ra-2Böhm-BawerkF. J. NeumannJ. WolfR. LiefmannO. Michaelis    
 
OTTO GERLACH
Über die Bedingungen
wirtschaftlicher Tätigkeit

[1/2]

"Lotz  führt sein Abirren bei der Bestimmung  des Wertes  auf die subjektive Wertlehre zu nichts Geringerem als dazu, die Möglichkeit der Staatswirtschaftslehre als  Wissenschaft  in Frage zu stellen: denn wenn sie die Einflüsse auf die Bewegung des Wertes darlegen soll, so kann sie dies doch nur, wenn das Kriterium des Wertes irgendwie objektiv bestimmbar und nicht nur in subjektiver Schätzung gegründet, also zufällig ist."

"Ausgehend vom eudämonistischen Dogma, daß der Zweck aller freien Tätigkeit die Möglichkeit und Annehmlichkeit des Lebens ist, postuliert  Fichte  für die Güterverteilung Regeln, bei deren Beobachtung die  Möglichkeit  des Lebens aller Staatsangehörigen gegeben ist, und bei welcher die Annehmlichkeiten verhältnismäßig unter alle gleich verteilt sind. In der Absicht, eine solche Verteilung der Güter zu ermöglichen, ist ihr  Wert  obrigkeitlich festzustellen."

Einleitung

§ 1.

Seitdem TURGOT und ADAM SMITH durch ihre berühmten Schriften die  Erkenntnis der wirtschaftlichen Verhältnisse  zu einem  System  und somit zu einer  Wissenschaft  erhoben haben, hat das  Wertproblem  im Vordergrund der Diskussion gestanden. Wohl über keinen Gegenstand der Nationalökonomie ist die Literatur eine so ausgedehnte, sind die Ansichten so verschiedene, wie über den Wert. Aber von keiner jener Untersuchungen kann gesagt werden, daß sie grundsätzlich die Herrschaft erlangt hat; in einem unentschiedenen Streit stehen sie einander gegenüber, und es verbleibt für jeden, der über diesen grundlegenden und wissenschaftlich noch immer problematischen Begriff der Volkswirtschaftslehre zur Klarheit gelangen will, vor allem die Aufgabe: in einer notgedrungenen Auseinandersetzung mit den Vorgängern zuzusehen, wie sich deren zum Teil so scharfsinnige Untersuchungen in förderlicher Weise verwenden lassen.

Dabei erscheint es nicht ratsam,  literaturgeschichtlich  zu verfahren: das hieße nichts weniger, als eine Geschichte der  theoretischen Nationalökonomie  schreiben; sondern es dürfte sich empfehlen, das  systematisch Gemeinsame in einer kritischen Fragestellung  hervorzuheben und  an diese Frage erst  die  einzelnen  Untersuchungen heranzubringen. Ich werfe die Frage auf:
    Welchen Dienst hat die Wertlehre, haben die verschiedenen Wertlehren der Nationalökonomie als Wissenschaft leisten "sollen"? 
Die Beantwortung muß sich aus der Literatru des verflossenen Jahrhunderts geben lassen. Ist sie geleistet, hat man die verschiedenen  Aufgaben  erkannt, welche der Wertlehre für unsere Wissenschaft gestellt worden sind, so kann man diesen selbst näher treten und, gestützt auf  Erkenntniskritik,  entscheiden:
    welche Dienste die Wertlehre der Nationalökonomie als Wissenschaft leisten "kann", welche dagegen als unmöglich abzuweisen sind. 
Der hier vorgeschlagene Weg (1) dürfte nicht nur den Vorteil bieten, daß viel unnütze Mühe, welche ohne eine derartige Vorprüfung auf die Lösung  unmöglicher  Probleme verwendet wird, erspart und daß einer Vermischung fundamental verschiedener Elemente vorgebeugt wird; sondern er muß auch für die Zuspitzung des Begriffs  "Wert"  selbst die beste Vorbereitung sein und dazu Anleitung geben: ist erst festgestellt, was der Begriff  Wert  in der Nationalökonomie  leisten soll  und  kann,  dann muß es auch möglich sein, den  Wert zu bestimmen  und  wissenschaftlich zu objektivieren. (2)

Die hier in Betracht kommenden Erörterungen, in denen eine Antwort auf die erste unserer obigen Fragen enthalten ist, lassen sich vornehmlich in  vier  Gruppen abteilen.

Es ist heute unsere Absicht, über die drei ersten derselben nur in Kürze zu berichten, die vierte dagegen einer eingehenden kritische Beurteilung zu unterziehen. Dies dürfte seine Rechtfertigung darin finden, daß gerade diese eine Aufgabe in den letzten Jahrzehnten von großen Kreisen volkswirtschaftlicher Forscher in den Vordergrund gerückt und vornehmlich KARL MENGER und der österreichischen Schule zum Gegenstand der eingehendsten Erörterungen gemacht worden ist.

1. Als  erstes  haben wir zu vermerken: der Wert soll der Gesichtspunkt sein, unter welchem in der Nationalökonomie die Erscheinungen des Lebens aufzufassen und festzustelen sind, um sie sodann in eine kausale Verknüpfung zu bringen; der Wert soll also der Nationalökonomie ihre Aufgabe stellen, ihr Gebiet bezeichnen und begrenzen.

Greifen wir irgendein Phänomen heraus, etwa die  Produktion Dieselbe läßt sich unter den verschiedensten Gesichtspunkten zum Gegenstand einer wissenschaftlichen Betrachtung machen: fragt man nach den bei ihr ins Spiel kommenden Naturkräften, so fällt sie unter die  Naturerkenntnis;  sucht man nach den Mitteln, in ihr einen verlangten Gegenstand möglichst vollkommen herzustellen, so werden diese Betrachtungen der  Technologie  angehören; untersucht man die Regelung der äußeren Verhältnisse der bei ihr beteiligten Personen, so befindet man sich auf dem Boden der  Jurisprudenz;  will man sie aber als  wirtschaftliche Erscheinung  bestimmen, so handelt es sich darum, ob durch sie Veränderungen im  Wert  der ihr unterliegenden Sachen vorgenommen werden, eventuell weiter, wie diese Veränderungen möglichst günstig ausfallen können, welche Organisation der Arbeit, welches System der Behandlung, welche technologischen Hilfsmittel die bedeutendste Wert erhöhung  versprechen.

ADAM SMITH fragt nach  Ursprung  und  Ursachen  des  Nationalreichtums.  Aber dabei ist doch zunächst der  Begriff  des Nationalreichtums vorweg festzustellen: welches ist das Kriterium dafür, daß er sich vermehrt oder vermindert, daß er in der einen Wirtschaftsperiode größer oder geringer ist als in der anderen? Bloß im  Preis  der Güter kann es nicht gefunden werden - denn dieselben Zahlen können unter veränderten Umständen, z. B. beim Steigen oder Sinken des Geldwertes, bei einer anderen Güterverteilung, etwas ganz Verschiedenes bedeuten - sondern in ihrem Wert.

Einige Beispiel aus der Literatur mögen als Beleg dafür dienen, daß die genannte Aufgabe der Wertlehre in Wirklichkeit gestellt worden ist. JEAN BAPTISTE SAY sagt:
    "Die erstere (Nationalökonomie) zeigt, wie der Reichtum entsteht, sich ausbreitet, und wie er wieder untergeht; sie zeigt die Ursachen, welche die Vermehrung des Reichtums begünstigen und dessen Verminderung herbeiführen, dessen notwendige Beziehungen auf die Bevölkerung und Macht der Staaten, auf das Glück und Unglück der Völker." (3)

    "... daß der Reichtum gar nicht in der Materie, sondern vielmehr im Wert der Materie liegt. (4)
HUFELAND erblickt den Gegenstand der Staatswirtschaft in den Gütern, das Kriterium der letzteren aber im Wert:
    "Der einzige Gegenstand der Staatswirtschaft ist ... in Gütern zu setzen." (5)

    "und (daß man) ein Gut durch alles, was einen Wert hat, erklären kann." (6)
In aller Schärfe spricht LOTZ diesen Gedanken aus:
    "Allerdings ist auch eine richtige Bestimmung des Sinnes dieses Wortes (= Gut) in der Staatswirtschaftslehre umso dringender notwendig, da außerdem eine feste und abgeschlossene Bestimmung des Wesens und des Gebietes dieses Zweiges der Wissenschaft nie gelingen kann." (7)

    "Die Begriffe von  Wert  und der Begriff von  Gut  und  Gütern  gehen auseinander wechselseitig hervor, und  Dinge von Wert  und  Güter  sind eigentlich identische Begriffe" (8)
Bei den Neueren findet sich meist von vornherein die Unterscheidung von Gebrauchswert und Tauschwert; umso bezeichnender ist es, wenn sie alsdann erklären - wie z. B. RAU -, daß als Gesichtspunkt für die Volkswirtschaft der "Verkehrswert" nicht ausreicht, sondern daß der "konkrete volkswirtschaftliche Gebrauchswert" mit in Betracht gezogen werden muß (9). Zum Schluß sei noch HERMANN angeführt, obgleich derselbe bereits in den Wertbegriff die Meßbarkeit hineinträgt, wodurch eine Komplikation mit der an vierter Stelle zu erörternden Aufgabe eintritt:
    "Sie (= die Wirtschaftslehre) faßt in der Technik wie bei der Bedürfnisbefriedigung alle Güter nur als menschliche Leistungen und Besitzstücke, als Inbegriff von Arbeit und Vermögen auf, welche sie im Gebrauchswert und Tauschwert auf Größen gleicher Einheit reduziert, um vergleichbar zu machen, was der Mensch in dieselben an eigener Aufopferung gelegt hat.  Sie beschäftigt sich mit quantitativen Wertverhältnissen, ..."  sie ist die  Größenlehre der Güter. (10)
So, sehen wir, erhebt sich der Wert an der Schwelle der Nationalökonomie in seiner vollen Bedeutung, indem er die Aufgabe und die Grenzen dieser Wissenschaft bestimmen soll. - In dieser Bedeutung kann er nur selbst ein Gesichtspunkt oder ein Urteil unter einem solchen sein.

Welches ist nun dieser Gesichtspunkt? Wie ist er zu suchen und wissenschaftlich sicher zu bestimmen? Wird er sich als ein  notwendiger  und  allgemeingültiger  herausstellen, oder kann er nur ein  relativer, von empirischen, zufälligen Bedingungen abhängiger sein? 

Auf diese selbstverständlichen Fundamentalfragen finden wir nur verhältnismäßig wenige Untersuchungen gerichtet. Anstatt solche auf den Begriff  "Wert"  im Ganzen zu lenken, hat man viele Distinktionen beliebt, von deren großer Anzahl man sich in jedem Handbuch überzeugen kann; man hat sodann bald die  Unterschiede  dieser abgeleiteten Begriffe  voneinander  aufgedeckt, bald hat man die Bedeutung der  einzelnen  für die Wirtschaftslehre geprüft; auch wollte man für einige irgendwelche  Maßstäbe  entdecken; schließlich haben sich selbständige Theorien über etliche dieser Distinktionen entwickelt. Die vornehmlichsten unter ihnen sind:  Gebrauchswert  und  Tauschwert.  Nur selten ist dagegen der Versuch gemacht worden, alle diese einzelnen Distinktionen auf ein  gemeinsames Prinzip  in  dem Wert  zurückzuführen.

Der letzteren Aufgabe haben sich vornehmlich deutsche Nationalökonomen unterzogen, und es ist hier eines Grafen SODEN, eines HUFELAND und eines LOTZ zu gedenken. Wir sehen bei HUFELAND, daß der  Wert  nur möglich ist, durch die  Vorstellung  des Menschen, daß er dadurch bedingt ist, daß Menschen sich  Zwecke  setzen und die  Gegenstände  als  Mittel  auf diese Zwecke beziehen.
    "Alle Güter sind nur Güter vermöge der Vorstellung, die Menschen  (einer oder mehrere)  sich davon machen."  (11)

    "Ohne Vorstellung eines Zwecks ist kein Gut möglich." (12)

    "Ohne Vorstellung eines Dings als eines Mittels zu einem Zweck ist kein Gut möglich." (13)
LOTZ versucht  den Wert  in seinem  "positiven Wert"  zu bestimmen, welchen er zunächst definiert als "die Tauglichkeit eines Dings als  Mittel  für menschliche Zwecke überhaupt." (14) Auch ihm beruth dann in seiner weiteren Untersuchung der Wert lediglich auf menschlichem  Urteil: 
    "Mit einem Wort,  das  Gebiet der menschlichen Güter schaffen und bestimmen nur menschliche Urteile, und auch nur sie bestimmen seinen Umfang." (15)
Im Wert eines Gutes liegt aber nicht nur jene Tauglichkeit für menschliche Zwecke überhaupt, sondern zugleich der  "Standpunkt,  den es in der Reihe der als Güter anerkannten Dinge einnehmen mag." (16)

Der Beurteilung dieses Standpunktes liegt folgende Betrachtung zugrunde:
    "Im Reich der menschlichen Güter entscheidet zuletzt und überall und zwar einzig und allein, ihr mehr oder minder günstiges Verhältnis zur Förderung menschlicher Zwecke. Je tauglicher irgendein Gut zur Förderung dieser Zwecke ist; je mehr Zwecke es gibt, welche durch den Erwerb, Besitz und Gebrauch des Gutes gefördert werden mögen; je dringender die Erstrebung dieser Zwecke für den Menschen zur Sicherung seiner Existenz und Beförderung seiner Vervollkommnung ist; je inniger, wesentlicher und natürlicher die Beziehung ist, auf welcher die zu erstrebenden Zwecke zum Wesen der Menschheit stehen: umso höher muß immer der positive Wert eines Gutes bestimmt werden." (17)
Hier sehen wir wenigstens einen Versuch, einzelne Gesichtspunkte für die Beurteilung des Wertes zu gewinnen. Neben LOTZ müssen wir an dieser Stelle BERNHARDI nennen, welcher einige neue Gesichtspunkte beibringt, indem der den Blick auf die  Gesamtheit  der Menschen lenkt und die  Aufgaben des Staates  der Nationalökonomie voransetzt.
    "So wirkt der Geist, der örtlich und in der Zeit herrscht, gestaltend auf die Güterwelt, bestimmt auch auf diese Weise das Schicksal der Nationen und macht sich in seiner weltgeschichtlichen Bedeutung geltend. Umso entschiedener, da das Nationalvermögen wie auch das Nationaleinkommen niemals aus einer gleichgültigen Summe von Werten besteht oder bestehen kann, die man nur ihrem Betrag nach zu schätzen brauchte, ohne auf ihre Natur weiter Rücksicht zu nehmen. Jenes Vermögen und Einkommen gestaltet sich vielmehr zu einem bestimmt gegliederten Ganzen, das sich gleichsam dem Bedarf, wie ihn der herrschende Geist regelt, nachentwickelt und anpaßt." (18)

    "Zwar ist es oft besprochen worden, wie sich bei steigendem Nationalreichtum und fortschreitender gesellschaftlicher Entwicklung der Kreis der Bedürfnisse erweitert; - weniger dagegen hat man erwogen, daß er sich, dem Gebot des herrschenden Geistes gemäß, nach sehr verschiedenen Richtungen hin erweitern kann. Und was uns nicht minder wichtig scheint als der Reichtum ansich,  ist  die Gliederung der Gesellschaft, die Art der Verteilung des Nationalvermögens." (19)
So weit versuchen LOTZ und BERNHARDI Gesichtspunkte für die  Beurteilung des Werts  beizubringen. Damit sind wir aber auch am Ende angelangt. BERNHARDI bietet nur die Wertlehre von LOTZ. Dieser aber - anstatt nun weiter nach dem  Gesichtspunkt  zu forschen, unter welchem das Urteil über  den Wert  der Güter gefällt wird, anstatt den festen Punkt zu suchen, auf den man sein Urteil bezieht, wenn man  volkswirtschaftlich  ein Gut oder einen Güterkomplex für mehr oder weniger wert hält - wird in seiner weiteren Wertlehre, besonders bei den Distinktionen Gebrauchswert und Tauschwert, im engeren Sinn  subjektiv  und  individuell. 

Dabei setzt er der Wertlehre noch eine andere Aufgabe, in der sich eine zweite Antwort auf unsere Grundfrage darstellt.

2. Während nämlich bisher der Wert als Gesichtspunkt für die Begrenzung der  Nationalökonomie  dienen sollte, wird er jetzt zu einem Mittel der wissenschaftlichen Erkenntnis der Vorgänge in den "Einzel"wirtschaften, da in diesen sich die Handlungen unter dem Einfluß des subjektiven Werturteils vollziehen.
    "Ohne seine Beachtung (d. h. des Wertes als Standpunkt eines Gutes in der Reihe aller Güter) ... möchte überhaupt das Resultat aller Untersuchungen über Güter-Erwerb, -Besitz und -Gebrauch als Mittel zur Sicherung und Förderung der menschlichen Existenz und Vervollkommnung sehr unsicher und unzuverlässig sein; indem dabei gerade das wichtigste Moment einer leichten Übersicht fehlen würde; - nämlich die Einsicht in das, was die Menschen eigentlich zu Erwerb dieses oder jenes Gutes zunächst hintreibt und ihre diesbezüglichen Bestrebungen bestimmt, regelt und leitet ..." (20)
Sowie LOTZ im weiteren Verlauf seiner Lehre den Wert auf das  vereinzelte Urteil  des einzelnen Individuums gründet, kommt er schließlich dazu, daß nur durch das  ganz zufällige  Zusammentreffen dieser Einzelurteile ein  gemeiner  Wert existieren kann:
    "inzwischen  subjektiv  bleibt bei all dem doch, ihrer Form nach, alle Wertschätzung, und der  gemeine  Wert, der sich im Zusammentreffen der subjektiven Wertbestimmungen ausspricht, ist am Ende doch weiter nichts als etwas sehr zufälliges." (21)
So führt LOTZ sein Abirren bei der Bestimmung  des Wertes  auf die subjektive Wertlehre zu nichts Geringerem als dazu, die Möglichkeit der Staatswirtschaftslehre als  Wissenschaft  in Frage zu stellen: denn wenn sie die Einflüsse auf die Bewegung des Wertes darlegen soll, so kann sie dies doch nur, wenn das Kriterium des Wertes irgendwie objektiv bestimmbar und nicht nur in subjektiver Schätzung gegründet, also zufällig ist.

Die zweite Aufgabe des Wertes, welche wir soeben kennengelernt haben, ruht also  in der Leitung der Einzelwirtschaft.  Zu beachten ist, daß er auch hier als ein  Urteil  des Individuums - über die Tauglichkeit der Güter für seine Zwecke - aufgefaßt wird. Der Bestimmung dieses Wertbegriffs dienen die zahlreichen  subjektiven Wertlehren;  sie dürfen aber nur so weit hierher gerechnet werden, als der Wert  beurteilt  wird: das Individuum setzt sich  Zwecke, beurteilt deren Wichtigkeit  und prüft die  Tauglichkeit  der Güter für sie. - Im Gegensatz zu diesen subjektiven Wertlehren steht nämlich eine andere Gruppe subjektiver Wertlehren, in welchen der  Wert  als  einheitliche Beziehung der Güter zum Subjekt  aufgefaßt wird, welche im Nutzen objektvierbar und in ihm der  Größe  nach bestimmbar ist. Diese letztere Gruppe wird mit Gegenstand der heutigen Untersuchung sein. Hier sei nur noch darauf aufmerksam gemacht, daß ein Übergang zwischen diesen letzten Gruppen, den beiden eben genannten subjektiven Wertlehren, in den Preislehren von RAU und HERMANN gefunden werden kann.

RAU sagt:
    "Der Wert des Gutes für den Käufer muß den Wert des dafür hingegebenen Preises aufwiegen oder übertreffen." (22)

    "Der Wert für den Käufer und die Kosten der Verkäufer bilden die Grenzen des Preises." (23)
Nach HERMANN sind die Bestimmungsgründe des Preises:
    "I. auf Seiten der Begehrer: Gebrauchswert, Zahlungsfähigkeit und anderweitige Anschaffungskosten;

    II. Auf Seiten der Ausbietenden: Produktionskosten, Tauschwert des Zahlungsmittels und anderweitiger Verkaufspreis." (24)
Der Tauschwert aber eines Gutes läßt sich nach ihm "gleichbedeutend nehmen mit dem Durchschnittsbetrag seiner wirklichen Preise." (25)

Bei beiden sehen wir also das Bestreben, den Spielraum für den Preis der Güter durch subjektive Wertschätzungen zu begrenzen, um dann in den letzteren jenen zur wissenschaftlichen Erkenntnis zu bringen.

3. Wir haben nunmehr eine andere Gruppe von Wertlehren heranzuziehen, welche im besonderen den  Tauschwert  der Güter behandeln, diesen aber  lediglich von den Preisen der Güter bedingt sein lassen,  in ihm eine  Abstraktion der Preise  erblicken. Die Ansicht, daß im  Tauschwert  der Güter jener Wert bestimmt wird, auf welchen es bei den volkswirtschaftlichen Untersuchungen letztlich ankommt, findet sich nur vereinzelt. So sagt CHRISTIAN JAKOB KRAUS: "Reichtum und Macht eines Landes sind immer proportional dem Tauschwert von dessen Wirtschaftsertrag." (26) HEINRICH STORCH äußert sich:
    "Man sieht, daß die Volkswirtschaftslehre ihre Aufgabe nur insofern zu lösen vermag, als sie die Erzeugnisse, die das Volkseinkommen bilden, aus dem Gesichtspunkt ihres  Wertes  betrachtet." (27)
Der  Wert  ist ihm aber lediglich Tauschwert, d. h.  "die Macht, die er  (= der Gegenstand)  seinem  Besitzer gibt, andere Gegenstände dafür einzutauschen." (28)

Auch McCULLOCH behauptet: "Die politische Ökonomie, kann in der Tat eine  Wissenschaft vom Wert  genannt werden." (29)

Die Aufgabe des Tauschwertes ist aber von den bedeutendsten Theoretikern desselben, wie wir sogleich sehen werden, enger gestellt worden. Wir führen als Hauptvertreter RICARDO und RODBERTUS an.

RICARDO untersucht den Tauschwert der Güter, d. h. "ihr Vermögen, andere Güter eintauschen zu können." (30). Dabei schränkt er seine Untersuchung auf diejenigen Güter ein, "welche durch die Anwendung menschlicher Gewerb- und Betriebsamkeit vermehrt werden können" (31). Er findet nun, daß unter den heutigen Rechts- und Produktionsverhältnissen Der Tauschwert der Güter abhängt von der auf dieselben verwendeten  gesamten Menge Arbeit  und von der  Höhe der Kapitalgewinne.  (32) Die letztere wird wiederum entscheidend beeinflußt von der  Höhe des Arbeitslohns  und dieser von der  gewohnten Lebenshaltung der Arbeiter  und vom  Preis ihrer Lebensmittel  im weiteren Sinn.

RICARDO führt also den  Tauschwert  zurück auf  Arbeitsmengen  und auf gewisse Gruppen von Preisen; er setzt sonach für den Tauschwert die Preisbildung voraus.

Weiter versucht er dann zu zeigen, daß der Einfluß der auf die Güter verwendeten Arbeitsmengen auf die Preise im Verhältnis zu den übrigen bestimmenden Momenten derart überwiegt, daß die letzteren vernachlässigt werden können, daß man daher behaupten kann, der Wert der Güter verändere sich in gleicher Proportion wie die auf sie verwendeten Arbeitsmengen.

Er ist weit davon entfernt, den Tauschwert in der Menge der Hervorbringungsarbeit selbst zu sehen:
    "Ich muß auch noch bemerken, daß ich nicht gesagt habe, daß ein Gut, welches eine Arbeit von 1000 Pfund Kosten in sich schließt (NB.: er setzt hier das Geld als einen unveränderlich gedachten Maßstab des Tauschwertes), während ein anderes Arbeit von 2000 Pfund Kosten erfordert hat, 1000 Pfund und dieses andere 2000 Pfund Tauschwert haben wird. Ich habe vielmehr gesagt, daß ihr gegenseitiger Tauschwert wie 2:1 ist, und daß sie gegenseitig nach diesem Verhältnis ausgetauscht werden." (33)
Bei RICARDO ist also der  Tauschwert  lediglich eine  Abstraktion der Preise,  um in ihm erkennen zu können, welche Faktoren vornehmlich Preisveränderungen hervorrufen, und in welcher Weise die einzelnen Momente auf Preisveränderungen wirken. In den  Arbeitsmengen  sieht er das  ausschlaggebende Moment  für das  Verhältnis der Güterpreise zueinander,  versucht daher das Verhältnis des Tauschwerts der Güter im Verhältnis der auf sie verwendeten Arbeitsmengen wissenschaftlich zu fixieren, ohne jedoch den Wert in der Arbeitsmenge selbst zu erblicken.

Seine Tauschwertlehre beabsichtigt nicht,  den Wert  näher zu bestimmen, welchen wir in der ersten Aufgabe kennengelernt haben; vielmehr hebt er in Hauptstück XX mit Schärfe hervor, daß die  Größe des Volksvermögens  mit dem  Tauschwert  desselben nicht verwechselt werden darf. Der Tauschwert hat bei ihm nur die Aufgabge, die Preiserscheinungen von den vielen Zufälligkeiten des Verkehrs zu befreien, welche eine Folge der Verschiebungen von Angebot und Nachfrage sind, und an den großen Durchschnittspreisen zu zeigen, welche Momente vornehmlich auf ihre Höhe und ihre Veränderung einwirken. Dieser Tauschwert, da er das  Liquidationsmittel für die Verteilung des Nationaleinkommens ist,  dient ihm alsdann als Grundlage für seine Untersuchungen: wie sich das gesamte Nationaleinkommen auf die drei Einkommenszweige Rendite, Gewinn und Lohn  verteilt;  wie die verschiedensten tatsächlichen Verhältnisse auf diese  prozentuale  Verteilung einwirken, im besonderen, welche Folgen damit verbunden sind, wenn die Arbeit in einzelnen Zweigen produktier wird, wenn sich die Bevölkerung vermehrt, wenn die Preise der notwendigen Lebensmittel sich verändern, wenn der Volkswohlstand zunimmt, und wenn sich die Kapitalien vermehren; schließlich welchen Einfluß diese oder jene gesetzgeberischen Maßnahmen ausüben.

Genau auf demselben Boden steht RODBERTUS mit seiner Tauschwertlehre.  Dem Wert,  in allgemeiner Bedeutung, sowie dem  Gebrauchswert  widmet er nur wenige Worte. Ihm ist der Wert, in dem Sinne, wie er ihn gewöhnlich gebraucht, ein Begriff, welcher der Staatswirtschaft  mit Arbeitsteilung  notwendig ist, und der ihm ein  Liquidationsmittel  bedeutet (34): Wo Menschen in  Arbeitsteilung  arbeiten, wo also die einen in der Rohproduktion, die anderen in den verschiedenen Zweigen der Fabrikation tätig sind, da muß das  fertige Produkt,  das  Nationaleinkommen  irgendwie unter die Beteiligten  verteilt  werden; für diesen Zweck ist ein  Liquidationsmittel  erforderlich,  nach welchem ein jeder seinen Teil vom Nationalprodukt  erhält; dieses nennt RODBERTUS  Wert  und sieht die primitivste Form desselben im  Tauschwert. (35)

In seiner Lehre vom  Tauschwert  müssen wir drei Stufen unterscheiden. Zunächst die Definition: "die  Geltung,  welche dadurch (= den Tausch) das eine Produkt gegen das andere erhält, und die sich nach der eingetauschten Quantität des anderen schätzen läßt, nennt man gleichfalls Wert, d. h. hier  Tauschwert." (36)

Der  Tauschwert  setzt also den  Tausch  und die  Preise  voraus, ist eine  Abstraktion der letzteren. 

Zu zweit untersucht sodann RODBERTUS die  Austauschverhältnisse  und glaubt beweisen zu können, daß der Tauschwert nach den Arbeitskosten gravitiert, d. h. daß er sich im gleichen Verhältnis mit den Arbeitskosten verändert (37). - Er sieht nicht etwa die  Arbeitskosten  als  Maß des Wertes  an. Ein Maß des Wertes kann nur ein Teil des Wertes selbst sein, und dieses kann nur für zwei Aufgaben gebraucht werden:
    1) wo es sich um "seine Bedeutung hinsichtlich der wirklichen Güterquantitäten, die er gewährt, und der Lebensannehmlichkeiten, die er infolgedessen mit sich bringt" handelt, damit "dieselben Güter zu verschiedenen Zeiten" und "die Vermögen verschiedener Individuen und Nationen hinsichtlich ihres  Werts"  verglichen werden können und

    2) wo eine "an Wert für alle Zeiten gleiche Leistung" bezeichnet werden soll (38).
Einen solchen Maßstab hält er aber für schwer möglich, da die erforderliche Einheit für verschiedene Zustände nicht einmal dieselbe sein kann (39). Für die Untersuchung über die  Austauschverhältnisse der Güter  - für die Bestimmung, wieviel Quantität von jedem Gut auf die Quantität von jedem anderen Gut in demselben staatswirtschaftlichen Zustand und in derselben Zeit kommt - für die Erkenntnis von der Verteilung des Nationaleinkommens auf Grundrente, Kapitalgewinn und Arbeitslohn bedarf es gar keines  Wertmaßes,  sondern nur eines  Wertzeigers,  da nicht die  Werte selbst  gemessen werden sollen, sondern nur das  Verhältnis der Werte zueinander  bestimmt werden soll (40). So ein  Wertzeiger  ist nun heute das  Geld (41); die Arbeitszeit könnte dieselbe Funktion erfüllen,  wenn  sich alle Güter im Verhältnis zur Kostenarbeit austauschen würden (42). Dies geschieht nun heute im einzelnen, wie bewiesen wird, noch nicht: "Die Kongruenz des Tauschwerts der Produkte mit den Arbeitsquanten, die sie gekostet" hat, ist noch "keine Tatsache, sondern die großartigste, staatswirtschaftliche Idee, die jemals ihre Verwirklichung angestrebt hat" (43). Aber der Tauschwert  gravitiert  doch zumindest nach den Kosten (44): daher kann man dann auch bei der Erklärung der Bewegung in Höhe von Grundrente, Kapitalzins und Arbeitslohn eine Verteilung des Werts des Nationalprodukts unter die Grundbesitzer und Kapitalisten nach den in der Rohproduktion und Fabrikation aufgewandten Arbeitsmengen zugrunde legen, d. h. den Wert der Produkte gegeneinander der Kostenarbeit entsprechend setzen (45).

Die dritte Stufe, welche wir in der Tauschwertlehre von RODBERTUS beobachten, zeigt sich in seinen Untersuchungen über die Höhe von Grundrente, Kapitalgewinn und Arbeitslohn (46): hier führt er die  Arbeitsmenge,  die ein Gut gekostet hat, als  Wert  ein. Sogleich am Anfang des ersten der drei Theoreme heißt es:
    "Bei einem  gegebenen  Produktwert oder dem Produkt einer  gegebene  Quantität Arbeit ..." (47)
Man beachte wohl: bisher war nur behauptet, daß der  Wert  der Güter, d. h. ihre  gegenseitige Geltung im Tausch,  nach dem Verhältnis der auf sie verwandten Arbeitsmengen gravitiert. Hier treten plötzlich die  Verhältnisse  zurück, und  Zähler  und  Nenner  auf beiden Seiten werden gleichgesetzt. Während bisher nur behauptet wurde:
    Wert der Produktmenge  a  : Wert der Produktmenge  b 
            =  Kostenarbeit von  a  : Kostenarbeit von  b, 
heißt es jetzt:
    Wert der Produktmenge  a  = Kostenarbeit von  a, 
    Wert der Produktmenge  b  = Kostenarbeit von  b. 
So wird hier der  Tauschwert,  abweichend und im Widerspruch mit der vorhin vorgeführten Theorie,  in der Kostenarbeit objektiviert. 

Trotzdem wird hierdurch die bisherige Lehre vom Tauschwert nicht durchbrochen, da diese versuchte Objektivierung RODBERTUS nur dazu dient, den Einfluß von Veränderungen in der  Menge  der Produktivkraft und in der  Produktivität  auf die  Höhe  der drei Einkommenszweige zu bestimmen, wobei es sich wieder um  Verhältnisse von Werten  handelt. So hat RODBERTUS den Versuch, den Wert in Arbeit zu objektivieren, an einer Stelle gemacht, wo er ohne denselben zum gleichen Ziel kommen konnte; denn es handelt sich hier schließlich nur um  Verhältnisse von Wertgrößen  und nicht um die  Wertgrößen selbst:  daher hat dann auch dieser Versuch in die Ergebnisse seiner Theorie keinen Widerspruch hineingebracht.

So sehen wir, daß in den vorgeführten Tauschwertlehren der Tauschwert eine Abstraktion der Preise ist, und daß er als Liquidationsmittel im heutigen Wirtschaftssystem dient; die Tauschwertlehre aber soll die den Tauschwert beeinflussenden Momente aufdecken und zur Unterlage dienen für die Untersuchungen über die Verteilung des Nationaleinkommens auf die drei großen Einkommenszweige sowie über die Höhe der letzteren.

Es muß aber konstatiert werden, daß sowohl RICARDO wie RODBERTUS sich bemühen, Wertveränderungen in Veränderungen der Arbeitsmenge zu begründen und in diesen zur Erkenntnis zu bringen. Diese  Bestrebungen  zumindest leiten zur MARXschen Wertlehre über.

Wir sahen bei RODBERTUS, daß er den  Wert  als notwendiges Liquidationsmittel in eine Staatswirtschaft mit Arbeitsteilung auffaßt. Dieser  Wert  muß aber nicht notwendig  Tauschwert  sein. Der letztere setzt den Tausch voraus, gehört aber nur der Staatswirtschaft mit Grund- und Kapitaleigentum an. In einer Staatswirtschaft ohne beides kann er  konstituiert  werden.

In einer Gesellschaft mit Arbeitsteilung muß das, was in jeder für das Nationaleinkommen leistet, gegen das abgewogen werden, was er aus demselben erhält.
    "Diese Vergleichung - d. h. dessen, was zum Nutzen jenes Ganzen beiträgt, also des kleinsten Produktteils, mit dem, was er für diesen Beitrag zu erhalten hat, also mit den Befriedigungsmitteln aller möglichen Bedürfnisse - diese Vergleichung ist wesentlich eine Schätzung aller einzelnen Produkte und Produktteil gegeneinander  unter jenem Gesichtspunkt des allgemeinen Besten,  eine Schätzung nach der  Geltung, die sie unter diesem Gesichtspunkt gegeneinander haben,  nach ihrem  Wert.  Der Wert ist nichts als die Geltung, die ein Produkt als  gesellschaftlicher  Gebrauchswert einnimmt." (48)
Im heutigen Wirtschaftssystem wird derselbe nun im Tauschverkehr, wie ausführlich erörtert, durch  Preisbildung  als  Tauschwert  festgesetzt. Er kann aber auch, wenn Eigentum an Grund und Boden und an Kapital nicht besteht, nach einem vernünftigen Prinzip festgesetzt, d. h. konstituiert werden. Für die  Verteilung  des Nationaleinkommens muß  vernünftiger, gerechter weise folgende Regel gelten: "vorausgesetzt, daß jeder der Tauschenden immer genau denjenigen Gebrauchswert produzieren würde, den der andere in der Befriedigung der Reihenfolge seiner Bedürfnisse gerade bedarf, so wäre diese Vergeltung nur dann eine gerechte, wenn dieselbe dem Opfer, den Kosten, demjenigen Quantum Produktivkraft entspräche, das jeder Tauschende zur Herstellung des Gebrauchswertes für den anderen aufgewendet hatte." (49) Auf die Staatswirtschaft ohne Grund- und Kapitaleigentum übertragen, heißt das:  wenn die Zentralbehörde die Produktion den Bedürfnissen äquivalent erhält,  so muß jedem  soviel Arbeit in Gütern  zur Verfügung gestellt werden, als er selbst auf die Güterproduktion verwendet hat (wir lassen einen notwendigen Abzug hier unberücksichtigt). Es kann dies nach RODBERTUS durch die  Konstituierung des Wertes  der Güter geschehen; wie, lehrt RODBERTUS in seinen Ausführungen über  normale Arbeit  (50). Daß aber die Bedingung zutrifft, daß die Zentralbehörde die Produktion dem Bedürfnis äquivalent erhalten kann, hält er für möglich, da die "Zeitarbeit ein gemeinschaftliches Maß der produktiven Kraft und der Bedürfnisse ist." (51)

Eine ähnliche Auffassung des Wertes finden wir bereits bei FICHTE. Dieser behandelt den  Wert  im ersten Buch seines "Geschlossenen Handelsstaates" (52), welches die Überschrift trägt: "Philosophie. Was in Ansehung des Handelsverkehrs im Vernunfsstaate Rechtens sei" (53). Um zu ermitteln, was im Vernunftstaat jedem als "das Seinige" zu geben ist (54), ist der Preis aller Güter zu bestimmen, und hierfür wird der  Wert der Güter  eingeführt (55). Ausgehend vom eudämonistischen Dogma, daß der "Zweck aller freien Tätigkeit die Möglichkeit und Annehmlichkeit des Lebens" ist (56), postuliert er für die Güterverteilung Regeln, bei deren Beobachtung die  Möglichkeit  des Lebens aller Staatsangehörigen gegeben ist, und bei welcher die Annehmlichkeiten  "verhältnismäßig  unter alle gleich verteilt sind." (57), d. h. derart, daß "diejenige Art von Kraft und Wohlsein erhalten wird, deren ein jeder für seine bestimmten Geschäfte bedarf." (58) In der Absicht, eine solche Verteilung der Güter zu ermöglichen, ist ihr  Wert  obrigkeitlich festzustellen. - Ihm ist sonach der Wert  dasjenige  Austauschverhältnis der Güter, bei welchem seine Postulate für eine gerechte Einkommensverteilung erfüllt würden: dieses sei festzustellen und obrigkeitlich zu schützen (59). Im einzelnen lehrt er dann weiter, wie dieser Wert zu finden ist, welche Gesichtspunkte bei der definitiven Bestimmung maßgebend sind (60).

FICHTEs Idee ist, zu zeigen, was in einem "Vernunftsstaat" Rechtens ist,  um die Wege zu weisen, zu seiner Anstrebung zu gelangen. (61)

Nach den beiden zuletzt vorgeführten Lehren ist der Wert also das Liquidationsmittel, nach welchem der einzelne am Nationaleinkommen teilzunehmen hat: seine Aufgabe ruht demnach in der Verteilung des in Arbeitsteilung gewonnenen Produkts an die Einzelwirtschaften. Beide Lehren suchen sodann nach einem vernünftigen Prinzip, nach welchem die Verteilung des Einkommens und die Bestimmung des Wertes stattfinden muß, sowie nach Mitteln, dieses Prinzip durchzuführen. Ehen wir zu den Wertlehren übergehen, welche den Gegenstand der vorliegenden Untersuchung ausmachen, fassen wir rückblickend die Aufgaben zusammen, denen in den bisher vorgeführten Lehren der Wert dienen sollte:
    Fürs  erste  sollte der Wert als Gesichtspunkt dienen, unter welchem man den Gegenstand der Nationalökonomie bestimmen und wirtschaftliche Untersuchungen anstellen kann.

    Sodann soll er  zweitens  in der Einzelwirtschaft dem Wirtschaftssubjekt als "Urteil" bei seinen Dispositionen dienen.

    Drittens  soll er als Liquidationsmittel in einer Staatswirtschaft mit Arbeitsteilung notwendig sein.
Und zwar stellt er sich in der Staatswirtschaft mit Grund- und Kapitaleigentum als  Tauschwert,  d. h. eine Abstraktion der Preise, dar (62), während er in einer Staatswirtschaft ohne Grund- und Kapitaleigentum - nach Ansicht einiger Schriftsteller - unter vernünftigen, gerechten Prinzipien  konstituiert  werden könnte.

4. Im grundsätzlichen Gegensatz zu den seither besprochenen Anschauungen ist schließlich eine Reihe von Werttheorien aufgetreten, deren Urheber zu den namhaftesten und einflußreichsten Schriftstellern in der neueren und neuesten theoretischen Nationalökonomie zählen. Diese Lehren, auf deren Betrachtung wir uns nunmehr konzentrieren wollen, gehen im einzelnen von verschiedenen Ausgangspunkten aus, argumentieren in unterschiedlicher Art und Weise und divergieren bedeutsam in ihren Einzelergebnissen. Aber es läßt sich bei ihnen allen doch ein gemeinsamer Grundgedanke in Rücksicht auf die im Eingang unserer Abhandlung an erster Stelle aufgeworfene Frage feststellen. Sie alle nämlich, die alsbald des näheren anzuführen sind, stellen der Wertlehre die gleiche Aufgabe und vermeinen in Gemeinsamkeit: daß der Wert, als einheitliche Beziehung zwischen Gütern und Menschen, eine notwendige Bedingung wirtschaftlicher Tätigkeit sein soll.

Wir schreiten zunächst dazu, über die hierher gehörigen Untersuchungen Bericht zu erstatten (§ 2).
LITERATUR Otto Gerlach, Über die Bedingungen wirtschaftlicher Tätigkeit, Staatswissenschaftliche Studien, Bd. 3, Jena 1890
    Anmerkungen
    1) Vgl. FRIEDRICH JULIUS NEUMANN, Grundlagen der Volkswirtschaftslehre, I. Abt., Seite 233f: "Es handelt sich nicht darum, was der Wert  ist  nach dieser oder jener anderen Rücksicht, sondern was der Wert sein  soll,  wie wir diesen Begriff zu  gestalten  haben, um in ihm einen geeigneten Baustein, ein gutes Mittel zur Erweiterung und Vertiefung unserer Erkenntnis zu haben."
    2) In neuester Zeit hat NEUMANN den Begriff "Gut" auf dem hier vorgeschlagenen Weg bestimmt, indem er zunächst festsetzt, was derselbe in der Wissenschaft zu leisten hat, und erst hierauf an die Ausfüllung des Begriffs im Hinblick auf die ihm gestellte Aufgabe herantritt. Vgl. a. a. O., Seite 34-121; SCHÖNBERGs  Handbuch,  Bd. 1, Seite 136f. - Diese trefflichen Untersuchungen sind ein schlagender Beweis für die Zweckmäßigkeit der angewandten Methode.
    3) SAY, Traité d'Economie Politique, übersetzt von JAKOB, Halle und Leipzig 1807, Vorrede Seite IX.
    4) a. a. O., Seite 24
    5) Neue Grundlegung der Staatswirtschaftskunst, 1807, Seite 17
    6) a. a. O., Seite 18
    7) Handbuch der Staatswirtschaftslehre, 1837, Seite 18
    8) a. a. O., Seite 22
    9) Vgl. K. H. RAU, Grundsätze der Volkswirtschaftslehre, 1868, Seite 100f
    10) Staatswirtschaftliche Untersuchungen, 1870, Seite 67f
    11) GOTTLIEB HUFELAND, Neue Grundlegung der Staatswirtschaftskunst, Seite 20
    12) a. a. O., Seite 24
    13) a. a. O., Seite 26
    14) Staatswirtschaftslehre, zweite Auflage, Seite 24
    15) a. a. O., Seite 37
    16) a. a. O., Seite 22
    17) a. a. O., Seite 25f
    18) Versuch einer Kritik der Gründe, die für großes und kleines Grundeigentum angeführt werden, St. Petersburg 1849, Seite 75.
    19) a. a. O., Seite 76
    20) Staatswirtschaftslehre, Seite 23
    21) a. a. O., Seite 37f
    22) Grundsätze der Volkswirtschaftslehre, 1868, Seite 200
    23) a. a. O., Seite 201
    24) Staatswirtschaftliche Untersuchungen, 1870, Seite 394
    25) a. a. O., Seite 431
    26) H. J. KRAUS, Vermischte Schriften, Bd. II, 1808, Seite 101, Ziffer 13
    27) HEINRICH STORCH, Betrachtungen über die Natur des Nationaleinkommens, 1825, Seite 11.
    28) a. a. O., Seite XXXIV
    29) McCULLOCH, Principles of Political Economy, Seite 3
    30) RICARDO, Grundgesetze, Übersetzung von BAUMSTARK, 1877, Seite 1
    31) a. a. O., Seite 2
    32) vgl. ebenda Seite 35 Anm.: "Malthus scheint zu denken, es gehört zu meiner Lehre, daß  Kosten  und  Tauschwert  eines Gutes ein und dasselbe sind. Es ist so, wenn er mit dem Wort  Kosten "die Hervorbringungskosten"  einschließlich der Gewinne meint." Seite 47, Anm.: "Hat nicht Say in folgender Stelle vergessen, daß es die Hervorbringungskosten sind, welche zuletzt den Preis bestimmen?"
    33) a. a. O., Seite 34
    34) vgl. RODBERTUS, Zur Beleuchtung der sozialen Frage I, Seite 74 und: Das Kapital, Seite 99 und öfter
    35) vgl. Das Kapital, Seite 98
    36) Soziale Frage I, Seite 42
    37) vgl. Das Kapital: "Resumé meiner Grundrententheorie".
    38) vgl. RODBERTUS, Zur Erkenntnis unserer staatswirtschaftlichen Zustände, Seite 36f
    39) a. a. O., Seite 61
    40) a. a. O., Seite 43f
    41) a. a. O., Seite 47f
    42) a. a. O., Seite 62
    43) Soziale Frage I, Seite 45
    44) ebenda, Seite 44, vgl. Kapital: Resumé
    45) vgl. Soziale Frage I, Seite 106f
    46) ebenda Seite 123f
    47) vgl. ebenda Seite 124: "Wohlverstanden, es ist vorausgesetzt, daß sich der  Produktwert überhaupt gleich bleibt,  mit anderen Worten, daß das ganze Produkt noch zu demselben Preis verkauft wird." Hier sehen wir in der Erläuterung, welche dem bisherigen Wertbegriff entspringt, den Widerspruch: worin soll denn der Preis des "ganzen" Produkts bestehen?! - Vgl. auch die Beispiele ebenda Seite 133f, wo, entsprechend den Voraussetzungen der ersten beiden Lehrsätze, zwei  gleich große  Länder mit  gleich großer  Bevölkerung angenommen werden, in denen daher der  Wert des Gesamtprodukts gleich groß  ist, obwohl die Quantität des letzteren im ersten Beispiel wegen der verschiedenen Produktivität in dem einen Land doppelt so groß ist wie im anderen.
    48) RODBERTUS, Das Kapital, Seite 97f
    49) Soziale Frage I, Seite 42
    50) Das Kapital, Seite 137f
    51) a. a. O., Seite 126f
    52) J. G. FICHTE, Sämtliche Werke, Bd. III, Berlin 1845, Seite 387-513.
    53) a. a. O., Seite 399.
    54) a. a. O., Seite 403
    55) a. a. O., Seite 415f
    56) a. a. O., Seite 415
    57) a. a. O., Seite 417
    58) a. a. O., Seite 417f
    59) a. a. O., Seite 418f
    60) a. a. O., Seite 415-417
    61) a. a. O., Seite 398
    62) Bei NEUMANN hat der '"Vermögenswert" die gleiche Aufgabe. Vgl. Grundlagen der Volkswirtschaftslehre, I. Abteilung, 1889, Seite 186f.