ra-2tb-2ra-3N. PinkusPhilippovichW. HasbachF. LifschitzL. Stephinger    
 
HANS ALBERT
Modell-Platonismus
[Der neoklassische Stil des ökonomischen
Denkens in kritischer Beleuchtung]


"Wenn man im alltäglichen Leben auf die Frage nach den Wetteraussichten die Auskunft erhält, daß sich das Wetter, falls keine Änderung eintritt, durchaus in der bisherigen Weise verhalten wird, dann wird man normalerweise nicht mit dem Eindruck davon gehen, in besonderem Maß informiert worden zu sein, obwohl nicht geleugnet werden kann, daß die erhaltene Auskunft unzweifelhaft wahr ist. Hier zeigt sich besonders deutlich, daß man über die Realität sprechen, ja sogar wahre Aussagen darüber machen kann, ohne etwas darüber zu sagen, das hießt in diesem Fall: ohne darüber zu informieren."

"Es ist außerordentlich leicht, Behauptungen zu produzieren, die sich auf den interessierenden Aspekt der Wirklichkeit beziehen und außerdem sogar wahr sind, wenn wir darauf verzichten wollen zu informieren. Wir brauchen dazu nur solche Aussagen zu produzieren, die aus logischen Gründen wahr sind: analytische Aussagen, wie sie vielfach genannt werden. Sie haben den totalen Spielraum, da sie keine denkbare Sachlage ausschließen. Gleichgültig, was in der Welt geschieht, sie sind so formuliert, daß sie auf jeden Fall damit vereinbar sein müssen. Das Gleiche gilt für Aussagen, die zwar nicht analytisch und damit wahr, aber so verklausuliert sind, daß sie gewissermaßen ein unbeschränktes  Alibi  besitzen.

"Theorien im Bereich der Problematik der Marktformen, der Marktbeziehungen und des Marktverhaltens, pflegen gemeinhin so konstruiert zu sein, daß sie alle Möglichkeiten offen lassen, suggerieren aber trotzdem oft durch die Art der Darstellung den Eindruck inhaltlicher Behauptungen. Auch die Wohlfahrtsökonomik, deren theoretische Konzeptionen und Verfahrensweise typische Züge des neoklassischen Denkens aufweisen, hat einen großen Bereich für rein formale Kontroversen geschaffen und etabliert, deren empirische Relevanz für den unbefangenen Betrachter schwer erkennbar ist."

Wer die theoretische Nationalökonomie als Realwissenschaft auffaßt - und das trifft sicherlich für einen großen Teil moderner Nationalökonomien zu -, der wird im allgemeinen zu der Auffassung gelangen, daß sich letzten Endes alle in ihr untersuchten Erscheinungen im wesentlichen auf menschliches Verhalten, auf die Stellungnahmen, Entscheidungen und Handlungen von Personen, zurückführen lassen. Die Theorie spricht von Wirtschaftssubjekten, die in ihrer Eigenschaft als Konsumenten, Arbeiter, Kapitalbesitzer, Unternehmer usw. in Erscheinung treten und sich nach gewissen Gesichtspunkten verhalten, die es zu untersuchen gilt. Es handelt sich also um die Handlungen bestimmter sozialer Rollenträger, und die Nationalökonomie schneidet aus der Rollenstruktur der Gesellschaft gewissermaßen einen Bereich heraus, den sie für ökonomisch relevant und unter einigermaßen einheitlichen theoretischen Gesichtspunkten analysierbar hält. (1)

Da im Zentrum des ökonomischen Denkens seit der Entstehung der modernen Nationalökonomie die Marktphänomene standen, schienen für die ökonomische Analyse vor allem marktbezogene Rollen und Rollensegmente der Sozialstruktur in Frage zu kommen. Das begriffliche Instrumentarium der Nationalökonomie war von Anfang an marktorientiert (2). Wer die logische Grammatik der ökonomischen Fachsprache analysiert, stößt daher immer wieder auf soziale Beziehungen bestimmter Art, nämlich kommerzielle Beziehungen zwischen Personen und sozialen Gebilden, wie sie sich im Marktverhalten konstituieren als fundamentale Gegenstände. Es ist also nicht ganz unbegründet, wenn man die Nationalökonomie ihrer Problemstellung nach als eine partielle Soziologie auffaßt (3), und zwar vorwiegend als eine Soziologie der kommerziellen Beziehungen.

Wenn auch der soziologische Charakter ökonomischer Probleme relativ leicht festzustellen ist, so kann man doch nicht sagen, daß die theoretische Ökonomik bisher für ihre Problemlösungen großen Nutzen aus den Forschungsergebnisse der allgemeinen Soziologie und der eng mit ihr verbundenen Sozialpsychologie gezogen hätte. Das ist auch nicht zu erwarten, solange der neoklassische Denkstil die Theoriebildung beherrscht, der die ökonomische Analyse in Richtung auf eine möglichst weitgehende Abstraktion von sozialen Tatbeständen lenkt. Das Feld der Marktbeziehungen, das man dabei in den Griff zu bekommen sucht, erscheint dann als ein relativ autonomer Bereich des sozialen Lebens, der nicht nur isoliert von anderen Bereichen behandelt werden kann, sondern in dem überdies seltsamerweise die Faktoren keine erhebliche Rolle zu spielen scheinen, die sonst allgemein für die Erklärung sozialen Verhaltens herangezogen zu werden pflegen. Weder in motivationale noch in institutionelle Probleme scheint man tiefer eindringen zu müssen, um das Marktverhalten und die sich arin konstituierenden kommerziellen Beziehungen von Personen und sozialen Gruppen theoretisch durchdringen zu können. Weder das Sozialmilieu der im Marktbereich agierenden Individuen und Gruppen, noch die interne Struktur dieser Gruppen, ihrer Willensbildung und Kooperation, noch auch die Motivstrukturen, Einstellungen und Wertorientierungen der Individuen scheinen für das Verhalten ökonomischer Einheiten relevant zu sein, es sei denn, sie kämen mit hinreichender Genauigkeit und Allgemeinheit in einigen einfachen Verhaltensmaxiemen zum Ausdruck: den Maximierungsannahmen der Neoklassik oder anderen einfachen Reaktionsfunktionen.

Die theoretische Nationalökonomie neoklassischen Stils scheint also in ganz merkwürdiger Weise soziologische Problemstellungen mit relativ soziologiefreien Problemlösungen zu verbinden. Sie scheint gegen das Eindringen soziologischer und sozialpsychologischer Erkenntnisse immun zu sein. Wie läßt sich das verständlich machen? Muß man dazu die Irrelevanz der Ergebnisse anderer Sozialwissenschaften für den ökonomischen Bereich unterstellen? Oder läßt sich diese Eigenart des ökonomischen Denkens vielleicht mit gewissen Eigenheiten einer mit ihm oft verbundenen methodischen Einstellung in Zusammenhang bringen? Mir scheint, daß die letzte dieser beiden Möglichkeiten einiges für sich hat. Um das zu zeigen, bedarf es zunächst einiger Vorbemerkungen allgemein wissenschaftslogischer Natur.


A. Realitätsbezug, Informationsgehalt
und Wahrheit

Wenn man im alltäglichen Leben auf die Frage nach den Wetteraussichten die Auskunft erhält, daß sich das Wetter, falls keine Änderung eintritt, durchaus in der bisherigen Weise verhalten wird, dann wird man normalerweise nicht mit dem Eindruck davon gehen, in besonderem Maß informiert worden zu sein, obwohl nicht geleugnet werden kann, daß die erhaltene Auskunft sich auf den in diesem Fall interessierenden Aspekt der Wirklichkeit bezieht und überdies unzweifelhaft wahr ist. Eine Auskunft von so extremer und offenkundiger Gehaltlosigkeit wird zwar im allgemeinen nur scherzhafterweise gegeben werden, so daß es müßig zu sein scheint, einen solchen Fall in Betracht zu ziehen. Dennoch lohnt es sich vielleicht, einige allgemeine Überlegungen daran zu knüpfen, denn hier zeigt sich besonders deutlich ein Tatbestand, der auch in weniger offenkundigen und extremen Fällen eine gewisse Rolle spielen kann. Es zeigt sich nämlich, daß man über die Realität sprechen, ja sogar wahre Aussagen darüber machen kann, ohne etwas darüber zu sagen, das hießt in diesem Fall: ohne darüber zu informieren.

Es mag also nützlich sein, ganz allgemein bei einer Aussage oder Aussagenmenge zu unterscheiden zwischen  Realitätsbezug, Informationsgehalt  und  Wahrheit.  Einerseits können wir fragen, ob und in welcher Weise sich die betreffende Aussage oder Aussagenmenge - also zum Beispiel eine Theorie - auf die Wirklichkeit bezieht (4), andererseits können wir die Frage stellen, ob und in welchem Maß sie darüber informiert (5), und gegebenfalls, welche Information sie enthält, und schließlich können wir noch fragen, ob diese Aussage oder Aussagenmenge "stimmt", das heißt in unserem Zusammenhang vor allem: ob sie mit der Beschaffenheit der Wirklichkeit, genauer: des ins Auge gefaßten Aspekts der Wirklichkeit übereinstimmt. Was uns normalerweise interessiert, ist nicht allein die Wahrheit einer Aussage, auch nicht ihr bloßer Realitätsbezug, sondern darüber hinaus vor allem das, was sie sagt, also: die Information, die sie enthält. Es ist, wie unser triviales Beispiel zeigt, außerordentlich leicht, Behauptungen zu produzieren, die sich auf den interessierenden Aspekt der Wirklichkeit beziehen und außerdem sogar wahr sind, wenn wir darauf verzichten wollen zu informieren. Wir brauchen dazu nur solche Aussagen zu produzieren, die aus logischen Gründen wahr sind: analytische Aussagen, wie sie vielfach genannt werden (6). Sie haben den totalen Spielraum, da sie keine denkbare Sachlage ausschließen. Gleichgültig, was in der Welt geschieht, sie sind so formuliert, daß sie auf jeden Fall damit vereinbar sein müssen. Das Gleiche gilt für Aussagen, die zwar nicht analytisch und damit wahr, aber so verklausuliert sind, daß sie gewissermaßen ein unbeschränktes "Alibi" besitzen (7).

Damit haben wir schon den entscheidenden Unterschied zu den informativen Aussagen gewonnen, die gerade dadurch über die Realität informieren, daß sie gewisse mögliche Sachlagen (Situationen, Ereignisse, Vorgänge usw.) ausschließen und daher, wenn diese tatsächlich dennoch auftreten, als widerlegt angesehen werden müssen. Information ist nur durch Einschränkung logischer Möglichkeiten zu erreichen, und eine solche Einschränkung ist prinzipiell mit dem Risiko verbunden, daß sich die betreffende Aussage als falsch herausstellt. Man kann sogar sagen, daß das Risiko des Scheiterns mit dem Informationsgehalt wächst, so daß gerade die in mancher Beziehung interessantesten Aussagen, die nomologischen Aussagen der theoretischen Realwissenschaften, am stärksten diesem Risiko ausgesetzt sind (8). Sicherheit ist im Bereich der Aussagen bestenfalls auf Kosten des Informationsgehalts zu erlangen, denn nur eine absolut leere und damit uniformative Aussage kann maximale logische Wahrscheinlichkeit erreichen.

Die für allgemeine Theorien charakteristischen nomologischen Hypothesen (Gesetze) haben vielfach den Charakter allgemeiner hypothetischer Aussagen (Bedingungssätze, Wenn-Dann-Aussagen), oder sie lassen sich ohne Schwierigkeit in diese Form bringen. Man kann in diesem Fall zwischen dem Gehalt der beiden Komponenten der Hypothese (ihres Wenn- und ihres Dann-Satzes) und dem Gehalt der Hypothese selbst unterscheiden und folgenden Zusammenhang feststellen: Bei wachsendem Gehalt des Wenn-Satzes eines solchen Aussage sinkt der Gehalt der Aussage selbst, während er bei wachsendem Gehalt ihres Dann-Satzes steigt, beides immer unter der Voraussetzung, daß der Gehalt des jeweils anderen Bestandteiles sich nicht ändert. Das heißt also, daß sich der Gehalt des Dann-Satzes gleichsinnig, der Gehalt des Wenn-Satzes aber gegensinnig zum Gehalt der gesamten Aussage verändert (9). Das ist ein Zusammenhang, der für die Beurteilung theoretischer Aussagen wichtig werden kann, zum Beispiel auch, wie zu zeigen sein wird, für die Frage der Interpretation von  Ceteris-paribus-Klauseln. 

Mit dem Informationsgehalt einer Aussage steigt auch ihre prinzipielle Prüfbarkeit und Bewährbarkeit, denn mit der Verringerung des Spielraums der Aussage erhöht sich die Möglichkeit ihrer Nachprüfung; die mögliche Strenge von Prüfungsversuchen wächst, so daß die betreffende Aussage (Aussagenmenge) einem höheren Risiko des Scheiterns ausgesetzt werden kann. Damit wächst auch die Möglichkeit ihrer Bewährung anhand der Tatsachen (10). Die Größe der Bewährung einer Aussage oder Aussagenmenge kann man von der Strenge und vom Ausgang der Prüfungsversuche abhängig machen, denen sie unterworfen wurde. Wir sind zwar streng genommen nicht in der Lage, die Wahrheit informativer Aussagen festzustellen, insbesondere, wenn es sich um nomologische Hypothesen handelt, die für beliebige Raum-Zeit-Gebiete Geltung beanspruchen, aber wir können wenigstens versuchen, sie einem hohen Risiko des Scheiterns an den Tatsachen auszusetzen, so daß wir bei einem positiven Ausgang aller diesbezüglichen Versuche einigen Grund haben, sie bis auf weiteres zu akzeptieren (11).

Wenn man theoretische Aussagen empirisch nachprüft, dann pflegt man das so zu machen, daß man die betreffende Theorie in bestimmter Weise auf konkrete Situationen anwendet, und das bedeutet unter anderem, daß man aus ihr die für die jeweiligen Anwendungsbedingen relevanten logischen Konsequenzen zieht. Dabei ist es wichtig zu wissen, daß der informative Gehalt der betreffenden Aussagen im Laufe der logischen Deduktion niemals zunehmen kann (12). Man kann aus einer Aussagenmenge auf deduktivem Weg, also durch logische zulässige Umformungen, niemals mehr Information herausholen, als in ihr schon enthalten ist. Infolgedessen kann man aber auch sicher sein, daß sich aus wahren Prämissen nur wahre Folgerungen ergeben, vorausgesetzt natürlich, daß man keine logischen Fehler gemacht hat. Die logische Deduktion garantiert gewissermaßen den Transfer des positiven Wahrheitswertes, der Wahrheit, auf die abgeleiteten Aussagen. Außerdem läßt sich auf eine verhältnismäßig einfache Weise zeigen, daß sich aus der Falschheit einer abgeleiteten Aussage die Falschheit mindestens einer der Prämissen ergibt. Man könnte also hier von einem Rücktransfer des negativen Wahrheitswertes sprechen (13). Das bedeutet praktisch, daß man zum Beispiel eine Theorie widerlegen kann, wenn man ihre Konsequenzen zu widerlegen imstande ist. Dieser Zusammenhang wird bei der empirischen Prüfung von Theorien dauernd benutzt.


B. Modell-Platonismus.
Die Anwendung konventionalistischer Strategien
im ökonomischen Denken


1. Immunisierung gegen die Erfahrung
als Tendenz der Neoklassik

Die oben skizzierten Zusammenhänge gehören in die allgemeine Wissenschaftslogik und lassen sich infolgedessen auch auf die Sozialwissenschaften anwenden. Vor allem scheint es möglich zu sein, mit ihrer Hilfe eine methodische Eigenart des neoklassischen Denkens in der Nationalökonomie zu beleuchten, die vermutlich eine gewisse Beziehung zu der in dieser Wissenschaft seit langer Zeit kultivierten Isolierung gegen soziologische und sozialpsychologische Erkenntnisse hat: den  Modell-Platonismus  der reinen Ökonomie, der in Versuchen zum Ausdruck kommt, ökonomische Aussagen und Aussagenmengen (Modelle) durch die Anwendung  konventionalistischer Strategien  gegen die Erfahrung zu  immunisieren  (14). Das muß keineswegs in der Absicht der betreffenden Theoretiker liegen, obwohl es eine ganze Reihe von bekannten Nationalökonomen gibt, die ausdrücklich eine methodologische Konzeption aprioristischen Charakters vertreten oder zumindest die empirische Prüfung ökonomischer Theorien aus irgendwelchen Gründen als überflüssig ansehen (15). Der neoklassische Denkstil mit seiner Betonung des Gedankenexperiments, des Räsonnement anhand illustrativer Beispiele und logisch möglicher Extremfälle, der Modellkonstruktion auf der Basis plausibler Annahmen, der sogenannten abnehmenden Abstraktion und ähnlicher Verfahren schein in so starkem Maß prägend auf die ökonomische Methodologie gewirkt zu haben, daß selbst Theoretiker, die den Wert der Erfahrung sehr hoch einschätzen, sich von diesem methodischen Stil nur schwer lösen können. Dabei werden vielfach Theorien, die ansich durchaus interessante Ideen enthalten, durch konventionalistische Verfahrensweisen unempfindlich gegen die Tatsachen und damit unbrauchbar gemacht. Auch in anderen Sozialwissenschaften mag der Modell-Platonismus einer brauchbaren Theoriebildung oft im Weg stehen (16). Es scheint aber ziemlich sicher zu sein, daß es sich hier um eine Gefahr handelt, der die Vertreter der Wirtschaftswissenschaften von ihrer methodischen Tradition her besonders leicht erliegen, vor allem, solange sie sich ihrer nicht bewußt werden.

Wenn man die Entwicklung des ökonomischen Denkens unbefangen zu überblicken sucht, dann wird man unter Umständen stark beeindruckt sein von der großen Zahl der Irrtümer und Mißverständnisse, denen selbst berühmte und scharfsinnige Denker erlegen sind. Aber das ist ein keineswegs außergewöhnlicher oder vielleicht bedauerlicher Tatbestand. Ein fruchtbarer Irrtum kann nämlich für das Wachstum unserer Erkenntnis von größerer positiver Bedeutung sein als eine triviale Wahrheit. Die Wissenschaft schreitet fort durch die allmähliche Eliminierung von Irrtümern aus einem großen Angebot rivalisierender Ideen, deren Wahrheitsgehalt man von vornherein gar nicht kennen kann. Welche der vielen theoretischen Entwürfe sich schließlich als besonders leistungsfähig erwiesen und bei empirischer Nachprüfung bewähren, ist eine Frage, die der Sache nach nicht a priori entschieden werden kann. Um überhaupt brauchbar zu sein, müssen sie aber zunächst so formuliert werden, daß sie dem Risiko, als Irrtümer entlarvt zu werden, ausgesetzt sind. Man darf also nicht versuchen, sie um jeden Preis vor dem Scheitern zu bewahren. Wissenschaftlich relevant ist eine Theorie zunächst wegen ihrer möglichen Erklärungskraft, ihrer Leistungsfähigkeit, die mit ihrem Informationsgehalt gekoppelt ist.


2. Bemerkungen zum Nachfragegesetz

Es gibt im Bereich der Mikroökonomik eine ganze Reihe von Beispielen, an denen sich die Möglichkeiten des Modell-Platonismus aufweisen lassen. Einer der wesentlichen Bestandteile der Theorie des Marktverhaltens der Konsumenten ist das  Nachfragegesetz  für die Konsumgütersphäre. In diesem Gesetz wird nicht ein ganz bestimmtes Verlaufsmuster der preisabhängigen Nachfrage postuliert, eine bestimmte Nachfragefunktion, sondern nur die allgemeine Form, die eine solche Funktion haben soll. Es wird nämlich die von den Konsumenten nachgefragte Menge eines Gutes als eine monoton abnehmende Funktion seines Preises charakterisiert. (17)

Das Gesetz scheint  prima facie  [auf den ersten Blick - wp] einen ziemlich einfachen und leicht nachprüfbaren Zusammenhang zu behaupten und daher einigermaßen gehaltvoll zu sein. Dieser Eindruck verblaßt allerdings, wenn man sich näher damit befaßt. Bekanntlich wird das Gesetz nämlich meist mit einer Klausel versehen, deren Interpretation einige Probleme aufwirft: mit der  Ceteris-Paribus-Klausel.  Genaugenommen muß es daher zumindest folgendermaßen formuliert werden, damit es der Mehrzahl der Theoretiker akzeptabel erscheint: Ceteris paribus - also: unter sonst gleichen Bedingungen - ist die nachgefragte Menge eines Konsumgutes eine monoton abnehmende Funktion seines Preises (18). Die Ceteris-paribus-Klausel ist nun nicht etwa ein verhältnismäßig bedeutungsloser Zusatz, der vernachlässigt werden könnte. Man kann sie vielmehr als einen integrierenden Bestandteil des Nachfragesatzes selbst betrachten (19). Das würde aber bedeuten, daß Theoretiker, die die Klausel verschieden interpretieren, de facto verschiedene Nachfragegesetze im Auge haben, möglicherweise sogar solche, die miteinander inkompatibel sind. - Man kann das mit der Klausel versehene Gesetz als eine allgemeine hypothetische Aussage (20) ansehen, eine Immer-und-überall-wenn-dann-Aussage gewissermaßen. Die Ceteris-paribus-Klausel würde demnach in den Wenn-Satz des betreffenden Nachfragegesetzes gehören, die Aussage über die allgemeine Form der Nachfragefunktion dagegen seinen Dann-Datz bilden. Das ganze Gesetz würde damit etwa folgende schematische Struktur haben: Wenn die und die Umstände gleichbleiben, dann hat die Nachfragefunktion die und die allgemeine Beschaffenheit.

An dieser Stelle scheint es zweckmäßig zu sein, auf unsere allgemeinen Betrachtungen über den informativen Gehalt hypothetischer Aussagen zurückzukommen. Wir hatten die Feststellung gemacht, daß sich der Gehalt des Dann-Satzes gleichsinnig, der Gehalt des Wenn-Satzes aber gegensinnig zum Gehalt der gesamten Aussage verändert. Wendet man das auf unsere Nachfragegesetze an, so ergibt sich die Konsequenz, daß unter der Voraussetzung gleicher Dann-Sätze ihre Unterschiede im Informationsgehalt in bestimmter Weise von der unterschiedlichen Interpretation der Ceteris-paribus-Klausel abhängig sind. Läßt man die konstant zu haltenden Faktoren unbestimmt, arbeitet man also mit einer unqualifizierten Ceteris-paribus Klausel, wie das nicht selten der Fall ist, so immunisiert man das betreffende Nachfragegesetz vollkommen gegen die Tatsachen, da jeder zunächst als konträr erscheinende Fall sich letzten ENdes als mit diesem Gesetz vereinbar erweisen muß. Die Klausel stellt hier gewissermaßen ein unbeschränktes Alibi her, da für jedes anscheinend abweichende Verhalten irgendwelche geänderten Faktoren verantwortlich gemacht werden können. Damit wird die Aussage unprüfbar und ihr Informationsgehalt sinkt auf Null (21). Wir haben den klassischen Fall der Verwendung einer konventionalistischen Strategie vor uns.

Man könnte meinen, daß man dieser Situation durch die Spezifizierung der Faktoren, die für die Klausel in Frage kommen, auf jeden Fall entgehen kann. Dem ist aber nicht so. Bei geeigneter Interpretation der Klausel wird das dabei zustande kommende Nachfragegesetz zum Beispiel zu einer analytischen Aussage, die zwar aus logischen Gründen wahr, aber gerade deshalb gleichzeitig nicht informativ ist. Das trifft natürlich für jede Interpretation zu, die den Dann-Satz des betreffenden Nachfragegesetzes zu einer logischen Konsequenz seines Wenn-Satzes macht, so daß in diesem Fall tatsächlich eine  logische Implikation  zustande kommt. Man könnte meinen, daß Beispiele für eine derartige Interpretation ad hoc konstruiert werden müßten; aber das ist nicht notwendig. Ein derartiges Beispiel ist vor gar nicht allzulanger Zeit aufgetreten (22). Hier wird also durch eine explizite Interpretation der Ceteris-paribus-Klausel eine Tautologisierung des Nachfragegesetzes erreicht.

Verschiedene weit verbreitete Formulierungen des Nachfragegesetzes enthalten eine Deutung der Klausel, die zwar nicht zur Tautologisierung führt, aber eine andere Schwäche hat. Sie nimmt nämlich in die Liste der konstant zu haltenden Faktoren unter anderem die Bedürfnisstrukturen der in Frage kommenden Käufergrupen auf (23). Das führt zu einer neuen Schwierigkeit, die mit dem Problem der Identifikation von Bedürfnisstrukturen zusammenhängt. Solange es nämlich keinen unabhängigen Test für die Konstanz der Bedürfnisstrukturen gibt, enthält ein so formuliertes Gesetz immer noch ein unbeschränktes "Alibi": Jeder scheinbar konträre Fall kann auf eine Änderung der Bedürfnisse zurückgeführt und damit unschädlich gemacht werden. Das Gesetz ist also auch in dieser Form immun gegen die Tatsachen. Um diesen Zustand zu beseitigen, müßte man wohl tiefer in die Probleme der Bedürfnisse und Präferenzen eindringen, was allerdings vielfach für unzumutbar gehalten wird, weil es eine Grenzüberschreitung zur Sozialpsychologie bedeuten würde. (24)

Im Zusammenhang mit dem Nachfragegesetz wären natürlich noch weitere Fragen zu erörtern, die z. B. mit dem statischen Charakter dieses Gesetzes, mit der Möglichkeit seiner subjektiven oder objektiven Interpretation und mit seiner alternativanalytischen Struktur zusammenhängen. Hier kam es nur darauf an, die Eigenart des neoklassischen Denkstils zu illustrieren.


3. Zur Problematik der Quantitätstheorie

Im Bereich der Geldtheorie gehört die sogenannte Quantitätstheorie zum traditionellen Lehrgut. Sie ist erst neuderdings von anderen Auffassungen abgelöst worden, die mit dem Anspruch auf größere Erklärungskraft präsentiert zu werden pflegen. In ihrer klassischen Form sagt die Quantitätstheorie des Geldes etwa aus, daß eine Änderung des Geldvolumens stets mit einer gleichsinnigen Änderung des Niveaus der Güterpreise verbunden ist. Mitunter wurde sogar eine strikte Proportionalität dieser beiden Änderungen angenommen. Unter der Voraussetzung, daß, wie es im allgemeinen üblich ist, die Ausdrücke "Preisniveau" und "Geldmenge" unabhängig voneinander definiert sind, ist die sogenannte naive Quantitätstheorie, die Behauptung der Proportionalität beider Bewegungen, eine ziemlich informative Aussage. Ihre Prüfung erfordert eine ausreichende Größenbestimmung der beiden Faktoren und im Zusammenhang damit die Bestimmung brauchbarer Indikatoren für sie. Leider hat sich die Theorie nicht bewährt, so daß man auf die weniger strenge Form zurückgreifen mußte. Auch diese Form wurde im Laufe der Entwicklung des ökonomischen Denkens aufgegeben zugunsten der sogenannten Quantitäts- oder Verkehrsgleichung, die die Aussage macht, daß das Produkt von Geldmenge und Umlaufgeschwindigkeit gleich dem Produkt von Handelsvolumen und Preisniveau ist. Diese Gleichung ist aber bei normaler Interpretation analytisch, so daß der Übergang von der alten Quantitätstheorie zur Verkehrsgleichung auf eine Tautologisierung und damit auf eine Verminderung des Informationsgehaltes auf Null hinausläuft, was keineswegs von allen Theoretikern bemerkt wurde (25). Da die Gleichung in einer auf den wirtschaftlichen Bereich anwendbaren Sprache formuliert ist, hat sie ohne Zweifel Realitätsbezug, was manche Theoretiker dazu verleitet haben mag, ihr auch einen informativen Gehalt zu unterstellen. Auf diese Weise konnte man zu der Auffassung gelangen, es handle sich hier um eine gleichzeitig - wegen ihrer Analytizität - notwendige und - wegen ihres Realitätsbezugs inhaltliche Aussage (26).

Ansich ist diese Aufassung natürlich sehr leicht zu verstehen, denn der Unterschied z. B. zwischen den beiden Aussagen:  "Unter der Annahme, daß  Handelsvolumen und Umlaufgeschwindigkeit konstant bleiben - d. h. ceteris paribus -, führen Geldmengenänderungen zu gleichsinnigen Preisniveauänderungen", und: "Da Handelsvolumen und Umlaufgeschwindigkeit konstant bleiben, führen Geldmengenänderungen zu gleichsinnigen Preisniveauänderungen", scheint bei oberflächlicher Betrachtung vernachlässigbar zu sein. Nichtsdestoweniger geht es hier um den Unterschied zwischen einer analytischen Aussage und einer Hypothese (27).

An die Stelle der Quantitätstheorie des Geldes ist in der neueren Diskussion meist eine Konzeption getreten, die aus KEYNESschen Ideen hervorgegangen ist. Vom methodologischen Gesichtspunkt ist es nun außerordentlich interessant, in welcher Weise diese Ersetzung begründet zu werden pflegt. Von den Ergebnissen der modernen Wissenschaftslogik her könnte man erwarten, daß bei dieser Argumentation die Tatsachen eine gewisse Rolle spielen würden, ausgenommen natürlich den Fall, daß es gelingen würde, entweder einen Widerspruch innerhalb der Quantitätstheorie oder ihren Mangel an Informationsgehalt nachzuweisen, was ohne weiteres nur in Bezug auf die degenerierte Form dieser Theorie, nämlich die Verkehrsgleichung, möglich ist. Der Gehalt einer nomologischen Hypothese ist ja dadurch gegeben, daß gewisse mögliche Tatbestände durch sie ausgeschlossen werden. So schließt z. B. die Quantitätstheorie in ihren informativen Versionen das Auftreten von Mengenkonkunkturen aus, in denen zwar die Geldmenge steigt, aber bei konstantem oder gar sinkendem Preisniveau, da gleichzeitig das Sozialprodukt entsprechend steigt. Man könnte gegen die Quantitätstheorie etwa anführen, daß es in der Wirtschaftsgeschichte tatsächlich solche Mengenkonjunkturen gegeben hat. Eine solche Argumentation ist aber keineswegs an der Tagesordnung. Man geht vielmehr mitunter so vor, daß man mit Hilfe irgendwelcher Überlegungen die Vorzugswürdigkeit des KEYNESschen Instrumentariums zu erweisen sucht, ohne sich dabei auf spezielle Hypothesen festzulegen, die mit Hilfe dieses Instrumentariums formuliert werden könnten (28). Dabei kann man naturgemäß den Umstand benutzen, daß jede informative Theorie, also auch die betreffenden Versionen der Quantitätstheorie, die Konstruktion von logisch möglichen Fällen zulassen muß, die mit ihr kompatibel sind. Daß sich solche Fälle mit Hilfe des KEYNESschen Instrumentariums formulieren lassen, ist natürlich keine ausreichende Grundlage für die Widerlegung der Quantitätstheorie. Die Analyse solcher Fälle kann nur Klarheit über den informativen Gehalt dieser Theorie schaffen, aber nicht über ihre (positive oder negative "Gültigkeit", also etwa ihren Bewährungsgrad, auch nicht über ihre relative Bewährung in Bezug auf andere Theorien.

Nehmen wir an, es seien mit Hilfe des KEYNESschen Instrumentariums Aussagen formuliert worden, von denen sich zeigen läßt, daß sie einen weit größeren logischen Spielraum aufweisen als eine bestimmte Version der Quantitätstheorie. Eine solche Feststellung würde zunächst nur den größeren Informativen Gehalt der letzteren implizieren, so daß man daraus schwerlich negative Konsequenzen hinsichtlich ihrer komparativen Brauchbarkeit ziehen könnte. Sind die Aussagen der rivalisierenden Theorie darüber hinaus so formuliert, daß sie den totalen Spielraum haben, so scheidet diese Theorie damit sofort als mögliche Alternative aus, auch wenn man die Auffassung vertreten möchte, daß sie die für den zu erklärenden Bereich von Phänomenen relevanten Faktoren enthält (29). Der Vergleich theoretischer Konzeptionen kann jedenfalls nur etwas über deren Unterschiede im Informationsgehalt und damit in der Prüf barkeit  und Bewähr barkeit  ergeben. Was für ihre Beurteilung hinzukommen müßte, wäre ihre empirische Prüfung, ohne die über ihre vergleichsweise Bewährung nichts auszumachen ist.

Es dürfte also kaum möglich sein, die Quantitätstheorie zu beurteilen, ohne auf historische Tatbestände wie die oben erwähnten einzugehen, Tatbestände, die allerdings tatsächlich zu ihrer Widerlegung zu führen scheinen. Nun kann man freilich aus einer solchen Widerlegung gänzlich andere Folgerungen ziehen, als das gemeinhin der Fall ist. Man kann nämlich sowohl auf Tautologisierung verzichten als auch auf den Übergang zu einem andersartigen Instrumentarium. Neuere Forschungen zeigen nämlich, daß eine Reformulierung der Quantitätstheorie nicht ausgeschlossen zu sein scheint, die sie nicht gegen die Erfahrung immunisiert und sie trotzdem kompatibel macht mit den bisher bekannten relevanten Tatsachen (30). Das braucht eine solche Theorie allerdings noch nicht unbedingt akzeptabel zu machen.


4. Modelle im Bereich der Wachstumstheorie

Andere Beispiele für modellplatonistische Konstruktionen findet man im Bereich der Wachstumstheorie, deren zentrale Problematik nach weit verbreiteter Auffassung in der Formulierung der Bedingungen eines in gewisser Hinsicht "störungsfreien" Wachstums der Wirtschaft besteht (31). Bei der Konstruktion von Wachstumsmodellen wird daher vielfach so vorgegangen, daß man aufgrund irgendwelcher Überlegungen Gleichungen aufstellt, die die Bedingungen eines fortschreitenden Gleichgewichts der Wirtschaft explizieren sollen. Diese Gleichungen werden dann unter Verwendung anderer Gleichungen - zum Beispiel von Definitionen für den marginalen Kapitalkoeffizienten und für die Investitionsquote - gewissen Transformationen unterworfen, aus denen weitere Gleichungen resultieren. Aus der Interpretation des Ergebnisses dieser Operationen kann man dann entnehmen, daß zur Realisierung eines fortschreitenden Gleichgewichts unter Umständen bestimmte Faktoren wie Investionsquote oder Kapitalkoeffizient in bestimmter Weise manipuliert werden müssen (32). Da es sich nun bei den Ausgleichungen für diese Umformungen nicht um Definitionsgleichungen handelt, sondern um Explikationen der "Bedingungen" eines fortschreitenden Gleichgewichts, könnte man den Eindruck gewinnen, man habe es hier mit der Ableitung praktisch relevanter Konsequenzen aus gehaltvollen theoretischen Aussagen zu tun. Das ist aber keineswegs selbstverständlich. Unter "Bedingungen" kann man nämlich einerseits  empirische  Bedingungen für das Auftreten bestimmter Erscheinungen verstehen, die unabhängig von den betreffenden Bedingungen charakterisierbar sind, andererseits aber auch  "logische  Bedingungen" für irgendwelche Phänomene, worunter in diesem Zusammenhang Voraussetzungen zu verstehen sind, aus denen ohne Zuhilfenahme nomologischer Hypothesen das Auftreten der betreffenden Erscheinungen logisch ableitbar ist oder ohne die es nicht abgeleitet werden kann. Solche "Bedingungen" gehören gewissermaßen zu den die betreffenden Erscheinungen charakterisierenden Aussagen. Sie "definieren" die Erscheinungen selbst. Man kann darüber streiten, ob es zweckmäßig ist, in beiden Fällen einfach ohne weitere Erläuterungen von "Bedingungen" zu sprechen. Jedenfalls hat die Analyse von Bedingungen im zweiten Sinn nichts mit der Formulierung von theoretischen Hypothesen zur Erklärung irgendwelcher Tatbestände zu tun.

In der ökonomischen Diskussion kann man nun immer wieder feststellen, daß der Ausdruck "Bedingungen" keineswegs im zuerst erwähnten empirischen Sinn verwendet wird, sondern in einer Weise, die der zweiten Bedeutung zumindest nahekommt. Das scheint in der Wachstumsperiode sogar normalerweise der Fall zu sein (33). Die Ausgangsgleichungen, die die genannten "Bedingungen" explizieren, werden im allgemeinen nicht als Hypothesen oder als Komponenten von Hypothesen behandelt, sondern als bloße Annahmen (34), deren Konsequenzen zu untersuchen sind. Natürlich kann man im Rahmen einer Wachstumsanalyse ohne weiteres die Behauptung aufstellen, daß die betreffenden Gleichungen erfüllt sein müssen, wenn das betreffende soziale System sich auf dem sogenannten Gleichgewichtspfad des wirtschaftlichen Wachstums befinden soll. Solange aber dieser Gleichgewichtspfad prinzipiell nicht unabhängig von den betreffenden Gleichungen bestimmbar ist, wie das bisher der Fall sein dürfte, ist diese Ausage immun gegen jede Prüfung anhand der Tatsachen. Meist kann man wohl sogar davon ausgehen, daß dieser Gleichgewichtspfad mit Hilfe der betreffenden Gleichungen definiert werden soll, was nur deshalb schwer zu erkennen ist, weil man im allgemeinen nicht dazu neigt, solche Gleichungen als Fragmente komplexerer Aussagen anzusehen. Mir scheint überhaupt eine gewisse Gefahr im ökonomischen Denken darin zu bestehen, daß man die leicht formalisierbaren Bestandteile möglicher Hypothesen aus dem Zusammenhang löst und als reine Annahmen behandelt, deren theoretische Rolle dann schwer bestimmbar wird. Macht man die Realisierung der Gleichgewichtspfades logisch von der Erfüllung der betreffenden Bedingungen abhängig, so ist damit die betreffende Aussage tautologisiert. Um dem zu entgehen, könnte man natürlich das Modell durch eine Einführung geeigneter Hypothesen auf bestimmte, unabhängig identifizierbare Bedingungen beziehen (35). Solange das nicht geschieht, ist es jedenfalls immun gegen die Tatsachen (36).


5. Verfahrensweisen des Modell-Platonismus

Man könnte die Beispiele für solche Verfahrensweisen ohne weiteres vervielfachen. Man denke nur an die Theorien im Bereich der Problematik der Marktformen, der Marktbeziehungen und des Marktverhaltens, die gemeinhin so konstruiert zu sein pflegen, daß sie alle Möglichkeiten offen lassen, trotzdem aber oft durch die Art der Darstellung den Eindruck inhaltlicher Behauptungen suggerieren. (37) Wenn irgendwelche Verhaltensmaximen auftauchen, dann werden sie sehr oft nicht als Hypothesen formuliert und behandelt, sondern als Annahmen über mögliches Verhalten von Wirtschaftssubjekten, deren logische Implikationen zu untersuchen sind. Damit rücken alle möglichen Fragen in den Vordergrund, die mit dem Informationsgehalt, der Erklärungskraft, dem prognostischen Wert und dem Bewährungsgard möglicher Hypothesen wenig zu tun haben, nämlich Fragen des Ableitungszusammenhangs, der Formalisierbarkeit und der Plausibilität. (38) Das gilt z. B. auch für die Grenzproduktivitätstheorie, die lange Zeit hindurch als brauchbares Instrument für die Erklärung der funktionellen Einkommensverteilung gegolten hat. Sie wurde dabei tatsächlich vielfach nicht als empirisch gehaltvolle Theorie behandelt, sondern aus der Gewinnmaxismierungsannahme unter gewissen weiteren angenommenen Bedingungen entwickelt, ohne daß die Frage ihres Gehaltes und ihrer Bewährung überhaupt aufgetaucht wäre (39).

Auch die Wohlfahrtsökonomik, deren theoretische Konzeptionen und Verfahrensweise - und zwar sowohl in den pigovianischen wie in den paretianischen Versionen - typische Züge des neoklassischen Denkens aufweisen, hat einen großen Bereich für rein formale Kontroversen geschaffen und etabliert, deren empirische Relevanz für den unbefangenen Betrachter schwer erkennbar ist. (40) Allerdings scheinen in diesem Fall manche Theoretiker den Hinweis auf den normativen Charakter der Lehre als ausreichende Begründung für die Vermeidung empirisch gehaltvoller Aussagen anzusehen.

Es ist schwer, die verschiedenen Arten konventionalistischer Strategien erschöpfend zu beschreiben, die verwendet werden können, um die Immunisierung von Aussagen und Modellen gegen die Tatsachen zu erreichen. Es muß sich, wie gesagt, dabei keineswegs immer um eine strikte Tautologisierung handeln. Man kann dazu, wie von mir oben geschildert wurde, unspezifizierte oder entsprechend interpretierte Ceteris-paribus-Klauseln benutzen, die im Grenzfall allerdings zur strikten Tautologisierung führen können, auf jeden Fall aber ein unbeschränktes Alibi für die betreffenden Aussagen enthalten. Man kann außerdem die betreffenden Modelle durch mehr oder weniger explizite Erläuterungen in ihrer Geltung auf den Bereich einschränken, in dem ihre Voraussetzungen erfüllt sind, z. B. auf den Bereich entsprechend definierter rationaler Verhaltensweisen. Es ist ja ohne weiteres möglich, die "Annahmen" eines theoretischen Systems, d. h. in diesem Fall die Aussagen, aus denen alle anderen Aussagen des Systems abgeleitet sind, nicht als Hypothesen zu behandeln, sondern sie einfach als Einschränkungen des Anwendungsbereichs des betreffenden Systems aufzufassen. Da bei ökonomischen Aussagen der Realitätsbezug durch die verwendete Sprache meist sichergestellt wird, wird in diesem Fall der Eindruck hervorgerufen, man mache inhaltliche Aussagen über die Realität, obwohl das System vollkommen immunisiert und damit gehaltlos ist. Das ist meines Erachtens eine Quelle häufiger Selbsttäuschung im Bereich des rein ökonomischen Denkens. Die einzigen Behauptungen, die bei diesem Verfahren übrig blieben, beziehen sich auf logische Zusammenhänge und sind darüber hinaus streng genommen vielfach metaökonomischen (also metasprachlichen) Charakters. - Eine weitere Möglichkeit der Immunisierung besteht darin, daß man den Anwendungsbereich der konstruierten Modelle einfach offenläßt, so daß eine Widerlegung durch konträre Fälle nicht in Frage kommt. (41) Das geschieht natürlich meist nicht in voller Kenntnis der fatalen Konsequenzen solcher methodischer Strategien für die Brauchbarkeit der betreffenden theoretischen Konzeptionen, sondern in der Meinung, es handle sich um einen Wesenszug einer besonders hochentwickelten ökonomischen Verfahrensweise: des  Denkens in Modellen  - das allerdings bei denjenigen Theoretikern, die den neoklassischen Denkstil pflegen, im wesentlichen auf eine neuartige Form des Platonismus hinausläuft (42).


C. Zwischen Modell-Platonismus und Begriffsrealismus:
Die Fronten in der deutschen Methodenkontroverse

Der neoklassische Denkstil, der in weiten Bereichen des ökonomischen Denkens noch vorherrschend ist, verbindet die Neigung zum Modell-Platonismus mit der Tendenz, die theoretische Ökonomie als autonome Wissenschaft gegen die fundamentalen Sozialwissenschaften, also vor allem gegen Soziologie und Sozialpsychologie, abzuschirmen. Die Nationalökonomie scheint einen Objektbereich zu behandeln, der sich ohne weiteres erfassen und erklären läßt, ohne daß man auf Ergebnisse der soziologischen und sozialpsychologischen Forschung zurückgreift.

Dieser ökonomischen Orthodoxie standen nun seit jeher Richtungen des ökonomischen Denkens gegenüber, die die Nationalökonomie als eine Sozialwissenschaft zu behandeln suchten und gegen die neoklassischen und ihnen ähnliche Auffassungen inhaltliche und methodische Bedenken anmeldeten, wie der Marxismus, die historischen Schulen, die sozialrechtliche Schule und der Institutionalismus. Es läßt sich wohl kaum leugnen, daß diese Strömungen, wie immer man ihren Gesamterfolg beurteilen mag, wesentliche Gesichtspunkte zur Entwicklung des ökonomischen Denkens beigetragen haben, die angesichts der einseitigen Orientierung der reinen Ökonomie geeignet waren, ein gewisses Gegengewicht zu schaffen. Wenn man versucht, sich ein Bild von den verschiedenen Methodenkontroversen zu verschaffen, die an den Reibungsflächen der heterodoxen Strömungen mit der Neoklassik auftraten, so ist es heute schwer, die Argumente der einen oder der anderen Seite jeweils  toto coelo  [völlig - wp] zu akzeptieren. Wer zum Beispiel die Anschauung vertreten möchte, daß im ersten deutschen Methodenstreit CARL MENGER das Anliegen des theoretischen Denkens gegen den reinen Historismus verfochten hat, der kommt kaum an dem Einwand vorbei, daß die von ihm vertretene Art von Theorie und vor allem seine methodische Einstellung zum theoretischen Denken unter den Gesichtspunkten der heutigen Wissenschaftslogik äußerst fragwürdig erscheinen. Für die österreichische Schule ist eine starke Tendenz zum Apriorismus charakteristisch, die dann über LUDWIG von MISES und andere Theoretiker eine erhebliche Wirkung auch im angelsächsischen Bereich ausgeübt hat, ganz abgesehen davon, daß hier seit längerer Zeit ähnliche Tendenzen am Werk waren. Manche Gedanken SCHMOLLERs und seiner Schüler, besonders z. B. EULENBURGs, über methodische Fragen stehen offenbar den von der modernen Wissenschaftslogik entwickelten Auffassungen weit näher als die Anschauungen der österreichischen Schule (43). Allerdings ist bei SCHMOLLER selbst ein gewisser Induktivismus unverkennbar, der sich auf die methodische Praxis der jüngeren historischen Schule in einer für die Theoriebildung ungünstigen Weise ausgewirkt hat. Von den heutigen Ergebnissen der Wissenschaftslogik her ist es jedenfalls nicht notwendig, zwischen dem Apriorismus MENGERs und SCHMOLLERs Induktivismus zu wählen.

Die heutigen Fronten im deutschen Methodenstreit haben sich unter dem Einfluß der auf MAX WEBER folgenden, geisteswissenschaftlich orientierten Theoretiker herausgebildet, deren methodologische Auffassungen größtenteils auf die Wirkungen der phänomenologisch-hermeneutischen Richtungen der Philosophie zurückzuführen sind. Diese Strömungen im philosophischen Denken haben seit der Jahrhundertwende vor allem im deutschen Sprachbereich einen zunächst wachsenden Einfluß auf das Denken in den sogenannten Geisteswissenschaften ausgeübt, die als die Wissenschaften von der geschichtlich-gesellschaftlichen Wirklichkeit, den Ordnungen des Lebens und den Deutungen der Welt den Naturwissenschaften mit dem Anspruch auf eine methodologische Sonderstellung gegenübergestellt wurden (44). Die in dieser Weise orientierten Nationalökonomen pflegen dem Modelldenken der reinen Theoretiker kritisch gegenüberzustehen, wenn sie auch dessen Ergebnisse und Methoden keineswegs unbedingt ablehnen. Sie werfen ihnen eher vor, daß sie ihre "Teil-Erkenntnis" verabsolutieren und zu wenig bereit sind, deren fragmentarischen Charakter im Hinblick auf eine auf das Ganze der Gesellschaft zielende "Gesamt-Erkenntnis" anzuerkennen. Die geisteswissenschaftlichen Nationalökonomen verbinden also ihre anti-naturalistische Methodologie mit der Tendenz, die sozialen Gesamtzusammenhänge zu betonen und "soziologisch" zu argumentieren. Wenn man aber die von ihnen als "theoretisch" deklarierten Untersuchungen analysiert, dann entdeckt man, daß es sich häufig um rein begriffliche Erörterungen handelt, aus denen sich offenbar Einsichten in Wesenszusammenhänge ergeben sollen. (45) Auch hier werden daher definitorische und sonstige analytische Aussagen wegen ihres Realitätsbezugs als informativ angesehen und als wesentliche Teile einer theoretischen Konzeption akzeptiert. Die wissenschaftliche Forschung in diesem Bereich ist, soweit sie theoretische Relevanz haben soll, im allgemeinen nicht, wie in den Naturwissenschaften, hypothesenorientiert, sondern begriffsorientiert. Ein Reichtum an Begriffen wird mit einem Reichtum an Information verwechselt. Die Vertreter des Modelldenkens in der reinen Ökonomie werden dabei sogar mitunter, da sie sich mathematischer Ausdrucks- und Schlußweisen bedienen, als Verfechter der naturwissenschaftlichen Methode eingeschätzt und kritisiert, weil sie die Objektgebundenheit dieser Methode angeblich nicht genügend berücksichtigt haben.

Wir haben also eine Frontenbildung in der deutschen Methodenkontroverse vor uns, die auf eine Reihe von Mißverständnissen zurückgeht und ohne sie kaum verständlich wäre. Es gibt eine Richtung relativ soziologiefremden und auch in diesem Sinne "reinen" ökonomischen Modelldenkens, die zum oben dargestellten Modell-Platonismus neigt und eine geisteswissenschaftlich orientierte und soziologiefreundliche Richtung, die das Wesensdenken kultiviert und daher zum Begriffsrealismus tendiert. Die reinen Ökonomen haben eine sehr verständliche Abneigung gegen die unpräzisen, vagen und schwer durchschaubaren verbalen Spekulationen der Wesensdenker, die den seit HEGEL in Deutschland dominierenden fragwürdigen Stil des Philosophierens adoptiert haben, während diese der ausgiebigen Verwendung der mathematischen Ausdrucksweise durch die Modelldenker und deren Desinteressiertheit an sozialen Zusammenhängen mit großem Mißtrauen gegenüberstehen.

So sehr sich die Denkstile dieser beiden Richtungen nun im einzelnen unterscheiden, z. B. was ihre Einstellung zur theoretischen Autonomie des ökonomischen Denkens und zur Einbeziehung sozialer Faktoren, zur Verwendung mathematischer oder verbaler Ausdrucksweisen, zur Bedeutung der Modelle usw. angeht, so haben sie doch unverkennbar ein methodisch sehr wichtiges Element gemeinsam, das in ihrer Methodenkontroverse verständlicherweise daher kaum betont wird: nämlich den methodologischen Apriorismus, der ihre Verfahrensweisen im theoretischen Bereich größtenteils beherrscht. Probleme des Informationsgehaltes, der empirischen Prüfbarkeit und der Bewährung von Theorien spielen in dieser Kontroverse im deutschen Sprachbereich kaum eine Rolle. Angesichts dieser Sachlage dürfte es manchen an dieser Kontroverse nicht unmittelbar beteiligten Nationalökonomen schwerfallen, sich davon zu überzeugen, daß man sich für die eine oder die andere der beiden Richtungen entscheiden muß. Von der modernen Wissenschaftslehre her könnte man zum Beispiel die Bewährung der betreffenden Theorien als wesentliches Argument ansehen, aber sowohl der Modell-Platonismus als auch der Begriffsrealismus pflegt ja die in Frage kommenden theoretischen Konzeptionen gegen die Tatsachen zu immunisieren, so daß sie keinerlei Gelegenheit bekommen, sich zu bewähren. Warum sollte ein Vertreter der reinen Ökonomie bereit sein, verbale Spekulationen über das Wesen der Wirtschaft und der Gesellschaft bei seinen Modellkonstruktionen zu berücksichtigen, wenn ihm die Relevanz dieser Gedanken für seine Tätigkeit nicht gezeigt werden kann? Er wird sich mit seiner "Teilerkenntnis" ohne weiteres zufriedengeben können, wenn man ihm nicht anhand seiner Modelle die Problematik der Abstraktion von sozialen Tatbeständen deutlich machen kann. Entsprechendes gilt natürlich für den Vertreter einer auf Wesensdenken und "Gesamterkenntnis" abzielenden sozialen Ökonomik. Platonische Konstruktionen werden ihn kaum davon überzeugen können, daß eine von sogenannten außerökonomischen Faktoren abstrahierende reine Ökonomie ein erfolgreiches Unternehmen sein kann. Der beide Richtungen charakterisierende aprioristische Grundzug führt zu einer Erstarrung der Fronten, die nur zu beseitigen ist, wenn man auf ihn als die grundlegende Schwäche beider Posititionen rekurriert und von da aus die methodisch entscheidenden Fragen ins Spiel bringt.

Es gilt also vor allem, den Eindruck zu beseitigen, als ob diese beiden Richtungen die einzigen in Frage kommenden Alternativen darstellten. Die Frontenbildung in der deutschen Methodenkontroverse scheint dem schwerwiegenden Mißverständnis Nahrung zu geben, man müsse zwischen einem soziologiefremden Modell-Platonismus mit mathematischen Tendenzen und einem soziologisch orientierten Begriffsrealismus mit der Neigung zur verbalen Spekulation wählen. Es gilt daher zunächst zu erkennen, daß die Berücksichtigung soziologischer Erkenntnisse keineswegs dazu verpflichtet, die methodologische Konzeption der Wesensdenker zu übernehmen. Die moderne Soziologie hat sich längst von den früher üblichen Untersuchungen über das Wesen der Gesellschaft, des Staates, der sozialen Gebilde usw. gelöst und in Verbindung mit der Sozialpsychologie unter Anwendung naturwissenschaftlicher Methoden eine ganze Reihe brauchbare Resultate, auch solche theoretischen Charakters, erzielt, die zumindest teilweise für die Erklärung wirtschaftlicher Erscheinungen eine gewisse Bedeutung haben dürften. Andererseits muß die Verwendung der mathematischen Ausdrucksweise und mathematischer Schlußweisen durchaus nicht mit dem Bestreben verbunden werden, die in Frage kommenden Modelle mit Hilfe entsprechender Strategien gegen die Tatsachen zu immunisieren und gleichzeitig die Nationalökonomie gegen soziologische Einsichten abzuschirmen. Es gibt keinen realwissenschaftlichen Problemkomplex, auch nicht im Bereich sozialwissenschaftlicher Disziplinen, hinsichtlich dessen es einen Sinn haben könnte, die Theoriebildung gegen mögliche Einwände von den faktischen Zusammenhängen her a priori immun zu machen. Es gibt aber auch kein nationalökonomisches Problem, es sei denn ein solches rein formalen Charakters, in Bezug auf das man a priori sagen könnte, daß seine Lösung ohne Einbeziehung bisher nicht berücksichtigter sozialer Faktoren möglich sei. Das heißt letzten Endes, daß die theoretische Autonomie des ökonomischen Denkens nicht von seiner Problemstellung her vorentschieden werden kann. (46)


D. Überwindung der Neoklassik durch
Soziologisierung des ökonomischen Denkens

Aber vielleicht lohnt es sich, noch etwas bei der merkwürdigen Tatsache zu verweilen, daß gerade die am stärksten in der Tradition der Neoklassik stehenden ökonomischen Denker, die methodisch zum Modell-Platonismus tendieren, gleichzeitig am meisten der Versuchung ausgesetzt sind, das ökonomische Denken gegen das Eindringen von Erkenntnissen aus dem Bereich anderer Sozialwissenschaften abzuschirmen und die theoretische Autonomie der Nationalökonomie zu verteidigen. Möglicherweise handelt es sich hier nicht um eine zufällige Verbindung. - Es geht in der Nationalökonomie im wesentlichen darum, die Erscheinungen eines bestimmten Teilbereichs des sozialen Lebens theoretisch zu durchdringen und zu erklären. Man hat zwar durch die Art der Darstellung ökonomischer Tatbestände oft den Eindruck erweckt, daß es sich hier um eine "Astronomie der Güterbewegungen" handelt (47), aber letzten Endes zweifelt doch kaum jemand daran, daß diese Güterbewegungen durch menschliches Verhalten gesteuert werden und daß man daher für ihre Erklärung auf menschliche Verhaltensweisen zurückgreifen muß. Was dagegen schon seltener gesehen wird, ist der soziologische Charakter der mikro-ökonomischen Begriffsbildung, die auf die Erfassung von Tauschbeziehungen zwischen Personen und sozialen Gruppen, also bestimmter sich im gegenseitigen Verhalten konstituierender, d. h. sozialer, Beziehungen, abgestellt ist. Die zentrale Idee des ökonomischen Denkens ist eine in einem sehr fundamentalen Sinn soziologische Idee: nämlich die, daß sich die Produktion und Verteilung der Güter in einem durch bestimmte juridische Sanktionsmechanismen abgestützten System von kommerziellen Beziehungen zwischen den Personen und Gruppen einer Gesellschaft quasi-automatisch in einer für die Bedürfnisbefriedigung der betreffenden Individuen relevanten Weise regelt. Es geht also um die Analyse bestimmter Wirkungen von Vorgängen in einem marktmäßig organisierten Teilbereich der Gesellschaft. Dabei wird versucht, alle relevanten Vorgänge auf Entscheidungen der Wirtschaftssubjekte zurückzuführen, die nach gewissen Maximen erfolgen. Diese Maximen werden im neoklassischen Denken meist als Maximierungsannahmen formuliert, wobei der Maximand jeweils verschieden sein kann. An die Stelle solcher Maximierungsannahmen können aber durchaus andere Reaktionsfunktionen treten, die man ad hoc postulieren kann, um den Verlauf der Geld- und Güterströme verständlich zu machen.

Nun wissen wir heute aus Forschungsergebnissen anderer Sozialwissenschaften, vor allem der Soziologie und Sozialpsychologie, daß die Handlungen und Entscheidungen sozialer Rollenträger von Faktoren abhängig sind, die keineswegs den Charakter "rein ökonomischer" Tatbestände haben, also Faktoren, die man mit dem Instrumentarium des neoklassischen Denkens und seiner Derivate nicht erfassen kann. Dabei handelt es sich vor allem um Faktoren dispositionalen Charakters, wie Motivstrukturen, Einstellungen, Wertorientierungen usw., sowie um den jeweiligen sozialen Kontext der betreffenden Verhaltensweisen, auch abgesethen vom Feld der kommerziellen Beziehungen, besonders, soweit er durch die bestehenden Institutionen definiert ist (48). Es gibt eine FÜlle von Forschungsarbeiten, die die Bedeutung des jeweiligen Anspruchsniveaus, der sozialen Normen und ihrer Institutionalisierung und Internalisierung, der Bezgusgruppen und anderer Faktoren für das Handeln der Mitglieder der Gesellschaft aufzeigen (49).

Es ist außerordentlich unwahrscheinlich, daß alles diese Ergebnisse ausgerechnet für das Verhalten von Personen im wirtschaftlichen Bereich der Gesellschaft ohne Bedeutung sind (50). Die Bedeutung der betreffenden Faktoren scheint sich nicht auf spezielle Bereiche der Gesellschaft zu beschränken. In die Modelle der reinen Theoretiker pflegen solche Faktoren aber bisher meist nicht einzugehen. Hier werden vielmehr Reaktionsfunktionen postuliert, die offenbar von den dispositionalen Eigenschaften der betreffenden Personen und von allen nichtkommerziellen Bestandteilen ihres Sozialmilieus vollkommen oder zumindest in hohem Grad unabhängig sei sollen. (51)

Der ökonomische Bereicht, das System der Marktbeziehungen zwischen den Mitgliedern der Gesellschaft, wird als ein relativ geschlossener Wirkungszusammenhang betrachtet, als ein System, das zwar von außen gewisse Anstöße bekommt, aber dessen Funktionsweise von durch das ökonomische Instrumentarium nicht erfaßbaren Faktoren, wie z. B. den oben erwähnten, unabhängig ist. Dabei laufen die sogenannten Geld- und Güterströme in einer kommerzialisierten Industriegesellschaft moderner Prägung durch nahezu alle sozialen Gebilde hindurch, die überhaupt darin auftreten, und alle Personen nehmen mit irgendeinem Segment ihrer individuellen Rollenstruktur an den kommerziellen Prozessen teil, die diese Ströme dirigieren. Wenn man sich die Zusammenhänge klarmacht, dann beginnt man zu verstehen, warum die mit Hilfe einfacher Verhaltensmaßnahmen konstruierten Modelle neoklassisch orientierter Theoretiker auf irgendeine Weise gegen die Erfahrung immunisiert werden müssen, wenn man sie vor dem Scheitern bewahren will. Es ist nicht von ungefähr, daß sich das Streben mancher Vertreter der reinen Ökonomie nach einer autonomen Theoriebildung methodologisch in eine Tendenz zum Modell-Platonismu umzusetzen pflegt:  die Immunisierung gegen den Einfluß sogenannter außerökonomischer Faktoren führt zur Immunisierung gegen die Erfahrung überhaupt.  Die Diagnose der fundamentalen methodologischen Schwäche des neoklassischen Denkstils scheint auf seine Soziologiefremdheit führen zu müssen. Umgekehrt ist allen heterodoxen Strömungen im Bereich Nationalökonomie charakteristischerweise das eine Element, ganz abgesehen von allen methodologischen Differenzen, gemeinsam: die Akzentuierung der Bedeutung sozialer Faktoren für die ökonomischen Wirkungszusammenhänge und das Bewußtsein davon, daß der von der reinen Ökonomie analysierte soziale Bereicht in relevanter Weise in umfassendere soziale Komplexe eingebettet ist, von denen nicht ohne weiteres abstrahiert werden kann, wenn man brauchbare Erklärungen sucht. Die methodologischen Schwächen dieser Strömungen sollten nicht den Blick verstellen für diesen meines Erachtens entscheidenden Punkt, der im allgemeinen in der Methodenkontroverse unter einer Fülle irrelevanter Argumente zu zweitrangigen oder Scheinproblemen wie dem der Anwendbarkeit mathematischer Ausdrucksweise, der Verwendbarkeit bestimmter Arten von Begriffen, der Frage nach der Vorzugswürdigkeit generalisierender oder pointierend hervorhebender Abstraktion usw. begraben zu werden pflegt.

Die Verhaltensweise wirtschaftlicher Rollenträger, die man gemeinhin mit Hilfe einfacher Maximierungsannahmen oder ad hoc konstruierter Reaktionsfunktionen zu erklären sucht, sind, wenn die Ergebnisse der bisherigen sozialwissenschaftlichen Forschung zutreffen, de facto von ihnen zugrundeliegenden motivationalen und institutionellen Strukturen abhängig, die selbst wieder den Charakter von Quasi-Invarianzen haben (52). Sie werden durch Lernprozesse unter starker Beteiligung sozialer Faktoren und überhaupt durch soziale Prozesse aller Art aufgebaut und verändert. Es kann kaum einem Zweifel unterliegen, daß der "Stil" des gesellschaftlichen Lebens und der wirtschaftlichen Tätigkeiten einem mehr oder weniger langsamen historischen Wandel unterworfen ist (53). Das ist allerdings keineswegs ein zureichender Grund für die Einschränkung der theoretischen Analyse in den Sozialwissenschaften u die Bildung und Verwendung "stilgebundener" Quasitheorien, wie es zuweilen vorgeschlagen wird, aber doch vielleicht ein Anlaß für die Frage, inwieweit z. B. heute vorliegende theoretische Konzeptionen tatsächlich nur bestimmte an unser Kulturmilieu oder ein noch stärker eingeschränktes Raum-Zeit-Gebiet gebundene Quasi-Invarianzen erfassen (54). Daß diese Frage gerade auch hinsichtlich ökonomischer Theorien einige Berechtigung hat, scheint mir schon aus den Ergebnissen der Forschungen MAX WEBERs mit großer Klarheit hervorzugehen, sowie aus anderen im Anschluß an seine Fragestellungen durchgeführten historischen, soziologischen und sozialpsychologischen Untersuchungen.

Der Begriffsapparat, der bei ökonomischen Analysen verwendet zu werden pflegt, ist wie jedes theoretische Instrumentarium in ganz bestimmter Weise selektiv; er verkörpert eine für das ökonomische Denken charakteristische Perspektive, die in die Problemstellungen eingeht und die Theoriebildung mitbestimmt (55). Inwieweit die durch das ökonomische Instrumentarium herausgestellten Faktoren für die Erklärung des wirtschaftlichen Geschehens tatsächlich relevant sind, kann sich nur daraus ergeben, wie sich die mit seiner Hilfe konstruierten Theorien tatsächlich bewähren. Nun ist es für die Bewährung von Theorien wichtiger, sie in neuen Anwendungsbereichen zu prüfen, als die Prüfung in ein und demselben Bereich ständig zu wiederholen (56). Für sozialwissenschaftliche und damit auch für ökonomische Theorien ist daher die Variation des sozial-kulturellen Prüfungsbereichs außerordentlich bedeutsam. Daraus geht hervor, daß die allgemeine Relevanz des ökonomischen Begriffsapparates vor allem bei der Anwendung ökonomischer Theorien auf sozial-kulturelle Bereiche geprüft werden kann, für die sie nicht konstruiert wurden, z. B. auf die sogenannten Entwicklungsländer. Bei Untersuchungen in solchen Bereichen stellt sich aber immer wieder heraus, daß man auf Faktoren zurückgreifen muß, die durch den Begriffsapparat der theoretischen Ökonomik nicht berücksichtigt werden (57), die aber für die soziologische und sozialpsychologische Forschung erreichbar sind. Mir scheint, daß wir keinen Anlaß haben, diese Sachlage für die ökonomische Theoriebildung unberücksichtigt zu lassen. Sie kann uns zu der Vermutung veranlassen, daß wir es im ökonomischen Bereicht bisher sehr oft mit Quasi-Invarianzen zu tun hatten, zu deren Relativierung man auf tieferliegende Faktoren zurückgehen muß. Der Modell-Platonismus neoklassischen Stils ist allerdings ein wirksames Mittel, dieser Konsequenz zeitweise aus dem Weg zu gehen; um welchen Preis, glaube ich oben gezeigt zu haben.

Schon von MAX WEBER hätten wir meines Erachtens nicht nur lernen können, daß der heute in weiten Teilen der Welt vorherrschende Stil des wirtschaftlichen Verhaltens ein soziales Zuchtprodukt ist, dessen Herausstilisierung man durch unsere historische Entwicklung zurückverfolgen kann und der darüber hinaus auch in Zukunft starken Wandlungen unterliegen dürfte, sondern wir hätten außerdem aus seinen Untersuchungen die naheliegende Konsequenz für die ökonomische Theoriebildung ziehen können, daß sie nur dann zu allgemeinen Einsichten führen kann, wenn sie hinter die Quasi-Invarianzen des Wirtschaftsstils der beginnenden Industriegesellschaft zurückgeht. Eine solche Änderung müßte zwangsläufig mit einer entscheidenden Wandlung der theoretischen Perspektive in einer Richtung verbunden sein, die vielleicht den bisher heterodoxen Strömungen des ökonomischen Denkens näher kommt als der reinen Ökonomie neoklassischen Stils.
LITERATUR Hans Albert, Modell-Platonismus, in Karrenberg / Friedrich / Albert (Hg.), Festschrift für Gerhard Weißer, Berlin 1963
    Anmerkungen
    1) T. W. HUTCHINSON hat schon vor längerer Zeit darauf aufmerksam gemacht, daß es sich bei allen nationalökonomischen Problemen im Grunde um Fragen des Verhaltens von Menschen in verschiedenen Lebensstellungen handelt, also: um soziales Rollenverhalten; siehe seinen wissenschaftslogischen Aufsatz: Theoretische Ökonomie als Sprachsystem, Zeitschrift für Nationalökonomie, Bd. VIII, 1937, Seite 88.
    2) In dieser Beziehung bestand ein wesentlicher Unterschied zur am Haus orientierten alteuropäischen Ökonomik, den vor allem OTTO BRUNNER herausgearbeitet hat; vgl. sein Buch:  Adeliges Landleben und europäischer Geist,  Salzburg 1949, Seite 240f und öfter, sowie derselbe: Die alteuropäische Ökonomik, Zeitschrift für Nationalökonomie, Bd. XIII, 1952, Seite 114f.
    3) Auf den soziologischen Charakter der theoretischen Nationalökonomie hat vor allem GERHARD WEISSER hingewiesen, vgl. z. B. seinen Beitrag:  Wirtschaft,  in: Handbuch der Soziologie, hg. von WERNER ZIEGENFU?, Stuttgart 1956; vgl. auch meine Aufsätze: Marktsoziologie und Entscheidungslogik, Zeitschrift für die gesamte Staatswissenschaft, Bd. 114, 1958 und: Nationalökonomie als Soziologie,  Kyklos,  Bd. XIII, 1960.
    4) Dabei kann zum Beispiel auch ein nicht deskriptiver, sondern präskriptiver (z. B. wertender oder normativer) Realitätsbezug vorliegen. Das ist aber in dem hier behandelten Zusammenhang nicht von besonderem Interesse.
    5) Analog zum Informationsgehalt kognitiver Aussagen könnte man bei normativen Aussagen einen normativen Gehalt bestimmen, indem man sich auf die Klasse der durch die betreffende normative Aussage (präskriptiv) ausgeschlossenen Verhaltensweisen bezieht.
    6) Dafür kommen in diesem Fall also - wenn es sich um den ökonomischen Bereich handelt - in der ökonomischen Sprache konstruierte Substitutionsfälle logischer Gesetze in Frage, aber auch Aussagen, die mit Hilfe von Definitionen darauf zurückführbar sind. Darüber hinaus kann man Definitionen selbst als analytisch kraft Festsetzung auffassen. Der allgemeine Angriff des amerikanischen Neopragmatismus gegen die Unterscheidung analytisch-synthetisch (QUINE, GOODMAN, WHITE) hat sich als fragwürdig erwiesen. - Zur Problematik der Leerformeln vgl. vor allem die Arbeiten ERNST TOPITSCHs, besonders seine Bücher "Vom Ursprung und Ende der Metaphysik", Wien 1958 und "Sozialphilosophie zwischen Ideologie und Wissenschaft", Neuwied 1961, sowie seinen Aufsatz: "Über Leerformeln" - zur Pragmatik des Sprachgebrauchs in Philosophie und politischer Theorie, in "Probleme der Wissenschaftstheorie", Festschrift für Viktor Kraft, hg. E. TOPITSCH, Wien 1960.
    7) Der Ausdruck stammt von G. C. ARCHIBALD, einem Verfechter der Konzeption der modernen Wissenschaftslogik in der Nationalökonomie. T. W. HUTCHINSON, der seit mehr als 20 Jahren Ideen aus diesem Bereich vertritt, hat schon in seinem o. a. Aufsatz auf die Bedeutung der Ceteris-paribus-Klause als Alibiformel aufmerksam gemacht. Auf unser Beispiel bezogen, könnte man z. B. die Alibiklausel benutzen: "... Unter Umständen ..."
    8) Diese Zusammenhänge, auf die ich hier nur andeutungsweise eingehen kann, hat KARL POPPER in seinem Buch "Logik der Forschung", Wien 1935 (erschienen 1934, erweiterte englische Ausgabe "The Logik of Scientific Discovery", London 1959, eingehend behandelt; vgl auch seinen Beitrag: "Some Comments on Truth and the Growth of Knowledge, in: "Logic, Methodology and Philosophy of Science", hg. von E. NAGEL, P. SUPPES und A. TARSKI, Stanford 1962.
    9) Siehe für diese Zusammenhänge vor allem KARL POPPER: "The Logic of Scientific Discovery", Seite 121f (36. Levels of Universalität and Degrees of Precision). - Man kann sich das vielleicht daran klar machen, daß zusätzliche Einschränkungen im Dann-Satz die dort ausgesagten Zusammenhänge - z. B. eine Bewegungsform oder ein Verhaltensmuster - präzisieren, während zusätzliche Einschränkungen im Wenn-Satz nur die Bedingung verschärfen, unter der die im Dann-Satz ausgesagten Zusammenhänge gelten, und damit den Geltungsbereich und meist wohl auch den raum-zeitlichen Anwendungsbereich der Hypothese verringern. Diese Dinge dürften für die Problematik der sogenannten "Annahmen" in der Nationalökonomie, die man vielfach als Komponenten der Wenn-Sätze allgemeiner Aussagen auffassen kann, einige Bedeutung haben. Eine solche Annahme stellt z. B., wie wir noch sehen werden, die Ceteris-paribus-Klausel dar. - Im übrigen sei hier darauf aufmerksam gemacht, daß das Wort "Annahme" ("assumption") in der Nationalökonomie in verschiedener Weise verwendet zu werden pflegt.
    10) Siehe dazu die Arbeiten KARL POPPERs, vor allem das o. a. Buch. - Man kann eine wissenschaftliche Theorie in mancher Hinsicht mit einem Auto vergleichen, das über eine Versuchsbahn gejagt und dabei möglichst hohen Belastungen ausgesetzt wird. Wenn es die betreffenden Belastungen übersteht, dann hat es sich bewährt, und zwar: je größer die Belastungen waren, in umso höherem Maß. Ein Auto, das stärkeren Belastungen standhält, ist damit leistungsfähiger, ebenso wie eine Theorie, die strengeren Prüfungsversuchen standhalten kann, damit entsprechend leistungsfähiger ist; sie hat größere Erklärungskraft als andere Theorien. Das trifft zum Beispiel auf Theorien zu, die sich nicht nur in einem, sondern in den verschiedensten sozialen Bereichen bewähren. Daraus ergeben sich bestimmte Argumente gegen die Tendenz, in den Sozialwissenschaften bereichsgebundene Theorien vorzuziehen, wie sie z. B. im Autonomieanspruch des ökonomischen Denkens, vor allem der Neoklassik, zum Ausdruck kommt. Vgl. dazu meine Kritik im o. a. Aufsatz: Nationalökonomie als Soziologie, a. a. O., Seite 5f.
    11) Wir hätten also eigentlich zu unterscheiden zwischen:  Realitätsbezug, Informationsgehalt, Bewährungsgrad  und  Wahrheit,  wobei zu bemerken wäre, daß bei informativen Aussagen, also Hypothesen, die Wahrheit stets problematisch bleibt. Die Methodologie der empirischen Wissenschaften befaßt sich daher vor allem mit dem Problem der Bewährung.
    12) Vgl. dazu z. B. RUDOLF CARNAP, Einführung in die symbolische Logik, Wien 1954, Seite 20 oder ein anderes Buch der modernen Logik.
    13) Über die Bedeutung der Frage der Transferierbarkeit bzw. Retransferierbarkeit für das Problem der Rationalität vgl. WILLIAM W. BARTLEY, Rationality versus the Theory of Rationality, in: "The Critical Approach to Science and Philosophy", Essays in Honor of Karl Popper, hg. von MARIO BUNGE, Glencoe 1964.
    14) Ich habe dieses Thema in meinem Diskussionsbeitrag: Der logische Charakter der theoretischen Nationalökonomie, angeschnitten, vgl.  Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik,  Bd. 171, 1959, Seite 1f. Seitdem habe ich nicht feststellen können, daß die Tendenz zum Modell-Platonismus sich im deutschen Sprachbereich verringert hat. Ein anderer Eindruck mag vielfach darauf beruhen, daß die Neigung besteht, vom Realitätsbezug gewisser Aussagen auf ihren informativen Gehalt zu schließen. Zur Modellproblematik vgl. neuerdings: HANS ANGER, Theoriebildung und Modelldenken in der Kleingruppenforschung, Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Bd. 14, 1962, Seite 4f.
    15) Dazu gehört außer LUDWIG von MISES z. B. FRANK H. KNIGT, wie sich aus seiner Kontroverse mit T. W. HUTCHINSON ergibt, vgl. dazu: T. W. HUTCHINSON und FRANK H. KNIGHT, in: The Journal of Political Economy, Bd. XLIX, 1941, Seite 732f. LIONEL ROBBINS scheint ebenfalls MISES' Konzeption nahe zu stehen. Das ergibt sich aus seinem interessanten Buch "An Essay on the Nature and Significance of Economic Science", zweite Auflage, London 1952. - Ein meines Erachtens auch für die methodische Konzeption anderer Denker charakteristischer Passus dieses Buchs lautet: "It is a characteristic of scientific generalisations that they  refer to reality.  Whether they are cast in hypothetical or categorical form, they are  distinguished from the propositions of pure logic and mathematics  by the fact that in some sens  their reference  is to what exists, or that which may exist, rather than purely formal relations", a. a. O., Seite 104. Hervorhebung von mir. F. ROBBINS scheint den Realitätsbezug als das wesentliche Unterscheidungsmerkmal anzusehen. Dann kämen also Substitutionsfälle logischer Gesetze als ökonomische Aussagen in Frage. Diese Deutung seiner Sätze ist zwar nicht unanfechtbar, aber sie harmoniert jedenfalls mit der Grundtendenz seines Buches. - Daß auch bei WALTER EUCKEN starke Tendenzen in dieser Richtung festzustellen sind, habe ich schon an anderer Stelle zu zeigen versucht. Im deutschen Sprachbereich hat seine methologische Konzeption noch viele Anhänger.
    16) Siehe dazu die diesbezüglichen Bemerkungen RENÉ KÖNIGs in seinem Beitrag: Grundlagenprobleme der soziologischen Forschungsmethoden (Modelle, Theorien, Kategorien), in: "Sozialwissenschaft und Gesellschaftsgestaltung", Festschrift für Gerhard Weisser, hg von F. KARRENBERG und H. ALBERT, Berlin 1963.
    17) Für eine klare und präzise Darstellung der Problematik, wie sie heute in ihren wesentlichen Zügen weitgehend akzeptiert werden dürfte, vgl. J. R. HICKS, A Revision of Demand Theory, Oxford 1956; zu methodologischen Fragen im Zusammenhang damit siehe TAPAS MAJUMDAR, The Measurement of Utility, London/New York 1958; zur Kritik des nutzentheoretischen Unterbaus vgl. E. J. MISHAN, Theories of Consumers Behaviour, a cynical view, Economica, XXVIII, Bd. 1961, Seite 1f.
    18) Auch diese Formulierung ist für die meisten wohl noch nicht akzeptabel, weil sie den sogenannten Giffen-Fall nicht berücksichtigt. Dieser Fall, von dem wir hier abstrahieren werden, kann weitere Probleme aufwerfen.
    19) Darauf hat schon T. W. HUTCHINSON in seinem o. a. Aufsatz hingewiesen. Vgl. auch sein methodologisches Buch "The Significance and Basis Postulates of Economic Theory", London 1938, Neudruck New York 1960, Seite 40f.
    20) Man nennt solche Aussagen in der Logik oft Formalimplikationen, aber dieser Sprachgebrauch ist vielleicht nicht sehr glücklich, ebensowenig wie die Bezeichnung molekularer Bedingungssätze als materialer Implikationen, weil in beiden Fällen zu leich die Vorstellung suggeriert wird, daß es sich um einen deduktiven Zusammenhang handelt, eine logische Implikation. - Es gibt ohnehin ökonomische Theoretiker, die von den hypothetischen Aussagen der Theorie idealiter den Charakter logischer Implikationen erwarten; vgl. z. B. WALTER EUCKEN, "Die Grundlagen der Nationalökonomie", 5. Auflage, Godesberg 1947, Seite 411, Anm. 54, sowie meine Kritik in meinem Aufsatz: Der moderne Methodenstreit und die Grenzen des Methodenpluralismus, "Jahrbuch für Sozialwissenschaft", Bd. 13, 1962, Seite 161. HUTCHINSONs o. a. Buch enthält eine kritische Analyse dieser Konzeption. Für eine Analyse des Charakters nomologischer Aussagen siehe vor allem Appendix X, Seite 420f des o. a. Buches von POPPER, The Logic of Scientific Discovery.
    21) T. W. HUTCHINSON stellt in seinem o. a. Buch (Seite 41) fest, daß die Absicht, die mit der Klausel meist verbunden ist, darauf zielt, die Falsifierbarkeit des Gesetzes - also seinen informativen Gehalt - zu verringern. "Falsifizierbarkeit" ist dabei im Sinne des diesbezüglichen POPPER-Kriteriums verwendet.
    22) Vgl. dazu SIDNEY WEINTRAUB, The Foundations of the Demand Curve,  American Economic Review,  Bd. XXXII, 1942, Seite 538f, besonders Seite 541f, wo MARSHALLs Nachfragegesetz so gedeutet wird, daß in der Ceteris-paribus-Klausel die gesamten Geldausgaben für alle Güter und die Preise und Mengen aller anderen Güter auftauchen. Nimmt man die Konstanz dieser Faktoren an, so folgt daraus eine logisch viel stärkere Dann-Aussage, die der Nachfragekurve die Form einer rechtwinkligen Hyperbel zuschreibt. Bei der von WEINTRAUB in Aussicht genommenen Deutung der Klausel wird also der Informationsgehalt des Wenn-Satzes sogar größer als der des Dann-Satzes der Gesamtaussage. Jedenfalls führt diese spezielle Interpretation zu ihrer Tautologisierung. Das hat schon MILTON FRIEDMAN gesehen, vgl. seinen Aufsatz: The Marshallian Demand Curve, "Journal of Political Economy", vgl. Bd. LVII, 1949, Seite 463f, wieder abgedruckt in FRIEDMANN, Essays in positive Economics, Chicago 1953, Seite 47f.
    23) Das trifft z. B. auch auf die von FRIEDMAN selbst vorgeschlagene Interpretation zu, vgl. seinen o. a. Aufsatz.
    24) Die Entwicklung der Wahlhandlungstheorie hat zur Entpsychologisierung der Nutzenlehre geführt. Das wurde von vielen Theoretikern als ein Fortschritt angesehen. Damit hat sich die Konsumtheorie von der ursprünglich für interessant gehaltenen Problematik der Bedürfnisse und der Bedürfnisbefriedigung gelöst, die man allerdings früher mehr spekulativ und introspektiv zu behandeln pflegte. An die Stelle dieser Probleme sind Fragen getreten, die weniger in den Zusammenhang einer empirischen Theorie der Motivation des Verhaltens als in den einer formalen Theorie rationaler Entscheidungen gehören. Für die Nationalökonomie als Realwissenschaft, also das partielle Soziologie, scheint mir der Wert dieser Entwicklung äußerst zweifelhaft zu sein.
    25) Der Übergang von der Quantitätstheorie zur Verkehrsgleichung könnte übrigens ohne weiteres mit Hilfe einer ad hoc eingeführten speziellen Ceteris-paribus-Klausel vollzogen werden. - - - Man müßte diese Ceteris-paribus-Klausel nämlich so interpretieren, daß Umlaufgeschwindigkeit und Handelsvolumen oder der Quotient aus beiden Größen die konstant zu haltenden Faktoren wären. Aus der Konstanz dieser Faktoren würde dann die strengere Form der quantitätstheoretischen Behauptung über den Zusammenhang von Geldmenge und Preisniveau logisch folgen. Der Dann-Satz der Gesamtaussage wäre als dann ein logisches Implikat der in dieser Weise interpretierten Ceteris-paribus-Klausel, die Aussage selbst eine Version der Verkehrsgleichung. - Nun sind sich auch die Vertreter des neoklassischen Denkens meist über den Charakter der Verkehrsgleichung klar, aber das hindert sie oft nicht daran, ganz allgemein das Streben nach "denknotwendigen" Aussagen zur idealen methodischen Praxis zu erheben, und zwar vielfach expressis verbis: vgl. dazu neuerdings die diesbezüglichen Ausführungen ERICH SCHNEIDERs (in: "Einführung in die Wirtschaftstheorie", Bd. IV, Tübingen 1962), der sich dabei ausdrücklich auf WALTER EUCKEN beruft. Charakteristisch für EUCKENs Auffassung ist z. B. die Anm. 54 seiner  Grundlagen der Nationalökonomie  (5. Auflage, 1947, Seite 411).
    26) Siehe auch HUTCHINSONs Kritik in seinem o. a. Aufsatz, a. a. O., Seite 89. Vgl. zu dieser Problematik weiter den interessanten Aufsatz von JÜRG NIEHANS, Die Wandlungen ökonomischer Gesetze, "Schweizerische Zeitschrift für Volkswirtschaft und Statistik", Bd. 87, 1951, Seite 300f. NIEHANS spricht von einer Aufspaltung der Quantitätstheorie in zwei logisch verschiedenartige Elemente: einerseits ein Begriffssystem, das in eine buchhalterische Identität umgesetzt werde, andererseits die Hypothese, die nur einen Spezialfall formuliere und daher nur noch von Fall zu Fall aufrechterhalten werden dürfe. In dieser interessanten Beobachtung zeigt sich meines Erachtens sehr deutlich, wie leicht sich konventionalistische und historistische entfernt, die die Möglichkeit allgemeiner Theorien a priori ablehnen zu müssen glauben. Man findet in beiden Lagern nicht selten Nationalökonomen, die die Auffassung vertreten, allgemeine Theorien müßten analytisch oder jedenfalls tatsachenimmun, inhaltliche Theorien aber müßten historisch-relativ sein.
    27) Es muß allerdings betont werden, daß der erste der beiden Sätze keineswegs analytisch sein muß. Das hängt vielmehr von der logischen Grammatik der darin benutzten Ausdrücke ab. Die heute übliche Verwendung dieser Ausdrücke macht ihn analytisch. Um das formal sichtbar zu machen, müßten natürlich entsprechende Definitionen für die betreffenden Ausdrücke eingeführt werden. Es ist aber keineswegs ausgeschlossen, daß man durch eine geeignete Änderung der Verwendungsregeln dieser Ausdrücke oder eine Modifizierung der Aussagen selbst ihren analytischen Charakter beseitigt.
    28) Ich denke dabei z. B. an den Versuch ERICH SCHNEIDERs, den Inhalt und die Gültigkeit der Quantitätstheorie klarzustellen, vgl. dazu seine  Einführung in die Wirtschaftstheorie,  Bd. III, 4. Auflage, Tübingen 1957, Seite 208 bis 216. SCHNEIDER ist sich über den Unterschied zwischen den informativen Versionen der Quantitätstheorie und ihrer degenerierten Version - der Verkehrsgleichung - klar, versucht aber dennoch die ersteren vor allem dadurch zu widerlegen, daß er anhand des KEYNESschen Instrumentariums denkmögliche Fälle analysiert und dabei naturgemäß Fälle aufweisen kann, die außerhalb des Spielraums der Quantitätstheorie liegen. Zur Kritik dieses "taxonomischen" Ansatzes siehe z. B. MILTON FRIEDMAN, Essays in positive Economics, Chicago 1953, Seite 277f. Dieser Stil der Argumentation ist meines Erachtens typisch für viele Vertreter neoklassischen Denkens.
    29) Man kann de facto anhand einer nichtinformativen Theorie nichts darüber ausmachen, welche Faktoren für die Erklärung relevant sind. Die Beurteilung eines Begriffsapparates auf seine Kausalrelevanz hin erfordert also die empirische Prüfung von mit seiner Hilfe formulierten Theorien. Plausibiliätsüberlegungen sind kein Ersatz dafür. - Auch Hinweise darauf etwa, daß wirtschaftliche Vorgänge von den Entscheidungen der Wirtschaftssubjekte abhängen, daß aber z. B. die Quantitätstheorie keinen Bezug auf diese Faktoren enthält, sind trotz ihrer Plausibilität für die Beurteilung der Theorie irrelevant, denn sie sind hinreichend uninformativ und mit der Quantitätstheorie ebenso kompatibel wie mit anderen Erklärungsversuchen dieses Bereichs. Es gibt kaum etwas Merkwürdigeres in der ökonomischen Argumentation als die Jllusion, der Hinweis auf die Bedeutung von Entscheidungen, Entschlüssen usw. der Wirtschaftssubjekt vermittle ohne weiteres so etwas wie eine relevante Information über den Verlauf ökonomischer Prozesse.
    30) Vgl. dazu z. B. MILTON FRIEDMAN, Geldangebot, Preis- und Produktionsänderungen,  Ordo-Jahrbuch,  Bd. XI, 1959, Seite 193f. FRIEDMANs methodologische Konzeption ist größtenteils an den Ergebnissen der modernen Wissenschaftslogik orientiert; siehe dazu den einleitenden Aufsatz seines o. a. Buches. Problematisch ist allerdings seine Behandlung der "Annahmen", die in der ökonomischen Theoriebildung eine so große Rolle spielen. In dieser Beziehung habe ich den Eindruck, daß FRIEDMANs Auffassungen geeignet sind, gerade die von ihm selbst bevorzugten mikroökonomischen Theorien gegen eine strenge Prüfung zu schützen, was mit seiner sonstigen methodologischen Einstellung nicht harmoniert. Siehe dazu z. B. die Kritik T. W. HUTCHINSONs in seinem o. a. Buch (1960), a. a. O., Seite XIIf, sowie die EUGENE ROTWEINs, in: On "The Methodology of positive Economics", The Quarterly Journal of Economics, LXXIII, 1959, Seite 554f.
    31) Vgl. dazu etwa: ERICH SCHNEIDER, Einführung in die Wirtschaftstheorie, III, a. a. O., Seite 233.
    32) Vgl. dazu z. B. die kritische Analyse KLAUS ROSES, Der Erkenntniswert der Wachstumsmodelle, "Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik", Bd. 168, 1957, Seite 321f, der ich in wesentlichen Punkte, wenn auch nicht in jeder Beziehung, zustimme; vgl. meinen Diskussionsbeitrag: Wachstumsmodelle und Realität. Bemerkungen zu Roses Kritik der Wachstumstheorie, in Bd. 169 der gleichen Zeitschrift, sowie ROSEs Erwiderung darauf.
    33) Bei GOTTFRIED BOMBACH (Zur Theorie des wirtschaftlichen Wachstums,  Weltwirtschaftliches Archiv,  Bd. 70, 1953) findet man wohl die Neigung, Hypothese damit zu verbinden, die auf die Identifikation von Gleichgewichtswachstum und Trendbewegung hinauslaufen, aber das führt zu gewissen Schwierigkeiten, die diese Art der Theoriebildung aussichtslos zu machen scheinen; vgl. dazu KLAUS ROSE, a. a. O., Seite 325f. ROSE hält daher nur eine Interpretation der betreffenden Gleichungen für möglich, die sie gehaltlos machen würde. Konsequenterweise spricht er der Theorie auch die Erklärungskraft ab, die ihr von anderen Theoretikern, wie z. B. von ERICH SCHNEIDER, zugesprochen wird, obwohl der Nachweis dafür schwerlich zu erbringen sein dürffte. ROSEs Skepsis geht allerdings nicht so weit, daß er die praktische Verwendbarkeit der Theorie anzweifelt. Da zwischen informativem Gehalt und praktischer Verwendbarkeit ein enger Zusammenhang besteht, bin ich nicht in der Lage, ihm in dieser Beziehung zuzustimmen; vgl. dazu unsere in Anm. 32 erwähnte Diskussion in den  Jahrbüchern.  - Zur Kritik der Wachstumstheorie vgl. vor allem auch: CHRISTIAN WATRIN, Modelle und Hypothesen in der Wachstumstheorie, in:  Wirtschaftspolitische Chronik,  Heft 1, 1960, Institut für Wirtschaftspolitik an der Universität zu Köln.
    34) Ich möchte darauf aufmerksam machen, daß hier der Ausdruck "Annahmen" anders verwendet wurde als z. B. im Falle der Ceteris-paribus-Klausel, aber auch in einem Sinne, wie er in der ökonomischen Theorie häufig auftritt. Es handelt sich dabei um Aussagen, die nur im Hinblick darauf betrachtet werden, welche logischen Konsequenzen sich aus ihnen ergeben, ohne daß man sich für die Frage ihrer Gültigkeit oder auch nur für die ihrer Prüfbarkeit sonderlich interessieren würde. Man pflegt mit ihnen, zumindest im vorliegenden Kontext, überhaupt keine Behauptung über die realen Zusammenhänge zu verbinden. Es gehört zu den Verfahrensweisen des Modell-Platonismus, Aussagen, die man ansich als Hypothesen oder als Komponenten von Hypothesen interpretieren und behandeln könnte, zu bloßen Annahmen zu degradieren, so daß die Problematik ihrer Prüfung und Bewährung und damit auch die ihrer realwissenschaftlichen Bedeutung ausgeschaltet werden kann. Natürlich kann man Systeme solcher Aussagen formalisieren und alle möglichen Transformationen mit ihnen vornehmen. Die Kritik richtet sich dann vielfach gegen die Formalisierung der betreffenden Aussagenmenge an sich statt gegen die damit verbundene methodologische Praxis. Bei der immer wieder auftretenden Kritik am Gebrauch mathematischer Ausdrucks- und Schlußweisen in der Ökonomik wird es sich also mitunter um eine "Fehlleitung" eines methodisch durchaus berechtigten Zweifels handeln: vgl. dazu z. B. JAMES DUESENBERRYs Diskussionisbeitrag: The Methodological Basis of Economic Theory,  The Review of Economics and Statistics,  Bd. 35, 1954, Seite 361f. Es ist nicht nur zu bemerken, daß der Gebrauch der mathematischen Sprache gewisse Vorzüge hinsichtlich Präzision usw. mit sich bringen kann und daß es daher nicht sehr sinnvoll ist, dagegen zu polemisieren. Man kann andererseits auch feststellen, daß es Theoretiker gibt, die Theoriebildung und Formalisierung miteinander verwechseln. Das ist zwar moderner, aber nicht eben sinnvoller.
    35) Es ist z. B. nicht ausgeschloosen, die von ROSE als Grundgleichung behandelte Annahme des fortschreitenden Gleichgewichts: ΔY / Y = ΔP / P, die mit Hilfe geeigneter Definitionen transformierbar ist in: ΔY / Y = i / c (wobei  i  die Invenstionsquote und  c  der marginale Kapitalkoeffizient sein soll), als Fragment einer allgemeinen hypothetischen Aussage von der Form  (x) Qx ⊃ Rx  zu behandeln, und zwar in diesem Fall als den Dann-Satz einer solchen Aussage. Der Wenn-Satz könnte dann die empirischen Bedingungen für die Erfüllung der Grundgleichung aufnehmen, so daß die Gesamtaussage eine Hypothese würde. Eine logische Beziehung dürfte dann allerdings zwischen  Qx  und  Rx  nicht existieren.
    36) ERICH SCHNEIDER schließt seinen Abschnitt über die Wachstumstheorie (a. a. O., Seite 240) mit dem charakteristischen Hinweis, daß das von ihm erörterte Wachstumsmodell nichts "über die Kräfte" aussage, "die das tatsächliche, im Zeitablauf zu beobachtende Wachstum bestimmen". Es gebe nur "Aufschluß über die Bedingunen störungsfreien Wachstums" und zeige, "wie sich Einkommen und Investition im Zeitablauf entwickeln müssen, wenn diese Bedingungen störungsfreien Wachstums" und zeige, "wie sich Einkommen und Investition im Zeitablauf entwickeln müssen, wenn diese Bedingungen erfüllt sein sollen". Offenbar wird es hier dem Leser überlassen herauszubekommen, ob es sich um rein logische Zusammenhänge handelt oder um inhaltliche Theorie.
    37) Ohne empirischen Gehalt sind wohl fast alle klassifikatorischen Systeme in diesem Bereich, z. B. auch das System, das ROBERT TRIFFIN in seinem Buch  Monolistic Competition and General Equilibrium Theory,  Cambridge 1940, entwickelt. Während aber Triffin in keiner Weise den Eindruck zu erwecken sucht, er formuliere inhaltliche Aussagen, Hypothesen, mit deren Hilfe man reale Phänomene erklären könnte, ist das bei anderen Theoretikern nicht so leicht zu erkennen.
    38) Auch die Vertreter der Chicago-Schule, die die methodologische Konzeptoin FRIEDMANs vertreten, haben in der Diskussion mit Verfechtern der Theorie des monopolistischen Wettbewerbs meist in einer Weise argumentiert, die mir ihrer eigenen Methodologie nicht im Einklang stand; vgl. dazu: G. C. ARCHIBALD, "Chamberlain versus Chicago", The Review of Economic Studies, XXIX, 1961, Seite 1f.
    39) Vgl. die interessante Analyse ERICH PREISERs in seinem Aufsatz: Erkenntniswert und Grenzen der Grenzproduktivitätstheorie,  Schweizerische Zeitschrift für Volkswirtschaft und Statistik,  Bd. 89, 1953, aus der der Charakter dieser Theorie sehr gut hervorgeht. Zur Frage der empirischen Prüfung vgl. G. C. ARCHIBALD, Testing Marginal Productivity Theory,  The Review of Economic Studies,  Bd. XXVII, 1959/60, Seite 210f.
    40) Siehe dazu z. B. die kritische Analyse von E. J. MISHAN, A Survey of Welfare Economics, 1939-1959, The Economic Journal, LXX, 1976, Nr. 278. Auch hier läßt sich sehr schön zeigen, wie man zentrale Behauptungen durch Anwendung konventionalistischer Strategien so gegen die Tatsachen immunisiert hat, daß ihre Brauchbarkeit zu einem Geheimnis derjenigen wird, die über das entsprechende Ahnungsvermögen verfügen; vgl. meinen Beitrag: Social Science and Moral Philosophy, in: The Critical Approach to Science an Philosophy. Essays in Honor of Karl Popper, hg. von MARIO BUNGE, Glencoe 1964. G. C. ARCHIBALD hat mit Recht darauf hingewiesen, daß dieses Gebäude unschwer neutralisiert werdek kann, siehe seinen Aufsatz: Welfare Economics, Ethics and Essentialism,  Economica,  XXVI, 1959, Seite 104. Er hat außerdem darauf aufmerksam gemacht, daß wohlfahrtsökonomische Aussagen üblicherweise nicht so formuliert werden, daß sie empirisch prüfbar sind, daß es aber möglich ist, sie entsprechend zu reformulieren. Vermutlich entspricht eine solche Verfahrensweise aber nicht den Intentionen der meisten Vertreter dieser Disziplin.
    41) Darauf scheint z. B. ANDREAS G. PAPANDREOU in seinem Buch "Economics as a Science", Chicago/Philadelphia/New York 1958, abzuzielen (siehe besonders das 6. Kap. "Models vs. Theories"), wenn er darauf hinweist, daß in der ökonomischen Theoriebildung vielfach der soziale Raum nicht spezifiziert wird, für den die betreffenden Modelle gelten. Ich habe nicht den Eindruck, daß die Kritik von K. KLAPPHOLZ und J. AGASSI in: "Methodological Prescriptions in Economics",  Economia,  Bd. XXVI, 1959, Seite 69f., dem Buch von PAPADREOU ganz gerecht wird, ebensowenig wie den Büchern anderer von ihnen behandelter Autoren. Man braucht sich nur ökonomische Lehrbücher anzusehen, um zu sehen, daß der soziale Anwendungsbereich vieler Modelle offensichtlich nicht identifizierbar ist, höchstens mit Hilfe von Unterstellungen, die der Autor vermutlich zurückweisen würde, weil er gar keine Hypothesen aufstellen wollte.
    42) In meinem oben angeführten Diskussionsbeitrag "Der logische Charakter der theoretischen Nationalökonomie" bin ich näher auf einige andere für den Modell-Platonismus charakteristische Praktiken eingegangen, auf deren Analyse ich daher hier verzichten möchte.
    43) Diesen Hinweis, vor allem auf EULENBURGs Arbeiten, verdanke ich Herrn REGINALD HANSEN. - Für eine Kritik an der österreichischen Richtung siehe besonders auch das oben erwähnte Buch von TERENCE WILMOT HUTCHINSO.
    44) Ich kann in diesem Zusammenhang auf Einzelheiten der geisteswissenschaftlichen Methodologie nicht eingehen. Vgl. dazu meinen Beitrag: Probleme der Wissenschaftslehre in der Sozialforschung, in:  Handbuch der empirischen Sozialforschung,  hrsg. von RENÉ KÖNIG, Bd. 1, Stuttgart 1962, und die dort angegebene Literatur, vor allem: KARL R. POPPER: The Poverty of Historicism, London 1957, und QUENTIN GIBSON: The Logic of Social Enquiry, London 1960, außerdem neuerdings ERNEST NAGEL: The Structure of Science, London 1961. Für eine Kritik an geisteswissenschaftlich orientierten Nationalökonomen vgl. auch meinen Aufsatz: "Der moderne Methodenstreit und die Grenzen des Methodenpluralismus", Jahrbuch für Sozialwissenschaft, Bd. 13, 1962.
    45) Der Begriffsrealismus oder Essentialismus hat, worauf vor allem POPPER hingewiesen hat, nach seiner Beseitigung im naturwissenschaftlichen Denken außer in bestimmten Richtungen der Philosophie sei Asyl vor allem in den Sozialwissenschaften gefunden. Er ist hier besonders da zu finden, wo sich die phänomenologisch-hermeneutischen Strömungen der Philosophie ausgewirkt haben: bei den geisteswissenschaftlichen orientierten Sozialwissenschaftlern. es muß allerdings betont werden, daß es eine Anzahl von Ausnahmen gibt, zu denen z. B. MAX WEBER gehört. Erst seit den zwanziger Jahren scheint sich besonders der "materiale Apriorismus" der phänomenologischen Komponente dieser Strömungen in Richtung auf eine Verstärkung essentialistischer Tendenzen ausgewirkt zu haben. Zur Kritik des Begriffsrealismus siehe: GERHARD WEISSER, Artikel  Wirtschaft,  a. a. O. - Natürlich besteht kein eindeutiger Zusammenhang zwischen der Verwendung des Wortes "Wesen" und dem Essentialismus als methodologischer Konzeption.
    46) Siehe dazu meinen o. a. Aufsatz: "Nationalökonomie als Soziologie". - Ein solcher Anspruch ist natürlich immer aufrechtzuerhalten, wenn man sich vor gewissen "Kosten" nicht scheut, z. B. wenn man bereit ist, die Theorie zu tautologisieren oder zu historisieren, d. h. informativen Gehalt zu opfern. Es empfiehlt sich allerdings, die Konsequenzen eines solchen Verfahrens zu bedenken.
    47) Ich habe versucht, die Eigenart der ökonomischen Perspektive, die für das neoklassische Denken charakteristisch ist, in meinem Aufsatz: "Die Problematik der ökonomischen Perspektive" (Zeitschrift für die gesamte Staatswissenschaft, Bd. 117, 1961, Seite 438f) herauszuarbeiten. Diese Perspektive führt zu einer weitgehenden Abstraktion vom Sozialen und zum Versuch, die Geld- und Güterströme nach Möglichkeit zu isolieren. Aber diese Isolierung kann natürlich niemals vollkommen sein. Zumindest implizit spielen überall die Handlungen der Mitglieder der betreffenden sozialen Gebilde eine ausschlaggebende Rolle. Schon der Begriffsapparat der Mikroökonomik ist letzten Endes daraufhin angelegt, wie die logische Analyse zeigt. Vgl. dazu z. B. JÜRGEN von KEMPSKI, "Handlung, Maxime und Situation. Zur logischen Analyse der mathematischen Wirtschaftstheorie",  Studium Generale,  Bd. 7, 1954, Seite 60f;
    48) Für die grundsätzliche Orientierung mit Bezug auf ökonomisches Verhalten vgl. z. B.: TALCOTT PARSONS, The Motivation of Economic Activities, in: TALCOTT PARSONS:  Essays in Sociological Theory,  Rev. Edition, Glencoe 1954, Seite 51f.
    49) Für die Problematik des Anspruchsniveaus siehe vor allem die zusammenfassende Arbeit von KURT LEWIN, TAMARA DEMBO, LEON FESTINGER, PAULINE SNEDDEN SEARS, Level of Aspiration, in:  Personality and the Behavior Disorders,  hg. von J. McV. HUNT, New York 1944; spätere Forschungen pflegen darauf Bezug zu nehmen. Zur Problematik der Bezugsgruppen vgl.: ROBERT K. MERTON (with ALICE S. ROSSI), Contributions to the Theory of Reference Group Behavior, sowie derselbe, Continuities in the Theory of Reference Groups and Social Structure, beides in: MERTON,  Social Theory and Social Structure,  Glencoe, Illinois, 1957. Für die Frage der Motivation vgl. z. B.:  Motives in Fantasy, Action and Society,  hg. von JOHN W. ATKINSON, Princeton/New York/London-Toronto 1958.
    50) Es gibt im Gegenteil schon eine ganze Reihe von Untersuchungen, die sie auf ökonomische Probleme anwenden; vgl. z. B. das auf eine MAX WEBERsche Problemstellung zurückgehende Buch von DAVID C. McClelland,  The Achieving Society,  Princeton/New York/London-Toronto 1961, in dem Zusammenhänge zwischen Motivstruktur und ökonomischer Entwicklung gesucht werden; weiter GEORGE KATONAs Buch, das seit einiger Zeit in deutscher Übersetzung vorliegt,  Das Verhalten der Verbraucher und Unternehmer,  hg. von ERIK BOETTCHER, Tübingen 1960; JAMES S. DUESENBERRY,  Income, Saving and the Theory of Consumer Behavior,  Cambridge/Massachusetts, 1949; C. ADDISON HICKMAN, Manford H. KUHN,  Individuals, Groups, and Economic Behavior,  New York 1956; viele wertvolle Hinweise enthält das Buch von ROBERT A. DAHL, MASON HAIRE und PAUL F. LAZARSFELD,  Social Science Research on Business.  Product and Potential, New York 1959; für eine Anwendung der Konzeption des Anspruchsniveaus vgl. neuerdings: RICHARD S. WECKSTEIN,  Welfare Criteria and Changing Tastes,  American Economic Review, Vol. LII, 1962, Seite 133f.
    51) Auf die Notwendigkeit, solche außerökonomischen Faktoren zu berücksichtigen, hat GERHARD WEISSER schon öfters hingewiesen; vgl. dazu sein Buch  Form und Wesen der Einzelwirtschaften. Theorie und Politik ihrer Stile,  Bd. 1, zweite Auflage Göttingen 1949; sowie seinen o. a. Artikel:  Wirtschaft;  siehe auch die Arbeiten GUNNAR MYRDALs, vor allem das 8. Kapitel seines Buches  Das politische Element in der nationalökonomischen Doktrinbildung Berlin 1932.
    52) Auf das Problem der Quasi-Invarianzen bin ich näher in meinem Artikel: "Theorie und Prognose in den Sozialwissenschaften" (Schweizerische Zeitschrift für Volkswirtschaft und Statistik, Bd. 93, 1957, Seite 60f) eingegangen, sowie in dem o. a. Aufsatz, in  Kyklos,  1960.
    53) Darin kann man also den Vertretern der "geisteswissenschaftlichen" Nationalökonomie ohne weiteres zustimmen, wenn auch nur deshalb, weil sie offenbar mit einem Stilbegriff operieren, der auf die Erfassung gewisser Quasi-Invarianzen des sozialen Lebens abzielt. - Für eine interessante Analyse solcher Tatbestände siehe: GERHARD MACKENROTH,  Bevölkerungslehre. Theorie, Soziologie und Statistik der Bevölkerung,  Berlin-Göttingen-Heidelberg 1953. MACKENROTH versucht hier unter anderem, bestimmte institutionell geprägte Wirtschafts- und Bevölkerungsweisen herauszuarbeiten und die Bedingungen ihres Wandels aufzuspüren. Vgl. auch:  Trade and Market in the Early Empires. Economies in History and Theory,  hg. von KARL POLANYI, CONRAD M. ARENSBERG, HARRY W. PEARSON, ein Buch, in dem sehr eindrucksvoll gezeigt wird, daß manche Vorstellungen über die allgemeine Anwendbarkeit ökonomischer Kategorien nicht haltbar sind.
    54) WALTER EUCKEN spricht in seinem Buch:  Die Grundlagen der Nationalökonomie  (a. a. O., Seite 35f und 276f) davon, daß die Natur einen "invarianten Gesamtstil", die Wirtschaft prima facie [dem Anschein nach - wp] einen "varianten Gesamtstil" habe, daß aber die theoretische Analyse auch in diesem Bereich letzten Endes bis zu einem invarianten Gesamtstil durchstoßen kann. Damit gibt er zu erkennen, daß er die historische Resignationslösung des Problems der Theoriebildung nicht anerkennen möchte. Wenn man allerdings seine "Überwindung der großen Antinomie" von Theorie und Geschichte genauer betrachtet, besonders den dabei verwendeten sehr problematischen Theoriebegriff und seine Auffassung von der Bedeutung der sogenannten "reinen Formen" und der Methode der "pointierend hervorhebenden Abstraktion", dann bekommt man einige Zweifel an der Richtigkeit des von ihm eingeschlagenen Weges, wenn auch nich an der Brauchbarkeit seiner Zielsetzung.
    55) Vgl. dazu meinen o. a. Aufsatz: "Die Problematik der ökonomischen Perspektive." Auf die Tatsache, daß alternative Theorien zur Erklärung eines Bereiches gerade in für die Entwicklung der Wissenschaften interessanten Fällen von stark voneinander abweichenden Gesichtspunkten (in meiner Terminologie: Perspektiven) ausgehen und daher auch in der Begriffsbildung voneinander abweichen, hat kürzlich PAUL K. FEYERABEND aufmerksam gemacht, vgl. seine Abhandlung: Explanation, Reduction and Empiricism, in:  Minnesota Studies in the Philosophy of Science,  Bd. III, Scientific Explanation, Space, and Time, hg. von HERBERT FEIGL und GROVER MAXWELL, Minneapolis 1962. Er befaßt sich darin in sehr instruktiktiver Weise mit Fragen der Theoriebildung und mit der Möglichkeit der Reduktion theoretischer Systeme auf solche höheren Niveaus.
    56) Je verschiedener die Testmilieus sind, desto strenger kann die Prüfung sein. Vgl. dazu KARL POPPER,  The Logic of Scientific Discovery,  a. a. O., Kap. X, besonders Seite 269f. - Die Variation des Anwendungsbereichs ermöglicht übrigens die Eliminierung von Quasi-Invarianzen.
    57) Vgl. dazu z. B. das in Anmerkung 49 erwähnte Buch von McCLELLAND,  The Achieving Society;  außerdem: ROBERT N. BELLAH,  Tokugawa Religion.  The Values of Pre-Industrial Japan,' Glencoe 1957; EVERETT E. HAGEN, "How Economic Growth Begins. A General Theory Applied to Japan",  The Public Opinion Quarterly,  Bd. XXII, 1958, sowie das außerordentlich interessante Buch des gleichen Verfassers:  On the Theory of Social Change. How Economic Growth Begins,  Homewood 1962, außerdem das in Anmerkung 53 erwähnte Buch von POLANYI u. a. Wesentliche Fragestellungen in dieser Richtung wurden von MAX WEBER vorweggenommen. Auch seine Hypothesen scheinen sich zumindest teilweise zu bewähren.