ra-2H. PeschA. WagnerH. AlbertE. HeimannH. MoellerG. Schmoller    
 
WILHELM HASBACH
Zur Geschichte des Methodenstreits
in der politischen Ökonomie

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"Ein wesentlicher Mangel unserer Wissenschaft besteht darin, daß genügende Verfahren zur Verifizierung von Hypothesen noch nicht ausgebildet sind, weshalb die Unterkonsumtionshypothese und die Überproduktionshypothese, die Produktivitätshypothese, die Nutzungshypothese, die Ausbeutungshypothese nebeneinanderhergehen und nur Wortgefechte hervorrufen."

I. Malthus, Ricardo
und die englischen Epigonen

Vor einigen Jahren schloß ein österreichischer Nationalökonom einen Aufsatz über die Methodenlehre mit dem Wunsch, es möchte in Zukunft weniger über die Methoden geschrieben und mehr nach ihnen gearbeitet werden. Seitdem sind außer den drei unten (1) genannten größeren Darstellungen kürzere Ausführungen über die Methodik in verschiedenen Lehrbüchern erschienen und SCHMOLLER wie DIETZEL haben ihren Standpunkt im "Handwörterbuch der Staatswissenschaften" dargelegt.

Die historisch-induktive Schule glänzt weder durch die Zahl noch durch den Umfang ihrer Beiträgte. Sie hat so viel damit zu tun, Material für Theorie und Praxis herbeizuschaffen, morphologische Untersuchungen vorzunehmen, die Wirtschaftsgeschichte zu fördern und neue Kausalzusammenhänge aufzudecken, daß sie seltener dazu gelangt, sich mit den Problemen der Methodenlehre zu beschäftigen. Dagegen entwickeln die Vertreter der abstrakten Schule auf diesem Gebiet eine ungemein große Produktivität, die jedoch weder durch inneren Wert noch durch Originalität ausgezeichnet ist. Diese Tatsache allein reizt zur Darstellung der Entwicklung ihrer Lehren, wodurch auch die Beurteilung der Schrifen von KEYNES, WAGNER und COSSA erleichtert wird. Diese drei Methodiker zu erörtern war zuerst allein meine Absicht. Als ich aber an die Ausarbeitung ging, empfand ich bald das Bedürfnis, meine Untersuchung über die Methode ADAM SMITHs und seiner Vorläufer (2) erst zu ergänzen durch eine solche über RICARDO, MALTHUS, JOHN STUART MILL, CAIRNES. Sie folgt zunächst, der zweite Artikel wird einleitend BAGEHOT, DIETZEL und MENGER und dann hauptsächlich KEYNES, WAGNER und COSSA gewidmet sein.


1.

Einige Vertreter der abstrakten Schule erzählen das gemütvolle Märchen von der methodlogischen Dreieinigkeit des Dreigestirns der klassischen Nationalökonomie. Wenn SMITH, MALTHUS und RICARDO, welche die Nationalökonomie "begründet" hätten, in deren Köpfen sie entstanden sei, denselben methodischen Grundsätzen gefolgt sind, dann müßte, so folgern sie, Der Widerspruch der historisch-induktiven Schule als ein frevelhafter Abfall vom Dogma der allein zum Ziel führenden Deduktion betrachtet werden.

Nun kann aber von einer einheitlichen Methode der klassischen Nationalökonomie gar keine Rede sein. SMITH, MALTHUS und RICARDO sind je ihre besonderen Wege gegangen und zwischen MALTHUS und RICARDO hat sogar ein lebhafter Methodenstreit stattgefunden. Daß SMITHs Methode nicht diejenige RICARDOs ist, darüber herrscht nachgerade eine so völlige Einigkeit (3), daß ich mich sofort zu dem "Geisteskampf" zwischen RICARDO und MALTHUS wenden darf.

Die besondere Stellung, welche RICARDO in der Geschichte unserer Wissenschaft einnimmt, wird von seinen Freunden, zumindest von seinen deutschen Freunden, selten gewürdigt. Er ist der Mann, welcher zuerst mit vollem Bewußtsein die Theorie und die Politik der Volkswirtscahft mit einem tiefen Schnitt voneinander trennte und der  Political Economy  den Charakter einer ausschließlich theoretischen Wissenschaft verlieh. Nachdem das Ideal wirtschaftlicher Freiheit durch die Physiokraten und ADAM SMITH eine allseitige Ausgestaltung und vielseitige Begründung erfahren hatte, war den Nationalökonomen zunächst eine theoretische Bahn vorgezeichnet, während die Praktiker an der Verwirklichung des ökonomischen Liberalismus arbeiteten.

Obwohl die Physiokraten eine Theorie der Volkswirtscahft geschaffen hatten, blieb sie nicht nur mit ihrer Politik, sondern auch mit dem Naturrecht eng verbunden, und DUPONT de NEMOURS verwahrte sich dagegen, daß die Nationalökonomie die Wissenschaft vom Reichtum ist. Sir JAMES STEUART grenzte dann das Gebiet der Volks- und Staatswirtschaft klar von den benachbarten ab, aber er charakterisierte die  political economy  als eine politische Wissenschaft, wenn auch der theoretische Gesichtspunkt in seinem großen Werk stark durchbricht. Die Aufgabe ADAM SMITHs war es, die Grundsätze einer neuen Wirtschaftspollitik aufzustellen; die Volks- und Staatswirtschaftspolitik nimmt daher schon äußerlich den größten Teil seines Werkes ein; die Theorie wird in die beiden ersten Bücher verwiesen. Diese schon früher von mir vertretene Auffassung hat neuerdings Anfechtung erfahren, aber der Überblick über die Entwicklung der politischen Ökonomie bestätigt sie und sie wird von den zu einem Urteil berufensten Männern geteilt. Schon sein Biograph, DUGALD STEWART, erwähnt die theoretischen Ausführungen SMITHs erst an zweiter Stelle, hinter seinen Verdiensten als Wirtschaftspolitiker und Wirtschaftshistoriker. Wie ich inzwischen gesehen habe, spricht sich einer der hervorragendsten älteren englischen Nationalökonomen, SENIOR nämlich, in demselben Sinn aus. (4)

Wie ganz anders geartet war der Geist, welcher 41 Jahre später in einem aus einer Reihe von Aufsätzen bestehenden Werke die  Political Economy  zu einer  Theorie  und zwar zu einer Theorie nur der  Verteilung der Güter  zusammenschrumpfen ließ. Dies sei die wahre Aufgabe unserer Wissenschaft, über die Produktion ließen sich keine Gesetze aufstellen (5).

RICARDOs Zweck war es, die Wirkung bestimmter Ursachen "unbeeinflußt von irgendwelchen operativen Zwecken" festzustellen. "Mein Gegenstand war es Prinzipien zu erschließen", schreibt er an MALTHUS. Zur Jllustrierung fingiert er Beispiele, die sie auf das kräftigste beleuchten. "Ich stellte mir beweiskräftige Beispiele vor", fährt er fort, "an denen ich die Wirkung dieser Prinzipien zeigen kann". (6) Er gesteht zu, daß das Arbeitsprinzip der Wirklichkeit nicht voll entspricht, aber er ist weit davon entfernt zu glauben, daß er sich in einer unrealen Welt bewegt, er meint, damit der Wahrheit so nahe wie möglich zu kommen (7). Wenn er also auch die Erfahrung nicht verachtet, wenn im Gegenteil die Volkswirtschaft Englands den Hintergrund, das ideale Material seines Systems bildet, so verwirft er doch die Berufung auf Erfahrungstatsachen, wenn wir den Anteil verschiedener Ursachen an einer Erscheinung nicht ganz sicher auseinanderzuhalten vermögen. "Es gibt so viele Kombinationen und so viele Operationszwecke in der politischen Ökonomie", entgegnet er dem einen anderen Standpunkt vertretenen Standpunkt MALTHUS, "daß eine große Gefahr besteht auf die Erfahrung zurückzugreifen um eine bestimmte Doktrin zu favorisieren, bevor wir nicht sicher sind, daß alle die verschiedenen Variatonen der Ursachen und ihrer Wirkungen ordnungsgemäß eingeschätzt wurden." (8) Es können also die Lehren RICARDOs mit der Wirklichkeit nicht voll übereinstimmen, und sie dürfen aus diesem Grund nicht direkt in die Praxis übertragen werden (9). Das ganze Lehrgebäude muß einen abstrakt-deduktiven Charakter erhalten.

Ob nun diese neue Methode ihre Wurzeln zum Teil in der Begabung der Rasse hat, welcher RICARDO angehörte, ob sie zum Teil ein Entwicklungsprodukt seiner geschäftlichen Tätigkeit ist, ob sie zum Teil als eine Übertragung der geometrischen Methode BENTHAMs auf das Gebiet der politischen Ökonomie betrachtet werden muß: das mag man mit BAGEHOT, "dem letzten echten Schüler RICARDOs" , ausmachen, uns genügt es hervorzuheben, daß es eine  neue  Methode war und daß sie von den hervorragendsten Zeitgenossen RICARDOs als eine solche betrachtet wurde. Der Beweis dieser Urteil ist leider sehr wichtig, denn einige Vertreter der abstrakt-deduktiven Schule vermögen deren Richtigkeit nicht allein durch einen Vergleich der Schriften RICARDOs und SMITHs zu erkennen.

Ehe wir uns jedoch zu diesem Nachweis wenden, müssen wir deutlich machen, daß es nicht eine Methode war, die Prinzipien der Wissenschaft zu  finden:  RICARDO spricht nie davon, wie er zu ihnen gekommen ist. Es ist leicht einzusehen, weshalb er das nicht tat. Denn fast alle seine Prinzipien, jedenfalls alle wichtigen, waren ihm durch frühere nationalökonomische Schriften überliefert worden, hauptsächlich durch den "Wealth of Nations" und die älteren Schriften des MALTHUS. Es ist völlig ausgeschlossen, daß er die großen Prinzipien entdeckt hat, denn die Lektüre RICARDOs zeigt zu unzweideutig, daß er an die Meinungen anderer anknüpft und sie kritisiert. Und er ist so offen und ehrlich, daß er sich nie mit fremden Federn schmückt und nicht von andern damit geschmückt werden kann.

Wir sehen klar, wie er das oberste Prinzip seines Systems gefunden hat. Er hat den von ADAM SMITH im 5. und 6. Kapitel seines ersten Buches gebildeten Gedankenknäuel zu entwirren gesucht. Auf den durch die Kritik seines Vorgängers gefundenen Satz, daß beliebig vermehrbare Güter nach der Menge der auf ihre Herstellung verwendeten Arbeit ausgetauscht werden, baut er sein System auf. Dabei tritt nun eine Erscheinung auf, welche für die Beurteilung RICARDOs als Menschen und Denkers bemerkenswert ist. Wie er seine ursprüngliche Lehre von den volkswirtschaftlichen Wirkungen der Maschinen widerrufen hat, so ist er stets geneigt, seine Wertlehre auf die Anregung seiner Freunde zu modifizieren, damit sie die Wirklichkeit so viel wie möglich erklärt. Er nahm bekanntlich so viele Ausnahmen von seinem Gesetz an, daß HELD mit Recht erstaunt fragte, weshalb er es dann überhaupt aufstellt. MALTHUS verwundert sich mit noch größerem Recht über etwas anderes. Nachdem er auf "cases" hingewiesen hat "die so zahlreich und so greifbar sind, daß sie ganz von selbst dazu zwingen, anerkannt zu werden", so daß "sehr große Zugeständnisse und Anpassungen in der Konsequenz dazu wiederholt von Herrn RICARDO vorgenommen werden müssen", hebt er hervor, daß dennoch auf das ursprüngliche Tauschwertgesetz "das Ganze der Kalkulationen und der Gründe während des restlichen Teils seiner Arbeit darauf beruth." (10) Aus diesen Mitteilungen seines Freundes geht aber hervor, daß RICARDO weit davon entfernt war, aus freigewählten Prämissen Folgerungen zu deduzieren, die nicht mit der Wirklichkeit übereinstimmen  sollten  oder daß er vollständig gleichgültig dagegen gewesen ist, ob seine Deduktionen der Wirklichkeit widersprechen. Der Mann, der MALTHUS gegenüber den selbstgewissen Ausspruch tat: Mein Glaube ist der wahre Glaube! konnte wohl der Ansicht sein, daß keine Theorie die Wirklichkeit ohne Rest erklären kann, aber er glaubte, daß seine Lehren der Wirklichkeit so nahe wie nur möglich kommen. Eine ganz andere Frage ist es, ob dieser Glaube begründet war und ob nicht der Schein entstehen konnte, daß er aus willkrülich angenommenen Prinzipien deduziert. Dieser Ansicht waren offenbar JOHN STUART MILL und noch entschiedener SENIOR (11). BAGEHOT scheint mir die wissenschaftliche Individualität RICARDOs richtiger zu charakterisieren, wenn er von ihm sagt: "Bis zum Ende seiner Tage hat er das, was er tat, niemals mit etwas anderem verglichen. Er handelte von Abstraktionen ohne sich darüber klar zu sein, daß er es mit solchen zu tun hat; er war durchweg der Meinung, daß es sich wirkliche Dinge handelt. Er dachte, daß er die konkrete menschliche Natur betrachtet in ihren aktuellen Umständen, wo er eigentlich eine fiktive Natur in ihren fiktiven Umständen betrachtete." Von JAMES MILL, "seinen Ausbilder in allgemeinen Fragen", meint BAGEHOT, "daß er vor unserer modernen Konzeption von politischer Ökonomie zurückgeschreckt wäre, als einer Reihe bequemer Deduktionen aus vorausgesetzten Axiomen, die niemals wirklich zutreffend waren." (12) Ob seine Charakterisierung JAMES MILLs richtig ist, lasse ich dahingestellt. Verhält es sich mit SMITH und MALTHUS anders, was das Finden der Prinzipien betrifft? Heutzutage zweifelt niemand mehr daran, daß ADAM SMITH sich in den zwei ersten Büchern im Wesentlichen darauf beschränkte, die theoretischen Lehren früherer Schriftsteller zusammenzufassen und auszugestalten. Es zweifelt auch, etwa mit Ausnahme von FEILBOGEN, kein Mensch mehr darin, daß diese Zusammenfassung - verschieden von der Theorie der moralischen Gefühle - der Einheitlichkeit und Konsequenz entbehrt. Faßt man die Urteile aller Kritiker SMITHs von RICARDO an bis auf MARX und die Dogmenhistoriker der österreichischen Schule herab zusammen, so ist das Endergebnis, daß fast über jeden wichtigen Bestandteil der theoertischen Nationalökonomie unserem Altmeister mehrere Lehren durcheinanderlaufen.

Und MALTHUS? Wenn der gründlichste Kenner dieses Schriftstellers von seiner Bevölkerungstheorie sagt: "Der Essay über die Bevölkerung war nicht originell im Sinne einer Schöpfung aus dem Nichts, sondern auf dieselbe Art wie der  Reichtum der Nationen.  In beiden Fällen erhielt der Autor die meisten seiner Formulierungen von seinen Vorgängern." (13) Wenn McCULLOCH, LESER, PATTEN, BRENTANO die Geschichte der Grundrententheorie so gründlich aufgehellt haben, daß als ihr Entdecker weder ADAM SMITH, noch MALTHUS, noch RICARDO bezeichnet werden kann: dann dürfte es wohl auch für denjenigen, welcher an logischen Erörterungen keinen Geschmack findet, offenbar sein, was in in Bezug auf die Kenntnist nationalökonomischer Methoden in der klassischen Nationalökonomie  nicht  finden können und daher auch nicht suchen dürfen. Wir dürfen dort nicht Belehrung darüber erwarten, mit welchen Methoden die Ursachen der Erscheinungen gefunden werden. Zu diesem Zweck müssen wir uns in die volkswirtschaftlichen Zustände von Männern versenken, wie etwa PETTY, LOCKE, ASGILL, BARBON, BOISGUILLEBERT, J. STEUART, ANDERSON u. a. Die Forschung nach der Paternität der Lehren ist manchem Mitglied der abstrakt-deduktiven Schule unangenehm. Auch die Tatsache, daß Wissenschaften zuerst in benachbarten älteren Wissenschaften heranreifen, berühren sie nicht gern. Für sie haben solche Untersuchungen nur den Zweck, die großen Männer zu verkleinern und das Motiv des Forschers kann nur "Neugierde", "Pietät" oder "Impietät" sein. Wir müssen diese wunden Punkte aber berühren, denn für die Kenntnis der Methodenlehre ist die Forschung nach der Entwicklung der nationalökonomischen Lehren unumgänglich notwendig. Weiter ist es selbstverständlich, daß, wenn wir nicht aus den gewonnenen Erkenntnissen deduzieren können, die ursprüngliche Forschungsmethode angewandt werden muß.

Erst als WHEWELL die Geschichte der induktiven Wissenschaften geschrieben hatte, vermochte MILL seine Theorie der Induktion zu vollenden (14). Ähnliches dürfen wir für unsere Wissenschaft hoffen. Wenn einmal die Geschichte ihrer Literatur den Fortschritt der Gedankenentwicklung unter dem Einfluß der volkswirtschaftlichen Zustände (15), der Persönlichkeit des Schriftstellers, der überlieferten Lehren, der herrschenden Ideen und der Systematik der Wissenschaften dargestellt haben wird, dann werden die großen Mißverständnisse, die so häufig auch den Methodenstreit verbittern, ihr Ende erreicht haben. (16)

In MALTHUS' Kritik von RICARDOs Methode wird die Methode der Auffindung der Prinzipien, der Ursachen der Erscheinungen nie berührt. Die Frage, welche von ihm immer wieder erörtert wird, betrifft das Verhältnis der Theorie zur Wirklichkeit.

Die politische Ökonomie sei mit den Geisteswissenschaften (science of morals and politics) näher verwandt, als mit der Mathematik. Sie sei im höchsten Grad praktische Wissenschaft, es gebe wenige Zweige der moralischen Erkenntnis, die eine solche Bedeutung für die Wohlfahrt der Menschen hätten, wie die Nationalökonomie, ein großer Teil dieser Theorien müsse notwendigerweise das Handeln der Menschen beeinflussen. Über diese müsse daher die Mehrheit kompetenter Männer einig sein, eine allgemeine Einigkeit wäre in einer derartigen Wissenschaft nicht zu erreichen. Die wichtigste Ursache des Irrtums sei aber "der gesteigerte Versuch zu vereinfachen und zu generalisieren" bestimmter Schriftsteller, welche "nicht ausreichend ihre Theorien ausprobieren durch ein in Beziehung setzen zur weiten und angehäuften Erfahrung, die bei einem so komplizierten Thema allein ihre Wahreit und Nützlichkeit sicherstellen können." Dies führe dann zu "groben und unreifen Theorien." Wohl müssen jede Wissenschaft nach Einfachheit und Allgmeinheit ihrer Prinzipien streben, aber diejenigen Ursachen "welche wirklich notwendig sind muß zugestanden werden." Vor der Wahrheit der Tatsachen und Erfahrungen müßten die schönsten Theorien aufgegeben werden.  In der Erfahrung liege die Bürgschaft aller Wahrheit, keine Theorie kann irgendeinen Anspruch akzeptiert zu werden erheben, die der allgemeinen Erfahrung zuwiderläuft."  "Ich würde niemals", schreibt MALTHUS, "das stetige und ungebrochene Vertrauen zur Bevölkerungslehre gehabt haben, wenn sie mir nicht im ausgiebigsten Maß  durch den Zustand der heutigen Gesellschaft jedes bekannten Landes bestätigt schiene".  Am Schluß seiner Ausführungen wendet sich MALTHUS auch mit Namensnennung gegen RICARDO (17).

Das Märchen von der Einigkeit der klassischen Schule über die Methode ist damit wohl beseitigt. Nur nebenbei erwähne ich, daß MALTHUS die Traditionen von SMITHs Schule fortzusetzen glaubt und daß er Einwände selbst gegen die Art erhebt, wie RICARDO seine Sätze illustriert. MALTHUS geht tatsächlich über SMITH hinaus, Geschichte und Statistik gewinnen in seinem Werk eine viel höhere methodische Bedeutung.


2.

Nachdem die Dissonanzen zwischen MALTHUS und RICARDO in so greller Weise zur Kenntnis der anderen Nationalökonomen gekommen waren, suchten zwei Männer den Methodenstreit zu schlichten, SENIOR und JOHN STUART MILL. Zum Inbegriff der Lehren, welche die klassische Schule in dogmatischer und systematischer Gestalt überliefert hatte, vermochten sie nichts wesentlich Neues hinzuzufügen, sonst würden sie sich bald darüber klar geworden sein, daß die Methode der Untersuchung etwas ganz anderes ist, wie die Methode der Darstellung. Die geringe Kenntnis der Entwicklung der politischen Ökonomie wirkte in derselben Richtung.

SENIOR (18) sucht zunächst die Streitfrage zwischen RICARDO und MALTHUS zu lösen, ob die politische Ökonomie vorzugsweise eine theoretische oder praktische Wissenschaft sein soll. Es gibt nach ihm zwei Wissenschaften, eine theoretische und eine praktische. Wenn auch die praktische in verschiedenen Gebieten auf den Lösungen der theoretischen weiterbauen muß, so sind ihre Methoden doch nicht ganz dieselben.

Die theoretische beruth nach ihm auf allgemeinen Wahrheiten, welche aus dem Selbstbewußtsein und der Beobachtung gewonnen sind und die Prämissen eines Schlußverfahrens bilden. In der 1826 gehaltenen "Introductory Lecture on Political Economy" sind es 5, in der Political Economy 4; hier hat er auch eine materielle und eine formale Änderung vorgenommen (19). Die Folgerungen, welche sich auf die Produktion der Güter beziehen, sind allgemein wahr, die auf die Verteilung der Güter bezüglichen werden durch die Einrichtungen bestimmter Länder modifiziert, z. B. durch Sklaverei, Agrarschutz, Armengesetze. Nachdem der "natürliche Zustand" als das allgemeine Gesetz ausgesprochen worden ist, könnten die "Anomalien", die durch die besonderen "störenden Einflüsse" enstehen, nachher erklärt werden.

Der praktische Zweig hat ganz andere Grundlagen und größtenteils historisch, z. B. die Erkenntnis der Wirkungen der Armengesetze, des Nutzens der Kolonien, weshalb es auf diesem Gebiet sehr schwierig ist, zu sicheren Ergebnissen zu gelangen. "Wenn wir oft die Wirkungen von Einrichtungen, mit denen wir seit langer Zeit bekannt sind, nicht nachzuweisen vermögen, wie viel schwerer muß es dann sein, die Folgen noch unerprobter Maßregeln vorauszusehen!"

Die verschiedenen Ansichten über die Gewißheit der Erkenntnis in unserer Wissenschaft scheinen ihm aus der Verwechslung der theoretischen und praktischen Nationalökonomie hervorzugehen. Die erstere hat die höchste Gewißheit aufzuweisen, weil ihre Prämissen allgemeine Wahrheiten bildeten. Aus diesem Grund hat er sich dann auch 1848 in einer Kritik MILLs dagegen ausgesprochen, daß die politische Ökonomie eine "hypothetische Wissenschaft" ist. (20)

JOHN STUART MILLs Abhandlung "On the Definition of Political Economy and the Method of Investigation proper to it" ist sehr viel schwächer, bemerkenswert nur als eine Begründung und Verteidigung der Methode RICARDOs, womit jedoch Zugeständnisse an MALTHUS für das Gebiet der Politik verbunden sind.

MILL bezeichnet zunächst unsere Wissenschaft als eine psychologisch-ethische "als Wissenschaft, die mit den moralischen oder psychologischen Gesetzen der Produktion und Verteilung von Reichtum zusammenhängt". Jedoch geschieht dies nur, um die Technik von der Volkswirtschaftslehre zu lösen, denn in der Folge erfahren wir, nachdem auch die Privatwirtschaftslehre beseitigt ist, daß sie "die Menschen allein als Wesen mit dem Wunsch Reichtumg zu besitzen betrifft, Menschen die in der Lage sind, die vergleichbare Effektivität von Mitteln zu beurteilen, um bestimmte Zwecke zu erreichen."

Man fragt sich erstaunt, wie es denn möglich ist, die Bevölkerungslehre im Rahmen der politischen Ökonomie abzuhandeln. Welch' ganz verschiedenen Inhalt müßte sie haben, wenn nur der Wunsch des Menschen nach Reichtum in Betracht gezogen würde! Die Theoretiker würden von der unaufhörlichen Tendenz der Bevölkerung, unter das Maß der Lebensmittel zu sinken, zu berichten haben. Damit wird es klar, daß der Mensch des MALTHUS der empirisch gegebene Mensch mit starken Trieben und schwacher Vernunft ist, derjenige RICARDOs der stets auf seinen Vorteil bedachte Marktmensch (21). Lehrreich ist es daher, welche Stellung MILL der Bevölkerungslehre anweist. Das Bevölkerungsprinzip gehört nach ihm zu den störenden (sic) Impulsen, jedoch soll es "um der praktischen Nützlichkeit willen" erörtert werden, wiewohl dies "der Striktheit der rein wissenschaftlichen Anordnung" widerspricht. Eine seltsame Wissenschaft, welche aus Nützlichkeitserwägungen ihre Aufgaben und Methoden verleugnet.

Noch klopft unser Herz unter den Nachwirkungen dieser logischen Sturzwelle, da erscheint schon eine neue. Der Leser hat den festen Entschluß gefaßt, den Menschen nur als ein nach Reichtum lüsternes Wesen zu betrachten, da stolpert er ahnungslos über den folgenden Satz: "Die politische Ökonomie abstrahiert vollkommen von jeder menschlichen Leidenschaft oder Motiv,  außer  von denen, die man als dauernd gegensätzliche Prinzipien zum Wunsch nach Reichtum bezeichnen könnte, namentlich die Abneigung gegen Arbeit und den Wunsch nach dem augenblicklichen Genuß von kostspieligen Vergnügungen."

Daß MILL sich hiermit den Boden unter den Füßen fortzieht, erfordert keinen Beweise und man frag sich obendrein, weshalb er denn nur  diese  störenden Einflüsse in Betracht ziehen will. Jedoch uns fehlt der Raum, um allen Irrgängen seiner Logik zu folgen. Wenden wir uns zu seinen Ausführungen über die Methode.

Es gibt nach ihm zwei Untersuchungsmethoden in den Geisteswissenschaften: eine rein induktive Methode und eine aus Induktion und Deduktion gemischte. Jedoch sind die Tatsachen, welche der Induktion zugrunde liegen, nicht bei beiden dieselben. Die rein induktive Methode geht von den besonderen Erfahrungstatsachen des Forschungsgebietes (specific experience) aus, die andere von den allgemeinen Tatsachen des menschlichen Seelenlebens. Zur Lösung der Frage, ob absolute Fürsten ihre Gewalt zur Unterdrückung ihrer Untertanen gebrauchen würden, brächten die Vertreter der ersteren das Material herbei, welches die Geschichte über die Handlungsweise absoluter Fürsten bietet. Die Vertreter der zweiten "beziehen die Frage, die es zu entscheiden gilt, auf eine Prüfung der Erfahrung nicht von Königen, sondern von Männern." Dies sei ein viel wichtigeres Fundament, denn die Schlußfolgerung würde nichts von ihrer Gewißheit verlieren, selbst wenn absolute Könige niemals existiert hätten - eine Behauptung, welche, in ihre Konsequenzen verfolgt, die Herbeiziehung der  specific experience  negiert. MILL hätte daher schreiben müssen "bezieht die Frage die es zu entscheiden gilt auf eine Prüfung durch die Erfahrung von Männern."

Hierauf bereitet MILL dem Leser eine neue Überraschung. Er behauptet, diese aus Induktion und Deduktion gemischte Methode sei die Methode  a priori,  welche ausgeht von "einer angenommenen Hypthese". Solange wir aus allgemeinen Erfahrungssätzen deduzieren, gehen wir doch nicht von willkürlichen Annahmen aus. Und wenn wir von willkürlichen Annahmen aus gehen, kann von einer vorausgegangenen Induktion nicht mehr die Rede sein.

Jedoch, man wird entgegnne, es sind Annahmen, welche man so gestaltet hat, daß sie nicht mehr ganz der Erfahrung entsprechen, darum bezeichnet MILL sie als "assumed hypotheses". MILL widerspriht dieser Auffassung. "Angenommene Voraussetzungen" sind nach ihm "Voraussetzungen, die möglicherweise völlig ohne tatsächliche Begründung sind." Die  Wissenschaft,  d. h. die theoretische Nationalökonomie, brauche sich auch gar nicht die Frage vorzulegen, ob ihre Annahmen mit der Wirklichkeit übereinstimmen, das sei die Aufgabe der Praxis, mit anderen Worten der Volkswirtschaft. Er schreibt: "Eine Hypothese im Nachhinein zu verifizieren, das ist zu prüfen, ob die Fakten irgendeines Falles damit in Übereinstimmung sind, was nicht im geringsten Teil der Wissenschaft vom Geschäft ist, sondern eine Anwendung von Wissenschaft überhaupt."

Auch diese Behauptungen sind zuweilen als die in der "klassischen Schule" mit großer Einhelligkeit vertretenen methodischen Überzeugungen hingestellt worden. In Wirklichkeit sind sie nichts weiter als eine Verherrlichung der Methode RICARDOs, soweit MILL sie richtig verstanden hat. SENIOR tritt dann auch den Meinungen MILLs in einer Weise entgegen, welcher es zumindest nicht an Deutlichen fehlt. Die Rücksicht auf den Raum zwingt uns, seine Ausführungen unter den Text zu verweisen, und uns mit einem Auszug zu begnügen (22). So verführen, behauptet MILL, alle abstrakten Wissenschaften, als deren Typus er die Geometrie (23) betrachtet, die Sozialwissenschaft könne überdies keinen anderen Weg gehen. Denn Experimente seien unmöglich und Vergleichungen geschichtlicher Zustände, welche einen genügenden Aufschluß über die Wirkung  einer  Ursache gäben, seien wegen der großen Zahl und Mannigfaltigkeit der in jedem Fall wirkenden Faktoren höchst wahrscheinlich unmöglich.

Hier tritt zum erstenmal eine irrige Meinung über das Wesen der geschichtlichen Kausalitätsforschung hervor, welche gleichfalls von den Nachfolgern MILLs oft reproduziert worden ist, was sich daraus erklärt, daß sie, abgesehen von Kompilationen der Forschungen anderer, ebensowenig wie er auf diesem Feld tätig waren. Die Voraussetzung ist stets, daß der Geschichtsforscher wie der Naturforscher einer Welt mit Kräften gegenübersteht, deren  Wirkungen  er allein erkennt. Tatsächlich sind aber die Ursachen der sozialen Erscheinungen oft von früheren und zeitgenössischen Beobachtern aufgedeckt worden, Personen aller Stände haben uns über ihre Motive und ihr Handeln auf das Genaueste unterrichtet, sehr häufig führt uns unsere Kenntnis des menschlichen Seelenlebens geradewegs in die Werkstätte des sozialen Handelns hinein. Wie die Einführung der Maschinen auf das Kleingewerbe wirkt, welche Folge eine übermäßige Ausgabe von Papiergeld hat, welche Bedeutung für den Export eine verschlechterte Valuta besitzt, warum das Quantum der an einer Börse gehandelten Waren häufig die tatsächliche Zufuhr übersteigt und über viele andere wirtschaftliche Erscheinungen sind wir so gründlich unterrichtet, daß wir uns der zeitraubenden Nachforschung von Parallelzuständen mit Abweichungen in diesem oder jenem Punkt entschlagen können. Wenn der kontinentale Nationalökonom sich von solchen Meinungen nicht frei machen kann, so ist das entschuldbar, wenn aber ein englischer Nationalökonom sie nicht als Irrtümer erkennt, dann beweist das, daß er sich niemals in das von parlamentarischen Untersuchungen seines Vaterlandes angehäufte Material vertieft hat.

Der Leser MILLs hat nun die Überzeugung gewonnen, daß der Mensch nur als ein nach Reichtum dürstendes Wesen in der politischen Ökonomie verwendet werden darf, daß die spezifische Erfahrung von geringem Wert ist, vergleichen mit der allgemeinen Erfahrung, daß ein induktives Eindringen in den ursächlichen Zusammenhang der Erscheinungen fast unmöglich ist - da bereitet ihm MILL die letzte Überraschung. Die Ursachen, die wir auf keine Weise aus der Vergleichung der Erfahrungen erkennen können, die sollen wir aus der Erfahrung und zwar der spezifischen Erfahrung entnehmen. "Obwohl auf dem Gebiet der Politik nkicht in allen Fällen eine hinreichende Begründung für eine zufriedenstellende Induktion durch einen Vergleich der Wirkungen erforderlich ist, können die Ursachen in allen Fällen zum Gegenstand eines besonderen Experiments gemacht werden. Diese Ursachen sind äußere Umstände, die den menschlichen Willen zur Handlung reizen ... Wir können also beobachten, was die Gegenstände sind, die zu solchen Wünschen aufreizen ..." Alle diese Erkenntnisse sind uns also nicht zur Hand, wenn wir die Vergangenheit oder Gegenwart interpretieren möchten, MILL stellt sie uns aber zur Verfügung, falls wir daraus deduzieren wollen. "Indem wir also die Eigenschaften der beteiligten Substanzen kennen, vermögen wir mit mit genausoviel Sicherheit zu begründen wie es im demonstrierbaren Teil der Physik und irgendeiner Reihe von Randbedingungen möglich ist." MILL geht nun zur Besprechung der Methode der Volkswirtschaftspolitik über, die wir kurz erledigen wollen.

Die Politik erfordert die eingehende Kenntnis der Wirklichkeit, deshalb ist es notwendig, daß der Politiker die in der theoretischen Betrachtung übergangenen Faktoren in seine Betrachtung einbezieht und seine Deduktionen an der Wirklichkeit prüft. "Ohne eine solche Prüfung mag jemand ein ausgezeichneter Professor der abstrakten Wissenschaften sein; so wie jemand sehr nützlich sein kann, der zutreffend beschreiben kann welche Wirkungen aus einer bestimmten Kombination von möglichen Umständen resultieren ... Wenn er aber nicht mehr als dies tut, muß er sich damit zufrieden geben, keinen Anteil an der praktischen Politik zu haben." Also besteht die Methode des Politikers aus zwei Prozessen: Analyse der Elemente des gegenwärtigen Gesellschaftszustandes und Synthese, "um zu sammeln was alle diese Ursachen auf einmal bewirken." Nach einer beredten Anklage gegen die Vermischung der Methode des "philosopher" und des "practical man" wird TURGOT hohes Lob gespendet, dem Mann, "der sich völlig frei hielt von den Fragmenten und Vorurteilen des Studenten wie des praktischen Staatsmannes" (24)

Es sind so tiefgehende Differenzen zwischen MALTHUS und RICARDO, SENIOR und JOHN STUART MILL vorhanden, daß man sich wundert, weshalb die Geschichtsschreiber der nationalökonomischen Literatur ihrer gar nicht gedacht haben. Es genügen also nicht oberflächliche Inhaltsangaben, die unzusammenhängende Mitteilung wichtiger Lehren eines Schriftstellers, gewürzt durch kritische Auseinandersetzungen und einige Schlaglichter auf die Persönlichkeit des Verfassers; noch weniger kann es aber befriedigen, wenn sich aus der geistvollen oder geistlosen Kompilation eine Karikatur herausbildet oder die Darstellung zum Rang eines antiquarischen Lagerkatalogs herabsinkt.

Die Erklärung der erwähnten Unterlassung mag darin liegen, daß MALTHUS und SENIOR in diesem Kampf unterlagen. Auf die Seite RICARDOs traten TORRENS, JAMES MILL, McCULLOCH, JOHN STUART MILL, auf die Seite MALTHUS' trat niemand. JEVONS meinte, MALTHUS und SENIOR "wurden aus dem Feld geschlagen durch die Einheit und den Einfluß der Ricardo-Mill-Schule" (25). Aber die Theorien RICARDOs bedeuteten wohl auch bessere Waffen für die Vorkämpfer der Umgestaltung der englischen Volkswirtschaft, als die volkswirtschaftlichen Grundsätze des konservativen Professors der Geschichtte und Nationalökonomie. Und wenn auch, wie JEVONS behauptete, RICARDO den Wagen der politischen Ökonomie auf das falsche Geleis geschoben hat, weshalb die Wissenschaft wieder an SMITH und MALTHUS anknüpfen muß, so mochte dieses Geleis doch gerade dahin führen, wohin die englische Bourgeoisie zu fahren wünschte.


3.

Allein hat MILL hat die Gegner endgültig nicht mit jenem Aufsatz aus dem Feld geschlagen. Fast gleichzeitig erschien seine Logik, welche bewies, daß er in den 13 Jahren, welche zwischen ihm und ihrer Vollendung liegen, sehr viel gelernt hatte. Im Jahr 1837 war WHEWELLs "History of the inductive sciences" erschienen, 1840 wurde desselben Verfassers "Philosophy of the inductive sciences" veröffentlicht. Außerdem hatte in den Jahren 1830 - 1842 COMTEs "Cours de philosophie positive" die Presse verlassen. Den Schaden, welchen dieser der Philosophie durch die Verwerfung der formalen Logik zugefügt hatte, machte er dadurch wieder gut, daß er in seinem Werk die Methoden der Natur- und Geisteswissenschaften mit zur Darstellung brachte. Der geistige Horizont MILLs erweiterte sich nach allen Seiten. Er sah, daß die Methode der Naturwissenschaften nicht in der Deduktion beschlossen ist, er lernte die methodische Bedeutung empirischer Gesetze kennen, welche nachträglich aus psychologischen Daten erklärt werden. Er zog zuerst Gewinn aus diesen Anregungen, ihm ist es zu verdanken, daß die europäische Logik über den aristotelischen Formalismus und HEGELs Dialektik in neue ertragreiche Gebiete geführt wurde.

Die Lehren MILLs sind von SCHMOLLER so gründlich kritisiert worden (26), daß ich mich darauf beschränken kann, den Unterschied der früheren und späteren aufzuzeigen. Er ist sich nun darüber klar geworden, daß die mathematische Deduktion nicht der Typus der Methode aller abstrakten Wissenschaften ist. Die früher so gepriesene geometrische Methode der Deduktion aus  einer  Ursache wird verworfen, über die sogenannte chemische Methode (Vergleich geschichtlicher Erscheinungen) fällt er dasselbe Urteil wie früher, aber die physikalische Methode, welche  alle  zur Hervorbringung einer Erscheinung zusammenwirkende Ursachen heranzieht, betrachtet er jetzt als die für das Gebiet der theoretischen Nationalökonomie wichtigste. Die Verifikation der Deduktion, welche in dem Aufsatz nur zu praktischen Zwecken, für die Volkswirtschaftspolitik, gefordert wird, erscheint in der Logik auch als Bestandteil der Methode der theoretischen Nationalökonomie. Als Mittel der Verifizierung nennt er nicht nur Tatsachen, sondern auch empirische Gesetze, die er in den Essays noch nicht kannte. Während er dort mit einer gewissen Geringschätzung von der besonderen Erfahrung sprach, wird nun rundweg belehrt: "Der Grund der Gewißheit in irgendeiner deduktiven Wissenschaft ist nicht die a priori Begründung ihrer selbst sondern die Übereinstimmung zwischen ihren Resultaten und denen der Beobachtung." Mit diesem Satz kann jeder Empiriker zufrieden sein, nicht mit seiner Lehre vom Verhältnis von Induktion und Deduktion. Die Erkenntnis kausaler Zusammenhänge auf dem Gebiet der Geisteswissenschaften erfolgt am Anfang der Untersuchung gewöhnlich nicht in der Weise, daß aus bestimmten Prämissen Konsequenzen abgeleitet werden, welche man mit den Tatsachen vergleicht, sondern gewöhnlich werden Tatsachen und empirische Regelmäßigkeiten festgestellt, deren Ursache der Gelehrte erforscht. So hat die Sprachwissenschaft die empirischen Regelmäßigkeiten in der geschichtlichen Aufeinanderfolge sprachlicher Formen konstatiert und dann deren Ursachen aufzudecken gesucht. Die Ursachen kennt man nur sehr ungenügend, obwohl die Biologie und die Psychologie das Material, welches in Betracht kommen kann, massenhaft aufgehäuft haben. Jahrtausende wußte man, daß der Mensch zur Trägheit und Bequemlichkeit neigt und doch hat niemand hieraus Sprachgesetze deduziert und darauf die Ergebnisse mit den Tatsachen verglichen. Umgekehrt haben die Linguisten empirische Regelmäßigkeiten konstatiert und sie aus psychischen Erfahrungen (Trägheit, Bequemlichkeit) zu erklären gesucht. Ähnlich verhält es sich mit der Nationalökonomie.

Das Abwandern der landwirtschaftlichen Bevölkerung in die Großstädte gehört anscheinend zu den regelmäßigen Erscheinungen hochentwickelter Volkswirtschaften, in der römischen und den modernen ist sie beobachtet, in diesem Jahrhundert statistisch nachgewiesen worden. Die Kenntnis der menschlichen Motive ist so groß, daß man aus ihnen hätte deduzieren können, und doch ist es nicht geschehen. Zuerst mußte die Tatsache erkannt werden und dann erforschte man ihre Ursachen. Und welchen Nutzen gewährt dabei die Deduktion aus dem Selbstinteresse? Das Prinzip des Selbstinteresses läßt nur den Schluß zu, daß die abwandernde Bevölkerung dabei ihrem Interesse folgt. Welches aber ist ihr Interesse? Das kann nur die wisseschaftliche Beobachtung lehren, die zuweilen zu dem Ergebnis führt, daß das wohlverstandene Selbstinteresse keineswegs immer das einzige oder das wichtigste Motiv bildet. Oder man prüfe folgende Erscheinungen auf die zu ihrer Erkenntnis nötige Methode: die Arbeitslosigkeit in den Großstädten, die Zuhilfenahme der Bevölkerung mit der Entwicklung des maschinellen Großbetriebes, obwohl er die Tendenz hat, an Arbeitskräften zu sparen.

MILL kennt, wie erwähnt, auch die Methode der voraufgehenden Konstatierung von Tatsachen und empirischen Gesetzen und deren nachfolgender Erklärung aus den Gesetzen der menschlichen Natur (inverse deductive method), aber er weist ihr nicht die Nationalökonomie als ihr Gebiet an. Es gibt nach ihm zwei Arten soziologischer Untersuchung, die eine erforscht die Ursachen der Gesellschaftszustände, die andere (zu ihr gehört die Nationalökonomie) untersucht, welche Wirkung aus einer bestimmten Ursache bei einem gegebenen Gesellschaftszustand hervorgeht. Man sieht, er kann sich von der völlig irrigen Vorstellung nicht frei machen, daß den Nationalökonomen von vornherein die Ursachen der Erscheinungen bekannt waren, aus denen sie nur zu deduzieren brauchten. Und den bescheidenen Fortschritt der Logik über den Standpunkt des Essays, macht er dadurch wieder illusorisch, daß er in den Paragraphen 3 des 9. Kapitels der Logik Bestandteile des Essays herübernimmt. Anstatt der Deduktion aus allen Ursachen wird die Deduktion aus  einer  Ursache als die Methode der theoretischen Nationalökonomie hingestellt.

Noch einen Schritt weiter wurde MILL geführt, als er sein Lehrbuch der politischen Ökonomie abfaßte. So erklärt sich das Urteil SENIORs: "In den Essays  Political Economy  handelt es sich um hypothetische Wissenschaft, in den  Principles  um positive Kunst." (27)

Der unfertige und widerspruchsvolle Zustand, in welchem sich die Methodenlehre in den Schriften MILLs befand, veranlaßte zum Neubau, welchen CAIRNES unternahm. Er hat die hypothetisch-deduktive Methode ohne bemerkenswerte Originalität auf der Grundlage von MILLs Logik geschlossen und scharfsinnig konstruiert. MILL hatte alle Phasen durchlaufen; von der exakten Methode RICARDOs zur hypothetisch-deduktiven der theoretischen Nationalökonomie und schließlich zu den Methoden der Politik. Noch ein anderes Motiv gab dem Werk von CAIRNES seinen Charakter. Bald nach dem Erscheinen der Schriften MILLs beginnt die Zeit des siegreichen Freihandels. Die Anhänger, welche die Nationalökonomie fand, ließen die Theorie ihre Strenge einbüßen.

Gegen SAY hat CAIRNES die Aufgabe der Theorie dahin präzisiert, daß sie nachweisen soll, nach welchen Gesetzen gewisse Erscheinungen aus gewissen Prinzipien hervorgehen, nicht aber in welchen Beziehungen sie zum Allgemeinwohl und der natürlichen Gerechtigkeit stehen (28). Ihr Objekt soll der Reichtum sein, welcher einen zusammengesetzten Charakter (complex character) besitzt. Denn er wird von materiellen Dingen gebildet, denen das Gemüt einen Wert beilegt. Daher gehört die politische Ökonomie "zur Klasse von Studien, die eine historische, politische und im allgemeinen soziale Untersuchung beinhaltet. Die Klasse erscheint mir  sui generis  [aus sich selbst heraus - wp], da sie für ihren Gegenstand die komplexen Phänomene, die durch die Übereinstimmung mit physikalischen, physiologischen und geistigen Gesetzen für sich haben und für ihre Funktion die Ermittlung solcher Phänomene in Bezug auf ihre physikalischen, physiologischen und mentalen Ursachen." (29)

Wenn aber auch die Zurückführung der Erscheinungen auf physische, physiologische und geistige Ursachen die Aufgabe des Nationalökonomen bildet, so gehören deren Analyse und Erklärung doch nicht in seinen Bereich. Für ihn sind sie "ultimative Ursachen", "ultimative Fakten", welche ihm andere Wissenschaften überlieferten und die Prämissen seiner Deduktionen bildeten.

CAIRNES macht das für die historische Schule wichtige Zugeständnis, daß die vollkommene Wissenschaft, diejenige, welche die Aufeinanderfolge der volkswirtschaftlichen Erscheinungen voraussagen kann, jeden sie beeinflussenden Faktor unter ihre Prämisse aufnehmen muß. Aber dieser Grad der Vollkommenheit sei anscheinend unerreichbar, denn "die Fakten, die in Rechnung gezogen werden, sind so zahlreich, ihr Charakter so vielfältig, und das Gesetz ihrer Reihenfolge so obskur, daß es nur schwer möglich ist, alle zu ermitteln, noch weniger jedem Faktum seinen exakten Wert zuzumessen." (30) Jedoch können zumindest "solide und verwertbare Resultate" erzielt werden "indem wir bei unseren ökonomischen Untersuchungen dem selben Kurs folgen, der mit solchem Erfolg in den physikalischen Wissenschaften verfolgt wird. Was ist das für ein Prozeß? Unter den letzten Tatsachen und Ursachen sind nach CAIRNES drei wichtiger als alle andern:
    1. der Wunsch Reichtum zu erzielen mit dem geringstmöglichen Aufwand (geistige Ursache)

    2. diejenigen Neigungen, welche in Verbindung mit den physiologischen Bedingungen des menschlichen Rahmens, die Bevölkerungsgesetze bestimmen (physiologische Ursache)

    3. die physikalischen Qualitäten des Bodens (physikalische Ursache - ungleiche Bodengüte, Gesetz des sinkenden Bodenertrags).
Sie bilden die Hauptprämissen eines deduktiven Verfahrens. Außerdem muß aus der ungeheuren Zahl der das wirtschaftliche Leben beeinflussenden Faktoren (politische und soziale Institutionen, Verteilung des Grundeigentums und landwirtschaftliche Unternehmungsformen, Maschinenwesen, Gewohnheit, Sitte, Lebenshaltung, sittlich und religiöse Erwägungen) noch eine Auswahl getroffen werden. "Einige der wichtigsten dieser Faktoren, könnten mit der genügenden Genauigkeit als Material für anschließende Deduktionen verfügbar gemacht werden und so einen Platz erhalten auf dem Feld dieser Wissenschaft." (31) Durch die Deduktion aus beiden Arten von Prämissen wird ein Gedankengebäude errichtet, das der Wirklichkeit bis zu einem hohen Grad entspricht, allerdings sie nicht ohne Rest erklärt. Die Wissenschaft hat daher einen hypothetischen Charakter, das Eintreten der deduzierten Wirkungen wird nur angenommen, falls keine anderen Ursachen tätig werden, die theoretische Nationalökonomie berichtet nur von Tendenzen. In der Kritik der davon verschiedenen Meinung SENIORs hat CAIRNES Recht und Unrecht: Recht, da die 4 oder 5 Prämissen SENIORs nur einen Bruchteil der wirkenden Faktoren ausmachen, Unrecht, weil SENIOR sich gegen die  willkürlichen  Annahmen, die "willkürlich angenommenen Hypothesen" RICARDOs und des jungen JOHN STUART MILL wandte.

Nach CAIRNES kennt der Nationalökonom von Anfang an alle Ursachen und darum "ist kein ausgearbeiteter Induktionsprozeß erforderlich". Der Unterschied zwischen Naturwissenschaft und Geisteswissenschaft besteht eben darin, daß dem Naturforscher die Ursachen unbekannt sind, welche er durch einen langwierigen Prozeß finden muß. Auf diesem Gebiet teilt CAIRNES alle Irrtümer MILLs, so auch den, daß die Erkenntnis der Ursachen sozialer Erscheinungen auf induktivem Weg nur durch den Vergleich von Parallelzuständen möglich ist. Er legt ein stärkeres Gewicht auf die Verifizierung durch statistische Daten, betont, daß sich auch deshalb notwendig ist, um Denkfehler zu erkennen, und hebt hervor, daß exakte nationalökononmische Gesetze nicht ausgesprochen werden könnten, da der zahlenmäßige Ausdruck ein wesentliches Merkmal derselben ist.

Und nun zur Kritik! Belanglos wäre der Nachweis, daß das Bevölkerungsgesetz, das Gesetz des sinkenden Bodenertrags Bestandteile der Nationalökonomie sind. Der schwächste Punkt ist formel die Begründung des hypothetischen Charakters unserer Wissenschaft damit, daß der menschliche Geist die Wirkung aller Ursachen nicht erkennen  kann.  Eine Wissenschaft, welche sich dieses Armutszeugnis ausstellt, tut gut daran, abzutreten, sie ist keine Wissenschaft. In jeder gibt es unbekannte Regionen, aber ihre Jünger hoffen, sie aufzuhellen. Den größten materiellen Irrtum bildet die Annahme, daß dem Nationalökonomen alle Prinzipien von anderen Wissenschaften überliefert worden sind. Wären die Nationalökonomen so glücklich, dann wäre die Wissenschaft vollendet und der unaufhörliche Widerspruch zwischen ihnen unbegreiflich. Dann könnten nur formale Denkfehler vorkommen, die längst alle beseitigt sein müßten. Die Nationalökonomie müßte die Einigkeit der Mathematik aufweisen. In Wirklichkeit ist es anders. JEVONS wirft RICARDO vor, daß er die größte Verwirrung in der Nationalökonomie hervorgerufen hat. Um die Krisen streiten sich der Vertreter der Unterkonsumtion und der Überproduktion. Und selbst altehrwürdige Lehren befinden sich in diesem schwankenden Zustand. Im Bereich der Wert- und Preislehre stehen sich die Kostentheoretiker, die Arbeitstheoretiker und die Grenznutzentheoretiker bis an die Zähne bewaffnet gegenüber. Wenn die geistige Tätigkeit bei der Aufstellung von Gesetzen nur in der Deduktion der Prämissen bestünde, warum rückt man dann nicht von der Stelle? Weder die Prämissen SENIORs, noch diejenigen von CAIRNES und auch nicht die in der deutschen Literatur so hochgerühmten: die subjektive Prämisse (Selbstinteresse) und die objektive (Freiheit der Bewegung) führen zu einer Entscheidung. Mit dem Deduzieren aus Prämissen, insbesondere aus der Prämisse des Selbstinteresses, muß es also eine ganz andere Bewandtnis haben. Die vortrefflichen Dogmengeschichten (32) der österreichischen Theoretiker, wie MATAJA, von BÖHM-BAWERK, ZUCKERKANDL zeigen ähnliche Widersprüche auf anderen Gebieten unserer Wissenschaft. Für jeden von Vorurteilen befangenen Menschen ist das doch ein deutlicher Beweis, daß die Ursachen der Erscheinungen noch nicht so aufgehellt sind, daß eine völlige Übereinstimmung der Nationalökonomen eintreten müßte. Und doch zweifeln die Theoretiker nicht daran, daß alle Menschen selbstsüchtig sind, nach Reichtum streben, ohne alle Überlegung das ökonomische Prinzip befolgen usw. Damit gelangen wir zu dem Endergebnis: die sogenannten Krisen-, Preis-, Kapitalzins-, Unternehmergewinn- usw. "Theorien" haben den logischen Wert von  Hypothesen,  welche aufgestellt werden, um bestimmte regelmäßig auftretende Erscheinungen der modernen Volkswirtschaft zu erklären. Daraus folgt:
    1. Ein wesentlicher Mangel unserer Wissenschaft besteht darin, daß genügende Verfahren zur Verifizierung von Hypothesen nocht nicht ausgebildet sind, weshalb die Unterkonsumtionshypothese und die Überproduktionshypothese, die Produktivitätshypothese, die Nutzungshypothese, die Ausbeutungshypothese nebeneinanderhergehen und nur Wortgefechte hervorrufen.

    2. Die Deduktion aus Prämissen, insbesondere die Deduktion aus den Prämissen des Selbstinteresses und der Freiheit der wirtschaftlichen Bewegung kann nicht das zur Auffindung von nationalökonomischen Gesetzen dienende Verfahren sein, denn sie träg offenbar nichts zur Entscheidung der Frage bei, welche von jenen Hypothesen die richtige ist.

    3. Es ist ein Irrtum, daß die Kenntnis der menschlichen Seele die Kenntnis der Prinzipien der Volkswirtschaft in sich schließt. Die Kenntnis der Empfindungen, Gefühle, Triebe hat ungefähr den Wert der Notenkenntnis in der Musik. Diese macht keinen Komponisten, aber sie ermöglicht das Verständnis der Musikstücke eines Komponisten; jene produziert keine Gesetze, aber das Verständnis von Gesetzen.

LITERATUR Wilhelm Hasbach, Zur Geschichte des Methodenstreits in der politischen Ökonomie, Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft, Neunzehnter Jahrgang, Leipzig 1895
    Anmerkungen
    1) KEYNES, JOHN NEVILLE: The Scope and Method of Political Economy, London and New York, 1891, Seite XIV und 395. - WAGNER, ADOLPH: Grundlegung der politischen Ökonomie, Erster Halbband, Erstes Buch, Seite 1-284. - COSSA, LUIGI: An Introduction to the Study of Political Economy, London 189. Theoretical Part, Seite 1-110. - Der Besprechung ist die englische Übersetzung und nicht das italienische Original zugrunde gelegt worden, weil nach dem Vorwort des Verfassers und Übersetzers das letztere sich in der Übersetzung darstellt als "enriched by the author with important changes and valuable additions."
    2) Untersuchungen über Adam Smith und die Entwicklung der politischen Ökonomie, 1891.
    3) Vgl. WAGNER, Grundlegung I, Seite 187 und KEYNES, Seite 10 und 11.
    4) Er (A. Smith) betrachtete sie (die politische Ökonomie)  als eine Kunst  ... Der hauptsächliche Zweck seiner Arbeit war es die Irrtümlichkeit der Zwecke zu zeigen, durch welche politische Ökonomen bisher versucht hatten, diese beiden Aufgaben zu erledigen ...  Der wissenschaftliche Teil seiner Arbeit ist dementsprechend hauptsächlich eine Einführung in die Praxis.  Der vierte, der längste Teil des Ganzen, betrachtet die direkte Einflüsse, mit denen Regierungen versucht haben ihre Untertanen dazu zu bringen reich zu werden ... Das fünfte Buch ... ist im Grunde eine Abhandlung über die Kunst der Regierung. Edinburgh Review, Vol. 88, 1848, Seite 296.
    5) "Du denkst die politische Ökonomie is eine Untersuchung über die Natur und die Ursache des Reichtums; Ich denke, es sollte eher eine Untersuchung über die Gesetze genannt werden, welche die Verteilung der industriellen Produkte unter die verschiedenen Klassen bestimmen, die miteinander konkurrieren. Kein Gesetz kann verabschiedet werden, welches Quantitäten einbegreift, aber ein akzeptabel korrektes Gesetz, das Verhältnisgrößen behandelt. Jeden Tag stelle ich erneut zu meiner Zufriedenheit fest, daß meine bisherigen Untersuchungen eitel und trügerisch waren und daß die letzteren allein das wahre Objekt von Wissenschaft sind." JAMES BONAR, Letters of David Ricardo to Malthus, 1887, Seite 175
    6) a. a. O., Seite 167
    7) "Du sagst, daß meine Aussage daß mit wenigen Ausnahmen die Quantität der Arbeit die auf Rohstoffe verwendet wird bestimmt die Rate zu welcher diese sich gegenseitig austauschen nicht wirklich begründet ist. Ich muß zugeben, daß dies nicht in jedem Fall zutrifft, es aber doch die beste Annäherung an die Wahrheit darstellt, als eine Regel um relative Werte zu messen, von der ich jemals gehört habe." - a. a. O. Seite 176
    8) a. a. O., Seite 96
    9) "Unsere Differenzen können in gewisser Weise, denke ich, so beschrieben werden, daß du mein Buch als praktischer ansiehst, als es von mir beabsichtigt war ..." (a. a. O., Seite 167). "Wenn ich zu theoretisch bin (was ich in der Tat glaube, daß der Fall ist), so bist du, denke ich, zu praktisch. (a. a. O., Seite 96).
    10) Quarterly Review Vol. 60, 1824, Seite 312
    11) Siehe die Aufzählung der willkürlichen Voraussetzungen RICARDOs in SENIORs Aufsatz in der Edinburg Review, Vol. 88, 1848, Seite 302f.
    12) Economic Studies, 2nd ed. 1888, Seite 157
    13) JAMES BONAR, Malthus and his work, 1885, Seite 32
    14) Autobiography, 8th ed. 1886, Seite 208
    15) Der Nachweis dieses Elements ist nicht die Anwendung der Lehre vom "Milieu" auf die Nationalökonomie. Erstere legt den  Gedankenstoff  vor, welchen die Zustände dem Verstand eines Individuums zur Verarbeitung überwiesen, letztere will die wissenschaftliche oder künstlerische  Individualität  aus der Umgebung erklären.
    16) Daß wirkliche historisch oder philologisch gebildete Literaturkennen unseres Faches die Gesetze der Gedankenentwicklung sehr wohl kennen, braucht kaum ausdrücklich gesagt zu werden. Für sie kommt nur in Frage, was man für die Wissenschaft als wichtiger ansieht: die Erfassung neuer Gedanken oder die Ausbildung vorhandener Gedanken und das fertige System. Erstere können für sich anführen, daß Menschen, welche in neuer Weise sehen, hören, empfinden, fruchtbare Kausalzusammenhänge entdecken, die bisher niemand erkannt hat, selten sind, während die Zahl derjenigen, welche ihnen nachempfinden, ihre Theorien weiter bilden, keine geringe ist. Für die Kunstgeschichte ist, wie ich glaube, der Gesichtspunkt der  Originalität  der herrschende geworden. Auch die Literaturgeschichte hat ihn nicht verkannt, sobald sie über das bibliographische und das kompilierende Stadium heraus war und sie es nicht mehr für ihre Aufgabe betrachtete, die Meinungen der Schriftsteller über wichtige Fragen aneinander zu reihen oder deren Lehren zu konstruieren. Die Mängel der konstruierenden Methode, welche dem System des Gelehrten gewöhnlich eine Geschlossenheit beilegt, die es nicht besitzt, können in Literaturgeschichten der Philosophie beobachtet werden, aber auch in FEILBOGENs "Smith und Turgot" u. a. § 67, Seite 111 und § 58. Mit diesem SMITH, der "die Gütervermehrung durch Arbeitsteilung auf ein Grundgesetzt der Mechanik" zurückführt, vergleiche man den wirklichen SMITH! - - - Wenn man weiß, daß die Entwicklung einer Wissenschaft darauf beruth, daß originelle und rezeptive Geister zusammenwirken, dann kommt zweitens in Frage, wie man die Originalität der ersteren und die Abhängigkeit der letzteren nachweisen will. Ich kann nicht die Absicht haben, diesen Punkt an dieser Stelle im Zusammenhang und ausführlich zu besprechen, und muß mich daher mit folgenden Andeutungen begnügen. Das erste Erfordernis ist jedenfalls, daß man den Stand der Forschungen, die herrschenden Lehren zur Zeit der wissenschaftlichen Tätigkeit eines Mannes völlig aufhellt. "Der Sprechende oder Schreibendes", sagt A. BÖCKH, "setzt mit Bewußtsein oder unwillkürlich voraus, daß die, an welche er sich wendet, seine Worte nicht nur grammatisch verstehen,  sondern bei denselben mehr denken, als sie ansich besagen, weil ihr Inhalt mit historisch gegebenen Verhältnissen in naher Verbindung steht und also jeden Kundigen an dieselbe erinnert  ... Man muß sich zu diesem Zweck in jeder Beziehung mit der im Sprachwerkzeug behandelten Sache bekannt machen, um sich ganz auf den Standpunkt des Autors zu stellen. Je mehr Sachkenntnis der Ausleger hat, desto vollkommener wird er den Autor verstehen. Die historischen Verhältnisse, um deren Kenntnis es sich handelt, können in den verschiedensten Sphären des geschichtlichen Lebens liegen ...  Bei Philosophen kommt es im allgemeinen darauf an, den Standpunkt zu verstehen, auf welchen sie durch die geschichtliche Entwicklung der Wissenschaft gestellt sind;  die modernen Philosophen verstehen die alten oft falsch, weil sie sich nicht auf ihren Standpunkt versetzen können." (Enzyklopädie und Methodologie der philologischen Wissenschaften, 1877, Seite 112) So sprach sich einer der geistvollsten und scharfsinnigsten Philologen aus, der mit den auf dem Gebiet der Literaturgeschichte anzuwendenden Methoden doch wohl bekannt war. Ganz anders FEILBOGEN, welcher die historische Interpretation kurzerhand mit Prioritätsforschung zusammenwerfend, sich zu folgenden seltsamen Sätzen (Seite 11) versteitgt: "Die Prioritätsforschung will also immer Denkprozesse des Individuums aus ihren äußeren Spuren feststellen, indem sie die Einwirkung des kollektiven Denkens auf das Individuum studiert,  statt die Einwirkung der individuellen Äußerung auf das kollektive Denken zu beoachten, worin die eigentliche Aufgabe der Wissenschaftsgeschichte besteht  (sic). An einer anderen Stelle heißt es: "Eine wahrheitsgemäße Darstellung der tatsächlichen Entwicklung der Wissenschaft muß sich daher in erster Linie mit der möglichst verständnisvollen, historischen Würdigung der Hauptwerke befassen und die  Darstellung der einflußlosen Vorläufer (woran erkennt man diese?) an die Bibliographie abgeben.  Die historische Würdigung der Hauptwerke aber besteht in der möglichst genauen Feststellung  der Tragweite des durch sie bewirkten Fortschrittes."  (Seite 10) (Man sieht, nach FEILBOGEN haben die großen Männer wohl Kinder, aber keine Eltern). "Je größer nämlich ein Denker ist, desto weniger Aufmerksamkeit schenkt er selbst in der Regel seinen äußeren Erlebnissen" (Seite 11). Die Geschichte der Wissenschaften, antworten wir FEILBOGEN, macht uns mit zwei Arten von Männern bekannt, mit eitlen Köpfen, welche die Spuren, die zu ihren Vorgängern zurückführen, sowiel wie möglich zu verwischen suchen, und mit großen Denkern, die neidlos und dankbar den Einfluß ihrer Lehrer anerkennen. Ein GOETHE hat uns mehrfach auf das genaueste über die mannigfachen Einflüsse, die seine Entwicklung bestimmt haben, unterrichtet, ein SCHOPENHAUER hat sich oft darüber verbreitet, wie viel er anderen verdankt. Ein KANT sagte, daß HUME ihn aus seinem dogmatischen Schlummer geweckt hat. Diese Männer waren, woran auch FEILBOGEN nicht zweifeln wird, bedeutende Denker. Sollen wir auf die antiken Philosophen zurückgehen, sollen wir noch ROUSSEAU, MILL und manche andere erwähnen, um die ganze Haltlosigkeit der grundlegenden Anschauungen FEILBOGENs ins Licht zu setzen, die im schroffsten Widerspruch steht zur anspruchsvollen Wissenschaftlichkeit der Form? Nur in einer Wissenschaft, deren Gebiet so weit ab liegt von der Philosophie und Philologie, konnte FEILBOGEN erklären, daß die naturrechtlichen Bestandteile des "Wealth of Nations" nichts weiter sind als "Dekoration". DUGALD STEWART war ganz anderer Meinung als FEILBOGEN und hat wahrscheinlich über den "Wealth of Nations" mehr gewußt, als wir. Im Artikel I seiner Vorlesung über  Political Economy  handelte er "über die Schriften des GROTIUS und seiner Vorgänger im Naturrecht und deren Einfluß auf die Vorschläge der modernen Spekulation in Bezug auf die politische Ökonomie". Für denjenigen, welcher den Geist und die Wissenschaften des 18. Jahrhunderts kennt, wäre es überflüssig, solche Zeugnisse beizubringen. "Jeder Mensch", behauptet FEILBOGEN, "erscheint dem  "oberflächlichen  Beobachter auf diese Weise als ein Kind seiner Zeit". (Seite 8) BLASS, ein bekannter Philologe, schreibt in der Abhandlung "Hermeneutik und Kritik": "Ein jeder Autor ist ein Kind seiner Zeit, und er wendet sich an die Kinder seiner Zeit, setzt also die bei diesen vorhandenen Anschauungen und Kenntnisse voraus und schreibt aus diesen Anschauungen und Kenntnissen ... Da nun die Anschauungen mit samt den Zuständen, aus denen sie sich bilden, fortwährend wechseln und fließen,  so muß bald ein Mangel an Verständnis eintreten,  weil das dazu Vorausgesetzte nicht mehr vorhanden ist, und sofort beginnt die Aufgabe der  historischen Interpretation, welche in jene Anschauungen und Kenntnisse zurückversetzt."  (J. MÜLLER, Handbuch der klassischen Altertumswissenschaft, 1886, Seite 187. Mir scheint, daß diese Worte auf keinen Schriftsteller mehr zutreffen, als auf ADAM SMITH. - - - Die historische Interpretatoni ist also keineswegs mit der Prioritätsforschung zu verwechseln, sie ist die notwendige Voraussetzung des Verständnisses eines Schriftstellers, mag er nun zu den originellen oder zu den rezeptiven Geistern gehören. Wohl wird uns die Interpretation zur Entscheidung über die Originalität eines Schriftstellers viel Material beibringen, aber es sind noch andere Untersuchungen erforderlich, insbesondere müssen wir seine geistige Persönlichkeit und seine Entwicklung kennen. Wenn wir wissen, daß SMITH als Knabe in die Moralphilosophie HUTCHESONs eingeführt wurde, dann ist der Gedanke ausgeschlossen, daß er dessen Lehren selbständig konzipiert hat. Wenn uns SMITH selbst berichtet, worin  allein  sein ethisches System von demjenigen seines Freundes abweicht, wenn wir sehen, mit welcher Gründlichkeit er seine Vorgänger studiert hat (bei Philosophen des vorigen und auch dieses Jahrhunderts nicht immer wahrzunehmen), dann ist uns ein Schluß auf seine Originalität, seine Arbeitsweise wohl gestattet. Wenn uns DUGALD STEWART dann mitteilt, daß SMITH den theoretischen Bestandteil seines "Wealth of Nations" aus den Schriften anderer zusammengetragen hat, dann ist das Gebiet, auf dem wir seine Originalität vermuten dürfen, sehr stark eingeengt. So gewinnen wir allmählich aus Bruchstücken eine Kenntnis seiner Begabung, die frühere Beobachtungen ins rechte Licht setzt, weitere Schlüsse gestattet usw. FEILBOGEN hat dann auch meine Auffassung von SMITH nicht zu ändern vermocht, ich habe gesagt, er sei ein Mann von produktiver Kritik und glücklicher Synthese gewesen, er hat dafür ein neues Wort: "objektive Originalität" geschaffen. - - - Im übrigen ist es eine ungeheure Naivität, daß die  großen,  die Wissenschaften fördernden Gedanken so häufig, von den Zeitgenossen unbemerkt, von verschiedenen Männern erfaßt worden sind. Wo es der Fall war, da hat entweder zwischen den Zeitgenosen oder den Späteren ein oft erbitterter Meinungskampf, eine gründliche Untersuchung stattgefunden, so daß die Priorität auf das Unzweideutigste festgestellt worden ist. Man denke an NEWTON und LEIBNIZ, an DARWIN und WALLACE. Der Mann, desse Spuren FEILBOGEN folgt, hat die Vermutung abgelehnt, daß er seine Theorie von JEVONS entlehnt hat (man scheint also auch im Lager MENGERs doch etwas auf "subjektive Originalität" zu geben). ADOLPH WAGNER hat seine Prioritätsansprüche auf die richtige Charakterisierung des Merkantilsystems geltend gemacht usw. Hätte FEILBOGEN die Geschichte der Wissenschaften mehr studiert, so würde er manche seiner Gedanken unterdrückt haben. - - - Weiter auf die grundlegenden Behauptungen FEILBOGENs oder gar auf den Inhalt seiner Ausführungen über das Verhältnis von SMITH und TURGOT (was ich in der Deutschen Literatur Zeitung getan habe) einzugehen, würde an dieser Stelle nicht angebracht sein. Ich habe nur hervorzuheben gesucht, daß die von FEILBOGEN an die Literaturgeschichte gestellten Anforderungen von der auf diesem Gebiet allein kompetenten Wissenschaft nicht unterstützt werden. Würden sie anerkannt, so müßte die Idee der Entwicklung einem Heroenkultus geopfert werden und wir würden die wichtigsten Fragen der Methodenlehre nie beantworten können. Insbesondere dann nicht, wenn ein die konstruierende Methode anwendender Geist in die Bücher mehr und anderes hineinlesen würde als in ihnen enthalten ist und er nach philologischen Grundsätzen hinein interpretieren darf. Für uns werden die Methoden maßgebend sein müssen, welche die Philologie ausgebildet hat. Vor vielen anderen bildet das monumentale Werk ZELLERs über die Geschichte der Philosophie der Griechen ein Muster, von dem wir noch lange lernen können. - - - Hieraus geht nun aber auch hervor, wie falsch die Meinung ist, daß die Lektüre eies Schriftstellers zu seinem Verständnis genügt, welche, wenn ich nicht irre, indirekt noch neuerdings von SCHÄFFLE ausgesprochen worden ist. Darin besteht die Aufgabe der Literaturgeschichte, daß sie die zum Verständnis der Schriftsteller nötigen Voraussetzungen schafft und nicht in Bibliographien, Ausarbeitung von antiquarischen Lagerkatalogen, Kompilationen, biographischen Notizen, Sammlund von Aussprüchen usw. Daß es auch eine Wissenschaft von der Literatur, nämlich die Philologie, gibt, scheint ziemlich unbekannt zu sein. Ein jeder behandelt die Literatur nach seinem eigenen Gutdünken.
    17) Principles of Political Economy, 1820, Introduction. Vgl. auch die schon zitierten Artikel in der Quaterly Review, in denen er die Lehren RICARDOs auch "the new political Economy" nennt.
    18) Introductory Lecture on Political Economy, 1826, Seite 6f.
    19) Die fünf Prämissen sind folgende: 1. Reichtum besteht nur aus wirtschaftlichen Gütern. 2. Ökonomisches Prinzip. 3. Bevölkerung beschränkt durch moralisches oder physisches Übel ode die Furcht von Mangel an dem nach Klassen verschiedenen Bedarf. 4. Unbegrenzte Vermehrung der Kapitalien. 5. Gesetz des abnehmenden Bodenertrags. In der Political Economy fehlt die erste.
    20) Edinburg Review 1848, Vol. 88, Seite 302
    21) Wenn RICARDO den Menschen Selbstinteresse zuschreibt, spricht er stets von der Kapitalistenklasse; Principles, Kap. IV; Letters (BONAR) Seite XVI. Ähnliche Aussprüche der Physiokraten und ADAM SMITHs bei HASBACH, Philosophische Grundlagen Seite 141. Noch schroffer MARX: "Als Kapitalist ist er nur personifiziertes Kapital. Seine Seele ist die Kapitalseele." (Kapital, Bd. 1, Seite 216. - Nach RICARDO verstehen nicht alle Menschen ihr Interesse. (Letters, Seite 18)
    22) Unter den Schriftstellern, welche diesen Blick auf die politische Ökonomie eingenommen haben ist der bemerkenswerteste DAVID RICARDO. ... Er fügt zu MILLs Hypothese andere ebenso willkürliche Annahmen hinzu. Und der zeichnet damit kein Bild vom wirklichen Leben, sondern von hypothetischen Fällen ... Aber weder die Begründung von MILL noch das Beispiel RICARDOs bringen uns dazu die politischen Ökonomie als hypothetische Wissenschaft zu treiben. Wir glauben, das ist nicht notwendig, und wenn unnötig, dann auch nicht wünschenswert ... Es scheint uns, als wären damit drei wichtige Einwürfe möglich. - - - Der erste ist der offensichtlich unattraktivste. Niemand folgt einem Entwurf darüber, was Stand der Dinge ist, unter gegebenen aber irrealen Bedingungen, mit demselben Interesse, mit dem er dem folgt, was sich eigentlich abspielt. - - - An zweiter Stelle: ein Schriftsteller der mit willkürlich gesetzten Annahmen anfängt, unterliegt der Gefahr, von Zeit zu Zeit zu vergessen, was seine nichtgegenständlichen Grundlagen sind und argumentiert so, als wären sie wahr. Das war bei RICARDO die Quelle vieler Irrtümer. - - - Und der dritte Einwurf um gegen Hypothesen zu argumentieren ist deren Verwandtschaft mit dem Irrtum, entweder als unlogischer Einfluß oder als Unterlassung erforderlicher Bedingungen, die mit einer Sache zu tun haben. Wenn ein Schriftsteller seine Voraussetzungen aus der Beobachtung nimmt oder aus seinem Bewußtsein und schließt von ihnen auf etwas, von dem er annimmt, daß es reale Fakten sind, wenn ihm also ein gravierender Fehler unterlaufen ist, dann führt ihn das in der Regel zu einer überraschenden Schlußfolgerung. Er ist so vor der möglichen Existenz einer unbegründeten Voraussetzung oder einen unlogischen Einfluß gewarnt, und, wenn er schlau ist, versucht er zurückzurudern bis zu dem Punkt, an dem er seinen Fehler entdeckt hat. Aber die Sonderbarkeit, die aus einer Hypothese resultiert gibt keine solche Vorwarnung ... Edinburg Preview, Vol. 88, Seite 301f.
    23) Eine kurze Erörterung seiner Ausfühurngen ist deshalb angezeigt, weil sie selbst noch jetzt Verwirrung stiften. Wenn MILL meint, die Geometrie beruth auf willkürlichen Annahmen, so irrt er sich meines Erachtens. Zum Beweis führt er an, daß nach EUKLIDs Definition die Linie keine Breite hat. Eine Linie hat aber tatsächlich keine Breite, sie entsteht durh das Zusammenstoßen zweier Flächen. Hätte EUKLIDs Definition der Linien eine Breite gegeben, so würde er sie falsch definiert haben und eine begriffliche Trennung von Linie und Fläche wäre unmöglich gewesen. Die Fläache hat zum Unterschied von der Linie eine Länge und Breite. Die Ursache von MILLs Irrtum ist wahrscheinlich die Verwechslung der gezeichneten Linie und der wirklichen Linie. Wenn eine zur Verdeutlichung gezeichnete Linie notwendigerweise eine Breite haben muß, so beweist das doch nicht, daß die Geometrie auf willkürlichen Annahmen beruth. Ebenso zwingend wäre die Argumentation, daß die Artilleriewissenschaft auf willkürlichen Annahmen beruth, weil man mit gezeichneten Kanonen nicht schießen kann. - MILLs Ausführungen sind, wie man sieht, gegen MALTHUS gerichtet.
    24) MENGERs Kritik an MILL scheint mir zum Teil unzutreffend. Er fügt u. a. an ihm das "mangelnde Verständnis für die Notwendigkeit, in allen Fragen der Methodik die theoretische von der praktischen Volkswirtschaftslehre ... zu trennen". (Untersuchungen, Seite 124)
    25) Handwörterbuch der Staatswissenschaften, Bd. VI, Seite 555f.
    26) Handwörterbuch der Staatswissenschaften, Bd. VI, Seite 555f.
    27) Edinburg Review, a. a. O., Seite 304
    28) Ähnlich BÖHM-BAWERK, Kapital und Kapitalzins I, Seite 2: Während das theoretische Problem, ob der Kapitalzins da sein  soll;  oder gerecht, billig, nützlich ... ist.
    29) Character and Logical Method of Political Economy, 2nd ed. London 1888, Seite 52.
    30) Seite 55
    31) Seite 59
    32) Zur Beseitigung eines Mißverständnisses bemerke ich, daß ich Dogmengeschichten als Mittel zur Förderung des theoretischen Erkennens sehr hoch schätze, aber meine, daß die Literaturgeschichte damit nicht verwechselt werden darf.