ra-2K. MarxF. J. NeumannO. ConradH. CohnA. Lindwurm    
 
FRIEDRICH GOTTL-OTTLILIENFELD
(1823-1900)
Der Wertgedanke
- ein verhülltes Dogma der Nationalökonomie -

"Wenn in der  Wertlehre  eine gedeihliche Änderung ihres Zustandes so sicher erwartet wird, als ob dies rein nur eine Frage der Zeit wäre, so legt man sich zugleich auch über diese Erwartung nicht die mindeste Rechenschaft ab. Da wird nichts erörtert und nichts erwogen, nichts geprüft und nichts bezweifelt, es nimmt vielmehr die allgemeine Anschauung in der  Wertlehre  diese Erwartung in sich auf, ohne es sich selber auch nur bewußt zu werden. Es ist daher von der Artung eines  blinden Glaubens,  wenn die "Wertlehre", aller Erfahrung zum Trotz, ihren trostlosen Zustand als einen  vorübergehenden  ansieht. Und das ist es auch, was man seltsam finden  muß.  Tut man es nicht, nimmt man diese hoffnungsselige Erwartung unentwegt ruhig hin, als etwas, was nichts zu staunen und nichts zu denken gibt, dann trottet eben die  Wertlehre  blindlings den Weg weiter, von dem man nur weiß, daß es der alte und vielbegangene ist, von dem aber niemand weiß, ob man es auch der richtige oder ob es nicht vielleicht ein Irrweg ist, der die Forschung in der  Wertlehre  nur fortwährend im Kreis, wie man zu sagen pflegt, an der Nase herumführt und der es verschuldet, daß das Erkenntnisstreben, das sich in der  Wertlehre  zu bestätigen sucht, in eine trostlose Wirbelbewegung hineingerissen wird, die gar keinen eigentlichen Fortschritt kennt, geschweige ein gedeihliches Ende."

Für die Wissenschaft der Nationalökonomie, für ihren Zustand, ist vielleicht kein Gebiet in ihr so bezeichnend wie jenes, das man gewöhnlich die  Wertlehre  nennen hört. Für meinen Teil werde ich immer von der  sogenannten  Wertlehre sprechen. So versteht mich jedermann, und dabei wahre ich mir doch alle Freiheit künftiger Kritik. In Bezug auf dieses Gebiet gehe ich nun von der Behauptung aus, daß es seiner ganzen Art, seinem Gehaben und Gebahren nach in hohem Grade  seltsam  ist, zum Verwundern merkwürdig.

Ich weiß es wohl, im Augenblick stehe ich mit dieser Behauptung allein. Denn wer könnte mir gleich jetzt, bevor ich noch den Sachverhalt darlege, beistimmen? Doch nur jene, die in den Verhältnissen, die hier einspielen, genügend bewandert sind; also die Fachleute. Diese aber wären vorderhand die letzten, in der sogenannten Wertlehre etas besonders Seltsames zu ersehen. Und das ist auch leicht zu erklären.

Die Umstände, auf die hin die sogenannte Wertlehre seltsam erscheinen darf, sie treffen auch bei anderen, ja so ziemlich auf allen Gebieten unserer Wissenschaft zu. Sonst wäre ohnehin die "Wertlehre" nicht bezeichnend für den Zustand der Wissenschaft, die in ihr eines ihrer wichtigsten Gebiete, wenn nicht das wichtigst erblickt. In der fraglichen Hinsicht zeichnet sich die sogenannte Wertlehre nur dem Grad nach, nicht aber in der Art aus. Was ich also weiter unten in seiner Seltsamkeit zeigen werde, das ist gleichsam der Lokalton in unserer Wissenschaft. Es ist schon ganz und gar mit der Idee dieser Wissenschaft eins geworden. In der letzteren wird sich niemand heimisch fühlen, der sich nicht vorher mit diesen Dingen befreundet, an sie gewöhnt hat. Die Gewöhnung aber stumpft uns gegen das Absonderliche ab, und läßt es uns nicht mehr als solches empfinden. Schließlich wundert man sich eher darüber, daß ein anderer seltsam findet, was uns etwas längst Gewohntes ist.

Wegen ihrer Seltsamkeit werde ich mich in der Folge in scharfer Kritik gegen die "Wertlehre" wenden. Tue ich nicht damit schon ein Gleiches gegenüber anderen, verwandten Gebieten, ja gegenüber unserer Wissenschaft überhaupt? Nein und Ja. Mit Willen werde ich es nach aller Möglichkeit vermeiden, die Ergebnisse der Untersuchung über andere Gebiete hin zu verallgemeinern. Meine Kritik gilt nur dem erwähnten Gebiet, und will mit ihm allein abrechnen. Ich kann es aber nicht verhindern, daß sich die Verallgemeinerungen ganz von selber nahelegen. Gewisse Dinge, wenn sie erst einmal ausgesprochen sind, bedürfen gar nicht meiner Absicht, sie zu verallgemeinern; sie werden es selber besorgen.

Um etwas seltsam zu finden, da handelt es sich um einen Eindruck, den dieses Etwas auf uns macht. Diesen Eindruck möchte ich nun - in Bezug auf die sogenannte Wertlehre - sowohl jenen zuführen, die ihn noch nicht haben können, als jenen, die ihn nicht mehr haben.

Ich beginne mit der Annahme, daß sich ein Außenstehender über das fragliche Gebiet informieren will; zunächst nur im allgemeinen und aus zweiter Hand. Der Zufall bringt ihm da nacheinander zwei Stellen zu. Die eine, und gerade jene methodologischer Färbung, einem Intellekt entsprungen, dem eine mächtig aufgeblühte Richtung in unserer Wissenschaft ihre erkenntnistheoretische Begründung verdankt; die andere, ein knapper Bericht, von einem der gründlichsten Kenner der Literaturgeschichte dieser Gebiete herstammend:
    "Die Lehre vom Wert ist für die nationalökonomische Wissenschaft von fundamentaler Bedeutung." - Karl Knies, Die natürliche Lehre vom Wert

    "In der Lehre vom Wert - ist beinahe alles streitig, von den Benennungen angefangen." - Robert Zuckerkandel, Zur Theorie des Preises
Kann man voraussetzen, daß der Betreffende mit Gleichmut darüber hinwegliest? Wird er finden können, daß sich das besonders schön zusammenreimt?

Man wird mir vorhalten, daß ich jene beiden Stellen mit offener Tendendenz gegeneinander setze. Gewiß; aber in ihrem Gegenüber werden sie doch um keinen Grad weniger stichhaltig, nur um viele Grade kennzeichnender! Übrigens könnte jener auch auf Stellen kommen, wo beides, sowohl die Anerkenntnis der hohen Wichtigkeit der "Wertlehre", als auch die Klage über das Übermaß an Streit und Widerspruch in ihr, gleich in einem Atem ausgesprochen wird. Ich greife nur zwei Aussprüche heraus von sehr berufenen Seiten:
    "Die Lehre vom Wert steht sozusagen im Mittelpunkt der gesamten ökonomischen Doktrin. Fast alle wichtigen und schwierigen Probleme, zumal die großen Fragen der Einkommensverteilung, der Grundrente, des Arbeitslohns, des Kapitalzinses, greifen mit ihren Wurzeln auf sie zurück. Eine endgültige und streitlose Erledigung des Wertproblems müßte daher unsere Wissenschaft mit einem Ruck fast an allen Punkten vorwärts bringen. Dieser wohlerkannten Wichtigkeit des Stoffes entspricht die Zahl der auf seine Aufklärung gerichteten Versuche. Leider blieb bis auf die jüngste Zeit die Größe des Erfolges weit hinter der der Bemühungen zurück. Trotz unzähliger Bestrebungen war und blieb die Lehre vom Wert eine der unklarsten, verworrensten und strittigsten Partien unserer Wissenschaft. Sie ist es auch heute noch: allein - ." - von BÖHM-BAWERK, Grundzüge einer Theorie des wirtschaftlichen Güterwerts

    "Die Wertlehre ist bei dem leitenden Einfluß der Wertvorstellung auf das wirtschaftliche Tun und Lassen ganz besonders wichtig; sie ist aber wissenschaftlich noch sehr im Schwanken." - ALBERT SCHÄFFLE, Das gesellschaftliche System der menschlichen Wirtschaft
Unser Neuling muß sich da unwillkürlich das Bild eines "schwankenden Fundaments" aufdrängen; als das Bild, unter welchem er sich das Gebiet, über das er Aufklärung sucht, nach dessen Rolle in der Wissenschaft vorstellen soll. Er könnte sich wohl auch seine Gedanken machen über eine Wissenschaft, die vorderhand gleichsam auf Sand gebaut hat; aber er wird sich eher denken: Es muß wohl so sein.

Das ist es eben: Der Neuling traut sich kein Urteil und keine Einsprache zu, auch wenn er sich versucht fühlt, sich auf das Höchste zu verwundern. Dem Eingeweihten stünde wohl Urteil und Einspruch zu; aber er hat es inzwischen längst verlernt, sich zu wundern.

Vielleicht wirft der Betreffende nun auch auf ein anderes Gebiet unserer Wissenschaft einen Blick; für den Zweck eines aufklärenden Vergleichs. Da könnte er in dem ausgezeichneten Hauptwerk einer anderen "Lehre" eine ungemein bezeichnende Stelle finden:
    "Wie so vieles andere auf dem Gebiet der Kapitalstheorie ist auch der Begriff des Kapitals selber ein Zankapfel der Theoretiker geworden, und zwar in ganz außergewöhnlichem Grad. Eine schier erstaunliche Zahl abweichender Deutungen steht hier gegeneinander im Feld und hilft den Eingang zur Kapitalstheorie mit einer der verdrießlichsten Kontroversen zu verrammeln, in die unsere Wissenschaft verwickelt werden konnte. Ansich verdrießlich, mußte nämlich die Unsicherheit über den Begriff des Kapitals in dem Maße ärgerlicher Werden, je mehr das "Kapital" der modernen Wissenschaft zu denken und zu reden gibt. In der Tat, was für ein peinliches, ja fast unbegreifliches Mißgeschick, wenn einer Wissenschaft, stürmisch angegangen um die Lösung der großen Probleme, die alle Welt kennt und bespricht, und zwar unter dem Namen des Kapitals kennt und bespricht, gleichsam von einer zweiten babylonischen Sprachverwirrung befallen, sich in ein endloses Gezänk darüber verstrickt, was für ein Ding denn eigentlich mit dem Namen  Kapital  gemeint ist? Eine solche Kontroverse an einem solchen Ort ist mehr als eine bloße Verlegenheit, sie ist eine Kalamität [Schlamassel - wp]. Als solche wird sie in unserer Wissenschaft auch lebhaft empfunden. Fast Jahr für Jahr erscheinen neue Versuche, den strittigen Begriff endlich zu fixieren. Ein durchgreifender Erfolg ist ihnen bisher leider nicht beschieden gewesen. Im Gegenteil haben manche von ihnen nur dazu gedient, dem Kampfplatz noch mehr Streiter und dem Streit noch mehr Nahrung zuzuführen." - von BÖHM-BAWERK, Positive Theorie des Kapitals
Auch hier also dieselbe Klage - ja Anklage: Ein Gebiet von hoher Wichtigkeit, aber völlig in sich zerfallen und zerfahren. Es könnte sich da leicht der Gedanke eines Zusammenhangs nahelegen, zwischen der Bedeutung eines Sondergebietes unserer Wissenschaft und seinem Zustand. Freilich ein Zusammenhang befremdlicher Art; je wichtiger nämlich ein solches Gebiet, desto zerfahrener! Es ist auch klar, wie das eine mit dem anderen zusammenhängen könnte. Von den wichtigsten Gebieten einer Wissenschaft kann man nämlich voraussetzen, daß sie reger als die anderen gepflegt werden, und somit die meisten Bearbeiter finden. Es bedürfte dann nur der Eigenheit dieser Gebiete, daß alle Bearbeitung derselben in der Tatsache immer nur auf eine Mehrung der Wirrnis in ihnen hinausläuft, - und jener Zusammenhang wäre uns in seinem Gründen ebenso klar, als er seinem Tatbestand nach offen vor unseren Augen liegt.

Mit der sogenannten Wertlehre ist es nun in der Tat so bestellt. Unser Neuling würde die Vermutungen, die wir ihm begründet zudenken, verwirklicht sehen, wenn er jetzt daranginge, die Aufklärung über diese Dinge sich bei ihnen selber, also aus erster Hand zu holen.

Das fragliche Gebiet gehört unstreitig zu den vielbebautesten unserer Wissenschaft. Kaum ein namhafter Theoretiker, der sich nicht auf ihm versucht, seinen Beitrag dazu geleistet hätte. Dieser Beitrag zur "Wertlehre" will in aller Regel die Neubegründung oder den Ausbau einer sogenannten  Werttheorie  besagen. Zwischen "Wertlehre" und "Werttheorie" besteht aber nun ein eigentümliches Verhältnis. (1)

Die Rolle nämlich, welche, im allgemeinen gesprochen, die sogenante Wertlehre in unserer Wissenschaft zu spielen hat, müßte die einzelne "Werttheorie" für sich allein übernehmen und durchspielen, wenn anders sie ihren Zweck erreichen will. Die einzelne "Werttheorie" hätte also jeweils für die ganze "Wertlehre" einzutreten, und nach der Ansicht und Überzeugung ihres Schöpfers tut sie es auch. Es ist dabei gleichgültig, in welchem Grad der einzelne Theoretiker den Inhalt und die Ergebnisse der bereits vorhandenen "Werttheorien" bei der Schöpfung seiner eigenen beachtet, oder auch geradezu verwendet. Gleichgültig also, in welchem Verhältnis er einerseits Neues erbringt, andererseits aber dem Alten, der bisherigen "Wertlehre" zu Lehen steht: Liegt seine eigene "Werttheorie" erst einmal fertig vor, dann stellt sie eine in sich geschlossene Einheit dar, die nach der Ansicht ihres Schöpfers alle vorherigen "Werttheorien" entbehrlich, alle künftigen überflüssig macht; seiner subjektiven Anschauung gemäß waren die ersteren ebensoviele Umwege der Erkenntnis, während die letzteren ebensoviel Abwegen der Erkenntnis gleichkämen. Die "Wertlehre" ist somit ein aus vielen Teilen, den "Werttheorien" zusammengesetztes Ganzes, von denen schon jeder einzelne nach der Anschauung seines Schöpfers das Ganze aufwiegt.

Dem unbeteiligten Dritten aber muß die sogenannte Wertlehre als ein Ganzes erscheinen, das aus lauter Teilen besteht, die sich  inhaltlich untereinander ausschließen.  Denn unter den geschilderten Umständen liegt es in der Natur der sogenannten Werttheorie, daß jede einzelne von ihnen Geltung 
und Anerkennung anstelle aller übrigen  für sich  in Anspruch nimmt, und darauf auch in aller Zukunft auch ihren Nachfolgerinnen gegenüber nicht verzichtet. Es tritt daher in der Tat als eine unvermeidliche Wirkung ein, daß jeder solche Beitrag zur "Wertlehre" die vorhandenen Gegensätze in ihr noch mehrt, die Verwirrung steigert.

Unser Neuling hätte nun ein vortreffliches Mittel zur Hand, um sich über das Absonderliche, Eigenartige dieser Sachlage klar zu werden. Bisher hat er nur über die  Form  Einsicht erlangt, in welcher die sogenannte Wertlehre ein Gebiet in der Wissenschaft vorstellt; nicht auch über ihren  Inhalt.  Möge er doch nun in dieser Hinsicht sein Glück versuchen. Da wird er finden, daß die sogenannte Wertlehre - so lehrreich sie in einem anderen Sinne ist, das will sagen, belehrend über den Zustand unserer Wissenschaft, - im eigentlichen Sinne  gar nichts lehrt;  die "Wertlehre" als solche nämlich, als das unpersönliche Ganze. Und zwar deshalb, weil sie als dieses Ganze nur aus lauter Teilen besteht, die sich gerade inhaltlich untereinander ausschließen.

Belehrung im eigentlichen Sinne könnte also unserem Neuling nur von einer der sogenannten Werttheorien werden. Die Wahl bliebe ihm frei. Jedoch einer von ihnen müßte er zuschwören; und damit hätte er auch schon allen anderen abgeschworen! Soll er nun über diese Art, in der eine Wissenschaft seinem Erkenntnisdrang begegnet, nicht den Kopf schütteln? Vielleicht denkt er mit Bitterkeit an ein Wort, das sich nun, wider sein besseres Wollen an ihm zu verwirklichen droht:
    "Am besten ist's auch hier, wenn ihr nur Einen hört,
    Und auf des Meisters Worte schwört." - Faust (2)
Ein Zwischenwort. Welcher Fachmann würde nicht in die hellste Verlegenheit geraten, sollte er jemanden klipp und klar darüber Rede stehen, was denn eigentlich in der "Wertlehre" gesicherter Besitzstand der Wissenschaft sein soll, überhoben allem Für und Wider subjektiver Anschauung! Ich darf dabei wohl die ungezwungene Voraussetzung machen, daß jener unbequeme Fragensteller von den kritischen Bedenklichkeit frei sei, deren ich mich für meinen Teil nicht zu entschlagen weiß. Seine Frage wird also, durchaus gemäß den Anschauungen, die in unserer Wissenschaft die herkömmlichen sind, ungefähr lauten: "Was steht  über den Wert  so weit fest, daß man es für den jetzigen Stand der Wissenschaft als  objektiv gültig  ansehen dürfte?"

Jedem Außenstehenden muß diese Frage so natürlich, so berechtigt vorkommen, daß er vom Fachmann voraussetzen wird, es sei ihm ein Leichtes, darauf zu antworten. Der Fachmann selber dürfte anderer Meinung sein. Ist es nicht sehr bezeichnend, daß er sich die Antwort überhaupt erst zurechtlegen muß? Und sehr mühsam zurechtlegen! Denn erstens muß er sozusagen seiner eigenen Überzeugung Gewalt antun, wenn er jemanden "über den Wert" - wie die Frage es fordert - aufklären soll, und dabei doch nicht seine eigene "Werttheorie" entwickeln darf; das letztere würde ja offenbar dem Sinn der Frage zuwider sein. Zweitens aber könnte er für den Zweck der Antwort überhaupt nichts anderes tun, als daß er sich der verschiedenen Punkte zu entsinnen sucht, in welchen der Inhalt seiner eigenen mit dem Inhalt aller, oder doch der meisten anderen "Werttheorien" übereinstimmt. Die Antwort wird einmal schon etwas sehr Gezwungenes an sich haben; es ist nicht leicht, über etwas zu reden, soll man sich dabei von den eigenen Gedanken über dieses Etwas wegdenken. Die Antwort dürfte auch recht karg ausfallen; oder ließen sich besonders viele solcher Punkte der allgemeinen Übereinstimmung aufzählen? Die Antwort wird schließlich auch ziemlich fadenscheiniger Natur sein; denn ob jene Übereinstimmung im einzelnen Fall eine wirkliche und stichhaltige ist, das könnte doch erst eine sehr eindringliche Kritik feststellen. Näher kann ich hier darauf nicht eingehen. Es war mir nur um ein Streiflicht zu tun, und das leuchtet auch so noch hell genug.

Ich lasse jetzt alle Annahmen fallen und spreche frei zur Sache. Diese Annahmen haben mir geholfen, eine Behauptung zu rechtfertigen, die anfänglich wohl kaum viel Zustimmung gefunden hat. Jetzt wird es mir vielleicht eher zugegeben werden, daß man gewisse Dinge, Zustände nämlich der sogenannten Wertlehre, seltsam finden kann. Dinge, an denen sonst in der Wissenschaft achtlos und arglos vorübergegangen wird.

Inzwischen ist aber meine Darlegung bis zu einem Punkt gediehen, wo der Inhalt jener Behauptung geradezu die Gestalt einer gebieterischen Forderung annimmt. Von den Dingen, die sich nunmehr der Erörterung nahelegen, gilt in der Tat, daß man sie seltsam finden  muß.  Deshalb einfach, weil sonst die Möglichkeit einer dauernden Schädigung unserer Wissenschaft bestehen bliebe.

Sobald in der "Wertlehre" von ihrer Zerfahrenheit die Rede ist, geschieht es zwar meistens im Ton des Bedauerns, der Klage. Aber diese Klagen sind zu stumpf, um sehr eindringlich zu sein, um aufrüttelnd zu wirken. Die Hoffnungsseligkeit hat ihnen die Spitze abgebrochen. Denn immer klingen sie in einer Hoffnung aus, ja geradezu in der Verheißung, daß es nun sicher bald besser werden soll. So meint auch von BÖHM-BAWERK in der unmittelbaren Fortsetzung jener früher angeführten Stelle:
    "- allein wenn mich nicht alles täuscht, so ist ein endgültiger Umschwung zum Besseren nahe."
Woran knüpft sich nun diese Hoffnung? Sie knüpft sich - an eine "Werttheorie"! Das gilt von der Meinung des einzelnen Theoretikers, wie von der allgemeinen: Die Erlösung aus der chaotischen Wirrnis, in der sie schmachtet, erhofft die "Wertlehre" vom Sieg einer der vorhandenen oder erst künftigen "Werttheorien".

Vom Standpunkt des einzelnen Theoretikers ist diese Hoffnung sehr begreiflich; indem er nämlich dabei immer seine  eigene  "Werttheorie" im Auge hat. Noch ist keine "Werttheorie" aufgetreten, bei der nicht diese Hoffnung Gevatter stand. Denn wie der Schöpfer einer solchen "Werttheorie" im Grundsatz so denkt, daß sie allein die ganze "Wertlehre" aufwiegt, die vorhergegangenen unter Ihresgleichen entbehrlich, die kommenden überflüssig macht, so hofft er eben, daß es auch in der Tatsache so kommt; daß vor der eigenen die Vertreter der früheren "Werttheorien" verstummen und keine weiteren aufkommen.

Für die Allgemeinheit liegen aber die Dinge doch wesentlich anders. Der klägliche Zustand der "Wertlehre", ihre Zerfahrenheit und schwebende Unentschiedenheit wurzelt ja gerade in einem dauernden Nebeneinander dieser "Werttheorien", von denen jede einzelne  dauernd  den Anspruch auf alleinige Geltung und Anerkennung erhebt, anstelle aller übrigen und ihnen zum Trotz. Nun sollte sich dieser Zustand in der Weise beheben, daß auf einmal doch eine dieser "Werttheorien" dorten siegt, wo sie alle bisher fehlgeschlagen haben: in eben jenem Anspruch auf alleinige und damit auf allgemeine Geltung und Anerkennung. Man möchte glauben, es wäre dies nur möglich, wenn eine der "Werttheorien" zufällig allein zurückbliebe, die Vertreter der bisherigen aussterben und die künftigen gegen alle Erwartung ausbleiben. Und doch harrt, selbst in der Allgemeinheit, die "Wertlehre" immerzu dieser Botschaft des Heils.

Das allein ist recht seltsam. Es kann nur noch seltsamer erscheinen, wenn man den Widerspruch stärker hervorhebt, in welchen sich hierbei die allgemeine Anschauung in der "Wertlehre" zur Erfahrung setzt. Man kann ruhig sagen, jener unwürdige Zustand der "Wertlehre" ist nicht viel älter als die Hoffnung, daß er sich auf dem Weg beheben läßt, den man gleichsam für den natürlichen hält; durch den schließlichen Sieg einer "Werttheorie". Soviel "Werttheorien" in ihrem  unentschiedenen  Kampf gegeneinander stehen geblieben sind, soviel betrogene Hoffnungen! Es hat sich diese Hoffnung - für die subjektive Anschauung eines einzelnen Theoretikers - manchmal bis auf einen hohen Grad der Sicherheit hinaufgewagt. Lange vor unseren Tagen hat JOHN STUART MILL das stolze Wort gesprochen:
    "Glücklicherweise gibt es nichts in den Wertgesetzen, was für einen gegenwärtigen oder zukünftigen Autor zu klären wäre; die Theorie ist in dieser Sache abgeschlossen." - Prinzipien der politischen Ökonomie, Buch III, Kap. I
Nun, wenn es einer subjektiven Ansicht von solcher felsenharten Entschiedenheit widerfahren mußte, von der Nachzeit und in einer solch' krassen Weise berichtigt zu werden, wie es hier geschehen ist, was haben da die Aussichten einer zitternden Hoffnung zu besagen, die sich in der gleichen Richtung bewegt!

Es hat dieser Hoffnung auch nie gefruchtet, wenn der Schöpfer einer neuen "Werttheorie" im besonderen die Absicht verfolgt hatte, und seiner subjektiven Überzeugung nach wohl auch verwirklicht, - zwischen vorhandenen Gegensätzen zu vermitteln, auf dem Weg des Ausgleichs also der guten Sache einer Einigung in der "Wertlehre" zu dienen. Denn es sind diese Absichten regelmäßig verkannt, jene Hoffnung ist also auch so immer wieder getäuscht worden. Mit jedem Versuch, ihm zu steuern, ist das Übel nur noch gewachsen. Es war der Optimismus eines BASTIAT danach angetan, seine "Werttheorie" mit den hoffnungsseligen Worten zu empfehlen:
    "Ainsi les èconomistes de toutes nuances devront se
    tenir pour satisfaits." - BASTIAT, Harmonies économiques
    [Und so können die Ökonomen aller Schattierungen zufrieden sein. - wp]
Den Gefallen haben sie ihm nicht getan. Die einzige "Harmonie", die auch dieser Friedensstifter unter den Streitenden hervorgebracht, war die, daß sie sich einen Augenblick alle vereinten, über  ihn  herzufallen.

Wenn aber in der "Wertlehre" eine gedeihliche Änderung ihres Zustandes so sicher erwartet wird, als ob dies rein nur eine Frage der Zeit wäre, so legt man sich zugleich auch über diese Erwartung nicht die mindeste Rechenschaft ab. Da wird nichts erörtert und nichts erwogen, nichts geprüft und nichts bezweifelt, es nimmt vielmehr die allgemeine Anschauung in der "Wertlehre" diese Erwartung in sich auf, ohne es sich selber auch nur bewußt zu werden. Es ist daher von der Artung eines  blinden Glaubens,  wenn die "Wertlehre", aller Erfahrung zum Trotz, ihren trostlosen Zustand als einen  vorübergehenden  ansieht. Und das ist es auch, was man seltsam finden  muß. 

Tut man es nicht, nimmt man diese hoffnungsselige Erwartung unentwegt ruhig hin, als etwas, was nichts zu staunen und nichts zu denken gibt, dann trottet eben die "Wertlehre" blindlings den Weg weiter, von dem man nur weiß, daß es der alte und vielbegangene ist, von dem aber niemand weiß, ob man es auch der richtige oder ob es nicht vielleicht ein Irrweg ist, der die Forschung in der "Wertlehre" nur fortwährend im Kreis, wie man zu sagen pflegt, an der Nase herumführt und der es verschuldet, daß das Erkenntnisstreben, das sich in der "Wertlehre" zu bestätigen sucht, in eine trostlose Wirbelbewegung hineingerissen wird, die gar keinen eigentlichen Fortschritt kennt, geschweige ein gedeihliches Ende.

Ganz anders aber, wenn man sich herbeiläßt, diese Dinge seltsam zu finden. Wenn also das Denken stutzig wird und innehält, um nachsinnend über diesen Dingen zu verweilen. Dann richten sich wei von selber Fragen auf, an die sonst niemand denken würde, und die trotzdem nach ihrer Antwort lechzen.

Zu einer Frage würde wohl zunächst die Anschauung umkippen, daß es eine "Werttheorie" ist, was der "Wertlehre" zum Heil gereichen soll. Aber man wird leicht gewahr, daß sich da erst eine viel weitergehende Frage vorschiebt. Die Frage, die jenen blinden Glauben gutmachen will, und lautet: Ist der Zustand der "Wertlehre", wie sie ist, ein  dauernd notwendiger,  oder  läßt er sich beheben? 

Ob er ein  dauernd  notwendiger ist. Darüber wird nämlich kein Zweifel bestehen, daß unter den gegebenen, unter den Umständen, die bisher obwalteten, der Zustand der "Wertlehre" ein notwendiger ist. Hier die Ursachen aufdecken, würde schon dem Nachweis gleichkommen, daß es sich so und nicht anders gestalten mußte. Das liegt ja im Wesen der ursächlichen Erklärung. Jedoch erklären, weshalb etwas so gekommen ist, und damit unter  einem  beweisen, daß es nur so und nicht anders kommen konnte, das heißt noch keineswegs beweisen, daß es auch in aller Zukunft so bleiben muß. In dieser Hinsicht ist der Beweis oder auch der Gegenbeweis erst noch zu erbringen. Und gerade dahin richtet sich die Spitze unserer Frage.

Diese Frage berührt es daher auch gar nicht, wenn hier und da versucht wurde, den Zustand der "Wertlehre" ursächlich zu erklären. Mittelbar hat dies ACHILLE LORIA getan ("La teoria des valore", siehe darüber das Referat von DIETZEL, Zeitschrift für die gesamte Staatswissenschaft, 1883), indem er der geschichtlichen Entwicklung der "Wertlehre" erklärend folgt. Er übertreibt jedoch die richtige Anschauung, daß alle Erkenntnis unter der Bedungenschaft von Zeit und Ort steht, wenn er im Geist seiner Erklärung in der "Wertlehre", wie sie ist, nur eine Betätigung des Satzes erblickt: "Jeder historischen Epoche entspricht mit Notwendigkeit eine ganz bestimmte Werttheorie" (Seite 65). Sicher wird niemand bestreiten wollen, daß viel Gegensatz der Meinungen, viel Verschiedenheit der Ansichten innerhalb der sogenannten Wertlehre sich aus dem Wechsel der zeitlich-örtlichen Bedingungen herleitet, unter denen die einzelnen "Beiträge" erfolgen. Aber wohin mit den Widersprüchen, - um nur dies zu erwähnen, - die zwischen den "Werttheorien" selbst von Zeit- und Volksgenossen sehr oft in der auffälligsten Weise klaffen? Sie müßten unter jenem Gesichtspunkt unerklärt bleiben. Im Sinne LORIAs läßt sich über den Zustand der "Wertlehre" keineswegs das letzte Wort sprechen.

Einen unmittelbaren und dabei einen überraschend tiefen Einblick in die fraglichen Verhältnisse hat FRIEDRICH JULIUS NEUMANN durch seine wiederholten Untersuchungen eröffnet, deren Ergebnisse besonders klar in seinen "Grundlagen der Volkswirtschaftslehre" (Tübingen 1889) dargelegt sind. (3)

Nur spricht NEUMANN nicht ausdrücklich von der "Wertlehre", sondern im allgemeinen Bezug auf verwandte Gebiete. Auf seine Ansichten werde ich erst in späterer Folge zurückkommen; übrigens hört auch die vorliegende Untersuchung nicht auf, in einem stillen Bezug zu jenen gehaltvollen Ausführungen NEUMANNs zu bleiben. NEUMANN streift geradezu den Kern unserer Frage selber, wenn er die Erkenntnis aus solchen Gebieten, wie es die "Wertlehre" ist, von der Gefahr einer  "dauernden  Unsicherheit" bedroht sieht, und dies auch begründet (a. a. O., Seite 1) (4).

Allein, er nimmt doch keinen rechten Anstoß daran. Er beruhigt sich förmlich über diese merkwürdigen Dinge, indem er ihre Erklärung versucht. So kommt es, daß er im eigentlichen Sinn unsere Frage gar nicht aufwirft, gar nicht daran denkt, sie aufzuwerfen; obwohl man sagen könnte, daß er sie im uneigentlichen Sinn beantwortet, indem er jene "Gefahr" begründet. Es reichen deshalb selbst diese Ausführungen NEUMANNs nicht wesentlich über den Punkt hinaus, bei welchem die folgende Untersuchung überhaupt erst einsetzen wird.

Sehr bezeichnend ist in dieser Hinsicht die Tragweite, die NEUMANN seinen Erwägungen zugesteht. Die Folgerungen, die er aus seiner Einsicht in das, was da ist, auf jenes zieht, was da sein soll, erscheinen zwar durchaus originell. Insbesondere seine eigenartige Meinung darüber, wie sich die Forschung auf solchen Gebieten das "Interesse der Wissenschaft" zur Richtschnur nehmen soll. Aber trotzdem bewegen sich diese Folgerungen durchaus im Rahmen der herkömmlichen Anschauungen. Beweis dessen, daß sich in ihrem Geist die "Wertlehre" auch in der Zukunft nach "Werttheorien" weiterentwickeln würde, wenn auch die letzteren unter neuen Gesichtspunkten erstehen müßten.

Tatsächlich sind auch "Werttheorien" aufgetreten, für die NEUMANN Schule gemacht hat. Ich erinnere an JULIUS WOLFF (Zur Lehre vom Wert, Tübinger Zeitschrift 1886). Im besonderen aber hat ein jüngerer Forscher, OTTO GERLACH, die Anschauungen, die von NEUMANN mehr im allgemeinen entwickelt wurden, auf dem Gebiet der "Wertlehre" zu verwirklichen gesucht. Seine ungemein scharfsinnige Schrift "Über die Bedingungen wirtschaftlicher Tätigkeit" (in den "Staatswissenschaftlichen Studien" herausgegeben von ELSTER, Jena 1890) erschöpft sich im Ganzen darin, nach den Ideen NEUMANNs einer selbständigen "Werttheorie" vorzuarbeiten. GERLACH führt diese "Vorarbeit" in einem sehr freien Geist durch, und einem überraschenden Abschluß zu. Darin klingt sie nämlich aus, daß sie die Aufgabe, die ihr gestellt war, nach einer scharfen Kritik so gut wie zurückweist!

Wer die Art und Weise wohl beachtet, in der GERLACH die Ideen NEUMANNs bestätigt, der muß ihm die Anerkennung zollen, er habe als Erster die "Wertlehre" von einer höheren Warte aus betrachtet, als von der Zinne einer bestimmten, eigenen oder angeeigneten "Werttheorie". Es führt sich auf diese Art und Weise, die Dinge zu beschauen, zurück, wenn ich die Arbeit GERLACHs als diejenige bezeichnen darf, welcher die folgende Untersuchung in ihrer Eigenart noch am nächsten kommen wird. Trotzdem gibt sich aber zwischen beiden ein tiefer Gegensatz kund.

Die Absicht, für die Begründung einer neuen "Werttheorie" die Bahn zu ebnen, liegt mir nämlich gänzlich fern. Deshalb schlage ich auch mit der folgenden Untersuchung ganz andere Wege ein. Wegweiser ist da die Frage, die uns von den Seltsamkeiten auf dem Gebiet der sogenannten Wertlehre abgenötigt wurde; die Frage, ob der "Wertlehre" befremdlicher Zustand Aussicht auf Besserung darbietet oder im Wesen unbehebbar ist.

Der Aufwurf dieser Frage erweist nämliche eine hohe grundsätzliche Bedeutung. Es ist da gleichsam eine Grenze überschritten worden. Jenseits dieser Grenze hört die "Wertlehre" auf, schlecht und recht das Gebiet zu sein, auf dem in immer erneuerter Bemühung Erkenntnis zu erbringen ist, in ein und derselben Richtung, die längst vorgezeichnet erscheint durch die Arbeiten der Vorgänger; hört sie auf, das Gebiet zu sein, für das ununterbrochen in derselben Art und guten Absicht und mit demselben fraglichen Erfolg Beitrag um Beitrag geleistet wird, ohne daß man sich hierbei über sie selber, die "Wertlehre", allzuviel Gedanken machen würde. Jenseits dieser Grenze handelt es sich eben um nichts weniger als um die Begründung einer neuen, oder den Ausbau einer alten "Werttheorie". Denn nicht die Erkenntnis, die sonst  aus der "Wertlehre" heraus  erwartet wird, steht jetzt das Ziel, sondern die Erkenntnis  über  diese sogenannte Wertlehre.

Hinter jener Grenze betrachten wir also die "Wertlehre" um ihrer selbst willen; als ein Gebiet nationalökonomischer Forschung, von dessen Leistungen es für einen guten Teil abhängig ist, ob unsere Wissenschaft ihren Erkenntniszweck erfüllt. Hier tritt der Fall ein, daß die Forschung gezwungen wird, bei sich selber Einkehr zu halten. Es gilt, dem Forschen, wie es auf diesem Gebiet geübt wird, nachzuforschen, das Denken, das hier an der Arbeit ist, für sich zu überdenken und darin bis zu gewissen Ruhepunkten auszudenken.

Soll es daher in eins gefaßt werden, was jenseits der Grenze liegt, die mit der Stellung jener Frage schon für überschritten gilt, so läßt sich hierfür das Streben namhaft machen, das auch in der letzteren Frage rege ist:  Das Streben nach der Selbstbesinnung  des Forschens auf dem Gebiet der sogenannten Wertlehre!

Mit der Erfüllung dieses Strebens wird es sich dann auch zeigen, ob jenes Forschen, wenn erst sein wahrer Inhalt erkannt ist, auch künftighin in der Form von einander gegensätzlich ausschließenden "Werttheorien" erscheinen muß. Dahinaus liegen sogar die letzten und höchsten Ziele der Selbstbesinnung. Es genügt nicht, ein trockenes Ja oder ein dürres Nein auf die Frage zu erhalten, ob jene Forschung auf ewig dazu verdammt ist, sich von "Werttheorie" zu "Werttheorie" in unfruchtbaren Widersprüchen hinzuschleppen. Der Wissenschaft muß es vielmehr darum zu tun sein, für die Forschung, die sich innerhalb der sogenannten Wertlehre betätigt, das zu finden, was KANT den  "königlichen Weg"  nennt. Der Weg, auf dem diese Forschung dann ohn Rücklauf und Abschweifung stetig vorwärts schreiten könnte, mit keinem anderen Wechsel und keinen anderen Gegensätzen in ihren Ergebnissen als jenen, die aller Erkenntnis Bedungenschaft durch Zeit und Ort entspringen.

Nach diesem fernen, aber klar erschauten Ziel hin einen ersten Schritt zu tun, der ansich geringfügig scheinen mag, dem jedoch höhere Bedeutung von der Nachfolge her überkommt, die erst durch ihn ermöglicht wird, das macht den Gehalt der vorliegenden Untersuchung aus. (5)
LITERATUR Friedrich Gottl-Ottlilienfeld, Der Wertgedanke, Staatswissenschaftliche Studien, Bd. 6, Jena 1897
    Anmerkungen
    1) An den Namen hängt hier nichts. Es kommt nur auf den sachlichen Gegensatz an, zwischen einem Ganzen, und dem einzelnen Teil unter den vielen Teilen dieses Ganzen. Das Ganze ist unpersönlich wie die Wissenschaft selber, jeder Teil aber der persönliche Beitrag eines bestimmten Theoretikers zu jenem Ganzen. Man spricht zwar auch diesen Teilen gegenüber von "Wertlehren", so z. B. GERLACH, oder dem Ganzen gegenüber von der "Werttheorie", oder "Wertdoktrin", wie es z. B. von WIESER tut. Ich folge aber dem häufigsten Sprachgebrauch, wenn mir das unpersönliche Ganze, der Inbegriff, als die sogenannte Wertlehre gilt, einer jener Teile persönlichen Charakters aber ein Mit-Inbegriffenes also, als sogenannte Werttheorie.
    2) In der Wirklichkeit bleibt dem Jünger der Wissenschaft die Qual jener Wahl in der Regel erspart. Er fällt wohl dem ersten Lehrbuch, das er liest oder dem ersten Kollegium, das er hört, zur Beute. Er hat sich mit der "Wertlehre" inhaltlich längst abgefunden, ehe ihm die Möglichkeit jener Wahl recht zum Bewußtsein kommen konnte.
    3) Auch in SCHÖNBERGs  Handbuch,  Abh. IV, "Wirtschaftliche Grundbegriffe". Frühere Aufsätze: "Zur Revision der Grundbegriffe", Tübinger Zeitschrift für die gesamte Staatswissenschaft, Bd. 25 und 28, "Über die Gestaltung des Preises", ebd. Seite 36
    4) Es fällt dabei sehr ins Gewicht, daß sich NEUMANN dem trostlosen Zustand gerade der "Wertlehre" keineswegs verschließt und sein Urteil darüber schlagend in das eine Wort kleidet: Ein Chaos!
    5) Für die Auferweckung jenes Strebens, nach der Selbstbesinnung des Forschens auf dem Gebiet der sogenannten Wertlehre, dafür können übrigens leicht auch andere Anlässe tätig sein, die freilich von einer so internen Natur sind, daß sie sich der allgemeinen Besprechung eigentlich entziehen. Es handelt sich da um gewisse Erfahrungen, die vielleicht niemandem erspart bleiben, der im alten Sinne seinen Beitrag zur "Wertlehre" leisten wollte; keinem Werttheoretiker also. Was aber zu erfahren ist, das sind Zustände intellektueller Beklemmung, und ein unbestimmter Drang, sich ihnen zu entwinden. Dieser Drang kann sich nämlich zu einem Streben nach Selbstbesinnung abklären. Freilich tritt dies nur dann ein, sobald man sich über diese Dinge genügend Rechenschaft ablegt. - - - Von diesen Anlässen interner Natur kann ich aus eigener Erfahrung sprechen. Es dünkt mir überhaupt dem Verständnis dieser Arbeit in mancherlei Hinsicht förderlich, wenn ich auch den  tatsächlichen  Werdegang derselben in seinen Ursprüngen flüchtig beleuchte. - - - An ihrer Wurzel war eben auch eine "Werttheorie gestanden; ein "Beitrag zur Wertlehre" im hergebrachten Sinn. Was mich dieser "Werttheorie" in der Folge abwendig gemacht hat, war ebensowenig ein Erkennen ihrer Irrigkeit schlechthin, als meine Bekehrung zu einer fremden "Werttheorie". Ich kann es hier noch nicht darlegen, weshalb das eine wie das andere förmlich von Haus aus sich als unmöglich erweist, oder doch höchst unwahrscheinlich ausnimmt. - - - Es ist vielmehr ein Stadium vorangegangen, bei dem ich noch als Verteidiger einer eigenen, eben jener totgeborenen "Werttheorie", - bei Gelegenheit der Bemühungen nämlich, ihre polemische Vertretung gegenüber den vorhandenen "Werttheorien" zu instruieren, - zu der nach und nach hervorbrechenden Erkenntnis kam, daß die Wertforschung nicht genügend über sich selber, ihr Weshalb und Wohin im klaren ist. - - - Je inständiger ich mich nämlich darum bemühte, desto weniger konnte ich mich selber davon überzeugt machen, daß ich dort, wo ich in Vertretung der eigenen den fremden "Werttheorien"  widersprechen muß,  sie auch  widerlegen kann.  Bei genauerem und kühlerem Besehen fielen mir alle in dieser Hinsicht mühsam ausgetüftelten Konstruktionen immer wieder - gleich Seifenblasen zu einem Tropfen - zu dem Satz zusammen: Hier ist meine Meinung! - Da ist deine Meinung! - - - Schon damals bin ich daraufhin angeregt worden, das Studium der Wertlehre, nun von einem freieren Standpunkt aus, von neuem aufzunehmen. Was ich hierbei besonders in ihren polemischen Bestandteilen gefunden habe, war zusammen die vollkommenste Bestätigung jener Erfahrungen in eigener Sache. - - - Den Widerspruch herauszufühlen, zwischen dem Widersprechen-Müssen und Nicht-Widerlegen-Können; das Unvermögen zu empfinden, von dem, was man gerade im Gegensatz zur fremden "Werttheorie" für wahr hält, mit zureichenden Gründen sagen zu können,  warum  man es für wahr halten darf; und von da heraus dem Drang zu verfallen, nach einem  objektiven Kriterium  der Entscheidung - zu was anderem konnten sich diese Gedankenwirbel abklären, als zu dem Streben nach einer  Selbstbesinnung  der in ihren alten Geleisen verfahrenen Forschung! - - - Hier war der Wendepunkt; auf dem Weg, den von da ab meine Untersuchungen nehmen mußten, waren die Ergebnisse aufzulesen, in deren Darlegung ich mit der vorliegenden Studie den Anfang mache. - - - Man sieht, ich habe mir die Aufgabe, an deren Lösung ich mich heranwage, nicht in Vorwitz und Anmaßung willkürlich gestellt; sie ist mir vielmehr aus der allmählichen Gestaltung der Dinge heraus  nach und nach zwingend erwachsen.  Meiner Stellungnahme gegenüber der "Wertlehre" benimmt aber wohl der Umstand viel von ihrer Schärfe und zerstreut den Schein einer Selbstüberhebung, der wohl zu beachtende Umstand, daß ich all die Fehler und Sünden, denen die Forschung auf diesem Gebiet verfällt, gleichsam am eigenen Leib erfahren habe, diese Untersuchungen mithin nur  einer  Selbstberichtigung gleichkommen, zu der ich mich nach und nach durchgerungen habe. - - - Und jene "Werttheorie"? Wenn ich über ihr seltsames Geschick berichten soll, muß ich hier schon eingestehen, daß meine Kritik schließlich zu einer sehr umstürzenden ausgewachsen ist. Die Sturmflut des Zweifels, die dann entfesselt war, hat mir diese "Werttheorie" aus meinen Anschauungen wie spurlos weggeschwemmt. Mußte ich zuerst, in den Anfängen meiner kritischen Studien, noch in Willkür sie zu behandeln suchen, als ob sie mir objektiv gegenüberstünde, so war sie, späterhin, langsam und ganz von selber mir  wirklich  objektiv geworden. So, als hätte ein anderer dort geirrt, wo ich vorher doch mein eigenes Erkennen für die Wahrheit verpfändet glaubte.