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WILHELM WUNDT
Über die Definition der Psychologie
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"Der Psychologe, auch wenn er verspricht, unter empirischer Flagge zu segeln, verfehlt selten schon auf den ersten Seiten seines Werkes sein metaphysisches Glaubensbekenntnis abzulegen."

"Der Materialismus, der die Psychologie auf Gehirnphysiologie reduziert und dem in Folge der hierdurch geforderten Anwendung rein physischer Gesichtspunkte überhaupt jeder Maßstab für geistige Zusammenhänge und Entwicklungen abhanden gekommen ist, hat sich damit selbst auf diesem Gebiet zur Leistungsunfähigkeit verurteilt."

I.

Eine allgemeine Definition dessen, was eine bestimmte Wissenschaft sei, pflegt umso weniger für eine unerläßlich, vor aller Untersuchung zu erfüllende Forderung gehalten zu wrden, je mehr man im einzelnen über Ziele und Wege einig ist. Die Philologie, die Jurisprudenz, die Naturwissenschaften, ja selbst die mit besonderer Sorgfalt um die exakte Definition ihrer einzelnen Begriffe bemühte Mathematik verzichten entweder ganz auf eine solche oder begnügen sich mit irgendeiner provisorischen Begriffsbestimmung, die für den Zweck der praktischen Arbeitsteilung zureicht.

Dieses Verfahren hat seine guten Gründe. Erstens sind die wirklichen Grenzen der einzelnen Wissenschaftsgebiete zunächst aus praktischen Motiven enstanden, so daß eine ein für allemal gültige Unterscheidung nicht nur schwierig, sondern manchmal unmöglich ist. Zweitens aber setzt eine exakte Begriffsbestimmung im allgemeinen schon eine so umfassenden Kenntnis des Gegenstandes voraus, daß sie eigentlich erst aufgrund der eingehenden Untersuchung desselben gegeben werden kann und, wenn sie erschöpfend sein sollte, in einer Wiederholung der wesentlichsten Ergebnisse dieser Untersuchung bestehen müßte.

Dies verhält sich nun anders bei solchen Gebieten, in denen man schon innerhalb der Einzeluntersuchungen über die Aufgaben, die zu lösen und über die Methoden, die anzuwenden sind, unsicher ist und wo daher eine Verschiedenheit der Richtungen besteht, die für den ganzen Inhalt der Wissenschaft maßgebend wird. Hier ist es nicht bloß begreiflich, sondern auch wünschenswert, daß vor allen Dingen der Standpunkt, den man in der Beurteilung der Probleme einnimmt, in einer Definition des Gegenstandes zum Ausdruck gebracht werde. In die Reihe dieser Gebiete gehört in erster Linie die  Philosophie  und im gleichen Fall wie sie befinden sich natürlich alle diejenigen Disziplinen, die von philosophischen Richtungen in entscheidender Weise beeinflußt sind.

In der  Psychologie,  von der wohl heute nicht mehr bestritten werden kann, daß sie auf dem Weg ist, sich aus einem Teilgebiet der Philosophie in eine selbständige positive Wissenschaft umzuwandeln, hat diese ihre Übergangsstellung einen charakteristischen Ausdruck darin gefunden, daß im selben Maß, wie die älteren spekulativen Richtungen auf eine grundlegende Definition ihres Gegenstandes einen entscheidenden Wert legten, in der neueren empirischen Psychologie eine solche meist entweder durch die Hinweisung auf die Aufgabe einer Analyse der Entstehung der Erfahrung überhaupt oder aber durch eine provisorische Begriffsbestimmung nach Analogie der Definitionen naturwissenschaftlicher Gebiete ersetzt worden ist. Den ersten dieser Standpunkte nimmt LOCKE mit der an ihn sich anschließenden empirischen Psychologie der Engländer ein, wobei zugleich die Auffassung der Psychologie als einer allgemeinen Theorie der Erfahrung auf der hier noch mangelnden Sonderung von der Erkenntnistheorie beruht. Der Gesichtspunkt der provisorischen Begriffsbegrenzung ist hauptsächlich in der neueren experimentellen Psychologie und im Anschluß an die bloß praktisch-empirische Bedeutung, die das Wort "Seele" in ihr eingenommen hat, vorherrschend. Die konkreten psychischen Vorgänge, Empfinden, Fühlen, Vorstellen, Wollen usw., wie sie schon in der vorwissenschaftlichen Erfahrung als zusammengehörige aufgefaßt werden, gelten hier als der Inhalt des empirischen Begriffs Seele und die Psychologie erhält daher die Aufgabe, den Zusammenhang dieser nicht näher zu definierenden, aber uns allen unmittelbar aus der Erfahrung bekannten "Bewußtseinstatsachen" zu untersuchen. Es ist begreiflich, daß namentlich populäre und propädeutische [einführende, wp]Werke sich mit einer solchen praktischen Gebietsabgrenzung zu behelfen suchen. (1)

Läßt sich nun aber auch diesem Gesichtspunkt, insofern er in der Gewohnheit der übrigen positiven Wissenschaften sein logisches Vorbild hat, seine Berechtigung nicht absprechen, so muß doch auf der anderen Seite zugestanden werden, daß sich die Psychologie vermöge ihrer vor kurzem erst eingetretenen und noch nicht einmal überall zur Anerkennung gelangten Loslösung von der Philosophie in einer eigentümlichen Lage befindet. Teils liegt die positiv wissenschaftliche Richtung in ihr immer noch im Streit mit Nachwirkungen und Erneuerungsversuchen älterer spekulativer Systeme; teils aber und mehr als das üben - eine begreifliche Nachwirkung der so lange bestandenen Verbindung - noch auf Vertreter der ersteren Richtung philosophische Anschauungen einen mehr als wünschenswerten Einfluß aus. Den Untersuchungen eines Physikers oder selbst eines Physiologen, sofern er sich nur auf sein eigenes Gebiet beschränkt, wird man nicht leicht anmerken, was etwa seine philosophischen Überzeugungen seien. Der Psychologe, auch wenn er verspricht, unter empirischer Flagge zu segeln, verfehlt selten schon auf den ersten Seiten seines Werkes sein metaphysisches Glaubensbekenntnis abzulegen. Diese Umstände machen es aber selbst für denjenigen, der die Psychologie vor solchen metaphysischen Antizipationen bewahrt sehen möchte, wünschenswert, den eigenen Standpunkt von vornherein kenntlich zu machen. Auch ohne sich auf eine Definition einzulassen, die den Resultaten vorausgreift, bleibt es doch immer möglich, den Ausgangspunkt der Untersuchung und den zunächst einzuschlagenden Weg zu bezeichnen. Eine Begriffsbestimmung in  diesem  Sinne wird aber namentlich dann notwendig, wenn sich Richtungen geltend machen, die jenen Ausgangspunkt anders bestimmen und die in Folge dessen abweichende Wege verfolgen.


II.

Solange sich die Psychologie in direkter Abhängigkeit von irgendeinem metaphysischen System wußte und sich als wesentlichen Bestandteil eines solchen betrachtete, ging die vorherrschende Anschauung dahin, daß es der  Gegenstand  ihrer Beobachtung sei, der sie von anderen Erfahrungswissenschaften scheide. Die seit DESCARTES vorherrschenden dualistischen Systeme, denen Leib und Seele als verschiedene, nur äußerlich aneinander gebundene Substanzen galten, forderten ohne weiteres eine solche Betrachtungsweise heraus. Mit den unterscheidenden Definitionen, die man von Seele und Körper aufstellte, waren dann unmittelbar auch die verschiedenen Gegenstände bezeichnet, mit denen sich die Psychologie auf der einen, die Naturwissenschaft auf der anderen Seite zu beschäftigen habe. Man könnte es auffallend finden, daß die LEIBNIZsche Monadologie mit den zahlreichen aus ihr hervorgegangenen oder in ihrem Sinne unternommenen Versuchen, jenen Dualismus zu beseitigen, hieran nichts geändert hat. Doch erklärt sich das daraus, daß die hier geltend gemachte Lehre von der metaphysischen Wesensgleichheit der Substanzen immerhin die Vorstellung, jede  individuelle  Seele sei eine besondere, von anderen realen Wesen, insbesondere denen ihres eigenen Körpers verschiedene Substanz, ruhig fortbestehen ließ. Dazu kam, daß sich der Gradunterschied, den man hier zwischen den Seelen und den sonstigen Substanzen annahm, in den psychologischen Anwendungen, bei denen sich die abstrakte Höhe metaphysischer Betrachtunge nicht wohl festhalten ließ, doch unwillkürlich wieder in einen  Wesens-unterschied umwandelte. Demgemäß wird denn noch heute in den psychologischen Werken der HERBARTschen Schule, ebensogut wie in denen anderer metaphysischer Richtungen, die Psychologie als eine Wissenschaft definiert, die es mit einem durchaus eigenartigen Gegenstand zu tun habe, womit denn ihre Scheidung von anderen Gliedern, die sich mit anderen Gegenständen beschäftigen, von selbst gegeben ist. Wo die psychologischen Systeme dieser Richtung erklären, daß auch sie von der  Erfahrung  ausgehen, da tritt höchstens insofern eine kaum wesentliche Modifikation ein, als man zunächst auf irgendwelche empirisch gegebene Merkmale des psychischen Geschehens hinweist, von denen aber sofort angedeutet oder ausdrücklich hervorgehoben wird, daß sie Merkmale eines spezifischen Gegenstandes seien. So liest man z. B. bei VOLKMANN, (2) das Problem der Psychologie sei, "die Erklärung der psychischen Phänomene, d. h. die Zurückführung der allgemeinen Klassen der bloß  zeitlichen Erscheinungen unserer Innenwelt  auf das ihnen zugrunde liegende wirkliche Geschehen und die Aufstellung der Gesetze, denen gemäß jene aus diesen hervorgehen." Hier sind augenscheinlich  zwei  empirische Merkmale als die den psychischen Phänomenen eigentümlichen aufgeführt. Diese sollen erstens "bloß zeitlich" sein und sie sollen zweitens der "Innenwelt" angehören, d. h. doch wohl: sie sollen weder unter Beteiligung der äußeren Sinne zustande kommen, noch auf äußere Objekte bezogen werden. Daß diese Merkmale empirisch stichhaltig seien, wird kein Unbefangener zugeben. Man muß offenbar schon sehr daran gewöhnt sein, unsere Vorstellungen im Licht der metaphysischen Theorie HERBARTs als bloß "intensive Größen" zu betrachten, um behaupten zu können, sie seien zeitlich aber nicht räumlich und sie stünden weder zu den Funktionen der äußeren Sinne, noch zu den Objekten der Außenwelt in irgendeiner Beziehung. Unverkennbar ist also hier schon das angeblich "wirkliche Geschehen", das erst aus den Phänomenen gefunden werden soll, in diese herübergewandert. Da mit diesem "wirklichen Geschehen" HERBARTs "Störungen und Selbsterhaltungen" der einfachen Seele gemeint sind, so ist es aber klar genug, daß die obige Definition nichts anderes, als die empirische Verkleidung einer metaphysischen Begriffsbestimmung vom "Wesen der Seele" ist.

Gegenüber der spiritualistischen befindet sich nun die  materialistische  Psychologie darin im Vorteil, daß sie auf eine besondere Seelensubstanz mit besonderen, durchgängig von der Naturordnung verschiedenen Eigenschaften und Erscheinungen verzichtet. Sie hält sich an den  einen,  der Beobachtung wirklich gegebenen Gegenstand, den  Körper  und betrachtet demnach die seelischen selbst als körperliche Erscheinungen oder mindestens als solche, die aus den physischen Eigenschaften bestimmter Gewebe und Organe speziell des Gehirns und der Sinnesorgane, abzuleiten seien. Aber die Macht metaphysischer Vorurteile herrscht hier so gut wie dort. Ob man in den psychischen Vorgängen Störungen und Selbsterhaltungen der Seele oder Bewegungen zentraler Moleküle, Leistungen der Hirnzellen und dgl. sieht, ist für die Sache selbst ziemlich gleichgültig. Beiderlei Interpretationen sind nur Hilfsmittel, um die Wirklichkeit hinter einer Hülle imaginärer oder doch von dem, was erklärt werden soll, total verschiedener Vorgänge zu verbergen und sie verwandeln sich in der Anwendung stets zugleich in täuschende Idole, die die unbefangene Auffassung der Dinge stören. Diesem Schicksal ist in der Tat die materialistische noch in schlimmerer Weise als die spiritualistische Psychologie verfallen. Bei Männern wie DESCARTES, LEIBNIZ oder HERBART hatte die Überzeugung vom selbständigen Wert des geistigen Lebens immerhin die Möglichkeit tieferer Einblicke und fruchtbarer Ideen im Einzelnen offen gelassen. Der Materialismus, der die Psychologie auf Gehirnphysiologie reduziert und dem in Folge der hierdurch geforderten Anwendung rein physischer Gesichtspunkte überhaupt jeder Maßstab für geistige Zusammenhänge und Entwicklungen abhanden gekommen ist, hat sich damit selbst auf diesem Gebiet zur Leistungsunfähigkeit verurteilt. Da nun aber einmal die Empfindungen, Gefühle, Affekte usw., was man auch über ihren Ursprung denken mag, existieren und mit physiologischen Vorgängen doch nur mittels irgendwelcher Hilfsbegriffe, wie der "ungenauen Selbstwahrnehmung" oder der "Funktion", in Verbindung zu bringen sind, so bleibt auch hier im Grunde die Auffassung bestehen, daß das Psychische die Erscheinungsweise eines besonderen Gegenstandes sei. Nur ist dieser Gegenstand nicht mehr die materielle Seele, sondern das Gehirn.

Die so auf das engsten an die Vorherrschaft metaphysischer Ideen gebundene  gegenständliche  Auffassung wurde zum ersten Mal durch LOCKE und die an ihn sich anschließende englische Psychologie erschüttert. Indem diese Psychologie in der Untersuchung der  Entstehung der Erkenntnis  ihr Problem sieht, ist sie, wie schon oben bemerkt, zugleich Erkenntnistheorie. Sie ist ferner, dieser Vereinigung entsprechend, vorherrschend intellektualistisch und sie erblickt endlich in ihren späteren Vertretern durchgängig im Assoziationsprozeß den typischen Vorgang, aus dem alle psychischen Entwicklungen abzuleiten seien. Wichtiger vielleicht, als alle diese Eigentümlichkeiten ist aber die Gesamtauffassung, welche die englische Psychologie von der Natur des seelischen Geschehens zur Geltung bringt. Dieses Geschehen besteht ihr im Prozeß der  Erfahrung überhaupt . Die EIndrücke der äußeren Sinne und die der Selbstauffassung angehörigen Wahrnehmungen, die "Sensation" und die "Reflexion" in der Terminologie LOCKEs, sind zwar Bestandteile dieser Erfahrung, aber nicht Inhalte, die jemals voneinander zu scheiden wären. Die Ideen der Sensation bilden daher ebenso gut wie die der Reflexion den Inhalt der Psychologie. Darin liegt von selbst, daß es hier nicht mehr der  Gegenstand  ist, der die Psychologie von der Naturwissenschaft scheidet, sondern der  Standpunkt der Betrachtung.  Die Naturwissenschaft untersucht die Objekte der Erfahrung in ihrer wirklichen objektiven Beschaffenheit; die Psychologie betrachtet sie, insofern sie von uns erfahren werden und in Bezug auf die Entstehung solcher Erfahrungen. Hat auch LOCKE diesem Gedanken nicht direkt entsprochen, so liegt er doch stillschweigend allen seinen Erörterungen zugrunde. Auch ist klar, daß die Gleichsetzung von Psychologie und Erkenntnislehre mit Notwendigkeit zu demselben führen mußte. Unter unseren Erkenntnissen spielen diejenigen, die sich auf die Objekt der Außenwelt beziehen, eine hervorragende Rolle. Eine Gegenüberstellung zwischen Naturwissenschaft und Psychologie, wie eine solche die metaphysische Psychologie versucht, ist also hier von vornherein unmöglich. Dabei erkennt freilich LOCKE an, daß in unsere Erfahrung im psychologischen Sinne Elemente eingehen, die wir nicht auf äußere Objekte beziehen. Aber auch von diesen gehört wenigstens ein Teil, nämlich der Inhalt der sekundären Sinnesqualitäten (Farbe, Ton und dgl.), der Sensation an.

Obgleich demnach in diesen Voraussetzungen der englischen Erfahrungspsychologie und Erkenntnislehre nirgends ein gegenständlicher Unterschied zwischen Psychologie und Naturwissenschaft gemacht wird, so lag aber gleichwohl in LOCKEs Unterscheidung von "Sensation" und "Reflexion" abermals der Keim zu einer solchen Auffassung, die dann freilich nur durch eine Verpflanzung jenes Keimes auf einen ihm ursprünglich fremden Boden entstehen konnte. Indem nämlich in der  deutschen  Psychologie des vorigen Jahrhunderts die empirische Erkenntnislehre LOCKEs mit den Gedanken der LEIBNIZschen Philosophie zusammentraf, ging aus dieser Verbindung jener Gegensatz der "äußeren" und der "inneren" Erfahrung hervor, der für uns heute noch der gangbare Ausdruck für die nächste praktische Unterscheidung der Tatsachen der naturwissenschaftlichen und der psychologischen Untersuchung geblieben ist, wenn wir ihm auch nicht mehr dieselbe Bedeutung beilegen, wie die Psychologie der WOLFFschen Schule. Dieser gelten nämlich jene beiden Formen der Erfahrung als  durchgängig  verschiedene Erfahrungsgebiete. Ihre schärfsten Ausdruck fand diese Anschauung im Begriff des "inneren Sinnes", den man als Organ der inneren Erfahrung den äußeren Sinnen gegenüberstellte. Zugleich gab man aber dem inneren Sinn insofern eine übergeordnete Stellung, dals man annahm, er habe nicht bloß seine ihm spezifische eigentümlichen Gegenstände, sondern auch die Eindrücke der äußeren Sinne würden zu Objekten desselben, indem wir uns ihrer bewußt werden. Immerhin führte man gewisse Erfahrungsbestandteile ausschließlich auf die Eigenschaften der äußeren, andere auf die der inneren Sinne zurück. So hat noch im Geiste dieser Psychologie KANT den  Raum  als die Anschauungsform des äußeren, die  Zeit,  als diejenige des inneren Sinnes bezeichnet. Leicht war man dann aber auch geneigt, im Anschluß an die LEIBNIZsche Unterscheidung der inneren Selbstauffassung und der äußeren Wechselbeziehung der Monade, dem inneren Sinn hinsichtlich der Wahrheit seiner Aussagen einen Vorzug vor dem äußeren einzuräumen. Jener sollte eine unmittelbare Wirklichkeit der Beobachtung darbieten, dieser nur Erscheinungen, die eine Wirklichkeit andeuten, ohne sie selbst zu sein. Besonders energisch wird diese Auffassung später von BENEKE in seiner Psychologie vertreten. Hier haben sich innere und äußere Erfahrung zu einem Gegensatz entwickelt, der vollständig dem von Sein und Erscheinung entspricht. "Unseren eigenen Leib fassen wir, wie alles Körperliche, nur durch Eindrücke auf unsere Sinne, nicht, wie bei der Seele, die Kräfte und Entwicklungen, wie sie in sich selber sind, auf." (3) So sind hier äußere und innere Erfahrung nicht mehr verschiedene sich ergänzende Bestandteile der Erfahrung, sondern sie sind völlig verschiedene  Arten  derselben geworden. Wird auch die Möglichkeit zugelassen, daß das metaphysische Substrat dieser beiden Erfahrungsformen schließlich eins und dasselbe sei, - für das Verhältnis psychologischer und naturwissenschaftlicher Betrachtungsweise ist das gleichgültig. Hier bleibt es dabei, daß diese verschieden sind, weil ihre  Gegenstände  es sind. Und auch darin verrät diese Psychologie des "inneren Sinnes" die metaphysischen Einflüsse, die auf ihre Entstehung eingewirkt haben, daß jene "Kräfte und Entwicklungen der Seele", die angeblich die unmittelbaren Inhalte der inneren Wahrnehmung sein sollen, in Wirklichkeit gerade so gut ein Gewebe von allerlei Hypothesen und Fiktionen sind, wie die Störungen und Selbsterhaltungen und die Vorstellungsmechanik der HERBARTschen Psychologie.

Demgegenüber darf es nun wohl als die vorherrschende Tendenz aller neueren Richtungen bezeichnet werden, daß sie im ganzen in der Bestimmung des Verhältnisses von äußerer und innerer Erfahrung wieder zur empirischen Auffassung LOCKEs zurückzukehren suchen und daß sie die ursprüngliche Einheit aller Erfahrung in noch viel entschiedenerer Weise betonen, als es zu LOCKEs Zeiten möglich war, - eine notwendige Rückwirkung der neueren kritischen Erkenntnistheorie, für die natürlich LOCKEs unvollkommene Begriffsbildungen und naive Wahrheitskriterien längst nicht mehr maßgebend sind. Wer sich heute der Ausdrücke  äußere und innere Erfahrung  bedient, der will darum in der Regel weder absolut disparate Erfahrungsinhalte, noch verschiedene Erfahrungsgegenstände bezeichnen, noch will er, daß das "außen" und "innen" buchstäblich verstanden werde, sondern er betrachtet diese Wörter, wie so viele andere, als solche, die ihr Gepräge durch die zurückgelegte Bedeutungsentwicklung erlangt haben. Nach dieser soll aber die "innere Erfahrung" den unmittelbaren Erfahrungsinhalt der Psychologie, die "äußere" den der Naturwissenschaft bezeichnen, ohne damit irgendeine Aussage über Ursprung, Bedeutung und wechselseitiges Verhältnis dieser Erfahrungsinhalte verbinden zu wollen. In diesem, keiner psychologischen Richtung und Anschauung präjudizierenden [vorverurteilenden, wp] Sinne ist der Ausdruck "innere Erfahrung" jedenfalls unbedenklich. So lange sich kein anderer eingebürgert hat, der ihn ersetzen könnte, dürfte er aber auch unentbehrlich sein.

Nicht minder, als über diese ausschließlich dem praktischen Zweck der Gebietsscheidung dienende Anwendung der Begriffe innere und äußere Erfahrung ist man jedoch heute wohl ziemlich allgemein darüber einig, daß es nicht der besondere empirische Gegenstand, sondern nur der besondere  Standpunkt  der Betrachtung ist, der die Psychologie von anderen Erfahrungswissenschaften scheidet. Es mag genügen, als ein einzelnes Zeugnis dieser Anschauung eine Stelle aus LIPPS' "Grundtatsachen des Seelenlebens" anzuführen. "Vorstellungen", so heißt es hier (Seite 3), "bilden am Ende das Material der Naturwissenschaft wie der Geisteswissenschaft. Aber Vorstellungen treten für uns in ein doppeltes System von Beziehungen, das der objektiven, vom Subjekt unabhängig gedachten Beziehungen des Vorgestellten unter sich und das System der Beziehungen, in das die Vorstellungen unserer subjektiven Zustände zueinander und zum ganzen seelischen Wesen treten. Mit jenen hat es die  äußere,  mit diesen die  innere  Beobachtung zu tun." Wenn man hier das "ganze seelische Wesen", wie man es vom empirischen Gesichtspunkt aus wohl tun muß, so interpretiert, daß man darunter lediglich die Gesamtheit jener der "inneren Beobachtung" gegebenen Elemente versteht, die nicht zu den Vorstellungen gehören, so wird es wohl wenige Psychologen gebn, die sich nicht im allgemeinen mit dieser Begriffsbstimmung einverstanden erklären könnten.

Gleichwohl scheint es angesichts der innerhalb der  experimentellen  Psychologie der Gegenwart bestehenden Divergenz der Anschauungen, als sei mit der in den obigen Worten enthaltenen Anerkennung, daß nur der Standpunkt der Betrachtung die Psychologie kennzeichnet, die Stellung dieser zu anderen Gebieten, namentlich zur Naturwissenschaft, noch nicht zureichend definiert. In der Tat läßt sich jene Divergenz auf  zwei  Modifikationen der soeben gegebenen allgemeinen Begriffsbestimmung zurückführen, Modifikationen, aus denen merkwürdigerweise zwei  total verschiedene Definitionen der Psychologie  entspringen. Diese Definitionen, die den Inhalt der folgenden Betrachtung bilden sollen, lassen sich nebst ihren hauptsächlichsten Motiven in die folgenden Sätze zusammenfassen.

Erste  Definition. Die Tatsachen, mit denen sich alle Wissenschaften zu beschäftigen haben, sind "Erfahrungen" oder, sofern Erfahrungen von einem sie erlebenden Subjekt gemacht werden müssen, "Erlebnisse". Solche Erlebnisse können entweder in Bezug auf die ihnen  objektiv zukommende wirkliche Beschaffenheit  untersucht werden, - dies ist die Aufgabe der  Naturwissenschaft.  Oder sie können in ihrer  Abhängigkeit von erlebenden Subjekten  untersucht werden, - dies ist die Aufgabe der  Psychologie.  Nun weist die Naturwissenschaft nach, daß ein erlebendes Subjekt nach der ihm objektiv zukommenden wirklichen Beschaffenheit stets ein  körperliches Individuum  ist. Folglich hat die Psychologie  die Erlebnisse in ihrer Abhängigkeit vom körperlichen Individuum  zu untersuchen und die Theorie der psychischen Vorgänge besteht in der Nachweisung ihrer Abhängigkeit von bestimmten körperlichen Vorgängen. Sondert man die Probleme der Psychologie in  zwei  Aufgaben: in die Zerlegung der Bewußtseinsinhalte in ihre Empfindungselemente und in die Untersuchung des kausalen Zusammenhangs dieser Elemente, so ist demnach nur die erste, vorbereitende dieser Aufgaben eine relativ selbständige, ihre zweite, endgültige Aufgabe aber macht die Psychologie ganz und gar zu einem  Anwendungsgebiet der Physiologie.  (4)

Zweite  Definition. Alle Erfahrung ist eine einheitliche, in sich zusammenhängende. Jede Erfahrung enthält nun  zwei  in Wirklichkeit untrennbar verbundene Faktoren: die Erfahrungsobjekte und das erfahrende Subjekt. Die Naturwissenschaft sucht die Eigenschaften und wechselseitigen Beziehungen der  Objekte  zu bestimmen. Sie abstrahiert daher durchgängig, so weit dies vermöge der allgemeinen Erkenntnisbedingungen möglich ist, vom Subjekt. Hierdurch ist ihre Erkenntnisweise eine  mittelbare  und, da die Abstraktion vom Subjekt hypothetische Hilfsbegriffe erforderlich macht, denen die Anschauung niemals vollkommen adäquat gedacht werden kann, zugleich eine  abstrakt-begriffliche.  Die Psychologie hebt diese von der Naturwissenschaft ausgeführte Abstraktion wieder auf, um die Erfahrung in ihrer unmittelbaren Wirklichkeit zu untersuchen. Sie gibt daher über die Wechselbeziehungen der subjektiven und objektiven Faktoren der unmittelbaren Erfahrung und über die Entstehung der einzelnen Inhalte der letzteren und ihres Zusammenhangs Rechenschaft. Die Erkenntnisweise der Psychologie ist demnach im Gegensatz zu derjenigen der Naturwissenschaft eine  unmittelbare  und, insofern die konkrete Wirklichkeit selbst, ohne Anwendung abstrakter Hilfsbegriffe, das Substrat ihrer Erklärungen ist, eine  anschauliche.  Hieraus folgt, daß die Psychologie eine der Naturwissenschaft  koordinierte  Erfahrungswissenschaft ist und daß sich die Betrachtungsweisen beider in dem Sinne ergänzen, daß sie zusammen erst die uns mögliche Erfahrungserkenntnis erschöpfen. (5)

Ich will es versuchen, im folgenden den Nachweis zu führen, daß die erste dieser Definitionen unhaltbar ist und daß dagegen die zweite derjenigen Aufgabe wirklich entspricht, die gegenwärtig der Psychologie gestellt werden muß.


III.

Die erste der obigen Begriffsbestimmungen der Psychologie ist, wie ich glaube, aus  vier  Gründen unhaltbar. Sie beruht erstens auf einer logischen Begriffsvermengung, die nach der üblichen Terminologie der Fehlschlüsse als die Verbindung einer Quaternio terminorum [Fehlschluß beruhend auf dem Gleichlaut zweier Begriffe, wp] mit einer Petitio principii [es wird vorausgesetzt, was erst zu beweisen ist - wp] betrachtet werden kann. Sie widerspricht zweitens der tatsächlichen Entwicklung und infolgedessen auch der realen Bedeutung der naturwissenschaftlichen Forschung. Sie verfehlt drittens die wirkliche Aufgabe der Psychologie und leistet daher nichts für die psychologische Erkenntnis. Sie entpuppt sich endlich viertens ihrer Tendenz nach als ein Versuch, die Psychologie in die Dienstbarkeit der Metaphysik zurückzuführen, da ihre logische Begründung keine voraussetzungslose ist, sondern das materialistische Dogma mindestens in dem Sinn voraussetzt, daß es der Untersuchung des Zusammenhangs der psychischen Vorgänge zugrunde zu legen sei.

Diese letztere Beschränkung muß deshalb hinzugefügt werden, weil die Anhänger dieser Richtung im allgemeinen darüber einig sind, daß nur die  Verbindungen  der psychischen Elemente, nicht aber, wie der eigentliche Materialismus behauptet, die  Elemente selbst  aus physischen Vorgängen zu erklären seien. Es soll daher auch im folgenden diese eigentümliche Spielart des Materialismus mit dem von einigen seiner Vertreter selbst gewählten Namen des "psycho-physischen Materialismus" bezeichnet werden.

1. Diejenige logische Voraussetzung dieser Definition, die ihr mit der oben an zweiter Stelle angeführten gemeinsam ist, besteht darin, daß sie alle  Objekte  der Erfahrung und ein erfahrendes  Subjekt  einschließt und daß dieser Zweiheit der Faktoren die Gebietstheilung in Naturwissenschaften und Psychologie entspricht. Diese Gebietsteilung selbst glaubt sie aber dahin feststellen zu dürfen, daß der Naturwissenschaft die  Erkenntnis der objektiven Wirklichkeit,  der Psychologie dagegen die Untersuchung der jenigen Modifikationen zufalle, welche diese objektive Wirklichkeit durch das sie erlebende  Subjekt  erfahre. Aus den in gewissem Betracht richtigen Vordersätzen, daß die Naturwissenschaft die Erkenntnis der objektiven Wirklichkeit, wie sie unabhängig vom Subjekt angenommen werden kann und daß die Psychologie das Subjekt in seinen Beziehungen zu dieser objektiven Wirklichkeit zum Gegenstand habe, wird der ganz falsche Schluß gezogen, die Naturwissenschaft sei dasjenige unter diesen beiden Gebieten, welches die Erkenntnis der  Wirklichkeit überhaupt,  als  mit Einschluß des Subjektes,  zu seinem Inhalt habe, so daß für die Psychologie nur die Aufgabe einer Anwendung der so gewonnenen allgemeinen Erkenntnisse auf ihren besonderen Gegenstand übrig bleibe. Dieser besondere Gegenstand ist das  Subjekt.  Da für den rein naturwissenschaftlichen Standpunkt das Subjekt mit dem "körperlichen Individuum" identisch ist, so soll also die Aufgabe der Psychologie darin bestehen, die psychischen Vorgänge aus den Eigenschaften des körperlichen Individuums abzuleiten. Die Quaternio terminorum dieser Argumentation liegt darin, daß die objektive Wirklichkeit zuerst in einem beschränkteren Sinn genommen wird, in welchem dieselbe die  Objekte nach Abstraktion vom Subjekt,  dann aber in einem allgemeineren, in welchem sie die  ganze Wirklichkeit  in objektiver, von subjektiven Trübungen und Täuschungn befreiter Auffassung bedeutet. Eine Petitio principii ist es ferner, daß die naturwissenschaftliche Erkenntnis von vornherein als die  allgemeingültige,  als auch für die Erkenntnis des Subjekts und seiner Wechselbeziehungen zu den Objekten maßgebende hingestellt wird. Ist sie das, so ist natürlich der von der Naturwissenschaft gewonnene Begriff des Subjektes als der "körperlichen Individuums" auch für die Psychologie gültig und für die psychologischen Erfahrungsinhalte, die Empfindungn, Gefühle und dgl. bleibt nichts anderes übrig, als anzunehmen, daß sie ihrem eigentlichen Inhalt nach Modifikationen der physischen Wirklichkeit seien, die unter dem besonderen Einfluß des körperlichen Individuums zustande kommen.

Diese fehlerhafte Schlußfolge, die überaus durchsichtig ist, wenn man die Dinge bei ihren üblichen Namen nennt, pflegt nun durch die gewählten Bezeichnungen einigermaßen verhüllt zu werden. Statt des Wortes "Erfahrung" bedient man sich des schwankenderen und dabi doch gewisse Nebenbedeutungen einschließenden: "Erlebnis". An und für sich hat dieses Wort  zwei  Nebenbedeutungen. Die erste weist darauf hin, daß die psychische Erfahrung nicht ein ruhendes Sein, sondern daß es  Ereignis, Geschehen, Vorgang  sei. In diesem Sinne, in welchem das Erlebnis mit dem zusammentrifft, was man in der Auffassung der Bewußtseinsvorgänge die "Aktualitätstheorie" genannt hat, (6) akzeptiere ich den Ausdruck gern. Aber gerade diese nicht wohl mißverständliche Bedeutung bleibt im vorliegenden Fall ganz außer Betracht. Dafür tritt hier eine zweite Nebenbedeutung in den Vordergrund: die nämlich, daß jedes Erlebnis auf ein  erlebendes  Subjekt hinweist. Wenn man die Aufgabe der Naturwissenschaft als Erkenntnis der objektiven Beschaffenheit der "Erlebnisse" bestimmt, so hat das demnach einen anderen Sinn, als wenn man ihr bloß den objektiven Inhalt der "Erfahrung" oder gar bloß diesen Inhalt nach Abstraktion vom Subjekt zuweist. Da es Erlebnisse ohne ein erlebendes Subjekt nicht gibt, so scheint es nämlich selbstverständlich zu sein, daß die Naturwissenschaft mit der objektiven Wirklichkeit der Erlebnisse nun auch die objektive, d. h. nach der Verallgemeinerung, die man unter der Hand mit diesem Prädikat vorgenommen, die wirkliche Beschaffenheit des Subjektes festzustellen hat. So kommt hier das merkwürdige und doch sehr begreifliche Resultat zum Vorschein, daß ein Begriff, der an sich die Tendenz hat, auf den  subjektiven  Ursprung der Erfahrung hinzuweisen, dazu dient, des  eigentlichen Subjekts,  nämlich desjenigen, das die Erfahrungen macht, des erkennenden und handelnden, los zu werden, damit ein  Objekt,  das sogenannte "körperlich Individuum", an dessen Stelle trete.

Daß sich schließlich diese Begriffsbestimmung der Psychologie in ein Dilemma verwickelt, welches nur zwischen der Nichtexistenz der definierten Wissenschaft und dem Zugeständnis der prinzipiellen Fehlerhaftigkeit der Definition die Wahl läßt, ist einleuchtend. Fällt der Naturwissenschaft die Erkenntnis der  gesamten  Wirklichkeit zu und ist darum insbesondere alles, was den sogenannten "Bewußtseinsvorgängen" zugrunde liegt, aus den physiologischen Eigenschaften des körperlichen Individuums abzuleiten, so findet die Psychologie ihre Arbeit getan, ehe sie damit angefangen hat. Ihre Probleme hat von Rechts wegen einzig und allein die Physiologie zu erledigen. Behält dagegen die Psychologie eine selbständige Aufgabe, weil die Naturwissenschaft nicht die ganze Wirklichkeit umfaßt, sondern bei jedem Subjekt von bestimmten Seiten und Zusammenhängen der Erfahrung abstrahiert, dann stellt die obige Begriffsbestimmung an die Physiologie, die doch eine Naturwissenschaft ist, die widersinnige Zumutung, sie habe eine endgültige Erkenntnis von dem zu vermitteln, was sie grundsätzlich von ihrer Betrachtung ausgeschlossen hat, nämlich vom Subjekt, insofern es nicht bloß "Erlebnis", sondern selbst ein "erlebendes" ist. Auch der scheinbare Mittelweg, den der "psycho-physische Materialismus" einschlägt, indem er die Aufsuchung der psychischen  Elemente  der Psychologie, die der Verbindung dieser Element aber der Physiologie zuweist, hilft nicht aus diesem Dilemma. Denn da von diesem Standpunkt aus die psychischen Elemente nur als Zeichen in Betracht kommen, welche die Existenz bestimmter physischer Elementarvorgänge verraten, so würde die Nachweisung jener Elemente offenbar ein Geschäft sein, das bereits die naturwissenschaftliche Untersuchung zu erledigen hätte.

2. Unter den Einflüssen, welche die in der besprochenen Definition niedergelegte Anschauung begünstigen, steht jedenfalls das imponierende Ansehen, dessen sich die Naturwissenschaften erfreuen, in erster Linie. Die Gedanken, die diesen Einfluß verraten, lassen sich nun in  zwei  Argumente sondern, von denen sich das eine auf den  systematischen Zusammenhang der Naturwissenschaft,  das andere auf die  Bedingungen ihrer geschichtlichen Entwicklung  bezieht.

a) das  erste  Argument ist das folgende: nur die Naturwissenschaft bietet uns eine  lückenlose  Kausalität dar. Der Zusammenhang des psychischen Geschehens dagegen reicht stets nur über eng begrenzte Reihen von Vorgängen. Nun entspricht vermöge des in der neueren Psychologie zur Geltung gelangten Prinzips des "psychologischen Parallelismus" jedem psychischen ein physischer Vorgang. Da also nach diesem Prinzip jeder psychische Zusammenhang in doppelter Form gegeben ist, einmal nämlich als psychische und sodann als physische Kausalreihe. Da aber von diesen beiden Kausalreihen nur die zweite, die physische, vollständig, die erste, die psychische, lückenhaft ist, so folgt daraus, daß eine vollständige Kausalerklärung des psychischen Geschehens nur eine  physische  sein kann. (7)

Ich habe bei einer früheren Gelegenheit bereits die Nichtigkeit dieses Arguments darzulegen versucht (8) und kann mich darum hier damit begnügen, das Ergebnis jener Kritik in folgenden Sätzen zusammenzufassen:
    1) Die behauptete "Lückenlosigkeit der Naturkausalität" ist eine unberechtigte Übertragung eines allgemeinen, nur für die einfachsten Zusammenhänge erfüllbaren Postulats auf die wirkliche Erkenntnis der Naturerscheinungen, insbesondere auch der verwickeltsten, in Wahrheit nur in äußerst spärlichen Fragmenten erkennbaren: der physiologischen Gehirnprozesse. Ja, für diese kehrt sich das behauptete Verhältnis vollständig um; denn es kann für den Unbefangenen nicht der geringste Zweifel obwalten, daß wir, wenn wir uns hier der "psycho-physischen" Terminologie bedienen wollen, die  psychische  Seite der Gehirnvorgänge in ganz unvergleichlich weiterem Umfang in ihrem Zusammenhang zu überblicken vermögen als die  physische  Seite.

    2) Dem sogenannten "Prinzip des psycho-physischen Parallelismus" wird durch die hier von ihm gemachte Anwendung eine Bedeutung gegeben, die es als  empirisches  Prinzip berechtigter Weise niemals haben kann. Da es nämlich auf ein "Parallelgehen" von Zusammenhängen hinweist, die disparater Natur sind und von denen jeder daher, sofern er überhaupt ein kausal begründeter ist, nur ein solcher sein kann, der gleichartige, d. h. miteinander vergleichbare Tatsachen verbindet, so kann auch das Parallelprinzip höchstens die Bedeutung eines  Hilfsprinzips  haben, dessen wir uns in den speziellen Fällen bedienen können, wo uns auf der einen oder anderen Seite Lücken im Zusammenhang der Prozesse entgegentreten. Dagegen kann es unter keinen Umständen als ein  Grundprinzip  oder vollends, wie es hier geschieht, als das  einzige  Grundprinzip angesehen werden, welches für die Erklärung der psychischen Vorgänge selbst von Bedeutung ist. (9)

    3) Wenn selbst jene falsche Behauptung, daß die Naturkausalität tatsächlich eine lückenlose, die psychische eine fortwährend unterbrochene sei, richtig wäre, so würde darum doch immer noch eine physiologische Theorie der psychischen Vorgänge über die Bedeutung und die inneren Beziehungen dieser Vorgänge selbst gar keinen Aufschluß geben, also darum noch immer die Aufgabe der Psychologie eine selbständige bleiben, da es ebensowenig möglich ist, aus einem mechanischen Zusammenhang den psychologischen Charakter einer Verbindung psychischer Elemente abzuleiten, wie etwa daran gedacht werden kann, aus einer Molekularbewegung die Qualität einer Empfindung zu erklären.
b) das  zweite  naturwissenschaftliche Argument ist ein  geschichtlich-genetisches.  Es wird von den Anhängern der hier besprochenen Anschauung selbst entweder überhaupt nicht erwähnt oder nur andeutungsweise berührt. Doch wird es, wenn man die aus diesem Standpunkt sich notwendig ergebenden Vorausstzungen über die Entstehung und Teilung der wissenschaftlichen Aufgaben entwickelt, folgendermaßen formuliert werden können: Die Naturwissenschaft ist auf dem Weg ihrer geschichtlichen Entwicklung allmählich dazu gelangt, die  objektive Wirklichkeit  der Dinge, befreit von den subjektiven Veränderungen, die sie in unseren Empfindungen und Vorstellungen erfährt, festzustellen. Nachdem sie dieses Ziel erreicht hat, tritt nun an die Psychologie die Aufgabe heran, den Ursprung jener subjektiven Veränderungen selbst aufzuhellen. Das kann sie aber nur tun, indem sie die subjektiven Erscheinungen aus den von der Naturwissenschaft festgestellten Gesetzen der objektiven Wirklichkeit, speziell also aus den Eigenschaften des körperlichen Individuums ableitet, das der Träger dieser Erscheinungen ist.

Dieses Argument, welches, wenn auch nicht genau in der angegebenen Form ausgesprochen, doch logischerweise als der geschichtliche Grundgedanke der besprochenen Definition notwendig angesehen werden muß, beruth auf einer völligen Verkennung der tatsächlichen geschichtlichen Entwicklung der Naturwissenschaft und der Beweggründe, die sie bestimmt haben. In Wirklichkeit hat sich nämlich in der Entwicklung der Naturwissenschaft das Motiv der Elimination subjektiver Einflüsse auf die Auffassung der objektiven Wirklichkeit durchaus einem anderen Motiv untergeordnet, zu dem es nur einen speziellen Fall bildet. Dieses umfassendere Motiv, das von Anfang an die Naturwissenschaft beherrschte und sie noch heute beherrscht, ist das der  Abstraktion  vom Subjekt.  Unsere  Gefühle, Affekte, Willensakte lassen sich nicht im mindesten dem Gesichtspunkt einer subjektiven Veränderung der Wirklichkeit unterordnen, die dann ähnlich wie eine Sinnestäuschung eliminiert werden müßte. Vielmehr abstrahiert die Naturwissenschaft von diesen unmittelbaren Erfahrungsinhalten, weil sie von den beiden Faktoren, die alle Erfahrung enthält, Objekt und Subjekt, nur dem  Objekt  ihr Interesse zuwendet. Ebenso betrachtet sie aber die Empfindungen und Vorstellungen keineswegs unter dem Gesichtspunkt subjektiver Veränderungen der Wirklichkeit, sondern die Vorstellungen gelten ihr so lange und insoweit selbst als objektive Wirklichkeit, als sie nicht durch die Abstraktion vom Subjekt genötigt ist, gewisse Bestandteile als subjektiv auszuscheiden. Bei dieser Ausscheidung wird sie durch die logische Voraussetzung geleitet, daß die objektive Wirklichkeit in allen ihren Erscheinungen einen in sich geschlossenen Kausalzusammenhang bildet. Zugleich ist diese Abstraktion die Quelle aller jener hypothetischen Hilfsbegriffe, die im Begriff der  Materie  ihre allgemeine Grundlage haben, einem Begriff, der in letzter Instanz aus der Nötigung entspringt, das nach der Abstraktion vom erfahrenden Subjekt seiner anschaulichen Beschaffenheit verlustig gegangene Substrat der objektiven Wirklichkeit  begrifflich  und, da eine solche Feststellung selbst kein unmittelbarer Erfahrungsinhalt sein kann, zugleich  hypothetisch  zu fixieren.

Demnach beweist auch die tatsächliche Entwicklung der naturwissenschaftlichen Abstraktionen und Begriffsbildungen überzeugend die Fehlerhaftigkeit der besprochenen Definition. Durch eine denkwürdige Reihe bewundernswerter Anstrengungen hat die Naturwissenschaft jene Leistung der Abstraktion vom Subjekt vollbracht, so weit sie überhaupt vermöge der menschlichen Erkenntnisbedingungen zu vollbringen ist. Es ist daher eine von vornherein unerfüllbare Forderung, wenn man von der nämlichen Naturwissenschaft verlangt, sie solle den Begriff eben desjenigen endgültig feststellen, von dem sie geflissentlich abstrahiert hat, des  Subjekts. 

3. Daß eine Begriffsbestimmung, die auf solchen widerspruchsvollen und mit der wirklichen Entwicklung der Wissenschaft unvereinbaren Forderungen ruht, zu einer befriedigenden Lösung der psychologischen Aufgaben nicht führen kann, ist selbstverständlich. Sollte das aufgestellte Programm folgerichtig durchgeführt werden, so müßte eine Theorie des Bewußtseins, der Entstehung und der Verbindungen der Vorstellungen, der Gefühle, Affekte usw. aufgrund bekannter Tatsachen der Gehirnpysiologie gegeben werden. Nun gibt es Tatsachen, die solches leisten könnten, nicht. Es bleibt also nur übrig, Hypothesen zu ersinnen, die diese Lücke ausfüllen. Über den Charakter solcher Hypothesen habe ich mich anderwärts ausgesprochen; (10) ich will darum hier auf diesen Gegenstand nicht näher eingehen. Nur das  eine  sei hervorgehoben, daß der einzige einigermaßen brauchbare Hilfsbegriff, der in den erwähnten Hypothesen eine Rolle spielt, der Begriff der  physiologischen Übung  ist, ein Begriff, der in seiner Bedeutung für die Physiologie der Nervenzentren schon längst gewürdigt wurde, (11) der aber an sich ein komplexer Begriff ist, so daß wir uns von der wirklichen Natur der physiologischen Übungsvorgänge bis jetzt nur mittels sehr roher mechanischer Analogien einigermaßen ein Bild machen können. Alles übrige ist, soweit es die Psychologie berührt, hypothetisch - und leider selten nur hypothetisch in jenem Sinne, in welchem eine Hypothese ein brauchbares Hilfsmittel zur Interpretation der Erfahrungen, sondern meist in jenem anderen, in welchem sie eine keinerlei Erklärungszwecke wirklich befriedigende Erfindung ist. Natürlich läßt sich mit solchem Material eine Psychologie nicht zustande bringen. Da man sich aber, so gut es geht, mit den gewöhnlichen Fragen der Psychologie abfinden muß, so kann nur ein Mischprodukt zustande kommen, das nach keiner Seite das vorhandene wissenschaftliche Bedürfnis befriedigt, eine Psychologie, die selbst eigentlich Physiologie sein möchte, eine Art von Versuch mit unzureichenden Mitteln, die Psychologie durch sich selbst vom Leben zum Tode zu bringen.

Von verschiedenen Seiten hat man nun allerdings zwischen diesen Bestrebungen und den wirklichen Aufgaben der Psychologie in dem Sinne zu ermitteln gesucht, daß man sagte, die Nachweisung der physiologischen Ursachen der psychischen Vorgänge falle der "physiologischen Psychologie", die Untersuchung der psychischen Vorgänge selbst aber der eigentlichen oder "introspektiven Psychologie" zu. (12) Ich kann mich dieser Auffassung nicht anschließen. Auch die physiologische Psychologie ist  Psychologie,  nicht Physiologie. Das Attribut "physiologisch" will nicht sagen, daß sie die Psychologie auf Physiologie zurückführen wolle - was ich für ein Ding der Unmöglichkeit halte -, sondern daß sie mit physiologischen, d. h. experimentellen Hilfsmitteln arbeitet und allerdings mehr, als es in der sonstigen Psychologie zu geschehen pflegt, auf die Beziehungen der psychischen zu den physischen Vorgängen Rücksicht nimmt. Ihre Hauptaufgabe ist und bleibt aber, wie die aller Psychologie, die Untersuchung der  psychischen  Vorgänge und ihres wechselseitigen Zusammenhangs. (13) Die Untersuchung der die psychischen Vorgänge begleitenden Gehirnprozesse aber fällt an und für sich der Physiologie, nicht der Psychologie zu. Man könnte eine solche Untersuchung allenfalls "psychologische Physiologie", nimmermehr "physiologische Psychologie" in der durch das Hauptwort gekennzeichneten und bisher angewandten Bedeutung dieses Begriffes nennen. Wegen dieser wesentlich  psychologischen  Aufgabe der "physiologischen" oder, was in der Hauptsache das gleiche bedeutet, "experimentellen Psychologie" ist übrigens dieser Name gleich anderen, die ein Gebiet nach besonderen  Hilfsmitteln  benennen (z. B. physikalische Chemie, mikroskopische Anatomie und dergleichen), voraussichtlich ein  transitorischer  [in Übergängen, wp]. Es wird nicht mehr nötig sein. wenn alle, die sich mit Psychologie beschäftigen, über die dazu unerlässlichen experimentellen Hilfsmittel verfügen und wenn die physiologischen Darstellungen der Nerven- und Sinnesphysiologie der Vorbereitung zur Psychologie in geeigneter Weise Rechnung tragen.

4. Ich halte es nicht für denkbar, daß Begriffsbestimmungen und Argumente, wie die oben geschilderten zustande kommen, ohne daß man die  metaphysische  Anschauung, auf die sie hinausführen, zuvor schon besitzt. In dem selbstgewählten Namen "psycho-physischer Materialismus", den freilich nicht alle Vertreter desselben akzeptiert haben, kann man ein, vielleicht nicht beabsichtigtes, aber deshalb nur um so bezeichnenderes Eingeständnis dieser Tatsache erblicken. Der entscheidende Beweis liegt aber darin, daß eine unbefangene und voraussetzungslose Behandlung einer empirischen Wissenschaft sich stets ohne die Geltendmachung irgendeines bestimmtn metaphysischen Standpunktes durchführen läßt. Man kann Physiker, Chemiker, Historiker sein, ohne daß jeder einzelnen Untersuchung anzusehen ist, welches die philosophischen Überzeugungen ihres Urhebers seien. Wenn die Psychologie wirklich den Charakter einer voraussetzungslosen empirischen Wissenschaft haben soll, so darf es sich mit ihr nicht anders verhalten. Man kann daher auch umgekehrt schließen: wo das nicht so ist, wo man der Behandlung jedes einzelnen Problems den metaphysischen Standpunkt des Autors anmerkt, da handelt es sich nicht mehr um voraussetzungslose empirische Wissenschaft, sondern um eine metaphysische Theorie, zu deren Exemplifikation die Erfahrung dienen soll.

IV.

Ich werde nunmehr nachzuweisen suchen, daß die oben an zweiter Stelle angeführte Begriffsbestimmung der Psychologie erstens durch die allgemeinen Bedingungen der wissenschaftlichen Erkenntnis logisch gerechtfertigt ist, zweitens im Einklang mit der Aufgabe und den methodischen Prinzipien der Naturwissenschaft steht, drittens den Forderungen entspricht, die vom unmittelbaren Tatbestand des individuellen Bewußtseins, sowie von der Gesamtheit der Geisteswissenschaften aus an die Psychologie gestellt werden und daß sie endlich viertens gar keine metaphysischen Voraussetzungen macht und darum an sich mit jeder metaphysischen Anschauung vereinbar ist. Auszunehmen sind hierbei natürlich solche Anschauungen, die selbst die Erfahrung negieren, indem sie z. B. behaupten, die Bewußtseinsvorgänge seien nichts Wirkliches, sondern Trübungen und Täuschungen irgendeiner metaphysisch zu konstruierenden Wirklichkeit.

1. Der entscheidende Punkt in der hier vertretenen Auffassung der Psychologie liegt darin, daß sie die  unmittelbare Erfahrung  zu ihrem Gegenstand hat. Diese unmittelbare Erfahrung hat sie nicht, wie das z. B. die heutige Naturwissenschaft in Bezug auf die Empfindungen und Vorstellungen tut, als ein System von  Zeichen  zu betrachten, aus denen erst die reale Beschaffenheit der Objekte zu erschließen sei, sondern als das gegebene und als solches durch keinerlei Abstraktionen oder hypothetische Begriffsbildungen zu verändernde Substrat ihrer Untersuchung. Alle die Erfahrungsinhalte, die die Psychologie überall als die vor ihr Forum gehörigen ansieht, die Empfindungen, Vorstellungen, Gefühle usw., sind unmittelbare Erfahrungsinhalte. Daß dieselben in solche zerfallen, die auf Erfahrungsobjekte und in andere, die auf das erfahrende Subjekt selbst bezogen werden, ist ebenfalls eine der unmittelbaren Erfahrung angehörige Tatsache. Darum würde die Aufgabe der Psychologie zu eng bestimmt sein, wenn man ihr bloß die  subjektive  Erfahrung zuweisen wollte. Darin aber, daß sie alle Bestandteile der unmittelbaren Erfahrung gleichzeitig umfaßt, liegt an und für sich die Aufgabe, von den Beziehungen beider Faktoren zueinander Rechenschaft abzulegen; und hiermit ist zugleich gefordert, daß die Vorstellungen nicht auschließlich nach ihrer objektiven Beschaffenheit, sondern vorzugsweise sogar mit Rücksicht auf ihre Entstehungsweise im Subjekt betrachtet werden.

Ihre Aufgabe einer Analyse der  unmittelbaren  Erfahrung bringt es nun mit sich, daß der Inhalt der Psychologie ein durchaus  anschaulicher  ist, wenn wir hierunter, gemäß der erweiterten Bedeutung des Wortes "Anschauung" in der neueren Philosophie, allgemein das  konkret Gegebene  im Gegensatz zum bloß  begrifflich  Gedachten verstehen. Atome z. B. oder ein mathematischer Punkt sind begrifflich gedacht; aber ein gehörter Ton, ein gesehener Gegenstand, ein erlebtes Gefühl sind konkret gegeben, also in dem oben definierten Sinne  anschaulich.  (14)

2. Als Wissenschaft von der "unmittelbaren Erfahrung" tritt die Psychologie erst in das richtige Verhältnis zur  Naturwissenschaft,  wie es sich sowohl aus der Feststellung der systematischen Aufgabe der letzteren, wie aus ihrer geschichtlichen Entwicklung ergibt. Die Aufgabe der Naturwissenschaft im allgemeinstn Sinne besteht nämlich in der Erkenntnis der  objektiven Wirklichkeit,  d. h. der Objekte, wie sie nach Abstraktion von den ihnen ausschließlich durch die subjektive Vorstellungstätigkeit des Beobachters beigelegten Eigenschaften als real existierend vorauszusetzen sind. Infolge dessen setzt die Naturwissenschaft die Objekte niemals so, wie sie unmittelbar gegeben sind, als wirklich voraus, sondern ihre Erkenntnisweise ist eine  mittelbare  und, insofern nach der Abstraktion von gewissen Bestandteilen der unmittelbaren Erfahrung das zurückbleibende Objekt nur noch begrifflich gedacht werden kann, eine  begriffliche.  Dazu kommt, daß jene Abstraktion an der Stelle der durch sie aufgehobenen subjektiven Vorstellungselemente ein objektives Substrat fordert, welches, da es in keiner wirklichen Anschauung gegeben ist, einerseits nur  hypothetisch  und andererseits nur  begrifflich  konstruiert werden kann. Das ist die eigentliche Quelle des Begriffs der  Materie  und aller der anderen hypothetischen Hilfsbegriffe, die in Anlehnung an denselben von der theoretischen Naturwissenschaft ausgebildet worden sind. Indem auf diese Weise die Naturwissenschaft den Inhalt der Erfahrung nach Abstraktion vom Subst analysiert, fordert sie aber als notwendige Ergänzung eine wissenschaftliche Betrachtung der Erfahrung, welche diese Abstraktion wieder aufhebt und welche demnach den objektiven Inhalt der Erfahrung in ihrem Zusammenhang mit dem Subjekt untersucht. Diese ergänzende, auf solche Weise der Naturwissenschaft koordinierte Disziplin ist eben die Psychologie. Beide zusammen erschöpfen erst den  ganzen  Inhalt der Erfahrung, nicht deshalb, weil jede von ihnen disparate Erfahrungsobjekte betrachtet, sondern weil beide die wechselseitig sich ergänzenden Standpunkte repräsentieren, welche die Wissenschaft tatsächlich der Erfahrung gegenüber einnimmt. Mit der Psychologie teilen übrigens die sämtlichen  Geisteswissenschaften,  die deshalb auch als Anwendungsgebiete der Psychologie zu betrachten sind, diesen Standpunkt der unmittelbaren Erfahrung.

Ist demnach die Scheidung der Erfahrungswissenschaften in Naturwissenschaft und Psychologie oder allgemeiner ausgedrückt in Natu- und Geisteswissenschaften in der ursprünglichen Beschaffenheit aller Erfahrung vorgebildet, wonach Erfahrungsobjekte und ein erfahrendes Subjekt deren Faktoren sind, so ist dabei aber der Irrtum fernzuhalten, als wenn von Anfang an eine  logische  Unterscheidung jener beiden Faktoren existierte und als wenn daher auch jene von der Naturwissenschaft geübte Abstraktion vom Subjekt ein ursprüngliches, auf fest gegebene Merkmale gegründetes Motiv der naturwissenschaftlichen Forschung wäre. Vielmehr ist selbstverständlich eine logische Begriffsbestimmung dessen, was als Objekt und was als Subjekt zu denken sei, erst aufgrund der naturwissenschaftlichen und der psychologischen Untersuchung zugleich möglich. Zur Scheidung beider Untersuchungsgebiete bedarf es aber auch nicht einer solchen Begriffsbestimmung, sondern es genügt dazu lediglic das bereits in der frühesten Reflexion über die Erfahrung enthaltene Bewußtsein, daß durch die Objekte einem Subjekt gegeben werden. Weder verbindet sich aber dieses Bewußtsein mit einer Kenntnis der Bedingungen noch mit einer solchen der Merkmale, auf denen jene Unterscheidung beruht, so daß die Ausdrücke "Objekt" und "Subjekt", angewandt auf die erste Differenzierung der wissenschaftlichen Erkenntnis, als Rückübertragung von Begriffsunterschieden, die einer bereits ausgebildeten logischen Reflexion angehören, auf die Stufe der ursprünglichen Erfahrung anzusehen sind. Ähnlich verhält es sich mit der von der Naturwissenschaft geübten Abstraktion vom Subjekt. Nicht diese Abstraktion, sondern lediglich die Erkenntnis der  Objekte  in ihrer realen Beschaffenheit ist das ursprüngliche Ziel der naturwissenschaftlichen Forschung. Daß sie auf dem Weg zu diesem Ziel vom Subjekt und einer Menge ursprünglich als objektiv angenommener Elemente, weil sie sich als subjektive herausstellen, abstrahieren muß, ist ein  Ergebnis  der Untersuchung, das sich die Forschung erst nach einem langen Kampf mit Vorurteilen und Irrtümern zu eigen macht und das sie daher verhältnismäßig spät erst jeder weiteren Untersuchung als Postulat entgegenbringt.

Schließlich sei noch hervorgehoben, daß sich diese Abstraktion vom Subjekt, wie sie für den naturwissenschaftlichen Standpunkt logisch gefordert und geschichtlich nachzuweisen ist, selbstverständlich überall nur auf diejenigen Faktoren der Erfahrung bezieht, die im  psychologischen  Sinn subjektiv sind, daß aber von den  Erkenntnisfunktionen  und, insofern als Träger derselben das erkennende Subjekt betrachtet wird, demnach in  diesem  Sinne auch vom Subjekt nie und nirgends abstrahiert werden kann. Aber da dieses erkennende Subjekt dasselbe ist bei der unmittelbaren, wie bei der mittelbaren Erfahrung, da sich also in der Ausübung seiner Funktion hier und dort keinerlei Unterschiede darbieten, so kann in Bezug auf dasselbe überhaupt von einer Abstraktion nicht die Rede sein. Es außer Betracht lassen, hieße sich der Erkenntnisfunktionen überhaupt enthalten, womit die Objekte so gut wie das Subjekt selbst verschwinden würden.

3. Daß die Psyschologie, wenn sie in dem oben festgestellten Sinn als Wissenschaft der unmittelbaren Erfahrung behandelt wird, selbständige Probleme zu lösen hat, durch die sie zugleich im Zusammenhang der Erfahrungswissenschaften eine nicht zu ersetzende Stelle ausfüllt, bedarf kaum noch der näheren Ausführung. Am einleuchtendsten wird dies, wenn man diejenigen Gebiete ins Auge faßt,die, sofern man überhaupt eine wissenschaftliche Begründung für sie verlangt, nur als  Anwendungsgebiete  der Psychologie betrachtet werden können und die wir, um diese Beziehung zur Psychologie anzudeuten, unter dem Gesamtnamen der "Geisteswissenschaften" zusammenfassen. Manche Vertreter der vorhin an erster Stelle erörterten Definition der Psychologie haben, vielleicht im Bewußtsein, daß die Existenz eines Zusammenhangs dieser Gebiete an und für sich schon ein Zeugnis wider jene Definition selbst ist, die Berechtigung dieses Gattungsbegriffs bestritten. Ein "adäquater Gegensatz zur Naturphilosophie" sei nicht herzustellen, es habe die  Ästhetik  z. B. in gewisser Hinsicht auch sogenannte Naturvorgänge mit zu berücksichtigen", und "der objektiven Bedeutung des Rechts, der Kunst, der Religion und der geschichtlichen Tatsachen" werde man schwerlich gerecht, "wenn man sie lediglich unter dem Gesichtspunkt geistiger Erzeugnisse würdigt." (15) Als ob das überhaupt jemand versucht oder mit der Bezeichnung "Geisteswissenschaften" gemeint hätte! Das Argument wurzelt augenscheinlich wieder in dem der dogmatischen Metaphysik eigentümlichen Gedanken: so viel Klassen von Gegenständen, so viel Wissenschaften. Weil es "reine Geister" nicht gibt, so soll es auch keine Geisteswissenschaften geben. Dabei verkennt man völlig, daß es in erster Linie nicht die Verschiedenheit der Objekte, sondern der verschiedene Standpunkt der  Betrachtung der Tatsachen  ist, der die Teilung der Wissenschaften bestimmt hat. Beschäftigen sich denn Physik und Chemie mit verschiedenen Naturgegenständen? Und sind nicht die Gegenstände der Physiologie nebenbei auch physikalische und chemische Körper? Das, was Philologie, Geschichte, Jurisprudenz usw. verbindet, ist, neben anderen Merkmalen, die ich hier nicht noch einmal weitläufig erörtern will, (16) die ihnen allen gemeinsame  psychologische Interpretation;  und diese ist wieder gemeinsam, weil alle diese Gebiete gleich der Psychologie die  unmittelbare Erfahrung,  nicht wie die Naturwissenschaft die Erfahrung nach Abstraktion vom Subjekt zu ihrem Inhalt haben. In der Tat wäre es auch sehr interessant zu sehen, wie es eine die Psychologie prinzipiell auf Gehirnpsychologie reduzierende Behandlungsweise anfangen wollte, den einzelnen Geisteswissenschaften irgendwelche Dienste zu leisten. Nichts charakterisiert daher mehr die Unfruchtbarkeit dieser Richtung als der Umstand, daß sie da, wo man ihrer bedarf, nichts leisten kann und daß man ihrer da  nicht  bedarf, wie sie etwas leisten will. Damit man sich das erstere nicht eingestehen müsse, soll dann lieber der Zusammenhang der Geisteswissenschaften überhaupt nicht existieren. Um über das zweite hinwegzutäuschen, wird die Psychologie zwar im Prinzp als eine angewandte Gehirnphysiologie proklamiert, im einzelnen läßt man aber die alten psychologischen Begriffe, Bewußtsein, Aufmerksamkeit, Interesse usw., ihres Amtes walten, - natürlich ohne sie psychologisch zu analysieren, da ja die ganze erklärende Aufgabe der Psychologie in Bezug auf die Verbindungen der psychischen Erfahrungsinhalte angeblich der Physiologie obliegt.

Die Psychologie als Wissenschaft der unmittelbaren Erfahrung ist aber nicht bloß die gegebene Grundlage der Geisteswissenschaften, weil sie, nicht die Naturwissenschaft, denjenigen Standpunkt der Betrachtung der Erfahrung gegenüber einnimmt, der den Geisteswissenschaften überhaupt eigentümlich ist, sondern sie bietet auch der  Physiologie  gerade in den Gebieten, in denen diese sich mit der Psychologie berührt, günstigere Chancen, als der auf eine unklare Verquickung heterogener Standpunkte ausgehende "psycho-physische Materialismus". Eine Physiologie der Gehirnfunktionen ist ein wirkliches Desiderat; und einer physiologischen Theorie der zentralen Prozesse kann heute schon vorgearbeitet werden, so lückenhaft auch unsere Kenntnisse auf diesem Gebiet noch sind. Aber eine solche Theorie fordert zweierlei: erstens ein strenges Festhalten des physiologischen Standpunktes der Betrachtung und zweitens die zureichende Vorarbeit von Seiten der Psychologie, so weit diese der Physiologie Probleme zu stellen oder Gesichtspunkte zu eröffnen hat. Beides wird von der materialistischen Psychologie verabsäumt. Da ihr die Erkenntnis der Eigenartigkeit des psychologischen Erfahrungsstandpunktes mangelt, so schwankt sie in unerträglicher Weise zwischen physiologischer und psychologischer Betrachtung; und da ihr die wirklichen Probleme der Psychologie abhanden gekommen sind, so vermag sie auch der Physiologie keine wirklichen Dienste zu leisten.

4. Betrachten wir es als die Aufgabe der Psychologie, die unmittelbare Erfahrung in ihrer Entstehung und in den wirklich gegebenen Wechselbeziehungen ihrer Bestandteile zu analysieren, so ist das nun eine so eminent empirische Aufgabe, daß man sogar im Vergleich mit der Naturwissenschaft die Psychologie die  strenger empirische  Wissenschaft nennen muß. Eben darum, weil die Naturwissenschaft von einer fundamentalen Abstraktion ausgeht, ist sie ja zur Einführung hypothetischer Hilfsbegriffe genötigt, die, wie vor allem der Begriff der Materie, einen  metaphysischen  Charakter besitzen. Als rein empirische Wissenschaft läßt aber die Psychologie, wie es sich gebührt und wie es richtig verstanden auch die Naturwissenschaft tut,  philosophischen  Weltanschauungen freien Spielraum. Beide machen in dieser Beziehung nur die  eine  Ausnahme, daß sie metaphysische Systeme, die mit der Erfahrung im Widerspruch stehen, zurückweisen.

V.

Die Richtigkeit einer Grundanschauung kann sich überall erst in ihren Anwendungen bewähren. Da hier nicht der Ort ist, auf solche Anwendungen im einzelnen einzugehen, so mag wenigstens an einigen "Prinzipien", die gewisse allgemeine Eigenschaften der psychologischen Erfahrung zusammenfassen, gezeigt werden, daß die rein empirische Begriffsbestimmung, die oben von der Psychologie gegeben wurde, manche Schwierigkeiten auf leichterem und natürlicherem Weg löst, als es einem der metaphysischen Standpunkte möglich ist. Es wird mir dies zugleich Gelegenheit geben, auf Mißverständnisse aufmerksam zu machen, denen jene Prinzipien teilweise begegnet sind. Zu diesem Zweck werde ich im folgenden
    1) das Prinzip des psycho-physischen Parallelismus in den  drei  Bedeutungen, die ihm je nach dem eingenommenen psychologischen Standpunkt zukommen können,

    2) das Prinzip der Aktualität des psychischen Geschehens oder die "Aktualitätstheorie", und endlich

    3) den sogenannten "Voluntarismus" besprechen.


A. Die drei Auffassungen des psycho-physischen Parallelismus

Das Prinzip des psycho-physischen Parallelismus hat eine wesentlich verschiedene Bedeutung, je nachdem es im Lichte irgendeiner der älteren metaphysischen Doktrinen oder in dem des "psycho-physischen Materialismus" oder endlich in dem der Behandlung der Psychologie als eine "Wissenschaft der unmittelbaren Erfahrung" betrachtet wird.

1. Wo in der  älteren Metaphysik  der "psycho-physische Parallelismus" in Frage kommt, da spielt er nicht die Rolle eines Prinzips, sondern die eines  metaphysischen Problems.  Dieses Problem, in der dogmatischen Philosophie als das der "Wechselwirkung von Leib und Seele" bekannt, wird durch jedes metaphysische System in seiner besonderen Weise gelöst, wobei zum Behuf dieser Lösung der Parallelismus selbst entweder als ein  universeller,  die Totalität der Dinge umfassender, oder als ein  partieller  aufgefaßt wird, der sich nur so weit erstreckt, als in der Erfahrung physische Veränderungen, denen psychische parallel gehen, nachzuweisen sind. Dabei pflegt sich dann der universelle Parallelismus, wie z. B. im System SPINOZAs, selbst schon für eine Lösung des Problems zu halten, das im empirisch vorhandenen Parallelismus aufgegeben ist. Hier können jedoch die Vertreter des letzteren mit Recht einwenden, daß unter einem empirischen Gesichtspunkt zur Annahme eines universellen Parallelismus überhaupt kein Anlaß vorliege und daß unter dem metaphysischen die Verallgemeinerung eines Problems nicht mit einer Lösung desselben identisch sei. Demgemäß bemühen sie sich dann, jeder von seinem besonderen metaphysischen Standpunkt aus, eine solche Lösung zu finden. Da aber alle diese Lösungen weder auf die besonderen Bedingungen der physiologischen und der psychologischen Erfahrung Rücksicht nehmen, noch überhaupt die Absicht haben, der empirischen Interpretation der "Bewußtseinsvorgänge" irgendwelche Dienste zu leisten, vielmehr von Anfang an nur einen transzendenten metaphysischen Zweck verfolgen, so liegen sie außerhalb des Gesichtskreises unserer gegenwärtigen Betrachtung.

2. Eine wesentlich andere, für die Psychologie selbst fundamentale Bedeutung gewinnt unser Prinzip auf dem Standpunkt des  "psycho-physischen Materialismus",  wie er in der ersten der oben (Seite 11) gegebenen Definitionen gekennzeichnet ist. Für ihn ist der Parallelismus nicht bloß  ein  Grundprinzip, sondern  das  Grundprinzip der Psychologie, das einzige, über das sie überhaupt verfügt. Während nämlich nach dieser Auffassung alle psychische Kausalität auf  physischer  Seite liegt, wird zugleich zugestanden, daß die physischen Gesetze  nicht  genügen, um die  psychischen Elemente,  die Empfindungen (nach manchen auch die elementaren Gefühle Lust und Unlust) abzuleiten. Dagegen sollen diese Elemente nach dem Prinzp des psycho-physischen Parallelismus zu bestimmten physischen Elementarvorgängen in regelmäßiger Beziehung stehen. Hieraus erhellt,  daß  hier das Parallelprinzip überhaupt als das einzige Erklärungsprinzip der Psychologie gilt.'

Mit dem, was diesem Prinzip hier zugemutet wird, steht nun die Dürftigkeit seiner Begründung und die Dürftigkeit seiner Leistung außer allem Verhältnis. Die  Begründung  pflegt nämlich in einer allgemeinen Berufung auf den Begriff der  Funktion  zu bestehen. Wenn bestimmten physischen bestimmte psychische Vorgänge regelmäßig zugeordnet sind, so können, so behauptet man, die letzteren durchaus in der von der Mathematik und Physik diesem Begriff beigelegten Bedeutung als die  Funktionen  der ersteren betrachtet werden. Nun kommt der Begriff der "Funktion" in der Mathematik und mathematischen Physik in einer doppelten logischen Bedeutung vor. In der  ersten  und ursprünglicheren, in der er eigentlich allein der strengen Bedeutung des Begriffs entspricht, sind Argument und Funktion derart von einander abhängige Größen oder Größenbeziehungen, daß die mit einer gegebenen Veränderung eines Arguments eintretende Veränderung der Funktion eine  logisch geforderte  ist, d. h. aus bestimmten für die betreffenden Größengebiete gültigen Prinzipien a priori abgeleitet werden kann. In der  zweiten,  später entstandenen und im allgemeinen nur aushilfsweise gebrauchten Bedeutung sind Argument und Funktion einander zugeordnete Größen, deren logische oder kausale Beziehung vollkommen dahingestellt bleibt und daher auch aus irgendwelchen Prinzipien nicht abgeleitet werden kann. Nun ist es einleuchtend, daß, wer den "psycho-physischen Parallelismus" zum fundamentalen Erklärungsgrund der Psychologie erhebt, dabei nur eine Funktion der zweiten Art im Auge haben kann, d. h. daß er nicht logische oder kausale Beziehung, sondern bloß äußere Koexistenz oder Folge zum Prinzip der psychologischen Erklärung macht. In der Tat besteht, vom Gesichtspunkt des Funktionsbegriffes aus betrachtet, der charakteristische Unterschied zwischem dem  reinen  und dem  psycho-physischen  Materialismus darin, daß der erstere das Verhältnis des Physischen zum Psychischen als Funktion  erster  Art oder als kausale Funktion, der letztere aber bloß als Funktion  zweiter  Art oder als "willkürliche" Funktion auffasst. In der Tat wird auch von den Anhängern dieser Anschauung meist ausdrücklich hervorgehoben, zwischen Physischem und Psychischem bestehe zwar "Abhängigkeit", aber keine Kausalität. (17)

Hierbei ist jedoch zu beachten, daß in diesem Fall die äußere Koexistenz nicht einmal, wie es bei den naturwissenschaftlichen Anwendungen des willkürlichen Funktionsbegriffs der Fall zu sein pflegt, als  provisorischer  Ersatz für eine noch aufzufindende eigentliche Funktionsbeziehung angesehen werden kann, weil Argument und Funktion erstens  völlig unvergleichbaren Größengebieten  angehören und weil sie zweitens nicht eindeutig und nicht einmal mehrdeutig, sondern im allgemeinen  unendlich vieldeutig  einander zugeordnet sind. Die erste dieser Eigenschaften, die Unvergleichbarkeit der Größen, entspringt daraus, daß es  verschiedene  Seiten des allgemeinen Inhalts der Erfahrung' sind, welche einerseits der naturwissenschaftlichen und andererseits der psychologischen Betrachtung anheimfallen. Indem die erstere vom  Subjekt,  seinen Gefühlen, Willensmotiven usw. abstrahiert, abstrahiert sie notwendig auch von allen  Wert-  und  Zweckbestimmungen.  Bei der Vergleichung physischer Größen bleiben daher diese in den besonderen  qualitativen  Eigenschaften der Erfahrungsinhalte begründeten Bestimmungen außer Betracht. Indem dagegen auf der anderen Seite die Psychologie die ganze unmittelbare Erfahrung zu ihrem Inhalt hat, sind es gerade in erster Linie die in den qualitativen Eigenschaften der Erfahrungsinhalte begründete Wert- und Zweckbestimmung, die für sie bei der Anwendung des Größenbegriffs maßgebend werden. Darum bemißt sich für uns der Wert einer physischen Größe, z. B. einer Kraft oder eines Energievorrates, im allgemeinen  nur nach der Größe,  und umgekehrt die Größe eines geistigen Wertes, z. B. eines Kunstwerkes, mindestens in erster Linie nach seinem  qualitativen Wert,  d. h. nach seinen Gefühls- und Zweckinhalten. (18) Hieraus erhellt sich von selbst, daß von  Funktions;beziehungen zwischen physischen und psychischen Größen, sofern man dabei den  Gesamtinhalt  des psychischen Geschehens im Auge hat,  überhaupt  nicht die Rede sein kann, weil eben jene Beziehungen im allgemeinen nicht eindeutig und nicht einmal begrenzt mehrdeutig, sondern, mathematisch gesprochen,"unendlich vieldeutig" sind. Der Begriff einer unendlich vieldeutigen Funktion ist aber nur ein anderer Ausdruck dafür, daß der Begriff der Funktion überhaupt unanwendbar ist, weil eine  irgendwie regelmäßige,  also entweder eindeutige oder mindestens begrenzt mehrdeutige Zuordnung der abhängigen Größen die notwendige Voraussetzung dieses Begriffs ist. Diese  allgemeine  Unanwendbarkeit schließt aber nicht aus, daß sich in jenen  einfachsten  Fällen, in denen die qualitativen Wert- und Zweckbestimmungen zurücktreten, annähernd eindeutige Beziehungen zwischen physischen und psychischen Größen herausstellen können. Ein solcher Fall ist z. B. bei den einfachsten Beziehungen zwischen Empfindungen und Reizen oder auch zwischen gewissen relativ einfachen Vorstellungsgebilden und ihren physiologischen Vorbedingungen verwirklicht. Augenscheinlich ist daher der Versuch, den "psycho-physischen Parallismus" zum einzigen Grundprinzip der Psychologie zu machen, aus der Betrachtung dieser einfachen Fälle hervorgegangen. Aber abgesehen davon, daß selbst hier für das  psychologische  Verständnis der Tatsachen durch die psycho-physische Interpretation nichts geleistet wird, ist es ein handgreiflicher logischer Fehler, gerade diejenigen Beziehungen, in denen der spezifische Charakter des Psychischen möglichst zurücktritt, zu Schlüssen auf die allgemeingültigen Eigenschaften des letzteren zu benutzen. In diesem Schluß offenbart sich wiederum der Grundirrtum dieses Standpunktes: der Naturwissenschaft die Erklärung solcher Bestandteile der Erfahrung aufzubürden, von denen jene selbst grundsätzlich abstrahiert hat. Dieses Unternehmen ist von Haus aus absurd und es ist daher selbstverständlich, daß es zu einem brauchbaren Prinzip der Untersuchung führen kann.

3. Anders ist die Stellung, die dem Prinzip des psycho-physischen Parallelismus dann eingeräumt wird, wenn man von derjenigen  empirischen  Aufgabe ausgeht, die der Psychologie vermöge der logisch wie geschichtlich wohl begründeten Arbeitsteilung zwischen ihr und der Naturwissenschaft zugefallen ist. Hat die Psychologie die  unmittelbare Erfahrung  zu ihrem Gegenstand, so kann sie auch ihre eigentlichen Erklärungsprinzipien nur  in dieser Erfahrung selbst  finden. Sie hat daher zunächst und vor allen Dingen Psychisches aus Psychischem, nicht Psychisches aus Physischen zu interpretieren. Wo aber der Zusammenhang der psychischen Vorgänge Lücken aufweist, da berechtigt gerade das wechselseitig sich ergänzende Verhältnis, in welchem Naturwissenschaft und Psychologie in der Bearbeitung der Erfahrung zueinander stehen, nachzuforschen, ob die physiologische Erfahrung Tatsachen darbiete, die jene Lücken zwar nicht direkt und auf dem Weg unmittelbarer, anschaulicher Erfahrung, was unmöglich ist, aber indirekt, durch Interpolation von Gliedern, die der mittelbaren, begrifflichen Form der Erfahrung angehören, ergänzen. Dabei ist freilich zu beachten, daß eine solche physiologische Erklärung des Zusammenhangs der unmittelbaren Erfahrungsinhalte ist, wie etwa umgekehrt die Nachweisung der subjektiven Eigenschaften der Lichtempfindungen an sich selbst schon zu einer Erkenntnis der physiologischen Prozesse der Netzhaut- und Opticus[Sehnerv, wp]-Erregung verhelfen kann.

Auf diese Weise ist der psycho-physische Parallelismus überhaupt kein Grundprinzip der Psychologie, sondern seinem eigensten Charakter nach ein bloßes  Hilfsprinzip,  durch welches physiologische Erkenntnisse der Psychologie, ebenso aber auch umgekehrt psychologische der Physiologie innerhalb der durch die Verschiedenheit der Betrachtung gezogenen Grenzen dienstbar gemacht werden können. Letzteres geschieht ja in der Tat in weitem Umfang in der Physiologie der Sinnesempfindungen und auch für die Gehirnphysiologie wird die Psychologie wohl noch mehr leisten, als bis jetzt geschehen, wenn sie sich erst auf ihrem eigenen Boden eine gesicherte Grundlage erworben hat und wenn es die Gehirnphysiologen nicht mehr für zureichend halten, sich mit den zufällig aufgerafften Begriffen der Vulgärpsychologie zu behelfen. Für die Psychologie selbst besteht der Hauptgewinn jenes Hilfsprinzips aber darin, daß damit dem völlig unwissenschaftlichen, höchstens für die Konstruktionen einer mystischen Metaphysik brauchbaren Begriff des "Unbewußten" ein für alle mal die Wege gewiesen sind. Da das "Unbewußte" nicht der unmittelbaren Erfahrung angehört, so kann es auch kein Gegenstand der Psychologie sein. Insoweit gegebene psychische Erfahrungsinhalte auf frühere hinweisen, mit denen sie nicht kontinuierlich zusammenhängen, bleibt für die psychologische Seite der Betrachtung nur der unbestimmte Begriff der  Disposition  übrig, der eben nichts als diesen psychologisch allein gegebenen Einfluß früherer auf spätere Vorgänge enthält. Damit ist aber nicht ausgeschlossen, daß die  physiologische  Beobacchtung Erscheinungen darbiete, welche als  physische  Dispositionen, die bestimmten psychischen parallel gehen, gedeutet werden können, während sie zugleich vermöge des mittelbaren Charakters der naturwissenschaftlichen Erfahrung auf bestimmte materielle Veränderungen zurückzuführen sind.

So hoch nun auch das Parallelprinzip um dessentwillen geschätzt werden mag, weil mit Hilfe desselben das Unbewußte in die Physiologie und damit dahin verwiesen worden ist, wo es allein wissenschaftlich näher definiert werden kann, so bewährt es sich doch auch hierin für die Psychologie als ein relativ untergeordnetes Hilfsprinzip. Denn im Zusammenhang der unmittelbaren Erfahrung und ihrer Interpretation spielt dasselbe eine verhältnismäßig geringe Rolle und für die Erkenntnis des eigensten Zusammenhangs der psychischen Erfahrungen, insbesondere aber ihrer Wert- und Zweckinhalte, kann die Kenntnis des physiologischen Substrates der Dispositionen nicht wesentlich weiter helfen, als der allgemeine Begriff der Dispositionen selbst.

Ist das Prinzipg der psycho-physischen Parallelismus unmittelbar gefordert durch die Art, wie Naturwissenschaft und Psychologie in die Untersuchung einer und derselben Erfahrung sich teilen, so bleibt es ferner selbstverständlich zugleich eingeschränkt auf die Tatsachen, die  empirisch  jenem Parallelismus sich unterordnen. In dieser Beziehung scheidet sich daher das richtig verstandene Parallelprinzip ebensowohl vom universellen Parallelismus der ontologischen Metaphysik, wie von der die eigentliche Grundlage des Prinzips, die in den sich  ergänzenden  Betrachtungsweisen der Naturwissenschaft und der Psychologie besteht, völlig verkennenden Denkweise des psycho-physischen Materialismus. Insoweit das Prinzip überhaupt ein metaphysisches Problem enthält, läßt aber natürlich die psychologische so gut wie die naturwissenschaftliche Betrachtungsweise dasselbe bestehen. Nur das  eine  ist hier für die philosophische Behandlung des Problems von vornherein maßgebend, daß der psycho-physische Parallelismus notwendig auf die nämlichen allgemeinen Bedingungen zurückführt, aus denen die Unterscheidung der Erfahrungsobjekte und des erfahrenden Subjekts hervorgeht.
LITERATUR - Wilhelm Wundt, Über die Definition der Psychologie, Philosophische Studien Bd. 12, 1896
    Anmerkungen
    1) Vergleiche meine Vorlesungen über die Menschen- und Tierseele, Seite 8f und die in ähnlichem Sinn gehaltenen Ausführungen von HÖFFDING, Psychologie, Seite 1.
    2) WILHELM VOLKMANN, Lehrbuch der Psychologie I, Seite 2
    3) EDUARD BENEKE, Lehrbuch der Psychologie, Seite 34
    4) Vgl. HUGO MÜNSTERBERG, Aufgaben und Methoden der psychologischen Forschung, Seite 21f. OSWALD KÜLPE, Grundriss der Psychologie, Seite 4 und 6, Einleitung in die Philosophie, Seite 59 und 65. Ich halte mich im folgenden hauptsächlich an die präziseren Ausführungen des letzteren Autors.
    5) Vgl. meine Grundzüge der physiologischen Psychologie, II, Seite 636f, Logik II, Seite 247f, System der Philosophie, Seite 140
    6) Vgl. unten V, B.
    7) HUGO MÜNSTERBERG, Aufgaben und Methoden ..., Seite 25f
    8) Über physische Kausalität und das Prinzip des psycho-physischen Parallelismus, Philosophische Studien X, Seite 47f
    9) Ich werde auf diesen Punkt unten (V, A) noch zurückkommen.
    10) WUNDT, Über psychische Kausalität ..., Philosophische Studien X, Seite 57f
    11) Vgl. z. B. meine "Physiologische Psychologie", Bd. I, Seite 236
    12) Vgl. z. B. H. SCHWARZ, Über die Grenzen der physiologischen Psychologie, Anhang zu: die Umwälzung der Wahrnehmungshypothesen, 1895, Bd. II, Seite 97f
    13) In Bezug auf diese  psychologische  Bedeutung der experimentellen Methode vgl. meine Logik II, 2, Seite 172f. Wenn von meinen "Grundzügen der physiologischen Psychologie" im Sinne der oben erwähnten Auffassung von der Aufgabe einer "physiologischen Psychologie" gesagt worden ist, der herrschende Gedanke dieses Werkes sei der des psycho-physischen Parallelismus, so muß ich das als irrig zurückweisen. Für jeden, der sehen will, besteht der methodologische Zweck meines Werkes darin, der Psychologie die experimentellen Hilfsmittel der Physiologie dienstbar zu machen. Seine Endabsicht aber ist auf die Analyse und die Nachweisung des Zusammenhangs der  psychischen Vorgänge selbst  gerichtet, während der psycho-physische Parallelismus überall nur als relativ untergeordnetes Hilfsprinzip zur Anwendung kommt.
    14) Der Begriff der "Anschauung" in der ursprünglichen Wortbedeutung, in welcher er sich ausschließlich auf  gesehene  oder mindestens sinnlich wahrgenommene Objekte bezieht, wird übrigens, trotz KANT, noch immer in der heutigen Philosophie gelegentlich angewandt. So meint z. B. JOHANNES REHMKE in seiner "Allgemeinen Psychologie" (Seite 10), im Gegensatz zu den obigen Ausführungen, die Aufgabe der Naturwissenschaften unterscheidet sich dadurch von derjenigen der Psychologie, daß "das Seelenleben  nichts  anschaulich Gegebenes" sei.
    15) OSWALD KÜLPE, Einleitung in die Philosophie, Seite 70f
    16) Vgl. meine Logik II, 2, Seite 16f 17) MÜNSTERBERG, Aufgaben und Methoden der Psychologie, Seite 114f; KÜLPE, Einleitung in die Philosophie, Seite 134f
    18) Näheres hierüber vgl. in meiner Logik II, 2, Seite 275f