ra-3A. QueteletW. LexisLe BonB. ErdmannM. DrobischA. F. Lüder    
 
ADOLPH WAGNER
Die Gesetzmäßigkeit in den scheinbar
willkürlichen menschlichen Handlungen vom
Standpunkt der Statistik


"Auf dem Gebiet unserer Untersuchungen über den Menschen gilt das  Gesetz der großen Zahl:  nur in einer  großen Anzahl von Fällen,  d. h. hier von Handlungen tritt die konstante Regelmäßigkeit, uns wahrnehmbar, hervor, im  Einzelnen beobachten wir  mancherlei Abweichungen und Ausnahmen von der Regel. Diese Abweichungen gleichen sich  aber auch für uns,  in unseren vervielfältigten Beobachtungen, im Großen und Ganzen aus, so daß uns ein Gesetz zum Vorschein kommt."

"Von einer gewissen Anzahl von Menschen begeht  einer  in einem gewissen Zeitraum regelmäßig ein Verbrechen. Diese gesetzmäßige Zahl der Verbrecher wiederholt sich auch in der Tat beständig, aber sie verteilt sich nicht gleichmäßig z. B. auf die Altersklassen der Bevölkerung, sondern im einen Alter kommen  regelmäßig  mehr, im anderen  regelmäßig  weniger Fälle als im Durchschnitt vor. Diese Schwankungen unterliegen wiederum dem allgemeinen Gesetz der unwesentlichen Ursachen und gleichen sich im Ganzen aus.  Quetelet  betrachtet auch den freien Willen als eine solche unwesentliche Ursache, die sich ebenfalls selbst neutralisiert und ohne fühlbare Wirkung bleibt, sobald die Beobachtung sich auf eine sehr große Anzahl von Fällen erstreckt."

"Die Methode der naturwissenschaftlichen Untersuchung des Menschen und seiner Handlungen wird vorzugsweise in der Art gehandhabt, daß man die beobachteten Fakta auf Zahlenwerte zurückführt, die absoluten Zahlen in relative verwandelt, und mit statistischen Gruppierungen und Tabellen, mit Durchschnitten, Prozentsätzen und Proportionen operiert, bzw. rechnet."

"Beim sogenannten Gesetz der großen Zahl - ein nicht glücklich gewählter Ausdruck - denkt man häufig, die in den großen Zahlen offen hervortretende Gesetzmäßigkeit  gelte  in den kleinen Zahlen  gar nicht.  Das ist aber durchaus unrichtig, die großen Zahlen bilden sich ja nur aus den kleinen; auch in den Individualitäten, welche den Inhalt dieser kleinen und schließlich der großen Zahlen ausmachen, wirkt offenbar der Impuls, welchen man im Großen aus der Gesetzmäßigkeit der großen Zahlen ableitet. Jede Einzelheit ist eine Fraktion des Ganzen und so beschaffen, daß in der Gesamtheit der Einzelheiten die gesetzmäßige Bewegung unmittelbar eintreten muß und erkannt werden kann."


Vorwort, zugleich als Einleitung

Der Inhalt einer Schrift muß sich durch sich selbst rechtfertigen. Die Form, in welcher sie erscheint, hat stets ein subjektives Gepräge. Deshalb sind hier auch wohl einige erklärende Worte über die Form am Platz, in welcher die vorliegende Schrift in die Öffentlichkeit tritt.

Es war zunächst ein zufälliger äußerer Anlaß, welcher mich gerade gegenwärtig zu einer eingehenden und andauernden Beschäftigung mit den Fragen, die in dieser Schrift behandelt worden sind, und mit der Selbstmord- und Verbrechensstatistik führte. Ich war nämlich im Herbst 1863 von der literarischen Gesellschaft "Athenäum" in Hamburg aufgefordert worden, mich an einem Zyklus öffentlicher, für ein größeres gemischtes Publikum bestimmter Vorlesungen wissenschaftlichen Inhalts mit einem Vortrag über ein Thema meines Fachs zu beteiligen. Indem ich darauf einging, entschied ich mich für das in dieser Schrift behandelte Thema, die Gesetzmäßigkeit der scheinbar willkürlichen Handlungen vom Standpunkt der Statistik, da mich dieses Thema wiederholt in meinen Studien beschäftigt hatte und mir genug allgemeines Interesse zu bieten schien, um ein gebildetes Publikum anzuziehen. Jener Vortrag wurde dann auch am 7. Dezember 1863 im großen Saal des Johanneums gehalten.

Die Vorbereitungen zu diesem Vortrag hatten mich aber tiefer in die statistische Seite des Themas hineingeführt. Es schien mir eine lohnende und interessante Aufgabe, diesem Gegenstand, zu welchem ich mich von Neuem wieder sehr hingezogen fühlte, ein umfassendes und zusammenhängendes Studium zu widmen und in der von QUETELET angegebenen, in Deutschland vornehmlich von ENGEL und WAPPÄUS weiter geführten Richtung der statistischen Analyse fortarbeitend, die Untersuchungen, welche mir durch jenen äußeren Anlaß wieder nahegetreten waren, soweit es dem Statistiker möglich ist, zu einem gewissen Abschluß mit bringen zu helfen. Die notwendigen literarischen Hilfsmittel zu einer solchen vergleichend statistischen Arbeit fand ich gerade in Hamburg in den reichen Schätzen der vortrefflichen Kommerzbibliothek in ungewöhnlicher Vollständigkeit vor. Durch die Güte der Herren Bibliothekare Dr. LEHMANN und Dr. MATSEN, denen ich hiermit gleichzeitig meinen verbindlichsten Dank ausspreche, wurde mir die Benutzung dieser Bibliothek in der liberalsten Weise gestattet, so daß ich die vortreffliche Gelegenheit umso lieber wahrnahm, jene statistischen Untersuchungen in einem größeren Umfang aufzunehmen. Da das Thema der Gesetzmäßigkeit der scheinbar willkürlichen menschlichen Handlungen zudem die tiefsten statistischen und nationalökonomischen Prinzipienfragen berührte, namentlich diejenigen in Bezug auf den Sinn und die Tragweite statistischer und volkswirtschaftlicher Gesetze, und da es mit ebenso schwierigen wie bedeutungsvollen Problemen der Gesellschaft und der Menschheit überhaupt zusammenhing, so schien mir dies ein weiterer Grund gerade für einen Nationalökonomen zu sein, jene statistischen Untersuchungen anzustellen. Ich hoffe, daß meine Arbeit auch für die angedeuteten Prinzipienfragen nicht ganz wertlos gefunden wird.

In Bezug auf die formelle Behandlung meines Gegenstandes fand ich indessen große, im Stoff selbst liegende Schwierigkeiten. Eine speziell statistische Untersuchung der willkürlichen Handlungen, insbesondere der Selbstmorde und Verbrechen, denen ich beim gegenwärtigen Zustand der statistischen Aufnahmen meine Aufmerksamkeit vorzugsweise widmen mußte, erfordert einen großen Zahlenapparat, namentlich in Tabellenform, wenn eine exakte Untersuchung nach naturwissenschaftlichen Prinzipien angestellt werden soll. Durch eine solche Untersuchung sich hindurch zu arbeiten, hat in der Regel nur ein kleines Fachpublikum Mut und Energie genug. Ich hegte jedoch zugleich den Wunsch, den Gegenstand von den allgemeinen Gesichtspunkten aus zu behandeln, welche in meinem öffentlichen Vortrag, freilich nur andeutungsweise, berührt worden waren. Denn wenn ich auch auf diese allgemeinen Gesichtspunkte mich unter keinen Umständen spezieller einlassen konnte und wollte, um nicht meine Kompetenz als Statistiker zu überschreiten, so wünschte ich sie doch wenigstens in den gegebenen Umrissen beizubehalten. Bildeten sie doch gerade den großen, bedeutsamen Hintergrund für die recht eigentlich anthropologischen Fragen, welche ich vom Standpunkt einer speziellen Wissenschaft aus ins Auge faßte.

Es schien mir wünschenswert, durch solche Hindeutungen über den Zusammenhang jener statistischen Untersuchungen mit den großen philosophischen Problemen der Menschheit, mit der Frage nach dem Wesen der Naturgesetze, nach der Allgemeinheit der Gesetzmäßigkeit in der Natur, mit der Streitfrage über Willensfreiheit und Notwendigkeit, die Aufmerksamkeit anderer Fachmänner, der Philosophen, Ethiker, Theologen wie der Naturforscher auf ein Untersuchungsfeld zu lenken, das trotz "QUETELETs und GUERRYs bahnbrechenden Arbeiten und trotz der tüchtigen Leistungen mancher ihrer Nachfolger unbestreitbar noch so wenig die  allgemeine  Beachtung der wissenschaftlichen Welt auf sich gezogen hat. Habe ich doch vergebens in zahlreichen deutschen und fremden, vielfach so trefflichen Werken über Psychologie, allgemeine Anthropologie, Ethik auch nur eine noch so geringfügige Notiznahme der statistischen Untersuchungen der QUETELET'schen Schule gefunden! Oder die Erwähnung beschränkte sich, wie in WAITZ' "Psychologie", auf einige wenige Bemerkungen über einen einzelnen Punkt. Wie man sich aber auch zu der Frage der Willensfreiheit stellt und wie wenig man auch durch die statistischen Untersuchungen in der QUETELET'schen Richtung die Willensfreiheit in Zweifel gestellt sehen mag, - darüber konnte doch, scheint mir, gar kein Zweifel möglich sein, daß jene Untersuchungen das Problem der Willensfreiheit und Notwendigkeit nahe genug berühren, um die bisher übliche beinahe vollständige Ignorierung jener Arbeiten und Beobachtungen seitens der Philosophie als ungerechtfertigt erscheinen zu lassen. Die Brüsseler Akademie hat dies offenbar gefühlt, indem sie im Jahre 1847 zwei ihrer Mitglieder mit der Begutachtung einer der wertvollsten Arbeiten QUETELETs, "Sur la statistique morale et les principes qui doivent en former la base", beauftragte. Und ein deutscher Philosoph, DROBISCH, hat dasselbe Zugeständnis gemacht, als er eine ausführliche Rezension von QUETELETs Arbeit und der beiden darüber erstatteten Gutachten im  Gersdorffschen Repertorium  veröffentliche, wenn er darin auch zu dem Ergebnis gelangt, daß die Auffindung der Gesetzmäßigkeiten in scheinbar so willkürliche Handlungen, wie Trauungen, Selbstmorde und Verbrechen, zu keinem Konflikt mit der Freiheitslehre führt.

Ich mußte mir daher die Frage vorlegen, wie sich die geringe Beachtung der so bedeutungsvollen Untersuchungen QUETELETs und seiner Schule seitens der Disziplinen, deren Gebiet durch jene Untersuchungen berührt wird, wohl erklären mag. Der Grund liegt, scheint mir, vorzüglich in der geringen Neigung, um nicht zu sagen in der positiven Abneigung, welche man auch unter wissenschaftlichen Männern, sogar unter vielen Naturforschern für eine mit vielen Zahlen und Tabellen versehene Darstellung findet. Ich kann nicht leugnen, daß ich eine stark ausgesprochene Vorliebe für die Ziffer in der Statistik habe, es ist mir deshalb schwer geworden, mich von der so weit verbreiteten  Antipathie - das ist vielleicht der richtigste Ausdruck, denn es handelt sich dabei wirklich vorzugsweise um eine  Gefühls sache - gegen die Zahlenstatistik zu überzeugen. Aber ich konnte mir schließlich nicht verhehlen, daß diese Antipathie besteht. Sie geht wohl ebenso sehr aus einem dunklen Gefühl der Aversion gegen die ziffernmäßige Behandlung vieler Menschen betreffenden Fragen, wie aus einem Mangel an Zahlensinn hervor. Jene Aversion findet man z. B. so häufig bei Frauen, bei Dichtern, unter wissenschaftlichen Männern meiner Erfahrung nach zumeist bei denjenigen, welche sich mit spekulativen Wissenschaften beschäftigen. Der Mangel an Zahlensinn aber scheint nach Allem viel häufiger, wie der Zahlensinn selbst zu sein. Daraus erklärt sich die weit verbreitete Ansicht von der "Trockenheit" der Statistik, welche ansich durchaus unbegründet ist. Wie wenig Sinn und Verständnis für die zahlenstatistische Behandlung z. B. selbst von naturwissenschaftlichen Fragen, welche nur durch die Statistik entschieden werden können, sogar unter "exakten" Naturforschern und Medizinern zu finden ist, darüber belehrt die öfters höchst mangelhafte Behandlung der statistischen Seite in den naturwissenschaftlichen und medizinischen Werken.

Ich hatte gerade bei meinen Arbeiten über Selbstmorde und Verbrechen wiederholt Gelegenheit, mich daon zu meinem Erstaunen zu überzeugen. Selbst in einfachen Fällen, in welchen es sich bloß um eine Konstatierung bestimmter Zahlenverhältnisse handelt, findet man häufig eine unbegreifliche Konfusion, so z. B. in dem gegenwärtig wieder unter Psychiatrikern, gerichtlichen Medizinern und Kriminalisten lebhaft geführten Streit über den sogenannten Brandstiftungstrieb. Hier hat u. a. KASPER gegen die Annahme dieses Triebes polemisiert, indem er anführt, daß nach der preußischen Statistik von 12 Jahren auf 100 000 Knaben und Mädchen nur 1 Brandstifter, dagegen 39 Diebe und Diebeshehler zur Untersuchung kamen. Offenbar wird durch diese Zahlen gar kein Gegenbeweis geliefert. Es ist durchaus falsch, die absoluten Zahlen zu vergleichen, man muß sich an die relativen halten. Brandstiftung ist ein so außerordentlich viel selteneres Verbrechen, wie Diebstahl, daß man der Frage vom Brandstiftungstrieb auf einem statistischen Weg nur beikommen kann, indem man beobachtet, ob dieses Verbrechen in einem jugendlichen Alter  relativ,  d. h. im Vergleich zu anderen Verbrechen in derselben Altersklasse und zu demselben Verbrechen in anderen Altersklassen vorwaltet. Da zeigt sich dann in der Tat, daß dies nach mehrjährigen Ergebnissen in Frankreich wie in Preussen in einem außerordentlichen Maß der Fall ist. Auch GUERRY hat dies in seiner schönen neuesten Arbeit für England und Frankreich nachgewiesen. Damit ist freilich die psychiatrische Frage vom Brandstiftungstrieb nicht entschieden, aber die Statistik hat das getan, was hier überhaupt ihres Amtes allein sein kann: sie hat die bei der Frage in Betracht kommenden Zahlenverhältnisse richtig konstatiert (vgl. den Aufsatz von MITTERMAIER über den sogenannten Brandstiftungstrieb in FRIEDREICHs "Blätter für gerichtliche Medizin", Jahrgang 1864, drittes Heft). So haltlose  statistische  Einwände, wie der von KASPER, werden aber auch jetzt noch von Naturforschern gemacht. Man wundert sich z. B. darüber, daß keine größere Zahl jugendlicher Brandstifter vorkommt, wenn die Zeit der Entwicklung der Geschlechtsreife wirklich von Einfluß ist. Als ob, um diesen Einfluß zu konstatieren, alle jungen Leute Brandstifter sein müßten! Die Vermutung spricht für jenen Einfluß, weil ein so seltenes Verbrechen im jugendlichen Alter  relativ  häufig vorkommt.

Dieses Beispiel, welches nebenbei auch zeigen kann, wie wichtig eine richtige Behandlung der statistischen Daten für die Beurteilung, wenn nicht die Lösung psychiatrischer und medizinisch-forensischer Fragen ist, mag angeführt werden, um den Nachweis zu liefern, daß in der Tat Sinn und Verständnis für statistische Untersuchungen selbst bei Naturforschern keineswegs allgemein ist. Was kann man dann für Ansprüche an Philosophen, Historiker, Theologen machen, deren Anschauungsweise von vornherein der statistischen Methode viel ferner steht!

Die geringe Beachtung der Moralstatistik seitens der verwandten Wissenschaften ist also doch vielleicht der Form der statistischen Schriften mit beizumessen. Freilich sollte man es kaum glauben, wenn man sich z. B. die schönen Arbeiten QUETELETs selbst vergegenwärtigt, deren auch formell meisterhafte Darstellung gewiß niemand zu übertreffen hoffen kann. QUETELET erhebt sich in der "trockenen" Statistik mitunter zum wahren Pathos. Ich möchte den sehen, welcher durch seine Schilderung der Entwicklung des verbrecherischen Hangs in den verschiedenen Lebensaltern nicht wahrhaft bewegt würde! Da kommt ein tragischer Effekt zutage, wie nur in den Dramen großer Dichter. QUETELET ist also auch in der formellen Behandlung mit gutem Beispiel vorangegangen. Es fällt auch hier schwer, ihm nahe zu kommen. Eher könnte der Statistiker wünschen, daß QUETELET noch spezieller in seinen Untersuchungen vorgegangen wäre:  zu viel,  unüberwältigbares Material, gibt er, scheint mir, auch dem Laien in der Statistik kaum jemals.

Dem sei jedoch, wie ihm wolle. Auf eine populäre, in der Mitteilung statistischer Daten sparsame Darstellung muß auch wohl ferner das Augenmerk gerichtet werden, wenn für die Beachtung der Moralstatistik unter den Vertretern verwandter Fächer Propaganda gemacht werden soll. Indem ich mich hiervon überzeugte, schien es mir am Passendsten, meiner Arbeit die Form zu geben, in welcher sie gegenwärtig in die Öffentlichkeit tritt.

Nun hätte ich allerdings einen Einwand zu widerlegen, welcher gerade vom Standpunkt der strengen Fachwissenschaft aus nicht selten gegen eine solche Behandlung einer Fachfrage, wie ich sie hier befolge, erhoben wird. Viele Fachmänner tadeln es überhaupt, auf ein nichtfachmännisches Publikum Rücksicht zu nehmen oder gar dafür zu schreiben. Zumal in Deutschland erscheint ein Autor, welcher sich einer solchen Handlung schuldig macht, nur gar zu leicht noch immer mit einer  levis notae macula [Anrüchigkeit - wp] behaftet. Wir haben ja überall das Zunftwesen und den Zunftgeist am Spätesten überwunden! Ich glaube indessen, daß gerade beim Thema dieser Schrift eine teilweise Rücksichtnahme auf Nicht-Fachgenossen nicht nur erlaubt, sondern sogar in einem streng wissenschaftlichen Interesse geboten war.

Die Moralstatistik berührt als solche, und nicht erst durch irgendeine Art der Behandlung, eine große Reihe von Fragen, welche andere Fächer als ihre Domäne anzusehen gewohnt sind. Das Problem der Freiheit und Notwendigkeit mag man noch so sehr umgehen, mag es niemals erwähnen, - es hängt mit moralstatistischen Untersuchungen untrennbar zusammen. Warum also über eine offenkundige Tatsache stillschweigend hinweggehen? Das ist Vogel-Strauß-Politik.

Bei der außerordentlich weit gediehenen wissenschaftlichen Arbeitsteilung ist es aber auch so notwendig, wie erwünscht, Fragen, in welchen das wissenschaftliche Interesse mehrerer Fächer zusammentrifft, Fragen, welche daher auch nur durch ein Zusammenwirken von Vertretern mehrerer Wissenschaften der Lösung näher gebracht werden können, so zu behandeln, daß die Autoren der anderen Disziplinen gewissermaßen Handhaben finden, an denen sie ihrerseits zur Hebung des wissenschaftlichen Schatzes, zur Auffindung der Wahrheit angreifen können. Die letzte Aufgabe kann auch nicht die Konstatierung der Gesetzmäßigkeiten in den scheinbar willkürlichen Handlungen, nicht einmal die Aufdeckung des Kausalnexus zwischen den Handlungen und den auf sie einwirkenden, in ihrer Gesamtheit sie bewirkenden Einflüssen sein, damit ist allenfalls die Aufgabe des Statistikers als solchem beschlossen. Vielmehr postuliert der Verstand eine tiefere Auffassung des Problems: es gilt die Gesetzmäßigkeit der Handlungen im Zusammenhang mit der Frage der Notwendigkeit und Freiheit zu prüfen. Da hört die Aufgabe des Statistikers auf, diejenige des Philosophen beginnt. Der Statistiker hat ein Interesse daran, daß seine Aufgabe von einem Philosophen fortgeführt wird, denn auch das letzte Ziele jeder Spezialwissenschaft ist nur die Beherrschung und Durchdringung der beobachteten Phänomene mit dem menschlichen Intellekt. Ich persönlich habe mir eine Vereinbarung der Gesetzmäßigkeiten mit der Lehre von der Willensfreiheit nicht völlig klar zu machen vermocht, während ich mich doch ebensowenig zur Anerkennung einer unbedingten Notwendigkeit verstehen konnte. Sicherlich geht es den Meisten so, wenn sie sich nicht selbst täuschen wollen. Die Tatsache des Gewissens läßt sich auf der anderen Seite ebensowenig mit der unbedingten Notwendigkeit vereinen. Im ganzen Verlauf meiner Arbeiten schien mir eine gediegene Behandlung des Problems mit Rücksicht auf die Gesetzmäßigkeiten der Handlungen seitens der wissenschaftlichen Philosophie immer notwendiger. Dazu eine Anregung mit zu geben, war mein Wunsch.

Die einseitige Art, in welcher die materialistische Philosophie neuerdings mehrfach die Untersuchungen QUETELETs benutzt hat, um daraus für die Akkreditierung ihrer Dogmen Kapital zu schlagen, beweist jedenfalls, daß die Bedeutung jener Untersuchungen für die großen philosophischen Streitfragen auf jener Seite erkannt worden ist. Es bleibt umso mehr zu wünschen, daß auch die Vertreter anderer philosophischer Richtungen die Entdeckungen der Gesetzmäßigkeiten in den sittlich freien Handlungen zum Anlaß und zum Ausgangspunkt einer neuen eigenartigen Beschäftigung mit dem Problem der Freiheit und Notwendigkeit machen. Diese philosophische Betrachtung der Gesetzmäßigkeiten ist nicht die Aufgabe des Statistikers, aber des letzteren Aufgabe scheint es mir allerdings in hohem Maß zu sein, das Material in einer solchen Weise schlußberechtigend zu gruppieren, daß der Philosoph und Ethiker seinerseits die übernommene Aufgabe weiterführen kann. Dies zumindest war mein leitender Gesichtspunkt bei der Behandlung und Verteilung des Stoffs in der vorliegenden Schrift.

Ich habe demgemäß die Schrift selbst in zwei Teile geteilt, einen allgemeinen und einen speziellen. Im ersten suchte ich in möglichster Kürze die allgemeinen Gesichtspunkte, den Zusammenhang der Frage nach der Gesetzmäßigkeit in der Natur und mit den philosophischen Problemen, welche sich daran knüpfen, nur skizzenweise anzudeuten und das statistische Material möglichst sparsam und mit einer Hervorhebung einzelner wichtiger, schon längere Zeit von Anderen genauer untersuchten Punkte vorzuführen. Um diesem Plan treu zu bleiben, behielt ich die knappe Form eines Vortrags bei. Der immerhin etwas spröde Stoff schien sich mir unter dieser Form am Besten behandeln zu lassen. Der öffentlich gehaltene Vortrag bildet den Hauptbestandteil des hier gedruckt vorliegenden. Nur im Schlußabschnitt und dem Abschniit über Kriminalstatistik habe ich bedeutende Einschaltungen und Änderungen vorgenommen, so daß der Texte allerdings jenen mündlichen Vortrag doch um beinahe das Doppelte an Umfang übertrifft. Literarische Ausweise und Ausführungen über einzelne Punkte fügte ich abgesondert hinzu. In den allgemeinen Teil schien mir alsdann aber auch noch die Erörterung einer Frage zu gehören, deren Beantwortung gewissermaßen an die Spitze dieser ganzen statistischen Untersuchungen zu stellen ist: es ist dies die Frage nach dem Sinn und Begriff der Ausdrücke  Gesetzmäßigkeit  und  Gesetz  in der Statistik. Diese Frage ist einerseits eine streng fachwissenschaftliche, andererseits berührt sie ebenfalls noch die allgemeinen Prinzipienfragen der beobachtenden Wissenschaften. Ihre Erörterung schien mir daher passend den Übergang vom allgemeinen Teil zum speziellen statistischen zu bilden. Eine aparte fachwissenschaftliche Behandlung erwies sich für diese Frage bei einem Mangel näherer Beschäftigung in der Literatur mit ihr ebenfalls ersprießlich. Der speziell statistische Teil konnte damit eingeleitet werden.

Dies ist der Inhalt des an Umfang allerdings bedeutend kürzeren Teils meiner Schrift. Der zweite spezielle Teil sollte nun das statistische Material durcharbeitet vorführen, gewissermaßen als statistischer Beleg in Form eines Anhangs für den ersten Teil. Ich hatte anfangs gedacht, diesen speziell statistischen Abschnitt bedeutend kürzer halten zu können. Der Charakter eines Anhangs sollte vorwalten, der einer selbständigen wissenschaftlichen Arbeit zurücktreten. Allein im Fortgang meiner Arbeiten überzeugte ich mich mehr und mehr von der Notwendigkeit einer eingehenden, selbständigen Untersuchung und der Gegenstand fesselte mich auch in immer höheren Maße, so daß ich mich schließlich von der wirklich äußerst großen Mühseligkeit der Berechnungen nicht mehr abschrecken ließ, um die Untersuchung, soweit es das gegenwärtig vorliegende Material erlaubt, zum Abschluß zu führen. Dieses Ziel ist in der vergleichenden Statistik der Selbstmorde, soweit ich es vermochte, erreicht worden.

Hierdurch wuchs aber auch der äußere Umfang der Schrift, trotz der Anwendung eines komprimierteren Drucks, bedeutend über den anfangs beabsichtigten Maximalumfang. Ich mochte meinem geehrten Verleger, Herrn GEISLER, welcher sich in sehr liberaler Weise mit dem vergrößerten Umfang der Schrift einverstanden erklärt hatte, nicht zumuten, zu einer abermaligen Ausdehnung derselben die Hand zu bieten. Aus diesem Grund habe ich den speziellen Teil einstweilen mit der Statistik der Selbstmorde abgeschlossen und den in der Schrift in Aussicht gestellten Abschnitt, die kriminalstatistische Parallele zwischen Frankreich und Preußen noch fortgelassen. Es ist mir dies nicht ganz leicht geworden, da ich die Tabellen, eine sehr große Arbeit gerade in diesem Fall, sämtlich berechnet hatte und dem innegehaltenen Gesichtspunkt gemäß im allgemeinen Teil nur einige Resultate aus den interessanten Untersuchungen mitgeteilt habe, namentlich diejenigen über den Einfluß des  Alters  auf die Beteiligung am Verbrechen. Aber ich erkannte andererseits doch gerade bei der Bearbeitung der Selbstmordstatistik, wie sehr jene kriminalstatistische Parallele zwischen jenen beiden großen Staaten an allgemeinem Interesse und wissenschaftlichem Wert gewinnen würde, wenn sie ebenfalls zu einer vergleichenden Kriminalstatistik Europas - wofür GUERRYs neue Schrift über die Moralstatistik Frankreichs und Englands eine so eminente Vorarbeit wäre - erweitert würde, während ich in einer etwaigen späteren solchen Arbeit doch die Darstellung der preußisch-französischen Kriminalität hätte wiederholen müssen. So entschloß ich mich, den allgemeinen Teil und vom speziellen die vergleichende Selbstmordstatistik für sich herauszugeben, wobei letztere Schrift ein formal abgeschlossenes Ganzes ist. Die vergleichende Kriminalstatistik würde eine zweite Hälfte des speziellen Teils des vorliegenden Werks bilden. Ihr Erscheinen hängt auch von äußeren Umständen ab. Der Privatstatistiker, welcher geistiger Dirigent und mechanischer Arbeiter seines "Büros" in einer Person ist, muß sich einer so zeitraubenden, mühseligen und langweiligen Rechnungsarbeit bei solchen statistischen Untersuchungen unterziehen, daß er nicht immer über die Zeit und die notwendige Portion Geduld dazu verfügt. Ich weiß deshalb noch nicht, ob ich mich  unmittelbar  der Bearbeitung der Kriminalstatistik werde zuwenden können. Solche privatstatistischen Arbeiten kämpfen aber auch noch mit anderen Schwierigkeiten, welche in einem kleinen Leserkreis liegen. Es wird zum Teil mit vom Erfolg der Selbstmordstatistik abhängen, ob und wann die vergleichende Kriminalstatistik nachkommen kann.

Noch will ich hier darauf aufmerksam machen, daß ich in einem speziellen Teil in Bezug auf einen Punkt bereits etwas weiter wie im allgemeinen gehen zu dürfen glaubte. Dieser Punkt ist der Einfluß der  Konfessionen  auf die Selbstmordfrequenz, welcher mir nach inzwischen gemachten weiteren Beobachtungen allerdings bereits fest zu stehen scheint, und zwar so, daß unter Protestanten regelmäßig  mehr  Selbstmorde wie unter Katholiken vorkommen. Die  bayerischen  Daten allein hatten mir zu einem ganz bestimmten Schluß noch nicht genügend geschienen.

Das große preisgekrönte Werk von GUERRY "Statistique morale de l'Angleterre comarée avec statistique morale de la France" (Paris 1864) ist mir leider erst während der Korrektur des letzten Druckbogens zugekommen. Es verdient die größte Beachtung, welche ihm hoffentlich auch trotz des hohen Preises (100 Francs), dem freilich die wundervolle typographische Ausstattung vollkommen entspricht, zuteil werden wird.

Da ich leider trotz mehrfacher Korrektur einige Druckfehler und Irrtümer zuerst übersehen habe, so bitte ich um die Beachtung des Druckfehlerverzeichnisses.

Und so sei dann diese Schrift in ihren beiden jetzt erscheinenden Abschnitten der wohlwollenden Beurteilung der Fachgenossen und der Beachtung der Vertreter jener Wissenschaften, deren Gebiet das Thema des Werks berührt, empfohlen.



I.

Ich wage es, heute Abend ein Thema vor Ihnen zu behandeln, welches gewiss Interesse genug bietet, weil es die höchsten Fragen der Menschheit berührt, aber gleichzeitig, ja gerade deshalb, an inneren und äußeren Schwierigkeiten reich ist. Im knappen Rahmen eines einzigen kurzen Vortrags habe ich Ihnen Fragen vorzuführen, welche die größten Denker aller Zeiten beschäftigt haben, und muß dabei an diese Probleme von meinem Standpunkt als Statistiker, das heißt von einem Gesichtspunkt aus herantreten, welcher von der früher üblichen Betrachtungsweise wesentlich abweicht. Mißverständnisse sind dabei nicht ganz leicht zu vermeiden und doch vermag ich dieselben kaum zu beseitigen, weil ich mich mit der Darlegung des Inhalts unserer tatsächlichen Beobachtungen, meinem einzigen Beweismittel, notwendig beschränken muß.  Gesetzmäßigkeit in den willkürlichen menschlichen Handlungen! - Schon eine solche Behauptung erregt vielfach Erstaunen und Befremden, wenn nicht gar ernsthaft Anstoß, denn sie steht mit gewohnten Anschauungen, überlieferten Meinungen, und wie Viele behaupten auch mit den Bedürfnissen und Anforderungen unseres Gemüts, wenn nicht gar mit den Lehren unseres Glaubens in Widerspruch. Ich bitte daher im Voraus um Ihre Nachsicht, wenn es mir nicht gelingen sollte, auch nur Ihre wichtigsten Bedenken zu widerlegen. Jedenfalls hoffe ich, wird das Interesse des Stoffs Ihnen allein schon einige Entschädigung für die Mängel meiner Behandlungsweise gewähren, und Ihren Gedanken über einige große Probleme unseres Daseins eine Richtung geben, welche von der gewöhnlichen mannigfach verschieden ist.

Mit der Anerkennung der Gesetzmäßigkeit in den scheinbar willkürlichen menschlichen Handlungen, und zwar gerade in denjenigen unter ihnen, bei welchen wir am meisten, wenn nicht ganz ausschließlich nach unserer ganz freien Selbstbestimmung zu handeln glauben, wird zwar nur ein Schritt weiter auf einer Bahn getan, auf welcher der menschliche Geist in Jahrhunderte langem allmählichen Fortschreiten stets und überall zu demselben schließlichen Ergebnis gelangt ist: zur Auffindung zweifelloser Gesetze, welche einzelne Gebiete der Erscheinungen beherrschen. Aber dieser Schritt ist doch von unendlich viel größerer Tragweite, wie irgendein früherer. Bisher war es stets nur das Gebiet der  Natur mit ihrer Fülle der einzelnen Erscheinungen, auf welchem wir uns, oft genug ebenfalls nur mit Widerstreben, der Anerkennung strenger Gesetzmäßigkeit in der Entwicklung und Gestaltung der Phänomene angesichts der Forschungen der Naturwissenschaften nicht mehr entschlagen konnten (1). Die scheinbar regellosesten und zufälligsten Erscheinungen und Tatsachen wurden hier mit stets steigendem Erfolg auf feste Gesetze zurückgeführt. Allein die strengste Wissenschaft hat bis vor Kurzem, hierin in völliger Übereinstimmung mit den gewöhnlichen Anschauungen und den Wünschen unseres Gemüts, dieses Gebiet der Natur durchaus geschieden von dem des  Menschen  und des  menschlichen Geistes,  für welches jetzt eine Gesetzmäßigkeit behauptet wird, welche ebenso sehr den Schein der Dinge und Vorgänge wie unsere überlieferte Meinung gegen sich hat und Vielen wenigstens, wenngleich ich glaube fälschlich, als unvereinbar mit den Glaubenssätzen unserer Religion und mit gewissen Thesen der spekulativen Ethik und Philosophie gilt.

Kein Wunder, daß dieses neue Vorschreiten der Wissenschaft, dieses Einreißen von Schranken, welche Jahrtausende hindurch die erleuchtetsten Geister und die radikalsten Denker zwischen Natur und Menschengeist, zwischen Naturwissenschaft und Wissenschaft vom Menschen festhalten zu müssen glaubten, daß mit einem Wort diese Ausdehnung von Grundsätzen einer mechanistischen Weltanschauung auf die menschlichen willensfreien Handlungen "hier mit Jubel, dort mit verzweifelndem Gemüt begrüßt wurde". (2) Kein Wunder, daß "der alte nie geschlichtete Zwist zwischen den Bedürfnissen des Gemüts und den Ergebnissen menschlicher Wissenschaft", um LOTZEs Ausdrucksweise zu gebrauchen, abermals heftig entbrannt ist. (3) Kein Wunder aber auch, daß die Vertreter der naturwissenschaftlichen Auffassung der menschlichen Handlungen noch vielfach als Eindringlinge auf ein ihnen gar nicht angehöriges Gebiet von Philosophen und Theologen, mehr noch aus Mißverständnis, wie aus Übelwollen betrachtet werden, ihrerseits aber selbst geneigt sind, aus den Resultaten ihrer Forschungen Konsequenzen zu ziehen, welche zumindest gesagt in vielen Fällen noch verfrüht und ebenso gut nur Glaubenssätze, wie die ihnen gegenüberstehenden religiösen Dogmen, sind. (4)

Ich beabsichtige hier nicht, auf die Kontroverse zwischen dem christlichen Dogma, dem Spiritualismus und einem rein dogmatisierenden Materialismus als solche einzugehen. Einer übereilten Schlußziehung, aber auch dem Mißverständnis und dem Anstoß gegen bisherige festgewurzelte Meinungen ist seit GALILEIs berühmtem "Und sie bewegt sich doch!" fast jedes wichtige neue Ergebnis der Wissenschaft ausgesetzt gewesen, ohne daß darunter die Überzeugung von der Wahrheit dieses Ergebnisses und die richtige Auffassung und Begrenzung dieser Wahrheit auf die Dauer gelitten hätten. Ich will Ihnen vielmehr klar zu machen versuchen, warum der Fortschritt der Naturwissenschaften notwendig von selbst am Ende dazu führen mußte, wenigstens einmal die Frage nach der Gesetzmäßigkeit der scheinbar willkürlichen menschlichen Handlungen aufzuwerfen.

Jedes neue Forschungsresultat der Naturwissenschaften hat, abgesehen vom speziellen sachlichen Inhalt der Kenntnisse, die es uns zuführte, auf den Geist des Menschen in zweifacher bedeutungsvoller Weise einwirken müssen. Es zeigte uns immer deutlicher die verhältnismäßig untergeordnete Stellung des Menschen im Weltorganismus und es ließ uns immer allgemeiner das Walten fester Gesetz im Weltall und seinen einzelnen Phänomenen erkennen. (5) Die Erde, welche des Menschen wegen, die Sonne, der Mond, die Sterne, welche nur  für uns  geschaffen zu sein schienen, um die Erde bewohnbar zu machen, Tag und Nacht, Zeiten und Jahre, wie die Bibel sagt, zu scheiden, - alle diese Weltkörper bildeten zwar nach den Entdeckungen der Naturwissenschaften auch ein zusammengehöriges System, aber unsere Erde war darin nicht der Mittelpunkt, sondern nur der kleinen untergeordneten Sterne einer. Die merkwürdigsten, regellosesten, seltensten Vorgänge am Himmelszelt, das Erscheinen von Kometen, Nordlichtern, Regenbogen, in welchem das Menschengeschlecht die Drohung und die Versöhnung der Gottheit, zwar mit der Empfindung seiner Schwäche, aber auch mit dem Gefühl seiner Wichtigkeit erkannt hatte, wenn sogar die Gestirne um seinetwillen bewegt würden, - alle diese angestaunten Vorgänge führten die Entdeckungen der Astronomie auf feste, unwandelbare Gesetze zurück, nach welchen sich ohne irgendeine Beziehung zum Menschen die Bewegung der Sterne vollzieht, Jahrhunderttausende vor der Entstehung, vielleicht ebenso lange nach dem Vergehen unseres Geschlechts (6). Jenen epochemachenden Entdeckungen der Astronomie gingen andere auf anderen Gebieten der Natur voraus, andere in noch größerer Zahl und Bedeutung folgten nach: alle ließen uns das Walten von Gesetzen erkennen, wo wir an das willkürliche Eingreifen überirdischer Mächte geglaubt oder uns mit einem Rätsel wie dem launenhaften Spiel des Zufalls zur Erklärung begnügt hatten. Unsere behauptete Selbständigkeit in der Natur fand immer begründetere Zweifel, die unverrückbaren Schranken zwischen Natur und Mensch, Naturgesetz und Menschengesetzt wankten. Täglich wuchs die Erfahrung, täglich vermehrten sich die Belege für die Allgemeinheit der Gesetzmäßigkeit in der Welt der Erscheinungen. Wir durften ungescheut das  Vorhandensein  von Gesetzen selsbt für solche Erscheinungen annehmen, deren einzelnes Gesetz wir noch nicht gefunden haben. Die Allgemeinheit der Gesetzmäßigkeit wurde das Axiom, das Postulat; ihm entsprang die Hypothese der Gesetzmäßigkeit im einzelnen Fall.

Wir kennen z. B. die Gesetze der Witterung, des Regens und Winds, noch erst sehr mangelhaft, allein trotzdem kann es keinem Zweifel mehr unterliegen, daß solche Gesetze von allgemeiner Gültigkeit auch diese Naturerscheinung beherrschen. (7) Das Gleiche gilt wohl von den Krankheiten des menschlichen und tierischen Organismus. Auch den medizinischen Wissenschaften möchte es eines Tages noch gelingen, die Gesetzmäßigkeit im Auftreten und Verlauf einzelner Krankheitsfälle wie ganze Völker verheerender Epidemien genauer wie jetzt zu durchschauen. Wenn aber sogar diejenigen Naturerscheinungen, welche augenscheinlich Wohl und Wehe des Menschen am Meisten mit bestimmen, in ihrer vollständigen Gesetzmäßigkeit erkannt sein werden, wenn man nicht mehr in jedem einzelnen Witterungswechsel (8), in jedem Krankheitsfall und jeder Errettung von einer Krankheit ein zufälliges, unberechenbares Ereignis sehen wird, sondern einen festen, gesetzmäßigen Verlauf eines Prozesses, so muß sich daraus mit logischer Notwendigkeit eine andere Anschauung über die Stellung des Menschen im Weltorganismus entwickeln. Und nahe liegt der Gedanke, daß der Mensch keine so weit gehende Ausnahmestellung gegenüber dem Gesetz der Gesetzmäßigkeit hat, wie wir gewohnt sind anzunehmen.

Sind doch schon jetzt die Wirkungen der sich täglich mehrenden Kenntnis der Gesetzmäßigkeiten in der Natur auf den menschlichen Geist unverkennbar gewaltig. Der Bereich unserer üppig wuchernden Phantasie wurde beschränkt, das des Verstandes und der wissenschaftlichen Betrachtung immer ausgedehnter. Der Aberglaube verschwindet, der religiöse Glaube entwickelt sich reiner und ideeller. Der Mensch lernt in der allgemeinen Gesetzmäßigkeit des Weltbaues, welche ihn anfangs störte, weil er seiner Phantasie dadurch Zügel angelegt sah, gerade die schöne und wunderbare Harmonie dieser Welt erkennen.

Ich kann diese Gedankenreihen hier nicht weiter im Einzelnen verfolgen. In höchst verschiedener Weise zwar und doch wieder vielfach ähnlich haben erst vor Kurzem zwei auserlesene philosophische Geister, der Deutsche LOTZE und der Engländer BUCKLE (9) diesen Einfluß der wachsenden Naturerkenntnis auf die Entwicklung des menschlichen Geistes, auf Poesie und Phantasie, Wissenschaft und Verstand, Religion und Glauben in meisterhafter Art gezeichnet. BUCKLE geht radikaler zu Werke, er zieht kühn, zumindest für jeden denkenden Leser, durch die Gruppierung seiner Tatsachen Schlüsse, welche er, zumal im orthodoxen England, selbst noch nicht ungescheut auszusprechen wagt, obwohl sie ihm die letzten Konsequenzen seiner mechanistischen Welt- und Naturanschauung zu sein scheinen. LOTZE sucht zu vermitteln und hält an dem Satz fest, "wie ausnahmslos universell die Ausdehnung, zugleich aber wie völlig untergeordnet die Bedeutung der Sendung ist, welche der Mechanismus im Bau der Welt zu erfüllen hat." (10) Beide aber stimmen gerade im ersten, für uns hier wichtigen Teil dieses Satzes überein. BUCKLE namentlich knüpft in seinem epochemachenden, leider durch seinen frühen Tod in Kleinasien unvollendet gebliebenen Werk über die Geschichte der Zivilisation in England unmittelbar an die Untersuchungen der Statistiker über die Gesetzmäßigkeit in den scheinbar willkürlichen menschlichen Handlungen an und macht sich die Resultate zu eigen (11). Er sucht die Allgemeinheit der Gesetzmäßigkeit auch auf dem Gebiet der Entwicklung des menschlichen Geistes zur Anerkennung zu bringen. Mag er auch vielfach im Einzelnen geirrt haben, die Tendenz seines Werkes bleibt ebenso großartig, wie gerechtfertigt.

In der Tat, es wäre zu verwundern gewesen, wenn die Entwicklung der beobachtenden Naturwissenschaften und die großen Ergebnisse der letzteren schließlich nicht zur aprioristischen Vermutung der Gesetzmäßigkeiten auch auf dem Gebiet der geistig-sittlichen Sphäre des Menschen hingeführt hätten. Gesetzmäßigkeit überall, nur der Mensch ihr nicht unterworfen? Das ließ sich annehmen, bevor die relativ untergeordnete Stellung des Menschen im Bau der Welt erkannt war, aber seitdem nicht mehr. Es galt indessen, nicht nur über die geistig-sittliche Sphäre des Menschen zu spekulieren und nach dem Schluß der Analogie das Bestehen von Gesetzen auch in ihr anzuerkennen, sondern diese Sphäre in den Bereich der wissenschaftlichen  Beobachtung  zu ziehen, auf sie die erprobten naturwissenschaftlichen Methoden anzuwenden, um der Erfahrung hier ihr Recht zu sichern. Einzelne Schritte in dieser Richtung geschahen schon früher, aber mit Konsequenz und Erfolg erst seit wenigen Jahrzehnten, als man bei den Untersuchungen über den Menschen die  Statistik  als brauchbarstes Hilfsmittel kennen gelernt hatte.

Es ist dann auch hier, wie wiederholt in der Entwicklung der Wissenschaften und der Geistestätigkeit überhaupt gegangen: einem hervorragenden Geist war es vorbehalten, den noch unklaren Ansichten zuerst einen festen Ausdruck, dem mehr noch gefühlten, als klar verstandenen und doch in der Richtung der Zeit liegenden Problem eine präzise Formulierung zu geben und damit auf lange hinaus der wissenschaftlichen Forschung ihre Bahnen vorzuzeichnen. Dieser eminente Mann war ADOLPHE QUÉTELET, belgischer Astronom und Mathematiker, Direktor der Brüsseler Sternwarte, der erste lebende Statistiker Europas. (12) Er warf zuerst in seinem berühmten Werk über den Menschen und die Entwicklung seiner Fähigkeiten, ein Werk, das er selbst als Versuch einer Physik der Gesellschaft bezeichnet, offen die Frage auf: "Sind die menschlichen Handlungen Gesetzen unterworfen?" und stellte die Erörterung dieser Frage an die Spitze seiner Untersuchungen (13). Aufgrund der letzteren glaubte er die Frage bejahen zu dürfen. In allen seinen zahlreichen späteren Arbeiten hat er durch vermehrte und noch sorgfältigere Beobachtung die Gesetzmäßigkeit der menschlichen Handlungen statistisch noch weiter zu erhärten gesucht. Andere Forscher vervollständigten das Material, zogen noch mehr Länder zum Vergleich hinzu und führten QUETELETs Untersuchungen fort. DÜFAU (14) in Frankreich, ENGEL (15) in Deutschland, WAPPÄUS (16)u. a. haben sich die größten Verdienste in dieser Hinsicht erworben. Die  Gesetzmäßigkeit der menschlichen Handlungen  kann heute keinem Zweifel mehr unterliegen, sie ist nicht durch bloße Spekulation, sondern auf dem Weg exakter Beobachtung festgestellt worden. (17) Aber die bahnbrechende Arbeit, die scharfe Bestimmung der Untersuchungsmethode, die erste Entwicklung nicht nur, sondern auch die bisher noch unübertroffene, echt philosophische Auseinandersetzung und Begründung der leitenden Idee in den Untersuchungen über den Menschen und seine Handlungen verdanken wir QUETELET.


II.

QUETELET hat einen Vergleich oder ein Bild gebraucht, um die Idee einer Gesetzmäßigkeit der menschlichen Handlungen näher zu führen, das mir immer ganz besonders glücklich gewählt schien, dieser Idee auch in Kreisen, welchen die statistischen Zusammenstellungen weniger verständlich und beweiskräftig sind, Eingang zu verschaffen (18). Denken wir uns eine sehr große Kreislinie auf einer weiten ebenen Fläche etwa mit Kreide grob aufgezeichnet. Wer ein kleines Stück dieser Kreislinie ganz aus der Nähe, etwa gar mit Vergrößerungsgläsern, betrachtet, dem werden die einzelnen Kreideteilchen ein regelloses Durcheinander, ein wildes Chaos zu bilden scheinen, das sich nach keinem Gesetz ordnet. Je mehr der Beschauer sich aber entfernt, umso mehr verliert er die einzelnen Teilchen aus dem Auge, er sieht die mehr oder weniger zusammenhängende  Masse  und erkennt in der Konfiguration der letzteren immer deutlicher eine gesetzmäßige Gestaltung, bis ihm in noch weiterer Entfernung die feste, gesetzmäßige Gruppierung der Kreideteilchen zur Kreislinie, also das  bestimmte Gesetz  der beobachteten Erscheinung unverkennbar entgegentritt. Dächten wir uns statt dieser Kreideteilchen "kleine belebte Wesen, welche innerhalb einer sehr engen Sphäre frei handeln können, " so werden uns aus einer weiteren Entfernung auch die  willkürlichen  Bewegungen dieser kleinen Wesen unbemerkbar werden und die Gesamtheit dieser letzteren die Kreislinie darstellen. Darin haben wir ein Bild des menschlichen Tuns und Treibens: die Sphäre der freien Bewegung und Selbstbestimmung beschränkt auf den engen Spielraum, welchen das Gesetz uns läßt.

Dieses Bild hat nicht nur das Verdienst der Verdeutlichung einer mit unseren gewohnten Anschauungen in Widerspruch stehenden Auffassung der Gesamtheit der menschlichen Handlungen. Es weist gleichzeitig auch sehr schön auf die hier allein zum Ziel führende Untersuchungsmethode hin. Wir müssen vom  einzelnen  Menschen abstrahieren und die  große Zahl  der Menschen ins Auge fassen. Da neutralisieren sich gegenseitig die individuellen Einflüsse; wir nehmen  konstante Regelmäßigkeiten  in der Bewegung und Richtung des menschlichen Tätigkeitsvermögens wahr, Regelmäßigkeiten in den Handlungen, welche wir nur als Wirkung auf gleichbleibende Triebe, Kräfte, Verhältnisse als Ursache zurückführen können. Dieser für unseren Verstand logisch notwendige Schluß ist es, welcher uns zur Anerkennung der  Gesetzmäßigkeit  unserer Handlungen zwingt. Wir können das Axiom nicht verwerfen, daß die Wirkungen den Ursachen proportional sein müssen und umgekehrt (19). Aus einer unbeschränkten Selbstbestimmung, einer nicht bestimmt werdenden, sondern frei bestimmenden Willensfreiheit, - diese letztere als bewegende Ursache unserer Handlungen gedacht, - können wir nur ein ganz regelloses Spiel, nicht aber eine fest geregelte Ordnung unserer Handlungen ableiten. (20)

Auf dem Gebiet unserer Untersuchungen über den Menschen gilt also das  Gesetz der großen Zahl  (21): nur in einer  großen Anzahl von Fällen,  d. h. hier von Handlungen tritt die konstante Regelmäßigkeit,  uns wahrnehmbar,  hervor, im  Einzelnen beobachten wir  mancherlei Abweichungen und Ausnahmen von der Regel. (22) Diese Abweichungen gleichen sich  aber auch für uns,  in unseren vervielfältigten Beobachtungen, im Großen und Ganzen aus, so daß uns ein Gesetz uns zum Vorschein kommt. Die Abweichungen unterliegen nämlich einer Reihe untergeordneter Ursachen,  zufälliger  oder  akzidenteller [unwesentlicher - wp], wie sie seit QUETELET im Gegensatz zu den konstanten, das Gesetz bedingenden Ursachen genannt werden. Diese akzidentellen stören die Wirkung der beständigen Ursachen, wirken aber gegenseitig so zusammen, daß sie sich in ihrem Einfluß im Ganzen ausgleichen, und sich so das ursprüngliche Verhältnis von wahrer Ursache und Wirkung hergestellt findet. (23) Ja, das Eigentümliche und Harmonische der Wirksamkeit dieser akzidentellen Ursachen besteht gerade darin, daß in den Abweichungen vom Hauptgesetz, welche sie verursachen, wiederum eine Regelmäßigkeit hervortritt, durch welche hindurch also gewissermaßen erst das Hauptgesetz zur Verwirklichung gelangt. Man hat daher hier von einem  Gesetz der akzidentellen Ursachen  gesprochen, das die Abweichungen von der Regel beherrscht. (24)

Unsere Untersuchungen über den Menschen führen uns mittels der Beobachtung zahlreicher Individuen notwendig zur Aufstellung eines  mittleren  oder  Durchschnittsmenschen,  welcher in körperlicher, geistiger, sittlicher Hinsicht der  Typus  z. B. der beobachteten Nation ist. (25) Wir finden nun etwa, um zunächst ein physisches Moment hervorzuheben, die Körpergröße dieses Typus aus der Generation eines Jahres so und so groß, die Beobachtungen des nächsten Jahres, etwa bei der Rekrutierung, liefern dieselbe Durchschnittsgröße und so weiter eine Reihe von Jahren hindurch. Alsdann werden wir hier nicht die Gesetzmäßigkeit in der Körpergröße verkennen können und annehmen müssen, daß ganz allgemein wirkende, gleichmäßige, beständige Ursachen in Tätigkeit sind und dieses Resultat hervorrufen. Da haben wir das Hauptgesetz der Erscheinung. Allein nur eine Anzahl, vielleicht nur wenige, selbst gar kein Individuum hat genau jene Größe, die Meisten weichen mehr oder weniger ab, indessen wiederum nicht regellos, sondern nach einer festen gleichmäßigen Regel. So und so viele Prozente der beobachteten Fälle geben diese, andere jene Größe, aber wiederum bleibt der Prozentsatz fast konstant von Jahr zu Jahr derselbe. Hier müssen dann akzidentelle Ursachen im Spiel sein, welche diese Abweichungen vom Typus bestimmen, sich aber insgesamt neutralisieren und das feste ursprüngliche Verhältnis von Ursache und Wirkung hervortreten lassen. Ganz ähnlich verhält sich die Sache bei den scheinbar willkürlichen Handlungen des Menschen. Wir leiten z. B. aus einer größeren Zahl längere Zeit hindurch in einem Land beobachteter Fälle gemeiner Verbrechen den  durchschnittlichen Hang zum Verbrechen  bei der Bevölkerung ab, d. h. wir sagen, von einer gewissen Anzahl von Menschen begeht  einer  in einem gewissen Zeitraum regelmäßig ein Verbrechen. Diese gesetzmäßige Zahl der Verbrecher wiederholt sich auch in der Tat beständig, aber sie verteilt sich nicht gleichmäßig z. B. auf die Altersklassen der Bevölkerung, sondern im einen Alter kommen  regelmäßig  mehr, im anderen  regelmäßig  weniger Fälle als im Durchschnitt vor. Diese Schwankungen unterliegen wiederum dem allgemeinen Gesetz der akzidentellen Ursachen und gleichen sich im Ganzen aus. QUETELET betrachtet auch den freien Willen als eine solche akzidentelle Ursache, die sich aber ebenfalls selbst neutralisiert und ohne fühlbare Wirkung bleibt, sobald die Beobachtung sich auf eine sehr große Anzahl von Fällen erstreckt. (26)

Die Methode der naturwissenschaftlichen Untersuchung des Menschen und seiner Handlungen wird dann vorzugsweise in der Art gehandhabt, daß man die beobachteten Fakta auf Zahlenwerte zurückführt, die absoluten Zahlen in relative verwandelt, und mit statistischen Gruppierungen und Tabellen, mit Durchschnitten, Prozentsätzen und Proportionen operiert, bzw. rechnet. (27) Als Mittel zur Darstellung der gefundenen Gesetzmäßigkeiten eignet sich mitunter die Einzeichnung von Linien und Kurven in ein Koordinatensystem recht gut, besonders um die Haupttendenz der Bewegung und Entwicklung, die Maxima und Minima z. B. der Todesfälle, Geburten, Selbstmorde, Verbrechen nach Monaten darzustellen (28). Auch Farbenabstufung und wechselnde Schattierung kann man in ähnlicher Weise benutzen, wenn es auf völlige Genauigkeit ankommt. (29)

Nachdem die Methoden der Untersuchung festgestellt sind, bleibt die wichtigste Aufgabe, viele und zuverlässige Daten über die Verhältnisse der menschlichen Gesellschaft zu gewinnen. Diese Daten kann uns meistens nur die  amtliche  Statistik liefern. Der oft gerügte Mangel des Stoffs unserer Untersuchungen, daß wir uns in der Regel mit der Feststellung der  Quantitäten  begnügen müssen, die Qualität eines Faktums, z. B. einer Handlung aber nicht näher bestimmen können, als es eben in der formellen Bezeichnung mit einem Namen schon geschieht, läßt sich ansich nicht bestreiten. Diese Quantitäten allein sind genau zu schätzen und in Zahlen auszudrücken, z. B. die Geburten, die Körpergröße, die Verbrechen im Ganzen und in ihren einzelnen Arten, nach den Kategorien unserer Strafgesetzbücher, wirtschaftlich gute Handlungen wie die Sparkasseneinlagen, sittlich und religiös gute Handlungen, wie das Almosengeben nach der Zahl der Geber und der Größe der Almosen, der Kirchen. und Abendmahlbesuch usw. Doch wird die Mengenbestimmung, indem wir die Mengen in Relation zueinander bringen, von selbst zu einer Qualitätsbestimmung der einen verglichenen Menge, z. B. wenn wir die gegebene Bevölkerung oder Altersklasse mit der gegebenen Anzahl aller oder bestimmter Verbrechen vergleichen. Das Material für diesen Zweck der Qualitätsbestimmung schlußberechtigend zu gruppieren, ist die Aufgabe. Eine Statistik der Motive bei den Handlungen würde uns von großem Interesse sein, z. B. bei Selbstmorden, Verbrechen, sie entzieht sich jedoch der Aufnahme aus äußeren und mehr noch aus inneren, im Wesen der Sache liegenden Gründen stets großenteils. Dennoch hat man auch hier mit der Sammlung von brauchbarem Material keinen unglücklichen Anfang gemacht. (30)

Unser eigentliches Beobachtungsobjekt, der gesellschaftliche Mensch, bietet uns namentlich drei Hauptseiten seines Wesens, die physische, intellektuelle und sittliche, um welche sich ebenso viele selbständige Gruppen von Erscheinungen sondern. Diese Unterscheidung hat für unseren vorliegenden Zweck jedoch nicht die ihr sonst zukommende allgemeine Bedeutung. Wichtiger für uns ist die Gegenüberstellung all derjenigen Erscheinungen beim Menschen, über welche unser freier Wille unter allen Umständen gar nicht entscheidet, wie die reinen Naturprozesse in unserem Leben, und jener anderen Erscheinungen, welche wir wenigstens als dem freien Willen unterworfen zu betrachten gewohnt sind oder bei welchen nach anderer Ansicht der freie Wille die Rolle einer akzidentellen Ursache spielt. Ich will von den Erscheinungen der ersten Art nur beispielsweise eine einzelne herausheben, um an ihr das Wesen der Gesetzmäßigkeit kurz zu charakterisieren, so daß wir zwischen diesen und den Gesetzmäßigkeiten in den sittlich-freien Handlungen später eine Analogie ziehen können.

Eine solche Erscheinung ist der Eintritt des  Todes das Gesetz dafür nennen wir das  Sterblichkeitsgesetz,  welches sich in einer bestimmten Absterbeordnung kundgibt (31). Ein solches besteht ohne Zweifel, es ist für einige Länder in seinen Hauptpunkten schon zu einer Zeit nachgewiesen, als die Statistik noch sehr wenig ausgebildet war. (32) Heute kennen wir das Sterblichkeitsgesetz für wichtige Länder schon genauer, wenn uns auch eine größere Vollständigkeit und längere Ausdehnung der Beobachtungen in den Stand setzen würden, es noch spezieller zu ermitteln. Das rätselhafte Ende unseres Daseins erfolgt danach, trotz seiner scheinbaren Willkürlichkeit und Zufälligkeit im Einzelnen, im Großen nach festen Gesetzen.

Die Sterblichkeit wechselt von Jahr zu Jahr ein wenig unter dem nachweislichen Einfluß der allgemeinen Lage der Bevölkerung. Abgesehen von großen Katastrophen, wie Kriegen und Epidemien und eigentlichen Hungersnöten, wirkt namentlich der Preis der wichtigsten Lebensmittel, die mehr oder weniger vollständige Beschäftigung der Masse des Volkes, daher Mißernten, Handels- und Produktionskrisen, politisch trübe Lage und das Gegenteil dieser Umstände auf eine vermehrte oder verminderte Sterblichkeit hin, und zwar in einer Weise, daß der genaue Zusammenhang sich oft in den Zahlen, z. B. der Sterblichkeit und des Kornpreises nachweisen läßt. Wir sehen dann aber bald wieder das Streben nach einem Ausgleich, einem ungewöhnlich mörderischen Jahr folgt bald eines mit ungewöhnlich wenig Todesfällen, namentlich sterben im frühen Kindesalter bis zum 5. Jahr und im hohen Greisenalter weniger Menschen. Begreiflich genug, denn das schlimme Jahr raffte gerade die schwächlichen Personen dieser Altersklassen in ungewöhnlich stärkerer Zahl früher hinweg, als es sonst vielleicht der Fall gewesen wäre. Der Tod hielt seine Ernte bei diesen ein Jahr früher wie sonst, die Übriggebliebenen sind kräftiger (33). Im Durchschnitt einer längeren Reihe von Jahren gleichen sich diese Schwankungen aus, das Mittel mehrerer Jahrzehnte ist sich fast gleich. Mitunter nimmt es ein Weniges ab, indem die allgemeine Verbesserung der Lage der Masse des Volkes das Leben etwas verlängert. Aber jedenfalls finden wir hier immer Regelmäßigkeiten, welche in Erstaunen setzen, wenn wir an die scheinbare Regellosigkeit von Todesfällen denken, die uns etwa aus eigener Beobachtung bekannt sind. Innerhalb der einzelnen Erscheinungen, welche wir analysieren, finden wir ebenfalls oft noch eigentümlich gleichmäßige Gestaltungen unter dem Einfluß gleichförmiger Ursachen. Wenn wir z. B. in einem Jahr eine ziemlich viel stärkere oder schwächere Sterblichkeit wie in einem vorangehenden oder folgenden beobachten, so wird sich zwar häufig das Plus oder Minus verhältnismäßig stärker auf eine oder wenige Altersklassen verteilen, aber doch werden auch die anderen mehr oder weniger beteiligt sein. Ich prüfte kürzlich die jüngst veröffentlichten preußischen Todeslisten der letzten Jahre (34). Im Jahre 1859 war die Summe aller Todesfälle (mit Ausschluß der Totgeborenen) um mehr als 32 000 größer als 1860, 432 360 gegen 429 698. An dieser Verminderung partizipierten in wechselnden Prozentsätzen  alle  Altersklassen ohne Ausnahme bis zu der der über 60jährigen, diese schon ausgeschlossen. Dies war aber nicht nur im ganzen Staat unter dem Einfluß der verbesserten Sterblichkeit einer oder weniger Provinzen so, sondern fast ausnahmslos in den genannten Altersklassen jeder der acht preußischen Provinzen und in den Hohenzollerschen Landen. Bei 162 Abteilungen, in welche die Todesfälle bei der Verteilung nach Provinzen, Alter und Geschlecht gebracht wurden, war nur in 19 die Sterblichkeit im Jahre 1860 um ein meist ganz Geringeres höher als 1859. Es war mir aufgefallen, daß dagegen nach dem Schlußergebnis für den ganzen Staat die Sterblichkeit der Personen über 60 Jahre im günstigen Jahr 1860 ausnahmslos größer war als im schlimmen Jahr 1859. Auch hier fand ich dieses Verhältnis aber fast gleichmäßig so in jeder Provinz: von 72 Abteilungen zeigten nur 12 eine Ausnahme von der Regel. Wir sehen also im großen preußischen Staat, welcher Provinzen von so ganz verschiedenem Klima und wechselnder Kultur umschließt, vom Bodensee und von der Mosel bis nach Memel, von der schweizer und französischen bis zur russischen und polnischen Grenze dasselbe Gesetz in Wirksamkeit: der schwache Säugling, welcher 1859 vielleicht der jammernden Mutter entrissen dem Tod zum Opfer gefallen wäre, bleibt 1860 erhalten, der greise Vater, der Ernährer der Familie, wird vom Todesengel gerade in diesem Jahr ereilt, und mit einer Gleichmäßigkeit und Konstanz durch alle Gebiete des Staates hindurch, welche die Abhängigkeit der geringeren oder größeren Sterblichkeit von ganz gleichförmigen Einflüssen über das ganze Territorium von Mitteleuropa beweist.

Wir sehen daher bereits bei dieser für uns rätselhaftesten Erscheinung des Todes in frappanter Weise gesetzmäßige Gestaltungen hervortreten. Aber immerhin haben wir es doch hier mit reinen Naturprozessen zu tun, welche der Einwirkung des menschlichen Willens fast ganz entzogen sind. Umso bemerkenswerter ist es sicherlich, daß die dem Einfluß des freien Willens und der Selbstbestimmung des Menschen unterworfenen Erscheinungen nicht nur ebenfalls eine analoge, sondern sogar eine noch  größere  Regelmäßigkeit aufweisen, als die rein physischen Phänomene, welche bloß von materiellen Ursachen abhängen. Es ist gerade dieser Satz, welchen QUETELET in seinen späteren Arbeiten zur Evidenz zu bringen und zu erklären suchte. (35) Forschungen in anderen Ländern und von anderen Statistikern unternommen haben ihn vollkommen bestätigt. So stellt sich z. B. heraus, daß die Zahl der in einem Land jährlich begangenen schwereren Verbrechen, wie diejenigen, welche der Aburteilung der Schwurgerichte unterliegen, eine außerordentlich gleichbleibende ist. In Frankreich war die Zahl der solcher Verbrechen Angeklagten in den Jahren 1826-44 etwa so groß, wie die der männlichen Todesfälle in Paris, aber die letzteren Zahlen schwankten stärker, als die ersteren (36). In Belgien fand 1825-45 eine größere Regelmäßigkeit in der Zahl der scheinbar so ganz unserer Selbstbestimmung unterliegenden Verheiratungen, wie in der der Todesfälle statt. (37) Ich erwähnte bereits die Statistik der Todesfälle in Preußen. In den drei aufeinander folgenden Jahren 1859-61 starben (ohne die Totgeborenen) in Preußen einmal 462 360, dann 429 968 und schließlich 467 612 Menschen. Diese Zahlen stehen zueinander im Verhältnis wie 100:93:101, oder mit anderen Worten: im Jahre 1860 starben 7% weniger, im Jahr 1861 aber 1,1% mehr Menschen als 1859. In denselben drei Jahren schwankte die Zahl der Selbstmorde in Preußen bedeutend geringer, sie 2146, 2137 und 2185 oder wie 100 zu 99,6 zu 101,8, bewegte sich also nur um Differenzen von 0,4 und 1,8 auf und ab. (38)

Nachdem ich sie durch den Hinweis auf die Analogie der Verhältnisse mit dem Gedanken einer Gesetzmäßigkeit der willkürlichen menschlichen Handlungen vertraut gemacht habe, will ich nunmehr den Beweis für diese Gesetzmäßigkeit durch die genauere Analyse einiger wichtiger Erscheinungsgruppen positiv zu führen suchen.

Die Gruppen von Erscheinungen, welche ich zu diesem Zweck ausgewählt habe, sind die  Heiraten,  die  Selbstmorde  und die  Verbrechen.  Nicht, daß dies die einzigen wären, woran der Beweis jetzt bereits geliefert werden könnte. Es gibt noch viele andere Erscheinungsgruppen, wie die Verkehrsverhältnisse, die Handelsbewegung, den Post- und Briefverkehr, selbst die Zahl der fehlerhaft oder gar nicht adressierten Briefe, die geistigen Leistungen, die Fortschritte und die Prüfungsresultate in den Schulen und dgl. mehr, worin wir eine konstante Regelmäßigkeit beobachten. Aber jene drei Gruppen sind ohne Zweifel die interessantesten gerade für unseren Zweck, weil sie am meisten Licht auf die Frage in Bezug auf die willkürlichen oder der sittlich-freien Handlungen werfen; sie sind außerdem diejenigen, welche bisher am Genauesten beobachtet und analysiert worden sind. (39)

Bei unseren Untersuchungen können wir uns nicht an die Beobachtung einer  beliebigen  Menge Individuen, aber auch nicht an die der ganzen Menschheit halten; im letzten Fall würde uns die Statistik im Stich lassen: wir hätten keine genügenden Beobachtungen. Im ersten Fall würden die Schlüsse trügerisch. Zum Beispiel eine Statistik der Selbstmorde in den berüchtigten deutschen Badeorten, wie Homburg, Baden-Baden, Wiesbaden, hat zwar ein großes Interesse, weil sie Licht auf das Spielhöllenunwesen wirft, und Regelmäßigkeiten werden wir auch hier zum Vorschein kommen sehen. Aber wir dürfen daraus keinen Schluß auf die Häufigkeit der Selbstmorde in den genannten Städten oder etwa in der Landgrafschaft Hessen-Homburg ziehen, denn wir haben es hier mit einer ganz zufällig zusammengekommenen Menschenmenge zu tun. Ebensowenig würde etwa eine Heiratsstatistik von Gretna Green für unsere Zwecke brauchbar sein, höchstens, daß sie ihrer Zeit den Beweis der Konstanz geliefert hätte, mit welcher ein unverständiger Ungehorsam der Kinder oder die törichte Hartnäckigkeit der Väter auftritt. Wir müssen uns vielmehr an zusammengehörige Menschengruppen halten, welche, wie die Bevölkerung einer Stadt, einer Provinz, eines Staates, wie eine ganze Nation ein  organisch zusammengehörendes Ganzes  bilden, das durch zahllose Fäden materieller, geistiger und gemütlicher Beziehungen unter sich verknüpft ist, und so aus homogenen Bestandteilen besteht. Für solche Gruppen haben wir einmal allein die nötigen Beobachtungsmittel, sodann können wir hier die Regelmäßigkeit der Handlungen auch allein mit guten Gründen, ohne eine Gefahr des Irrtums auf die bedingenden, gleichbleibenden Ursachen, die Gesamtheit der sozialen, wirtschaftlichen, intellektuellen, sittlichen, religiösen Verhältnisse zurückführen.

Ein großes, in  einem  Staat vereinigtes Volk, wie das französische, englische, mit seinen natürlichen Unterabteilungen, bietet uns daher das beste Beobachtungsfeld (40). Leider ist die deutsche staatliche Zersplitterung, diese Mutter so vieler Übel, auch hier einer Gemeinsamkeit der Behandlung der deutschen Gesellschaft im Weg. Wir müssen uns meistens mit den Beobachtungen in einzelnen Staaten begnügen. Diese Staaten, selbst die größten, sind aber nur Teile des Ganzen, und sogar mehr oder weniger willkürlich herausgerissene Teile, nicht reine "Stammesstaaten". Gleichwohl bildet doch die längere staatliche Zusammengehörigkeit allmählich aus disparaten homogenere Elemente, unter dem Einfluß derselben Gesetzgebung, Wirtschafts- und Handelspolitik, Religionspolitik, Besteuerung usw. Man denke nur an Preußen und Bayern. (41) So erhalten wir doch mit der Zeit ein brauchbares Material für unsere Forschungen auch in Deutschland. Ich werde im Folgenden die Belege für meine Sätze vorzüglich aus Preußen und Bayern, Frankreich und Belgien nehmen. Ein Blick in andere Länder wird gelegentlich unsere Schlüsse bekräftigen. (42)
LITERATUR Adolph Wagner, Die Gesetzmäßigkeit in den scheinbar willkürlichen menschlichen Handlungen vom Standpunkt der Statistik, Hamburg 1864
    Anmerkungen
    1) Vgl. insbesondere HERMANN LOTZE, Mikrokosmus, Ideen zur Naturgeschichte und Geschichte der Menschheit, 2 Bde. (Leipzig 1856 und 1858); u. a. Vorrede zu B 1 und das 1. Buch, besonders dessen 1. Kapitel.
    2) LOTZE, a. a. O., Bd. 1, Seite 27
    3) LOTZE, a. a. O., Bd. 1, Vorrede, Seite V
    4) Vgl. mit den hier und im Folgenden entwickelten Gedanken besonders BUCKLE, Geschichte der Zivilisation in England (übersetzt von ARNOLD RUGE), Leipzig und Heidelberg 1860), u. a. namentlich Buch I, Kap. 1 und Kap. 3, Seite 322f, Kap. 2. Ist DROYSENs wegwerfendes Urteil über BUCKLEs Werk in seinem Aufsatz "Die Erhebung der Geschichte zum Rang einer Wissenschaft" im 9. Band der  Sybelschen historischen Zeitschrift  das letzte Wort der deutschen Geschichtsphilosophie über dieses bedeutende Buch?
    5) LOTZE, a. a. O., Bd. I, Seite XIf und 24.
    6) BUCKLE, a. a. O., Bd. I, Seite 322f.
    7) BUCKLE, a. a. O., Seite 326 und die dort angeführten metereologischen Schriften.
    8) BUCKLE, a. a. O., Seite 326, 327. Die Annahme eines willkürlichen Eingreifens Gottes in die Witterungsvorgänge und die auf diese Annahme gestützte Anrufung Gottes im Gebet wird von BUCKLE, Bd. I, Seite 326 mit zu krassen Ausdrücken zurückgewiesen. Gleichwohl aber ist nicht zu leugnen, daß jene Annahme mit der Anerkennung eines streng naturgesetztlichen Verlaufs der Vorgänge in Widerspruch steht und in letzter Konsequenz zu einer Anschauung führt, welche auch von einem positiv christlichen Gesichtspunkt aus anzufechten ist. Die bei streng orthodoxen Protestanten mehrfach hervorgetretene Abneigung gegen das Versicherungswesen ist ein Ausfluß jener Annahme. Wie behauptet wird, soll z. B. die bekannte Hermansburger Missionsgemeinde des Pastor HARMS  grundsätzlich  ihr Schiff nicht versichern. Folgerichtig führt diese Ansicht zur Verwerfung jeder menschlichen Hilfe und Vorkehrung gegen natürliche, von Gott verfügte Übel, z. B. zur Abweisung des Arztes, und damit zum reinsten Fatalismus anderer Art. Die Extreme berühren sich
    9) vgl. besonders BUCKLEs schöne Auseinandersetzung darüber, daß und warum die außereuropäischen Kulturzustände vornehmlich durch die Phantasie, die europäischen durch den Verstand bestimmt werden (Bd. I, Kap. 2, Seite 35f und 111f)
    10) LOTZE, a. a. O., Bd. I, Seite XV; Bd. II, Seite 447
    11) BUCKLE, Bd. I, Seite 7f
    12) Von QUETELETs zahlreichen Arbeiten kommt hier vor allem folgende in Betracht: "Sur l'homme et le dévelopment des ses facultés, ou essai de physique sociale", 2 Bde., Paris 1835. Davon existiert eine mit Zusätzen bereicherte deutsche Übersetzung von RIECKE (Stuttgart 1838). Allerdings sind schon vor QUETELET und gleichzeitig mit ihm andere Gelehrte mit einer vielfach ähnlichen Behandlung der Statistik beschäftigt gewesen, wie z. B. die von QUETELET öfters selbst angeführten VILLERMÉ, der kürzlich im hohen Alter verstorbene hochverdiente Arzt, GUERRY, CASPER und andere mehr. Allein niemand hat vor QUETELET diese Studien so systematisch betrieben, so planmäßig die geistig-sittliche Sphäre des Menschen mit in die Untersuchungen hineingezogen, so bestimmt und präzise das Problem formuliert, so scharf die Methoden und leitenden Gesichtspunkte festgestellt. Deshalb muß QUETELET doch als der Gründer der Gesellschaftsphysik angesehen werden. Er steht in dieser Beziehung doch nicht bloß weit höher, als A. MOREAU de JONNÉS, welcher die "Moralstatistik" noch desauvouieren [in Abrede stellen - wp] möchte, sondern sogar wie der den letzteren bedeutend überragende DUFAU (siehe Anmerkung 14), welche beiden Statistiker man mit QUETELET vorzugsweise als die Träger der Auffassung der Statistik als "Zahlenwissenschaft" oder als Vertreter der "mathematischen Schule" in der Statistik anzuerkennen pflegt. MOREAU de JONNÉS und DUFAU hatten nur in einem Handbuch der Statistik unmittelbaren Anlaß, sich über den Begriff und das Wesen der Statistik unmittelbareren Anlaß, sich über den Begriff und das Wesen der Statistik auszusprechen. Der Ursprung der neuen "Ideen" und Methoden läßt sich doch im Ganzen, wie im Einzelnen, meistens auf QUETELET zurückführen. Die vortreffliche Entwicklung über die "mathematische Schule" von JONAK (Theorie der Statistik in Grundzügen, Wien 1856) Seite 50f und die skizzenhafte, sehr zerrissene, aber sachlich im Wesentlichen richtige Darstellung von KNIES (Die Statistik als selbständige Wissenschaft, Kassel 1850) lassen  dieses  Verhältnis QUETELETs zu den übrigen Statistikern derselben Richtung, scheint mir, nicht genügend hervortreten. - - - Natürlich haben QUETELETs Arbeiten über Moralstatistik nebst den daraus gezogenen Folgerungen auch vielfach Gegner gefunden. Vom wichtigsten Punkt, dem Zusammenhang der "Gesetzmäßigkeit" mit dem Problem der menschlichen Willensfreiheit und der Frage der Freiheit und Notwendigkeit ist am Schluß meines Vortrags in der Kürze die Rede. - - - Ganz unbegreiflich und jedenfalls ganz unbegründet ist aber gewiß ein von keinem Geringeren als ROBERT von MOHL in seiner berühmten "Geschichte der Staatswissenschaften" gegen QUETELET erhobener Vorwurf. MOHL sagt hier in der Abhandlung über die Schriften über den Begriff der Statistik, QUETELET sei zwar nicht an einem einseitigen Mißbrauch Schuld, welcher von seinen Lehrern in der Statistik gemacht worden sei (von DUFAU, MOREAU de JONNES, KNIES), vindiziert also QUETELET doch die richtige Stellung in der Entwicklung der Statistik; allein es könnten QUETELET, "auch nur insofern von Statistik die Rede ist", zweierlei Einwendungen nicht erspart werden. Die zweite ist nach MOHL, "daß  Quetelet  bei der Entdeckung der Regelmäßigkeit und ihrer Gründe nicht darauf aufmerksam machte, wie die Regelmäßigkeit nur so lange dieselbe ist, wie sich auch die Ursachen gleichbleiben, und wie also in verschiedenen Ländern und zu verschiedenen Zeiten in demselben Land auch andere Ergebnisse und gesetzmäßige Verläufe sich herausstellen können. So hat  Quetelet  dann, ohne seinen Willen, aber nicht ganz ohne seine Schuld, zu einer neuen Verirrung der Statistik den Anstoß gegeben." Ich will die Frage über diese Verirrung ganz dahin gestellt sein lassen, sie hängt mit der Begriffsbestimmung der Statistik zu eng zusammen. Daß darüber trotz all der zahlreichen neueren Arbeiten von DUFAU, FALLATI, KNIES, JONAK, ROBERT von MOHL noch immer keine befriedigende Lösung erzielt worden ist, beweist der Umstand der immer wieder neuen Beschäftigung mit der Feststellung des Begriffs der Statistik am Besten. Soeben ist erst wieder eine Arbeit darüber von RÜMELIN erschienen (Zur Theorie der Statistik, Tübinger Zeitschrift für die gesamte Staatswissenschaft, Bd. 19, 1863, Seite 653-696) in welcher den 62 bisherigen Erklärungen über den Begriff der Statistik eine 63ste hinzugefügt wird! Aber daß MOHL QUETELET darin Unrecht tut, dieser übersehe, wann und wie lange die Regelmäßigkeit bleibt, läßt sich beinahe auf jeder Seite, jedenfalls mit jedem Kapitel von QUETELETs Werken widerlegen. Ich erinnere hier nur an seine kriminalstatistischen Untersuchungen und die Bemerkungen, in welchen er deren Ergebnisse zusammenfaßt und beleuchtet schon sein seinem Werk über den Menschen. Schon im Axiom, das QUETELET in allen seinen Untersuchungen leitet, "die Wirkungen müssen den Ursachen proportional sein", liegt ganz deutlich die Anschauung enthalten, deren Mangel MOHL bei QUETELET rügt.
    13) QUETELET, a. a. O., Seite 4f
    14) DUFAU, "Traité de statistique au théorie de l'étude des lois d'aprés lesquelles se développent des faits sociaux, suivi d'un essai des statist. phys. et mor. de la popul. franc." (Paris 1840) Dieses Werk enthält eine Auseinandersetzung der allgemeinen Grundsätze der Statistik von unübertroffener Klarheit und verteidigt besser als irgendein anderes vor und nach ihm, das von MOREAU de JONNÉS nicht ausgeschlossen, die Beschränkung der Statistik auf die in Zahlen ausdrückbaren Fakta der sozialen Ordnung. Das Resümé der leitenden Grundsätze, Seite 144-152 enthält auch die beste Anleitung zur Untersuchung der menschlichen Handlungen aus der geistig-sittlichen Sphäre. - Auszug daraus bei JONAK, a. a. O., Seite 53. - Im zweiten Abschnitt, in der Statistik der französischen Gesellschaft wird eine vortreffliche Anwendung der festgestellten Methode  beispielsweise  gemacht, daher auch die Beschränkung in der Mitteilung des tatsächlichen Stoffes. Auch der Versuch einer Statistik religiös und sittlich  guter  Handlungen (religiöse und Wohltätigkeitstendenz, Seite 309 und 319).
    15) Vgl. ENGELs zahlreiche und vortreffliche Arbeiten früher in der sächsischen jetzt in der preußischen statistischen Zeitschrift, welche nach ihrer Methode und ihrem Inhalt großenteils hierhergehören, unmittelbar oder mittelbar. Ferner besonders in Bezug auf Methode und Analyse gewisser sozialer Fakta ENGELs Abhandlung "Die Bewegung der Bevölkerung im Königreich Sachsen in den Jahren 1834-50, ein Beitrag zur Physiologie der Bevölkerung". (Dresden 1852)
    16) vgl. WAPPÄUS' oben Anmerkung 13 angeführtes zweibändiges Werk über die Bevölkerungsstatistik, das sich ebenso sehr durch staunenswerten Fleiß und umfassende Gelehrsamkeit, wie durch Scharfsinn, geistvolle Kombination und ein höchst besonnenes Urteil auszeichnet. Besonders dankenswert ist die genaue Quellenangabe, welche das Nachschlagen ermöglicht und zur raschen Auffindung der spezielleren amtlichen Daten hilft; leider entschlagen sich so viele Werke von Privatstatistikern dieser genauen Angabe der Quellen und entziehen sich damit oft der Kontrolle, welche mitunter schon zur Eliminierung von Druckfehlern so wünschenswert ist.
    17) Über Sinn und Bedeutung des Ausdrucks "Gesetzmäßigkeit" und "Gesetze" in der Statistik und mit Rücksicht auf unsere freiwilligen Handlungen verbreitet sich der größere Aufsatz am Schluß dieser Schrift im Zusammenhang.
    18) QUETELET, a. a. O., Seite 5
    19) QUETELET, Du systéme social et des lois qui le régissent, Paris 1848 (Deutsch von K. ADLER, Hamburg 1856) Seite 75
    20) BUCKLE, a. a. O., Bd. I, Seite 10 - vgl. KNIES, a. a. O., Seite 156.
    21) Vortrefflich präzisiert das Gesetz der großen Zahl LITTROW in einem Aufsatz über Wahrscheinlichkeitsrechnung im physikalischen Wörterbuch von GEHLER, Leipzig 1842, Bd. 10, worauf KNIES, a. a. O., Seite 158 aufmerksam macht.
    22) Beim sogenannten Gesetz der großen Zahl - ein nicht glücklich gewählter Ausdruck - denkt man häufig, die in den großen Zahlen offen hervortretende Gesetzmäßigkeit  gelte  in den kleinen Zahlen  gar nicht.  Das ist aber durchaus unrichtig, die großen Zahlen bilden sich ja nur aus den kleinen; auch in den Individualitäten, welche den Inhalt dieser kleinen und schließlich der großen Zahlen ausmachen, wirkt offenbar der Impuls, welchen man im Großen aus der Gesetzmäßigkeit der großen Zahlen ableitet. Jede Einzelheit ist eine Fraktion des Ganzen und so beschaffen, daß in der Gesamtheit der Einzelheiten die gesetzmäßige Bewegung unmittelbar eintreten muß und erkannt werden kann. Wenn dies im Einzelnen und in den kleinen Zahlen nicht geschieht, so erklärt es sich daraus, daß hier der in jedem Einzelnen waltende Impuls, dessen Ausdruck das aus den großen Zahlen abgeleitete Gesetz ist, paralysiert oder latent gemacht wird durch störende akzidentelle Ursachen.
    23) DUFAU, a. a. O., Seite 144 und 145.
    24) QUETELET an den zuletzt in voriger Note angeführten Stellen, Seite 16.
    25) QUETELET, ebd. Seite 18 und 93
    26) QUETELET, ebd. Seite 65f und 69: der freie Wille ist nicht zu leugnen. Gegen die Auffassung des Menschen als eine Maschine und gegen die Einschließung des Lebens in eine unbeugsame mathematische Formel, Seite 73. Ähnlich DUFAU, Seite 28f gegen den Materialismus der Physiologen. LITTROW in der Anmerkung 22 angeführten Stelle; KNIES, Statistik, Seite 156f. - THEODOR WAITZ, Lehrbuch der Psychologie als Naturwissenschaft, Braunschweig 1849, Seite 458, meint, es sei ein bedenkliches Zugeständnis von Seiten der Anhänger der Wahlfreiheit, sich Sätzen von QUETELET, wie den obigen, anzuschließen.
    27) Wie man die statistischen Daten zum Zweck der Ableitung von Gesetzen zu behandeln hat, das ist meines Wissens von Niemand so vorzüglich entwickelt worden, wie von DUFAU, besonders Seite 145f. Diese Abschnitte enthalten die beste Anleitung, welche man dem Nationalökonomen und Sozialphysiker für die Benutzung der Statistik geben kann. - Richtige Methode und Vorsicht bei der Handhabung der Methoden lassen sich auch für unsere Zwecke aus FECHNERs "Elemente der Psychophysik", Leipzig 1860, Bd. 1, Psychophysische Maßlehre mit gewinnen.
    28) Die Kurvenzeichnung ist neuerdings gern und oft angewandt worden und gewiß auch sehr zweckmäßig. Vgl. z. B. die Tafel der Mortalitätskurven bei WAPPÄUS, Bd. 1, Seite 228 und die Kurven der Geburtsverteilung nach Monaten, Seite 238, mit dem höchst interessanten Hinweis auf Chile, woduch das Gesetz der Konzeptionen bestätigt wird. - Ich habe die graphische Darstellung einmal benutzt, um die Gesetzmäßigkeit einer volkswirtschaftlichen Erscheinung  ad oculus [vor Augen führen - wp] zu demonstrieren, bei welcher es gleichfalls galt, den Faktor der freien Willkür, als nicht von Einfluß, deutlich zu eliminieren. Vgl. meine "Beiträge zur Lehre von den Banken" (Leipzig 1857), Seite 303 und die dazu gehörige Tafel mit den Kurven der Bewegung des schottischen Banknotenumlaufs. Dies war einer der Fälle, wo sich rein induktiv das Gesetz ableiten ließ, welches allerdings auch auf dem Weg der spekulativen Deduktion gefunden werden konnte und gefunden worden ist. Gerade hier war aber der induktive Beweis besonders wichtig. Es ist mir daher aufgefallen, daß in den ziemlich zahlreichen Besprechungen und Erwähnungen jener Schrift gerade dieser induktive Beweis ignoriert und auf die Deduktion mehr Gewicht gelegt wurde, während bei einem großen Teil der deutschen Nationalökonomen die Herabsetzung des deduktiven Verfahrens heute so in der Mode ist.
    29) Gegen die graphische Darstellung polemisiert u. a. DUFAU, a. a. O., Seite 141, geht dabei aber etwas zu weit. Gut ausgeführte Kurven lassen in Bezug auf die notwendige Exaktheit nichts zu wünschen übrig. Auch mathematisch rechtfertigt sich ja die geometrische Darstellung algebraischer Funktionen. Die Kurvenzeichnungen in den Anhängen zu QUETELETs Werk  de l'homme etc.  und in anderen Schriften verdeutlichen sehr hübsch. Die Möglichkeit  genauer  Kurvenzeichnungen, welche allen Anforderungen an Exaktheit entsprechen, zeigt sich, glaube ich, durch die Tabelle in meiner angeführten Schrift, bei einem keineswegs besonders großen Maßstab, erwiesen. Farbenabstufungen, Schraffierungen und Schattierungen lassen allerdings im Punkt der Genauigkeit mehr zu wünschen übrig, sind jedoch zum Zweck der Instruktion doch vorzüglich geeignet, wenn sie z. B. so gut ausgeführt sind, wie in den bekannten kleinen neueren Kartenwerken von BLOCK, FICKER, BUSCHEN über die Bevölkerung von Frankreich, Spanien und Portugal, Österreich, Russland und über die Machtstellung der europäischen Staaten. Ältere Schattenkarten, z. B. die bei QUETELET  de l'homme  Bd. II, Seite 184 und 189 über die Verbreitung des Unterrichts und des Hangs zum Verbrechen in Frankreich, sind allerdings oft sehr schlecht, die von QUETELET fast unbrauchbar. Das ist aber nur ein Mangel der technischen Ausführung.
    30) In den physischen Beziehungen des Menschen lassen sich gewisse qualitative Verhältnisse statistisch leicht aufnehmen, soweit sie wiederum auf quantitative zurückgeführt werden können. Zum Beispiel eine Statistik der Geburten kann gleichzeitig mit der Bestimmung des Gewichts, der Größe der geborenen Kinder verbunden werden, wie dies in den Entbindungsanstalten schon zu geschehen pflegt. - Die Statistik der geistigen Leistungen muß sich bis jetzt fast ganz auf die Feststellungen des Mengenverhältnisses beschränken, z. B. der  Zahl  der erschienenen Bücher, weil ein gemeingültiges Maß zur Bestimmung der Qualität mangelt. Indessen ließe sich in den Schulen mittels der Klassifikation und Zensur der Arbeiten immerhin ein Anfang zu einer qualitativen Würdigung der geistigen Leistungen im Großen machen, woraus die Statistik Material schöpfen könnte; vgl. dazu unten Anmerkung 39. QUETELETs statistische Behandlung der geistigen Leistungen und sein Versuch, das Gesetz der dramatischen Produktion nach Lebensaltern aufzufinden, sind vortreffliche Anfänge (siehe  de l'homme,  Bd. II, Seite 97-120;  System sociale,  a. a. O., Seite 114-134, besonders Seite 119 über das Verfahren in der Brüsseler Militärschule. - Die qualitative Würdigung der sittlichen Handlungen wird immer am Schwierigsten bleiben, nicht nur weil die Menschen ihre Motive nicht angeben, sondern mehr noch, weil sie sich deren selten genau bewußt sind. Diese Handlungen sind ja eben von vielen gleichzeitigen Einflüssen körperlicher und geistier Art abhängig, unserer Auffassung nach deren Resultante, daher selbst nur ein  vorwaltendes  Motiv sich nicht immer konstatieren läßt. Am ehesten noch, aber gewiß auch mit vielen Irrtümern, ist bei den Verbrechen gegen das Eigentum die Unterscheidung von Verbrechen aus Bosheit und aus Eigennutz begangen statthaft, wo nur leider "Bosheit" und "Eigennutz" selbst wieder nichts weniger als einfache, sondern sehr komplexe Größen und ihrerseits Funktionen zahlreicher Variabeln sind. Die Statistik der wirklichen oder mutmaßlichen Motive bei den gemeinen schweren Verbrechen gegen Personen, besonders beim psychologisch interessantesten, dem Mord, kann teilweise wohl aus den Gerichtsverhandlungen zusammengestellt werden. Aber der Natur der Sache nach bleibt dieses Verfahren immer ein rohes, denn wer vermöchte ein ganz deutliches Bild von den sich kreuzenden Motiven in der Seele des Verbrechers zu entwerfen, wenn es sicherlich der letztere selbst in den seltensten Fällen imstande ist? Da versagt der größte Scharfsinn des geübtesten Kriminalisten und Psychologen den Dienst. Immerhin sind jene rohen Anfänge der Statistik der Motive, wie wir sie z. B. in Frankreich finden, besser als gar nichts. Und daß wir selbst in diesen Notizen wieder unverkennbare Regelmäßigkeiten beobachten, spricht dafür, daß die Irrtümer nicht zu groß sind und die Fehler sich eliminieren. - Das Gleiche gilt von der Statistik der Motive beim Selbstmord, wobei ohne Zweifel häufig Irrtümer unterlaufen und so oft absichtlich in die über den Tatbestand aufgenommenen Urkunden eingestellt werden. Wer die merkwürdige Regelmäßigkeit auch dieser statistischen Angaben, wer dieses schöne, gleichmäßige "Gefüge der Zahlen" näher beobachtet hat, wird gleichwohl allen teilweise berechtigten Einwänden gegenüber jenen Zahlen doch mit Recht einigen Wert beilegen. Andererseits wäre die Regelmäßigkeit kein geringeres psychologisches Wunder.
    31) WAPPÄUS, Bd. 1, Kap. IV, Seite 148f; Kap. V in Bd. 2, Seite 1f. ENGELs Aufsatz über die Sterblichkeit und die Lebenserwartung im preußischen Staat in der Zeitschrift des königlich-preußischen statistischen Büros, 1861 und 1862 (wiederholte Fortsetzungen).
    32) Vgl. ROBERT von MOHL, a. a. O. über die Literatur der Bevölkerungslehre, Seite 454. Männer wie HALLEY, SÜSSMILCH, EULER, DEPARCIEUX, KERSEBOOM, PRICE u. a. m. haben sich um die Auffindung der Bevölkerungs- und Sterblichkeitsgesetze schon im 17. und 18. Jahrhundert verdient gemacht.
    33) ENGEL hat auf dieses Moment in seiner Note 31 genannten Abhandlung neuerdings besonders aufmerksam gemacht. Seine umfassenden Untersuchungen über die preußischen Sterblichkeitsverhältnisse hatten ihn zu dem Resultat geführt, daß in Preußen das mittlere Alter, welches die Gestorbenen erreichten, seit 1816 im Ganzen ein wenig abgenommen habe. Dieser mit der gewöhnlichen Annahme in Widerspruch stehende Abschluß führte ihn zu einer speziellen Untersuchung der einzelnen Jahre, aus welcher sich ergab, daß gerade in notorisch sehr ungünstigen Jahren das Durchschnittsalter der Gestorbenen  höher  wie in anderen Jahren war. Mit Recht konnte er deshalb die Ansicht als unrichtig bezeichnen, das Durchschnittsalter der Gestorbenen als mittleres Lebensalter der Bevölkerung anzunehmen. Es liegt mir im Augenblick der Teil von ENGELs Aufsatz nicht vor, worin sich diese Auseinandersetzung befindet, doch glaube ich, letztere hier richtig wiedergegeben zu haben.
    34) "Jahrbuch für die amtliche Statistik des preußischen Staats, 1. Jahrgang (Berlin 1863), Seite 95f, 96f = Zeitschrift des preußischen statistischen Büros, 1863, Nr. 2 und 3, Seite 44f. - Ich kann hier keine ausführlichen statistischen Zusammenstellung machen, da es nicht der Zweck dieser Abhandlung ist, von den Gesetzen der Sterblichkeit zu sprechen.
    35) QUETELET,  Systeme social,  Teil X, Seite 90f und 97. Vgl. hier auch die weiteren Bemerkungen über den freien Willen. - Auch derjenige, welcher die Gesetzmäßigkeit der Handlungen bestreitet, wird zugeben müssen, daß diese  größere  Regelmäßigkeit in dem vom freien Willen mit bestimmten Tatsachen außerordentlich bemerkenswert ist.
    36) QUETELET, in der Abhandlung in den belgischen akademischen Schriften, Teil XXI, mit den Tabellen Seite 42-45; nach ihm wiederholt. Vgl. BUCKLE, Bd. 1, Seite 23, Anm. und die daselbst zitierte Abhandlung von BROWN, Assur. Magaz. vol. II 1852.
    37) QUETELET, a. a. O., auch in der Abhandlung im Bull. de la comm. centr. Seite 1860.
    38) Zeitschrift des preußischen statistischen Büros, Februar- und Märzheft 1863.
    39) Es ist bis jetzt vorzugsweise die  Kriminalstatistik,  welche für unsere Untersuchungen das Material liefert und von QUETELET und anderen mehr von Anfang an am meisten beachtet wurde. - Eine genaue Statistik der  geistigen Leistungen  könnte ebenfalls sehr beachtenswerte Ereignisse bringen. Allerdings wird der vorwaltende Einfluß des Naturfaktors, d. h. der geistigen Anlage oder der Gehirnorganisation, hier seit langem zugegeben. Es sind aber eigentlich noch alle Rätsel zu lösen, denn viel mehr, als daß das Gehirn der Sitz der geistigen Tätigkeit ist, wissen wir noch nicht. Die Statistik könnte hier u. a. Aufschlüsse über das Zusammengehen gewisser verschiedenartiger geistiger Anlagen durch eine Verwertung des massenhaften Beobachtungsmaterials liefern, welches alljählich in den Schulen aufgehäuft und im Einzelnen in den Schulberichten sogar schon statistisch geordnet vorgeführt wird.
    40) QUETELET,  Systeme social,  Teil XII
    41) DUFAU, a. a. O., Seite 130f, 134 abstrahiert mit vollem Recht in seiner Statistik der französischen Gesellschaft von der Einteilung des Landes in Departements und geht auf die alte Provinzialeinteilung zurück, indem er die Departements danach gruppiert.
    42) Vgl. über die im Vortrag erwähnten statistischen Verhältnisse den ausführlichen statistischen Anhang am Schluß dieser Schrift, worin auch die literarischen Nachweise enthalten sind. Alle einzelnen Bemerkungen, welche wir zur Erläuterung des statistischen Teils meines Vortrags noch beizufügen hätten, sind diesem Anhang eingereiht.