ra-2C. MengerK. DiehlH. DietzelR. SchuellerG. CohnA. Wagner    
 
ADOLF WEBER
Die Aufgaben der
Volkswirtschaftslehre als Wissenschaft


"Beherrscht die Naturwissenschaft die Tendenz zur Entseelung und Quantifizierung, so die Menschheitswissenschaft die Tendenz zur Beseelung und Qualifizierung. Das letztere gilt, so sagt man uns von aller Wissenschaft, deren Objekt der Mensch ist, insbesondere also auch von der Nationalökonomie. Es erklärt sich daraus zum Teil, daß man je nach dem vorherrschenden Zug der Zeit die Erscheinungen des Menschenlebens bald zu einseitig mit den Mitteln der  Naturwissenschaft  zu erklären versucht, bald zuviel Gewicht auf die  Psyche  des Menschen und auf ihr Wollen legt. Die einen lehren, daß der Strom der wirtschaftlichen Entwicklung  sich nicht leiten läßt  durch menschliches Eingreifen, daß er sich vielmehr eigenwillig seinen Weg selbst bahnt, möge der Mensch damit einverstanden sein oder nicht, während andere lehren,  der Wille zur Tat allein  lenkt die Welt auch gegen den Strom der wirtschaftlichen Entwicklung."

"Man kann eine derartige Vorstellung von einem naturnotwendigen Handeln im wirtschaftlichen Leben nicht energisch genug zurückweisen; Gesetze in diesem Sinne gibt es nicht. Aber an solche Gesetze glaubt doch wohl auch heute kaum ein ernstzunehmender Vertreter der Volkswirtschaftslehre."

Nicht jeder Nationalökonom, sondern wohl jeder, der etwas Sinn hat für das, was gemeinhin "Anstand" nennt, wird die Art und Weise, wie der so sympathische Nestor der deutschen sozioökomischen Wissenschaft ADOLPH WAGNER, in einer Versammlung von Politikern nach Zeitungsmeldungen und seinen eigenne Aussagen behandelt worden ist, als eine Schmach empfunden haben, zumals es sich um just dieselben Leute handelt, die vor noch nicht langer Zeit in ihrem Kampf gegen den Freihandelt die brauchbarsten Waffen von demselben ADOLF WAGNER erhielten, den sie mit Stolz zu den ihrigen zählten. Aber man wird doch etwas nachdenklich gestimmt, wenn man sieht, daß nicht nur von einer Seite unsere Wissenschaft "zurechtgewiesen wird". Im Februar dieses Jahres brachte z. B. das Hamburger Fremdenblatt von dem freisinnigen Dr. DOORMAN, einen Leitartikel mit der Überschrift "Finanzwissenschaft und Finanzreform", worin er sich lustig macht über die "beliebten Sticheleien" der Vertreter der nationalökonomischen Wissenschaft auf die Zerfahrenheit der politischen Parteien im allgemeinen und besonders in steuerpolitischen Fragen. "Wo in aller Welt", fragt er, "gibt es denn zwei oder gar drei deutsche Professoren der Nationalökonomie, die über den ganzen Komplex finanzpolitischer Fragen, wie sie uns gegenwärtig beschäftigen, die gleiche Meinung hegen? (1) Oder wenn dies zuviel verlangt sein sollte, dies auch nur über die grundlegenden Fragen einig sind? Genau wie seinerzeit in den Kämpfen um den Zolltarif, ist es auch jetzt bei der Reichsfinanzreform: Es läßt sich keine Auffassung denken, sei es im allgemeinen, sei es in speziellen Fragen, für die man sich nicht auf irgendeine wissenschaftliche Autorität in deutschen Landen berufen könnte." Das ist zweifellos sehr übertrieben; aber wer wollte leugnen, daß der Spott doch nicht so ganz unverdient ist?

Mehr aber noch: Immer zahlreicher werden die Stimmen derer im eigenen Lager der Volkswirtschaftslehre, die energisch erklären: Es kann so nicht weiter gehen. RICHARD EHRENBERG, ein "Einspänner" zwar in unserer Wissenschaft, aber doch ein Mann, der aufgrund wissenschaftlicher Verdienste ein Recht darauf hat, gehört zu werden, widmet "Im Tag" (21. 3. 1909) den "Katheder-Sozialisten" die folgenden herben Worte:
    "Sie haben Sturm gesät, haben sie ein Recht, sich über die Ernte zu wundern? Doch die Hoffnung ist wohl vergeblich, daß sie lernen werden, auf andere Weise Sozialpolitik und Finanzpolitik zu treiben, oder was noch besser wäre,  daß sie sich beschränken, auf ihr eigenstes Gebiet, wo noch so viel, ja fast alles zu tun ist; daß sie das Politisieren den Politikern überlassen, wodurch Wissenschaft wie Politik nur gewinnen würden. Nein, es wird weiter politisiert, agitiert und verdächtig werden im Namen, aber zum Verderben der Wissenschaft." 
Wer die Verhältnisse kennt, der hört einen ähnlichen Tadel, wie er in den zuletzt wiedergegebenen, von mir unterstrichenen Worten zum Ausdruck kommt, aus den Anschauungen heraus, die MAX WEBER vertritt, der sonst wissenschaftlich EHRENBERG fern genug steht:
    "Des wäre ein anmaßender Unfug, wenn ein Universitätslehrer sich unterstehen würde, z. B. die  Berechtigung  irgendwelcher sozialer Forderungen zu beweisen, wie wenn er ihre  Nichtberechtigung  mit den Mitteln der Wissenschaft nachweisen wollte. Beides ist mit den Mitteln der Wissenschaft schlechthin unmöglich." (2)
Das, was hier nur zwischen den Zeilen zu lesen ist, spricht POHLE offen aus:
    "Von der Stärke des Gegensatzes der sich neuerdings bei einem Teil der jüngeren Nationalökonomen gegen den Historismus und Kathedersozialismus regt, scheint man in diesen Kreisen selbst noch keine rechte Vorstellung zu haben." (3)
Wie stark dieser Gegensatz ist, habe ich selbst deutlich gespürt, als ich versuchte, beim Streit um die Boden- und Wohnungsfrage die Lehren der Wissenschaft zur Anerkennung zu bringen; ich kam dabei zu dem Resultat:
    "Mehr als irgendein anderes Problem hat die Boden- und Wohnungsfrage es offenbar gemacht, daß die deutsche Nationalökonomie vor einem Scheideweg steht, sie kann wählen zwischen unwissenschaftlicher einseitiger Gefühlspolitik und nur nach Wahrheit und Erkenntnis strebender Wissenschaft."
Es lohnt sich also, erneut zu untersuchen, was die Volkswirtschaftslehre  als Wissenschaft  - ich betone diesen Zusatz - ist, und was sie sein soll. Ich werden mich bemühen, diese Frage hier mit der Kürze und der Anschaulichkeit zu beantworten, die ein gebildetes Laienpublikum erwarten darf, wobei ich jedoch hoffe, zugleich auch vor dem wissenschaftlichen Forum meine Grundansichten erneut zu prüfen und stützen zu können.

Die ganze Darstellung wird es wohl rechtfertigen, wenn ich meinen Stoff in vier Abschnitten behandle, denen ich etwa die Überschrift geben könnte:
    1. Die Volkswirtschaftslehre als Wissenschaft,

    2. Volkswirtschaftslehre und politische Reformbewegung,

    3. Volkswirtschaftslehre und geschäftliche Praxis,

    4. Die volkserzieherische Aufgabe der Volkswirtschaftslehre, ihre Beziehung zur öffentlichen Meinung

I.

Wissenschaften sind, so sagt uns die Wissenschaftslehre, Inbegriffe von formulierten Gedanken, die auf  Allgemeingültigkeit  Anspruch erheben, demnach ist wissenschaftliches Denken ein seinem Ziel nach  allgemeingültiges  Urteil. (BENNO ERDMANN)

Man pflegt nun zu sagen, die Wissenschaft zerfalle in zwei große Gebiete, die Naturwissenschaft und die Menschenwissenschaft; oder, wie man mit SOMBART besser unterscheiden wird, in die Körper- und Seelenforschung, bei der Menschenforschung handelt es sich nur um jene Wissenschaft, die die menschliche Seele zum Objekt hat, während der menschliche Körper Gegenstand der Naturforschung ist. Wesensunterschiede der beiden Gebiete des menschlichen Denkens ergeben sich, wie wiederum SOMBART näher ausführt, aus der Verschiedenheit des Stoffs:
    "Beherrscht die Naturwissenschaft die Tendenz zur Entseelung und Quantifizierung, so die Menschheitswissenschaft die Tendenz zur Beseelung und Qualifizierung." (4)
Das letztere gilt, so sagt man uns von aller Wissenschaft, deren Objekt der Mensch ist, insbesondere also auch von der Nationalökonomie.

Derartige Unterscheidungen sind aber  cum grano salis  [mit einer Brise Salz - wp] zu verstehen. In den Menschheitserscheinungen wirken Naturkräfte und Menschenkräfte zusammen, um eine gemeinsame Erscheinung hervorzubringen. Es erklärt sich daraus zum Teil, daß man je nach dem vorherrschenden Zug der Zeit die Erscheinungen des Menschenlebens bald zu einseitig mit den Mitteln der Naturwissenschaft zu erklären versucht, bald zuviel Gewicht auf die Psyche des Menschen und auf ihr Wollen legt. Die einen lehren, daß der Strom der wirtschaftlichen Entwicklung sich nicht leiten läßt durch menschliches Eingreifen, daß er sich vielmehr eigenwillig seinen Weg selbst bahnt, möge der Mensch damit einverstanden sein oder nicht, während andere lehren, der Wille zur Tat allein lenkt die Welt auch gegen den Strom der wirtschaftlichen Entwicklung. Diese und jene sehen eben gewöhnlich nur die eine Seite des Problems und urteilen daher einseitig.

Das ökonomische Wollen des Menschen kennt keine Grenzen, das ökonomische Können aber muß innerhalb der dem Menschen erreichbaren Güterwelt bleiben. Und da der Mensch der  homo sapiens  ist, schließt er einen Kompromiß zwischen seinem Können und seinem Wollen dadurch, daß er mit dem, was er hat, und dem, was er kann, "haushälterisch" verfährt, möglichst wenig hingibt, um möglichst viel dafür zu bekommen. Ein derartiges wirtschaftliches Verhalten finden wir nun zwar durchaus nicht bei jedem Individuum, der Herr  X  zum Beispiel und die Frau  Y  mögen sehr dagegen "sündigen", ja es mag zugegeben werden, daß eine ganze Generation es unterläßt, wirtschaftlich zu handeln, aber nur mit der Wirkung, daß die folgende Generation die Vorfahren wegen ihrer Gedankenlosigkeit, ihrer Verschwendung anklagt, für die sie nun als Nachkommen büßen muß.

So bleibt es jedenfalls wahr, daß der Mensch, wie wir ihn uns vorstellen als  Repräsentanten der Menschheit,  das Handeln nach einem Wirtschaftsprinzip als ein unentbehrliches Ausstattungsstück seiner psychologischen Natur betrachten muß. Er zieht ja nur die Konsequenz aus einer ehernen Notwendigkeit.

Verschärft wird die Wirksamkeit des wirtschaftlichen Motivs noch durch soziale Einflüsse (5), durch die Tatsache, daß das Gemeinschaftsleben der Menschen den Trieb anregt, über die Mitmenschen empor zu kommen, andere Menschen den eigenen Zweckbestrebungen zu unterwerfen, Macht zu gewinnen, die wiederum ganz besonders mit den Reichtümern verknüpft ist, deren Gewinnung sich nicht wohl vom wirtschaftlichen Prinzip trennen läßt.

In der Tatsache dieses Prinzips liegt ein Gutteil Erklärung für die gesamte Kulturentwicklung der Menschen überhaupt, sie ist zugleich aber auch die Hauptwurzel für die Wissenschaft, die sich mit dem Studium und der Erklärung des organischen Ineinandergreifens der menschlichen Einzelwirtschaften befaßt, der Sozialökonomik oder Volkswirtschaftslehre.

Daß  Sozialökonomik  der beste Titel ist für die Wissenschaft, die wir im Auge haben, hat HEINRICH DIETZEL in unwiderlegbarer Weise nachgewiesen (6). Aber auch das Wort  Volkswirtschaftslehre  läßt sich rechtfertigen, wenn man beim Begriff  Volk  denkt und nicht die nationalen Verschiedenheiten entscheidend sein lassen will, wie man das tut, wenn man von  den  Völkern spricht. Diejenigen, die das Wort  Volkswirtschaftslehre  wählen, haben als Grund zudem für sich, daß sie ein Fremdwort vermeiden und deshalb auch dem Laien von vornherein das Verständnis erleichtern für das, worum es sich handelt zumal das Beiwort "sozial" zu allerlei Mißverständnissen verleiten kann. Der Name  Nationalökonomie  läßt sich unzweifelhaft viel schwerer verteidigen; von MAYR will allerdings gerade das Wort  "national"  unterstreichen. Die nationale Zusammenfassung des Wirtschaftslebens soll die bedeutsamste sein. Sie ragt hervor sowohl gegenüber weltwirtschaftlichen Tendenzen, wie auch gegenüber einseitigen Interessenbestrebungen innerhalb des nationalen Ganzen. Dieser nationale Zusammenschluß des wirtschaftlichen Lebens soll die wichtigste Erscheinungsform der Volkswirtschaft sein, als des Komplexes der wirtschaftlichen Erscheinungen, die aus den Wechselbeziehungen der in diesen Zusammenschluß einbezogenen Einzelwirtscahften sich ergeben (7). Das trifft gewiß für die Wirtschaftspolitik und für die Wirtschaftsgeschichte zu, aber nicht für die Wirtschaftswissenschaft, wie sie her aufgefaßt wird.

Das Prinzip der Wirtschaftlichkeit ist ansich betrachtet, losgelöst von den Zufälligkeiten der Umgebung etwas Festgegebenes.
    "Die Beschränktheit der verfügbaren und erreichbaren Güterwelt im Verhältnis zur Unbeschränktheit des Begehrens ruft ein wirtschaftliches Verhalten der Menschen hervor, daß zu gesetzmäßigem Handeln aufgrund von Wertvorstellungen führt, die durch die psychologische Natur des Menschen bedingt und ihrem Wesen nach gleichartig sind." (8)
Wäre das nicht der Fall, dann ließen sich für das wirtschaftliche Leben der Menschen  allgemeingültige  Erkenntnisse von irgendeinem Wert wohl kaum gewinnen; man müßte sich vielmehr schließlich mit der Feststellung begnügen, daß die Menschen von ihrem freien Willen sehr reichlichen und manchmal recht eigenartigen Gebrauch machen.

Aber beschreiben ließen sich dann doch die wirtschaftlichen Vorgänge? Man mache den Versuch, man suche die Wirklichkeit eines Gemüsemarktes z. B. erschöpfend zu schildern. Man analysiere die einzelnen Verkäufe und Käufe, die da stattfinden zunächst etwa nach den zugrunde liegenden psychologischen Motiven: Bei Fall Nr. 1 haben wir es mit einer Marktfrau zu tun, die im Dienst ergraut ist, die ihren Kunden schon an der Nase ansieht, wessen Geistes Kind sie sind, sie handelt gerade jetzt mit einem unkundigen Fremden, wir können sicher sein, daß sie ihm mindestens 50% "zuviel" abnimmt: Nr. 2 ist ein lebenslustiges junges Ding, das nimmt, was es bekommen kann, um rasch auszuverkaufen; denn sie weiß, daß "er" schon an der nächsten Ecke auf sie wartet; Nr. 3 ein gutmütiger Typus, nimmt eben von einer barmherzigen Schwester einen kräftigen Händedruck entgegen, als Lohn für die Außerachtlassung des ökonomischen Prinzis, Nr. 4, eine cholerisch veranlagte Hausfrau, sieht ihre größte Feindin vor einem Marktkorb feilschen, rasch eilt sie hinzu, und bietet mer als dem wirtschaftlichen Prinzip entsprechen würde, hat aber dafür auch das wohlige Gefühl, Frau  X  gründlich geärgert zu haben. ...

Wir empfinden alsbald, daß wir Unmögliches zu unternehmen versuchten, obwohl SCHMOLLER meint, "volkswirtschaftliche Erscheinungen beobachten heißt  die Motive  der betreffenden wirtschaftlichen Handlungen usw. klarlegen." Nur das bekommen wir ja als allgemeingültiges Resultat unserer Untersuchung, daß die Menschen kuriose Leute sind, etwas, was man auch schon ohne eingehende Untersuchungen der Wirklichkeit hätte wissen können.

Weil man nun aber doch gerne aus wenig viel machen möchte, trägt man nur zu gerne in die wissenschaftlichen Untersuchungen "unkontrollierte Instinkte, Sympathien und Antipathien hinein", und noch leichter widerfährt es den Jüngern der deutschen historischen Schule, so meinte MAX WEBER in seiner Freiburger Antrittsrede, "daß der Punkt von welchem wir bei der Analyse und Erklärung der volkswirtschaftlichen Vorgänge ausgehen, unbewußt auch bestimmend wird für unser Urteil darüber." (9)

Derselbe Autor führt in einer späteren Arbeit, in seinen kritischen Studien auf dem Gebiet der kulturwissenschaftlichen Logik aus (10), wenn man sage, daß die Geschichte die konkrete Wirklichkeit eines Ereignisses in seiner Individualität kausal zu verstehen habe, so sei damit selbstverständlich nicht gemeint, daß sie dasselbe in der  Gesamtheit  seiner individuellen Qualitäten unverkürzt zu reproduzieren habe, das wäre eine nicht nur praktisch unmögliche, sondern prinzipiell sinnlose Aufgabe. ...
    "Es kommt der Geschichte ausschließlich auf die kausale Erklärung derjenigen  Bestandteile und Seiten  des betreffenden Ereignisses an, welche unter bestimmten Gesichtspunkten von allgemeiner Bedeutung und deshalb von historischem Interesse sind."
Was für den Vergangenheitsforscher recht ist, muß für den Gegenwartsforscher billig sein. Die in lebhaftem Fluß bedingliche Gegenwart läßt sich ja erst recht nicht "allseitig reproduzieren."

So behandelt dann auch der Sozialökonom in der Hauptsache nur  eine  Seite des menschlichen Lebens, wenn er überhaupt wissenschaftlich arbeiten soll und nichts Unmögliches leisten will und kann. Ihn interessieren die Menschen nur, soweit sie wirtschaftlich zu handeln in der Lage sind. Daß ein solches Isolierverfahren notwendig ist, um wissenschaftlich brauchbare Begriffe klar und eindeutig herauszuarbeiten, kann wohl im Ernst von niemandem geleugnet werden, der wissenschaftlich denkt.

Zutreffend weist auch LIFSCHITZ (Untersuchungen über die Methodologie der Wirtschaftswissenschaft, 1909, Seite 39) darauf hin, daß die historische Schule die isolierende Abstraktion bekämpft "ohne dabei zu achten, daß selbst nach der historisch-empirischen Methode der Denprozeß immer auf die Abstraktion und Isolation angewiesen ist, wenn überhaupt ein Denken zustande kommen soll." Daß es umgekehrt den "abstrakten" Nationalökonomen, namentlich auch RICARDO nicht an "empirischer Weltkenntnis", an "positivem Studium des Konkreten" fehlte, hat DIETZEL (a. a. O., Seite 106f in vortrefflicher Weise dargelegt.

Daß die Sozialökonomik sich nur mit  einer  Seite des menschlichen Lebens zu befassen hat, muß sogar KNIES zugestehen, der von SCHMOLLER den Ehrentitel "Theoretischer Begründer der historisch-psychologischen modernen deutschen Nationalökonomie" erhalten hat. Von KNIES stammt der häufiger zitierte Satz:
    "Das Forschungsgebiet der Nationalökonomie ist das wirtschaftliche Gemeinschaftsleben der Menschen, also  einer  jener Interessenbereiche und Tätigkeitskreise, die in ihrer Gesamtheit das ganze Leben der wirtschaftlichen Persönlichkeit darstellen."
Wenn so der Sozialökonom seine Arbeitskraft in der Hauptsache konzentriert auf  eine  Seite des menschlichen Daseins, wenn er abstrahiert von einer unübersehbaren Fülle von anderen Möglichkeiten, so ist deshalb doch sein "Mensch" kein abstrakter  economical man,  sondern ein Mensch des wirklichen Lebens, von dem er wohl weiß und auch in Betracht ziehen muß, daß er nicht  nur  wirtschaftlich denkt und fühlt.

Freilich, das Prinzip, das im Vordergrund unserer Wissenschaft steht, ist nicht ein Motiv, das im Wirtschaftsleben ebensoviel und ebensowenig wiegt, wie irgendein anderes, es handelt sich vielmehr um das  Haupt prinzip, mit dem - ich wiederhole das - gewiß nicht jeder einzelne Mensch in allen Lagen seines Lebens, aber doch die  Menschheit,  solange der Adamsfluch auf ihr lastet und sie Kulturstreben in sich fühlt, unbedingt rechnen muß. Das ist nachdrücklich hervorzuheben, weil ja unsere Wissenschaft nicht so sehr  der  Mensch, wie er uns etwa zufällig auf der Straße begegnet interessiert, sondern  die  Menschen, wie sie uns als typische Individuen einer Gruppe gegenübertreten, als Arbeiter, Unternehmer, Kapitalisten, als Landwirte, Handwerker, Kaufleute als Angehörige des Staates, der Nation, der Rassen.

Und noch eins muß hier gesagt werden:  Wirtschaftliche  Motive sind keineswegs ausschließlich  egoistische  Motive. Dies hebt MARSHALL mit Recht hervor (11). Er meint dabei zugleich, daß hier einer der Punkte ist, wo ein Teil der deutschen Sozialökonomen die älteren englischen Schriftsteller mißverstanden hat, von denen man noch heute zuweilen behauptet, daß sie den Egoismus zum regulierenden Faktor im Wirtschaftsleben hätten machen wollen. MARSHALL mißt die Schuld an diesem Mißverständnis seinen englischen Landsleuten bei, freilich, mit einer Motivierung, die für das Volk der Denker, so nennt man ja die Deutschen, nicht gerade schmeichelhaft ist: "Es ist viel zu überlassen", in diesem Fall sei man aber dabei zu weit gegangen und habe dadurch zu häufigen Irrtümern Anlaß gegeben.

Ist man sich über die theoretischen Grundprinzipien unserer Wissenschaft einigermaßen klar, dann kann man es ruhig dem wissenschaftlichen Taktgefühl des einzelnen überlassen, die Grenze für das Arbeitsgebiet zu ziehen, insbesondere zu entscheiden, ob man sich beschränken soll auf rein wirtschaftliche Vorgänge, oder ob darüber hinaus auch "ökonomisch relevante" und "ökonomisch bedingte Erscheinungen" (MAX WEBER) in den Kreis der Betrachtungen hinein zu ziehen sind (12). Die Hauptsache ist nur, daß  wissenschaftliche  Aufgaben in einem  wissenschaftlichen  Sinn gelöst werden.

Dabei wird man sich vor allem an den Satz erinnern haben:  scientia est per causas scire  [Wissen ist Wissen von den Ursachen. - wp]. Mag man immerhin das Darstellen, Beschreiben, Erzählen der Einzelerscheinungen "Wissenschaft" nennen, insofern man dadurch die  äußere  Erscheinungsform erkennt und feststellt und den  äußeren  Zusammenhang zum Ausdruck bringt; eine  höhere  Stufe der Wissenschaft ist es dann auf jeden Fall nach dem  Grund  der Erscheinungen, nach der  Erklärung  ihres Zusammenhangs zu forschen, das zu suchen, was man das  innere Wesen der Erscheinungen  genannt hat.

Selbst wenn jemand aufgrund einer langen Reihe von Beobachtungen den Mut findet, eine Regelmäßigkeit zu konstatieren, so ist damit doch für die sozialökonomische Wissenschaft wenig gewonnen, wenn uns nicht gleichzeitig das Kausalitätsverhältnis enthüllt wird. Die treibenden Ursachen der volkswirtschaftlichen Erscheinungen müssen wir erkennen: "erst wenn dies gelungen ist", ich zitiere LEXIS (13), "erhält die beobachtete Regelmäßigkeit für uns eigentlich wissenschaftliche Bedeutung."

Wie könnte man aber den Kausalzusammenhang aufdecken, ohne die störenden Nebenursachen und Zufälligkeiten auszuschalten, ohne mit anderen Worten, die Isoliermethode anzuwenden! Daß "mit der allbeherrschenden Kausalität" die Teleologie als  heuristisches  Prinzip durchaus verträglich ist, beton SCHULZE-GÄVERNITZ mit Recht (14). Die Nationalökonomie, so meint er, bedient sich beispielsweise des teleologischen Begriffs der Wirtschaft, das heißt der Güterversorgung  zum Zweck  der menschlichen Lebenserhaltung. Indem sie hierdurch ihr Gebiet gegen andere Wissenschaften abgrenzt, wird sie einer streng kausalen Erklärung der sie interessierenden Vorgänge keineswegs untreu. Daß darüber hinaus eine Zwecksetzung, die außerhalb des  Erkenntnis zwecks liegt, für unsere Wissenschaft von bedenklichen Folgen begleitet sein kann, wird in einem späteren Zusammenhang eingehender erörtert werden müssen.

Es soll nicht geleugnet werden, daß die Isoliertmethode die Gefahr in sich schließt, daß der Forscher sich in seine Begriffswelt einkapselt, die Fühlung mit dem praktischen Leben verliert, das wir doch gerade durch unsere Wissenschaft besser verstehen lernen wollen. Geistiges Beherrschen der Tatsachenwelt, keine Gedankenspielerei, das muß eine entschiedene Maxime für unsere wissenschaftliche Arbeit sein. Diesem Zweck dient namentlich ein andauerndes Vergleichen der Wirklichkeit mit dem, was sich aus dem isolierenden Verfahren ergibt, so zwar, daß die Tatsachen nicht in das Prokrustesbett der Theorie hineingezwungen werden, sondern in der Weise, daß die Tatsachen die richterliche Instanz für den Wert oder Unwert der Theorie bilden. Richtiges Denken und richtiges Sehen sind die Instrumente des sozioökonomischen Forschers, die beide zusammen wirken müssen, wenn keine Pfuscherarbeit geliefert werden soll.

Ergeben sich von der Theorie in der Praxis Abweichungen, die einen  regelmäßigen  Charakter zu tragen scheinen, so wird dafür der Grund zu suchen sein. Es wird u. a. berücksichtigt werden müssen, was man wenig präzise, aber allgemein verständlich "Volksgeist" und "Zeitgeist" genannt hat; sorgfältig wird ferner zu untersuchen sein, ob die Motive zu kollektiven Handlungen, die in unserem Zeitalter unzweifelhaft eine steigende Bedeutung haben, eine neue Anregung zur Aufdeckung von volkswirtschaftlich kausalen Zusammenhängen geben können. Gerade hier, wie auch sonst noch vielfach, bleiben wichtige erkenntnistheoretische Vorfragen für den sozialökonomischen Gelehrten zur Beantwortung übrig. Während MARSHALL meint (15), daß die Erweiterung des Gebietes der öffentlichen Tätigkeit für das öffentliche Wohl mit der Verbreitung der Genossenschaftsbewegung und anderer Arten des freiwilligen Zusammenschlusses sich so entwickelt, daß dadurch den Nationalökonomen neue Gelegenheiten eröffnet werden, "Motive zu messen, deren Tätigkeit auf irgendein Gesetz zurückzuführen früher unmöglich war," vertritt SCHUMPETER (16) die Ansicht, daß die soziale Betrachtungsweise, die er selbstredend von derjenigen der Berücksichtigung sozialpolitischer Momente streng geschieden wissen will, für die rein theoretischen Gedankengänge weder wesentlich neue Ergebnisse, noch sonst irgendwelche wesentliche Vorteile zu bieten scheint, was durch den Umstand bestätigt wird, und darin wird man ihm jedenfalls recht geben müssen, daß ja doch niemand "mit ihr Ernst macht."

Eine Frage will ich hier gleich einschalten, deren Beantwortung für das Verständnis der wissenschaftlichen Aufgaben der Sozialökonomik von wesentlicher Bedeutung ist: Kann man von wirtschaftlichen "Naturgesetzen", überhaupt von Gesetzen auf dem Gebiet unserer Wissenschaft sprechen?

Mit aller Schärfe verneinte diese Frage kürzlich KARL DIEHL bei der Gelegenheit seiner Freiburger Antrittsrede (17): "Nie dürfen wir von Naturgesetzen reden, wenn wir volkswirtschaftliche Erscheinungen betrachten." Nicht nur lehnt DIEHL die sogenannten "ewigen" Naturgesetze ab, sondern auch "wirtschaftliche Gesetze innerhalb bestimmter historisch-rechtlicher Epochen". Dieses Urteil ist umso beachtenswerter, weil DIEHL zu den wenigen deutschen Nationalökonomen gehört, die auch während der Blütezeit des Historismus die Notwendigkeit des theoretischen Denkens für die Volkswirtschaftslehre in den Vordergrund rückten. Ganz sicher hat jedenfalls DIEHL recht, wenn er meint, daß die schlechten Erfahrungen, die man in der Wirtschaftspolitik mit den sogenannten Gesetzen der politischen Ökonomie machte, dem Ansehen unserer Wissenschaft sehr geschadet hätten. Ich glaube aber, daß dabei der größere Teil der Schuld die Praxis insofern trifft, als sie den Sinn des Wortes "Naturgesetz" manchmal arg mißverstanden hat. Das gilt auch von PRINCE SMITH, wenn er den Satz schreibt, den DIEHL zitiert:
    "Für eine feste Ordnung im Wirtschaftsganzen, für die vollste Betätigung aller produktiven Kräfte und für eine angemessene Beteiligung an den erarbeiteten Befriedigungsmitteln ist durch die volkswirtschaftlichen Naturgesetze gesorgt."
Man kann eine derartige Vorstellung von einem naturnotwendigen Handeln im wirtschaftlichen Leben nicht energisch genug zurückweisen; Gesetze in diesem Sinne gibt es nicht. Aber an solche Gesetze glaubt doch wohl auch heute kaum ein ernstzunehmender Vertreter der Volkswirtschaftslehre.

Faßt man aber  Gesetz  in dem Sinn, wie es die meisten neueren Theoretiker tun, "als den Ausdruck für eine infolge der Macht wirtschaftlicher Zusammenhänge aus gewissen Motiven sich ergebende regelmäßige Wiederkehr wirtschaftlicher Erscheinungen" (NEUMANN), als die "Konstatierung von Tendenzen" (MARSHALL), so ist auch gegen die Aufstellung von wirtschaftlichen und sozialen "Gesetzen" nichts einzuwenden, es sei denn der naheliegende Mißbrauch, der von Unkundigen mit dem Wort "Gesetz" getrieben werden kann. Ein anderes Wort, am besten vielleicht "Tendenz", würde diese Bedenken beseitigen. (18)

Es wurde bereits betont, daß der Aufgabenkreis für die sozialökonomische Forschung nicht ein für allemal festgelegt werden kann, daß dabei vielmehr der Individualität der Forscher Rechnung getragen werden muß, dasselbe gilt für das "System", das heißt: für die Ordnung der Gedankenentfaltung. Wiederum unter der Voraussetzung, daß die "Ordnung" auch eine wirkliche Ordnung ist. die Bedeutung einer wohldurchdachten Systematik darf nicht unterschätzt werden, sie erleichtert unzweifelhaft nicht nur das Nach- und Mitdenken des Lesers, sondern auch die eigene Denkarbeit des Forschers. Nicht als Muster, sondern nur als Beispiel, um eine Vorstellung zu vermitteln von den wissenschaftlichen Einzelaufgaben der Volkswirtschaftslehre gebe ich hier eine kurze Skizee des Systems, wie es mir persönlich angemessen zu sein scheint.

Es wird ein grundlegender und ein ausführender Teil zu unterscheiden sein. Die Grundlegung hat sich zunächst zu befassen mit dem wirtschaftenden Menschen, wobei auszuführen ist, inwiefern, und warum er dem Prinzip der Wirtschaftlichkeit untersteht, wobei aber auch gleich zu betonen ist, daß Wirtschaftsmenschen "nicht wesenlose Schemen sind, sondern Typen der Wirklichkeit, deren Abstufung von einem MORGAN oder PEREIRE bis zum polnischen Tagelöhner oder Elsässer Hausknecht geht" (19). Es wären dann die große Modifikationen des Wirtschaftsprinzips zu erörternm und zwar
    a) die wirtschaftsgeographischen Individualitäten, die Verschiedenheiten, die sich ergeben, wenn man die einzelnen Länder und die einzelnen Rassen beobachtet in ihrem "Kampf um den Futteranteil" vermöge der  natürlichen  Unterschiede,

    b) der Einfluß der Volksziffer; in einer volksarmen Volkswirtschaft wird das Prinzip der Wirtschaftlichkeit unter übrigens gleichbleibenden Umständen andere Formen annehmen müssen, als in einer volkreichen Volkswirtschaft; die Theorie des MALTHUS würde hier die gebührende Berücksichtigung finden,

    c) die Anpassung an die soziale Umgebung; dabei wäre -  Beispiele  können hier nur angedeutet werden - die Lehre von der Lebenshaltung zu erörtern, der Widerstand, den die Menschen einer Herabsetzung ihrer Lebenshaltung entgegensetzen, ist für die Erklärung des wirtschaftlichen Seins besonders nutzbar zu machen. Aber auch noch andere Probleme müssen in diesem Paragraphen ihre Erledigung finden: wie Sitte und Gewohnheit zu treibenden Kräften im volkswirtschaftlichen Leben werden können, wie der Glaube an Utopien und Ideale hier hemmend, dort fördernd wirkt usw. Es müßte sich anschließen

    d) die Untersuchung, wie der wirtschaftende Mensch sich der Rechtsordnung anpaßt und wie dies auf die Volkswirtschaft einwirkt. Hier erhält auch der Staat seine Position im System der Volkswirtschaftslehre.
Entscheidend ist natürlich nicht der Wortlaut der Gesetze, die  Form  der Staatsverfassung, sondern die Art und Weise, wie die Gesetze angewandt werden und wie sich die Menschen in der äußeren Form der Verfassung tatsächlich bewegen, daher der Ausdruck "Anpassung".

Das folgende Kapitel trägt die Überschrift "Die wirtschaftlichen Güter und ihr Wert", hier wären die unerläßlichen Grundbegriffe in ihrem Zusammenhang kurz zu erörtern und zugleich könnte man an leicht greifbaren Beispielen zeigen, wie unökonomisch die Begriffsspielerei auch in unserer Wissenschaft ist. Eine Darlegung der Grundprinzipien der wirtschaftlichen Organisation, des "Individualprinzips" einerseits und des "Sozialprinzips" andererseits, sowie der möglichen Mischformen, namentlich des "Solidarismus" beschließt die Grundlegung.

Die eigentliche Ausführung gliedere ich in vier Teile:
    1. Der Güterbedarf
    2. Die Bereitstellung der Güter
    3. Das Ergebnis des wirtschaftlichen Güterprozesses:
        der Volksreichtum und seine Verteilung.
    4. Der Rhythmus im wirtschaftlichen Leben.
Diese Einteilung unterscheidet sich wesentlich von der üblichen, die die wirtschaftlichen Sozialphänomene auf vier Grundtypen zurückführt: Produktion, Distribution, Zirkulation und Konsumtion, mit der Begründung, daß die Güter zuerst produziert werden müssen und dann könne man sie austauschen, verteilen, verzehren. Gegen dieses System hat neuerdings HASBACH einen entschiedenen, und wie mir scheint in der Hauptsache durchaus gelungenen Angriff unternommen (20). Er geht davon aus, daß die eigentliche Triebkraft der gesellschaftlichen Wirtschaft die Nachfrage ist. Da die Güterhervorbringung von der Nachfrage abhängig ist (21), so könne die Lehre von Produktion nicht den anderen Stoffgruppen vorangehen. Die dieser Anordnung zugrundeliegende Auffassung sei fehlerhaft, weil sie den technischen mit dem wirtschaftlichen Standpunkt verwechselt, technisch müßten die Güter zuerst hervorgebracht sein, ehe sie verzehrt werden können. Der Entschluß aber, ein Gut hervorzubringen sei wirtschaftlicher Art. HASBACH unterscheidet nun vier Arten der Güterverzehrung und gliedert entsprechend den Inhalt der "Güterverzehrungslehre":
    1. die unbeabsichtigte Güterverzehrung (sie bewirkt einen schlechthinnigen Verlust),

    2. die beabsichtigte Verzehrung der Genußgüter (ihre Wirkung ist die Befriedigung der Bedürfnisse),

    3. die beabsichtigte Verzehrung der produktiven Güter (reproduktive Verzehrung, deren beabsichtigte Wirkung Entstehung von Gütern von höherem wirtschaftlichen Wert ist, als die produktiven Güter haben),

    4. das Sparen.
Ohne mich in eine Kritik dieser Gruppierung hier einzulassen, will ich nur bemerken, daß ich HASBACH insofern folge, als ich die Lehre vom Güterbedarf der Lehre von der Produktion, oder wie man besser sagen wird, der Lehre von der Bereitstellung der Güter voranschicke. Ich gliedere dann den Abschnitt  Güterbedarf  folgendermaßen:
    I. Der konsumtive und der reproduktive Güterbedarf

    II. Die Elastizität der Bedürfnisse:
      a) Existenzbedarf und Luxusbedarf,
      b) Sparen und Verschwendung,
      c) die Geschmacksänderung (die Mode).
    III. Die wirtschaftliche Ordnung der Güterverzehrung:
      a) der Haushalt,
      b) die Organisation der Konsumenten.
    IV. Der Zufall als Gütervernichter; die Güterversicherung.
Bei der Lehre von der Güterproduktion hält man sich "seit Menschengedenken" an die drei sogenannten Faktoren der Produktion: Land oder Natur, Kapital und Arbeit. In neuerer Zeit fühlt man immer mehr, daß man mit dieser Dreiteilung nicht auskommt, so will z. B. BIERMANN (22) fünf Elemente der Produktion unterscheiden,
    1. die Natur, oder die organische Kraft,
    2. die Produktionsanlage und Werkzeuge,
    3. das Kapital (worunter Biermann "werbende Geldsummen")
        versteht,
    4. die exekutive Arbeit des Lohnarbeiters,
    5. die Konjunktur
Diese fünf Produktionselemente sind aber nach BIERMANN ansich ohne irgendeine "motorische Kraft". Sie sind "latente Kraftträger", die von einem lebendigen Produktionsfaktor, von einer ökonomischen Intelligenz in Bewegung gesetzt werden müssen. JULIUS WOLF meint (23), daß an der Produktion von Gütern notwendig nicht bloß die drei Produktionsfaktoren (Natur, Arbeit, Kapital) beteiligt sind, sondern in verschiedener Funktion, erstens  Produktionselemente  (Stoffe), aus denen sich das Produkt aufbaut: Natur, Arbeit in ihrem stofflichen Teil und Kapital, zweitens  Produktionskräfte:  Arbeit in ihrem "ideellen Teil, das heißt dispositive Arbeit und "technische Idee" (schöpferische Arbeit), drittens  Produktionsbedingungen,  die die Umgebung darstelln, in der die Verbindung der Elemente sich vollzieht. MARSHALL bleibt zwar im wesentlichen der Dreiteilung treu, zählt aber zum Kapital auch die geschäftliche Organisation, welche für gewisse Zwecke besonders untersucht werden muß. Daher gibt er dem vierten Buch des ersten Bandes seines Handbuches die Überschrift: die Faktoren der Produktion, Land, Arbeit, Kapital  und Organisation. 

Für meine Systematik der Lehre von der Gütererzeugung möchte ich als Ausgangspunkt den Satz nehmen, mit dem ADAM SMITH seine Untersuchungen über die Natur und Ursachen des Volksreichtums beginn:
    "Die  Arbeit,  welche jede Nation jährlich verrichtet, ist der Fonds, der sie ursprünglich mit allen von ihr jährlich verbrauchten Notwendigkeiten und Bequemlichkeiten des Lebens versorgt."
Das ist der Grundgedanke, der sich durch die Lehre von der Güterhervorbringung hindurchziehen muß, die ich folgendermaßen disponiere:
    1. Das wirtschaftliche Können des Menschen und dessen sachliches Ergebnis (Produktivität der Arbeit), die schöpferische, "dispositive" Arbeit, und die ausführende, "exekutive Arbeit, der materielle und der ideelle Charakter der Arbeit, die Arbeitspflicht und die Arbeitsfreude; gesondert wären dabei namentlich zu behandeln:
      a) die physiologischen und psychischen Bedingungen und Grenzen der wirtschaftlichen Entfaltung der Menschenkraft;
      b) die Erhaltung und Ausbildung der menschlichen Wirtschaftskräfte;
      c) die wirtschaftsgeographische Verteilung dieser Kräfte
    2. Die Hilfsmittel des wirtschaftenden Menschen:
      a) wirtschaftliche Hilfsmittel: das Kapital;
      b) technische Hilfsmittel: Arbeitsteilung, Maschinenwesen.
    3. Die Organisation der sachlichen und persönlichen Produktivkräfte, insbesondere die Unternehmung. Die Lehre von der Güterhervorbringung ist nun aber wieder nur ein Bruchstück aus der Lehre von der "Bereitstellung der Güter", die ich einteil in
      a) die Bedarfsweckung (Reklame im weiteren Sinne) und Bedarfsberechnung (insbesondere die Spekulation);
      b) die Güterhervorbringung;
      c) der freie Wettbewerb und seine Einschränkungen (Markt und Preisbildung),
      d) der Tauschverkehr und seine Hilfsmittel (Handel, Geld- und Kreditwesen, Bank und Börsen, Transportwesen).
Es folgt der dritte Abschnitt: "Das Ergebnis des wirtschaftlichen Güterprozesses": Volksreichtum und Volkseinkommen. Auch hier ergeben sich ernste Bedenken gegen die übliche Einteilung der Einkommensarten: Grundrente, Kapitalzins, Unternehmergewinn, Arbeitslohn. Der Unternehmergewinn ist beispielsweise zum Teil Lohn, zum Teil in seinem Wesen der Grundrente als unverdienter Differenzialgewinn verwandt, zum Teil nähert er sich dem Kapitalzins, zumindest in der rohen Form wie dieser uns in der empirischen Wirklichkeit entgegentritt insofern hier wie dort meist eine Risiko-Prämie gezahlt wird. Aber auch praktisch ergeben sich aus der bisherigen Einteilung Schwierigkeiten: inwiefern ist die Dividende des Aktionärs, der Gewinn des "stillen Teilhabers ohne Branchenkenntnis", die Tantieme des Aufsichtsrates, das Gehalt des Direktors, "Unternehmergewinn"? Ebenso ist das Wort  Grundrente  sehr leicht allerlei Mißverständnissen ausgesetzt, die vermieden werden können. Ich halte es daher für durchaus verständig, wenn JULIUS WOLF in seiner Theorie der Einkommen die gebräuchliche Unterscheidung der "Einkommen" fallen läßt, weil die einzelnen Glieder ungleichwertig sind. Der von ihm vorgeschlagenen Sechsteilung (Erfinderlohn, Arbeitereinkommen, Fruchteinkommen, Glückseinkommen, Beute-Einkommen, Zehreinkommen) (24) möchte ich mich aber nicht anschließen; ich begnüge mich vielmehr mit folgender Einteilung.
    a) Arbeitseinkommen,
    b) Kapitalzins,
    c) Risikoprämie,
    d) Vorzugsrente.
Es läßt sich rechtfertigen, dazu als fünfte Gruppe das "Beuteeinkommen" im Sinne WOLFs zu nehmen.

Die nähere innere Begründung dieser Systematik kann natürlich hier nicht gegeben werden. Ich werde bei anderer Gelegenheit ausführlich darauf zurückkommen müssen.

Die Untereinteilung des vierten Abschnittes schließlich: Die Lehre vom Rhythmus im wirtschaftlichen Leben ergibt sich von selbst:
    a) Die  regelmäßigen  Schwankungen im Wirtschaftsleben: Winter und Sommer, die sogenannte Saison-Beschäftigung etc.

    b) Die  Zufallsstörungen  im Wirtschaftsleben: Depressionen und Krisen.
Bei den bislang skizzierten Gedanken hatte ich wiederholt meinen Widerspruch gegen hergebracht und gegen herrschende Meinungen zum Ausdruck zu bringen, umso mehr liegt mir daran, zu betonen, daß die  Grundgedanken,  die ich hier ausspreche und verteidige, durchaus nicht neu sind - sie sind im Wesen verwandt mit den Lehren der "Klassischen Nationalökonomie", die es meines Erachtens nur fortzubilden, nicht zu überwinden gilt.

Dieser Name ist allgemein gebräuchlich, um die sozialökonomische Richtung zu kennzeichnen, die ADAM SMITH, RICARDO, MALTHUS ihre Führer nennt. Der Grund für die Benennung "klassisch" liegt, so meint zumindest BRENTANO (25), in gewissen Eigentümlichkeiten, welche der klassischen Nationalökonomie mit den klassischen Richtungen auf anderen Gebieten menschlichen Schaffens gemein sind. Ebenso wie beispielsweise die klassische Bildhauerei hat die klassische Nationalökonomie einen von allen Besonderheiten des Berufs der Klassen der Nationalitäten und Kulturstufen freien Menschen geschaffen.
    "Anstelle des wirklichen Menschen ist ein abstrakter Mensch getreten - gibt man der Figur mit der Schaufel statt dieser einen Geldbeutel in die Hand, so ist die Abstraktion plötzlich ein Kaufmann, wie sie vordem ein Bauer gewesen ist."
Diese Auffassung von der klassischen Nationalökonomie stimmt zwar nicht ganz, aber sie war und ist weit verbreitet und wurde somit zu einem Grund für die "Überwingung" des Klassizismus, der allerdings namentlich durch die Form der Darstellung, das gilt insbesondere für RICARDO, Mißverständnissen mancherlei Art Tür und Tor öffnete.

Allgemein bekannt ist, daß die klassische Nationalökonomie in Deutschland entthront wurde, wenn sie bei uns überhaupt jemals auf dem Thron gesessen hat, durch die "historisch-ethische" Richtung. Bekannt ist auch, daß diese Richtung bis in die Gegenwart hinein namentlich aber in der Zeit 1870-1900 sozusagen "omnipotent" war.

Der anerkannte Meister dieser Schule, SCHMOLLER, trug troz seiner fast sprichwörtlich gewordenen Vorsicht in der Ausdrucksweise kein Bedenken, 1897 bei Antritt des Rektorats der Berliner Universität den Satz zu verkünden:
    "Es hieße sich dem Fortschritt und der Entwicklung entgegenstellen, wenn man absterbende, überlebte Richtungen und Methoden den höher stehenden und ausgebildeteren gleichstellen würde: Weder strikte Smithianer noch strikte Marxianer können heute Anspruch darauf machen, für vollwertig gehalten zu werden. Wer nicht auf dem Boden der heutigen Forschung, der heutigen gelehrten Bildung und Methode steht, ist kein brauchbarer Lehrer."
Ein stolzes Siegesbewußtsein klang aus diesen Worten hervor. Ein kühneres Votum über die Entwicklungsmöglichkeit einer in vollem Fluß befindlichen Wissenschaft dürfte wohl selten von einem geistigen Führer ausgesprochen worden sein.

Die historisch-ethische Schule wollte historisch, ethisch, psychologisch mehr bieten als die Klassiker; sie strebte eine breitere, sicherere Kenntnis der Wirklichkeit an" (26), sie wollte "die Volkswirtschaft wieder in einem richtigen Zusammenhang mit der ganzen übrigen Kultur verstehen lernen." Man ging zu diesem Zweck an die "methodische Einzelforschung" und "realistische Detailforschung in der Wirtschaftsgeschichte" und 1897 glaubte auch SCHMOLLER an den Erfolg dieser Bemühung: "Die Volkswirtschaftslehre", so meinte er damals, "ist aus einer bloßen Markt- und Tauschlehre, einer Art Geschäfts-Nationalökonomie, welche zur Klassenwaffe der Besitzenen zu werden drohte, wieder eine große  moralisch-politische  Wissenschaft geworden." Den Erfolg dieser Metamorphose für die wissenschaftliche Erkenntnis, für die Summe der feststehenden Wahrheiten schätzte SCHMOLLER offenbar sehr hoch ein. Der Bestand dessen, was heute von allen als gesicherte Wahrheit anerkannt wird, ist ganz erheblich gewachsen; viele Kontroversen sind aus der wissenschaftlichen Diskussion verschwunden. Als einziges Beispiel dafür wurde in der Rektoratsrede die Kontroverse "Über Schutzzoll und Freihandel" genannt. - Wenige Jahre später hat es sich ja in so drastisch deutlicher Weise gerade bei diesem Punkt offenbart, daß SCHMOLLER doch viel zu optimistisch über "feststehende Wahrheiten" in der deutschen Nationalökonomie urteilte.

Im Ganzen wird, so glaube ich, kaum ein begründeter Widerspruch laut werden gegenüber folgender Äußerung von GUSTAV COHN, der selbst Anhänger der ethischen Richtung ist: "Wenn irgendetwas unfruchtbar an  exakten  Wahrheiten für unser Fach gewesen ist, so ist es die ganze historische Forschung älteren, neueren und neuesten Datums" (27). Ob dieses wissenschaftliche Manko - mir zumindest scheint es ein solches zu sein - wett gemacht werden kann durch erfolgreiche  politische  Taten der Nationalökonomen, wird später zu prüfen sein.

Die Stimmen derer, die direkt oder indirekt zugeben, daß man die Klassiker, insbesondere den Meister des Isolierverfahrens RICARDO schlechter machte, als sie es verdienten, mehren sich, man sieht immer deutlicher ein, daß die Klassiker mit ihrer Methode durchaus nicht auf einem falschen Weg waren. MAX WEBER, ein "Jünger der historischen Schule" weist entschieden den einst so beliebten Spott über die sogenannten Robinsonaden der abstrakten Theorie zurück, scharfe genetische Begriffe müßten notwendig "Idealtypen" sein (28). SCHULZE-GÄVERNITZ, der doch auch nicht vom Klassizismus ausgegangen ist, finden den Versuch, "auch die gesellschaftlichen Phänomene einer naturwissenschaftlichen Betrachtung zu unterwerfen, durchaus berechtigt." Er meint in seiner jüngsten Schrift (29):
    "Es liegt auf der Hand, daß die Isoliermethode der nationlalökonomischen Klassiker, wie sie z. B. Dietzel wieder meisterhaft handhabt, ebenso wie die Wertpsychologie der Österreicher durchaus in dieser Richtung geht. Was dem Naturforscher das Experiment, das leistet dem Nationalökonomen der  Idealtypus  des zu analysierenden Vorganges; in beiden Fällen wird der Idealvorgang, der im Leben nur selten, vielleicht nie in völliger Reinheit vorliegt,  isoliert.  Der Nationalökonome stellt den  einheitlichen, rein-wirtschaftlichen  Kausalzusammenhang fest, welcher zum  Gesetz  verallgemeinert werden soll ..."
Man erinnert sich hier ferner daran, daß LUJO BRENTANO, der einst nicht wegwerfend genug über die Klassiker urteilen konnte, heute weit milder über sie urteilen muß. Er schrieb 1888 den Satz:
    "Der Unterschied zwischen den Merkantilisten und den klassischen Nationalökonomen besteht bloß in den Mitteln, welche zur Erreichung der Ziele empfohlen werden. Und hier verdienen die Merkantilisten entschieden den Vorzug, indem sie bei ihren Vorschlägen die konkreten Verhältnisse berücksichtigen, in denen sich der wirtschaftliche Egoismus betätigen soll, während die klassischen Nationalökonomen nur den abstrakten Menschen im "luftleeren Raum vor Augen haben." (30)
Dieser selbe Gelehrte stützt sich bekanntlich in seinem Kampf gegen den Schutzzoll nunmehr sehr wesentlich auf den Abstraktesten der Abstrakten, auf RICARDO! Und klingt nicht auch G. F. KNAPPs "Staatliche Theorie des Geldes" wie eine Art Absage gegenüber der in Deutschland herrschenden Richtung? Kaum läßt sich KNAPPs Wort: "Der Theoretiker ist ein verlorener Mann, wenn er in Halbheiten befangen bleibt" (31), mit SCHMOLLERs magerem Trost vereinigen: "Halb ist oft besser als ganz." (32) Fast scheint es aber, als wenn auch SCHMOLLER selbst sein Urteil über die Klassiker im Laufe der Jahre gemildert hat. Einst nannte er ADAM SMITH etwas mitleidig einen "Stubengelehrten", dagegen rühmt er in einem jüngst (33) in der  Internationalen Wochenschrift  veröffentlichten Aufsatz ADAM SMITHs  "unendlich feine Beobachtung des täglichen Lebens"  und nennt ihn "einen der großen Sterne der Aufklärung", kein Nationalökonom nach ihm habe so mächtig auf das Leben gewirkt wie er. RICARDO und SAY bekommen zwar in demselben Artikel noch eine wenig gute Zensur, sie haben nach SCHMOLLER den "wissenschaftlichen Geist des großen Lehrers über Bord geworfen." Ein Urteil, dem sich schon heute nur noch sehr wenige wissenschaftliche Vertreter der Volkswirtschaftslehre anschließen werden.

Es ist gewiß nicht  wissenschaftliche  Überlegenheit, die dem "Historismus" (34) den "Sieg" über den Klassizismus so leicht machte; wobei gar nicht geleugnet werden soll, daß der Historismus uns durch die Darbietung einer Überfülle von Tatsachen in geistvoller Gruppierung mancherlei wertvolle Aufschlüsse gebracht hat, die freilich vielleicht noch mehr bedeuten für die Geschichte, die Ethnographie, die Soziologie, die Verwaltungslehre etc. als für die Wirtschaftswissenschaft.

Trotz der hervorragenden wissenschaftlichen Leistungen des Historismus bleibt es doch wahr, daß er dem Klassizismus auf  wissenschaftlichem  Gebiet einen entscheidenden Kampf nicht einmal angeboten, viel weniger einen solchen Kampf ausgefochten hat. Sieht man von einem kleinen Zufallsgeplänkel ab, so muß man zugeben, daß die Gegner sich eigentlich nur auf  politischem  Gebiet fanden. Nicht die klassische Nationalökonomie als Wissenschaft wurde widerlegt, sondern die Politik, insofern sie nichts anderes sein wollte, als angewandte klassische Nationalökonomie. Das war in der Tat ein großer Fehler namentlich der Epigonen des Klassizismus, daß sie kein Verständnis dafür hatten, daß Politik etwas ganz anderes ist als angewandte Wissenschaft, daß die Politik, die nichts anderes sein wollte als die Anwendung "der natürlichen Gesetze der Nationalökonomie", mit einem Fiasko enden mußte.

Gilt das allgemein, so galt es in verstärktem Maß für die eigenartige wirtschaftliche Übergangszeit, die in Deutschland mit der Zeit zusammenfiel, wo der deutsche Historismus zum Mann erstarkte.

Es waren die Jahre, wo aus einem armen Deutschland ein reiches Deutschland werden sollte. Ein hartes Ringen war da notwendig. So manche schwer Blessierten mußten auf der Kampfstätte bleiben. Mit gewaltiger Energie, kühnem Schaffensmut und einer nicht gewöhnlichen Intelligenz bahnte der deutsche Unternehmer den Weg, "Ohne Sentimentalität vorwärts!" das war die Losung. Manche sanken nieder, die Vorwärtsdrängenden benutzten rücksichtslos die zu Boden Gefallenen als Stützen für ihr weiteres Vordringen. Ein wilder Konkurrenzkampf! Und wie oben so auch unten: Die Bevölkerungsziffer hatte in Deutschland rasch eine fast beänstigende Höhe erreicht; die alten Erwerbstände konnten den Überschuß nicht mehr aufnehmen. So strömten dann die Scharen in die Industrie; auf gut Glück! Manche erreichten auch dort vorübergehend hohe Löhne, aber um bald zu empfinden, daß man gleichzeitig eine früher kaum geahnte Unsicherheit der Existenz mit in Kauf nehmen mußte. Allmählich kam man ja vorwärts, aber niemand konnte sich des Sieges recht freuen, die Opfer waren zu groß. Nach außen sah man zunächst nur den Gegensatz zwischen Fortschritt und Armut, der wie ein Hohn zur Lehre von der Harmonie der Interessen paßte. Diese Tatsachen und Gedanken mußten der Generation, die nun allmählich zu Ende geht, in unauslöslicher Erinnerung bleiben.

In jener Übergangszeit war es auch, wo KARL MARX seine Lehre verkündete, die den Kausalnexus zwischen Fortschritt und Armut aufzudecken schien und darüber hinaus noch das Mittel bot, "die Erkenntnis über das gegenwärtig Bestehende hinaus zu leiten, aus dem Gegenwärtigen die Keime des Zukünftigen zu erkennen und danach Forderungen zu stellen." Es war in der Tat gleichsam "das Selbstverständliche", "das Nächstliegende", das MARX in seiner Zeit entdeckte und offenbart. Das "Sein" wollte er erkennen, nicht das "Seinsollen". Gerade daraus hätten die wissenschaftlichen Sozialökonomen reiche Anregung schöpfen können, um den wissenschaftlichen Klassizismus nicht zu besiegen, aber weiter zu bilden; sie brauchten deshalb gewiß keine Marxisten zu werden. Aber man sah im Marxismus nur die "Umsturzgefahr", man las aus ihm das heraus, was eigentlich gar nicht in ihm enthalten war, die  Kritik  der bestehenden Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung. Man betrachtete es als die vornehmste Aufgabe der Wissenschaft zu retten, was noch zu retten war: die Politik ließ die Wissenschaft nicht aufkommen.
    "Das letzte Ziel aller Erkenntnis ist eben ein praktisches. Der Wille bleibt immer der Regent und Herrscher über den Intellekt. Die großen Fortschritte der Erkenntnis sind Taten des Willens" ...
So formuliert SCHMOLLER (35) Gedanken, die man einer Geschichte des nationalökonomischen Historismus als Motto voraussetzen könnte. Der "Wille zur Tat" hatte schon reiche Nahrung bekommen aus den offenbaren sozialen und wirtschaftlichen Mißständen der Zeit, aus der berechtigten Opposition gegen das extreme Manchestertum, aus der Kritik, die man den sozialistischen Schriften entnahm, dazu kam dann in Deutschland später noch der nationale Aufschwung, die Wiederaufrichtung des Reiches. Mit Lust und Liebe ging man an die politische und wirtschaftliche Neugestaltung und nur törichte Nörgelsucht kann verkennen, daß man da im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts wahrhaft Großes leistete, daß es eine Zeit war, an die wir Jüngeren nur mit einem gewissen Neid denken können - sobald und solange wir  politisch  fühlen. Höhepunkte der gesellschaftlichen Gärung, der sozialen und wirtschaftlichen Neubildung brauchen aber durchaus nicht immer zugleich einen Höhepunkt für die Entwicklung der Staatswissenschaften, insbesondere der Wirtschaftswissenschaft zu sein.

Man hat im Laufe der Zeit den "Überwindern des Klassizismus und des ökonomischen Liberalismus" eine Fülle von Vorwürfen gemacht, man hat ihren unermeßlichen Stoffhunger getadelt, ihren grenzenlosen Expansionsdrang, der fast alle Gebiete der menschlichen Wissenschaften heranziehen wollte, damit sie helfen sollten, bei den Vorarbeiten, die erforderlich sind, um der Volkswirtschaftslehre "endlich auch einmal" ein wissenschaftliches Fundament zu geben. Man wies tadelnd hin auf die Unklarheit der Begriffsbildung, auf die mangelhafte Systematik, die sich die Gegner der klassischen Schule zuschulden kommen ließen und lassen. All diesen Fehlern, glaube ich, stehen schließlich aber auch entsprechende Vorzüge gegenüber, nur eine "Todsünde" bleibt ungesühnt: die zu weitgehende Verquickung der Wissenschaft mit der praktischen Politik.

Man tadelte es mit Recht an den Manchesterleuten, daß sie ihre subjektiven Ansichten über das Seinsollen als Wissenschaft ausgaben, um dann im selben Atemzug die Irrlehren der Gegner zum Dogma für die eigenen Jünger zu machen.

Die wissenschaftliche Sozialökonomie kann allgemeingültige Urteile über das Seinsollen im praktischen und politischen Leben nicht abgeben; eine ethische Sozialökonomik in diesem Sinne ist also abzulehnen.  Insofern bietet uns die Wissenschaft weniger als manche ihrer Vertreter heute versprechen. Sie kann und muß aber mehr geben als sie bisher gegeben hat, dadurch, daß sie die Ursachen der Erscheinungen nicht verdunkeln läßt durch den Schatten der Wirkung. Das ist ein Hauptvorwurf, den MAURICE LAIR in seinem Buch "L'impérialisme Allemand" (Paris 1902) dem neuen deutschen Geist allgemein macht. Das hindert ihn nicht, sarkastisch kurz vorher zu sagen:
    "Wenn GOETHEs  Faust  zur Überzeugung kam, daß wir nichts wissen können, so glaubt der neue Deutsche, daß er alles wissen kann."
Den Tadel dort, den Spott hier kann man auch in das alte Diktum zusammenfassen:  Multa, sed non multum!  [Viel, aber nicht vielerlei! - wp]

Wenn ich mich gegen eine ethische Sozialökonomik ausspreche, so bitte ich mich nicht mißzuverstehen.  Nichts liegt mir ferner, als die Ethik und die Moral aus der praktischen Volkswirtschaft und aus der Politik eliminieren zu wollen.  Auch daß die Ethik ein wesentlicher Bestandteil der Sozialökonomie als  Kunstlehre  sein muß, leugne ich nicht. Ich will nur, daß aus erkenntnistheoretischen und praktischen Gründen eine Ausscheidung vorgenommen wird "zwischen dem, was wir zwingend beweisen können und dem, was wir wollen, wünschen, hoffen, glauben" (36). Es ist nicht einmal notwendig, daß diese Ausscheidung räumlich zum Ausdruck kommt, so vielleicht, daß in dem einen Buch über das, was man beweisen kann berichtet wird, und im anderen, über das, was man nur will und wünscht. Nur möchte ich mit aller Schärfe betonen, daß der Sozialökonom stets die Grenze sehen muß, innerhalb welcher er im Namen seiner  Wissenschaft  urteilen kann und urteilen darf.

Man hat die Volkswirtschaftslehre eine praktische Wissenschaft genannt, behauptet daß sie Wissenschaft und lehrende Kunst  zugleich  sein muß. Das erstere gebe ich insofern zu, als die Wirtschaftslehre gerade dadurch, daß sie ihre  eigenen Zwecke als Wissenschaft  verfolgt, das heißt "den bloß intellektuellen Besitz der Wahrheit erstrebt" in ganz hervorragender Weise dem praktischen Leben nutzt, was noch näher zu belegen sein wird; die Richtigkeit der zweiten Behauptung leugne ich, wenn damit gesagt sein soll, daß eine theoretische Scheidung zwischen der Volkswirtschaftslehre als Wissenschaft und als lehrende Kunst unmöglich ist. Ich halte es mit PELLEGRINO ROSSI, der sagt:
    "... la science n'a pas de but exterieur. Des qu'on s'occupe de l'emploi, qu'on peut en faire, du parti, qu'on peut en tirer, on sort de la science et on tombe dans l'art. ... La Science n'est pas chargee de faire quelque chose. Il n'y aurait en ce monde que misere, ignorance et malheur, qu'il y aurait encore une science de l'economie politique ..."
HEINRICH PESCH, dessen Lehrbuch der Nationalökonomie ich dieses Zitat entnehme (37), polemisiert gegen die darin ausgesprochene Ansicht, indem er die Volkswirtschaftslehre mit der Jurisprudenz vergleicht. Letztere sei doch anerkanntermaßen eine Wissenschaft und doch sei ihr eigentlicher Endzweck ein praktischer, nämlich der, dem Richter für seine richterliche Praxis zu dienen. Daher könne man die Jurisprudenz als praktische Wissenschaft, als Wissenschaft und lehrende Kunst zugleich bezeichnen. Ein gleiches gilt von der Nationalökonomie, welche die freien Handlungen der Bürger und der Staatsgewalt in ihrer Richtung, Hinordnung auf das materielle Gemeinwohl zum Gegenstand hat. Ich glaube nicht, daß der Vergleich zwischen Volkswirtschaftslehre und Jurisprudenz irgendetwas beweisen kann. Schon deshalb nicht, weil die Jurisprudenz als  Wissenschaft  keineswegs in einem so hohen Ansehen steht, daß man andere Wissenschaften nach ihr messen kann. Daß CICERO einst die Jurisprudenz eine  scientia tenuis,  eine schwächliche Wissenschaft genannt hat, daß GOETHE von dieser Wissenschaft nicht viel höher dachte, das will noch wenig sagen, eher könnte man schon stutzig werden, wenn man hört, daß ein angesehener Jurist selbst, von KIRCHMANN, eine Abhandlung unter dem Titel geschrieben hat: "Die Wertlosigkeit der Jurisprudenz als Wissenschaft". Vielleicht findet man es auch charakteristisch, daß heute die Ansicht weit verbreitet ist, kein Jurist werde ohne zureichendes  nationalökonomisches  Verständnis eine privatrechtliche Norm in ihrem Zusammenhang richtig erfassen und anwenden können. Ich füge dem noch hinzu, daß beispielsweise der Nationalökonom GUSTAV COHN ausführt, daß die eigentliche wissenschaftliche Arbeit für die Juristen von den Nationalökonomen geleistet wird und ein anderer Fachkollege LIFSCHITZ stellt für die Juristen die Regel auf: "Sie treiben Metaphysik, ohne Metaphysik studiert zu haben, bilden sich dabei aber ein, sie trieben Rechtswissenschaft." Diese wenig respektierlichen Urteile möchte ich mir keineswegs so ohne weiteres zu eigen machen, aber sie zeigen doch, daß man die Jurisprudenz nicht als Muster einer  Wissenschaft  hinstellen darf. Dabei soll ganz davon abgesehen werden, ob denn nun wirklich der Endzweck der Jurisprudenz Erleichterung der richterlichen Praxis ist, wäre das der Fall, so würde sicher der größte Teil der rechtswissenschaftlichen Literatur diesem Endzweck nicht entsprechen.

Das materielle Gemeinwohl, so wie PESCH es auffaßt, soll gewiß Ziel der  Volkswirtschaft  sein, aber es kann darüber nicht vom Sozialökonomen allgemeingültig geurteilt werden; denn das Urteilen über Ideale, über Weltanschauungen gehört nicht zum Ressort der sozialökonomischen Wissenschaft. Das führt uns unmittelbar zu den Betrachtungen über die politischen Aufgaben der Volkswirtschaftslehre als Wissenschaft.
LITERATUR Adolf Weber, Die Aufgaben der Volkswirtschaftslehre als Wissenschaft, Tübingen 1909