ra-2ra-1ra-2A. BilimovicF. MauthnerH. CohenA. WagnerB. Erdmann    
 
ADOLF LASSON
Das unendlich Kleine
im wirtschaftlichen Leben

[Vortrag gehalten in der Volkswirtschaftlichen Gesellschaft
zu Berlin am 31. Januar 1891]

[1/2]

"Ein  Werkzeug  erschöpft seinen Wert nicht in der einzelnen Arbeitsleistung, auch nicht in vielen Arbeitsleistungen, und nachdem es selbst zugrunde gegangen ist, wirkt es noch nach in den Leistungen derjenigen Gegenstände, die mit seiner Hilfe hervorgebracht worden sind. Und wenn die durch das Werkzeug erzeugten Gegenstände selbst wieder Werkzeuge sind, so wirkt das ursprüngliche Werkzeug sozusagen ohne Ende durch die Generationen von Werkzeugen weiter, und noch an den nützlichen Gegenständen späterer Zeiten läßt sich ein immer kleiner werdender, ein unendlich kleiner Bestandteil ihres Nutzens auf dasjenige Werkzeug zurückführen, das dereinst einmal tätig war, um die Ahnen zu erzeugen, von denen die späteren Geschlechter von Werkzeugen abstammen."

"Mittels solcher der Erzeugung dienender Gegenstände vollzieht sich die Kapitalbildung. Der Vorrat an solchen Gegenständen ist selbst schon Kapital. Dieses Kapital aber ist von unbegrenzter Fruchtbarkeit.  Kapital zeugt Kapital in unabsehbarer Folge.  Vorhandenes Kapital schafft eine erhöhte Möglichkeit, neues Kapital zu erzeugen; die zeugende Kraft des Kapitals wächst mit seiner Zunahme, und sie wächst  in viel höherem Maße,  als seine Menge zunimmt. Früheres Kapital setzt sich in gegenwärtigem fort; in unendlich keinen Bruchteilen ist seine Wirksamkeit durch alle folgenden Zeiten verbreitet und geradezu unvergänglich."

Die folgenden Darlegungen beabsichtigen, unter einem nicht eben häufig ins Auge gefaßten Gesichtspunkt einige Erscheinungen des wirtschaftlichen Lebens so zu charakterisieren, daß dabei ihre innere Natur deutlicher hervortritt, als sie sich im gewöhnlichen Bewußtsein darzustellen pflegt. Es gilt nicht eine neue und unentdeckte Wahrheit zu finden, sondern alte und unerschütterte Wahrheit, die nur zuweilen nicht genügend in den Gemütern befestigt und gegenwärtig ist, eigentümlich und kräftig zu beleuchten. In der gegenwärtigen Strömung, die das Leben und die Wissenschaft gleichmäßig beherrscht, kann es nicht als überflüssig gelten, wenn der Versuch gemacht wird, dem Neuen, dem Unerhörten, dem Weltumstürzenden gegenüber, das man träumt oder plant oder auch in die Wirklichkeit einzuführen ernsthafte Anstalten macht, an die alte einfache Struktur der wirklichen Verhältnisse, wie sie von je gewesen sind und auch immer sein müssen, sowie an die unscheinbaren Elemente und die still wirkenden Kräfte, aus denen mittels derer diese Struktur sich stets und fortschreitend erneuert, in schlichter und nüchterner Überlegung aufs Neue zu erinnern. Daß 6 mal 6 genau 36 ist, nicht mehr und nicht weniger, ist eine triviale Weisheit; aber den Projektemachern, den Phantasten, den Weltverbesserern, den Staatssozialisten - all denen, die sich anbieten, durch eine künstliche Veranstaltung, mit Hilfe von etlichen Gesetzesparagraphen oder durch eine völlige Umgestaltung aller Verhältnisse, unter denen kultivierte Menschen von jeher gelebt haben, das Produkt von 6 mal 6 zu etwas ganz anderem zu machen, es gar bis ins Unendliche zu steigern, - diesen darf man ja wohl auch diese triviale Weisheit entgegenhalten, ohne Vorwurf und mit großem Nutzen. Wenn sich die Mehrzahl in abgelegene Begriffsdichtungen ethisch-historisch-spekulativer Art verliert, die den Blick für das Gegebene trüben und die Fähigkeit es vernünftig zu behandeln lähmen, so ist es für eine nüchtern gebliebene Minderzahl kein Vorwurf, daß sie es verschmäht, sich auch in die Wolken zu versteigen und sich vom geraden Weg des besonnenen Denkens hinweg in das Wilde und Wüste verleiten zu lassen; vielmehr darf es ein Verdienst heißen, in Theorie und Praxis an der alten und bewährten Erkenntnis festzuhalten, auch wenn sie viel eingeschränktere Aussichten und viel bescheidenere Hoffnungen zu hegen vergönnt, als die, denen sich die von Redensarten Trunkenen ergeben.

Wir knüpfen unsere Betrachtungen an den Begriff des  unendlich Kleinen.  Einige Bemerkungen über diesen, wie wir ihn in diesem Zusammenhang verstanden wissen wollen, mögen zweckmäßigerweise vorausgehen.

Klein und groß sind relative Begriffe. In den irdischen Dingen ist nichts klein oder groß  ansich,  sondern immer nur im Verhältnis zu anderem. Jegliches, was uns irgendwo begegnet, ein Ding, ein Vorgang, ist zusammengesetzt aus Teilen, und jeder Teil ist wieder teilbar. Setzen wir die Teilung fort, bei welchem Gegenstand auch immer, ob es sich um räumliche Ausdehung, zeitliche Dauer, Bewegung oder Veränderung handelt - wir kommen überall zu immer Kleinerem, immer mehr Unmerklichem: aber niemals gelangen wir zu einem Kleinsten; niemals wird das Produkt der Teilung, soweit sie auch fortgesetzt wird, gleich Null. Und umgekehrt, aus Nullen läßt sich niemals irgendeine Größe zusammensetzen. All das, womit wir es im Leben wirklich zu tun haben, alle meßbaren Größen, sind also wirklich zusammengesetzt aus Teilen, aber aus solchen Teilen, die bei weiterer Teilung immer kleiner werden können, ohne daß die Teile der Teile jemals gleich Null werden. Das heißt aber nichts anderes als: die Teile nähern sich durch stetige Abnahme der Null gleichsam wie einer festen Grenze an; könnten sie mit dieser Grenze jemals zusammenfallen, so würden sie verschwinden, also keine Teile der Zusammensetzung mehr sein und auch das Zusammengesetzte nicht bilden helfen, es auch nicht erklärbar machen. Werden die Teile also nicht Null, so werden sie doch kleiner als jede noch so kleine Größe, die sich nur irgendwie angeben läßt. Sie lassen sich dann in keiner Wahrnehmung, keiner Erfahrung mehr aufzeigen, und praktisch bekümmern wir uns um sie im gewöhnlichen Leben gar nicht. Aber wenn wir über die in der erfahrungsmäßigen Welt uns begegnenden Gegenstände nachdenken und sie uns begreiflich zu machen suchen, dann müssen wir eben diese nach Null als der Grenze zu stetig abnehmenden Teil als die konstituierenden Elemente der Wirklichkeit anerkennen, und in der Wissenschaft ist die sorgfältige Erwägung dieser ansich nicht wahrnehmbaren Elemente eine der Bedingungen dafür, daß man das tausendfach verflochtene und zunächst undurchdringliche Gewebe der gegebenen Tatsachen überhaupt versteht und in seiner wahren Natur ergreift. Diese gegen Null als Grenze abnehmenden Teile der Teile nun, die kleiner werden als jede noch so kleine Größe, diese sind das unendlich Kleine, wovon zunächst im Folgenden die Rede sein soll.

Dabei ist es freilich nicht unsere Absicht, uns irgendwie auf die Wege zu begeben, die die Mathematiker wandern. Es hat einmal eine Zeit gegeben, wo Mathematik nicht bloß für die strengste und vertrauenswürdigste aller Wissenschaften, sondern geradezu für die einzig strenge Wissenschaft, oder wo wenigstens die mathematische Methode des Demonstrierens für die allein wissenschaftliche, die ausschließlich gesicherten Wahrheitsgehalt verbürgende Methode galt. Damals mußte alles auf allen Gebieten der Wissenschaft  more geometrico  demonstriert werden, was als strenge Wissenschaft imponieren sollte, und die pedantische Umständlichkeit des Verfahrens auf Gebieten, wo die Methode mit der Natur des Gegenstandes in einem offenen Streit lag, verstärkte bei den ehrbaren Altvorderen nur den Schein einer alles erwägenden Sorgfalt und Gründlichkeit. Heutzutage ist es die naturwissenschaftliche Methode, die sich in ähnlicher Weise alle Gebiete der Wissenschaft, auch die für sie ungeeignetsten und fremdartigsten zu unterwerfen sucht, und so tritt dann jetzt die mathematische Analysis auch im Gefolge der naturwissenschaftlichen Methode als die Allbeherrscherin auf. Auch in der Wissenschaft von der Volkswirtschaft ringt sie um Herrschaft. Versuche, volkswirtschaftliche Probleme durch eine mathematische Behandlung zu lösen, sind schon durch COURNOT 1838 und durch von THÜNEN 1842 in die Wissenschaft eingeführt worden; andere haben sich dann angeschlossen. Aber erst seit LAUNHARDT und WALRAS (1874) ist die Methode oder, wie man vielleicht auch sagen könnte, die Manier in einem weiteren Umfang zur Mode geworden; es genügt an die Arbeiten von STANLEY JEVONS, AUSPITZ und LIEBEN, sowie ALFRED MARSHALL zu erinnern.

Das Recht und die Tragweite der Anwendung mathematischer Analysis auf volkswirtschaftliche Fragen eingehender zu erörtern, ist hier nicht der Ort; indessen mögen folgende Bemerkungen darüber gestattet sein. Sofern die Volkswirtschaft eine biologisch-naturwissenschaftliche Seite hat und auf dem Spiel von Trieben und Bedingungen beruth, die nach Art von mechanischen Kräften wirken, ist die naturwissenschaftliche Methode und mit ihr auch die mathematische Erörterung in ihr ganz wohl an ihrem Platz. Aber immerhin gilt das doch nur von schematischen Umrissen der volkswirtschaftlichen Erscheinungswelt; denn das eigentliche Wesen der Sache besteht doch in den spezifisch menschlichen, in den historischen, staatlich-gesellschaftlichen, psychologischen Bedingungen und Besonderheiten, und diesen vermag keine Mathematik gerecht zu werden. Darauf mag es beruhen, daß der rechte Beweis der Fruchtbarkeit mathematischer Methoden auf diesem Gebiet doch noch erst zu liefern ist; bis jetzt beweist man mittels derselben jedesmal das, was man zu beweisen ein Interesse hat. Die Annahmen, von denen man ausgeht, die Ansätze zu den Gleichungen, die man aufstellt, haben jedesmal ein Element der Willkür, zu weit getriebener Abstraktion oder ungerechtfertigter Verallgemeinerung, und die Resultate, bei denen man anlangt, empfehlen sich keineswegs durch eine größere Zuverlässigkeit als die auf einem anderen Weg erlangten. Durch die mathematische Analyse neue Theorien in glaubwürdiger Weise zu gewinnen und zu begründen wird deshalb wohl unmöglich bleiben. Volkswirtschaftliche Erkenntnis läßt sich nicht auf ein paar abstrakte Voraussetzungen aufbauen; sie verlangt die denkende Verarbeitung höchst verwickelter Reihen von Tatsachen, die auf dem Weg kritisch gesicherter Beobachtung durch die Sammlung und Gruppierung von Erfahrungen aufgrund richtig gebildeter Begriffe gewonnen werden müssen. Wirkliche Fortschritte kann sie auf einem anderen Weg nicht machen. Ist die naturwissenschaftliche Seite an der Wissenschaft der Volkswirtschaft unverkennbar vorhanden, so drängt sich die Analogie zur erfahrungsmäßigen Geschichtswissenschaft doch noch viel entschiedener als das eigentlich Wesentliche an ihr auf; eben darum ist die Rolle der Mathematik auf ihrem Gebiet eine sehr beschränkte. Aber immerhin ist damit den Versuchen einer mathematischen Darstellung volkswirtschaftlicher Lehren ihr relativer Wert durchaus nicht abgesprochen. Kann Mathematik hier keine Erkenntnisse erzeugen oder sicher begründen, so kann sie doch helfen sie anschaulich darzustellen; sie kann verwickelte Reflexionen durch das Gleichnis räumlicher Verhältnisse erläutern und so die Auffassung anderweitig gewonnener Sätze durch einen sinnenreichen Kunstgriff erleichtern. Für gewisse Grundverhältnisse des wirtschaftlichen Lebens wird man der mathematischen Betrachtung noch größere Zugeständnisse machen dürfen. Vorausgesetzt, daß sie sich der Grenzen ihrer Tragweite bewußt bleibt, wird man ihr gestatten, rechnerisch den allgemeinen Rahmen zu bezeichnen, innerhalb dessen sich alles wirtschaftliche Leben bewegt, sofern man von der Besonderheit der konkreten geschichtlichen Bedingungen zunächst ausdrücklich absieht und sich vorbehält, jenen Rahmen durch die Erwägung eben dieser Bedingungen auszufüllen und damit erst das wirkliche Leben in seiner Fülle zu ergreifen.

Indessen, um den Wert mathematischer Methoden in der Volkswirtschaft mag es so stehen oder anders: wir jedenfalls haben an dieser Stelle alles andere eher im Auge als das mathematische Verfahren. Wir begnügen uns damit, nachzuweisen, daß das unendlich Kleine im volkswirtschaftlichen Leben als gestaltende Macht vorkommt, und auf diejenigen Folgerungen hinzudeuten, die sich daraus für die theoretische Auffassung und für die praktische Behandlung wirtschaftlicher Verhältnisse ergeben.

I.

Um dem unendlich Kleinen zu begegnen, wählen wir das einfachste Beispiel. Jemand kauft 1 kg Weißbrot und bezahlt dafür 30 Pfennig. Ware und Preis, beides sieht sehr einfach aus, und doch sind beides zusammengesetzte Erscheinungen. Eine ganze Gesamtheit von wirtschaftlichen Leistungen findet in diesem Kilogramm Brot ihren Sammelpunkt und in diesen 30 Pfennigen ihren Entgelt, und es ist nicht ohne Interesse, genauer zuzusehen, wie sich diese Gesamtheit zusammensetzt.

Wir achten zunächst auf den  Preis.  Offenbar muß der Bäcker, der Unternehmer und Leiter des Geschäftes, im Preis die Erstattung seiner Auslagen und überdies eine Entschädigung für die von ihm geleistete Mühwaltung erhalten. Es muß also der Zins für das im Unternehmen steckende Kapital nebst Versicherung und Amortisation, es muß die Entschädigung für die Abnutzung der sachlichen Hilfsmittel, der Baulichkeiten, Geräte, Werkzeuge, Maschinen; es müssen die Löhne für die beim Backen des Brotes mitwirkenden Arbeitskräfte, die Ausgaben für Rohmaterial, Arbeits- und Verkaufsstätte, für Feuerung und Beleuchtung, - das alles muß in dem für das verkaufte Kilogramm Brot erzielten Preis irgendwie enthalten sein. Denn der Bäcker verkauft im Laufe des Jahres viele Tausend Kilogramm Brot, und die Gesamtheit all dieser Verkäufe muß ihm all das Bezeichnete eintragen; also muß in diesem Preis für jedes einzelne Kilogramm der entsprechende Teil dessen enthalten sein, was aus der Summe aller herauskommen soll.

Es ziemt sich aber wohl, noch einen Schritt weiter zurückzugehen. Der Bäcker hat das Mehl vom Müller, der Müller das Getreide vom Bauern gekauft. In der im Preis jedes Kilogramms wiederzuerstattenden Auslage des Bäckers liegt also auch die Bezahlung für den Müller und den Bauern. Dasselbe gilt aber offenbar auch von der Bezahlung für den Waldbesitzer, der das Holz, den Bergwerksbesitzer, der das Erz geliefert hat, das zur Herstellung der Werkzeuge gedient hat, für den Zimmerman und den Maurer und all die Handwerker, die die Arbeits- und Verkaufsräume hergestellt haben, von der ganzen unzählbaren Schar von Unternehmern und Arbeitern in allen Teilen der Welt, die die Bedingungen und Hilfsmittel geliefert haben für den Betrieb dieses einen Bäckerei-Unternehmens. Vom Preis, den seinerzeit jeder von ihen für seine Ware oder seine Arbeitsleistung erhalten hat, steckt ein Bruchteil in den 30 Pfennigen, mit denen ich heute ein Kilogramm Brot kaufe. Und so können wir, ja müssen wir immer weiter zurückgehen in die Vergangenheit und auf die in ihr liegenden Vorbedingungen für das Brot, das heute erzeugt und heute verzehrt wird. Es wird sich um immer geringere Größen handeln; aber ein unendlich kleiner Bruchteil der 30 Pfennige, der doch nicht ohne weiteres gleich Null gesetzt werden darf, kommt auf jede dieser unendlich zahlreichen, bis in die frühesten Anfänge menschlicher Kultur zurückreichenden Vorbedingungen für das heute zu erzeugende und zu verzehrende Brot.

Man sieht: wir haben es dabei nicht bloß mit etwas unendlich Kleinem von sehr verschiedenen Ordnungen zu tun. Im gewöhnlichen Leben kommt für uns das unendlich Kleine nicht in Betracht gegenüber den endlichen Größen, die wir zu handhaben und mit denen wir zu rechnen pflegen. Hier sehen wir, daß es im bezahlten Preis etwas unendlich Kleines gibt, das selbst wieder einem anderen unendlich Kleinen gegenüber vernachlässigt werden darf, weil es diesem gegenüber verschwindend klein ist. Und aus diesen geheimnisvollen Elementen, unendlich kleinen Größen von sehr verschiedener Ordnung, die unmittelbar schlechterdings nicht wahrzunehmen sind, bestehen die Preise, die wir im geläufigen Verkehr für die allergewöhnlichsten Dinge zahlen oder erlangen.

Die Preise der Dinge auszudrücken, bedienen sich die Menschen des  Geldes d. h. sie haben sich bestimmte Maßeinheiten geschaffen, deren Vielfaches die Höhe des Preises bezeichnet, und mit diesen behelfen sie sich, um das auszudrücken, was ansich aus unendlich kleinen Bestandteilen besteht. Die endliche Größe, die die kleinste Münze bildet, stellt also eine Summe dar von Größen, die in einem stetigen Fließen immer kleiner werden, und für deren Abnahme Null die Grenze bildet. Die kleinsten Maßeinheiten der Münze, deren wir uns bedienen, ergeben aber wie die starre Zahlenreihe selber jedesmal einen Sprung, wo zur Einheit die Einheit hinzugefügt wird. Ein Pfennig, ein Centime wird im gewöhnlichen Verkehr nicht weiter eingeteilt; aber zwischen einem Pfennig und zwei Pfennigen, einem Centime und zwei Centime gähnt eine Kluft. Die Notwendigkeit, solche festen letzten Einheiten anzuwenden, die noch ins Gewicht fallen und bestimmte, leicht zu handhabende Größen sind, ist aus der Natur und der Bestimmung des Geldes leicht einzusehen. Aber eine Schwierigkeit ergibt sich daraus, die oft fühlbar genug ist. Wo es sich um große Geldsummen handelt und ein real nicht vorhandener, nur ideeller, vorgestellter kleiner Bruchteil eines Pfennigs mit großen Zahlen zu multiplizieren ist, da vermag sich das Geld den inneren Bedingungen der Preisbildung verhältnismäßig viel näher anzuschmiegen; bei kleinen Beträgen ist es unmöglich, daß das Geld nach seiner Eigenart den ins unendlich Kleine sich verlaufenden Variationen der Preise unter den stetig sich verändernden Bedingungen des Verkehrs gerecht wird. Diese Unangemessenheit wird leidlich ausgeglichen aufgrund der durch die lange Arbeit aller menschlichen Geschlechter geschichtlich vollzogenen Herstellung einer Preisbildung von relativer Festigkeit und durchgängiger Verhältnismäßigkeit. Diese geschichtliche Preisbildung ist demnach als eine der wertvollsten Errungenschaften aller Kulturarbeit anzusehen und als eine der wesentlichsten Grundlagen, auf denen sich alles wahrhaft menschliche Leben aufbaut.

So ist es geschehen, daß in einem gewissen Kulturzustand, unter bestimmten örtlichen und zeitlichen Verhältnissen sich als das Erzeugnis einer unabsehbaren Reihe von früheren Vorgängen, Tausch- und Kaufgeschäften ein durchschnittlicher Herstellungspreis herausgebildet hat. Die Formel, wie sich infolgedessen der Preis im Austausch bestimmt, mag am besten so gefaßt werden, daß es der  Grenznutzen  ist, der Nutzen des letzten Teils, der hart am Rand gelegen ist, wo der Nutzen überhaupt aufhört oder sich in Verlust verwandelt, der für den Preis auch der anderen zum Verkauf gestellten Teile maßgebend wird, freilich, so möchten wir hinzufügen, nicht eigentlich als bewirkende Ursache; - denn daß der Grenznutzen gerade an dieser Stellt liegt und nicht an einer anderen, ist selbst vielmehr die Wirkung aus dem ganzen System der Preise; - sondern vielmehr als Kennzeichen und Merkmal.

Daß wir es hier beim Begriff des Grenznutzens selbst wieder mit dem unendlich Kleinen zu tun haben, sei nur nebenbei bemerkt; denn wir dürfen uns dabei nicht weiter aufhalten. Aber sicher ist, daß der durchschnittliche Herstellungspreis, wie er selbst eine aus unendlich vielen unendlich kleinen Größen zusammengesetzte Größe bildet, sein Gegenbild findet im Verkaufspreis, der von ihm abhängt und seine Zusammensetzung widerspiegelt. Zugleich leistet dieser Verkaufspreis aber noch etwas weiteres, was doch nicht ganz übergangen werden darf. Im durchschnittlichen Verkaufspreis liegt für denjenigen Unternehmer, der das Geschäft unter besonders günstigen Bedingungen oder mit einem besonderen Talent und geschäftlicher Tüchtigkeit betreibt, etwas wie eine Rente, die der in diesen Beziehungen am ungünstigsten Bedachte gar nicht, der weniger günstig Bedachte nur in verhältnismäßig geringerem Grad bezieht. Die Rente liegt darin, wohl bemerkt, ohne unmittelbar bei der Preisbildung als bestimmendes Glied mitzuwirken; eine solche Wirkung übt sie nur in sehr vermittelter Weise als Antrieb zur Unternehmung. Damit werden dann die Bestandteile des Preises ausreichend charakterisiert sein.

Wenn nun dies alles offenbar im gezahlten Preis, in den 30 Pfennigen unseres Beispiels, tatsächlich drinnen steckt, so ist es doch andererseits augenscheinlich, daß diese unendlich vielen unendlich kleinen Bestandteile des durchschnittlichen Preises keineswegs auch in demselben gesondert aufgezeigt werden können. Von ihrem wirklichen Vorhandensein überzeugt man sich allein durch die denkende Überlegung, anders nicht.

Die Herstellungskosten werden aber in der Kulturwelt noch weiter durch mancherlei ansich Fremdariges vermehrt, was doch auch nicht übersehen werden darf, und wir an dieser Stelle gestehen gern, daß dieses weiter Hinzukommende für uns gerade das gewesen ist, was uns eigentlich zu diesen Bemerkungen veranlaßt hat. Da gibt es Steuern und Gebühren, Zölle und Auflagen, die mit dem Geschäftsbetrieb mittelbar oder unmittelbar zusammenhängen, und die den Herstellungspreis sozusagen künstlich erhöhen. Damit ist es dann aber auch für jeden vernünftigen Menschen als selbstverständlich gegeben, daß sie notwendig auch eine entsprechende Erhöhung des Verkaufspreises zur Folge haben. Daß man nicht imstande ist, diese Erhöhungen im Preis für ein Kilogramm einzeln und gesondert aufzuzeigen, das ist ganz richtig; aber deshalb ist es nicht weniger eine ganz schlechte Ausrede für diejenigen, die vermeidbare künstliche Erhöhungen durch eine solche Nichtaufzeigbarkeit rechtfertigen wollen. Denn diese Unmöglichkeit des Aufzeigens besteht genau ebenso für die anderen die Höhe des Preises bestimmenden Faktoren auch, von denen doch kein Mensch mit gesunden Sinnen sich einfallen lassen kann zu bezweifeln, daß sie wirklich erhöhend einwirken.

Zunächst ist es ungeschickt und irreführend, sich an die Erscheinungen des Kleinverkaufs anzuklammern, um aus ihnen einen Beweis im negativen Sinne zurechtzudrehen. Weit eher ist es ratsam, die Einwirkung der verschiedenen Faktoren da aufzuzeigen, wo es sich um größere Mengen handelt und größere Zahlen in Betracht kommen. Hier kann man auch stumpfen Sinnen den wahren Sachverhalt demonstrieren; für feinere Sinne reichen andere Mittel der Überzeugung aus.

Ein leidlich verständiger Mensch wird sich durch keinerlei Gerede über die Preise, die nicht gestiegen, ja sogar gefallen sind, oder über das Ausland, das den Zoll für uns bezahlt, in der Überzeugung erschüttern lassen, daß eine Verteuerung des Rohmaterials, des Werkzeugs und des Gewerbebetriebes im Verkaufspreis der erzeugten Ware zum Ausdruck kommen muß.

Es ist überall kein feiner Kunstgriff, mit sogenannten empirischen Daten, die ohne ein gründliches Nachdenken von der Oberfläche der Erscheinung abgeschöpft sind, zu hantieren. Damit macht man die Menschen dumm, sei es in seines Herzen Einfalt, sei es mit berechnender Arglist. Was nicht unmittelbar aufgezeigt werden kann, nicht in den Preisen des Kleinbetriebes und auch nicht einmal mit voller Sicherheit in denen des Großbetriebes, weil etwa gleichzeitige Veränderungen von anderer Art die Wirkung des einen erhöhenden Moments hemmen. das ist doch deswegen nicht weniger vorhanden, und für ein aufmerksames Auge kommt es mit aller Deutlichkeit zum Vorschein im ganzen Zusammenhang der gesellschaftlichen Wirtschaft, in der Erschwerung oder Erleichterung des Umsatzes im Inland oder des Verkehrs mit dem Ausland, in einem schnelleren oder langsameren Tempo der Zunahme der Kapitalersparnis, des gesellschaftlichen Verbrauchs und in sonstigen Kennzeichen des allgemeinen Wohlstandes oder Mißstandes.


II.

Es sei uns gestattet, diese Betrachtungen durch eine Heranziehung einiger weiterer Beispiele aus ganz geläufigen Erscheinungen zu unterstützen und weiterzuführen.

Ein Zeitungsblatt neuesten Datums steht uns jederzeit an der nächsten Straßenecke um 5 Pfennige zum Ankauf zu Gebote. Braucht es noch erst aufgezeigt zu werden, was alles mit diesen 5 Pfennigen bezahlt werden muß? Vom Unternehmergewinn und Schriftsteller-Honorar an bis zum Arbeitslohn des letzten Arbeiters in der Papierfabrik oder der Druckerei und bis zur Entschädigung des Mannes, der die fertige Zeitungsnummer auf der Straße feil hält, ergibt sich eine nicht zu erschöpfende Reihe von einzelnen Posten, die sich in ihrer Gesamtheit zu jenen 5 Pfennigen summieren.

Wir wählen gerade dieses Beispiel, weil sich hier recht deutlich aufzeigen läßt, auf welchem Weg es möglich wird, große Beträge in unendlich kleinen Bruchteilen wieder einzubringen.

Die Sache geht so zu. Es wird ein verhältnismäßig kostspieliges Modell hergestellt; nach diesem einheitlichen Modell wird dann auf mechanischem Weg durch ein wenig kostspieliges Verfahren eine Vielheit von gleichartigen Exemplaren zuwege gebracht; dann müssen sich die Herstellungskosten des Modells im Verkaufspreis des Gesamtabsatzes wieder zur Erscheinung bringen; aber der Bruchteil davon, der auf das einzelne Exemplar kommt, nimmt ab mit der steigenden Anzahl der verkauften Exemplare. Wir haben somit an diesem Bruchteil eine stetig abnehmende Größe, die in demselben Maß kleiner wird, wie der Nenner wächst, d. h. je größer die Zahl der herstellbaren und absetzbaren Exemplare desselben Modells wird, und der Bruchteil nähert sich in vielen Fällen der Grenze Null so sehr, daß es ganz unmöglich wird, ihn im Verkaufspreis überhaupt noch nachzuweisen.

So kaufen wir heutzutage SCHILLERs Gedichte in ganz leidlicher Ausstattung für 20 Pfennige. Was wir damit bezahlen, scheint höchstens noch das Papier und die Buchbinderarbeit zu sein; der Entgelt für Satz und Druck ist im Preis für ein Exemplar nicht mehr nachweisbar. Wo auf einen Absatz von Hunderttausenden oder Millionen von Exemplaren gerechnet werden kann, da ist der auf jedes Exemplar kommende Bruchteil der Kosten für das gemeinsame Modell nicht mehr in Geld auszudrücken. Aber kein Mensch bezweifelt doch, daß es für das Geschäft eines Verlegers, der geheftetes Druckpapier verkauf, von sehr wesentlicher Bedeutung ist, ob man es mit leerem Papier zu tun hat, oder ob darauf zu lesen ist: "Ewig klar und spiegelrein und eben" und "Zu  Dionys  dem Tyrannen schlich  Möros,  den Dolch im Gewande" nebst anderen Sachen von gleicher Beliebtheit.

Wir verweilen dabei einen Augenblick. Denn die Erscheinung, mit der wir es hier zu tun haben, ist eine durchaus allgemeingültige, im wirtschaftlichen Leben überall wiederkehrende, eine Erscheinung, deren Bedeutung sich kaum übertreiben, sicher nicht erschöpfen läßt. Wir stoßen hier auf eine der Grundbedingungen des Kulturprozesses: auf das Grundphänomen aller Kapitalbildung und damit allen wirtschaftlichen und geistigen Fortschritts der Menschheit in allen Beziehungen.

Es gibt Gegenstände, die ihren Dienst nur ein einziges Mal leisten und in dieser Leistung vernichtet werden. Werden solche Gegenstände durch fremde Arbeit zugänglich gemacht, so haben sie einen Tauschwert, der im allgemeinen, z. B. selbst bei einem Zündhölzchen, eine merkbare, aufzeigbare, endliche Größe sein wird. Solche Gegenstände kann man als Vorrat aufhäufen; aber eine Kapitalsbildung im eigentlichen Sinne gestatten sie nicht, weil mit dem Gebrauch auch der Gegenstand und sein Wert vergeht.

Es gibt andere Gegenstände, die dauern oder zum wiederholten Mal ihren Dienst leisten und sich dabei nur allmählich abnutzen. Diese verlieren wohl beim jedesmaligen Gebrauch oder im Verlauf der Zeit einen Bruchteil ihres Wertes; aber dieser Bruchteil wird umso kleiner, je größer die Zahl der geleisteten Dienst oder je länger die Zeitdauer ist, für die der Gegenstand vorhält. Auch diese Gegenstände, sofern sie dem Verbrauch dienen, bezeichnen einen gegenwärtigen Vorrat für fortdauernden oder künftigen Gebrauch; sie sind ein Element des Reichtums, aber noch nicht eigentlich Kapital.

Nun gibt es aber endlich auch solche Gegenstände, die nicht sowohl zum Verbrauch dienen, als vielmehr zur Erzeugung von anderen Gegenständen, die Dienste leisten, sei es, daß diese Dienste bestehen in einem einmaligen, mehrmaligen oder dauernden Gebrauch, sei es, daß die erzeugten Gegenstände selbst wieder zur Erzeugung von nützlichen Gegenständen dienen. Bei diesen Gegenständen nun wird eine gewisse Unvergänglichkeit des Wertes erreicht. Ein  Werkzeug  erschöpft seinen Wert nicht in der einzelnen Arbeitsleistung, auch nicht in vielen Arbeitsleistungen, und nachdem es selbst zugrunde gegangen ist, wirkt es noch nach in den Leistungen derjenigen Gegenstände, die mit seiner Hilfe hervorgebracht worden sind. Und wenn die durch das Werkzeug erzeugten Gegenstände selbst wieder Werkzeuge sind, so wirkt das ursprüngliche Werkzeug sozusagen ohne Ende durch die Generationen von Werkzeugen weiter, und noch an den nützlichen Gegenständen späterer Zeiten läßt sich ein immer kleiner werdender, ein unendlich kleiner Bestandteil ihres Nutzens auf dasjenige Werkzeug zurückführen, das dereinst einmal tätig war, um die Ahnen zu erzeugen, von denen die späteren Geschlechter von Werkzeugen abstammen.

Mittels solcher der Erzeugung dienender Gegenstände vollzieht sich die Kapitalbildung. Der Vorrat an solchen Gegenständen ist selbst schon Kapital. Dieses Kapital aber ist von unbegrenzter Fruchtbarkeit.  Kapital zeugt Kapital in unabsehbarer Folge.  Vorhandenes Kapital schafft eine erhöhte Möglichkeit, neues Kapital zu erzeugen; die zeugende Kraft des Kapitals wächst mit seiner Zunahme, und sie wächst in viel höherem Maße, als seine Menge zunimmt. Früheres Kapital setzt sich in gegenwärtigem fort; in unendlich keinen Bruchteilen ist seine Wirksamkeit durch alle folgenden Zeiten verbreitet und geradezu unvergänglich.

Es ist damit etwa wie mit dem Organischen und dem Lebendigen überhaupt. Der gegenwärtig lebende Mensch ist nicht bloß ein historisches Produkt der Taten und Gedanken aller Vorfahren die ganze Reihe hindurch, sondern auch rein physiologisch dauern in ihm als organischem Gebilde die Keime fort, die auf dem Weg der Zeugung mit den ältesten Zeiten von Vater auf Sohn und auf die Enkel der Enkel übertragen worden sind. Gerade so ist unser heutiges Kapital und damit unser gesamter Kulturstand gebildet aus den fortzeugenden Keimen frühester Anfänge und aller folgenden Zeiten, sozusagen in unendlicher Verdünnung und Verteilung, die doch nicht verschwindende, sondern steigende Wirksamkeit bedeutet.

Indessen, auch das ist noch nicht alles. Es bleibt noch, diese Seite des wirtschaftlichen Kulturprozesses durch eine weitere Erscheinung von noch größerer Tragweite zu ergänzen.

Gesetzt, wir haben einen von der Natur gelieferten Gegenstand vor uns, dem durch menschliche Arbeit abgelockt werden soll, was menschlichen Bedürfnissen und überhaupt menschlichen Zwecken dient. Bleibt das dabei eingeschlagene Verfahren und bleiben die Hilfsmittel des Verfahrens unverändert dieselben, so machen wir bald die Erfahrung, daß eine Zeit lang wohl der Ertrag im Verhältnis zur Zunahme der aufgewendeten menschlichen Arbeit zu steigen fortfährt, daß aber ein Punkt eintritt, wo ein weiterer Zuwachs aufgewendeter Arbeit nur noch einen unverhältnismäßig geringen Zuwachs des Ertrages hervorzubringen vermag, bis schließlich noch eine weitere Steigerung der Arbeit den Ertrag überhaupt nicht mehr zu steigern imstande ist. So tritt es uns z. B. bei der landwirtschaftlichen Bearbeitung von Grundstücken entgegen. Wir haben es in solchen Fällen mit zwei Größen zu tun; von diesen ist die eine, das Quantum aufzuwendender Arbeit, die unabhängig veränderliche Größe; die andere, der Ertrag des Grundstücks, die durch jene bedingt wird, die abhängig veränderliche Größe. Diese letztere steigt und fällt in unserem Beispiel im allgemeinen mit dem Wachsen oder Abnehmen der auf das Grundstück verwendeten Arbeit; aber das Verhältnis bleibt doch nicht durchaus von so einfacher Art. Die Zunahme wird von einem gewissen Punkt an geringer, auch wenn das Quantum der Arbeit in der alten Weise stetig weiter wächst; sie nähert sich der Grenze Null und nimmt teil an der Natur des unendlich Kleinen.

Ganz anders wird das Verhältnis, wo menschliche Arbeitskraft von sich dem bestimmten von der Natur gelieferten Gegenstand möglichst unabhängig macht. Denn die menschliche Intelligenz hat keine definitive Schranke. Die Erfahrung wächst ohne Ende und die Wissenschaft mit ihr, und durch Übung und Gewöhnung läßt sich praktische Klugheit und Geschicklichkeit bis ins Unabsehbare steigern. Die Naturkräfte und Stoffe bilden einen unerschöpflichen Vorrat für den, der ihn zu verwenden weiß, und klug erfundene Hilfsmittel vermögen ihnen immer mehr abzugewinnen, bis nichts mehr unmöglich scheint. Durch die Kulturarbeit vergangener Geschlechter wird der menschliche Verstand zu immer höherer erfinderischer Tätigkeit befähigt, auch dies ohne jede Grenze.

Daraus ergibt sich für den Fortgang der Kulturprozesse das bedeutungsvollste Resultat. Der mit den Hilfsmitteln menschlicher Erfindsamkeit, Geschicklichkeit und Wissenschaft bewehrten menschlichen Kraft gegenüber nehmen die in der Natur liegenden Hindernisse erfolgreicher Arbeit an Bedeutung beständig ab. Die Naturhemmungen selber werden im geschichtlichen Fortschritt allmählich mehr und mehr zurückgedrängt, und nun sind sie es, die sich der Grenze Null stetig nähern und die Natur des unendlich Kleinen annehmen; der Ertrag der Arbeit aber wächst ins schlechthin Grenzenlose. Das ist die wunderbare Umkehrung, die den eigentlichen Inhalt des wirtschaftlichen Kulturprozesses und sein schließliches Ziel bildet.

Inzwischen nimmt in der kultivierten Menschheit der vorhandene Kapitalsvorrat in immer beschleunigterem Tempo zu, und immer gewaltiger wächst damit zugleich seine befreiende Kraft. In früheren Zeiten ging das Wachstum menschlicher Kraft gewissermaßen stoßweise und sporadisch vonstatten; es war sozusagen der günstige Zufall, daß sich hochbegabte menschliche Persönlichkeiten und hilfreiche äußere Umstände einfanden, durch deren Wirksamkeit von Zeit zu Zeit neue Schritte in der Ausstattung der menschlichen Kraft mit mächtigen Hilfsmitteln herbeigeführt wurden. In dieser Beziehung ist offenbar die Menschheit seit nicht langer Zeit in eine ganz neue Periode ihres geschichtlichen Daseins eingetreten.

Das früher Vereinzelte ist jetzt zu einer stetigen, regelmäßigen Erscheinung geworden. Mit dem siegreichen Aufschwung der exakten Naturwissenschaft ist alle Technik auf eine höhere Stufe gehoben. Das gegenwärtige Zeitalter hat sich wissenschaftlich und praktisch des Prinzips bemächtigt, wie menschlicher Verstand und menschliche Arbeitskraft sich die Kräfte und Stoffe der Natur durch immer gesteigertere und immer mächtigere kluge Veranstaltungen dienstbar zu machen vermag, und nicht bloß einzelne Erfinder, sondern ganze Heere von Erfindern sind seitdem unausgesetzt tätig, mit immer reicherem Erfolg die Konsequenzen aus dem gesicherten Prinzip zu ziehen. So wird das ganz Unglaubliche, das Unerhörte, kaum im Fabelreich Geträumte zur nüchternen Wirklichkeit des Alltagslebens, und unsere technischen Veranstaltungen werden von zehn zu zehn Jahren auf ganz neue Basen gestellt. Nichts gilt mehr aufgrund des Herkömmlichen und Erfahrungsmäßigen; sondern es wird alles aus dem Grundsatz erneuert, soweit es nötig und nützlich erscheint. Damit ist alles wirtschaftliche Leben und alle Gütererzeugung in ein ganz neues Stadium getreten; die weitere wirtschaftliche Entwicklung hat in den rationellen, wissenschaftlichen Grundlagen der Technik machtvolle Faktoren ihres zielbewußten Vorgehens erlangt, mit denen an Macht und Wirksamkeit sich nichts aus früherer Zeit vergleichen läßt.

Daran hat dann auch die Bedeutung historischer Gelehrsamkeit und der Beispiele aus vergangenen Epochen für das Verständnis und die Behandlung der wirtschaftlichen Zustände, unter denen wir heute leben, ihre Grenze. Wenn es vieles gibt, was allgemein der menschlichen Natur und den menschlichen Verhältnissen zukommt, so gibt es doch auch in überwiegendem Maß Besonderes und Eigentümliches, was dieser neuen Zeit ausschließlich angehört und woran man mit historischen Parallelen und Analogien nicht heranreicht.


III.

Es wird nunmehr an der Zeit sein, aus diesen Betrachtungen einige Folgerungen zu ziehen; denn um dieser willen haben wir sie hauptsächlich angestellt. Aus vielen möglichen Folgerungen greifen wir andeutend einige wenige heraus, an denen gegenwärtig am meisten gelegen zu sein scheint, und die für viele andere von gleicher Art typisch sein mögen.

Auf jedem Punkt, den wir ins Auge gefaßt haben, begegnete uns dieselbe Erscheinung: die Macht und Bedeutung unendlich kleiner Größen, die aus entferntester Zeit herüberwirken oder als die Bestandteile endlicher Größen, wie sie der Augenblick erschafft, das Gesamtgewebe des wirtschaftlichen Lebens formen und bestimmen.  Durch diese Macht des unendlich Kleinen erlangt der wirtschaftliche Kulturprozeß seine Kontinuität.  Das wirklich Entscheidende sind nicht die großen Taten der Gewalt, die ausgeklügelten Maßregeln menschlichen Witzes, die die Sinne der Einfältigen auch dann gefangennehmen, wenn sie wider die Natur der Sache anrennen, statt wie sie sollten, ihr zu dienen und ihr Luft zu schaffen: sondern das Szepter führen die ganz unscheinbaren bauenden Kräfte, die dem System selbst entstammen und mit organischer Bildsamkeit es von innen heraus weiter treiben und die es gilt zu verstehen und zu befreien. So bauen in geheimnisvoller, geräuschloser Tätigkeit kleinste Lebenwesen, die ihre Schalen als dauerndes Zeugnis ihrer Lebensprozesse hinter sich zurücklassen, gewaltige Felsenriffe, ragende Inseln und umfangreiche Gebirgsmassen, die die Jahrtausende überdauern, während mit großem Aufwand errichtete Bauten der Könige und Tyrannen spurlos im Strom der Zeiten versinken.

Durch diese unendlich kleinen Größen, die sich der unmittelbaren Wahrnehmung entziehen und doch von der entscheidensten Bedeutung sind, erhalten alle wirtschaftlichen Lebenserscheinungen ein Element des Geheimnisvollen, Irrationalen, schwer zu Durchdringenden und noch schwerer zu Gestaltenden. Ein Eingriff in dieses System, der von außen versucht wird, zieht Wirkungen nach sich, die sich nicht leicht übersehen lassen. So mag es der beste, der menschenfreundlichste Wille erleben, daß eben das, was er sich als das Wohltätigste ausgedacht hat, in der Wirklichkeit sich als das Verderblichste erweist. Neben dem, was man sieht, geht still und verborgen einher, was man nicht sieht, und dieses letztere ist das bei weitem Mächtigere.

Soll das nun heißen, daß in das System überhaupt nicht eingegriffen werden soll oder darf? Nimmermehr; das wäre eine ganz unsinnige und unmögliche Forderung. Denn das wirtschaftliche Gebiet ist nicht etwas Isoliertes, rein für sich Bestehendes, sondern steht mit allen anderen Gebieten menschlicher Lebensäußerung in der innigsten Beziehung. Es gibt überhaupt keine menschliche Tätigkeit, die nicht ihre wirtschaftliche Seite hätte, nicht ihre Wirkungen auch auf wirtschaftlichem Gebiet äußert. Wer Rechtsverhältnisse ordnet, Schädlichkeiten irgendwelcher Art abwendet, Nützliches fördert; wer das sittliche, das religiöse Leben zu heben unternimmt, Wissenschaft oder Kunst oder irgendeine Art von idealen Interessen betreibt: der macht auch größere oder geringere Eingriffe in den Gang des wirtschaftlichen Lebens. Aber auch ganz unmittelbar auf die wirtschaftlichen Verhältnisse tiefgehenden Einfluß zu üben, kann sich niemand enthalten. der einen Staat zu regieren, mit Mitteln seines Bestandes zu versehen, nach innen und nach außen zu sichern hat. Die wirtschaftlichen Interessen sind ja überdies bei weitem nicht die höchsten, wenn sie auch die grundlegenden und allgegenwärtigen sind, und müssen sich bescheiden, gar oft hinter höheren Interessen zurückzustehen.

Das also kann nicht die Meinung sein, den Eingriff auszuschließen, sondern nur die ungeheure Verantwortlichkeit einzuschärfen, die mit solchen Eingriffen verbunden ist. Gewiß muß man eine solche Verantwortlichkeit auf sich nehmen, wo es nicht zu umgehen ist; aber man darf sie nicht mutwillig, nicht leichtfertig übernehmen, nicht in dem blinden Vertrauen, es lasse sich alles machen und besser machen, als es durch die eigenen inneren Kräfte des Systems gehen würde. Dieses blinde Vertrauen der Gewalttätigen oder Gefühlvollen ist doch nichts als die rationalistische Einsichtslosigkeit, die mechanisierende Äußerlichkeit, die von den tieferen Kräften des historischen Werdens nichts versteht und mit plumper Handfertigkeit die Knospen, die die Pflanze selber treibt, abbricht, um sich an gemachten Blumen zu erfreuen. Dauernd wird der durch innere Notwendigkeiten bestimmte Gang der Entwicklung auch so nicht abgeändert; aber er wird aufgehalten und gehemmt, und unter dem Vorwand der Erhaltung und Förderung wird die Zerstörung und der Rückschritt gesät.

Zur Jllustration wählen wir einen Gegenstand, der gerade in diesen Zeiten die Gemüter bei uns beschäftigt. In jedem Kulturvolk lebt ein Teil der Bevölkerung unter Bedingungen, die gerade noch die Fristung der Existenz gestatten, aber kaum mehr. Dieser Teil der Bevölkerung kann größer oder kleiner sein; was zur Fristung der Existenz gehört, kann mehr oder weniger betragen, je nach den herrschenden Gewohnheiten und Bedürfnissen der Massen; aber die Erscheinung selber ist unaufhebbar, weil jedem Aufrücken der niedrigst Stehenden nach den Grundgesetzen der Bevölkerungserscheinungen ein Nachrücken anderer zur Besetzung der verfügbar gewordenen Plätze entspricht. Denkt man sich nun, die Existenzbedingungen dieser am schlechtesten Gestellten würden noch weiter verschlechtert, so braucht die Beeinträchtigung keine meßbare Größe zu sein; sie kann ganz unmerklich, kann unendlich klein sein, und die Fristung der Existenz wird doch für viele unmöglich, für die sie vorher noch eben möglich war. Die Sterbeziffer wächst, und was am ehesten herankommt, das sind naturgemäß die Schwächsten, am meisten die kleinen Kinder.

Ein Staatsmann, der zu irgendeinem Zweck zum Hilfsmittel von Zöllen greift, die auf die ersten und unentbehrlichsten Lebensmittel gelegt werden, sollte auch diese Konsequenz seiner Maßregel ernsthaft ins Auge fassen. Daß es Fälle geben kann, wo es aus sehr triftigen Gründen der Politik geraten und geboten erscheint, die wichtisten Nahrungsmittel für die großen Volksmassen durch Zölle künstlich zu verteuern, das soll nicht bestritten werden. Nur darf in keinem Fall vergessen werden, daß dies ein heroisches Mittel, man kann wohl auch sagen, ein äußerst grobes und täppisches, ein nach weniger kultivierten Zeiten und Zuständen schmeckendes Mittel ist, das vermieden werden sollte, solange noch nicht die höchste, durch kein anderes Mittel mehr abzuwendende Gefahr eingetreten ist.

Umso verwerflicher aber wird das Mittel, wo es auf die Dauer zu helfen doch nicht imstande ist. Es mag für den Staat von äußerster Wichtigkeit sein, gerade die gegenwärtigen Bewirtschafter ländlicher Grundstücke nach Möglichkeit in ihrem Eigentum und Wohlstand zu erhalten; freilich ist es wahrscheinlicher, daß andere, die an die Stelle der jetzigen Eigentümer treten, dem Staat ungefähr dasselbe oder noch mehr leisten würden, als diese. Aber es sei, daß es gelte, nicht bloß den jetzigen Landwirten, sondern wirklich der Landwirtschaft zu helfen. Dann scheint es doch eine sehr schlechte Hilfe, wenn man sie künstlich ermutigt, bei einer Art von Bewirtschaftung träge zu verharren, die so oder so mit der Zeit doch zum Untergang führen muß, statt durch jedes mögliche Mittel, auch durch eine Zuführung von Kapital an die Vertrauenswürdigen unter ihnen, Anleitung, Sporn und Mahnung zu einer unter den gegenwärtigen Verhältnissen aussichtsreicheren Wirtschaftsart zu gewähren. Indessen, mag die Sache auch anders liegen, das darf man sich in keinem Fall verhehlen und durch keine Beschönigungsversuche verdecken wollen, daß Getreidezölle, ganz abgesehen von ihren sonstigen schädlichen Wirkungen, die sich vielleicht gar nicht übersehen lassen, für viele Einzelne Elend und Tod im Gefolge haben. Läßt sich das nicht unmittelbar aus den Listen ablesen, so würde immer zu schließen sein, daß der durch die Einwirkung anderer Ursachen günstiger gewordenen Lage durch die entgegenarbeitende Erschwerung doch nicht so viel hat abgezogen werden können, um jeden Fortschritt der Verhältnisse, der eintreten mußte, zum Verschwinden zu bringen.

Die ähnliche Erscheinung kehrt an einer anderen Stelle wieder, wo es sich ebenso um die Macht des unendlich Kleinen handelt. Um einen Menschen, dem das Kapital und die Fähigkeit zu Gebote steht, dazu zu veranlassen, daß er das Risiko eines geschäftlichen Unternehmens mit all seinen Sorgen, Mühen und Beschwerden auf sich lade, dazu gehört entsprechend dem durchschnittlichen Temperament der Menschen ein gewisses durchschnittliches Minimum von günstigen Bedingungen und lockenden Aussichten. Der am äußersten Rand stehende Überschuß an einladenden Motiven über die abmahnenden braucht nur sehr klein zu sein, um noch einen bejahenden Entschluß zu bewirken; aber eine immer weiter gehende Verkleinerung verträgt er dann doch nicht. Es gibt einen Punkt, wo bei zunehmender Erschwerung und Belastung gewerblicher Unternehmungen der Entschluß, eine solche zu beginnen oder eine bestehende noch weiter fortzuführen, von vielen nicht mehr gefaßt wird, die ihn unter anderen Umständen fassen würden. Diese Differenz, wonach im einen Fall der Überschup auf der Seite der anspornenden, im anderen Fall auf der Seite der abmahnenden Motive zu liegen kommt, wird in der Wirklichkeit des Lebens sehr oft eine unmerklich geringe, nicht nachweisbare, eine unendlich kleine Größe sein. Gleichwohl kann es durch ihre Einwirkung dahin kommen, daß der Gesetzgeber, indem er zu den alten noch eine neue Last auf den Hals des Unternehmers wälzt, viele davon abschreckt, ein Unternehmen zu wagen, auch wenn die neu aufgelegte Belastung im Verhältnis zur Gesamtheit derjenigen, die schon bisher getragen werden mußten, eine verschwindend kleine Größe darstellt.

Nun nehmen wir weiter an, der Gesetzgeber will das Los der in einem gewerblichen Unternehmen gegen Lohn Beschäftigten bessern; es treibe ihn dazu ein Herz voll Liebe und Menschenfreundlichkeit oder auch eine ganz berechtigte Sorge um und die Furcht vor der Unzufriedenheit der Massen oder sonst irgendein durchaus zu billigendes Motiv, und er gebietet zu diesem Zweck eine steigende Belastung oder Belästigung des Unternehmers. Offenbar ist die Gefahr vorhanden, daß er das Gegenteil seiner Absicht herbeiführt und die Lage derjenigen, denen er helfen wollte, wesentlich verschlechtert. Es ist eine Binsenwahrheit, aber heutzutage darf man sie immerhin mit Nachdruck wiederholen: für den Lohnarbeiter gibt es gar kein größeres Übel als das Schwinden der Unternehmungslust. Mit der Abnahme oder gehemmten Zunahme der Gewerbebetriebe an Zahl und Ausdehnung mindert sich die Nachfrage nach Arbeitskräften und muß sich der Lohnarbeiter eine ungünstigere Gestaltung des Arbeitsvertrages gefallen lassen, während zugleich bei verminderter Produktion, erhöhten Steuern und Abgaben, bei einem Erfordernis vergrößerter Kapitalsanlage für die im Bestand zu erhaltenden Betriebe die Gegenstände seines Bedarfes im Preis fortwährend steigen.

Natürlich treten die gleichen Folgen ein, wo das Wagnis des Unternehmens den Leuten auf andere Weise verleidet wird, wo etwa die in den Betrieben beschäftigten Arbeiter dem Unternehmer das Leben immer saurer machen, ihn zu immer neuen Aufwendungen zwingen, seine Gewinnrate verkleinern, sein Risiko vergrößern, seine Aussicht auf einen stetigen Fortgang des Betriebes vergrößern, seine Aussicht auf einen stetigen Fortgang des Betriebes abschneiden, dagegen seine Gefahren, Unannehmlichkeiten und Beschwerden fortwährend vermehren. Es ist hier wie überall. Man kann ein Kamel immer stärker belasten nach dem schönen Grundsatz: trägt es 300 Kilogramm, so trägt es auch noch ein Kilogramm mehr; aber schließlich bricht selbst ein Kamel unter der sich immer steigernden Last zusammen oder es versagt jeden Schritt. Den Ausschlag aber hat wirklich nur der letzte Zuwachs gegeben, der gegen alles Übrige als ein verschwindend kleiner angesehen werden mag. Darin stehen industrielle Unternehmer und ländliche Arbeitgeber einander ganz gleich.

Auch in diesem Punkt nun ist die richtige Folgerung keineswegs die, daß jeder gesetzgeberische Eingriff unterbleiben muß. Es gibt ganz unzweifelhaft Fälle, wo einzugreifen dringendste Pflicht ist. Und es gibt ebenso unzweifelhaft auch solche Anordnungen, deren Wirksamkeit aufgrund der bisherigen Erfahrungen und verständiger Überlegung bis zu einem gewissen Grad übersehen werden kann. Was aus dem Erörterten folgt, ist nur eine Warnung vor Übereifer, vor einem selbstgewissen Theoretisieren und blinder Zuversicht in der Praxis. Alle, die ansich so rätselhaften Regelmäßigkeiten und Schwankungen, die die Statistik nachweist, finden ihre Erklärung durch die still wirkende Macht des unendlich Kleinen. Eben diese Macht mit der unberechenbaren Ungewißheit ihrer Wirkungen muß den Gesetzgeber mit dem Gefühl des Ernste und der Scheu erfüllen, daß er einem geheimnisvollen, undurchdringlichen Getriebe, einem unendlich verflochtenen, von inneren Formgesetzen beherrschten Lebensprozeß gegenübersteht, der sich nicht nach Belieben meistern läßt. Was über das Dringendste und augenscheinlich Notwendige hinausgeht, das ist es immer geratener, lieber der Vorsehung zu überlassen, die den Lauf der Gestirne ebenso sicher zu beherrschen weiß, wie die Lebensprozesse des unscheinbarsten Pilzes oder Wurmes, und die die Harmonie ihrer Schöpfung durch die inneren Kräfte der Wesen aus jeder Störung wieder herzustellen vermag.

Die inneren Kräfte des wirtschaftlichen Systems bestehen zum Teil in den Trieben und freien Entschließungen der Menschen, der einzelnen und ihrer Verbindungen. Gewiß ist es des Staatsmannes Sorge, diesen Kräften freie Bahn zu schaffen und Hemmungen zu beseitigen, soweit es jedesmal der gesamte öffentliche Zustand mit seinen Bedürfnissen zuläßt, und wenn seine erste Aufgabe ist, nach Möglichkeit dem Recht und der Gerechtigkeit die Herrschaft zu sichern, so nimmt sicherlich die Sorge für Wohlfahrt und Kultur die zweite Stelle ein. Aber in all dem ist heute, wo man meint, es lasse sich alles machen, und es sei Pflicht, alles zu machen, nichts so dringlich, wie das Gefühl der Verantwortlichkeit eines unberufenen Eingreifens zu verstärken. Im Prinzip wird es doch immer gelten, den freien Entschließungen der Menschen anzuvertrauen, was sie angeht; was sie dann in ihren eigenen Angelegenheiten tun oder lassen, das mögen sie selbst verantworten.
LITERATUR Adolf Lasson, Das unendlich Kleine im wirtschaftlichen Leben, Berlin 1891