ra-2C. MengerK. DiehlH. DietzelR. SchuellerG. CohnA. Weber    
 
ADOLPH WAGNER
Systematische Nationalökonomie

"Schmoller  deutete bloß einige Gesichtspunkte, welche seiner Meinung nach für einen wissenschaftlichen Neubau zu befolgen sind, mit wenigen Strichen an. Der Ausgangspunkt darf nicht mehr das Individuum und seine technische Produktion, sondern nur die Gesellschaft und ihre historische Entwicklung sein."

"Gegenstand der Untersuchung  Böhm-Bawerks  ist das Kapitalzinsproblem als solches, d. h. die Frage, wie sich überhaupt die Tatsache des Zinses, welcher dem Kapitalisten zufließt, erklärt, woher und warum er diesen Zins empfängt, - das  theoretische  Zinsproblem,  warum der Zins da ist,  wird vom  sozialpolitischen  Zinsproblem unterschieden,  ob er überhaupt da sein soll;  ob er gerecht, billig, nützlich, gut und ob er darum beizubehalten, umzugestalten oder aufzuheben ist."


I.

Im Jahr 1882 war das große "Handbuch der Politischen Ökonomie" erschienen, das GUSTAV von SCHÖNBERG in Tübingen in Gemeinsacht mit einer größeren Anzahl von Fachgenossen unternommen hat (1). Damals entspann sich, zunächst von GUSTAV SCHMOLLER angeregt, eine Erörterung in der Fachliteratur und ihrer Presse über die Opportunität eines solchen Werks systematischer Art - soweit letzterer Chrakter dem aus kleinen Monographien verschiedener Verfasser bestehenden SCHÖNBERG'schen Werke beigelegt werden kann - gerade beim gegenwärtigen Stand der wissenschaftlichen Arbeit auf dem Gebiet der Nationalökonomie. An der betreffenden Diskussion habe ich mich ebenfalls in einer kurzen Antikritik der SCHMOLLER'schen Auffassung und Einwände beteiligt. Es sei gestattet, auf diese Erörterung zunächst zurückzukommen.

Auch SCHMOLLER erkannte gleich vielen anderen Rezensenten des SCHÖNBERG'schen Handbuchs ein Bedürfnis zu einem solchen Werk an (2). Er rühmte die Bearbeitung mehrfach. Aber er hatte doch prinzipielle und aus dem gegenwärtigen Zustand der Wissenschaft hergenommene Opportunitätsbedenken gegen ein solches Werk überhaupt und vollends in der Gegenwart. Die Mitarbeiter, lauter Spezialisten auf dem Gebiet der von ihnen verfaßten Abhandlungen, gingen zwar in ihren praktischen Bestrebungen zum Teil ziemlich weit auseinander, aber sie ständen sich doch in ihren Anschauungen über Methode, Systematik und dgl. mehr nicht so sehr fern, die meisten gehörten "noch" der Richtung an, die durch RAU und ROSCHER repräsentiert wird. Deshalb sei das  Handbuch  doch im Ganzen mehr ein Spiegelbild der deutschen Wissenschaft der Vergangenheit als der Zukunft. SCHMOLLER will daraus weder dem Herausgeber SCHÖNBERG, noch den Mitarbeitern an dessen Werk einen sie persönlich treffenden Vorwurf machen. Er meint nun weiter, die deutsche Wissenschaft sei gegenwärtig in vollständiger Umbildung und Umwälzung begriffen, woraus schließlich, unter angemessener Veränderung der Methode, eine Verwandlung der sogenannten politischen Ökonomie in die "Sozialwissenschaft" hervorgehen müsse (3). Selbst der Plan für ein demgemäß neu zu gestaltendes systematisches Werk lasse sich aber jetzt noch nicht aufstellen. Erst in 10-20 Jahren werde man daran denken können. Vorläufig begnügt sich SCHMOLLER damit, bloß einige Gesichtspunkte, welche seiner Meinung nach für einen solchen wissenschaftlichen Neubau zu befolgen sein würden, mit wenigen Strichen anzudeuten. "Der Ausgangspunkt darf nicht mehr das Individuum und seine technische Produktion, sondern (nur) die Gesellschaft und ihre historische Entwicklung sein" (Seite 252). Das wird dann in Kürze mit einigen Sätzen weiter ausgeführt.

Wer SCHMOLLERs Arbeiten und Bestrebungen kennt, wird durch diese Stellungnahme desselben nicht nur gegen das SCHÖNBERG'sche Werk, sondern gegen alle "systematische" und - was er und andere seiner Richtung damit gewöhnlich identifizieren, was aber sehr wohl davon zu unterscheiden ist - gegen "abstrakt-dogmatische" Nationalökonomie nicht überrascht sein. Seine Auffassung hierin ist nur die notwendige Konsequenz seiner methodologischen Gesamtauffassung in Bezug auf die Nationalökonomie, die er eben wesentlich in konkreter Wirtschaftsgeschichte - mit einzelnen Generalisationen daraus, wie in den schönen Untersuchungen über den Übergang der städtischen und territorialen in die staatliche Wirtschaft - aufgehen läßt.

Bereits in meiner Antikritik (4) habe ich meinem verehrten Berliner Spezialkollegen geglaubt dies entgegnen zu dürfen. Seine Identifizierung von Wirtschaftsgeschichte und Wirtschaftstheorie schiene mir unrichtig und ein Vorstoß gegen die Forderungen der Logik in der Methodologie, Systematologie und Aufgabe-Bestimmung der Wissenschaften zu sein. Das Verlangen, die "Gesellschaft", nicht das Individuum zum Ausgangspunkt der Nationalökonomie zu machen, werde, soweit es richtig ist, in der neueren deutschen Wissenschaft zu erfüllen gesucht: so ist es ein leitender Gesichtspunkt in RODBERTUS' genialen Arbeiten und auch in seinen Zielpunkten für ein nationalökonomisches System (5). So wird in SCHÄFFLEs, SCHÖNBERGs, in meinem eigenen Werk ("Grundlegung, auch Finanzwissenschaft") (6) diese "gesellschaftliche" Auffassung der Nationalökonomie vertreten. Gewiß sind diese Versuche noch mangelhaft und mögen im Ganzen, wie im Einzelnen viel zu wünschen übrig lassen. Es wird nur erwünscht sein, wenn einmal ein rein "historischer" Nationalökonom mit seiner tieferen Geschichtskenntnis und Geschichtsauffassung, seinen feineren Methoden an die Stelle dieser Versuche etwas, dann gewiß viel Wertvolleres setzen wird. Aber in der prinzipiellen Auffassung selbst besteht doch in diesem Punkt eigentlich kein großer Unterschied zwischen den "Historikern" und "Systematikern" oder "Dogmatikern" der Gegenwart, auch nicht zwischen SCHMOLLER und mir. Ich habe a. a. O. auch weiter die Ansicht vertreten, daß die spekulative Deduktion, die Analyse der psychologischen Vorgänge im wirtschaftlichen Tun des Menschen, welche freilich feiner als in der sensualistischen Philosophie und Nationalökonomie des 18. Jahrhunderts anzustellen ist, auch gegenwärtig noch ihr Recht neben und vielfach vor aller "historischen Forschung" - im Sinne der neueren historischen Nationalökonomie, nicht ROSCHERs und KNIES' - besäßen und am allerwenigsten durch diese Forschung ganz entbehrlich zu machen seien. Daher geht mir auch die einseitige Betonung der "exakten", d. h. - in willkürlicher Auslegung - der "historischen" Methode zu weit, ganz abgesehen von der Frage, welche sich diese neueren historischen Nationalökonomien gar nicht einmal gestellt haben, ob dieser Ausdruck "exakt" auf diesem Gebiet überhaupt und wenn, ob er für das anwendbar sei, was man hier in der historischen Forschung als "exakt" glaubt bezeichnen zu dürfen. "Fertig" im eigentlichen Sinn sei eine Wissenschaft und seien auch die Vorarbeiten für eine Systematisierung niemals. Auch in 10, 20 Jahren wird man denselben Einwand erheben können. Man kann immer nur nach dem jeweilgen Stand der Wissenschaft eine Systematisierung vornehmen. Das ist aber ebenso ein praktisch-didaktisches und ein vom Leben gestelltes als ein wahrhaft allgemein wissenschaftliches Bedürfnis, gerade auch der weitgehenden Arbeitsteilung, der monographischen Spezialarbeit, nicht am wenigsten der Mikrologie des selbstzufriedenen Kleinmeistertums gegenüber. Auch das von SCHMOLLER aufgestellte Ziel, ein einstmaliges Aufgehen der Nationalökonomie in die "Sozialwissenschaft", glaubte ich in seiner Richtigkeit bezweifeln zu dürfen. Die ökonomischen Erscheinungen gehören doch nur zu den sozialen, sind aber nicht kurzweg  die  sozialen. Sie müssen als etwas besonderes, wenn auch eng mit anderen Zusammenhängendes erkannt, daher eben doch, methodologisch richtig, zunächst möglichst isoliert werden, wenn auch aufgrund eines hypothetischen Verfahrens in Bezug auf die kausalen und konditionellen Momente, unter denen sie zustande kommen. Nur so können sie richtig erfaßt und verstanden werden. Alsdann erst ist ihre Verbindung mit und ihre Beeinflussung durch andere soziale Momente zu erforschen.
    "Nicht das Aufgehen der politischen Ökonomie in eine einstweilen noch recht unklare  Sozialwissenschaft,  sondern die Umbildung der politischen Ökonomie in eine wahre  Sozialökonomie  scheint mir die Aufgabe und, wenn ich auch einmal prophezeien darf, das Resultat der Weiterentwicklung unserer Wissenschaft zu sein." -
Mittlerweile haben diese und verwandte methodologische und systematologische Streitfragen nicht geruht, sondern sin in weit umfassenderem Maß und in tiefergreifender Weise aufgenommen und fortgeführt worden. Es ist eine eigentümliche, aber erfreuliche, übrigens keineswegs neue Erscheinung in der Entwicklung der Wissenschaft, zumal der deutschen, daß die Einseitigkeiten, zu welchen gewisse wissenschaftliche Richtungen gerade unter dem Impuls ihrer hervorragendsten Vertreter, menschlich höchst begreiflich, immer wieder neigen, bei freier Bewegung der Wissenschaft gewöhnlich bald eine Reaktion von anderer Seite hervorrufen. Erst allmählich und stets so leicht unter einer neuen Verschiebung des richtigen Gleichmaßes, ringt sich dann eine gewisse mittlere Richtung durch. Mag man ihr den Vorwurf des Eklektizismus - wenn es einer ist - machen, sie allein weiß doch doch das Wahre und Richtige aus den verschiedenen Strömungen zu vereinigen und, unter möglichster Abstreifung entgegengesetzter Einseitigkeiten, gerade nur dies festzuhalten.

So haben wir es im letzten Menschenalter erlebt, daß dem radikalen Individualismus und Atomismus der britischen ökonomischen Doktrin, zumal im sogenannten Manchestertum, der radikale ökonomische Sozialismus gegenüber getreten ist, seinerseits wieder ebenso maßlos übertreibend wie sein Gegenpart. Beiden Doktrinen liegen universelle philosophische Anschauungen zugrunde. Jede neigt zu einer allgemeinen Geschichtskonstruktion nach ein paar mehr oder weniger richtigen, aber in ihrer maßgebenden Bedeutung übertriebenen Tatsachen, sei es des menschlichen Trieb- und Seelenlebens, sei es gar bloß der Stellung des Menschen zur Naturund seiner technischen Beherrschung der Naturkräfte durch die Hilfsmittel der "Technik" im engeren Sinne des Worts bei der Produktion (7). Vornehmlich die neuere deutsche Wissenschaft hat gesucht, die bloß relative Berechtigung der beiden Prinzipien, des "Individualismus" und "Sozialismus", aber auch die notwendige Berechtigung eines jeden von ihnen und ihre unbedingt gebotene Kombination nachzuweisen. Danach handelt es sich nicht um Individualismus  oder  Sozialismus, sondern um Individualismus  und  Sozialismus. Die theoretische und praktische Streitfrage ist nicht ein "Entweder-Oder", sondern ein "Sowohl-als auch", ein "Mehr oder Weniger" und die ernsten Differenzen drehen sich um dieses Letztere, um das  Maß,  allein (8).

So hat die neuere deutsche Wissenschaft nicht minder die enge und einseitige  "Trieb -Theorie" der britischen Ökonomie berichtigt, das Selbstinteresse ("Eigennutz") als nur  eine  der Potenzen auch im Wirtschaftsleben und als selbst wieder einen Faktor von örtlicher und zeitlicher wie selbstverständlich von individueller Variabilität und Differenzierung anerkannt, - was freilich nicht ausschließt,  hypothetisch  das Selbstinteresse und seine Wirkungstendenz im wirtschaftlichen Leben und Verkehr als methodisches Hilfsmittel des deduktiven Verfahrens mit bestem Erfolg, jedenfalls mit besserem als irgendein anderes, auch als irgendeines des (nur vermeintlich ausschließlichen) induktiven Verfahrens zu benutzen. So wird nicht minder von gewissen Gesichtspunkten und Folgerungen aus darwinistischen Lehren, von Tatsachen aus der Entwicklungsgeschichte der Technik zum Zweck der Erklärung der wirtschaftlichen Vorgänge, des Verständnisses der wissenschaftlichen Lebensbedingungen, der Evolution des gesamten gesellschaftlichen Lebens und seiner Rechtsordnung, auch seiner Privatrechtsordnung in der neueren Wissenschaft Gebrauch gemacht. Der Einfluß dieser Auffassungen und wissenschaftlichen "Fortschritte" zeigt sich überall in der Gestaltung der Theorie der Volkswirtschaft. Dem ungeschichtlichen abstrakten Dogmatismus der physiokratisch-britischen Ökonomik, der "Schule der freien Konkurrenz", und dem lediglich deduktiven Verfahren RICARDOs und vieler Epigonen der älteren Meister hat sich die deutsche historische Richtung der Nationalökonomie, der bloß apriorischen Deduktion und Konstruktion die historische und statistische Indukton aus den empirischen Tatsachen des Wirtschaftslebens gegenübergestellt.

Wollen wir unparteiisch sein, so müssen wir dabei freilich wohl anerkennen, daß es auch hier in unserer Wissenschaft ebenso wie in anderen Wissenschaften gegangen ist und fortwährend geht: wie auch GUSTAV COHN in seinem prächtigen neuen Werk so richtig und so billig denkend bemerkt, spielen in der speziellen Richtung der  einzelnen  Männer der Wissenschaft stets die verschiedenen individuellen Neigungen und die ihnen meist mit zugrunde liegenden verschiedenen individuellen Begabungen wie auch schließlich mehr oder weniger zufällige persönliche "Bildungsschicksale" und "Lebensführungen" der einzelnen Forscher mit. Sie tragen nicht wenig dazu bei, wieder die schärfere Einseitigkeit jeder "Richtung" sich entwickeln zu lassen. Und eben daraus, aus diesem Mitspielen des "subjektiven" Elements und damit überhaupt so manches fragwürdigen "Menschlichen" auch in der "Wissenschaft", die ja stets nur in konkreten Personen und in deren Geist als etwas Lebendiges Existiert, erklärt es sich wieder, daß jede "neue Richtung" der "Wissenschaft", der "Methode", mit der "wissenschaftlich" gearbeitet wird, so berechtigt diese Richtung zunächst gewesen sein mag, doch so gar leicht selbst wieder in eine neue, wenn auch andere Einseitigkeit, als die bekämpfte, hinausläuft und in ihren Vertretern zu einer intoleranten Alleinherrschaft neigt: in der bloß nach "Wahrheit des Erkennens" ringenden, aber von uns schwachen Sterblichen betriebenen Wissenschaft nicht minder als in dem von Interessenfragen beherrschten praktischen Leben. Dann muß immer erst wieder eine neue Gegenströmung eintreten, um das richtige Maß herzustellen. Nur daß auch in dieser sich wieder ähnliche Tendenzen zur Einseitigkeit und Alleinherrschaft so leicht zeigen werden.

Die Geschichte aller Wissenschaften, der Philosophie zumal, auch der neueren "exakten" Naturwissenschaften, welche jetzt auch wieder aus der bloßen stoffsammelnden Tätigkeit, der sich auch hier gern allein als "Forscher" gerierenden "Beobachter" zu philosophischer Durchdringung und systematischer Bewältigung des Stoffs, zur tieferen erkenntnistheoretischen Begründung ihrer Methoden aufzuraffen begonnen haben, - auch die Geschichte der uns nächst liegenden Rechts- und Staatswissenschaften liefert reichliche Belege für das Gesagte. Ein neuestes Beispiel bietet die Nationalökonomie.

Kaum daß hier, wie von einem Teil der jüngeren historischen Nationalökonomen, vielleicht zumeist sogar vom bedeutendsten und produktivsten derselben, von GUSTAV SCHMOLLER - der universelle Altmeister ROSCHER und der größte deutsche Methodologiker des Fachs, KARL KNIES, haben sich dieser Übertreibungen niemals schuldig gemacht - kaum, daß hier nur noch die "exakte historische Forschung" als "wissenschaftliche" Nationalökonomie gelten gelassen werden soll, mit einer gewissen Geringschätzung auf alle anderen Arbeiten, vollends auf "dogmatische" hingesehen und speziell der Beruf unserer Zeit zur Systematisierung auf dem Gebiet rundweg geleugnet wird, so künden sich auch schon in der deutschen Wissenschaft sofort Anzeichen an, daß in solchen Auffassungen doch von vielen Fachleuten, selbst auf die Gefahr hin - "noch" oder "wieder" - unter die "dogmatischen - will wohl sagen: bornierten - Köpfe" gereiht zu werden, eine viel zu weit gehende Reaktion gegen die bisherige, die ältere, die freilich euphemistisch und tendenziös sogenannte "klassische" Nationalökonomie, deren Ziele, Aufgaben, Methoden, Leistungen gefunden wird. STEIN, SCHÄFFLE, RODBERTUS, MARX, so weit sie untereinander abweichen, haben sich nicht irre machen lassen, auch in seinen bezüglichen Versuchen der Verfasser dieses Aufsatzes nicht, und glauben, die englischen "Klassiker", die HERMANN von THÜNEN, von MANGOLDT u. a. mehr nicht ohne weiteres zum "alten Eisen" werfen zu dürfen. Und ebenso steht auch WILHELM ROSCHER, der historisch-nationalökonomische "Systematiker", noch heute. Das große SCHÖNBERG'sche  Handbuch,  das natürlich als Werk einer Reihe verschiedener Verfasser nicht ganz einheitlich, nicht ohne Lücken und Widersprüche, aber im Ganzen doch gelungen ist und im Einzelnen - und zwar gerade auch in der  Systematisierung,  wie z. B. in den ausgezeichneten Arbeiten von LEXIS - Vorzügliches bringt, es beweist schon durch die bloße Tatsache seines Erscheinens, daß eben doch "auch heute noch" - oder "schon heute wieder"? - viele Fachleute die Aufgabe ihrer Wissenschaft und ihrer Zeit nicht bloß im Sammeln und Bearbeiten des historischen und statistischen Stoffs, und sei es auch in der gewiß hochverdienstlichen Weise, aus der ersten Quelle selbst und den Archiven, erkennen.

Und - zugleich ein hocherfreuliches Zeichen für die Einheit deutscher Wissenschaft auch noch nach der politischen Trennung - von  Österreich  aus beginnt auf einmal gegen die Einseitigkeiten und Übertreibungen des deutschen nationalökonomischen "Historismus" eine sofort sehr scharfe, in der Form nur zu scharfe, literarische Gegenströmung. Ausgehend von den Anregungen und Arbeiten des scharfsinnigen Lehrers und Gelehrten CARL MENGER in Wien, unterstützt durch EMIL SAX in Prag, bildet sich gleich eine förmliche "österreichische" junge nationalökonomische Schule in einer ganzen Anzahl Wiener Gelehrter, unter denen von BÖHM-BAWERK (jetzt in Innsbruck) an kritischer Schärfe besonders hervorragt. MENGER hat in seinen "Untersuchungen über die Methode der Sozialwissenschaften und der politischen Ökonomie insbesondere" (Leipzig 1883) - auf deren Inhalt ich mich an dieser Stelle nicht näher einzulassen beabsichtige, ich stimme im Großen und Ganzen von allen Kritikerns MENGERs am meisten HEINRICH DIETZEL zu -, MENGER hat sich meines Erachtens wohl seinerseits vor neuen Einseitigkeiten nicht genügend gehütet. Er und SCHMOLLER bezeichnen wohl die äußersten diametralen Gegensätze in den Fragen der Ziele und Aufgaben, der Methode, der Systembildung und sind überhaupt nach Begabung, Neigung, Richtung, Studien, Spezialitäten wahre Antipoden, wie sie freilich gerade die deutsche Gelehrtenrepublick, vielleicht nicht zum Schaden der Sache, nicht selten aufweist. Mir scheint das Richtige so ziemlich in der Mitte zwischen beiden Streitenden zu liegen, wenn ich auch meiner speziellen Neigung und Richtung nach MENGERs Auffassung etwas näher steht als derjenigen SCHMOLLERs, ohne deswegen die relative Berechtigung auch einer anderen Stellungnahme in diesem Streit anzufechten. Nicht in Allem, aber in Vielem scheint mir die Beweisführung MENGERs gegen die Einseitigkeiten und Prätensionen [Anmaßungen - wp] des "Historismus", vollends gegen den Anspruch der Alleinherrschaft und der alleinigen Qualifikation der "Wissenschaftlichkeit" für die Arbeiten in der Weise der "historischen" Nationalökonomie zutreffend. Denn wenn solche Ansprüche auch natürlich nicht mit dürren Worten erhoben werden, so sind sie doch zwischen den Zeilen zu finden, auch in der beliebten Stigmatisierung anderer Arbeiten als "dilettantisch" und seien es diejenigen der ersten Denker des Fachs. Auch in der Anerkennung der Berechtigung der deduktiven Methode und in der Forderung einer selbständigen rein theoretischen Nationalökonomie sowie in den Erörterungen über das Wesen, die Aufgabe, die Methode dieses Teils der gesamten politischen Ökonomie scheint mir MENGER viel Richtiges zu sagen und gut zu begründen. Man kann dies, glaube ich, zugeben, ohne selbst gewissen Hauptpunkten der Systematologie MENGERs, z. B. in Bezug auf die Art der Trennung zwischen theoretischer und "praktischer" Nationalökonomie, zuzustimmen. Selbst gewisse Übertreibungen MENGERs hinsichtlich des Werts und der Bedeutung der "theoretischen" (oder der sogenannt "allgemeinen") Nationalökonomie erscheinen mir als ein viel geringerer Fehler verglichen mit der gelegentlich schon bei einzelnen hyperkritische Fachleuten hervorgetretenen Tendenz, das Problem einer "allgemeinen Theorie der Nationalökonomie" überhaupt aus der Wissenschaft und folgeweise z. B. eine bezügliche Vorlesung aus dem Kollegienzyklus des Fachs ganz herauszuweisen: das Kind mit dem Bad auszuschütten.

Andererseits war MENGERs Polemik gewiß mitunter zu scharf und gegen die großen Verdienste der deutschen historisch-nationalökonomischen Schule schon in seiner Hauptschrift nicht immer gerecht. Vollends bedauernswert aber ist, daß sich MENGER dazu hat hinreißen lassen, in maßloser und durchaus ungerechter Weise SCHMOLLER speziell anzugreifen, in einer von SCHMOLLER durchaus nicht provozierten verletzenden Form. Denn wenn SCHMOLLER auch in einer Rezension (9) durchaus seinem wissenschaftlichen und speziell methodologischen Standpunkt gemäß und eben deswegen auch meiner Auffassung nach zu einseitig die MENGERs Schrift beurteilt hat, wenn er, wie es ihm leicht passiert, auch ohne es wohl eigentlich zu wollen, durch den Ton "von oben herab" gegenüber Arbeiten außerhalb seiner Richtung und Neigung etwas verletzend wirkt, wie z. B. auch in der Kritik von  Schönbergs Handbuch,  so hat er doch eine Replik, wie die, welche ihm MENGER hat zuteil werden lassen, in keiner Weise verschuldet. SCHMOLLERs Verdienste für die Erkenntnis der historischen Entwicklung des Wirtschaftslebens und für die Ausbildung der Methoden zur Förderung dieser Erkenntnis sind geradezu bahnbrechende und epochemachende und in letzterer Hinsicht meines Erachtens größere als diejenigen irgendeines anderen Nationalökonomen oder Historikers. Eine pamphletische Polemik, wie sie MENGER sich in seiner Streitschrift "Die Irrtümer des Historismus in der deutschen Nationalökonomie" (Wien, 1884) erlaubt, prallt an dem blanken wissenschaftlichen Schild SCHMOLLERs ab und schadet nur der an und für sich guten Sache, welche MENGER vertritt, der berechtigten Tendenz, die er verfolgt. SCHMOLLER konnte dieser Polemik gegenüber nicht anders handeln, als er es getan hat: eine eigentliche Erwiderung ablehnen (10). Das ist aber zu bedauern. Denn die sachlichen Streitfragen, die man ja so ziemlich alle unter der Formel "erkenntnistheoretischer Kontroversen" auf nationalökonomischem Gebiet zusammenfassen kann, sind so wichtig und so schwierig, daß eine streng sachliche Diskussion gerade unter Männern eines so antagonistischen Standpunkts wie MENGER und SCHMOLLER nur förderlich sein kann. Es ist MENGER nicht zuzugeben, daß SCHMOLLER durch seine Rezension die Fortsetzung einer solchen Diskussion unmöglich gemacht hat, sondern umgekehrt trifft MENGER dieser Vorwurf gegenüber SCHMOLLER. Ich glaube, daß MENGER bei ruhiger Weiterführung der Erörterung in manchen Punkten der sachlichen Kontroverse Recht behalten hätte. Vielleicht wird sich das aus der in hoffentlich nicht ferner Zeit zu erwartenden Fortführung von MENGERs Werk ergeben.

Einstweilen ist es umso erfreulicher, daß auch von anderer Seite in die Diskussion dieser wichtigen Fragen mit eingegriffen ist, bisher namentlich, aber schon nicht mehr ausschließlich, von österreichischer Seite. So im Ganzen beistimmend zu MENGER, aber mit eigentümlichen Ausführungen und Weiterführungen von EMIL SAX (11); jüngst von DARGUN in Krakau (12), von SCHWIEDLAND (13), sodann in Deutschland namentlich von HEINRICH DIETZEL, dessen Doktorschrift bereits, dann deren Fortführung in der Tübinger Zeitschrift und dessen scharfsinnige Beiträge zu dieser Frage in der vorliegenden Zeitschrift eine im Ganzen MENGERs Standpunkt sich nähernde, aber auch MENGERs Lehren mehrfach berichtigende Auffassung vertreten (14). Sie scheinen mir in der bisherigen Diskussion die relativ richtigste Ansicht darzulegen und gut zu begründen.

Nicht ohne ein gewisses Behagen wird derjenige, welche mehr einen vermittelnden Standpunkt einnimmt - der  tertius gaudens  [lachende Dritte - wp] wird man sagen - beobachten, wie die beiden antagonistischen Richtungen jede für  ihre  spezifische Methode und für  ihre  spezifischen wissenschaftlichen Ergebnisse das Epitheton [Zusatz - wp] "exaxt" förmlich als  technischen  Ausdruck ausschließlich in Anspruch nehmen. Vollends erheiternd wird dabei dann die Wahrnehmung, daß auch noch eine dritte Richtung für den Kampf um dieses Epitheton auf den Plan tritt, - diejenige des Herausgebers der "Volkswirtschaftlichen Vierteljahrsschrift", des Herrn WISS, der sein und der Seinen Manchestertum und dessen Elaborate allein als "exakte Wissenschaft" gelten läßt und auf die deutsche Universitäts-Nationalökonomie, welcher "Richtung" auch immer, von seiner Höhe etwa ähnlich erhaben herabsieht, wie die KARL MARX und FRIEDRICH ENGELS von der ihren (15). Sollte dies Männer von der durchaus verschiedenartigen, aber doch beiden von jedem unparteiischen fachmännischen Beurteiler zuzugestehenden hohen wissenschaftlichen Bedeutung wie SCHMOLLER und MENGER nicht darüber etwas stutzig machen, ob denn mit einer meinem Gefühl etwas ruhmredig klingenden Vindikation eines solchen Epithetons irgendetwas gewonnen wird? Mindestens müßte doch, wie gesagt, eine "methodologische" Untersuchung erst vorangehen, ob und wie weit auf dem Gebiet der Nationalökonomie von "exakt" überhaupt geredet werden darf und was unter diesem "inexakten" Ausdruck "exakt" im speziellen Fall, wo ihn Jeder gebraucht, verstanden werden soll.

In der berührten Streitfrage, deren Auffassung für die "systematische Nationalökonomie" fundamental ist, hat man von Seiten der historischen Nationalökonomie auch wohl von einer völligen Erschöpfung der "abstrakten" und "dogmatischen" theoretischen Arbeit gesprochen. Die sozialistischen Arbeiten über Wert, Mehrwert, Rente, Verteilung, auch die neueren Arbeiten von MENGERs Schule in Wien über Wert, Unternehmergewinn (WIESER, GROSS, MATAJA) zeigen doch, daß auch dieser Vorwurf unrichtig ist. Die Arbeiten über Geld und Kredit beweisen es heute wie früher. Bedürfte es aber noch eines besonderen Beleges dafür, daß im Geist der MENGER'schen Richtung gerade in der reinen Theorie der Nationalökonomie noch große, interessante und diejenigen der rein wirtschaftshistorischen Arbeiten an wissenschaftlicher Schwierigkeit, weil in Bezug auf Anforderungen an die Denkkraft übertreffende Probleme zu lösen sind, so liefert dafür das ausgezeichnet Werk von EUGEN von BÖHM-BAWERK über die Kapitalzinstheorien doch wohl den vollgültigsten Beleg (16). Der Gegenstand der Untersuchung des ebenso fleißigen wie scharfsinnigen Verfassers ist das "Kapitalzinsproblem als solches", d. h. die Frage, wie sich überhaupt die Tatsache des Zinses, welcher dem Kapitalisten zufließt, erklärt, woher und warum er diesen Zins empfängt, - das "theoretische" Zinsproblem, "warum der Zins  da ist",  das von BÖHM-BAWERK vom "sozialpolitischen" Zinsproblem unterscheidet,  ob  er überhaupt  da sein soll;  ob er gerecht, billig, nützlich, gut und ob er darum beizubehalten, umzugestalten oder aufzuheben sei. Der Verfasser sucht zu beweisen, daß keine der bisherigen Theorien zur Erklärung des Zinsbezugs und damit zur nationalökonomischen Begründung seiner allgemeinen Notwendigkeit genügt, daß aber auch die prinzipiellen Angriffe des Sozialismus eben nur das "sozialpolitische", nicht das "theoretische" Zinsproblem betreffen. Man mag dem Verfasser beistimmen oder nicht (17),  das  Verdienst hat seine Schrift gewiß, daß sie das Problem als ein rein nationalökonomisches richtig stellt und es sehr bemerkenswert erörtert, zunächst in dem bisher allein vorliegenden ersten Band dogmengeschichtlich und mittels einer Kritik der verschiedenen Erklärungs- und Begründungstheorien des Zinses. Nieman, zumindest niemand, der ein wenig unter die Oberfläche der wirtschaftlichen Erscheinungen des historischen Lebens sieht, wird übersehen, daß das Ergebnis einer solchen, "rein theoretischen" Erörterung des "theoretischen Zinsproblems" auch für das "sozialpolitische" oder praktische Zinsproblem von Bedeutung ist. Wenn man, wie von BÖHM-BAWERK vorläufig nur andeutet, eine wirkliche Begründung des Zinses als eines rein-ökonomischen Faktors geben kann, so folgen daraus sehr wichtige Konsequenzen auch für ein Gemeinwesen  ohne  das Rechtsinstitut des Privatkapitals, für einen "Sozialstaat". In RODBERTUS' Redeweise: erst nach dem Gelingen einer solchen Begründung ist der Zins eben eine  rein-ökonomische  Kategorie,  keine  bloß historisch-rechtliche Kategorie des Wirtschaftslebens und daher in jeder denkbaren Organisation der Volkswirtschaft notwendig vorhanden. Und eine solche Ansicht hat auch für eine Menge positivster konkreter Fragen der Wirtschaftspolitik und des historischen Wirtschaftslebens ihre Tragweite. BÖHM-BAWERK hat somit meines Erachtens durch sein vortreffliches Werk, dessen Fortsetzung ich mit Spannung entgegensehe, bewiesen, daß sein Lehrer MENGER, der "bahnbrechende Forscher" (wie? werden die Vertreter eines einseitigen Historismus fragen, die diesen Namen "Forscher" mit Unrecht und Überhebung für sich allein vindizieren), dem er sein Werk gewidmet hat, mit vollem Recht den Nationalökonomen auf die spezifisch eigentümlichen Aufgaben seiner Wissenschaft hinweist; daß MENGER mit Recht gegen das Ansinnen Front mach, in wirtschaftsgeschichtlichen Forschungen und statistischen Untersuchungen die Aufgabe der Nationalökonomie  erschöpfen  zu wollen, weil - die eigene Neigung und Begabung etwa den Einzelnen gerade auf dieses Gebiet hinweisen. Nur sollten auch MENGER und seine Anhänger nicht wieder in denselben Fehler verfallen, den sie an ihren Gegnern rügen und jene historischen und statistischen Arbeiten und deren Vertreter unterschätzen. Auch hier heißt es: nicht das Eine  oder  das Andere, sondern das Eine  und  das Andere ist geboten. Und nur hocherfreulich ist es, wenn in einem regen wissenschaftlichen Leben der heutigen deutschen Nationalökonomie in verschiedenen Richtungen und mit verschiedenen Methoden rüstig gearbeitet und Tüchtiges zu leisten gesucht wird. Es sollte nur immer dabei des Spruchs gedacht werden: "Es sind mancherlei Gaben, aber es ist  ein  Geist."

So liegt hier in unserer Disziplin ein neues Beispiel von wichtigen wissenschaftlichen "Richtungskämpfen" vor, wobei hoffentlich das alte Wort "aus der Meinungen Reibungen geht das Licht hervor", seine erneute Bestätigung finden wird.

Nichts ist für den wahren Fortschritt der Wissenschaft meines Erachtens nachteiliger, als wenn sich eine bestimmte, der Begabung, Neigung und dem Bildungsgang der einzelnen Gelehrten besonders angepaßte, ansich berechtigte, ja notwendige  Richtung  einer Wissenschaft die Alleinherrschaft anmaßt, sich wohl gar kurzweg mit "der  Wissenschaft  als solcher" identifiziert. Das hat dann immer jene  "Schulenbildung"  im schlimmen Sinn des Wortes, jene  "Verschulung"  des Fachs zur Folge, welche - wie man es ähnlich so oft in der Kunst erlebt hat - stets mit geistloser Nachahmung der durch einzelne Koryphäen angebahnten Richtung seitens einer Schar unbedeutender, im Technischen, Handwerksmäßigen geschulter, aber nur umso hochmütigerer Nachtreter endet. Überhebung Männern anderer Richtung und deren Leistung gegenüber, cliquenhafte Exklusivität sind die unerfreulichen begleitenden Erscheinungen. Nach der eigentümlichen Einrichtung unserer deutschen Universitäten mit ihrem Quasi-Kooptationsrecht hat auch das notorisch noch andere Gefahren. Bei Berufungen und Anstellungen könnten sich wohl entsprechende persönliche und Parteieinflüsse, förmliche "Richtungscliquen" (18) geltend machen, welche bedenklicher wären und vielleicht einflußreicher und häufiger würden, als das unseren Universitäten so oft sehr übertrieben vorgeworfene persönliche Koterie [Cliquen - wp] - und Gevaterschaftswesen, welches immer wieder leichter einen Ausgleich findet. Wer das deutsche Universitätsleben kennt, wird die angedeuteten Gefahren in den verschiedensten Fächern nicht ganz leugnen können. Auch deswegen ist es umso erfreulicher, wenn, wie in dem obigen Beispiel der Nationalökonomie, Einseitigkeiten und Übertreibungen einer Richtung immer wieder bald im Kreis der Fachgenossen selbst Reaktionen hervorrufen und so ihre Berichtigung finden.

Sollte es dann wirklich gerade  Gelehrten  so schwer fallen, die unbestreitbare Tatsache der  Verschiedenartigkeit  - nicht nur, wie selbstverständlich, des verschiedenen Grades - der Begabung und der zumeist daraus hervorgehenden verschiedenen Neigungen, Richtungen, Methodenverwendungen anzuerkennen? Auch den ungeheuren Vorteil dieser Tatsache für eine vielseitigere Pflege der Wissenschaft zu begreifen? "Jeder geht seine durch ursprüngliche geistige Konstitution angewiesene Bahn" (LAAS) (19). Es gibt eben einmal mehr zum deduktiven Verfahren, mehr zur Systematisierung, Generalisierung, Dogmatisierung, veranlagte, in der Tat "mehr dogmatische Köpfe", wie es andere mehr zur Induktion, zur geschichtlichen und statistischen Forschung bestimmte und sich bestimmende "mehr historische Köpfe" gibt. Die einen neigen mehr zu Spezialitäten, selbst zur Mikrologie, die anderen fühlen sich mehr zur systematischen Zusammenfassung und Verarbeitung hingezogen. Jede solche "Richtung" hat ihre Stärke und ihre Schwäche, birgt Vorzüge und Gefahren in sich. Die einen spezialisieren oft zu sehr, verkennen das Generelle, "sehen den Wald vor lauter Bäumen nicht". Die anderen generalisieren oft zu sehr, verkennen das Spezielle, "sehen die Bäume vor lauter Wald nicht". Bleiben beide in ihren richtigen Schranken, so entfällt auch der Grund zu dem beliebten Verdikt gegen die anderen. Haben alsdann die einen Grund auf die anderen oder diese auf jene herabzusehen und sich zu überheben, ihre Leistungen, will sagen sich selbst allein gelten zu lassen? Nicht aus seiner "Richtung", sondern aus dem, was er in seiner Richtung schafft, folgt für einen Jeden der Wert seiner Leistungen und der Anspruch auf Anerkennung. Und erst die verschiedenartigste Gesamtarbeit aller fördert die Wissenschaft in der gebotenen Weise. -

Es hat mich in hohem Maß gefreut, einer ähnlichen Auffassung der "Richtungsfragen" in dem neuen systematischen Werk von GUSTAV COHN zu begegnen. Sein ganzes Buch habe ich von der ersten bis zur letzten Zeile mit einem Interesse durchgelesen, wie selten ein Buch des Fachs, auch in allen Hauptfragen, speziell in der Methodologie, mit frohlockender Zustimmung zum Verfasser, wie ich sie nicht oft einem Autor gegenüber empfunden habe, am Meisten noch RODBERTUS und SCHÄFFLE gegenüber. Auch GUSTAV COHN, auch der "erste volkswirtschaftliche Essayist", wie wir ihn gern nannten - wahrlich ausschließlich im rühmenden, nicht im ironischen Sinne, wie er es selbst mitunter abwehrend auffaßte - auch er unter die "Systematiker" gegangen und mit ausgezeichnetem Erfolg!

Aber das ist es nicht, was ich im Augenblick besonders hervorheben will. Mit wahrhaft freudiger Genugtuung begrüße ich zunächst hier nur die verwandte Stellungnahme COHNs zu den oben berührten Streitfragen in Bezug auf die Aufgaben und auf die Behandlung unserer Wissenschaft. Mit der hohen Objektivität, in dem feinen Geist und in der schönen Form, welche diesen Schriftsteller auch in diesem großen neuen Werk zieren, äußert er sich hierüber gleich im Anfang seines Vorwortes folgendermaßen:
    "Es gibt zwei Standpunkte, von denen aus man die Entwicklung der Wissenschaften betrachten kann. Der eine gewährt uns die Ansicht der beständigen Unfertigkeit und der wachsenden Fragwürdigkeit ihrer Wahrheiten, der daher zunehmenden Intensität ihres Anbaus und der unentwirrbaren Notwendigkeit der Arbeitsteilung. Hieraus folgt ein Gefühl des Zweifels am fremden und namentlich (?) dem eigenen Wissen, eine Selbstbeschränkung bei der Ausdehnung des Arbeitsfeldes und bei der Zuversicht der Ergebnisse, welche überwiegend ablehnend nach außen hin wirk, an mitteilbaren Früchten aber wenig anderes zurückläßt als die Überlieferung der Methoden zur Fortarbeit in diesem mühseligen Unternehmen. - Der andere Standpunkt duldet eine solche Skepsis nicht: von ihm aus sehen wir in die unablässigen Forderungen des Lebens hinein, welche, gleichviel wie unvollkommen die Ergebnisse der Wissenschaft sein mögen, in jedem Augenblick ihr zumuten, Rede zu stehen und Antwort zu geben. Sie können sich mit gutem Grund darauf berufen, daß jeder Zustand der Wissenschaft, und seie er noch so unfertig, dem Leben dienlicher ist, als gar keine Wissenschaft; sie können namentlich geltend machen, daß, wollte man auf die endgültigen Ergebnisse der Wissenschaft warten, das Leben sich mit endloser Geduld zu wappnen hätte und - schmählich betrogen würde."
COHN erinnert dann mit Recht daran, daß dieser letztere Standpunkt für den akademischen Lehrer schon der Lehrtätigkeit wegen geboten ist. Und so hat er dann auch gedacht: "ich wag's", und nach dem vorliegenden ersten Band zu schließen darf man ihm dazu selbst wie unserer Wissenschaft Glück wünschen. -

Ich glaube meine im Vorausgehenden angedeutete, gleichfalls vermittelnde, aber der Systematik und selbst der Dogmatik gegenüber einseitigem und unlogisch verfahrendem Historismus ihr Recht vindizierende Ansicht nicht besser als mit den angeführten Worten zusammenfassen und mit dem Hinweis auf das ganze Buch von GUSTAV COHN begründen zu können. Auch er folgert für das Ganze der Wissenschaft "die  bloß relative  Berechtigung der einzelnen Methoden und vollends der individuellen Forschungsweisen" (Seite 9). Auch er erinnert an das Wort "Es sind vielerlei Gaben und  ein  Geist" und an das verwandte "in meines Vaters Haus sind viele Wohnungen". Das und nichts anderes war der leitende Gesichtspunkt meiner vorausgehenden Bemerkungen, niemandem zuliebe und niemandem zuleide, nur mit dem Wunsch, nach allen Seiten um ein wenig Billigkeit gegeneinander und Verständnis füreinander zu bitten. -
LITERATUR Adolph Wagner, Systematische Nationalökonomie, Jahrbuch für Nationalökonomie und Statistik, Neue Folge, Bd. 13, Jena 1886
    Anmerkungen
    1) Das Bedürfnis nach einem solchen umfassenden Werk ist mittlerweise durch den raschen Absatz der starken ersten Auflage wohl auch äußerlich bestätigt worden. Von der zweiten, vielfach vermehrten und erweiterten Auflage, die in Lieferungen, liegt Ende 1885 Band I und III bereits vollständig vor.
    2) Jahrbuch für Gesetzgebung, 1882, Heft 4, Seite 249f
    3) SCHMOLLER hat sich über diese Punkte so aphoristisch geäußert, daß eine eingehende Kritik nicht möglich ist. Immerhin kann ich jedoch zwischen dieser Ansicht von der zukünftigen Verwandlung der politischen Ökonomie in die Sozialwissenschaft (a. a. O., Seite 251) und der Beistimmung, die SCHMOLLER bald darauf - zumindest wenn ich ihn richtig verstehe - DILTHEY zuteil werden läßt (Jahrbuch 1883, IV, 257), keine rechte Übereinstimmung finden. DILTHEY (Einleitung in die Geisteswissenschaften I, bes. Seite 108f) such die Unmöglichkeit einer allgemeinen Geschichtsphilosophie, wie sie deutsche, und einer Soziologie wie sie englische und französische Gelehrte, einer Sozialwissenschaft, wie sie SCHÄFFLE und andere versucht haben, gerade Mangels geeigneter Methoden, nachzuweisen und erwartet nur von den "Einzelwissenschaften" (darunter auch von der politischen Ökonomie) wirkliche Fortschritte auch für die Erkenntnis des Gesamtzusammenhangs der Erscheinungen. Ich stimme ihm darin im Wesentlichen bei. Wenn SCHMOLLER das ebenfalls tut, so scheint mir doch das Ziel, das er der politischen Ökonomie stellt, auch wenn er es mit anderen "exakteren" Hilfsmitteln erreichen will, ganz denselben Einwänden ausgesetzt zu sein, welche DILTHEY gegen die Geschichtsphilosophie und Soziologie erhebt. Denn diese Einwände DILTHEYs gehen nicht bloß gegen die Mängel der bisherigen Versuche - die SCHMOLLER ebenso zugeben wird -, sondern auch gegen die Stellung eines derartigen wissenschaftlichen Problems selbst. Und in dieser Hinsicht ist doch zwischen SCHMOLLERs "Zukunfts"-Sozialwissenschaft und selbst der westeuropäischen "Soziologie" eigentlich kein Unterschied: in beiden Fällen soll anstelle der "Einzelwissenschaften" eine Wissenschaft vom "gesellschaftlichen Gesamtzusammenhang" treten.
    4) Tübinger Zeitschrift für die gesamte Staatswissenschaft, 1883, Bd. 39, Seite 263f.
    5) Siehe in dieser Hinsicht z. B. den Brief, den RODBERTUS an mich in Anknüpfung an die ersten Abschnitte meiner "Grundlegung" schrieb; Tübinger Zeitschrift 1878, Seite 221.
    6) Gerade auch in dieser Teil-Disziplin der politischen Ökonomie habe ich diesen "gesellschaftlichen" Standpunkt konsequent zu vertreten gesucht; so u. a. auch in der Reihenfolge der obersten Steuergrundsätze, indem ich die "finanzpolitischen" allen anderen vorgehen lasse (Finanzwissenschaft, Bd. II, § 366).
    7) Die Auffassungen und die "materialistische Geschichtsphilosophie" von MARX und FRIEDRICH ENGELS finden unter jüngeren Männern gegenwärtig meiner Erfahrung nach eine besonders eifrige Zustimmung. Die leitenden Gesichtspunkte über den Zusammenhang zwischen der Beherrschung der Naturkräfte und der Technik einer-, der Ökonomik und Rechtsordnung andererseits, wie sie besonders ENGELS in seinen Schriften "Dührings Umwälzung der Sozialwissenschaften", "Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates" (im Anschluß an LEWIS H. MORGANs Forschungen, Zürich 1884), "Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft" (dritte Auflage, Zürich 1883), darlegt, enthalten sicher viel Richtiges und die ganze Darstellung ist geistvoll. Die Quintessenz von der beständigen Weiterentwicklung allen sozialen Lebens, daher auch seiner Rechtsordnung, ist zwar auch nicht neu, jedoch wieder bemerkenswert erörtert. Der tiefere Mangel bleibt nur auch hier wieder, das reiche mannigfaltige geschichtliche Leben in seiner ganzen Entwicklung auf ein paar, eigentlich auf ein bestimmtes Hauptmoment zurückführen und dafür gleichsam eine Formel aufstellen zu wollen, unter Vernachlässigung aller anderen Einflüsse. So wir die "materialistische Geschichtsauffassung" zur Grundlage einer neuen einseitigsten Dogmatik.
    8) Näher von mir durchzuführen gesucht in meiner "Grundlegung", zweite Auflage, § 108-109e.
    9) SCHMOLLER, "Zur Methode der Staats- und Sozialwissenschaften", Jahrbuch für Gesetzgebung etc., Bd. III, 1883, Seite 975f
    10) Jahrbuch für Gesetzgebung etc., 1884, Seite 333.
    11) Wesen und Aufgabe der Nationalökonomie, Wien 1884. Siehe dazu HASBACH, Beiträge zur Methodologie der Nationalökonomie, Jahrbuch für Gesetzgebung etc., 1885, Seite 545.
    12) DARGUN, Egoismus und Altruismus, Leipzig 1885. Ein Versuch eines eigentümlichen Parallelsystems "egoistischer" und "altruistischer" Handlungen im Wirtschaftsleben, dessen nähere Erörterung ich mir hier versagen muß.
    13) L'historisme économique allemand, Paris 1885 (aus dem Journal de L'economie, Juli)
    14) HEINRICH DIETZEL, Über das Verhältnis der Volkswirtschaftslehre zur Sozialwirtschaftslehre, Berlin 1882. - Der Ausgangspunkt der Sozialwirtschaftslehre und ihr Grundbegriff, Tübinger Zeitschrift für die gesamte Staatswissenschaft, 1883, Bd. 39, Seite 1-80. - Beiträge zur Methodik der Wirtschaftswissenschaften", diese Jahrbücher, 1884, Bd. 43 (Neue Folge 9) Seite 17 - 44 und 193 - 259.
    15) Siehe auch meine erwähnte Besprechung und Antikritik des Schönberg'schen Handbuchs, Tübinger Zeitschrift 1883, Seite 170. Ebenso schon Jahrgang 1879, Seite 597. Berliner volkswirtschaftliche Vierteljahrsschrift 1878, Nr. 4, Seite 66: "Einige ältere Professoren ausgenommen sind fast alle Professoren der Volkswirtschaft auf deutschen Universitäten  exakter Wissenschaftlichkeit bar".  "Die echte Wissenschaft der Volkswirtschaft besteht fast nur außerhalb des Kreises der Universitäten". (WISS)
    16) BÖHM-BAWERK, Kapital und Kapitalzins, 1. Abteilung: Geschichte und Kritik der Kapitalzinstheorien, Innsbruck 1884.
    17) Die "deutsche Arbeitstheorie", in die der Verfasser SCHÄFFLEs und meine Ansichten über die Begründung des Zinses (Seite 352f) einreiht, scheint mir doch mit der Bemerkung, daß sie nur zur sozialpolitischen Rechtfertigung, nicht zur theoretischen Erklärung des Kapitalzinses dienen kann, noch nicht genügend widerlegt und erledigt zu sein.
    18) So glaubte ich diese Dinge schon in meiner  Finanzwissenschaft,  dritte Auflage, Bd. 1, Seite 347 bezeichnen zu können, wo Weiteres.
    19) Beilage zur  Allgemeinen Zeitung  im Nekrolog von NATORP über ERNST LAAS, 1895, Seite 291.