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WILHELM WUNDT
Zur Geschichte und Theorie
der abstrakten Begriffe

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"Das  erste  und notwendigste Erfordernis des Seins ist das  Gegebensein,  die Existenz. Sein und Gegebensein decken sich aber nicht, sondern das letztere ist nur  eines  der Merkmale des ersteren. Die Veränderung, das Werden, der Schein können im einzelnen Fall als  gegeben  von uns anerkannt werden. Der Gegensatz des Seins, insofern ihm das Merkmal des Gegebenseins zukommt, ist das  Nichts.  Die  zweite  Forderung ist das  objektive Gegebensein  oder das unabhängig von unserer subjektiven Auffassung vorausgesetzte Sein. Durch dieses Merkmal, welches wir auch als dasjenige der  Wirklichkeit  bezeichnen, wird die  Art  des Gegebenseins, welche zum Sein erforderlich ist, näher bestimmt."

"Es muß die  Unabhängigkeit des Gegenstandes von unserer Auffassung  nachgewiesen werden. Hierin besteht die Hauptaufgabe der tiefer eindringenden Forschung: der  Schein  ist zu scheiden von dem, was nicht Schein ist, sondern sich in aller Erfahrung als gegeben bewährt. Wir sich nur durch dieses Gegebensein unter den wechselnden Bedingungen der Erfahrung das  wirkliche  Sein als solches bewährt, so gibt sich umgekehrt der Schein dadurch zu erkennen, daß er ein wechselndes Sein ist, welches der Prüfung nicht unverändert standhält und welchem daher keine Wirklichkeit zuerkannt werden darf."

1. Die abstrakten Korrelatbegriffe
als metaphysische Prinzipien

Die Geschichte des philosophischen Denkens ist während einer langen Zeit von gewissen Begriffen beherrscht worden, die sich, logisch betrachtet, durch zwei charakteristische Merkmale auszeichnen: erstens dadurch, daß sie die  abstraktesten  Formen sind, unter denen das in der inneren oder äußeren Erfahrung Gegebene zur begrifflichen Auffassung gelangt und zweitens dadurch, daß zu einem jeden ein  Korrelatbegriff  von gleicher Allgemeinheit existiert, mit dem er ein zusammengehöriges Begriffspaar ausmacht. Diese beiden Eigenschaften stehen in einem unmittelbaren Zusammenhang. Jede Begriffsabstraktion hat die Folge, daß am gegebenen Substrat Bestandteile zurückbleiben, welche Gegenstand einer ergänzenden Begriffsbildung werden können. Bei den niedrigeren Abstraktionen, welche der Bildung der gewöhnlichen Gattungsbegriffe zugrunde liegen, kann diese Ergänzung immer nur zu engeren Gattungsbegriffen führen, die dem erstgebildeten untergeordnet sind. Da nun aber der einer nachträglichen Begriffsbildung überlassene Bestandteil einen sehr verschiedenen Wert beanspruchen kann, so ergibt sich als Grenzfall der, wo zwischen zwei einander folgenden Abstraktionen ein Wertunterschied überhaupt nicht mehr existiert. Dieser Grenzfall ist bei den abstrakten Korrelatbegriffen erreicht. Jeder derselben bezeichnet einen allgemeinsten Gesichtspunkt, unter dem von uns ein dem Denken Gegebenes aufgefaßt werden kann; jeder so angewandte Gesichtspunkt fordert aber als notwendige Ergänzung den ihm entgegengesetzten, der einer an sich gleichwertigen Abstraktion entspricht.

Mit Rücksicht auf ihren logischen Charakter lassen sich die in Rede stehenden Begriffe in  zwei Klassen  sondern. Die einen können wir als  Subjektbegriffe  bezeichnen, insofern sie von unserem Denken als abstrakte Gegenstandsbegriffe behandelt werden und in allgemeinen Urteilen über das Gegebene die Stelle des Subjektes einnehmen. Hierher gehören:  Sein  und  Werden, Stoff  und  Form, Substantialität  und  Kausalität.  Eine zweite Klasse ähnlich abstrakter Begriffspaare besitzt dagegen die logische Bedeutung von  Prädikatbegriffen,  da sie eine Eigenschaft zu irgendeinem der näheren Bestimmung bedürftigen Denkinhalte angeben, so daß ihnen in Urteilen über das im Denken Gegebene im allgemeinen die Stelle des Prädikats zukommt. Die einflußreichsten Begriffe dieser Art sind:  Einheit  und  Mannigfaltigkeit, Quantität  und  Qualität, Endlichkeit  und  Unendlichkeit.  Die Beziehung zwischen beiden Reihen tritt äußerlich darin hervor, daß in der Geschichte des Denkens die Begriffe der zweiten Reihe vorzugsweise für die Begriffe der ersten als Prädikate gedient haben.

Sobald nun die genannten Korrelatbegriffe als Abstraktionen betrachtet werden, deren Substrat die empirische Wirklichkeit ist, so erhellt sich von selbst, daß keinem derselben, wenn er in einseitiger Isolierung festgehalten wird, die Wirklichkeit selbst entsprechen kann. In dieser gibt es kein Sein ohne ein Werden, keinen Stoff ohne eine Form, keine Einheit ohne Mannigfaltigkeit usw. Nichts desto weniger hat die philosophische Spekulation wiederholt und geflisserntlich diese Eigenschaft der abstrakten Korrelatbegriffe außer Acht gelassen. Indem die Metaphysik den Versuch machte, alles Wissen auf eine Begriffseinheit zurückzuführen, hat sie mit Vorliebe  einen  der Teilbegriffe eines abstrakten Begriffspaares herausgegriffen, um in als  absoluten  Begriff zu behandeln.

Es ist von Interesse zu bemerken, daß die Philosophie, sobald sie sich überhaupt der Aufgaben strengerer Begriffsbildung bewußt geworden war, die allgemeinsten und inhaltsleersten jener Begriffe zuerst anwandte, um dann allmählich zu den konkreteren zu gelangen, ein Übergang, bei dem zugleich der bevorzugte Begriff seine absolute Isolierung von Stufe zu Stufe mehr überwand, indem er teils zu seinem Korrelatbegriff, teils zu den übrigen abstrakten Begriffspaaren in Beziehungen gesetzt wurde, so daß auf den weiteren Entwicklungsstufen eigentlich nur noch von der Herrschaft, nicht mehr von der Alleinherrschaft eines einzelnen Begriffs die Rede sein kann. Die abweichenden Gesichtspunkte der Weltbetrachtung bringen es hier immerhin zu einer nebensächlichen Geltung; für untergeordnete Zwecke oder für einen beschränkteren Standpunkt bleibt ihnen ein gewisses Recht gewahrt, während freilich der Höhepunkt spekulativer Betrachtung allein in einer absoluten Begriffseinheit Ruhe findet, welche alle Relationen und Determinationen ausschließen soll.

So stehen sich im Sein der Eleaten und dem Werden HERAKLITs die zwei allgemeinsten unter jenen Begriffen in starrer Abgeschlossenheit gegenüber. Ihr Auftreten in diesen Anfängen der Entwicklung ist freilich nur dadurch möglich, daß sie noch keineswegs als  abstrakte  Begriffe gedacht werden, sondern mit gewissen sinnlichen Symbolen zusammenfließen. Das Sein des PARMENIDES verkörpert sich in der stetig und unveränderlich den Raum erfüllenden Weltkugel, das Werden HERAKLITs im ewig beweglichen Urfeuer. Später finden die Gegensätze von Stoff und Form ihre Ausprägung in der einseitig vom Stoff ausgehenden DEMOKRITischen Naturlehre und der ebenso einseitig den Formbegriff betonenden platonisch-aristotelischen Philosophie. Doch sind hier die Gegensätze schon fließender geworden: die Atomistik kann so wenig der Form und Anordnung der Atome wie die idealistische Metaphysik, namentlich in der durchgebildeteren Gestalt, die ihr ARISTOTELES gegeben hat, des Stoffes zu ihren Formen entbehren und an der weiteren Ineinsbildung dieser Gegensätze arbeitet die ganze positive Weiterentwicklung der antiken Philosophie, namentlich das bedeutsamste System derselben, die Physik der Stoiker. In der neueren Philosophie ist es ein anderer Begriff, der sich in den Vordergrund drängt: es ist dies der zuerst von ARISTOTELES entwickelte, aber bei ihm noch an die Wechselbegriffe des Stoffes und der Form gebundene Substanzbegriff, in dessen verschiedenen Fassungen und Beziehungen zu dem ihn ergänzenden Kausalbegriff sich die ganze Entwicklung der neueren Metaphysik betätigt.

Mannigfach durchkreuzt sich mit dieser wechselnden Herrschaft der abstrakten Subjektbegriffe der Einfluß der zumeist innig mit ihnen verbundenen abstrakten Prädikate. Das Sein der Eleaten steht zugleich als absolute Einheit der Mannigfaltigkeit des HERAKLITischen Werdens gegenüber, dem quantitativen Stoffprinzip der DEMOKRITischen Atomistik das qualitative der Empedokleischen Elemente. Energischer noch wird das Wirkliche als absolute Quantität gedacht in der Substanzlehre SPINOZAs, als Qualität in der Monadologie eines LEIBNIZ und HERBART. Mit diesem kreuzen sich hier zugleich die Gegensätze der vorigen Prädikatbegriffe. Die Substanzlehre SPINOZAs ist daneben Einheitsphilosohie. In der unendlichen Substanz verschwinden alle qualitativen Unterschiede als Affektionen endlicher modi, die, "sub specie aeternitatis" [im Licht der Unendlichkeit - wp] betrachtet, keine wahre Realität besitzen. Die Monadenlehre ist Mannigfaltigkeitsphilosohie. Schon LEIBNIZ betont, daß von einem einfachen Wesen zum anderen und von einem gegebenen Zustand eines Wesens zum anderen das innere Sein stetig veränderlich sei und bei HERBART besteht alle Realität eines Wesens in seiner qualitativen Verschiedenheit von allen anderen.

Jede Metaphysik strebt nun aber, indem sie das transzendente Sein der Dinge in einen Begriff zu fassen sucht, Einheitsphilosophie zu sein. Denn der nächste Schritt besteht hier immer darin, daß man jenen Begriff im Gegensatz zur Mannigfaltigkeit der sinnlichen Erscheinungswelt bestimmt. Der Spinozismus folgt hierin älteren mystischen Spekulationen, welche den bei ihm unausgesprochen bleibenden Grundsatz, daß das Absolute nur durch Negationen bestimmt werden kann, offen zum Ausdruck bringen. Gegenüber der hat selbst die Unendlichkeit einen sekundären Charakter. Zwar ist dieselbe aus dem nämlichen Bedürfnis der Negation der Erscheinungseigenschaften hervorgegangen, doch in ihrer spezifisch metaphysischen Bedeutung wird sie erst durch den absoluten Einheitsgedanken bestimmt. Denn der transzendente Unendlichkeitsbegriff besteht nicht etwa in jenem endlosen Fortschritt, zu welchem der unbegrenzte Fluß der Erscheinungen herausfordert, sondern, indem hier das Unendliche als ein Absolutes gedacht wird, das zum Endlichen außer aller Beziehung steht, ist der metaphysische Unendlichkeitsbegriff immer zugleich Einheitsbegriff. Dieser Macht des Einheitsgedankens vermag sich auch die entgegengesetzte Richtung nicht zu entziehen. In der höchsten Monade des LEIBNIZschen Systems, ja im grunde schon in der Totalität der Beziehungen, in die jede Monade zur Unendlichkeit aller anderen gesetzt wird, kommt derselbe zum Durchbruch. Vorsichtiger hat HERBART jenen Übergang zu vermeiden gesucht. Aber es ist ihm dies doch nur gelungen, indem er jeder Bezugnahme auf die religiösen Ideen aus dem Weg ging. Auch darin ist seine Mannigfaltigkeitsphilosophie der volle Gegensatz zu SPINOZAs Einheitslehre: wie diese mit ihren Grundbegriffen im Übersinnlichen, so wurzelt jene in der sinnlichen Erfahrung. Sie macht nur den Anspruch, Erfahrungsmetaphysik zu sein. Aber gerade indem sie im Endlichen zu bleiben strebt, kommt der Einheits- und der Unendlichkeitsgedanke nun beim entgegengesetzten Punkt zum Vorschein: dem Realen wird von HERBART absolute Einfachheit zugesprochen; darum soll es alle Relationen, selbst alle Quantitätsbestimmungen ausschließen. So baut sich diese Metaphysik auf der Einheit des unendlich Kleinen auf, aber das letztere ist wieder nicht im relativen Sinne verstanden, wie das unendlich Kleine der Differentialrechnung, sondern im absoluten, darin zwar abermals der volle Gegensatz, aber auch das volle metaphysische Äquvalent zu SPINOZAs Unendlichkeitslehre.

Wie auf diese Weise die Mannigfaltigkeitsphilosophie durch den metaphysischen Trieb der Einheitslehre entgegengeführt wird, so vermag übriges die letztere im Streben, den Forderungen der Erscheinungswelt gerecht zu werden, nicht umhin, ihrerseits dem Mannigfaltigkeitsgedanken eine gewisse Geltung einzuräumen. Jeder Versuch, der bloß negativ bestimmten absoluten Einheit gewisse positive Attribute, wie Denken und Ausdehnung, beizulegen, führt zu diesem Bruch mit der Strenge des transzendenten Prinzips. So haben hier, mehr noch als bei den alten Gegensätzen des Stoffs und der Form, die absolut gedachten Begriffe ihre starre Abgeschlossenheit eingebüßt.

Es konnte nicht ausbleiben, daß der Gedanke dieses Fließens der Begriffe auch einmal in der Philosophie selbst seinen systematischen Ausdruck fand. HEGEL, glaubte, seiner Meinung nach, die verschiedenen Entwicklungsstufen der vorangegangenen Philosophie als aufgehobene Momente in seine eigene aufnehmen zu können und hat auch jenen abstrakten Beziehungsbegriffen ihre Stellung im Zusammenhang der Begriffsentwicklung zugewiesen. Der Begriff des Seins, von welchem geschichtlich betrachtet diese Entwicklung ausging, bildet bei ihm Anfang und Ende des ganzen Zusammenhangs der Begriffswelt. So sehr die Erschleichungen, deren sich die dialektische Methode schuldig machte, im Einzelnen die innere Wahrheit dieses Systems beeinträchtigen mochten und so notwendig der Versuch, die Gesamtheit der Einzelbegriffe in ein ähnlich korrelates Verhältnis zu bringen, wie es nur den abstraktesten Begriffsformen zukommt, notwendig mißlingen mußt, so wird man doch nicht umhin können, dem Gedanken der immanenten Selbstergänzung der Begriffe durch ihre Gegensätze eine gewisse Bedeutung zuzugestehen. Man könnte sogar behaupten, daß der logischen Aufeinanderfolge der abstrakten Korrelatbegriffe, welche HEGEL mittels der dialektischen Methode in seiner Logik zu gewinnen suchte, die Wirklichkeit der historischen Entwicklung mehr entspricht, als jenes Schema einer allmählichen Selbstbesinnung des Weltgeistes, in welches der nämliche Philosoph in seinen Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie die philosophischen Systeme einordnete. Selbstverständlich soll jedoch diese Bemerkung nur auf die relative Wahrheit, die dem Gedanken des Fließens der Begriffe innewohnt, sowie auf die tatsächlichen Grundlagen hinweisen, welche die dialektische Methode trotz ihrer prinzipiellen Unhaltbarkeit in der Existenz der abstrakten Korrelatbegriffe besitzt.

Indem wir nunmehr zur Untersuchung dieser Begriffe übergehen, soll ihre metaphysische Bedeutung fernerhin nur andeutend berührt, dagegen die Frage nach dem  logischen  Wert derselben eingehender erörtert werden. Obgleich die Beantwortung dieser Frage jeder metaphysischen Anwendung der genannten Begriffe offenbar vorangehen sollte, so wird sie doch von den Metaphysikern in der Regel völlig unerörter gelassen. Jene allgemeinen Begriffe erscheinen als ein ursprünglicher Tatbestand, dessen Herkunft gar nicht erforscht zu werden braucht oder den man abzuleiten meint, wenn man ihn, wie in der HEGELschen Logik, einem gleichförmigen Schema einordnet. Das hierin zur Geltung gelangte Streben, nicht bloß das Verhältnis eines jeden Korrelatbegriffs zu den ihm beigeordneten festzustellen, sondern auch die einzelnen Begriffspaare zueinander in ein bestimmtes Verhältnis zu bringen, muß zwar als ein berechtigtes anerkannt werden. Aber eine solche Ordnung darf sich nicht auf eine von außen herangebrachte Methode von höchst betreitbarem logischen Wert stützen, sondern sie muß sich aus der Genese der einzelnen Begriffe selbst ergeben.


2. Die korrelaten abstrakten Subjektbegriffe

a. Sein und Werden

Unter dem Begriff des  Seins  fassen wir  drei Begriffspostulate  zusammen, die sämtlich erfüllt sein müssen, wenn auf irgendeinen Denkinhalt jener Begriff anwendbar sein soll.

Das  erste  und notwendigste Erfordernis des Seins ist das  Gegebensein die Existenz. Sein und Gegebensein decken sich aber nicht, sondern das letztere ist nur  eines  der Merkmale des ersteren. Die Veränderung, das Werden, der Schein können im einzelnen Fall als  gegeben  von uns anerkannt werden. Der Gegensatz des Seins, insofern ihm das Merkmal des Gegebenseins zukommt, ist das  Nichts. 

Die  zweite  Forderung ist das  objektive Gegebensein  oder das unabhängig von unserer subjektiven Auffassung vorausgesetzte Sein. Durch dieses Merkmal, welches wir auch als dasjenige der  Wirklichkeit  bezeichnen, wird die  Art  des Gegebenseins, welche zum Sein erforderlich ist, näher bestimmt. Dennoch erschöpft dasselbe nicht das Sein. Denn die nämliche Objektivität kann auch dem Geschehen, dem Werden zugeschrieben werden. Der Gegensatz des Seins, insofern es eine von unserer subjektiven Auffassung unabhängige Existenz einschließt, ist der  Schein.  Der Schein aber wird, sobald wir ihm eine bestimmte Beziehung zu einem ihm zugrunde liegenden wirklichen Sein beilegen, zur  Erscheinung.  In diesem Sinne vereinigen sich in der Erscheinung die Begriffe des objektiven Seins und des Scheins. Der Schein bildet einen  positiven  oder  konträren  Gegensatz zum Sein, nicht einen bloß negativen oder kontradiktorischen wie das Nichts, dessen Wortbezeichnung schon eine bloß abgekürzte sprachliche Form für das Nichtsein ist.

Das  dritte  Erfordernis des Seins ist endlich das  unveränderte Gegebensein.  Das Sein schließt die Veränderung aus. Denn bei der Veränderung verschwindet entweder ein Gegebenes oder es entsteht ein Gegebenes oder es findet beides zugleich statt. Was aber verschwindet oder entsteht, das  ist  nicht, sondern entweder  war  es, d. h. es besaß ein Sein oder es  wird  sein, d. h. es führt zu einem Sein. Nennen wir daher den Begriff, welcher die Veränderung in diesem allgemeinsten Sinne, Entstehen sowohl wie Verschwinden eines Gegebenen, bezeichnet, das  Werden,  so ist der Gegensatz des Seins, insofern es ein unverändertes Gegebensein bezeichnet, das Werden. Dieses bildet den  positivsten  Gegensatz zum Sein. Wir können es mit demselben Recht nicht nur als ein Gegebenes, sondern auch als ein objektiv Wirkliches auffassen wie das Sein. Daraus folgt aber, daß beide Begriffe  gleiches Recht  besitzen, indem sie die einander entgegengesetzten und eben darum die einander ergänzenden Glieder des Begriffs der gegebenen Wirklichkeit darstellen.

An diese Entwicklung der drei Merkmale, die sich im Begriff des Seins vereinigen, knüpfen sich zwei naheliegende Bemerkungen. Zunächst ist es augenfällig, daß die mannigfachen Schwankungen, die uns im gemeinen wie im philosophischen Gebrauch dieses Begriffs begegnen, in der mehr oder weniger vollständigen Vergegenwärtigung der drei genannten Merkmale ihre Quelle haben. Der populäre Sprachgebrauch begnügt sich meistens mit dem Gegebensein, der wissenschaftliche fügt dazu noch, durch das Motiv der Ausscheidung des Scheins bestimmt, das Merkmal der objektiven Wirklichkeit und der philosophische erhebt sich endlich, durch den Gegensatz zum Wechselbegriff des Werdens angetrieben, zur Forderung der Konstanz. Zugleich liegt dann in dieser Hinzunahme ergänzender Merkmale ein Antrieb, nach einem anderen Begriff zu suchen, der einer solchen Mehrdeutigkeit nicht unterworfen ist. Das sind die Grundlagen für die Entwicklung des Begriffs der  Substanz. 

Ferner ist leicht zu sehen, daß die Dreiheit der Gegensätze, die der Dreiheit der Merkmale des Seinsbegriffs korrespondiert, auch in der geschichtlichen Entwicklung der Spekulation ihre Ausprägung gefunden hat. Obgleich für die positiven Versuche einer metaphysischen Welterkenntnis der Gegensatz des Seins und des Werdens der bedeutsamste ist, so haben doch jene anderen Gegensatzbegriffe, das Nichts und der Schein, ebenfalls ihre Wirkung ausgeübt. Sie entstehen inmitten der Eleatischen und HERAKLITischen Lehren selbst, die, je starrer sie den absoluten Wert ihrer Prinzipien festzuhalten bemüht sind, umso mehr genötigt werden, dem Schein und dem Nichts Zugeständnisse zu machen. Außerdem aber erhebt der Skeptizismus der Sophisten mit Absicht diese Gegensatzbegriffe zu selbständigen Prinzipien.

Gehen wir nun von der Erwägung aus, daß alle jene Begriffe nur einen  relativen  Wert beanspruchen können, weil jeder derselben immer nur zusammen mit seinem Korrelatbegriff bestehen kann, so folgt aus einem solchen Verhältnis unmittelbar, daß wir nun auch umgekehrt nicht berechtigt sind, irgendeinen derselben für sich allein auf die Erkenntnisobjekte anzuwenden, wie solches bei ihrem absoluten metaphysischen Gebrauch versucht wird. Indem das in der Erfahrung Gegebene immer beide Abstraktionen zugleich in uns anregt, zeigt es sich eben, daß auch nur beide zusammen wieder zu den Begriffen, die unser Denken einander gegenüberstellt, im Substrat der Begriffsbildung selbst untrennbar vereinigt sind.

Kann hiernach jedem einzelnen unter jenen Korrelatbegriffen in seiner isolierten Existenz ein  objektiver  Erkenntniswert nicht zukommen, so weist aber die Allgemeingültigkeit, mit der sich ihre Bildung vollzieht und die Stellung, die sie deshalb, ganz abgesehen von ihrer nachträglichen metaphysischen Verwendung, in unserem Denken einnehmen, ebenso unzweifelhaft auf einen  subjektiven  Erkenntniswert derselben hin. Dieser besteht darin, daß im Begriff des Seins samt den drei Gegensätzen, die ihm nach seinen drei Merkmalen zukommen, sich die  logischen Funktionen  verdichtet haben, welche bei der überall mit Hilfe der Abstraktion arbeitenden Erkenntnis zur Anwendung kommen. Den drei Merkmalen des Seins entsprechen  drei Stadien der logischen Prüfung,  welche bei jedem Erkenntnisproblem durchlaufen werden müssen. Sie bestehen:
    1) in der Nachweisung des  Gegebenseins  oder der  Existenz des Objekts.  Fällt die Antwort auf die Existenzfrage verneinend aus, so fällt damit die Nötigung zu jeder weiteren Untersuchung weg. Das  Nichts  kann nicht Gegenstand einer Prüfung sein, denn es negiert, daß überhaupt das Objekt zu einer solchen gegeben sei.

    2) Es muß die  Unabhängigkeit des Gegenstandes von unserer Auffassung  nachgewiesen werden. Hierin besteht die Hauptaufgabe der tiefer eindringenden Forschung: der  Schein  ist zu scheiden von dem, was nicht Schein ist, sondern sich in aller Erfahrung als gegeben bewährt. Wir sich nur durch dieses Gegebensein unter den wechselnden Bedingungen der Erfahrung das  wirkliche  Sein als solches bewährt, so gibt sich umgekehrt der Schein dadurch zu erkennen, daß er ein wechselndes Sein ist, welches der Prüfung nicht unverändert standhält und welchem daher keine Wirklichkeit zuerkannt werden darf. Nachdem auf diese Weise die Existenz wie auch die Realität des Objekts nachgewiesen ist, muß dasselbe ferner

    3)  den allgemeinsten Erkenntnisbegriffen untergeordnet  werden. Das geschieht, indem man es zunächst  zwei sich ergänzenden Abstraktionen  unterwirft, deren eine von den Veränderungen absieht, welche das Objekt erfahren mag, es also als  konstant  voraussetzt, während die andere umgekehrt die vor sich gehenden  Veränderungen  der Betrachtung unterwirft. Das Objekt selbst ist weder konstant noch im absoluten Sinne veränderlich. Denn der Begriff der Veränderung ist nur als Übergang von einem gegebenen Zustand zu einem anderen gegebenen Zustand vollziehbar.
Dabei können diese Zustände aber nur als  relativ konstante  gedacht werden; sie müssen von uns mindestens in einem Moment fixiert werden, wenn sie überhaupt gedacht werden sollen. Ein Fließen der Dinge ohne Ruhepunkt ist eine für uns unvollziehbare und eben deshalb auch für die logische Auffassung unmögliche Vorstellung. Denn unser logisches Denken kann nur mit dem Vorstellungsmaterial operieren, welches das Bewußtsein ihm bietet, wie es ja auch in seiner ganzen Gesetzmäßigkeit durchaus an die Beschaffenheit dieses Materials gebunden ist. Was aber die Vorstellung in festen Verbindungen enthält, das trennt die logische Abstraktion, indem sie gewisse Eigenschaften oder bestimmte Momente der Vorstellung fixiert und aus dem so gebildeten Begriff alle anderen Eigenschaften oder Momente ausschließt. Hier sieht man deutlich, wie insbesondere auch in Bezug auf das zeitliche Geschehen die Abstraktion in den elementaren psychischen Vorgängen vorgebildet ist. Keine Vorstellung ist eine erschöpfende Vergegenwärtigung der Empfindungen, welche das Objekt durch seine Wirkung auf uns anregt, sondern die Apperzeption beschränkt sich auf gewisse dominierende Empfindungen: sie bahnt dadurch dem nachfolgenden Abstraktionsverfahren den Weg. Ebenso ist der subjektive Verlauf der Vorstellungen kein rastloses stetiges Fließen derselben, wie wir es nachträglich aus bestimmten logischen Gründen für die objektive Zeit postulieren, sondern ein Wechsel mit Ruhepunkten, in welchem einzelne Momente ganz der Beachtung entgehen, während andere als relativ bleibende sich fixieren, um für uns im Wechsel der Vorstellungen die Maßpunkte anzugeben, nach denen wir den Verlauf der Zeit einteilen. In diesen Vorgängen liegen die psychischen Grundlagen für die logische Abstraktion des Bleibenden und des Vergänglichen oder, wie diese Begriffe in ihrer abstrakten Fassung heißen, des  Seines  und des  Werdens.  Durch den psychischen Mechanismus nahe gelegt bewähren sich nun aber diese Wechselbegriffe durch den subjektiven Erkenntniswert, den sie, nachdem einmal die Fragen des Gegebenseins und der objektiven Realität entschieden sind, beanspruchen. Sein und Werden erweisen sich nämlich hier sofort als die  allgemeinsten Kategorie zur Ordnung des Gegebenen.  Als solches sind sie nicht Kategorien, die uns irgendwie objektiv getrennt voneinander gegebene sind, sondern Begriffe, die wir nebeneinander und zum Teil nacheinander auf die Objekte anwenden müssen, so aber, daß jedes Objekt stets die Anwendung beider Begriffe herausfordert. In allem diesem sind Sein und Werden die Vorläufer der später entwickelten, ihnen nächstverwandten Relationsbegriffe, des Stoffs und der Form, der Substantialität und Kausalität.

Wir sind damit einerseits der Entstehung, andererseit aber der notwendigen Weiterentwicklung jener allgemeinsten Beziehungsbegriffe näher getreten. Ihre Quelle liegt im  Dingbegriff.  Vom Ding scheiden sich schon innerhalb der Bildungssphäre der gemeinen Erfahrungsbegriffe Eigenschaft und Zustand. Beide stehen wieder in innigster Wechselbeziehung, da der Zustand nur den Komplex von Eigenschaften bezeichnet, welcher einem Ding in einem gegebenen Zeitmoment zukommt. In diesem Zustand wird also gewissermaßen der Dingbegriff noch einmal gesetzt, aber zugleich mit dem Nebengedanken der Veränderlichkeit verbunden. Das Ding, seine Eigenschaften und Zustände sind auf diese Weise Reflexionsbegriffe, die unserem sinnlichen Wahrnehmungsvermögen Rechnung tragen: sie sind die allgemeinsten Gattungsbegriffe zu dem in der Wahrnehmung Gegebenen. Denn gegeben sind uns in dieser immer nur relativ beharrende und relativ veränderliche Vorstellungen, wobei wir aber auch die letzteren uns immerhin auf bestimmte Momente fixiert denken müssen. Es scheidet sich so die abgegrenzte Vorstellung ohne hinzugedachte zeitliche Nebenbeziehungen, das Ding, von der Vorstellung, welcher der Nebengedanke der vorausgegangenen oder folgenden Veränderung anhaftet, dem Zustand. Indem nun die logische Abstraktion die im psychischen Mechanismus der Vorstellungstätigkeit begründeten Schranken der Begriffsbildung zu überwinden trachtet, eleminiert sie aus dem Dingbegriff den Gedanken an die in ihm gelegene Koexistenz von Eigenschaften: es bleibt so der Begriff eines objektiv und unveränderlich Gegebenen, welches durch keinen bestimmten Inhalt von irgendeinem anderen objektiv Gegebenen unterschieden ist und das ist eben der Begriff des  Seins.  Er fordert unvermeidlich seinen Korrelatbegriff, dessen Abstraktion sich in entsprechender Weise an die Vorstellung des Zustandes anschließt. Wird aus dieser die Vorstellung des Dings selbst mit seinen relativ beharrenden Eigenschaften eliminiert und bloß der ursprünglich als Nebengedanke damit verbundene zeitliche Wechsel zurückbehalten, in letzterem wieder von jeder  bestimmten  Zeitbeziehung, insbesondere also auch von Vergangenheit und Zukunft abgeseehen, so bleibt der Begriff des  Werdens  übrig, der in seiner abstrakten logischen Ausprägung ebenso sehr ein innerhalb der Vorstellung unvollziehbares Postulat des Denkens ist wie der des Seins. Die innere Nötigung zu diesem Abstraktionsverfahren liegt aber darin, daß das Denken durch seine eigenen Gesetze zu einer Analyse genötigt wird, welche die in den Erkenntnisobjekten verbundenen Elemente in getrennten und so viel als möglich konträr entgegengesetzten Begriffen fixiert. Denn der konträre Gegensatz, da er den größtmöglichen positiven Unterschied innerhalb eines gegebenen Allgemeinbegriffs bezeichnet, ist stets derjenig, in dessen Feststellung sich die logische Analyse zunächst betätigt und unter allen möglichen Zerlegungen nach konträrem Gegensatz ist wieder diejenige die nächstliegende, welche von den allgemeinsten Vorstellungsformen ausgeht, die eben wegen ihrer Allgemeinheit zugleich die verbreitetsten und darum wirksamsten Motive zur Bildung abstrakter Gegensatzbegriffe abgeben. Hierin liegt der Schlüssel für die Erklärung der auf den ersten Blick befremdenden Tatsache, daß die metaphysische Verwertung jener Begriffe gerade mit den abstraktesten angefangen hat. Zugleich besteht aber hierin die wirksamste Bestätigung des an sich bloß  subjektiven  Erkenntniswertes, der diesen allgemeinsten Kategorien zukommt. Beide, das Sein und das Werden, deuten in ihrer notwendigen Wechselbeziehung eben nur die Abstraktionsformen an, die wir bei der Bearbeitung eines gegebenen Erkenntnisinhaltes zunächst verwenden. Als solche müssen sie zwar ihren Grund in den Objekten haben, sie selbst dürfen aber nimmermehr objektiviert oder mit den Objekten verwechselt werden.

Es konnte nicht ausbleiben, daß die Fruchtlosigkeit der Bemühungen um eine metaphysische Verwertung dieses Verhältnis, wenn auch nur dunkel, allmählich zu Bewußtsein brachte. Sind Sein und Werden nicht selbst Erkenntnisobjekte, aber Abstraktionsformen, welche in den Erkenntnisobjekten ihren Grund haben, so liegt es nahe, ihre subjektive Beschränkung dadurch aufheben zu wollen, daß man ihnen unmittelbar den Begriff des Objektes als Ergänzung hinzufügt. So entsteht der einheitliche Begriff des  seienden und werdenden Etwas,  in welchem die abstrakten Relationsformen des Seins und des Werdens den ursprünglichen Dingbegriff zu Hilfe gezogen und zugleich unter der Wirkung ihrer eigenen abstrakten Natur seines konkreten Charakters entkleidet haben. Das Etwas ist abstrakter als das Ding, denn von der Beziehung zu Eigenschaften, die bei diesem nicht fehlen können, ist bei jenem völlig abgesehen. Zusammen mit der partizipialen Form des Seienden und des Werdenden will es nur die Forderung  objektiver  Existenz betonen, indem es zugleich hervorhebt, daß beide Wechselbegriffe sich auf ein und dasselbe Substrat des Erkennens beziehen. Damit werden nun aber neue unterscheidende Abstraktionen erfoderlich, in denen sich die Wechselbegriffe des Seins und des Werdens in einer vertiefteren und den Ansprüchen der objektiven Wirklichkeit näher kommenden Weise wiederholen. Diese neuen Wechselbegrife sind die des  Stoffs  und der  Form. 

LITERATUR - Wilhelm Wundt, Zur Geschichte und Theorie der abstrakten Begriffe, Philosophische Studien 2, Leipzig 1884