ra-2ra-1H. AlbertJ. BinderW. Sombart    
 
ALFRED AMONN
Objekt und Grundbegriffe der
theoretischen Nationalökonomie


"Es kommt alles auf den prinzipiellen Ausgangspunkt an, wie er sich in der früher üblichen Behandlung der Frage nirgends findet, und da kann sich der Nationalökonom  heute  auf das logische Fundament stellen, das ihm die logische Fachwissenschaft  jetzt  bietet - oder muß selbst Logiker werden und sich einen prinzipiellen Standpunkt schaffen, ehe er nationalökonomische Methodologie treibt. Es kann nicht mehr nur für und wider bestimmte  Lösungen  argumentiert werden, sondern es kommt alles schon auf die prinzipielle  Problemstellung  an. Und es muß dabei vor allem festgehalten werden, daß das nationalökonomische Methodenproblem ebensosehr ein Problem der Logik ist wie der Nationalökonomie, - natürlich nicht weniger ein Problem der Nationalökonomie als der Logik. Der Logiker kann es für das Gebiet der Nationalökononie nicht lösen, der Nationalökonom aber nicht, ohne sich an der Logik zu orientieren."

"Was  volkswirtschaftliche Erscheinungen  oder  Tatsachen  sind, kann man wohl da und dort in mannigfaltiger und umständlicher, oft auch dunkler und weitschweifiger Weise beschrieben und umschrieben finden, aber selten wird ein logischer Grund dafür angegeben,  warum  man die so beschriebene und umschrieben Gruppe von Tatsachen oder Erscheinungen als eine Klassen von solchen  spezifischer  Art auffaßt, die einer gleichen Gesetzmäßigkeit unterliegen und einer besonderen einheitlichen wissenschaftlichen Betrachtungsweise zugänglich sind, über welche allgemeine Aussagen gemacht werden können und die  dadurch  den Gegenstand einer eigenen selbständigen Wissenschaft ausmachen."


Vorwort

Schon in meinem Aufsatz über den "Gutsbegriff" in der "Zeitschrift für Volkswirtschaft, Sozialpolitik und Verwaltung" (Bd. 19, 1910) habe ich die Prinzipien angedeutet, denen meines Erachtens alle spezifische nationalökonomische Erkenntnis unterworfen ist. Ich habe dort aufs Geratewohl einen der geläufigsten "Grundbegriffe" aus einer langen Reihe gleichgearteter Genossen hervorgezogen und zum Demonstrationsobjekt gemacht, um an ihm gleichsam an einem Schulbeispiel zu zeigen, zu welch unlösbaren Schwierigkeiten, Ungereimtheiten und Widersprüchen, zu welch gleichgültigen Begriffsanalysen und haltlosen Begriffskonstruktionen, zu welch end- und ergebnislosen Debatten die bisher in nationalökonomischen Dingen allgemein geübte Methode führt. Ich habe hier nun den Versuch unternommen, die kritischen Grundgedanken und leitenden Ideen jener Abhandlung auf die Gesamtheit jener Lehren zu übertragen, die man üblicherweise in einer Einleitung zur Nationalökonomie als "Elemente oder Grundbegriffe der Volkswirtschaftslehre" zusammenzufassen pflegt.

Die vorliegende Arbeit ist also zunächst vorwiegend kritischer Natur, führt aber überall gerade auf diesem kritischen Weg zu positiven Feststellungen hinüber, die in ihrer Gesamtheit eine neue Auffassung vom Wesen und den Voraussetzungen der spezifisch nationalökonomischen Erkenntnis bedeuten. Nach beiden Richtungen hin, nach der kritischen wie nach der positiven, mußte ich mir notgedrungen gewisse Beschränkungen auferlegen. Die Kritik, insbesondere die literaturhistorische, mußte sich auf die geläufigsten Ansichten beschränken und auch gewisse bedeutsame Auffassungen, die abseits von der historischen Entwicklung stehen, aus dem Kreis ihrer Betrachtung ausschließen, um bei der Fülle des Materials nicht an Durchsichtigkeit und Klarheit insbesondere in Bezug auf den Zusammenhang mit den positiven Ausführungen einzubüßen. Der positive Teil mußte beschränkt werden auf die Klarlegung der methodologischen Grundlagen der nationalökonomischen Problemstellungen und konnte nicht auch auf die sachliche Behandlung der einzelnen Probleme eingehen. Was der Arbeit also fehlt, ist die literaturkritische Vollständigkeit des ersten und der sachliche Ausbau des zweiten Teiles. Das eine würde aber schlechthin eine Geschichte, das andere ein System der theoretischen Nationalökonomie bedeuten, beides Aufgaben, die die Arbeit eines Lebens auszufüllen vermöchten.

Aber abgesehen von diesen Unvollkommenheiten, ist ihr eigentliches Ziel darin gelegen, die  Richtung  aufzuzeigen, welche das nationalökonomische Denken gehen muß, wenn es zu immer vollkommenerer Erkenntnis des sozialen Seins, das ihrer Betrachtung unterworfen ist, fortschreiten will. Darauf zielen ja alle methodologischen Untersuchungen ab, die gerade in letzter Zeit eine ebenso erfreuliche Vertiefung als Vermehrung erfahren haben.

Das methodologische Interesse ist in jüngster Zeit wieder kräftig erwacht. Das ist ein Zeichen, wie ungeklärt noch die Anschauungen über das Wesen und das Verhältnis der verschiedenen nationalökonomischen Disziplinen sind und wie stark das Bedürfnis nach Klärung empfunden wird. Der alte Methodenstreit ist ergebnislos verlaufen. Möge den neuen methodologischen Auseinandersetzungen ein befriedigenderer Erfolg beschieden sein! Ein Beitrag dazu sol in dieser Arbeit gesehen werden.



I. Abschnitt
Das Methodenproblem und das
Problem der Objektbestimmung


Erstes Kapitel
Zur Einführung

Drei Probleme  fundamentaler  Natur stehen in logischer Hinsicht am Anfang einer jeden Wissenschaft: Objekt, Aufgabe und Methode. Ihre Lösung hat notwendigerweise eine richtige Bestimmung ihres gegenseitigen  Verhältnisses,  bzw. ihrer logischen Abhängigkeit voneinander zur Voraussetzung und der Weg dahin führt zunächst in das Gebiet der reinen Logik. Die nationalökonomische Methodologie hat dies lange nicht beachtet, und selbst wo ein flüchtiger Blick auf diese Problemverknüpfung fiel, wurde ihr keine dem Ernst der Sache angemessene Aufmerksamkeit zugewendet. Insbesondere diese Fragen auf  logischem  Grund zu verankern, hat man bis in die neueste Zeit herein gänzlich vermieden und die überraschende Ergebnislosigkeit des mit so viel Eifer und Energie geführten und fast ein Jahrzehnt hindurch die ganze Wissenschaft beherrschenden Methodenstreits ist zum wesentlichen Teil auf diesen Mangel der logischen Fundamentierung und auf die daraus fließende Unklarheit in Bezug auf das logische Verhältnis der drei Probleme zueinander zurückzuführen. Man könnte sagen, es fehlte den Nationalökonomen an der rechten Methode, die Methodenfrage zu lösen.

Das ist in neuerer Zeit anders geworden. Als die jugendlich vorwärtsstrebende, neue Bahnen erschließende "Historische Schule" sich mit den Vertretern der alten, ausgelebten, am Ende ihrer Weisheit angelangten klassischen Theorie um die "richtige" Auffassung des gesellschaftlich-wirtschaftlichen Lebens der Völker und Staaten und um den spezifischen Charakter der Nationalökonomie als  Sozialwissenschaft  stritt, hatte die logische Fachwissenschaft nichts zur Lösung der hier zugrunde liegenden Probleme zu bieten und die  Nationalökonomen  hielten es weder für nötig, noch fanden sie sich berufen,  als Logiker  hier zu ersetzen, was fehlte, was aber doch für eine erfolgreiche Behandlung jener Problem als unerläßliche Voraussetzung gelten muß. So entbehrte der Methodenstreit in seiner ersten Phase jeder prinzipiellen, tiefer greifenden und dadurch zu einer Klärung hinleitenden Gesichtspunkte.

In jene dilettantische, nirgends grundsätzlich orientierte Behandlung der kurzerhand als  Methodenfrage  bezeichneten Probleme griffen CARL MENGERs "Untersuchungen über die Methode der Sozialwissenschaften" (1883) mächtig ein; - aber mit einem eigentümlichen Erfolg. Anstatt den Streit zu mildern, haben sie ihn bis zur Siedehitze entfacht; anstatt die gegensätzlichen Standpunkte zu klären und ihre Vertreter zur Besinnung auf ihre eigenen richtigen oder irrtümlichen, zulänglichen oder unzulänglichen, eindeutigen oder widerspruchsvollen  logischen Voraussetzungen  und Annahmen zu bringen, haben sie ine noch schroffere Betonung der wirklichen oder vermeintlichen Gegensätze, eine noch schärfere Formulierung der von Anfang an einseitigen und unklaren Auffassung zur unmittelbaren Folge gehabt; anstatt die Gegner zu  einen  - nicht etwa im Sinn der bestimmten hier dargebotenen Lösung, aber auf dem Boden der hier zum Ausgangspunkt gemachten oder einer ähnlichen prinzipiellen logischen Grundanschauung, von der aus eine Lösung angestrebt werden muß - haben sie sie weiter denn je entzweit (1). Die die MENGERs "Untersuchungen" vor allen anderen auszeichnende  logische Fundamentierung  des Problems und die  darauf gegründete Konsequenz  der Lösung wurde gar nicht beachtet. Es wurde lediglich über die Lösung selbst mit den alten unzulänglichen Argumenten weiter gestritten.

Inzwischen hat sich die  logische Fachwissenschaft  dieser Probleme, die ja nicht nur auf dem Gebiet der Nationalökonomie, sondern ebensosehr auf dem weiten Gebiet der Geschichte und darüber hinaus ihre Rolle spielen, bemächtigt, sie aus der unmittelbare Verbindung mit dieser oder jener Fachdisziplin herausgehoben und vom rein logischen Standpunkt aus einer Betrachtung unterzogen (2). CARL MENGER erlebte es, daß der grundlegende Gesichtspunkt, von dem aus er die methodologischen Probleme der Nationalökonomie zu lösen unternommen hatte, von der logischen Fachwissenschaft selbst als Prinzip für die Erkenntnis des eigentümlichen logischen Charakters und der eigenartigen logischen Struktur der Wissenschaften überhaupt aufgestellt wurde (3). Der prinzipielle Gegensatz, den MENGER unter diesem Gesichtspunkt zwischen  theoretischer  und  historischer  Betrachtung statuierte, kehrt in der modernen Logik in verschiedenen Formulierungen wieder, als Gegensatz zwischen "nomothetischer" und "ideographischer" Denkweise (WINDELBAND), "naturwissenschaftlicher" und "historischer" Erkenntnis (RICKERT), "Gesetzeswissenschaft" und "Wirklichkeitswissenschaften". Den Naturwissenschaften wurden als unter logischem Gesichtspunkt verschieden die  Geisteswissenschaften  gegenübergestellt (WUNDT und DILTHEY), der naturwissenschaftlichen Logik trat eine  kulturwissenschaftliche bzw. eine Logik der Geschichtswissenschaft zur Seite.

Alsbald sind dann Versuche unternommen worden, die Ergebnisse der modernen Logik direkt für das Methodenproblem der Nationalökonomie zu nutzen, ihre Anwendbarkeit auf das Gebiet der nationalökonomischen Methodologie zu erproben (4). Damit hat der Methodenstreit nicht nur eine unvergleichliche Vertiefung erfahren, sondern überhaupt einen ganz anderen Charakter angenommen. Der alte Streit um Induktion und Deduktion vermag heute niemanden mehr ein ernstes Interesse abzugewinnen, er scheint so recht die erste, naive, unorientierte Auffassungsweise des ganzen Problems zu deklarieren. Es kommt nunmehr alles auf den prinzipiellen Ausgangspunkt an, wie er sich in der früher üblichen Behandlung der Frage - MENGER ausgenommen - nirgends findet, und da kann sich der Nationalökonom  heute  auf das logische Fundament stellen, das ihm die logische Fachwissenschaft  jetzt  bietet - oder muß selbst Logiker werden und sich einen prinzipiellen Standpunkt schaffen, ehe er nationalökonomische Methodologie treibt. Es kann nicht mehr nur für und wider bestimmte  Lösungen  argumentiert werden, sondern es kommt alles schon auf die prinzipielle  Problemstellung  an. Und es muß dabei vor allem festgehalten werden, daß das nationalökonomische Methodenproblem (in dem üblichen weiteren Sinn) ebensosehr ein Problem der Logik ist wie der Nationalökonomie, - natürlich nicht weniger ein Problem der Nationalökonomie als der Logik. Der Logiker kann es für das Gebiet der Nationalökononie nicht lösen, der Nationalökonom aber nicht, ohne sich an der Logik zu orientieren.

Diese Orientierung hat nun zunächst mit der Beantwortung jener rein logischen Vorfrage nach dem gegenseitigen Verhältnis jener drei im allgemeinen Methodenproblem beschlossenen Einzelproblem: Objekt, Aufgabe und Methode, und der Feststellung des erkenntnistheoretischen Sinnes dieser Begriffe zu beginnen.

CARL MENGER stellt in seinen  "Untersuchungen"  die Frage nach den  Aufgaben  der Wissenschaft, den Erkenntnis zielen  an die Spitze aller Methodik. Nicht  was  die Nationalökonomie zu betrachten, sondern  wie  sie ein im übrigen als gegeben vorausgesetztes, als "Erscheinungen der Volkswirtschaft" oder ähnlich bezeichnetes Objekt gedanklich zu erfassen habe, ist der Hauptgegenstand seiner Ausführungen. Nicht: Welches ist das Objekt der Nationalökononie? ist die Frage, die hier gestellt und beantwortet wird, sondern: Welches sind die in Bezug auf ein als gegeben vorausgesetztes Objekt möglichen Betrachtungsweisen? Oder: Von welchen prinzipiellen Gesichtspunkten aus hat die Nationalökonomie dieses gedachte Objekt zu erforschen und zu betrachten? Daneben spricht MENGER bloß gelegentlich und anmerkungsweise von der "großen Unklarheit über das eigentliche Gebiet (das Objekt) der Forschung, mit welcher die politischen Ökonomie sich zu beschäftigen hat." (5) Mehr in den Vordergrund tritt das Problem der Objektbestimmung in den methodologischen Ausführungen von HEINRICH DIETZEL (6) und EMIL SAX und von PHILIPPOVICH (7). Der eigentliche Methodenstreit drehte sich aber bald immer mehr um die Frage nach der Methode im engsten Sinn, bis er schließlich vollends zu einem Streit um das Verhältnis von Induktion und Deduktion verflachte (8).

ADOLF WAGNER hat dann mit Nachdruck die logische Priorität des Problems der Objektbestimmung bestont.
    "In jeder Wissenschaft ist zunächst das  Objekt  festzustellen, mit welchem sie sich als  eigene  Wissenschaft zu beschäftigen hat. Aus dem Wesen dieses ihres Objekts folgen die  Aufgaben,  welche eine jede Wissenschaft in Bezug auf ihr Objekt zu lösen hat. Nach diesen Aufgaben richtet sich notwendig die  Methode  oder richten die die  Methoden,  deren sich die Wissenschaft zur Lösung dieser ihrer Aufgaben bedienen muß." (9)
Diese Ansicht über das Verhältnis der drei methodologischen Grundprobleme und insbesondere über die logische Priorität des Problems der Objektbestimmung vor der eigentlichen Methodenfrage im engeren Sinn und der Abhängigkeit der in diesem engeren Sinn verstandenen Methode von der Eigenart des Objekts hat sich seither unter dem Einfluß einer logisch vertieften Auffassung des ganzen Methodenproblems immer mehr Geltung verschafft. Nach SPANN ist die nationalökonomische Methodenfrage ganz besonders geradezu "genau besehen in erster Linie ein Streit umd die Charakterisierung des Objekts der Volkswirtschaftslehre" (10). Wenn man aber davon ausgeht, so muß vor allem anderen klargestellt werden, was überhaupt dieser Begriff des Objekts einer Wissenschaft bedeutet, welcher präzise Sinn ihm in diesem methodologischen Zusammenhang beizulegen ist.

Unter dem Ausdruck "Objekt" wird nämlich in der Regel durchaus kein so klarer und eindeutiger Begriff gedacht, als es zunächst den Anschein hat, und wo es geschieht, da in der Regel in einer durchaus unkorrekten Weise, worauf schon das so oft in einem identischen Sinn gebrauchte Wort "Gebiet" hindeutet. Das führt also geradewegs auf die erste und dringendste Forderung einer kritischen Prüfung und logischen Fundierung der Problemstellung. Es muß bestimmt und eindeutig festgestellt werden, in welchem Sinn man überhaupt von "Objekt einer Wissenschaft" sprechen kann und was im besonderen zu verstehen ist unter dem Objekt, mit welchem sich die Nationalökonomie "als  eigene  Wissenschaft zu beschäftigen hat" und dann erst kann man an die begriffliche Bestimmung dieses Objekts selbst schreiten.

Das ist bis in die neueste Zeit herein tatsächlich nirgends Geschehen (11). Wohin die Außerachtlassung dieser Forderung aber führt, zeigt die ganze lange Geschichte des Probnlems und die überall offen eingestandene erstaunliche Ergebnislosigkeit aller bisher in so reichem Maß darauf verwendeten Arbeit und geistigen Kraftanspannung. Zehn Jahr nach jener einzigartigen Konzentration der gesamten wissenschaftlichen Energie auf dieses  eine  Problem konnte HEINRICH DIETZEL, als ob nichts geschehen wäre, hinweisen
    "auf die Unklarheit, welche, wenngleich doch die Sozialökonomik schon auf mehr denn ein Jahrhundert voll regen Wirkens und großer Ergebnisse zurückzublicken vermag, auch heute noch über der Frage waltet, was denn diese Wissenschaft eigentlich sein soll - was sie umfaßt, was sie ausschließt, wie sie zur Erkenntnis gelangt, wie sie sich gliedert?" (12)
Und in der unmittelbarsten Gegenwart konnte gerade ein solches Werk, welches sich vorgesetzt hatte, einen Überblick über die reiche Entwicklung der Volkswirtschaftslehre im 19. Jahrhundert zu geben, nicht umhin, in seinem Vorwort den "Gegensatz der Meinungen über ihre Grenzen und ihre Ziele" hervorzuheben und in Anknüpfung daran die Frage aufzuwerfen, ob man "angesichts der Tatsache heute von einer einheitlichen Volkswirtschaftslehre sprechen kann." (13)

In dieser merkwürdigen Frage liegt aber auch schon zugleich die ganze  Bedeutung  und Tragweite des Problems der Objektbestimmung beschlossen. Die Nationalökonomie als Wissenschaft befindet sich gegenwärtig in einem merkwürdigen Zustand. Eine ungemein reiche und mannigfaltige Entwicklung des wissenschaftlichen Details, damit aber Hand in Hand gehend auch ein in immer stärkeren Grad auftretendes Bedürfnis nach einer systematisch geordneten einheitlichen Zusammenfassung all dieser Einzelergebnisse auf der  einen,  eine immer wachsende Unsicherheit im Aufbau eines einheitlichen wissenschaftlichen Ganzen, eine immer widerspruchsvollere Systematik, kurz ein immer weniger befriedigender Gesamtzustand auf der  anderen  Seite (14). Ja, die Fülle und die Mannigfaltigkeit des wissenschaftlichen Details scheint die Wissenschaft selbst in ihrer Einheit und Geschlossenheit zu sprengen und die Volkswirtschaftslehre sich wirklich gemäß der alten Forderung der historischen Schule zu einer allgemeinen Gesellschaftswissenschaft zu erweitern. Was aber sollte anderes in dieser Tendenz zugrunde liegen als das Problem der Objektbestimmung? Es scheint sich hier sogar eine Lösung dieses Problems in einem bestimmten Sinn zu vollziehen. In Wahrheit aber liegt diese Lösung in einem grundsätzlichen  Verzicht  auf jede Lösung. Weil es nicht gelingen will, der Nationalökonomie ihren Umfang und ihre Grenzen in positiver Weise abzustecken, sucht man beides möglichst auszudehnen, soweit es nur noch irgendwie mit ihrem Charakter als  Sozialwissenschaft  vereinbar ist. Aber es wird schwer sein zu zeigen, wie  alles "Gesellschaftliche"  in  einer  Wissenschaft erfaßt, in einem  logisch  einheitlichen, in sich geschlossenen wissenschaftlichen Ganzen dargestellt werden kann.

In diesem Zusammenhang tritt die logische Priorität des Problems der Objektbestimmung offen zutage. Mit dem Objekt wird die Wissenschaft (im logischen Sinn) selbst problematisch. Eine Wissenschaft als ein System von logisch ineinander hängenden Einzelerkenntnissen ist nicht anders möglich als in Bezug auf ein  logisch  einheitliches, d. h.  für unser Denken  durchwegs gleichgeartetes Objekt (15). Mit ihm ist jene spezifische wissenschaftliche  Betrachtungsweise  gegeben, die einer  eigenen  Wissenschaft notwendig inhäriert, die ihre Eigenart und Selbständigkeit konstituiert. Der Charakter des Objekts bedingt den wesenhaften Zusammenhang der Einzelerkenntnisse und ihre Stellung im Ganzen des systematischen Aufbaus. Und die Feststellung des Objekts ist schließlich notwendig,
    "damit es nicht der Willkür jedes einzelnen überlassen bleibt, was er sich unter Nationalökonomie oder politischer Ökonomie denkt und in seinem Lehrbuch oder System unter diesem Titel behandelt." (DIETZEL)
Diese Willkür besteht tatsächlich im allerweitesten Umfang. Die Nationalökononie als Ganzes ist heute nicht mehr als ein umfassender, mannigfaltiger Wissensstoff, der in ganz verschiedenartigen, unter willkürlichen Gesichtspunkten aufgebauten "Systemen" eine äußerlich mehr oder weniger einheitliche, innerlich kaum je ganz konsequente und widerspruchslose Darstellung finde, "Systemen", die sich nur in wenigen, meist ganz äußerlichen Punkten berühren, ihrer inneren wissenschaftlichen Struktur nach aber einen ganz verschiedenartigen Charakter an sich tragen. Was den nationalökonomischen  Wissensstoff  zu einem Ganzen verknüpft und als eine  Wissenschaft  erscheinen läßt, ist wenig mehr als der traditionelle Name, an welchen sich aufgrund der sprachlichen Gewohnheit die Vorstellung knüpft, daß hier eine generelle Gleichartigkeit von Erscheinungen des empirischen Lebens zugrunde liegt, welche sprachüblich unter dem Namen der  "Volkswirtschaft"  zusammengefaßt werden. Damit glaubt man nun aber - nicht, ein noch unbestimmtes Objekt lediglich im Voraus bezeichnet, sondern - das Objekt selbst eindeutig bestimmt oder zumindet eindeutig bestimmbar gemacht zu haben. Anstelle der unbekannten  Sache  wird ein bekanntes  Wort  gesetzt, um aus diesem dann die Sache selbst herauszuwickeln (16). Die logische Täuschung, die hier obwaltet, soll später ausführlich klargestellt werden. Die grundsätzliche Fehlerhaftigkeit lehrt auch schon der Mißerfolg dieser ganzen Verfahrensweise.

Ist man darüber einig, daß die "Volkswirtschaft" das Objekt der Nationalökonomie ist, so besteht doch kaum irgendwo eine größere Uneinigkeit, als darüber, was denn die Volkswirtschaft eigentlich sein soll, was ihr eigenartiges Wesen konstituiert, dessen diskursive Erkenntnis die Volkswirtschaftslehre darzustellen hat. Was "volkswirtschaftliche Erscheinungen" oder "Tatsachen" sind, kann man wohl da und dort in mannigfaltiger und umständlicher, oft auch dunkler und weitschweifiger Weise beschrieben und umschrieben finden, aber selten wird ein logischer Grund dafür angegeben,  warum  man die so beschriebene und umschrieben Gruppe von Tatsachen oder Erscheinungen als eine Klassen von solchen  spezifischer  Art auffaßt, die einer gleichen Gesetzmäßigkeit unterliegen und einer besonderen einheitlichen wissenschaftlichen Betrachtungsweise zugänglich sind, über welche allgemeine Aussagen gemacht werden können und die  dadurch  den Gegenstand einer eigenen selbständigen Wissenschaft ausmachen. Und selbst da, wo der Begriff der "Volkswirtschaft" inhaltlich bestimmter gefaßt ist, vermißt man jede logische Rechtfertigung. Eine solche wäre natürlich in diesem Fall umso dringender gefordert, je umstrittener dieser Begriff und je größer die Bedeutung ist, die ihm für den ganzen Aufbau der Wissenschaft ja allgemein zugesprochen wird.

Angesichts dieser Tatsache hat sich in neuerer Zeit die Ansicht gebildet, daß der Begriff der "Volkswirtschaft" als Objekt der Nationalökonomie überhaupt nicht inhaltlich eindeutig bestimmbar und daher für den logischen Aufbau der Wissenschaft ohne Bedeutung ist. Dies hatte auf der einen Seite jene bereits erwähnte Tendenz zur Folge, welche in der Richtung einer Erweiterung der Volkswirtschaftslehre zu einer allgemeinen Gesellschaftswissenschaft liegt. Dieser ursprünglich von der historischen Schule in ziemlich unklarer Fassung vertretene Gedanke hat seine logische Begründung und seinen verständlichen Ausdruck durch FRIEDRICH GOTTL (17) erhalten. Auf der anderen Seite ist von OTHMAR SPANN (18) der - allerdings noch nicht zu Ende geführte - Versuch unternommen worden, auf rationalem Weg durch die Zerlegung des Ganzesn der "Gesellschaft" in abstrakte Teilinhalte, sogenannte "Objektivationssysteme", ein System der Sozialwissenschaften mit je einem eigenen "Objektivationssystem" als deren Objekt zu konstruieren und dadurch also auch das Objekt der Nationalökonomie logisch zu bestimmen und ihren Charakter als eine selbständige sozialwissenschaftliche Disziplin aufrecht zu erhalten. Schließlich hat SCHUMPETER (19) ebenfalls unter Verzicht auf den alten Begriff der "Volkswirtschaft" und auf rein rationale Weise, aber von einem ganz anderen Ausgangspunkt aus als SPANN das Objekt der Nationalökonomie als einer von einer allgemeinen Gesellschaftswissenschaft unterschiedenen Einzeldisziplin zu bestimmen gesucht.

So tritt uns heute das Problem der Objektbestimmung auch in der Literatur, nachdem es lange Zeit ungebührlich vernachlässig worden ist, als das eigentliche Fundamentalproblem der Wissenschaft entgegen, von dessen Lösung ihr eigentlicher Charakter und ihre logische Struktur abhängen soll. Zugleich zeigt es sich uns heute in einer gegenüber der ganzen früheren Methodologie grundsätzlich geänderten Fassung. Doch fehlt noch überall jene Sicherheit und grundsätzliche Bestimmtheit, welche in logischen Dingen unabweislich ist, soll es sich nicht bloß um eine subjektive Befriedigung des eigenen theoretischen Denkbedürfnisses durch mehr oder minder relative Lösungen, sondern vielmehr um eine objektive, für die Wissenschaft als Ganze, wie in ihren einzelnen Stücken fruchtbare und bedeutsame Erkenntnis handeln. Die Einigkeit und Sicherheit dieser neueren Versuche erstreckt sich nicht weiter als auf die grundsätzliche Abkehr von der früheren Art der Problembehandlung, also auf ein rein negatives Moment, während das, was darüber hinaus an positiven Ergebnissen gezeitigt worden ist, ebenso dürftig wie unbefriedigend erscheint und insbesondere den unmittelbaren Zusammenhang mit der tatsächlich vorhandenen Fachwissenschaft vermissen läßt. Dieser Umstand ist es dann auch, der es nicht nur erklärlich, sondern beinahe selbstverständlich macht, daß die Fachwissenschaft selbst sich um ihre Methodologie gegenwärtig nicht mehr allzusehr bekümmert, sondern unabhängig von ihr ihre eigenen Wege und Bahnen, die durch manchen Erfolg als erprobt erscheinen, weiter wandelt. In dem Maß, in welchem die nationalökonomische Methodologie wieder mit der Logik in eine engere Fühlung trat, verlor sie immer mehr den unmittelbaren Zusammenhang mit den spezifisch nationalökonomischen Problemen und damit auch den Einfluß auf die Gestaltung der Nationalökonomie als Wissenschaft, der einst so mächtig und beherrschend war, daß er nicht etwa nur ihre Berichtigung und Verbesserung, sondern ihre völlige Umgestaltung zur Folge haben konnte. Trifft unsere ältere Methodologie der Vorwurf, daß sie an der Logik vorbeiging, so die neuere, daß sie die Nationalökonomie selbst übersieht. War jene zu wenig logisch, so ist diese zu wenig nationalökonomisch.

Das eine muß bei allen methodologischen Untersuchungen, sofern sie nicht von vornherein ein für die Fachwissenschaft völlig fruchtloses Beginnen darstellen sollen, unbedingt festgehalten werden, daß sie nicht nur auf dem sicheren Boden der Logik fundiert werden müssen, sondern ebenso auch die engste Verbindung und den unmittelbarsten Zusammenhang mit der tatsächlichen Wissenschaft nie aufgeben dürfen. Wie gegenüber den früheren Versuchen das Recht der Logik betont wurde, muß den neueren das Recht der Nationalökonomie entgegengehalten werden. Methodologie ist nichts, was einer Wissenschaft vorhergeht und ihr gewissermaßen als eine Regel vorgesetzt wird, nach welcher sie erst zustande zu bringen wäre, sondern eine Erkenntnis vom logisch möglichen und notwendigen Aufbau und der Struktur eines wissenschaftlichen Ganzen, welche erst zu erlangen ist, nachdem dessen Teile, die darin befaßten Einzelprobleme, in ihrem Wesen bereits in hohem Maß erkannt sind. Mit anderen Worten: das Objekt der Nationalökonomie darf nicht bestimmt werden als ein Objekt für eine noch nirgends existierende, erst zu schaffende Wissenschaft, die dann die Bezeichnung Nationalökonomie erhalten oder führen dürfte, sondern als das Objekt,  das die Eigenart jener Probleme begrifflich erfaßt ausdrückt, welche zweifellos nach dem gegenwärtigen Zustand der Wissenschaft als die spezifisch nationalökonomischen,  d. h. zu dieser bestimmten, tatsächlich vorhandenen, als Nationalökonoomie bezeichneten Wissenschaft gehörigen gelten.

Aufgrund dieser Erwägungen können wir nun den Gang, den eine Untersuchung über das Problem der Objektbestimmung zu nehmen hat, in folgender Weise kennzeichnen. Es wird die erste Aufgabe sein, eine klare und bestimmte, logisch einwandfreie  Problemstellung  zu gewinnen. Das ist es, was der gegenwärtige Stand des Problems vor allem fordert und die neueren Untersuchungen auf dem Gebiet der fachwissenschaftlichen Logik in gründlicher Weise erst ermöglichen. Sodann wird es sich darum handeln, aus dem weiten, vielfach ganz heterogenen Wissensgebiet, das heute durch die Namen "Politische Ökonomie", "Nationalökonomie" oder "Volkswirtschaftslehre" gedeckt erscheint und infolge seiner sachlichen Breite trotz seines logisch disparaten Charakters als eine allgemeine Geselschaftswissenschaft aufgefaßt zu werden beginnt,  jene Probleme  herauszuheben,  dieder Wissenschaft, wie sie nun einmal historisch geworden ist und heute tatsächlich besteht, zugrunde liegen, ihren nicht aufhebbaren Kern bilden.  Um diesen mögen sich die verschiedenartigsten Nebenprobleme gruppieren, die mit ihnen zwar  sachlich  und unter  praktischen  Gesichtspunkten zusammenhängen, aber nicht in  logischer  Beziehung notwendig zusammengehören und die deshalb, wenn sie auch in mancher Hinsicht vielleicht wichtiger und bedeutungsvoller erscheinen, für den Zweck der Objektbestimmung doch nicht in Betracht kommen. Es wird sich schon bei einer rein äußerlichen Betrachtung zeigen, daß ein Grundstock von Problemen da ist, mit dem die Wissenschaft von Anfang an ins Leben trat, der während ihrer ganzen Entwicklung hindurch den festen Kern, den ruhenden Pol in der Flucht der verschiedenartigsten Gesichtspunkte und Auffassungen darstellt, der dann wohl durch mannigfaltige sich daran anschließende neue Probleme zeitweilig überwuchert werden mochte, der aber auch heute noch nicht wegzuschaffen und nicht wegzudenken ist, ohne die Wissenschaft selbst in ihren grundlegenden Zügen zu verändern, d. h. als jene, die sie  ist,  aufzuheben. Man wird diese Probleme darum passend als die  Grund probleme der Nationalökonomie bezeichnen dürfen. Es wird ferner nicht schwer einzusehen sein, daß diese Probleme, wie sie so zunächst einmal ihrer äußerlich bedeutsamen und wichtigen Stellung innerhalb der historisch gewordenen Wissenschaft als Kernprobleme hervortreten, auch innerlich unter logischen Gesichtspunkten zusammengehören, eine gleichheitliche und eigenartige logische Struktur aufweisen und dadurch eine geschlossene Einheit bilden, daß sie dieselben formalen  Voraussetzungen  haben, unter denselben  Erkenntnisbedingungen  stehen und eben darum mit ihnen eine neue, in sich beruhende Wissenschaft ins Leben treten konnte. Ist das einmal erkannt, so ergibt sich weiter mit zwingender logischer Notwendigkeit, daß alles, was unter denselben formalen Voraussetzungen problematisch werden kann, was außerdem noch unter denselben Erkenntnisbedingungen steht, Objekt dieser neuen Wissenschaft werden muß, unabweislich in ihren Rahmen hineinfällt und alles, was einer anderen, davon grundsätzlich verschiedenen Betrachtungsweise unterliegt, wohl unter praktischen Gesichtspunkten, zu didaktischen, politischen oder irgendwelchen anderen Zwecken in die Darstellung mit hereingezogen werden kann, aber nie in Betracht kommt, wenn es sich darum handelt, den logischen Charakter, die Selbständigkeit und Eigenart der Wissenschaft und ihres Erkenntnisobjekts zu erfassen.

Daß das Objekt einer Wissenschaft in einer methodologischen Untersuchung nicht anders als  formal  bestimmt werden kann, ergibt sich aus der logischen Natur des Problems von selbst. Jede inhaltliche Bestimmung würde ja bereits eine materiale Erkenntnis bedeuten, die nur in einer Darstellung der Wissenschaft selbst ihren Platz haben kann, und das Objekt, nach seinem ganzen sachlichen Inhalt bestimmt, würde nichts anderes bedeuten, als die ganze Wissenschaft in ihrer vollkommensten Ausführung selbst. Es handelt sich aber nicht darum, sondern eben um das formal Gleichheitliche, das den mannigfachen Inhalt der Wissenschaft zu einem Ganzen eint und als ein Eigenartiges ihre Selbständigkeit bestimmt. Es wird also in letzter Linie darauf hinauslaufen, diese eigenartige homologe Natur der Grundprobleme begrifflich zu fixieren und dadurch die logische Eigenart  aller  Probleme, welche sich zu dieser Einheit einer Wissenschaft im logischen Sinn zusammenschließen, zum Ausdruck zu bringen. Daß hiermit kein sachlich neues Ergebnis, keine inhaltliche Bereicherung der Wissenschaft, sondern lediglich eine formale Erkenntnis erreicht ist, kann ihrer Bedeutung keinen Abbruch tun; denn es ist ja die formale Mangelhaftigkeit der Wissenschaft, die gegenüber der reichen, inhaltlichen Entwicklung so schwer empfunden wird und uns die daraus erwachsende Forderung so nachdrücklich vor Augen stellt, für den vorliegenden, ungeordneten Wissensstoff die formale wissenschaftliche Darstellungsmöglichkeit aufzuzeigen, die ihn erst zur Wissenschaft im logischen Sinn gestalten läßt. Man kann es als die  Beziehung des Erkenntnismaterials  (der sachlichen Probleme) zu der ihm entsprechenden  Erkenntnisform  (ihrer begrifflichen Darstellung) bezeichnen, worauf die Untersuchung über das Problem der Objektbestimmung zuletzt hinausläuft. Diese letzte methodologische Problem ist das Problem der  Grundbegriffe  und die vorgesetzte Aufgabe ist erfüllt, wenn wir schließlich noch aufgezeigt haben, welche Konsequenzen sich aus unserer formalen Objektbestimmung für die Grundbegriffslehre ergeben.

Unsere Untersuchung, welche in ihrem selbständigen Gang unmittelbar an den gegenwärtigen Stand des Problems anknüpft, kann jedoch nicht umhin, vorher die bisherige Problembehandlung einer kritischen Betrachtung zu unterziehen, um sich an ihr zu orientieren und die entscheidenden Gesichtspunkte in der Gegenüberstellung umso klarer hervortreten zu lassen. Wenn das Problem der Objektbestimmung auch erst in der neueren Literatur eine besondere Aufmerksamkeit und ausdrückliche Behandlung erfahren hat, so schließt doch jede wissenschaftliche Gesamtdarstellung implizit eine bestimmte Stellungnahme dazu in sich. Jene kritische Betrachtung wird sich daher auf die ganze Entwicklung der Wissenschaft erstrecken müssen, ohne doch die zweckdienliche Beschränkung, in diesem Fall eine bloße Vorarbeit für die eigentlich vorgesetzte Aufgabe zu sein, aufgeben dürfen. Es wird bloß auf die besonders hervortretenden, zeitweise zur Herrschaft gelangten allgemeinen Züge im Wechsel der Problemerfassung ankommen, während vereinzelte und historisch und logisch minder bedeutsame Auffassungen leicht ganz außer acht bleiben dürfen. Der leitende Grundgradeanke der Kritik wird der logisch klargelegten Problemstellung selbst zu entnehmen sein; denn diese ist es, welche die Kriterien für "richtig" und "falsch", "zulänglich" und "unzulänglich" an die Hand gibt.

Das schließliche Ergebnis, das auf diesem Weg gewonnen wird, darf wohl eine objektive, d. h. logisch begründete und allgemeine, aber keine absolute, d. h. auf eine historisch wie auch immer geartete Wirklichkeit bezügliche Geltung beanspruchen. Darauf muß von vornherein verzichtet werden. Wir haben, wie gezeigt, notwendig zweierlei zu berücksichtigen: die rationale Eigenart unseres Denkvermögens und die sachliche Eigenart der speziellen Probleme, welche der Wissenschaft historisch zugrunde liegen und ihre Entstehung und ihre Entwicklung in entscheidender Weise bedingten, die  Logik  und die  Nationalökonomie.  Die rationale Eigenart unseres Denkvermögens ist gleichbleibend, die sachliche Eigenart der spezialwissenschaftlichen Probleme duch den historischen Tatbestand bedingt und mit diesem veränderlich. Wie die sachlichen Qualitäten der Dinge und der Grad ihrer Erkenntnis, so sind auch die Wissenschaften einer unabsehbaren und unbegrenzten Veränderung und Entwicklung unterworfen. Ihre Grundprobleme können Sinn und Bedeutung völlig verändern. Eine Wissenschaft kann in ihrer historischen Entwicklung eine völlig andere werden, und was hier noch von ein und derselben Wissenschaft sprechen läßt, ist nichts anderes als die Kontinuität dieser Entwicklung. Für die Nationalökonomie gilt dies in besonderem Maße. Die Probleme, mit denen sie ins Leben trat und die ihren eigenartigen Charakter bestimmten, sind in besonders hohem Grad historisch bedingt, und das war auch der Anlaß, daß die historische Schule in einer Überschätzung der Bedeutung dieser Besonderheit die Nationalökonomie als theoretische Wissenschaft überhaupt negierte. Man kann sie nach der Terminologie RICKERTs als eine theoretische Wissenschaft mit relativ historischem Charakter sehr hoher Ordnung bezeichnen. Ihre theoretischen Grundprobleme können Interesse und Bedeutung, die sie gegenwärtig haben und in einer relativ langen Vergangenheit hatten, in einer mehr oder weniger fernen Zukunft möglicherweise verlieren. Dann würde sich die Wissenschaft von Grund auf auch in ihrem formalen Charakter ändern, ihr Erkenntnisobjekt, ihre Erkenntnisbedingungen, ihre Grundbegriffe würden völlig andere, wenn auch die alten Namen bleiben würden. Die Geltung des Ergebnisses, zu dem die Untersuchung gelangt, ist daher beschränkt auf den gegenwärtigen formalen Entwicklungszustand der Wissenschaft und bedingt durch die wandelbare Bedeutsamkeit der Grundprobleme, welche ihn charakterisieren. Diese Beschränkung ist notwendig und kann darum den Wert des Ergebnisses nicht berühren.


Zweites Kapitel
Zur Problemstellung

Insofern eine Wissenschaft in letzter Linie auf  Erfahrungstatsachen  zurückführt, d. h. eine  empirische  Wissenschaft ist, sieht sie in der Gruppe von Erfahrungsgegenständen "Erscheinungen" oder "Tatsachen", auf die sie in letzter Linie zurückführt oder von denen sie ausgeht, das ihrer Betrachtung unterliegene "Objekt" oder  "Gebiet".  Der Blick fällt hierbei auf das, was  vor  allem Denken dem Subjekt unmittelbar gegeben ist, auf die von aller verstandesmäßigen Verarbeitung noch völlig unberührte Wirklichkeit, wie sie in ihrer ganze Mannigfaltigkeit und Kompliziertheit vom Subjekt unmittelbar erlebt oder erfahren wird. Diese Wirklichkeit oder Erfahrungswelt ist dem Subjekt schon ansich ohne Eingreifen der Denktätigkeit in einer gewissen inneren Ordnung und Regelmäßigkeit gegeben. Es scheiden sich in ihr mannigfaltige Gruppen von Erfahrungseinheiten oder -gegenständen, die in einer gewissen Selbständigkeit unabhängig voneinander erfahrbar sind. Auf einen solchen einheitlichen Erfahrungskomplex als einen empirisch gegebenen Ausschnitt aus dem gesamten Erfahrungsmaterial bezieht sich zunächst der Ausdruck "Objekt" oder "Gebiet" einer Wissenschaft.

So wie dieses  Erfahrungsobjekt  dem Subjekt schon  vor  allem Denken unmittelbar gegeben ist, kann es auch nicht  durch  das Denken begrifflich erfaßt, weder eindeutig definiert, noch wegen der unendlichen Kompliziertheit und Mannigfaltigkeit aller unmittelbaren Erfahrung völlig erschöpfend beschrieben werden. Als ein unmittelbar erfahrenes ist es ein im höchsten Maß Individuelles und Subjektives, an das die Beschränktheit allen Denkens nie völlig herankommt, und als solches zugleich ein im höchsten Grad Veränderliches, ein nie Wiederholtes, daher auch im allgemeinen für unsere Erkenntnis gegenüber dem Gleichmäßigen, Bleibenden, Wiederholten relativ gleichgültig. Die Erfahrungswelt ist buchstäblich in einem beständigen Fluß begriffen, die Erfahrungskomplexe kehren in derselben Weise nie mehr wieder, das Erfahrungsobjekt ist nur einmal, nur als ein einziges, vorübergehendes gegeben. Unser Erkenntnisinteresse aber haftet vor allem am Wiederholten und Beharrenden.

In diese unmittelbar gegebene und unendlich verschiedene Mannigfaltigkeit der Erfahrungserlebnisse greift nun unser Denken ordnend ein. Es vergleicht und scheidet, verbindet und trennt die verschiedenen ERfahrungskomplexe nach willkürlichen subjektiven Gesichtspunkten. Das vollzieht das Subjekt schon durch das  alltägliche Denken,  in dem es sich über seine Erfahrungserlebnisse orientiert, sie benennt und klassifiziert, und das geschieht mit der ganzen Flüchtigkeit, Ungenauigkeit und Oberflächlichkeit des Alltags in Abhängigkeit von wechselnden praktischen Zwecken. Anstelle des Erfahrungsobjekts tritt so das mehr oder weniger bleibende  Denk objekt, als ein übersehbarer Komplex einer begrenzten Anzahl von Merkmalen, die aus der unbegrenzten Mannigfaltigkeit der unmittelbaren Erfahrung herausgehoben und zu einem einheitlichen  Gedanken gebilde vereinigt worden sind. Denkobjekt und Erfahrungsobjekt bleiben prinzipien voneinander geschieden, indem die extensiv wie intensiv unendliche Mannigfaltigkeit der unmittelbaren Erfahrung herausgehoben und zu einem einheitlichen  Gedanken gebilde vereinigt worden sind. Denkobjekt und Erfahrungsobjekt bleiben prinzipiell voneinander geschieden, indem die extensiv wie intensiv unendliche Mannigfaltigkeit aller Erfahrung im Denken nie abgebildet werden kann (RICKERT).

Neben dem alltäglichen Denken tritt dann in einer grundsätzlich irgendwie bestimmten, d. h. logisch planvollen und bewußt zweckmäßigen Weise das  wissenschaftliche Denken  an die Erfahrungswelt heran, im wesentlichen aber ebenso einseitig und willkürlich, wie die Denkweise des Alltags, indem alles Denken nur jeweils verschiedene einzelne "Seiten" an diesem Erfahrungsobjekt ins Auge fassen und begrifflich bewältigen kann, während es sich zu gleicher Zeit alle anderen "Seiten" aus dem Gesichtskreis rückt, damit sie nicht störend in seine Isolierende Betrachtung hereinragen. Aber das wissenschaftliche Denken emanzipiert sich von der subjektiv-praktischen Willkür des alltäglichen Denkens und dessen ganz oberflächlicher Orientierung, es dringt tiefer in die allgemeineren und wesenhafteren Zusammenhänge des Erfahrenen, es "objektiviert" zwar ebenso willkürlich, aber unter bestimmten, festgehaltenen, allgemeingültigen Gesichtspunkten. Nicht was für die wechselnden praktischen Zwecke des Subjekts von Bedeutung ist, sondern was am Objekt als das durchaus Beharrende, Gleichbleibende oder als das Wiederholte, Regelmäßige erscheint, wird vom wissenschaftlichen Denken vor allem beachtet. Damit stellt es dem unmittelbar gegebenen Erfahrungsobjekt, daraus abstrahiert, ein bewuß zweckmäßig geschaffenes Denkobjekt oder ein  Erkenntnis objekt gegenüber. In diesem erscheint somit die unmittelbar erfahrene Wirklichkeit durch das Denken irgendwie, und zwar notwendig einseitig, d. h. unter einem bestimmen, willkürlichen Gesichtspunkt zum Zweck theoretischer Erkenntnis erfaßt und auf Begriffe abgezogen. Aus der unmittelbar erfahrenen Mannigfaltigkeit erscheint ein Element oder eine Reihe für ein bestimmtes Denken gleichartiger oder zusammengehöriger Elemente gedanklich verselbständigt, aus dem Zusammenhang, in dem sie erfahrungsmäßig allein gegeben sind, herausgehoben und für sich vergegenständlicht. Das wissenschaftliche Denken befaßt sich dann weiter nicht mehr mit der unmittelbar gegebenen komplexen Wirklichkeit, mit dem Erfahrungsobjekt, sondern mit dem von ihm zweckmäßig geschaffenen Erkenntnisobjekt.

Wir sehen nun schon, in welchem Sinn es zu verstehen ist, wenn man das einer Spezialwissenschaft eigentümliche Objekt begrifflich fixieren will. Das Erfahrungsobjekt ist wegen seiner unendlichen Mannigfaltigkeit gedanklich nicht erfaßbar und interessiert auch infolge seiner Vergänglichkeit und Variabilität in der Regel nicht. Es hat noch keine  logischen  Qualitäten, sondern ist ein rein  psychologisches  Produkt. In Bezug auf das Erfahrungsobjekt als solches ist nur eine allgemeine psychologische oder erkenntnistheoretische Untersuchung möglich, die zeigt, wie es zustande kommt oder was ihm unabhängig von der Erfahrung als Realität entspricht. Die Erfahrungswelt läßt sich auch in "Gebiete" teilen, welche den einzelnen Spezialwissenschaften zur Bearbeitung zugewiesen werden könnten; denn in der Erfahrung ist alles fließend und es gibt keine festen Grenzen. Erfahrung ist zwar das, was aller empirischen Wissenschaft zugrunde liegt, aber selbst wissenschaftlich völlig indifferent erscheint. In ihr liegt noch nichts, von dem aus eine Scheidung verschiedener Wissenschaften unternommen werden könnte. Das wird erst ermöglicht durch den Eingriff unserer Denktätigkeit in die uns unmittelbar gegebene Erfahrungswelt, welche die in ihr bedeutsam erscheinenden Elemente heraushebt und in begrifflich bestimmten Merkmalskomplexen fixiert.

Unter verschiedenen Gesichtspunkten, zu verschiedenen Erkenntniszwecken können in ein und demselben Erfahrungsobjekt gaz verschiedene darin enthaltene elementare Merkmale jeweils bedeutsam erscheinen. Das wissenschaftliche Denken gewinnt daher aus ein und demselben Erfahrungsobjekt ganz verschiedene Erkenntnisobjekte, die dann ebenso verschiedenen Wissenschaften zugrunde liegen. Durch das Denken kann das Erfahrungsobjekt immer nur einseitig, aber das in einem mehrfachen Sinn begrifflich erfaßt werden, mithin kann es Gegensatnd ganz verschiedener Wissenschaften werden und für die die Eigenart einer Wissenschaft nicht bestimmen. Das tut erst das Denken, indem es durch seine logische Bearbeitung der Erfahrungswelt das begriffliche Erkenntniobjekt schafft. Das Erfahrungsobjekt "Eisen", bzw. das, was diesem schon allgemeinbegrifflichen Gebilde als unmittelbare Erfahrung unterliegt, kann Gegenstand der Physik, der Chemie, der Mineralogie, der Nationalökonomie usw. sein, je nachdem das wissenschaftliche Denken die Qualitäten der Härte, Schwere, Dichte, Schmelzbarkeit usw. oder seinen elementaren, atomistischen Charakter, seine chemische Reaktions- und Verbindungsfähigkeit usw., sein unter verschiedenen Umständen verschiedenartiges Vorkommen usw. oder seine Produktion, Preisbildung, Bedeutung und Verwendung im Volkshaushalt usw. aus dem irgendwie und -wann gegebenen Erfahrungskomplex heraushebt und einer isolierten Betrachtung unterwirft. Was hier zum Objekt der wissenschaftlichen Betrachtung gemacht wird, ist nicht die Erfahrung in ihrer vollen empirischen Wirklichkeit, sondern ein Abstraktionsgebilde unserer Verstandestätigkeit, die hier jeweils bestimmte andere Eigenschaften ein und desselben Erfahrungsobjekts isoliert, verselbständigt und wissenschaftlich untersucht, während sie zu gleicher Zeit von allen anderen Eigenschaften völlig absieht. Der Begriff "Eisen" als ein Erkenntnisobjekt ist in der Physik, in der Chemie, in der Mineralogie und in der Nationalökonomie ein ganz verschiedener. Das Eisen als Erfahrungsobjekt aber hat unendlich mannigfaltige, komplizierte und wechselnde Eigenschaften, welche wegen ihrer Variabilität für die Wissenschaft meist gar keine Rolle spielen.

Sofern also vom Objekt einer Wissenschaft gesprochen wird, das begrifflich bestimmt und erkannt werden soll und das die Eigenart und Selbständigkeit einer Wissenschaft bedingt, kann darunter lediglich das Erkenntnisobjekt als ein abstraktes, unanschauliches Gedankengebilde verstanden werden. Das wissenschaftliche Denkobjekt oder das Erkenntnisobjekt ist, so wie es begrifflich gedacht und dargestellt wird, etwas, was in der erfahrenen Wirklichkeit, so, wie diese unmittelbar erlebt wird, sich nicht findet, es ist mit irgendeinem Erfahrungsobjekt nie identisch, aber es koinzidiert mit ihm doch, insofern es ein Merkmalskomplex ist, dessen einzelne Elemente sich auch am Erfahrungsobjekt finden. Es  "gilt für das Erfahrungsobjekt, aber es ist nicht kongruent mit ihm.

Zwischen das Erkenntnisobjekt und das Erfahrungsobjekt stellt sich meist das Denkobjekt des Alltags. Eisen ist in diesem Sinn ein Stoff von gewissem gleichmäßigen Aussehen, Farbe, Festigkeit, Tastbarkeit, Schwere, Verwendbarkeit usw. In diesem Begriff des alltäglichen Denkens scheinen die sinnfälligsten, gleichbleibenden, wiederkehrenden Eigenschaften vereinigt, während von allem Wechselnden der Erfahrung, sowie vom tiefer Liegenden, nur methodisch Erfaßbaren einer bestimmten Wissenschaft abstrahiert ist. Die Ergebnisse des alltäglichen Denkens sind niedergelegt in den sprachüblichen Vorstellungen und Begriffen. An sie stößt nun zunächst das wissenschaftliche Denken fast überall und muß sich erst durch eine besondere Aufmerksamkei und methodische Schulung darüber hinaus auf das  vor  allem Denken Gegebene zurückbesinnen, um seine eigene Arbeit gründlich zu leisten und das für eine unter bestimmten Gesichtspunkten unternommenen Untersuchung geeignete Erkenntnisobjekt herauszuheben. Hier liegt nur eine Klippe, die für das wissenschaftliche Denke außerordentlich gefährlich werden kann und oft geworden ist, eine Quelle von Irrtümer und Vorurteilen, die namentlich das  nationalökonomische  Denken durch seine ganze Geschichte hindurch beherrschen (20). Das wissenschaftliche Denken ist in aller Regel dazu verleitet, die sprachüblichen Vorstellungen und Begriffe zu übernehmen und mit unbedeutenden Modifikationen als grundsätzlich gültig und brauchbar anzuerkennen, ohne zu beachten, daß damit die ganze Oberflächlichkeit, Vieldeutigkeit und Unbestimmtheit, die ihnen naturgemäß anhaftet, in die Wissenschaft mit einzieht und ihren sicheren, selbständigen und unbeirrten Fortgang hemmt. Es vergißt, daß alle Begriffe willkürliche Gedankengebilde sind, abhängig von bestimmten leitenden Gesichtspunkten, und daß die Gesichtspunkte, welche für die Begriffsbildung des alltäglichen Denkens und der gemeinsprachlichen Ausdrucksweise maßgebend sind, nicht dieselben sind, welche die  wissenschaftliche  Begriffsbildung leiten müssen. Das nationalökonomische Denken verfällt dem umso leichter, als ihm das alltägliche Denken auf seinem Gebiet im besonderen Umfang  vorgedacht  hat.

Das Erkenntnisobjekt also als ein Produkt der isolierenden und abstrahierenden Denktätigkeit, als ein vom Erfahrungsobjekt  grundsätzlich  verschiedenes und  notwendig  geschiedenes, rein gedankliches Gebilde ist es, dessen Bedeutsamkeit und Eigenart Bedeutsamkeit und Eigenart einer Wissenschaft bestimmt. Im Erkenntnisobjekt ist die unendliche und von keiner Wissenschaft je zu erschöpfende Mannigfaltigkeit der unmittelbaren Erfahrung dadurch überwunden, daß aus der unendlichen Fülle der das Erfahrungsobjekt konstituierenden größtenteils bedeutungslosen Merkmale eine endliche Zahl für unsere wechselnden Erkenntniszwecke jeweils bedeutsam erscheinender herausgehoben und zu einem einheitlichen Gedankengebilde, zu einem Begriff vereinigt worden sind. Bedeutsam und darum wissenschaftlich interessierend erscheinen zunächst diejenigen Merkmale an der erfahrenen Wirklichkeit, die im beständigen Wechsel der unendlichen Fülle beharren oder die sich wiederholen, die gleichbleibenden und die regelmäßig wiederkehrenden. Bedeutsam erscheinen und wissenschaftlich interessieren kann an der Wirklichkeit aber auch das Vorübergehende und Einmalige, das Besondere und Individuelle. Unter welchen Voraussetzungen das eine oder das andere, bzw. beides zugleich der Fall sein kann, ist hier gleichgültig. Es kommt in diesem Zusammenhang lediglich darauf an, den prinzipiellen Gegensatz hervorzuheben, der unter logischen Gesichtspunkten als der fundamentalste allen wissenschaftlichen Erkennens gelten muß und der auch die allgemeinste logische Struktur des Erkenntnisobjekts in prinzipiell doppelt verschiedener Weise bestimmt. CARL MENGER (21) hat diesen Gegensatz zuerst in seiner Bedeutung und Tragweite für die Methodik der Wissenschaften erkannt und ihn dahin formuliert, daß bald die Erkenntnis des  Generellen,  bald die des  Individuellen  der Erscheinungen den Gegenstand unseres wissenschaftlichen Interesses bildet. Nach diesen beiden grundsätzlich verschiedenen Gesichtspunkten, von denen unser Erkenntnisinteresse jeweils geleitet ist, scheiden sich zwei prinzipielle Arten von Erkenntnissen und Wissenschaften, die wir nach der Terminologie MENGERs als die  historischen  und  theoretischen  bezeichnen wollen (22). Diese beiden Arten von Wissenschaften unterscheiden sich in einem grundsätzlich verschiedenen Verhältnis, in welchem ihr Inhalt zur empirischen Wirklichkeit steht. Die theoretischen Wissenschaften entfernen sich mit jedem Schritt, den sie zu ihrer Vervollkommnung tun, immer weiter von der empirischen Wirklichkeit, während die historischen in ihrem Fortschreiten der überall individuell gegebenen WIrklichkeit sich immer mehr anzunähern suchen. Diese Verschiedenheit des Erkenntniszwecks überträgt sich auf die logische Form der Darstellung. Während die theoretischen Wissenschaften vorzugsweise mit Begriffen von stets größerem Umfang und immer kleinerem Inhalt als die ihnen spezifischen logischen Darstellungsmittel arbeiten und die Gewinnung von Relationsbegriffen mit möglichst allgemeiner Geltung erstreben, sind das spezifisch logische Darstellungsmittel der historischen Wissenschaften Begriffe von stets kleinerem Umfang und größerem Inhalt, und ihre Absicht die Gewinnung von Dingbegriffen mit möglichst individueller Geltung.

Dieser fundamentale Gegensatz beider Wissenschaftsgruppen erstreckt sich auch auf die logische Struktur ihres Erkenntnisobjekts. Er bedeutet ein grundsätzlich verschiedenes Verhältnis zwischen dem Erkenntnisobjekt und dem ihm unterliegenden Erfahrungsobjekt. Wir haben gesehen, daß unser Denken ein und dasselbe Erfahrungsobjekt jeweils immer nur einseitig begrifflich erfassen, d. h. einen gegebenen Erfahrungskomplex nie auch nur annähernd erschöpfen, sondern bloß in einem oder einigen seiner wesentlichen und wissenschaftlich interessierenden Elemente begreifen kann,  das  aber unter verschiedenen Gesichtspunkten in mehrfacher Weise, indem es nacheinander jedesmal andere Elemente als wesentlich und interessierend heraushebt und zu einer begrifflichen Einheit zusammenschließt. Wir haben weiter schon angedeutet, daß infolgedessen ein und demselben Erfahrungsobjekt mehrere Erkenntnisobjekte korrespondieren können, welche ebensoviele verschiedenen Wissenschaften zugrunde liegen. Der fundamentale Gesichtspunkt, welcher das logisch grundsätzlich verschiedene Verhältnis unseres Denkens zur erfahrenen Wirklichkeit bestimmt und die empirischen Wissenschaften hiernach in theoretische und historische scheidet, ist notwendig ebenso prinzipiell für die Bildung des Erkenntnisobjekts entscheidend. Das Erkenntnisobjekt ist ein theoretisches, wenn es die immer gleichbleibenden oder regelmäßig wiederkehrenden, die allgemeinen, generellen Merkmale des Erfahrungsobjekts umschließt oder ein historisches, wenn es das Einmalige, Besondere, Individuelle in sich enthält. Das theoretische Erkenntnisobjekt findet seinen wissenschaftlichen Ausdruck in einem Gattungsbegriff, das historische in einem Individualbegriff (23). Jedes kann für sich in Bezug auf dasselbe Erfahrungsobjekt wieder sehr verschieden sein, indem es jeweils verschiedene, unter dem gerade vorgesetzten wissenschaftlichen Erkenntniszweck bedeutsam erscheinende generelle, bzw. individuelle Elemente desselben umschließt. Wie Eisen unter dem theoretischen Gesichtspunkt als ein Erkenntnisobjekt der Physik, der Chemie, der Mineralogie, der Nationalökonomie usw. erfaßt werden kann, ist es auch unter einem historischen Gesichtspunkt verschieden betrachtbar, indem beispielsweise das Vorkommen bestimmter Eisenlager an bestimmten Orten und unter bestimmten Umständen oder die Eisenproduktion eines bestimmten Landes zu einer bestimmten Zeit oder der Eisenpreis auf einem bestimmten Markt usw. zum Gegenstand der Untersuchung gemacht wird. GOETHE kann bedeutsam erscheinen und historisches Erkenntnisobjekt werden als Dichter, als Gelehrter, "als Mensch" usw. ADAM SMITH ist ein verschiedenes historisches Erkenntnisobjekt für den Philosophen, als Verfasser der "Theory of moral sentiments" und für den Nationalökonomen als Verfasser des "Wealth of Nations".

Die Scheidung zwischen theoretischen und historischen Wissenschaften, zwischen theoretischem und historischem Erkenntnisobjekt ist ihrer logischen Bedeutung nach eine prinzipielle, aber in der Praxis der Wissenschaften keine strenge. Die einzelnen Wissenschaften enstanden vor aller Reflexion über ihre logische Möglichkeit und Struktur, ihr Ausgangspunkt ist die unmittelbare Erfahrung, in welcher individuelle und generelle Elemente ungeschieden nebeneinander liegen. Der theoretische Charakter einer Wissenschaft liegt in der  Tendenz  unter Ausscheidung des Individuellen, Besonderen, immer mehr das Generelle, Allgemeine zu erfassen, der historische Charakter einer Wissenschaft besteht darin, daß sie sich der Erfassung des Besonderen, Individuellen immer mehr anzunähern sucht. Beides wird in den verschiedenen Wissenschaften in verschiedenem Grad erreicht. Unter diesem Gesichtspunkt ergibt sich eine Reihenfolge der einzelnen Wissenschaften, deren Endglieder auf der einen Seite die reine Mechanik, auf der anderen die politische Geschichte darstellen, deren Zwischenglieder einerseits theoretische Disziplinen mit relativ historischem Charakter immer höherer Ordnung, andererseits historische mit relativ theoretischem Charakter verschiedenen Grades bilden. Jede einzelne Erfahrungswissenschaft behandelt immer nur einen Teil der gesamten Erfahrungswelt, und dieser Teil ist auch in Bezug auf sein Allgemeines im Vergleich zu noch Allgemeinerem eben als Teil eines größeren Ganzen immer auch ein Besonderes, Individuelles, Historisches. Daher hat auch das theoretische Erkenntnisobjekt, das lediglich  allgemeine  Merkmale eines Erfahrungsobjekts umschließt, immer auch einen relativ historischen Charakter, und dieser erreicht einen umso höheren Grade, je weniger umfassend sein begrifflicher Ausdruck ist, und einen je kleineren Teil der Wirklichkeit sich das Erkenntnisobjekt bezieht. Ein Erkenntnisobjekt mit rein theoretischem Charakter, dem gar nichts Historisches mehr anhaftet, kann es gar nicht geben, weil es jeden Zusammenhang mit der Wirklichkeit, mit der Erfahrungswelt verloren hätte, mithin einer  empirischen  Wissenschaft nie zugrunde liegen könnte.

Wir haben bereits darauf hingewiesen, daß wir die Nationalökonomie als eine theoretische Wissenschaft mit einem relativ historischen Charakter sehr hoher Ordnung auffassen, daß für uns also ein theoretisches Erkenntnisobjekt in Frage kommt, das einen starken historischen Einschlag enthalten wird. Diese Auffassung bedarf hier keiner weiteren Begründung. Es genügt, daß es eine theoretische Nationalökonomie tatsächlich und bestreitbar gibt. Was von Seiten mancher Historiker bestritten wird, ist die Bedeutung und der Wert einer solchen Disziplin; was ihr zum Vorwurf gemacht wird, ist, daß sie nicht auf eine Erkenntnis der vollen empirischen Wirklichkeit ausgeht - etwas, was sie freilich ihrer theoretischen Natur nach nie zu leisten vermöchte. Daß es daneben noch eine historische Nationalökonomie gibt, ist für unsere Untersuchung gleichgültig und ihre Existenzberechtigung hat die Theorie niemals bestritten, wozu sie von ihrem Standpunktaus auch gar keine Möglichkeit hätte, ebenso wie es vom historischen Standpunkt aus keine Möglichkeit gibt, Wert und Berechtigung einer theoretischen Betrachtung zu bestreiten. Beide Gesichtspunkte sind eben fundamental verschieden und die wissenschaftlichen Ziele direkt entgegengesetzt, so daß, wer nur die einen ins Auge faßt und für wertvoll hält, von da aus über Wert und Berechtigung der anderen kein Urteil fällen kann.

Es ist aber von Interesse, daß dies dennoch allen Ernstes geschehen ist, und die Erklärung hierfür liegt in dem eigentümlich logischen Charakter dieser Wissenschaft. Die komplexe Interessenverknüpfung und die vielgestaltigen Zusammenhänge, die man als Volkswirtschaft zu bezeichnen pflegt, zeigen selbst in ihren allgemeinsten Zügen, welche die theoretische Nationalöknomie begrifflich zu erfassen und zu analysieren strebt, eine derart auffallende historische Bedingtheit, daß ihre historische, der empirischen Wirklichkeit sich stetig annähernde Erkenntnis mehr als auf vielen anderen Wissensgebieten, insbesondere den Naturwissenschaften, geboten erscheint. Das zeitweilige Vorwalten des historischen Interesses in der Nationalökonomie erklärt sich aber noch mehr daraus, daß diese Wissenschaft in besonderem Maß von vornherein mit praktischen Bestrebungen und Zwecken verknüpft, daß ihr nur um dieser willen Berechtigung und Bedeutung zugestanden wurde. Praktische Probleme können nicht anders als auf der Grundlage eingehender historischer Erkenntnis der empirischen Wirklichkeit, ihres Gewordenseins und ihrer Entwicklungstendenzen gelöst werden, aber ebensowenig ohne Beihilfe theoretischer Erkenntnisse, die selbst die historische Wissenschaft in hohem Maße zu fördern vermögen. So liegt es schon in der Natur der "Volkswirtschaft", daß dieses Erfahrungsobjekt sowohl unter historischen, als unter theoretischen Gesichtspunkten interessiert, daher ebensowohl einem historischen, wie einem theoretischen Erkenntnisobjekt zugrunde liegen und von einer historischen, wie von einer theoretischen Wissenschaft als "Gebiet" bearbeitet werden muß. Ferner bringt es die relativ hohe historische Bedingtheit selbst ihrer allgemeinsten Züge, sowie das Vorwalten eines praktisch-politischen Gesichtspunktes mit sich, daß zeitweilig die Täuschung entstehen konnte, daß lediglich die historische Behandlung die ihr angemessene Betrachtungsweise ist. Zu einer vollkommen klaren Darstellung kann die historische Bedingtheit des Erkenntnisobjekts der theoretischen Nationalökonomie erst gebracht werden, wenn es begrifflich fixiert ist; vorläufig aber ergibt sich eine allgemeine Vorstellung davon schon aus der Betrachtung des Zustandes und des Charakters der ganzen Wissenschaft.

Als  Volkswirtschaft  bezeichnen wir in der Regel eine unendlich verschlungene und vielgestaltige erfahrungsmäßige Beziehung von Interessen und Handlungen, von Einrichtungen und Veranstaltungen, welche in ihrer vollen empirischen Realität, in ihrer unendlichen Mannigfaltigkeit und ihrer fortwährenden Veränderung begrifflich nie völlig erfaßt werden kann. Dies ist auch einer historischen Betrachtung, die sich diesem Ziel wohl schrittweise immer mehr annähert, in absoluter Weise prinzipiell unmöglich. Die Volkswirtschaft als Erfahrungsobjekt, als das von der Wissenschaft zu bearbeitende "Gebiet", läßt sich auch formal nicht eindeutig definieren. Sie verbleibt für das Denken in ihrer komplexen Realität notwendig ein verschwommenes Gebilde. Die Volkswirtschaft in diesem Sinn ist für die Wissenschaft ein Erfahrungsobjekt oder Untersuchungsgebiet, auf welches sich verschiedene Disziplinen beziehen können, aber nicht das Erkenntnisobjek der theoretischen Nationalökonomie, das, seinem Inhalt nach begrifflich erfaßt, den Inhalt dieser Wissenschaft und, formal definiert, ihren logischen Charakter, ihre Selbständigkeit und Eigenart ausdrückt. Man kann aber auch dieses Erkenntnisobjekt als "Volkswirtschaft" bezeichnen und pflegt in diesem Sinn vom  "Begriff der Volkswirtschaft"  zu sprechen. Wie sich aus der folgenden historisch-kritischen Untersuchung ergeben wird, hat man diese beiden Bedeutungen nie reinlich auseinandergehalten und prinzipiell geschieden. Daraus ergab sich, daß man bei dem Versuch einer Bestimmung des Objekts der "Volkswirtschaftslehre" immer wieder auf das logisch ansich widerspruchsvolle Problem verfiel, die  empirische  Volkswirtschaft zu definieren, und dieses dadurch zu lösen versuchte, daß man von der Wissenschaft weg auf die Erfahrung und den ihr noch relativ nahestehenden gemeinen Sprachgebrauch rekurrierte. Dadurch mußte jede Bestimmung des Objekts in Widerspruch zur tatsächlichen Wissenschaft geraten, deren Inhalt sich mit ihm nie deckte. Man kann hier in Bezug auf die Wissenschaft sagen, daß ihr Erkenntnisobjekt nicht a priori bestimmt werden kann, d. h. bloß aufgrund der Erfahrung, ohne Berücksichtigung ihrer wissenschaftlichen Formung und Gestaltung. Erst aufgrund einer umfassenden wissenschaftlichen Erkenntnis kann seine Bestimmung erfolgen. Das "Gebiet" muß schon in weitem Umfang begrifflich bearbeitet sein, damit man sehen kann, welche begrifflichen Merkmale an ihm sich zu einer gedanklichen Einheit zusammenschließen.

Das  Gebiet der Volkswirtschaft  ist nun einem unabweislichen Erkenntnisbedürfnis zufolge  tatsächlich  in  doppelter  Richtung wissenschaftlich bearbeitet worden, in der  Richtung auf das Allgemeine und in der Richtung auf das Besondere.  Nach beiden Richtungen hin sind interessierende Probleme gestellt und umfassende, wertvolle Erkenntnisse zustande gebracht worden, so daß tatsächlich zwei unter logischen Gesichtspunkten völlig geschiedene Gruppen von Problemen und Erkenntnissen als  zwei  Wissenschaften von  demselben  Erfahrungsobjekt nebeneinanderstehen. Das sind die Tatsachen, von denen wir ausgehen müssen, wenn wir vom Erkenntnisobjekt der Nationalökonomie sprechen wollen. Dieses Erkenntnisobjekt ist nicht die empirische Volkswirtschaft, welche beiden Wissenschaften als Erfahrungsobjekt zugrunde liegt, sondern grundsätzlich davon verschieden und ein  ganz anderes, je nachdem es sich um die theoretische oder historische Wissenschaft von der Volkswirtschaft  handelt, indem in beiden Fällen ganz andere Erfahrungselemente dieses Erfahrungsobjekts sich zu seinem Begriff zusammenschließen. Indem man aber ohne alle Rücksicht auf die Doppelseitigkeit des wissenschaftlichen Interesses in Bezug auf die Volkswirtschaft und die daraus notwendig hervorgehende Zweiheit der Wissenschaft von der Volkswirtschaft das Erkenntnisobjekt mit dem  einen  Erfahrungsobjekt verwechselte und identifizierte, glaubte man, lediglich auf den historischen Charakter, die Entwicklung und Wandelbarkeit dieses Objekts hinweisen zu müssen, um die historische Bearbeitung als die ihm  allein  angemessene darzutun. Weil die Volkswirtschaft in ihrer konkreten Realität etwas Historisches ist, könne die Wissenschaft von der Volkswirtschaft nur ein historisches Erkenntnisobjekt und nur einen historischen Charakter haben. Tatsächlich ist die Volkswirtschaft in gar keinem prinzipiell anderen Sinn historisch, wie irgendein Stück Wirklichkeit sonst, die Gesellschaft nicht anders - wei man vielfach glaubt - als die Natur, die Geisteswelt nicht anders als die Körperwelt. Man müßte nach jener Schlußweise ebenso sagen, daß auch sämliche Naturwissenschaften historisch sein müßten. Hier wird dann aber der Widerspruch sofort offenkundig.

Allen  Erfahrungswissenschaften liegt ein Historisches zugrunde, d. h. eine in Raum und Zeit gegebene, stetig veränderliche und unendlich mannigfaltige Wirklichkeit. Jedes Stück der Wirklichkeit kann aber prinzipiell sowohl einer theoretischen als auch einer historischen Betrachtung unterworfen werden; es kommt lediglich darauf an, ob die eine oder die andere wissenschaftlich interessiert, ob die generellen oder die individuellen Erfahrungselemente an dieser Wirklichkeit bedeutsam erscheinen, und es kann auch beides zugleich der Fall sein. Diese Wirklichkeit ist ein begrifflich nicht faßbares Erfahrungsobjekt und hat mit der logischen Eigenart der Wissenschaft nichts zu tun. Erst das Erkenntnisobjekt, das von einem Erfahrungsobjekt prinzipiell geschieden bleibt, hängt damit zusammen.

Als Richtschnur für das Folgende haben wir uns also zusammenfassend vor Augen zu halten:  Von der unmittelbar erfahrenen Wirklichkeit geht wohl jede empirische Wissenschaft aus, aber die volle empirische Wirklichkeit geht in keine wissenschaftliche Darstellung ein. Eine solche schließt notwendig immer schon eine logische Bearbeitung der Erfahrung in sich.  Diese ist in einer doppelten, prinzipiell verschiedenen Weise möglich, entweder in der Richtung eine immer weitergehenden prinzipiellen Entfernung von der unmittelbar erfahrungsmäßig gegebenen Wirklichkeit oder einer schrittweisen prinzipiellen Annäherung an diese Wirklichkeit. Beides findet seine praktische Grenze in dem jeweiligen Erkenntniszweck.  Das Objekt, das eine eigene selbständige Wissenschaft oder wissenschaftliche Darstellung charakterisiert, ist nicht das wirkliche konkrete Erfahrungsobjekt, das als ein und dasselbe mehreren ganz verschiedenen Wissenschaften zugrunde liegen kann, sondern das prinzipiell unwirkliche begriffliche Erkenntnisobjekt.  Die Summe von Aussagen oder Sätzen, welche sich in einer Wissenschaft zu einer geschlossenen Einheit zusammenschließen, machen die  materielle Erkenntnis  dieses Objekts aus, die allgemeinsten Bedingungen, unter welchen diese Aussagen gemacht werden, die begrifflichen Merkmale, durch welche das Objekt nicht inhaltlich erkannt, sondern bloß formal als ein eindeutiges und eigenartiges fixiert wird, bedeuten die  formale Bestimmung  des Erkenntnisobjekts, auf die es in dieser Untersuchung ankommt. Es ist ein begrifflicher Komplex der  allgemeinsten Bedingungen,  unter welchen  alle  jene materiellen Erkenntnisse stehen, welche in ihrer Gesamtheit den Inhalt der Wissenschaft ausmachen. Enthalten diese formalen Bedingungen die Besonderheit eines konkreten Einzelnen, dann ist das Erkenntnisobjekt als ein historisches bestimmt, enthalten sie das an mehrerem Einzelnen haftende Allgemeine, dann ist es als ein theoretisches fixiert. Beide können sich auf ein und dasselbe konkrete Erfahrungsobjekt beziehen.

Eine kritische Untersuchung der Problembehandlung hat  zwei  Momente im Auge zu behalten, die  formale Bestimmung  des Erkenntnisobjekts aus dem Ganzen der Wissenschaft ansich einerseits und das  Verhältnis  des so bestimmten  Erkenntnisobjekts  zu dem der Wissenschaft unterliegenden  Erfahrungsobjekt  andererseits. Insofern die Untersuchung das Erkenntnisobjekt der  theoretischen  Wissenschaft von der Volkswirtschaft im Auge hat, gebrauchen wir die Bezeichnung "Nationalökonomie" speziell für diese Wissenschaft und anerkennen ihren tatsächlichen Bestand, ohne uns auf die Frage nach ihrer Bedeutung und ihrer praktischen Tragweite, bzw. nach ihrem theoretischen  Erkenntniswert  näher einzulassen. Hier läge ein erkenntnistheoretisches Problem von weit allgemeinerer Bedeutung, als daß es vom Boden einer Spezialwissenschaft aus gelöst werden könnte (24).
LITERATUR Alfred Amonn, Objekt und Grundbegriffe der theoretischen Nationalökonomie, Wien und Leipzig 1911
    Anmerkungen
    1) Daß das nicht dem Buch selbst zuzuschreiben ist, sondern vielmehr dem damaligen Zustand der noch keinen irgendwie sicheren Anhaltspunkt zur Orientierung und keinen Maßstab zur Beurteilung derart neuer Gedanken besitzenden logischen Fachwissenschaft, also einer gewissen, in ihrem Entwicklungszustand objektiv begründeten Unreife zur Erfassung der Tragweite eines neuen logischen Prinzips für die Lösung alter methodologischer Probleme, braucht heute nicht mehr hervorgehoben zu werden. Wäre das Werk zwanzig Jahre später erschienen, zur Zeit, als die logische Fachwissenschaf sich  dieselben  Probleme in einem weiteren Umfang stellte und die nationalökonomische Methodologie sich bereits an ihr orientieren konnte, es hätte die Aufmerksamkeit nicht weniger auf sich gezogen wie damals, aber zweifellos eine  ganz andere  Wirkung erzielt. Und heute ist die Diskussion über diese Probleme weder in der Logik, noch in der Nationalökonomie wesentlich über den sachlichen Inhalt von MENGERs "Untersuchungen" hinausgekommen.
    2) Es kommen vor allem in Betracht: WINDELBAND, "Geschichte und Naturwissenschaft, Rektoratsrede, 1894 und RICKERT, "Die Grenzen der naturwissenschaftlichen Begriffsbildung", 1902.
    3) Vgl. MAX WEBER, "Roscher und Knies und die logischen Probleme der historischen Nationalökonomie" in Schmollers Jahrbuch 1903, Bd. 27, Seite 1184, und FRIEDRICH GOTTL, "Zur sozialwissenschaftlichen Begriffsbildung", I. Umrisse einer Theorie des Individuellen im "Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik", 1906, Bd. 23, Seite 404.
    4) Insbesondere von MAX WEBER in verschiedenen Aufsätzen in  Schmollers Jahrbuch  und im "Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik" und von FRIEDRICH GOTTL in "Die Herrschaft des Wortes" 1901 und der Aufsatzreihe "Zur sozialwissenschaftlichen Begriffsbildung" im genannten Archiv 1906, 1907, 1909. Vgl. auch STEPHINGER, "Zur Methode der Volkswirtschaftslehre", 1907.
    5) MENGER, "Untersuchungen", Seite 239
    6) DIETZEL, "Über das Verhältnis der Volkswirtschaftslehre zur Sozialwirtschaftslehre", 1882
    7) EUGEN von PHILIPPOVICH, Über Aufgabe und Methode der politischen Ökonomie, 1886
    8) Vgl. DIETZEL, Artikel "Selbstinteresse" im Handwörterbuch der Staatswissenschaften, GOTTL, "Zur sozialwissenschaftlichen Begriffsbildung I", a. a. O., Seite 404 und OTHMAR SPANN, "Wirtschaft und Gesellschaft", 1907, Seite 1f. - - - Es ist das nicht, wie SPANN meint, eine heute geläufige irrtümliche Ansicht über den alten Methodenstreit, sondern der Gegensatz zwischen Induktion und Deduktion bildete schließlich in der Tat den Kernpunkt des  damaligen  Methodenstreits. Es bedeutete daher SPANNs Formulierung nicht eine neue berichtigte Auffassung des  alten  Methodenstreits, sondern eine  andere Wendung  des Methoden problems.  - Es is tauch gar nicht dermaßen verwunderlich (wie es GOTTL a. a. O. erscheint), daß die nationalökonomische Methodologie  damals  in jenen Gegensatz ausmündete. Abgesehen davon, daß er ja tatsächlich in jeder empirischen Wissenschaft eine Rolle spielt und noch dazu im kritischen Anfangsstadium, in welchem sich die Nationalökonomie damals befand, sehr an der Oberfläche lag und deshalb vor allem in die Augen springen mußte, stand ja die logische Fachwissenschaft selbst noch im Bannkreis dieses Gegensatzes, der sie, seit FRANCIS BACON der aristotelischen Logik in etwas einseitiger Weise die neuere naturwissenschaftliche Methode gegenüberstellte, völlig beherrscht hat und unter dem Einfluß von JOHN STUART MILLs "System der deduktiven und induktiven Logik" auch bis spät ins 19. Jahrhundert hinein beherrschte. Zumal dem Nichtlogiker mußte er so eigentlich als  das  logische Problem erscheinen, umso mehr, als die Logik, die als eine ziemlich fertige Wissenschaft galt, in der Tat kein anderes Problem von allgemeinerer Bedeutung kannte. Daß sich unterdessen eine ganze Reihe neuer Wissenschaften entwickelt hatte, die neue, noch nicht erkannte logische Probleme in sich schließen, konnte der logischen Fachwissenschaft deshalb noch leicht entgehen, weil jene Wissenschaften selbst zunächst, von der naturwissenschaftlichen Logik völlig beherrscht, auf die falsche Fährte geraten waren und erst allmählich zur kritischen Besinnung auf die ihnen zugrunde liegenden logischen Probleme gelangten. So rückte erst in neuerer Zeit anstelle des alten Gegensatzes von Induktion und Deduktion ein anderer Gegensatz in Sehweite, der zwischen  naturwissenschaftlicher  und  historischer  Logik. Den  Nationalökonomien  konnte aber wirklich nicht zugemutet werden, der  Logik  neue Bahnen zu brechen.
    9) "Grundlegung der politischen Ökonomie", dritte Auflage, 1892, Seite 142. Vgl. auch KNIES, "Die Politische Ökonomie vom geschichtlichen Standpunkt", 1883, Seite 157.
    10) a. a. O., Seite 1. Vgl. auch GOTTL, "Zur sozialwissenschaftlichen Begriffsbildung II" - Der Stoff der Sozialwissenschaft" a. a. O. Archiv 1907, Bd. 24, Seite 266 und 271.
    11) GOTTL, a. a. O.
    12) "Theoretische Sozialökonomik" (Lehr- und Handbuch der politischen Ökonomie, hg. von ADOLF WAGNER, 2. Hauptabteilung) 1895, Seite 1
    13) Die Entwicklung der deutschen Volkswirtschaftslehre im 19. Jahrhundert (Schmoller-Festgabe) Bd. 1, 1908, Seite VII.
    14) Vgl. dazu SCHUMPETER, "Das Wesen und der Hauptinhalt der theoretischen Nationalökonomie", 1908, Seite 583f.
    15) Vgl. MAX WEBER, "Die Objektivität sozialwissenschaftlicher und sozialpolitischer Erkenntnis" im  Archiv für Sozialwissenschaft,  1904, Bd. 19, Seite 41. "Nicht die  sachlichen  Zusammenhänge der  Dinge,  sondern die  gedanklichen  Zusammenhänge der  Probleme  liegen den Arbeitsgebieten der Wissenschaften zugrunde."
    16) Bei GOTTL, "Die Herrschaft des Wortes" der leitende Gesichtspunkt für seine Kritik.
    17) FRIEDRICH GOTTL-OTTLILIENFELD, Die Herrschaft des Wortes, Untersuchungen zur Kritik des nationalökonomischen Denkens, 1901
    18) OTHMAR SPANN, Wirtschaft und Gesellschaft, 1907
    19) JOSEPH SCHUMPETER, Das Wesen und der Hauptinhalt der theoretischen Nationalökonomie, 1908
    20) Vgl. GOTTL, Die Herrschaft des Wortes.
    21) MENGER, Untersuchungen, Seite 3f
    22) WINDELBAND, welcher in seiner Rektoratsrede "Geschichte und Naturwissenschaft" die prinzipielle Bedeutung dieses Gegensatzes für die Logik der gesamten Spezialwissenschaften nachdrücklich betonte, hat ihn als Gegensatz zwischen  "nomothetischer"  und  "ideographischer"  Denkweise bezeichnet, während RICKERT, dessen Hauptwerk "Die Grenzen der naturwissenschaftlichen Begriffsbildung" ihn erschöpfend bearbeitet, von  "naturwissenschaftlicher"  und  "historischer  Betrachtung der Wirklichkeit spricht.
    23) RICKERT spricht von einem "historischen Individuum".
    24) Um die Problemstellung hat sich in einem allgemeineren Sinn GOTTL bemüht (Der Stoff der Sozialwissenschaft) im "Archiv für Sozialwissenschaft", Bd. 24, 1907, Seite 265f. Derselbe Sinn, in dem hier die Unterscheidung zwischen Erfahrungsobjekt und Erkenntnisobjekt vollzogen ist, unterliegt auch GOTTLs Unterscheidung zwischen dem "Gegebenen" oder dem "Erfahrbaren" und dem "Stoff einer Wissenschaft". "Das Gegebene fällt mit dem Erfahrbaren zusammen, der Stoff korrespondiert mit einem bestimmten Modus der Erfahrung. Verschiedenheit des Stoffes besagt also keineswegs eine  sachliche  Trennung innerhalb der  Objekte,  sondern basiert auf einem  erkenntnistheoretischen  Unterschied in der Objektivation: ein Unterschied in der Art also, wie sich das Anschauliche in Gegenstände unseres Denkens und damit in Begriffliches umsetzen läßt. Der bestimmte  Stoff  kennzeichnet mithin eine  Denkweise von grundsätzlicher Bestimmtheit"  (Seite 266). "Das Eine bedeutet der Stoff im Geiste eines  Einerlei der Erfahrung, das der Formung aller Gegenstände unterliegt,  gleichsam ihr gemeinsamer Wurzelboden ist. Der Stoff ist es, der sich in diesem rein theoretischen Sinn zwischen Wirklichkeit und wissenschaftlichem Denken stellt; in ihm ist die wechselnde Stellungnahme unseres Denkens zur  einen  Wirklichkeit versinnlicht." - "Das Material ist stets das empirisch dem  Forscher Gegebene,  während der Stoff mit dem zusammenhängt, was im erkenntnistheoretischen Sinn unserem Denken das Gegebene vorstellt" - (Seite 274). Die allgemeinere Problemstellung GOTTLs ist dann: "in welcher verschiedener Weise wir die eine Wirklichkeit als Erfahrung in unser Denken übernehmen." - Ob die Einführung der Bezeichnung "Stoff" einer Wissenschaft anstelle des allerdings nicht völlig eindeutigen, aber eingewurzelten Wortes "Objekt" glücklich ist, ist zu bezweifeln, umso mehr, als die übliche Bedeutung des Wortes  Stoff  gerade derjenigen entgegengesetzt ist, welche GOTTL in Bezug auf dieses Problem angebracht findet. Unter "Stoff" versteht man doch in der Regel gerade das bloß "Gegebene", noch nicht irgendwie Verarbeitete, das "Material". GOTTLs Problemstellung wird auch unklar durch ein beständiges Schwanken zwischen rein  logischen  und  erkenntnistheoretischen  Gesichtspunkten. Darauf und auf die damit zusammenhängende, GOTTL eigentümliche, sehr problematische Scheidung zwischen  phänomenologischem  und  noetischem  Denken kann hier nicht näher eingegangen werden.