wie ich glaube, begründete Auffassung beim Meister der italienischen Sozialökonomik, LUIGI COSSA (vgl. Kapitel IV seiner vortrefflichen "Introduzione", Seite 87 und 124) gefunden hat.

Während es bei GIDE und anderen unklar bleibt, wie sich dieses "principe économistique" zum "intérét" verhält, es zweifelhaft scheint, ob sie sich wirklich den Unterschied zwischen beiden Prämissen klar gemacht haben, so betont COSSA nachdrücklich, daß die "legge del minimo mezzo" [Gesetz des Minimalaufwandes - wp] (Seite 88) - wie er das "principio del tornaconto" [Prinzip der Eigeninteressen - wp] auch bezeichnet - daß das wirtschaftliche Prinzip "e un semplice fatto psichico e  non  un fatto  morale,  giacché la legge del minimo mezzo non si connette necessariamente col uso moralmente legittimo ne con quello illegittim delle richezze" [eine einfache psychische Tatsache ist und keine  moralische,  weil das Gesetz des geringtsmöglichen Aufwands nicht notwendigerweise moralisch richtig ist, kann es zu einem illegitimen Reichtum führen. - wp] (Seite 124). Er erklärt sich mit meiner Beweisführung einverstanden: "il principio der tornaconto  non si deve confondere  coll'  interesse  puramente  individuale ... e molto meno coll'  egoismo"  [Das Prinzip des Eigeninteresses darf nicht mit einem bloß individuellen Interesse verwechselt werden ... und noch viel weniger mit einem Egoismus. - wp] Wie oben das "wirtschaftliche Prinzip ein ethisch neutrales genannt wurde, so bei ihm  

Wenn sich die Erkenntnis Bahn bricht, daß die Wirtschaftstheorie, um zu ihren Kausalformeln zu gelangen,  nicht  das Motiv "Egoismus" isoliert, als in der Wirklichkeit potentestes, während sie vom "Altruismus", als einem in der Wirklichkeit seltener waltenden Motiv, absieht - daß sie vielmehr vom Vorhandensein anderer Motive als dem  wirtschaftlichen  Motiv, dessen spezifische Kausalität sie allein darlegen will, absieht, dieses Motiv isoliert und nun weiter die Reaktionen der "Wirtschaftsmenschen" auf wirtschaftlich relevante Ereignisse aus dem Vernunftprinzip allen menschlichen Handelns, dem sogenannten  "wirtschaftlichen"  Prinzip, bestimmt, so ist eine weit solidere Basis der Methodik gewonnen.

Dieser  modus procedendi  ist  unmittelbar aus der Aufgabe der theoretischen Sozialökonomik  zu begründen, während die Methodiker, welche mit dem "Egoismus" operieren, sich in bedenkliche Schwierigkeiten verstricken. Nicht bloß dadurch, wie oben schon angedeutet, daß man ihr Argument, es sei der "Egoismus" die "allgemeinste und mächtigste Triebkraft", immer bestreiten wird und bestreiten kann, sondern weiter dadurch, daß sie vor der heiklen Frage stehen, welche  anderen  Motive denn für die  anderen  theoretischen Teildisziplinen der Sozialwissenschaft als Prämissen zu verwenden sind? Nimmt man in der Wirtschaftstheorie den "Egoismus" als Prämisse, so wird die klare Grenzabsteckung dieser Teildisziplinen solange ausstehen, bis einmal das Einverständnis über Wesen und Zahl der neben dem "Egoismus" noch im Menschenherzen lebenden "Grundtendenzen" (MENGER), "Grundkräfte" (SAX), erzielt sein wird, d. h. der Methodenstreit wird in Permanenz erklärt, da die Kontroverse, ob es außer dem "Egoismus" auch den "Altruismus" gibt, niemals entschieden werden kann.

Wenn es bei MENGER heißt, daß neben die theoretische Sozialökonomik, als Sozialtheorie des  "Eigennutzes",  andere Sozialtheorien treten sollen, welche "die Gestaltungen des Menschenlebens unter dem Gesichtspunkt der übrigen Tendenzen (der menschlichen Psyche) zum Bewußtsein bringen würden, z. B. unter dem Gesichtspunkt des  Gemeinsinns des strengen Waltens der  Rechtsidee  etc.", so erhellt sich, welche Fülle ewigen Streites aus dieser auf die  ethisch  charakterisierten Motive des Willens gestellten Klassifikation erwachsen müßte!

Folgt man der von mir vertretenen Methodik, so bilden nicht mehr die geheimnisvollen Triebkräfte des Willens - Egoismus, Altruismus usw. -, sondern die klar greifbaren  Bedürfnisse  des Menschen und  Zwecke  seines Handelns das  fundamentum divisionis  für die Glieerung des sozialwissenschaftlichen Gesamtstoffes in Teildisziplinen. Die theoretische Sozialökonomik ist nicht als Sozialtheorie des  "Eigennutzes"  abzuheben von anderen, die Wirkungsweisen des  Gemeinsinns  etc. beschreibenden Teildisziplinen, sondern sie ist die Spezialanalyse des einen Gebietes sozialen Geschehens, welches aus dem wirtschaftlichen Motiv, aus dem Bedürfnis nach materiellen Gütern, nach Reichtum fließt.

Sie isoliert - um es genauer zu erkennen - das  wirtschaftliche  Geschehen aus der Gesamtheit des sozialen Geschehens. Die Frage, ob und in welchem Maß das konkrete wirtschaftliche Handeln im Eigennutz oder im Gemeinsinn etc. seine Wurzel findet, kümmert sie nicht.

Hängt man die Prämisse des "Egoismus" an den Nagel, so wird ein unseliges Schlagwort aus dem Lexikon der Sozialökonomik verbannt, wird so mancherlei Mißverständnissen, welche mit ihm verwachsen sind, ein Ende gemacht.

Solange die isolierende Theorie den  "Egoismus"  als Prämisse festhält, wird die historische Schule immer reichen Stoff zur Polemik finden; gibt sie ihn auf, so muß die historische Schule ihre Angriffe, die bisher mit Recht gegen eine  falsche Form  der Isolierung zielten, gegen die Methode der Isolierung  als solche  richten.

Die historische Schule gibt aber zu (z. B. KNIES, SCHMOLLER), daß die Wirtschaftswissenschaft nur  "eine  Seite" des Gesellschaftslebens erfassen soll. Damit ist die Notwendigkeit eines isolierenden und abstrahierenden Verfahrens im Prinzip anerkannt. Den Beweis, daß die Lehrsätze, die Kausalformeln einer solchen nur dem Wirtschaftsleben zugewandten Wissenschaft mittels einer anderen Methode zu gewinnen sind als der hypothetischen Prämisse des  Wirtschafts menschen, hat die historische Schule bisher nicht erbracht. Sie kann ihn auch nicht erbringen; denn daß diese Methode gewählt werden muß, folgt als logische Konsequenz aus der Aufgabe der theoretischen Sozialökonomik als einer Teildisziplin - man darf diese nur nicht mit der wirtschaftsgeschichtlichen Forschung verwechseln.

Indem sich diese Teildisziplin die Aufgabe setzt, nur eine Seite, nur ein Gebiet des sozialen Geschehens darzustellen und kausal begreifen zu lehren; indem sie deshalb davon absieht, daß in Wirklichkeit das wirtschaftliche Geschehen mit allem übrigen innig verschlungen ist und daß dieses wirtschaftliche Geschehen noch durch das Eingreifen anderer psychischer Potenzen als des wirtschaftlichen Motivs gestaltet wird; indem sie zufolge dessen nur zu hypothetisch richtigen Ergebnissen gelangt, kann sie nur eine  Vorarbeit  liefern im Dienst des  Endziels  allen sozialtheoretischen Forschens, des Erkenntnisses und Verständnisses des Konkreten. Man mag den Wert einer solchen Vorarbeit höher oder niedriger anschlagen - er muß ja bald größer, bald geringer sein, je nachdem die Hypothese, mit der die Wirtschaftstheorie operiert, durch die Wirklichkeit mehr oder weniger bestätigt wird. Daß aber die Arbeit des Wirtschaftshistorikers d. h. die Arbeit, welche unmittelbar jenem Endziel zustrebt, durch eine solche Vorarbeit gefördert wird, kann nicht bestritten werden.
LITERATUR Heinrich Dietzel, Selbstinteresse und Methodenstreit in der Wirtschaftstheorie, Handwörterbuch der Staatswissenschaften, Bd. 6, Jena 1901
    Anmerkungen
    1) Vgl. zu dieser Bestimmung der Aufgabe und der Teile der Sozialwissenschaft: H. DIETZEL, Theoretische Sozialökonomik, Bd. I, Seite 4-10.
    2) Vgl. meine "Theoretische Sozialökonomik", Seite 5