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FRANZ KELLER
Unternehmung und Mehrwert

"Unsere moderne Industrie-Entwicklung mit ihrem weitgreifenden Verkehrsnetz hat nicht bloß die politischen und wirtschaftlichen Grenzpfähle vielfach gelockert oder gar umgeworfen, sondern rüttelte auch mit aller Macht an den  moralischen  Schranken. Wir können es verstehen, wenn Leute, die ohne Zagen, wagemutig hinauszogen in die Welt, um wirtschaftliche Eroberungen zu machen, wenn diese Leute, die mit Erfolg alte, herkömmliche wirtschaftliche  Unmöglichkeiten  möglich machten, geblendet von ihren Erfolgen, meinen, es gäbe überhaupt keine Schranken mehr für sie, vor allem  keine inneren ethischen Schranken.  Daher dann jene beklagenswerten Erscheinungen im Wirtschaftsleben, daß viele Unternehmer glauben, auf die Richtlinien der Moral, insbesondere der christlichen, verzichten zu  können,  oder gar zum Gedeihen des Geschäfts darauf verzichten zu  müssen." 

"Das große Hemmnis der kapitalistischen Entwicklung auf katholischer Seite war nach Max Weber das Verbot des Zinsnehmens, das auf calvinistischer Seite nicht bloß gestattet, sondern als etwas Gutes anerkannt worden sei."


Einleitung

Die Frage nach dem ethischen Verhältnis von Unternehmung und Mehrwert schneidet tief ins praktische Leben ein. Handelt es sich doch hierbei darum, ob die Unternehmung als solche eine Werte schaffende, Werte bildende oder bloß eine sich Werte aneignende Tätigkeit ist, ob die Unternehmung eine wirtschaftlich nützliche und notwendige Aufgabe besitzt, oder aber am Volkskörper mehr ein Schmarotzerleben, ein Parasitendasein führt.

Die Antworten lauten auf diese Fragen nicht einheitlich und einstimmig, sondern verwirrend verschieden und gegensätzlich je nach Interesse und Partei des einzelnen. Manchem kapitalistischen Unternehmer erscheint es überhaupt keine  ethische  Frage zu sein, ob er sich den Mehrwert der Unternehmung aneignen dürfe; er empfindet es höchstens als eine  Macht frage und richtet danach sein Verhalten ein. Auch die gewerkschaftlich organisierten Arbeiter fassen es als eine Machtfrage. Ihre Organisation soll im Kampf mit dem "Kapital" diesem den Mehrwert durch Steigerung der Arbeitslöhne entreißen und dem "Arbeiter" zuteilen. Lange vor diesen Organisationen schon haben aber viele sozialistische Theoretiker im Namen der Gerechtigkeit den Mehrwert für die Arbeiter gefordert und ihn den Unternehmern abgesprochen. Die schärfsten ethischen Anklagen wurden und werden da gegen die kapitalistische Unternehmung ausgesprochen und diese als solche verurteilt.

Wobei freilich dann die unbestimmten Worte der Verurteilung noch besonders verwirrend wirken. Hauptsächlich dem Altmeister der sozialistischen Theorie, KARL MARX, ist es zu verdanken, wenn sowohl in wissenschaftlichen Schriften wie in populären Vorträgen, z. B. "Kapitalist" und "Unternehmer" durchweg als gleichbedeutend gelten, wenn "Kapital" das "Unternehmen" und "Kapitalismus" jenes Volkswirtschaftssystem bedeuetete, das für Unternehmungen Raum ließ. Zugleich aber verband man mit dem Wort Kapital und Kapitalismus ein  ethisches  Werturteil, indem man darunter "Mammonismus", "schnöde Geldgiert und Profitwut" verstand.

Es ist nun eine unbestreitbare Tatsache: Unsere moderne Industrie-Entwicklung mit ihrem weitgreifenden Verkehrsnetzt hat nicht bloß die politischen und wirtschaftlichen Grenzpfähle vielfach gelockert oder gar umgeworfen, sondern rüttelte auch mit aller Macht an den  moralischen  Schranken. Wir können es verstehen, wenn Leute, die ohne Zagen, wagemutig hinauszogen in die Welt, um wirtschaftliche Eroberungen zu machen, wenn diese Leute, die mit Erfolg alte, herkömmliche wirtschaftliche  "Unmöglichkeiten"  möglich machten, geblendet von ihren Erfolgen, meinen, es gäbe überhaupt keine Schranken mehr für sie, vor allem  keine inneren ethischen Schranken.  Daher dann jene beklagenswerten Erscheinungen im Wirtschaftsleben, daß viele Unternehmer glauben, auf die Richtlinien der Moral, insbesondere der christlichen, verzichten zu  können,  oder gar zum Gedeihen des Geschäfts darauf verzichten zu  müssen.  Ein solcher Irrtum läßt sich verstehen bei diesen Praktikern, die sich keine Zeit zum Philosophieren nehmen und ganz in ihrem "Geschäft" aufgehen.

Etwas anderes dagegen ist es, wenn Theoretiker der Volkswirtschaft, die berufsmäßig nicht bei den äußeren Erscheinungen stehen bleiben dürfen, sondern diese auf ihre obersten Grundsätze zurückzuführen haben, nun einfach die Moral, ihre Schranken und Richtlinien deshalb von der kapitalistischen Wirtschaftsordnung ausschalten wollen, weil viele kapitalistische Unternehmer "moralinfreie" Praktiker sind. So z. B. macht es MAX WEBER, der zwar das Wesen des Kapitalismus, "den kapitalistischen Geist" auf den asketischen Protestantismus zurückführen will, der aber von der modernen kapitalistischen Wirtschaftsordnung feststellt: "Sie hat es namentlich nicht mehr nötig, sich von der Billigung irgendwelcher religiöser Potenzen tragen zu lassen und empfindet die Beeinflussung des Wirtschaftslebens durch die kirchlichen Normen, soweit sie überhaupt noch fühlbar ist, ebenso als Hindernis wie die staatliche Reglementierung derselben." (Die protestantische Ethik, Seite 20 und 31). "Der siegreiche Kapitalismus jedenfalls bedarf, seit er auf mechanischer Grundlage ruht, dieser Stütze (gemeint ist die religiöse Lebensführung) nicht mehr ... Als ein Gespenst ehemaliger Glaubensinhalte geht der Gedanke der  Berufspflicht  in unserem Leben um." (ebd. Seite 21 und 108). In einer Widerlegung der historischen Ausführungen MAX WEBERs ist auch FISCHER der Ansicht: "Das Pflichtgefühl zu gewerblich-kapitalistischer Berufstätigkeit ist autonom bedingt und entspringt ... nicht der Befolgung religiöser Vorschriften." (Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik, Bd. 25, 1907, Seite 240)

Plastisch weiß von SCHULTZE-GÄVERNITZ die Ansicht WEBERs wiederzugeben: "Der kapitalistische Geist bedarf der religiösen Krücke nicht mehr und seine Vollendung findet er im neuzeitlichen Finanzier, welcher auf dem Boden der reinen Diesseitigkeit sein Haus erbaut hat. Derselben begnügt sich mit jener im wesentlichen negativen Weltanschauungsunterlage, welche als Bodenersatz übrig blieb, nachdem die religiösen Brandungen des Reformationszeitalters abgeebbt waren." (Britischer Imperialismus, Seite 10)

Neuestens zieht auch ALEXANDER TILLE gegen den Moralismus zu Felde. Mit dem Moralismus, welcher von "Berechtigungen" redet, sei im Wirtschaftsleben schlechterdings nichts anzufangen. (Die Berufsstandspolitik I, Seite 233) TILLE spottet mit neugeprägten Schlagwörtern über die Anwendung ethischer Grundsätze auf das Wirtschaftsleben. Er beklagt, daß es in der Gegenwart kaum noch einen Deutschen gebe, dessen wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Überzeugungen nicht in irgendeiner Hinsicht von moralischer Säure angefressen wären. (ebd. II, Seite VI) In scharfen Worten kämpft er gegen die "Etheokratie", den "Moralismus". TILLE hat jedenfalls darin recht, daß die ethische Frage in der modernen kapitalistischen Wirtschaftsordnung zu einem Kampfmittel zwischen Kapital und Arbeit geworden ist. Auf der einen Seite wird die Frage nach der Berechtigung der Aneignung des Mehrwerts durch die kapitalistische Unternehmung mit wachsender Erbitterung verneint, auf der anderen Seite wird diese Verneinung als "Moralismus" verhöhnt und als unberechtigt zurückgewiesen.

Die Stellungnahme der wissenschaftlichen Sozialethik zu dieser Frage erscheint darum von vornherein parteipolitisch beeinflußt eben unter dem Gesichtswinkel des jeweiligen Beurteilers. Das ist eine große objektive Schwierigkeit, die hier zu überwinden ist. Zu ihr gesellt sich aber auch eine subjektive Schwierigkeit von nicht geringerer Größe. Für den Ethiker ist es keine einladende Aufgabe, sich zwischen zwei Interessengruppen zu stellen, von denen die eine nur zu oft auf ihre Macht pochend verächtlich von der sittlichen Frage redet und sie als unberechtigte "Etheokratie" zurückweist; während die andere Gruppe, sich als die wirtschaftlich schwächere und übervorteilte fühlend, gerade im Namen der Gerechtigkeit ihre Forderungen stellt. Schon das natürliche Mitgefühl und sittliche Empfinden zieht da nur zu leicht den Sozialethiker auf die Seite der "wirtschaftlich Schwachen". Zumal ihre Zahl viel größer ist als die der ersten Gruppe und auch schon deshalb hier die wissenschaftliche Arbeit "lohnender" erscheint. Die soziale Reform und Hilfstätigkeit scheint nur einer und zwar einer verneinenden Antwort auf unsere Frage Raum zu lassen. Nur diese Antwort scheint der Christenpflicht zu genügen, die verlangt, den Notleidenden und Bedrängten beizustehen.

Aber auch abgesehen von diesen Schwierigkeiten bleibt immer noch die Frage offen: welchen praktischen Wert könnte die ethische Erörterung des Verhältnisses von Unternehmen und Mehrwert haben? Kann etwa eine solche Erwägung die wirtschaftliche Entwicklung beeinflussen und aufhalten? Werden nicht die Unternehmer, die doch meist außerhalb des Christentums und seiner Moral stehen, ihren Weg machen, ob mit oder ohne Billigung dieser Moral?

Diesem Bedenken gegenüber bleibt nun allerdings zu betonen, daß das vorliegende ethische Problem des Verhältnisses von Unternehmer und Mehrwert eben doch grundsätzlich bedeutsam ist gerade für den christlichen und katholischen Teil der Bevölkerung. Denn für diesen Teil heißt es entweder sich mit bestem Können in der volkswirtschaftlichen Produktionsgestaltung auch um die  führende  Stellung des Unternehmers zu bewerben, oder aber müßig abseits zu stehen, im wirtschaftlichen Leben auf führenden Einfluß zu verzichten und die Hände im Schoß bessere Zeiten abzuwarten, wenn man es nicht vorzieht, sich in Klagen über die falschen Grundlagen des kapitalistischen Systems zu ergehen und die heutige Wirtschaftsordnung als eine völlig ungerechte zu verurteilen. Ist die kapitalistische Wirtschaftsordnung für den christlichen Wirtschaftsmenschen nichts anderes als ein, wenn auch vorderhand nicht zu beseitigendes Übel, das ihm als eine "vis major" [göttliche Fügung - wp] gegenübersteht, dann kann die wirtschaftliche Tätigkeit von einem überzeugten Christen und Katholiken nicht freudigen Mutes, sondern nur mit ständiger innerer Beklemmung und lastendem Unbehagen durchgeführt werden. Dann ist der Katholik schon durch seine religiöse Überzeugung verurteilt, im Wirtschaftsleben den Vorrang und die führenden Stellungen anderen zu überlassen, die moralisch nicht so gebunden sind.

Es fehlt nicht an Stimmen, die dies ohne weiteres behaupten. Dann wäre es aber auch ein durchaus irreführendes Beginnen, die Katholiken, die z. B. in Deutschlands modernster Volkswirtschaft zweifellos noch nicht die entsprechende wünschenswerte Stellung einnehmen, aufzufordern und zu ermuntern, mehr als bisher diese führende Stellung anzustreben, d. h. eben sich als kapitalistische Unternehmer zu betätigen.

Wiederholt haben  bedeutende, weitsichtige Führer der deutschen Katholiken  auf die Notwendigkeit dieser Betätigung hingewiesen, Männer wie WINDTHORST, BACHEM, GRÖBER, BRANDTS, PIEPER.

K. BACHEM sagte z. B. auf der Generalversammlung der Katholiken Deutschlands zu Osnabrück (1901): "Wenn wir selber nicht den Eindruck gewonnen hätten in die Wichtigkeit der Position der Katholiken auch auf praktisch-wirtschaftlichem Gebiet, so hätten ja unsere Gegner uns mit glühenden Buchstaben diese Wahrheit auf den Rücken geschrieben ..."

Die "Münchener Neuesten Nachrichten" brachten 1896 (Nr. 167) folgende Bemerkung: "Die Katholiken werden trotz aller Deklamationen mit mathematischer Sicherheit allmählich aus den bedeutenden und einflußreichen Stellungen des Geisteslebens und Erwerbslebens der Nation verdrängt werden. Sie werden zunächst verarmen ..." Daran anknüpfend sagte GRÖBER (Generalversammlung in Würzburg 1907):

"Es kann gar keinem Zweifel unterliegen, daß die Frage der Verarmung des katholischen Volksteils speziell für uns Katholiken, aber nicht bloß für uns, eine überaus ernste Frage ist. Verarmung der Katholiken bedeutet eine Abnahme des Einflusses der Religion, der Kirche im gesellschaftlichen Leben nicht bloß auf wirtschaftlichem Gebiet, sondern auch auf geistigem." Im Verlauf seiner Rede fordert GRÖBER die Katholiken direkt auf zum  "Streben nach Reichtum".  Und ein anderer Redner der Katholikentage, Dr. BELL, erklärte 1909 in Breslau: "Zu unserem aufrichtigen Bedauern sind die deutschen Katholiken aus freilich größtenteils unverschuldeten Gründen in der Industrie und namentlich in der Großindustrie nicht annähernd so vertreten, wie es ihrer Bedeutung und Zahl nach entsprechen würde. Diese Lücke muß ausgefüllt werden. An den katholischen Volksteil muß der Ruf ergehen:  Hinein  in die Industrie, hinein in die Großindustrie!" BELL nennt dies eine Forderung des  wirtschaftlichen Selbsterhaltungstriebes. 

Demgegenüber bekämpfen Leute wie F. KEMPEL (Göttliches Sittengesetz und neuzeitliches Erwerbsleben) vom Standpunkt der christlichen Moral aus das neuzeitliche kapitalistische Erwerbsleben. Mit großer Entrüstung kämpft KEMPEL gegen "den wirtschaftlichen Liberalismus und Katholizismus" und dessen Vertreter VOGENO, BACHEM, BRANDTS, PIEPER usw. Eine solche Aufforderung, wie sie jene Männer an die Katholiken richteten, erkenne das neuzeitliche Erwerbsleben als etwas in seinem Kern Gutes an. Die Vorschläge K. BACHEMs z. B. (in der erwähnten Rede auf der Katholikenversammlung) verföchten nichts anderes als die "Beiseitestellung des von JESUS CHRISTUS immer und immer wieder, nicht etwa vor Mönchen und Nonnen, sondern vor allem Volk gepredigten Geistes materieller Genügsamkeit und Weltentsagung, und Eintritt mit Leib und Seele, mit Herz und Verstand in den vom vollendeten wirtschaftlichen Eigennutz erzeugten und unterhaltenen neuzeitlichen Wettbewerbskampf, die Beteiligung am Industrialismus und Kapitalismus in größtmöglichem Maßstab" (a. a. O. Seite 391f) Nach KEMPEL ist der neuzeitliche Kapitalismus und Industrialismus "herausgeboren aus der protestantischen Welt- und Lebensanschauung" (ebd. Seite 293). Eine unübersteigbare Kluft bestehe zwischen den Formen des neuzeitlichen Erwerbslebens und dem durch den Katholizismus vertretenen göttlichen Sittengesetz, ein so scharfer Gegensatz, daß ein überzeugter Katholik da nicht mitmachen kann als Unternehmer (ebd. Seite 295). Die kapitalistischen Unternehmer haben nach KEMPEL überhaupt keine Existenzberechtigung. Sie müssen einfach beseitigt werden. Und zwar auf folgende Weise: "Man beschränke jede einzelne Stadtgemeinde, große und kleine, auf möglichst allen Gütererzeugungsgebieten wieder auf sich selber und ordne in ihr selber die Erwerbs- und übrigen Gesellschaftsverhältnisse sittenorganisch, sittenkörperlich: die tolle ungebundene Provinzial-, Volks- und Weltwirtschaft hat dann alsbald von selbst ein Ende; die der Freiwirtschaft eigene, grenzenlose Verwicklung aller Geschäfte, das dadurch bedingte Emporkommen der Stärkeren über die Schwächeren, die Ansammlung der materiellen Gütererzeugungsmittel in immer weniger Händen, die Dienstbarmachung breiter Arbeitermassen durch wenige Schlotbarone, das Gewerkschaftswesen, Kartellwesen und alle anderen, den Gesellschaftskörper wild durchwühlenden Interessenbestrebungen, kurz - der ganz neuzeitliche industrielle Kapitalismus hat sein Ende gefunden." (ebd. Seite 372f) KEMPEL sieht im modernen kapitalistischen Wirtschaftssystem etwas  in sich Schlechtes  und ruft daher auf zum "Kampf wider den gottlosen Kapitalismus und die teuflische Konkurrenz" (ebd. Seite 384). Folgerichtig verurteilt er deshalb jeden großkapitalistischen Betrieb, besonders den von Katholiken unternommenen. Derartige Unternehmungen noch in Schutz nehmen oder gar zu rühmen, heißt einfach den Satz verfechten: "Der Zweck heiligt die Mittel." (ebd. Seite 383f)

Nicht daß KEMPEL diese unstreitig extravaganten Ansichten vertreten hat, kommt hier in Betracht, sondern nur die Tatsache, daß er sie vertreten  konnte.  Seine Ausführungen sind der Versuch einer wissenschaftlichen Formulierung der da und dort sich zeigenden populären Abneigung gegen die modern-kapitalistische Wirtschaftsordnung und ihre Hauptvertreter, die Unternehmer. Die übertriebenen Ansichten KEMPELs haben allerdings das eine Gute, daß sie unseren Fragepunkt nur noch weiter in den Vordergrund rücken.

Die Arbeiterfrage absorbierte in den letzten Jahrzehnten innerhalb der christlichen Sozialreform vielleicht zu stark alles Interesse; dabei wurde der kapitalistischen Unternehmung nicht jene Beachtung geschenkt, die sie verdient. Wenn zur Rechtfertigung dieser Tatsache hingewiesen wird auf die Unkirchlichkeit und oft direkte Christentumsfeindlichkeit vieler Unternehmer im öffentlichen und privaten Leben, so ist dies erst recht ein Grund, das sittliche Unternehmerproblem eingehender zu behandeln. Wenn "wirklich in weiten Kreisen über dem Streben nach Geld und Gut der sittliche und christliche Boden verloren worden ist", dann dürfen  wir  nicht einfach die Forderung stellen, dieses Streben nach Geld und Gut und Reichtum zu unterlassen. "Ich bestreite die Richtigkeit der Schlußfolgerung", sagte in diesem Sinne GRÖBER (Generalversammlung der Katholiken Deutschlands, 1907 in Würzburg), "daß man wegen dieser sittlichen Gefahren gut daran tue, überhaupt das Streben nach Reichtum aufzugeben . . . Auch die Armut hat ihre großen sittlichen Gefahren . . . " Und wir nicht auch die sittliche Gefahr des Strebens nach Reichtum dadurch vergrößert, daß man  in Verkennung der Bedeutung des Unternehmertums diesem zu wenig Aufmerksamkeit schenkt?  Ist es nicht vielmehr die Pflicht gerade der wegweisenden Sozialethik, die Unternehmerfrage vorurteilsfrei zu prüfen, selbst auf die Gefahr hin, dann nicht mehr in die beliebte Verurteilung oder doch Geringwertung mit einzustimmen? Das Moralprinzip der Solidarität hat nicht bloß Geltung nach der Seite der Arbeiter hin, sondern in gleicher Weise nach der Seite der Unternehmer hin. Aufgrund dieses Prinzips treten wir daher an unser Problem heran und untersuchen die Moralgrundsätze, die für die sittliche Beurteilung der kapitalistischen Unternehmung zu gelten haben. Unternehmer und Unternehmung sind allerdings viel umstrittene Begriffe der Volkswirtschaft, obwohl mit Recht die Unternehmung als "die Zelle des heutigen Wirtschaftsorganismus" charakterisiert wird. Weite Kreise haben sich, wie gesagt, im Anschluß an KARL MARX gewöhnt, den Unternehmer einfach mit dem Kapitalisten zu identifizieren. POHLE sagt demgegenüber ebenso treffen wir fein: "Im Grunde sind diese Bezeichnungen (Kapitalist, Kapitalismus) auch wohl weniger Mittel der Erkenntnis als Mittel der Anklage. Die häufige Verwendung dieser Schlagworte dient vor allem dazu, im Leser oder Hörer eine ganze Skala von rein gefühlsmäßig bestimmten Werturteilen ungünstiger Art über die Wirtschaft, in der wir leben, auszulösen." (Der Unternehmerstand, Seite 6) Das gilt nicht nur gegen sozialistische, sondern auch gegen bürgerliche Nationalökonomen, wie R. EHRENBERG betont (Thünenarchiv I, Seite 35).

Man kann nun den Unternehmerbegriff mit LUJO BRENTANO und STEFFENS so weit spannen, daß selbst die Lohnarbeiter als Verwerter ihrer Arbeitsleistung darunter fallen. Durch diese Ausdehnung des Begriffes ist aber wissenschaftlich nichts gewonnen. Es würden dadurch die hervorstechendsten Merkmale der Unternehmung als Betriebsform allzu stark in den Hintergrund gedrängt. Besser ist es, wissenschaftlich den Begriff "Unternehmung" auf jene größeren Betriebe zu beschränken, bei denen sich die Unternehmerfunktionen als selbständige Tätigkeit von der übrigen mehr körperlichen Arbeit ablösen. Danach nennen wir im folgenden "Unternehmung"  jene privatwirtschaftlichen Großbetrieb, der zwecks Erwerb auf der sittlichen, rechtlichen und wirtschaftlichen Verantwortlichkeit und Haftbarkeit eines über die nötigen Wirtschaftsmittel verfügenden Wirtschaftssubjektes beruth.  Dabei ist es für unsere Betrachtungsweises gleichgültig, ob das Wirtschaftssubjekt eine physische Person ist oder aber wie etwa bei der Aktiengesellschaft eine Mehrheit von physischen Personen, die sich in die Unternehmerfunktion teilen.

Unter "Mehrwert" verstehen wir nicht etwa die Bruttoeinnahme einer Unternehmung, sondern den  Überschuß, der von diesem Rohertrag bleibt nach Abzug der Kosten für die Wirtschaftsmittel,  also nach Abzug der Beamtengehälter, Arbeiterlöhne, Leihkapitalzinsen, Grund- und Bodenzinsen. Diesen Mehrwert, der vom Unternehmer angestrebt und bei erfolgreicher Unternehmung angeeignet wird, nennen wir gewöhnlich  Unternehmergewinn. 

Die sozialethische Betrachtungsweise übernimmt die Beobachtung der wirtschaftlichen Tatsachen und Formen von der Volkswirtschaftslehre. Die Ethik hat nicht die Aufgabe, aprioristisch den wirtschaftlichen Tatsachen und Formen vorauszugehen. Sie kann diese nur prüfen auf ihre sittliche Erlaubtheit und Güte. Der oberste Maßstab der Sozialethik für jede Erwerbstätigkeit, die ja auf Leistung und Gegenleistung beruth, ist die ausgleichende Gerechtigkeit. Die Sozialethik befaßt sich nicht nur mit der einzelnen Unternehmerhandlung, sondern mit der Gesamtheit all dieser Einzelhandlungen, die sich zu einer Betriebsform zusammenschließen und einem besonderen Stand eigen sind.

Den Gang unserer Untersuchung können wir anschließen an die grundlegenden Funktionen jeder Unternehmung, an die  Unternehmerverantwortlichkeit,  die  Unternehmertätigkeit  und an den Unternehmungszweck, den  Unternehmergewinn. 


1. Unternehmerverantwortlichkeit

Die erste und wichtigste Funktion eines kapitalistischen Unternehmers ist die  Übernahme der Verantwortlichkeit für das Unternehmen.  Indem er ethisch, rechtlich und wirtschaftlich für sein Unternehmen haftet und einsteht, ermöglich und verwirklicht er diese Form des Wirtschaftens, die daher eigentlich ihren Namen erhalten hat, daß das Wirtschaftssubjekt jene Haftung und Verantwortlichkeit auf sich nimmt, sie unternimmt. Die Unternehmung ist viel mehr als jede andere wirtschaftliche Tätigkeit ein Wagnis mit ungewissem, unsicherem Ausgang, weil sie ganz und gar in ihrem Gelingen abhängt von der persönlichen geschäftlichen Tüchtigkeit dessen, der das Geschäft übernimmt.

Hat sich ein Unternehmer ein bestimmtes Erwerbsziel gesteckt, weil er nach seiner Berechnung erwarten kann, dabei Erfolg zu haben, so verschafft er sich aufgrund dieser Erwartung durch eine Reihe von entgeltlichen Verträgen die Wirtschaftsmittel. Er übernimmt die Verpflichtung des Entgelts für alle ihm zur Verfügung gestellten Mittel an Arbeitskraft, Naturkraft, Geld, Grund und Boden. Er macht alle diese Aufwendungen, um sie eigentlich in seinem Geschäft zu begraben, um sie darin auf- und untergehen zu lassen, nicht um sie darin sicher zu hinterlegen. Vom Gelingen des Geschäfts, vom Erfolg hängt es ab, ob sie je wieder daraus hervorkommen, und zwar vermehrt daraus hervorkommen, damit sich so das Unternehmen auch lohnt.

Ist diese Ungewißheit und Unsicherheit schon durch das Wesensmerkmal des Unternehmungsplanes, so noch viel mehr das seiner Durchführung. "Neue Rechtsfragen erheben sich, unbeachtete technische Faktoren bäumen sich empor, die Zeitverhältnisse wechseln und vertrieben die skeptischeren Mitarbeiter. Konkurrierende Unternehmungen sind im Schatten der Werkschöpfung entstanden und drohen, mit leichtfertigem Aufbau den Meister zu überflügeln. Umwälzungen der Weltwirtschaft bereiten sich vor und stellen die anfängliche ökonomische Berechnung in Frage. Daneben erschöpfen sich die Mittel. Denn allen Sicherheitsfaktoren zum Trotz sind die Kostenanschläge überschritten, während unabsehbare neue Neben- und Hilfsarbeiten als dringlich bezeichnet werden, die von den Bearbeitern des Projeks übersehen wurden. Dies ist der Moment, der in dämonischer Vorbestimmung irgendeine Katastrophe zu bringen pflegt, die sich außerhalb des Rahmens aller Voraussicht ereignet: Krieg, Erdbeben, Hochwasser, Feuersbrunst, Aufstand und Krisen haben auf diesen Zeitpunkt gewartet. Nun sieht sich der Initiator von allen verlassen ... Die öffentliche Meinung bemitleidet ihn, nicht ohne seine Unvorsichtigkeit und seinen Größenwahn ernsthaft zu rügen ..." (RATHENAU, Reflexionen, Seite 88f) So beschreibt ein Kenner die tausend Gefahren, die ein Unternehmen mit samt allem, was hineingesteckt wurde, vernichten können.

Die  Konkursstatistik  gibt ein ungefähres Bild von der wirtschaftlichen und vermögensrechtlichen Verantwortlichkeit der Unernehmer. Im Deutschen Reich gab es von 1898 - 1907 folgende Konkurse:

Konkurse   Ausfälle in Mark
1898:   7364
1899:   7742
1900:   8558
1901: 10569
1902:   9826
1903:   9627
1904:   9511
1905:   9357
1906:   9401
1907:   9855
      153 143 500
    165 237 200
    146 364 400
    175 689 300
    296 854 500
    253 246 000
    284 837 100
    435 691 800
    293 891 500
    245 942 500

Es waren also in einem Jahrzehnt rund 90 000 Konkurse mit 2. 5 Milliarden Mark an Verlusten (vgl. TILLE, Berufsstandspolitik I, Seite 20). Diese Zahlen reden aber nicht von jenen zahlreichen Unternehmungen, denen es zwar gelang, am Konkurs vorbeizukommen, deren Ertrag aber gleich Null war und die infolgedessen ebenfalls zugrunde gingen. Ferner ist zu bedenken, daß so nur ein kleiner Teil der vermögensrechtlichen Verantwortlichkeit statistisch erfaßt werden kann.

Soll nun die Unternehmung deshalb nicht einfach unterbleiben? Ist es nicht besser, gar nicht zu wagen, als alles ökonomische Können aufs Spiel zu setzen? Manchen geben diesen Rat. Und es scheint auch, als ob diese Unruhe und Ungewißheit eines Erfolges sich nicht recht mit dem christlichen Geist vertragen könne. Widersprechen nicht gerade die Worte CHRISTI diesem Sorgen- und Geschäftsgeist? Sind nicht in erster Linie diese schlimmen Begleiterscheinungen des Geschäftslebens, die Gefahr, ein Bankrotteur zu werden, das, was viele Christen als solche davon abhält, zu unternehmen und zu wagen? Ist nicht diese fortwährende Spannung des ökonomischen Existenzrisikos das, was der Entfaltung des christlichen Geistes im Innersten widerstrebt? Lauten nicht deshalb die Urteile mancher christlichen Ethiker so ungünstig über die kapitalistische Unternehmung? Ist es nicht besser, diese furchtbare Verantwortung, wie sie im Unternehmerbegriff eingeschlossen ist, einfach zu vermeiden? Ist es nicht besser für die sittliche Entwicklung des Volkes, wenn man die Leute von dieser Verantwortung zurückhält und ihnen andere minder verantwortliche und weniger gewagte Erwerbsarten empfiehlt als Arbeiter, Handwerker, Beamte usw. ? Vermindert nicht der Katholizismus in seinen Anhängern die Lust und den Wagemut zu größeren Unternehmungen, im Gegensatz etwa zum Protestantismus oder zum Judentum? Gibt nicht die Erkenntnis aus den statistischen Zahlen, die von der größeren Beteiligung der Nichtkatholiken in eben diesen Erwerbszweigen reden, dem recht, der dafür die katholische Moral verantwortlich macht?

Bereits W. H. RIEHL warf die Frage auf: "Weshalb gelten die protestantischen Gaue Deutschlands für arbeitsrühriger als die katholischen?" RATZINGER, dem diese Frage ganz gelegen ist, beantwortet sie mit dem Hinweis auf die andere Auffassung des Erwerbslebens seitens der Protestanten. "Die Arbeit im katholischen Bauernvolk des Südens beruth heute noch, wie auch RIEHL dies zeigt, auf den  alten  behaglichen Sitten! Die katholische Vergangenheit kannte nur die mäßige Arbeit, welche dem Leben höheren Wert und Reiz verleiht. Das katholische Arbeitsleben der bäuerlichen Bevölkerung hielt daran fest, und diese hat heute noch vielfach ihre malerische und poesievolle Volkssitte bewahrt, während infolge der Arbeitsschinderei und der schmutzigen Erwerbssucht in den sogenannten arbeitsrührigen Gauen alle Poesie und Heiterkeit des Lebens geschwunden ist." RIEHL drückt dies euphemistisch in den Worten aus, daß die Volkssitte katholischer Gaue anderwärts "dem nüchternen Ernst des altprotestantischen Geistes gewichen sei". (Die Volkswirtschaft, Seite 232) Was RIEHL und RATZINGER hier nur im allgemeinen sagen, das wurde neuerdings durch die Untersuchungen von OFFENBACHER, MAX WEBER, SOMBART etc. mehr und mehr zu einer ganzen Theorie verdichtet und durch geschichtliche und statistische Tatsachen der verschiedenen wirtschaftlichen Lage von Katholiken und Protestanten darzustellen bemüht war (Konfession und soziale Schichtung 1900), hat MAX WEBER in seinem Aufsatz "Protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus" direkt nachzuweisen versucht, daß der moderne Kapitalismus, das Wesen der kapitalistischen Unternehmung auf die Ethik des asketischen Protestantismus, des Calvinismus, zurückzuführen sei. Noch weiter ging, angerecht durch MAX WEBER, WERNER SOMBART in seinem Werk "Die Juden und das Wirtschaftsleben". Er sagt: "Puritanismus (Calvinismus) ist Judaismus" (Seite 293) und führt das Wesen des Kapitalismus auf das Judentum zurück.

Für die ethische Betrachtung stimmen diese verschiedenen Theorien über die Wurzeln des Kapitalismus darin überein, daß sie  die Entstehung der kapitalistischen Wirtschaftsordnung in Gegensatz bringen zur bestehenden überlieferten christlichen Sittenlehre und Sittlichkeit.  Nur insofern interessieren uns hier diese Theorien über die Entstehung des Kapitalismus, als man nur zu gern daraus Folgerungen ableitet für die Beurteilung der katholischen Moral einerseits und für die sittliche Pflicht der Katholiken im Wirtschaftsleben andererseits.

MAX WEBER geht so weit, daß er der katholischen außerweltlichen mönchischen Asketik gegenüber die innerweltliche protestantische Lebensführung betont. "Niemals ist mit dem Gesichtspung  omnia in majorem Dei gloriam  [Alles zum Lobpreis Gottes - wp] so bitterer Ernst gemacht worden" wie bei den Calvinisten, bemerkt WEBER (a. a. O. Seite 21 und 28). Zwar fänden sich die entscheidenden Gesichtspunkte einer "rationellen Lebensführung bereits in den Regeln des katholischen Mönchstums". Der Gegensatz aber lag darin: den Mönch drängte die Askese immer mehr aus dem Alltagsleben heraus. Der Calvinismus veranlaßte,  "innerhalb  des weltlichen Berufslebens asketischen Idealen nachzugehen." Die innerweltliche protestantische Askese, so faßt WEBER seine Ausführungen zusammen,  "entlastet im Effekt den Gütererwerb von den Hemmungen der traditionalistischen Ethik,  sie sprengt die Fesseln des Erwerbsstrebens, indem sie es nicht nur legalisiert, sondern direkt als gottgewollt ansieht" (ebd. Seite 21 und 99). Das große Hemmnis der kapitalistischen Entwicklung auf katholischer Seite war nach WEBER das Verbot des Zinsnehmens, das auf calvinistischer Seite nicht bloß gestattet, sondern als etwas Gutes anerkannt worden sei.

Noch weit schärfer betont WERNER SOMBART den Gegensatz der kapitalistischen Unternehmung zur überlieferten Ethik des Katholizismus. "Daß der Protestantismus, zumal in seinen Spielarten des Calvinismus und Quäkertums, die Entwicklung des Kapitalismus wesentlich gefördert hat, ist eine zu bekannte Tatsache, als daß sie des weiteren begründet zu werden brauchte" (Der moderne Kapitalismus I, Seite 380, vgl. GOTHEIN, Wirtschaftsgeschichte des Schwarzwaldes I, Seite 674). Bezeichnend ist nach SOMBART auch der Unterschied zwischen der Stellung eines  frommen  Juden und eines  frommen  Christen zum Erwerbsleben. "Dieser muß ja immer erst mit der Aufwendung von allerhand Kunstgriffen das  reichtums-  und erwerbsfeindliche Essäertum aus seinen (heiligen) Schriften  weg interpretieren. Welche Seelenangst muß der reiche Christ ausstehen, da ihm das Himmelreich verschlossen ist, gegenüber dem reichen Juden ... Und nun bedenke man: in was für einer ganz anderen Lage sich der fromme Jude befand als der fromme Christ in jenen Zeiten, als die Geldleihe über Europa hinging und langsam aus sich den Kapitalismus gebar. Während der fromme Christ, der "Wucher getrieben" hatte, sich auf seinem Totenbett in Qualen der Reue wand und rasch noch vor dem Tod sein Hab und Gut von sich zu werfen bereit war, weil es ihm als unrecht erworbenes Gut auf der Seele brannte, überblickte der fromme Jude an seinem Lebensabend schmunzelnd die wohlgefüllten Kästen und Truhen, wo die Zechinen angehäuft lagen, die er in seinem langen Leben dem elenden Christen- (oder auch Mohammedaner-) Volk abgezwackt hatte: ein Anblick, an dem sein frommes Herz sich weiden konnte, denn jeder Zinsgroschen, der da lag, war ja fast wie ein Opfer, das er seinem Gotte dargebracht hatte." ... Während der Christ unter der "entsetzlichen Last des Zinsverbotes" seufzte, sagte dem Juden seine Geschäftsmoral: "An Fremden darfst du deinen Schmu machen." (SOMBART, Die Juden, Seite 260, 286, 287, 289)

SOMBART beschreibt die jüdische Geschäftsmoral näher "als eine gewisse Indifferenz gegenüber den Mitteln, die man zur Erreichung des geschäftlichen Endzwecks anwenden muß". Es ist "die dem Kapitalismus innewohnende Tendenz zum  rücksichtslosen  Erwerb" in ihren ersten Anfängen. (ebd. Seite 173)

R. EHRENBERG weist in seinem Werk über das Zeitalter der Fugger ebenfalls hin auf die Minderung des sittlichen Einflusses als auf den Anfang des modernen Kapitalismus, weist hin auf "diese  neue  Lehre, welche nicht mehr sittliche Forderungen stellte, sondern zum erstenmal seit dem Altertum wieder unternahm, die wirtschaftlichen Dinge aus wirtschaftlichen Gesichtspunkten zu behandeln" ... (EHRENBERG, Thünenarchiv I, Seite 4f)

Derartige Bemerkungen, die zunächst nur die Herkunft des Kapitalismus beleuchten wollen, sagen zugleich, daß die katholische Ethik in ihrer traditionellen Gestalt in sich dem Wesen der kapitalistischen Unternehmung feindlich gegenüberstehe und eher die anderen Berufe begünstige, vorab die handwerksmäßige Bedarfsdeckung im wirtschaftlichen Leben. Gerade die  Loslösung von den ethischen Bindungen  habe deshalb den Kapitalismus und die kapitalistische Unternehmung günstig beeinflußt. Der Angelpunkt dieser Behauptung ist der immer wiederkehrende Hinweis auf das kirchliche Zinsverbot.

Es ist auch klar, wenn die ererbte christliche Sittlichkeit, wenn das kirchliche Gesetz wirklich den Mehrwert, der sich aus einer Geschäftsunternehmung ergab, zur verbotenen Frucht erklärte, dann allerdings konnte ein gewissenhafter Christ nicht ein solches Geschäft treiben. Wenn die Unternehmung in der Tat nichts anderes war als ein Bruch mit der christlichen Sittenlehre, als eine Emanzipation des niederen Erwerbstriebes und Goldhungers, dann dürfte die katholische Moral diese wirtschaftliche Tätigkeit nicht begünstigen oder billigen, sondern müßte sie energisch bekämpfen als etwas wesentlich Unchristliches, als Mammonismus. Nicht wenig zu dieser ethischen Auffassung, der wir da und dort begegnen, trug die liberale Schule der Wirtschaftslehre bei, die mit Vorliebe die kapitalistische Unternehmung im Gegensatz dachte und schilderte zur christlichen Sittlichkeit, so da es schien, als ob der gewissenlosere, sittlich weniger gebundene, weniger sich verantwortlich fühlende Wirtschaftsmensch den am besten geeigneten kapitalistischen Unternehmer abgäbe.  Die hohen sittlichen Qualitäten der Gewissenhaftigkeit und Verantwortlichkeit schienen ein Hindernis der wirtschaftlichen Betätigung zu sein. 

RADE sagt unter dieser Voraussetzung folgerichtig: "Solange er (der Kaufmann) emporstrebt, solange er im Kampf mit der Konkurrenz steht, ist es unmöglich, zugleich Christ zu sein und den Vorteil seines Geschäftes wahrzunehmen." (Religion und Moral, Seite 13) Wenn man aber gerade die erfolgreichen, gewinnreichen Unternehmungen und Geschäfte auf Machenschaften zurückführt, die den Grundsätzen der Gerechtigkeit im Wege stehen, dann ist damit das kapitalistische Erwerbsleben überhaupt getroffen und verurteilt. Denn zum Wesen der kapitalistischen Unternehmung gehört, daß sie Erfolg hat. Erfolglose Unternehmungen haben ihren Grund in Fehlern, die seitens des Unternehmers gemacht werden und bedeuten einen Verlust nicht bloß für diesen, sondern für die ganze Volkswirtschaft. Mit Verlust oder auf Verlust hin arbeiten ist deshalb ebenso unwirtschaftlich wie unmoralisch.

Die Kernfrage ist also die: Ist eine erfolgreiche Unternehmung wesentlich an unmoralische Machenschaften geknüpft? Und zwar in der heutigen Geschäftslage, in der gegenwärtigen Volkswirtschaft? Heute wo viele Unternehmer sich nicht gebunden fühlen durch das christliche oder auch nur durch das natürliche Sittengesetz? Heute, da viele Geschäfte durch brutale Vergewaltigung der Konkurrenz, durch unreelle skrupellose Geschäftsführung, durch rücksichtslose Ausbeutung Untergebener Gewinn erstreben? Wenn ja, dann ist die kapitalistische Unternehmung als solche unvereinbar mit den Grundsätzen des Christentums, und die kapitalistische Wirtschaftsordnung muß von ihm bekämpft werden. Die Auffassung des Liberalismus, die diese und insbesondere den Erfolg der Unternehmung zurückführt auf eine Lockerung ethischer Verpflichtungen, legt diese Forderung nahe.

Daß diese Auffassung aber oberflächlich und unrichtig ist, ergibt sich aus folgender Überlegung. Das der kapitalistischen Unternehmung eigentümliche Wesensmerkmal ist unstreitig die volle Verantwortlichkeit für das unternommene Geschäft. Die volle Verantwortlichkeit fordert aber als unumgänglich notwendig vom Unternehmer  höchste Gewissenhaftigkeit.  Selbst ALEXANDER TILLE, der sonst stark gegen die Moral zu Felde zieht, weil er meint, sie beeinträchtige den kapitalistischen Unternehmer, muß feststellen: "Wer sich nicht bei jedem Schritt, den er als Unternehmer tut, bewußt ist, ob er ihn verantworten kann, oder ob er damit die Mittel des Unternehmens überschreitet, die gesetzlichen Bestimmungen übertritt, die Gesundheit und das Leben der in der Ertragswirtschaft Tätigen gefährdet, andere gegen Treu und Glauben schädigt oder hinter den zum Erfolg erforderlichen Leistungen zurückbleibt, der taugt nicht zum Verantwortlichkeitsträger für eine ganze Ertragswirtschaft. Es sind  in erster Linie  sittliche Eigenschaften, welche für diese Verantwortlichkeit notwendig sind: Ehrlichkeit, Worthalten, Achtung vor Treu und Glauben, Gewissenhaftigkeit und Selbstbeherrschung". (Berufsstandspolitik I, Seite 21) Schon viel wert ist, daß hier die Verantwortlichkeit überhaupt auf ethische Eigenschaften gegründet wird. Daß die Gewissenhaftigkeit eigentlich die anderen in sich schließt, braucht wohl nicht näher nachgewiesen zu werden.

Die Gewissenhaftigkeit aber besteht in  der möglichst klaren Erkenntnis der Folgen jeder Handlung und in dem darauf gründenden wirtschaftlichen Handeln.  Gewissenhaftigkeit verlangt also ein Handeln aus der Erkenntnis des Ursachenzusammenhangs heraus und nicht ein blindes Spielen mit dem Zufall: "Spieler sterben gewöhnlich arm", sagt CARNEGIE auch schon im Hinblick auf den wirtschaftlichen Erfolg (Kaufmanns Herrschgewalt, Seite 3). Gewissenhaftigkeit ist in die Geschäftssprache übersetzt die  Präzision,  die Treffsicherheit im Erfassen des günstigen Augenblicks, "eine Kunst, die darin besteht, daß man von jedem neuen Ereignis sich die großen und kleinen Folgen klar zu machen sucht". (RATHENAU, Reflexionen, Seite 99). Diese Präzision muß sich auf alles erstrecken, was in den Rahmen der Unternehmung gehört: auf den Geldmarkt, den Arbeitsmarkt, den Bodenwert, auf die Arbeitswilligkeite und Arbeitsfähigkeit der Lohnarbeiter, auch auf die möglichen wirtschaftlichen, sozialen und ethischen Folgen einer falschen Behandlung der Arbeiter, oder einer schlechten Ausnützung, einer Verschwendung der Rohstoffe, einer falsch angewandten Sparsamkeit im Anlagekapital für bessere Maschinen oder für Wohlfahrtseinrichtungen in der Fabrik. Diese Präzision muß sich ferner vor allem klar sein über die Schäden einer einseitigen Interessenpolitik und Vernichtung wertvoller Berufsstände. Diese Präzision wird nicht zuletzt gerade die  ethischen  Faktoren in ihrer überragenden Bedeutung für den Geschäftserfolg werten.

Hat der Unternehmer an irgendeinem Punkt des wirtschaftlichen Komplexes, dessen Schöpfer und Organisator er ist, den Ursachenzusammenhang  nicht  beachtet oder falsch in Rechnung gestellt, so wird sich diese Nachlässigkeit rächen in einem fehlerhaften Ergebnis, das bei der Unternehmung nicht auf dem Papier stehen bleibt, sondern sich in wirtschaftlichen Tatsachen zeigt. Wobei natürlich nicht gesagt ist, daß solche Fehler in der individuellen Unternehmung sich jedesmal durch individuellen äußeren Erfolg zeigen müßten. Im Gegenteil wissen wir ganz gut, wie auch unreelle Machenschaften, z. B. die Ausbeutung von Arbeitern oder die unwirtschaftliche Vernichtung von Sachgütern zu äußeren Augenblickserfolgen führen kann. Aber die Erfahrung lehrt auch, daß eine systematische Durchführung solcher Maßregeln, wie wir sie z. B. aus der englischen Industrieentwicklung kennen, diese Industrieunternehmen selber allmählich schwer schädigt und ihnen den festen Boden unter den Füßen wegzieht. Das Probestück der Gewissenhaftigkeit des Unternehmers ist aber trotz allem der Erfolg, dieser allerdings nicht bloß als Individualerfolg, sondern auch als  Sozialerfolg  verstanden.

Wenn das Kapital ohne Mehrwert oder gar in seinem Wert vermindert aus der Unternehmung hervorgeht, so ist sie eine erfolglose, eine wirtschaftlich schlechte Unternehmung. Dieser kapitalistische Grundsatz ist aber nur dann vollgültig und wahr, wenn unter Kapital überhaupt alles verstanden wird, was in die Unternehmung hineingesteckt und in ihr umgesetzt wird, alles, was der Verantwortlichkeit des Unternehmers unterliegt. Das ist aber nicht bloß der Preis der Arbeits- und Wirtschaftsmittel, sondern das ist auch der natürliche Bestand dieser Mittel, soweit es nicht Verbrauchsgüter sind, d. h. nicht solche, die im Gebrauch zugleich verbraucht werden, wie etwa die Speisen, die Rohmaterialien usw., sondern Güter, wie etwa der Grund und Boden, die Naturkräfte, die menschliche Arbeitskraft, die sittlichen Kräfte der Wirtschaftenden.

Besteht der Ertrag der Unternehmung nur in er Aneignung eines Teils des natürlichen Bestandes der Wirtschaftsmittel, also in der Ausbeutung der Ertragsquellen, wie etwa des Grund und Bodens, wird also kein Ersatz geleistet für das, was herausgeschöpft wird, so ist der  Ertrag nur ein Augenblickserfolg, ein Raubbau, eine Verminderung des Kapitals  und infolgedessen der Beweis eines kapitalistisch schlechten Unternehmens.

Raubbau treibt die Landwirtschaft, die es an der nötigen Bodenpflege fehlen läßt. Raubbau kann aber auch getrieben werden mit den physischen und ethischen Kräften der Lohnarbeiter, indem ihnen weniger Lohn gegeben wird, als sie brauchen, um ihre Arbeitskraft aufrechtzuerhalten, oder indem sie sittlich korrumpiert werden. Raubbau ist die Verschwendung oder das sinnlose Verderben von Natur- und Bodenschätzen und Naturkräften. Raubbau ist vor allem auch  das Verderben der sittlichen Qualität der wirtschaftenden Menschen durch ihre wirtschaftliche Tätigkeit. 

Man ist gewohnt, die Verluste der sittlichen Qualität nicht in die geschäftliche Rechnung der Unternehmung mit einzubeziehen. Ja, es könnte vielleicht scheinen, als ob ihre Einrechnung ins Wirtschaftskapital darin einen Fremdkörper darstelle. Sobald wir uns jedoch darüber klar sind, daß die Verantwortlichkeit ein wesentlicher Bestandteil der kapitalistischen Unternehmung ist, fällt dieses Bedenken weg. Denn Verantwortlichkeit gründet auf sittlicher Qualität. Ist diese sehr vermindert, wie etwa bei sittlich korrumpierten Menschen, so leidet darunter auch die Verantwortlichkeit. Denn diese wird dann eben nicht nach allen Seiten hin so gewissenhaft übernommen und durchgeführt, als es für das Vollunternehmen nötig und wünschenswert wäre.  Ein sittlich weniger hochstehender Mensch wird sich als Unternehmer auf die durch die bürgerliche Rechtsordnung geforderte Verantwortlichkeit und Haftbarkeit beschränken und sein Augenmerk nur auf die wirtschaftlichen Folgen seines Handelns für sich selber sehen,  sich aber nicht weiter um die sozialen Folgen und noch viel weniger um die sittliche Natur und Wirkung seines Handelns kümmern. Ein solches Verhalten ist also eine große Einschränkung der Verantwortlichkeit und muß darum auch im Erfolg der Unternehmung zum Ausdruck kommen. Deshalb ist die Minderung der sittlichen Qualität des Unternehmers durch irgendwelche Machenschaft eine Wertminderung des natürlichen Bestandes der Wirtschaftsmittel. Daher ist dann auch ein Erfolg, der wie etwa der Betrug oder die Ausbeutung nur durch eine Minderung der in einem Unternehmen inverstierten sittlichen Qualität erkauft wird, ebenso ein  verschleierter wirtschaftlicher Verlust,  wie jeder andere Raubbau.

Alles was daher die Gewissenhaftigkeit der Unternehmer steigert und die Gewissenlosigkeit, Skrupellosigkeit und damit die Raubwirtschaft in jeder Form bekämpft, ist eine Förderung der kapitalistischen Unternehmung, kein Hindernis für sie.  Es ist kein Wirtschaftsmoralismus, was mit dieser Betonung der ethischen Grundlagen des Kapitalismus geltend gemacht wird, sondern eine sittliche Rechtfertigung der echten kapitalistischen Unternehmung gegenüber jenem Pseudokapitalismus, der den Reichtum eines Volkes aufzehrt und vernichtet. Der echte Kapitalismus macht durch die Verantwortlichkeit und Gewissenhaftigkeit des Unternehmers seinen Individualerfolg zu einem Sozialerfolg für das ganze Land, d. h. zu einer wirklichen, nicht bloß scheinbaren Vermehrung der wirtschaftlichen Güter.

Feinsinnig bemerkt RATHENAU, der Aufschwung Deutschlands sei nicht der glücklichen Lage unseres Landes, nicht den reichen Bodenschätzen, sondern dem Geist, "ethischen Werten" zu danken. (Reflexionen, Seite 130f) "Wissenschaft als Technik und Beamtentum als Element der Organisation haben unser neueres Wirtschaftsleben geschaffen. Es gibt heute kein Land, das so wissenschaftlich, so straff organisiert, so forschungslustig und so sparsam seine Produktion betreibt wie Deutschland. Bewundernswert ist diese Sparsamkeit; ohne sie könnten die kargen Rohstoffe des Landes die Herde der Industrie nicht erwärmen. Außer Asche und Rauch gehen wenige Produkte in Deutschland verloren, und es ist vielleicht hart, aber nicht zuviel gesagt, wenn man behauptet, daß wir von Rückständen leben." Die diesem Aufschwung zugrunde liegenden ethischen Werte sind aber mit einem Wort die Gewissenhaftigkeit in der Durchführung der Unternehmerverantwortlichkeit. Ohne diese Gewissenhaftigkeit wäre die Technik und Organisation der Unternehmungen undenkbar, und diese hätten ihre Leistungen nicht vollbringen können. Je größer die Unternehmung ist, desto schwerer rächen sich kleine und kleinste Defekte an irgendeiner Stelle der Technik oder Organisation. "Die Vorliebe oder Abneigung eines verantwortlichen Beamten für oder gegen einzelne Gebiete oder Gepflogenheiten, die Indifferenz oder Überempfindlichkeit des Organisationskörpers gegen Anforderungen des Marktes oder des Publikums, fehlerhafte Zeiteinteilung oder Tolerierung kleiner Vergeudungen: alles diese Defekte können große Unternehmungen in der Reihe der Mitbewerbenden distanzieren oder vernichten" (RATHENAU, Reflexionen, Seite 101).

Man mag vielleicht einwenden, daß durch die weit ausgreifende Spannung der Unternehmerverantwortlichkeit, weit über die bloß individuellen wirtschaftlichen Folgen des Unternehmens hinaus, dieser Beruf zu stark idealisiert würde und daher die vorstehenden Grundsätze für das praktische Handeln unbrauchbar seien.

Gewißm, die Unternehmung, das "Geschäft" wird durch die sozialethische Auffassung der Unternehmerverantwortlichkeit gehoben. Das ist aber sicherlich kein Schaden, sondern ein großer Vorzug und dient nur dem Unternehmer zur Veredelung des persönlich-sittlichen Lebens und zur Erhebung und Erlösung dieser Wirtschaftsform aus den Fesseln des Mammonismus. Der kapitalistische Unternehmer wächst in diesem Ideal seiner Verantwortlichkeit zu einer Größe und Bedeutung für die Gesamtheit heran, die seine ganze Arbeit adelt.

Freilich ist es nicht leicht, dieses Ideal zu verwirklichen. Eben deshalb ist aber für den, der ehrlich danach strebt, gerade die geschäftliche Laufbahn, um mit CARNEGIE zu reden, "eine strenge Schule aller Tugenden" (Kaufmanns Herrschgewalt, Seite 137) und  in dem  Sinn können wir auch dem anderen Wort dieses philosophierenden Unternehmers beipflichten: "Nach meiner Überzeugung ist die Lebensaufgabe eines großen Kaufmanns, eines Bankiers oder eines Führers auf industriellem Gebiet besonders günstig zur Entfaltung geistiger Kräfte und zur Betätigung eines gereiften Urteils über eine große Zahl bedeutender Dinge, sowie zur Befreiung von Vorurteilen und zur Aufrechterhaltung freier Anschauungen. Ebenso weiß ich, daß dauernder Erfolg nur durch offenes und ehrenhaftes Handeln, verbunden mit tadellosen Lebensgewohnheiten, mit gesundem Menschenverstand und seltener Urteilskraft über alle menschlichen Lebensbeziehungen zu erreichen ist." Dem Sozialethiker ist dieses Bekenntnis eines alten Geschäftsmannes und seine Anerkennung ethischer Werte für das wirtschaftliche Leben eine nicht zu unterschätzende Tatsache und eine Bestätigung des Gesagten.

Weil die Unternehmerverantwortlichkeit sich nicht auf den Individualerfolg beschränken darf, sondern weiter ausgreifend auch den Sozialerfolg in ihren Gesichtskreis ziehen muß, so ist damit prinzipiell auch  die soziale Betätigung des Unternehmers in der Wohlfahrtspflege und in der sozialen Reform gefordert. 

Der wahre Kapitalismus ist kein Feind weder der sozialen Gesetzgebung noch der rechtlichen und ethischen Bindungen und Verpflichtungen überhaupt. Denn das alles sind für den Unternehmer  Hilfen seiner Verantwortlichkeit.  Das individuelle Unternehmergewisen kann selbst beim besten Willen oft nicht die weittragenden Wirkungen gewisser wirtschaftlicher Handlungen übersehen. Kommt zum physischen Unvermögen noch die durch Standesvorurteile oder durch die Erwerbsleidenschaft geblendete Vernunfteinsicht, so können gewaltige Schädigungen des Volkskörpers gerade aus der Unternehmertätigkeit entsprnigen. Viele verhütende Maßnahmen erscheinen dem wirtschaftenden Subjekt durchaus überflüssig und werden einfach deshalb unterlassen, obgleich ihre Unterlassung in der Folge sich bitter rächt. So z. B. hat sich in den meisten Kulturstaaten die Erkenntnis vom Wert und der Wichtigkeit der Kranken-, Unfall- und Invaliditätsversicherung gerade für die Unternehmungen noch lange nicht durchgerungen und wird von vielen Unternehmern deshalb übersehen.

Sozialrechtliche und -ethische Erkenntnisse, die sich zu Normen und Gesetzen verdichtet haben, sind so wenig ein Hindernis für den Unternehmer, daß sie vielmehr eine  Ergänzung des beschränkten Individualgewissens durch soziale Weisheit  sind und daher die Unternehmerverantwortlickeit erleichtern. Jene sittlich-rechtlichen Normen sind höhere soziale Lebenserfahrung und Lebenskenntnis, gewonnen aus einer längeren, das einzelne Menschenleben überdauernden und weiterschauenden sittlichen und wirtschaftlichen Erziehung. Daß hierbei der mächtigste Erziehungsfaktor, das Christentum und die Kirche, keinen kleinen Anteil hat, das liegt auf der Hand. Wir brauchen nur darauf hinzuweisen, daß sich solche sozialpolitischen Normen überhaupt erst in christlichen Staaten Eingang verschafften.

Der von der Tragweite seiner Verantwortlichkeit überzeugte Unternehmer wird daher gern eine solche Unterstützung und Wegeleitung annehmen, weil diese ihn den Sozialerfolg seiner Unternehmung leichter erringen läßt. Ein solcher Unternehmer muß im eigensten Interesse wünschen und anstreben, daß seine Lohnarbeiter nicht durch niedrige Löhne und eine Unsicherheit der Existenz in ihren Qualitäten herabgemindert werden. Er wird im Gegenteil womöglich der Gesetzgebung vorauseilen mit der Erstellung von Wohlfahrtseinrichtungen und Schutzmaßnahmen für Gesundheit und Leben seiner Arbeiter, wie wir es ja gerade bei unseren größten und besten Unternehmungen sehen. Die deutsche Arbeitgeberzeitung vom 9. Oktober 1904 schrieb deshalb treffend: "Im allgemeinen liegen die Verhältnisse so, daß die Errichtung von Wohlfahrtseinrichtungen gerade durch das Interesse der Arbeitgeber selbst bedingt ist ... Die Arbeitgeber müssen einsehen lernen, daß Arbeitsnachweise, Pensionskassen und Arbeiterwohnungen, sobald sie von Arbeitgebern eingerichtet und verwaltet werden, Institutionen darstellen, die zwar den Arbeitern zum Vorteil gereichen, zugleich aber auch in nachhaltiger Weise den Interessen der Arbeitgeber dienen." ... Und der bekannte Arbeiterführer GIESBERTS hat ausdrücklich anerkannt, daß KRUPP neben den vorzüglichsten Wohlfahrtseinrichtungen auch die besten Lohn- und Arbeitsverhältnisse habe (Kölner Volkszeitung vom 7. Juni 1910), ein Beweis, wie die soziale Hebung der Arbeiter und eine erfolgreiche Unternehmung durchaus keine Gegensätze bilden, sondern zusammengehören. Das Menschenmaterial einer Volkswirtschaft ist für den kapitalistischen Unternehmer von höchster Bedeutung, und daher sind Gesetze, die den Bestand und die Qualität der Bevölkerung schützen und heben, im eigentlichen Sinn eine Hilfe für das Unternehmen.

Selbst ALEXANDER TILLE, der stark gegen die sozialpolitische Gesetzgebung des Deutschen Reiches zu Felde zieht, und deshalb sogar von einer "klassenmoralistischen Bundesratsmehrheit" spricht (Berufsstandspolitik III, Seite V), muß die wirtschaftliche Bedeutung dieser Gesetzgebung anerkennen. Er sagt vom Wirken der Reichsversicherung: "Es bedeutet ein wirtschaftliches Umgehen mit der Volkskraft, ein Wirtschaften mit ihr". Und er führt dabei die allerdings etwas sentimentalen Worte FUSTERs an: "Das Geld, das für die deutsche Lohnarbeiterversicherung ausgegeben wird, erscheint in tausend Gestalten wieder. Es wird zu Familienglück, Gesundheit und Menschenwürde, es schafft ein starkes lebenskräftiges Deutschland, das ewig dauern wird." (ebd. III, Seite 181f)

Ähnliches wie von der Versicherungsgesetzgebung gilt von den gesetzlichen Maßnahmen, die einer Unterbietung der heimischen landwirtschaftlichen wie industriellen Produktion durch das Ausland (Schutzzölle!) oder einer Verschleuderung der Bodenschätze des Inlands an das Ausland entgegenwirken, wie etwa die gesetzliche Regelung des Kalibergbaus für Deutschland. Vom gleichen Standpunkt aus ist auch die Börsengesetzgebung sozialethisch zu beurteilen. Wenn sie die Börse reinigt von unreellen Geschäften und Geschäftsabschlüssen, wenn sie die unfähigen, unsoliden Spekulanten, die nur spielen wollen und durch die Spielgelegenheit angelockt werden, vom Markt fern hält, so geschieht das alles nicht bloß im Interesse des übrigen Volkes, sondern vor allem in einem kapitalistischen Interesse, weil dadurch das Volksvermögen geschützt wird gegen aufzehrenden Raubbau.
LITERATUR Franz Keller, Unternehmung und Mehrwert, Köln 1912