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WILHELM WUNDT
L o g i k
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    Einleitung
Von der Entwicklung des Denkens
Die logischen Verbindungen der Vorstellungen
Die Entwicklung des Gedankenverlaufs
Die Entwicklung der logischen Normen
Von den Begriffen
Die Arten der Begriffe
Die Verhältnisse der Begriffe
Die Beziehungsformen der Begriffe
Von den Urteilen
Die Formen der Urteile
Die Relationsform des Urteils

"Vermöge der unmittelbaren Selbstunterscheidung des Denkens von seinen Gegenständen kann sich jene schließliche Übereinstimmung niemals in eine Identität verwandeln. Nie kann sie eine andere Bedeutung gewinnen, als die einer  Nachbildung  der Objekte, bei welcher der Denkende sich bewußt ist, alle Forderungen erfüllt zu haben, die die Wirklichkeit seiner nachbildenden Tätigkeit stellt."

Vorwort

Kein Geringerer als KANT hat von der Logik gesagt, sie habe seit dem ARISTOTELES weder einen Schritt vorwärts noch rückwärts getan, so daß sie allem Ansehen nach geschlossen und vollendet zu sein scheine. Aus den eifrigen Bemühungen, deren sich gegenwärtig vor anderen philosophischen Gebieten die Logik erfreut, darf man wohl schließen, daß heute wenige mehr diesem Ausspruch beipflichten werden. Dennoch scheint es mir, daß die Macht jener Tradition, aus der die von KANT gerühmte Stabilität hervorgegangen war, im Stillen immer noch fortwirkt und daß sie nicht überall in günstigem Sinn die Untersuchung beeinflußt. Aufgrund einer unbefangenen Betrachtung der Verstandesfunktionen würde heute doch schwerlich mehr jemand die Auffassung für zutreffend halten, daß das Denken nichts als eine fortwährende Subsumtionstechnik sei oder daß gar den Künsten der scholastischen Syllogistik irgendein realer Wert zukomme. Aber indem man sich verpflichtet glaubt, vom Überkommenen auszugehen, wird man unversehens bei einer Betrachtungsweise festgehalten, der auf dem Standpunkt, den sie nun einmal einnimmt, immerhin Folgerichtigkeit nicht abgesprochen werden kann. Wenn die Voraussetzungen der aristotelischen Naturlehre aus der heutigen Physik vollständig verschwunden sind, so hat dies seinen guten Grund darin, daß diese Voraussetzungen nicht nur als unbrauchbar, sondern auch als falsch erkannt wurden. Das Verhängnis der aristotelisch-scholastischen Logik besteht darin, daß sie zwar unbrauchbar, daß sie aber, abgesehen von ihrem Anspruch für das wirkliche Denken und Erkennen etwas zu leisten, nicht falsch ist.

So schien es mir denn ersprießlich zu sein, in den folgenden Untersuchungen zunächst und vor allem nicht die Tradition, sondern das lebendige Zeugnis des Denkens in der Sprache, sowie die gesicherten und erfolgreichen Methoden des Erkennens in der wissenschaftliche Forschung zu Rate zu ziehen - Quellen, die uns denn doch heute reicher und geläuterter fließen, als sie dem großen Begründer der Logik, bei aller Anerkennung seiner geistigen Allgewalt, fließen konnten. Es schien mir der Mühe wert, einmal zu erproben, wie weit eine unbefangene, nicht von den Vorurteilen einer tausendjährigen Überlieferung getrübte Betrachtung des wirklichen Tatbestandes auch auf diesem Gebiet gelangen könne. Eine junge Wissenschaft hat von Anfang an freie Bahn; einer alten, wie der unseren, kann es nicht schaden, wenn sie zuweilen wieder jung zu werden sucht, indem sie von vorn anfängt. Die neue Auflage des vorliegenden Werkes ist diesem die erste Auflage bestimmenden Grundgedanken überall treu geblieben; sie hat denselben nur wo möglich noch entschiedener hervorzuheben und gründlicher auszuarbeiten gesucht. Wenn ich es gleichwohl da und dort nicht unterlassen habe, auf die logische Tradition Bezug zu nehmen, so ist das zumeist in der Absicht geschehen, gewisse Lehren in ihrem geschichtlichen Bedingtsein verstehen zu lernen und damit ebensowohl ihre relative Berechtigung, wie in vielen Fällen ihre notwendige Unzulänglichkeit nachzuweisen.

Unter den neueren Logikern sind es namentlich SIGWART und SCHUPPE, deren Selbständigkeit und seltene Unabhängigkeit von der Tradition ich mit Freuden anerkenne. Wenn sich meine Wege gleichwohl von den ihrigen ebenso trennen, wie sie selbst wieder auseinandergehen, so liegt der Grund wohl hauptsächliche in der besonderen wissenschaftlichen Entwicklung, die jeder von uns zurückgelegt hat. Der Sache selbst kann, wie ich meine, solche Mannigfaltigkeit der Versuche nur umso förderlicher sein, je selbständiger diese sind.

Die beiden letzten Abschnitte der Erkenntnistheorie im engeren Sinn gewidmeten Abschnitte dieses Bandes erörtern Probleme, die ich in anderer Form auch in meinem "System der Philosophie" behandelt habe. Obgleich die Grundanschauungen selbstverständlich hier und dort übereinstimmen, so scheiden sich doch in Folge des abweichenden Zwecks beider Werke Richtung und Gang der Untersuchung. Handelte es sich im  System  darum, von allgemeinen psychologischen und logischen Erwägungen ausgehend den Weg zu einer den Forderungen der Einzelwissenschaften wie dem Einheitsbedürfnis der Philosophie gleichmäßig gerecht werdenden Weltanschauung zu finden, so ist es hier vornehmlich meine Absicht gewesen, nachzuweisen, daß die aufgestellten Prinzipien diejenigen sind, die von früh an, wenn auch zumeist in latenter Weise, der Entwicklung des wissenschaftlichen Erkennens zugrunde lagen und denen nur die Philosophie unter dem irreleitenden Einfluß teils spekulativer teils psychologischer Vorurteile vielfach untreu geworden ist. Neben der Aufzeigung der tatsächlich vom wissenschaftlichen Denken geübten Gesetz des Erkennens hat sich das vorliegende Werk die Aufgabe gestellt, jene von den positiven, insbesondere den exakten Wissenschaften stillschweigend angenommene Erkenntnistheorie in ihrer logischen Eigentümlichkeit zu entwickeln und zu begründen. Dem Verhältnis wechselseitiger Ergänzung, in welchem diese Darstellung zu den entsprechenden Kapiteln des vorhin genannten Werkes steht, habe ich aber auch dadurch zu entsprechen gesucht, daß ich das anderwärts ausführlicher Entwickelte nur andeutend berührte, um dagegen solche Punkte, denen dort keine nähere Aufmerksamkeit geschenkt werden konnte, hier eingehender zu erörtern.


Einleitung

1. Aufgabe der Logik

Die wissenschaftliche Logik hat Rechenschaft zu geben von denjenigen Gesetzen des Denkens, welche bei der Erforschung der Wahrheit wirksam sind. Durch diese Begriffsbestimmung erhält die Logik ihre Stellung zwischen der Psychologie, der allgemeinen Wissenschaft des Geistes und der Gesamtheit der übrigen theoretischen Wissenschaften. Während die Psychologie uns lehrt, wie sich der Verlauf unserer Gedanken wirklich vollzieht, will die Logik feststellen, wie sich derselbe vollziehen  soll,  damit er zu richtigen Erkenntnissen führe. Während die einzelnen Wissenschaften die tatsächliche Wahrheit, jede auf dem ihr zugewiesenen Gebiet, zu ermitteln bestrebt sind, sucht die Logik für die Methoden des Denkens, die bei diesen Forschungen zur Anwendung kommen, die allgemeingültigen Regeln festzustellen. Demnach ist sie eine  normative  Wissenschaft, ähnlich der Ethik. Wie diese die Gefühle und Willensbestimmungen, deren Verhalten die Psychologie schildert, nach ihrem sittlichen Wert prüft, um Normen zu gewinnen für das praktische Handeln, so scheidet die Logik aus den mannigfachen Vorstellungsverbindungen unseres Bewußtseins diejenigen aus, die für die Entwicklung unseres Wissens einen gesetzgebenden Charakter besitzen.

Die Aufgaben der Logik weisen demnach einerseits auf die psychologische Untersuchung zurück, andererseits führen sie vorwärts zu den allgemeinen Erkenntnisprinzipien und den Verfahrungsweisen der wissenschaftlichen Forschung. Sollen die Gesetze des logischen Denkens nicht als gegebene unerklärbare Tatsachen gelten, so werden sie vor allem bei ihrem Ursprung in der inneren Erfahrung aufgesucht werden müssen. Sollen ferner die logischen Gesetze den Zweck erfüllen, zu dem sie aus dem psychologischen Denken abstrahiert sind, so wird über den Grund ihrer Evidenz sowie über die Bedingungen Rechenschaft zu geben sein, unter denen ihre Anwendung tatsächliche Erkenntnis herbeiführt. Will endlich die Logik den theoretischen Wissenschaften die Dienste leisten, zu denen sie berufen ist, so wird sie nicht umhin können, auch die verwickelteren Gestaltungen zu verfolgen, welche die logischen Gesetze in den Methoden der wissenschaftlichen Forschung gewinnen. Demnach verlangen wir von einer wissenschaftlichen Logik neben der Darstellung der logischen Normen dreierlei: ein psychologische Entwicklungsgeschichte des Denkens, eine Untersuchung der Grundlagen und Bedingungen der Erkenntnis und eine Analyse der logischen Methoden wissenschaftlicher Forschung. Da die psychologische Entwicklungsgeschichte des Denkens der Untersuchung der Grundlagen der Erkenntnis beigezählt werden kann, so lassen sich diese drei Forderungen in die zwei vereinen:  die Logik bedarf der Erkenntnistheorie zu ihrer Begründungen und der Methodenlehre zu ihrer Vollendung. 


2. Richtungen der Logik

Nicht immer ist die Aufgabe der Logik in diesem Sinne bestimmt worden. Häufiger ist es geschehen, daß man entweder hinter den soeben an sie gestellten Forderungen zurückblieb oder daß man weit über dieselben hinausging. Die erkenntnistheoretische und methodologische Bearbeitung der Logik steht darher mitten zwischen zwei anderen Auffassungen dieser Wissenschaft, die man als die  formale  und als die  metaphysische  oder  dialektische  zu bezeichnen pflegt.

Die  formale Logik  sieht die Darstellung der Formen des Denkens als die einzige Aufgabe der logischen Wissenschaft an. Sie behauptet, daß es eine  bloß formale Wahrheit  gebe und daß diese es sei, mit der sich die Logik zu beschäftigen habe. Daß  A = C  ist, wenn vorausgesetzt wird, es sei  A = B  und  B = C,  das ist formal richtig, auch wenn die Sätze  A = B  und  B = C  ihrem materiellen Inhalt nach falsch sein sollten. Vollkommen konsequent ist daher von diesem Standpunkt aus die Logik als die  Wissenschaft des Schließens  bezeichnet worden. Begriffe und Urteile kommen hier in der Tat nur in Betracht, insofern sie Bestandteile der Schlüsse bilden. Die Untersuchung ihrer Entstehungsweise und die Frage nach ihrer Wahrheit wird aber als eine fremde Aufgabe zurückgewiesen. Die Urteile werden als Formen der Begriffsverbindung untersucht, welche in unserem Denken angetroffen werden; ob und wie aber diese Formen von der Natur unseres wirklichen Erkennens bestimmt seien, bleibt dahingestellt. Indem dergestalt die formale Logikformale Logik die logische Wahrheit auf die formale Richtigkeit der Schlüsse einschränkt, trägt sie gleichzeitig einen hypothetischen und einen technischen Charakter an sich: einen hypothetischen, da alle Wahrheit, über die sie entscheidet, nur unter der Voraussetzung gilt, daß die Urteile wahr sind, aus denen geschlossen wird; einen technischen, da die Urteils- und Schlußformen bloße äußere Hilfsmittel des Denkes dargestellt werden, ohne daß man darüber Auskunft gibt, wie das Denken zu diesen Hilfsmitteln kommt. Dieser technische Charakter der formalen Logik wird auch durch den von einzelnen ihrer Vertreter gebrauchten Namen einer  Kunstlehre des Denkens  angedeutet.

Im Gegensatz hierzu hält die  metaphysische Logik  das logische Denken für das Werkzeug, welches dem Wissen nicht bloß seine Form gebe, sondern auch den Inhalt desselben aus sich hervorbringe. Die Anfänge dieser Anschauung reichen in eine Zeit zurück, die der wissenschaftlichen Entwicklung der Logik vorangeht. Die eleatische und platonische Dialektik ist von ihr beherrscht und ein Zerrbild derselben tritt uns in den Trugschlüssen und Dilemmata der Sophisten entgegen. Teils durch den tatsächlichen Einfluß des logischen Denkens auf unser Erkennen, teils durch die besondere Beschaffenheit gewisser Produkte desselben, der abstrakten Begriffe, werden die Bestrebungen der Dialektik herausgefordert. Besonders die Funktion der Verneinung ist es, in der man die Macht des Denkens aus sich selbst Begriffe erzeugen zu können früh schon zu entdecken glaubt. Der Begriff  Non-A,  der aus einem gegebenen  A  durch Hinzufügung der Verneinung hervorgeht, scheint ohne jede äußere Hilfe entstanden zu sein. Wenn nun aber jenes  Non-A  in irgendeiner Weise auf ein wirkliches Sein sich beziehen läßt, so ist es erklärlich, daß man hierin ein Zeugnis für die Fähigkeit des Denkens erblickt, aus sich selbst ein reales Wissen hervorzubringen. Bei PLATO äußert sich dieser Gedanke besonders in der Bevorzugung dichotomischer [sich gegenseitig ausschließender, wp] Einteilungen nach dem Prinzip des Gegensatzes. Die Dialektik aller Zeiten aber hat der Funktion der Verneinung in der Vorliebe für den apagogischen Beweis ihren Tribut gezollt. Indem man die Wahrheit eines Satzes dartut aus der Unmöglichkeit seines Gegenteils, glaubt man keiner Hilfe zu bedürfen, die außerhalb des Denkens selber gelegen wäre.

Hinter allen diesen dialektischen Bestrebungen liegt die Annahme einer Identität des Denkens und Seins verborgen, wenn auch diese Identität erst spät ausdrücklich behauptet wurde. Freilich hat aber der spröde Stoff der Erfahrungsbegriffe einer durchgängien Anwendung des dialektischen Verfahrens stets als Hindernis im Weg gestanden. Zwei Aushilfen sind daher versucht worden. Entweder ermäßigt man die Identität zu einem bloßen Parallelismus. Das ist der Weg, den zuerst ARISTOTELES einschlug und der noch heute von manchen verfolgt wird, die der metaphysischen Logik in hren anderen Formen entgegentreten oder sich wohl auch selbst als Anhänger einer erkenntnistheoretischen Richtung betrachten. (1) Oder man erkannte dem Denken nur für gewisse Gebiete des Wissens und zwar für die höchsten und abstraktesten, die Kraft zu, aus sich selber zu schöpfen, während man es im Bereich der Erfahrungsbegriffe abhängig machte von äußeren Einflüssen. Das ist im ganzen die herrschende Richtung des philosophischen Rationalismus. In solchem Sinne tritt bei DESCARTES, SPINOZA und LEIBNIZ das adäquate dem inadäquaten Erkennen, das  intelligere  dem  imaginari,  das klare dem vorworrenen Vorstellen gegenüber. Erst die neueste panlogistische Gestaltung des Rationalismus hat diesen Zwiespalt beseitigt, indem sie, an die platonische Dialektik wieder anknüpfend, den Satz von der Identität des Denkens und Seins unerschrocken bis zu seinen äußersten Folgerungen durchführte. Bei HEGEL wird auf diese Weise die Logik zur Darstellung des Denkens in seiner das Wissen erzeugenden Selbstbewegung. Wieder ist es aber, wie in den Anfängen der Dialektik, die Kraft der Verneinung, welche die Selbstentwicklung der Begriffe hervorbringt. Nur verbindet sie sich mit der Vorstellung, daß Position und Negation vermöge der nämlichen dem Begriff immanenten Bewegung, welche die Verneinung erzeugt, sich zu einer Begriffseinheit verbinden, an der dann abermals die Verneinung ihre Macht äußern kann.

Formale und metaphysische Logik treten beide in Widerspruch mit den Forderungen der einzelnen Wissenschaften. Die formale Logik befriedigt das Verlangen nicht, das von den verschiedenen Gebieten der wissenschaftlichen Forschung aus an eine Disziplin gestellt werden muß, welche die Normen und Methoden des Denkens zu entwickeln und zu begründen hat. Denn weder zeigt sie, wie die Denkgesetze entstehen, noch beweist sie, warum sie gültig sind, noch endlich kommt sie in irgend zureichender Weise der Verpflichtung nach, die wissenschaftlichen Verfahrungsweisen auf ihre logischen Regeln zurückzuführen. Die metaphysische Logik dagegen setzt sich sowohl über die Ergebnisse der Einzelwissenschaften, wie über die von ihnen tatsächlich geübten Methoden der Forschung hinweg, um neben das wissenschaftliche System, das aus der Verbindung aller Einzelforschungen hervorgeht, eine besonderes System des philosophischen Wissens zu stellen, das seine eigene Methode besitzt, die mit der sonst geübten wissenschaftlichen Logik nichts als den Namen gemein hat. Man mag die geistige Energie anerkennen, mit der die dialektische Methode ohne äußere Hilfe das Ganze des menschlichen Wissens zu bewältigen sucht; je selbständiger sie von den sonst befolgten Regeln der wissenschaftlichen Forschung sich trennt, um so weniger kommt sie den wirklichen Bedürfnissen der letzteren entgegen. War die formale Logik dürftig und unvollkommen, so leistet die metaphysische mehr als verlangt wird, aber alles dasjenige, was von einer wissenschaftlichen Logik gefordert werden kann, das leistet sie nicht. Denn die Aufgabe, die sie sich stellt, ist von Anfang an eine abweichende. Wie sich die dialektische Methode jeder Prüfung entzieht, die auf andere Weise, als durch sie selbst ausgeführt wird, ebenso sind die sonst geübten wissenschaftlichen Methoden ihrerseits für die Dialektik ein Inkommensurables [mit nichts Vergleichbares, wp], das sie als ein Denken, das einer andere Welt angehört, von sich weist.

Zwischen diesen einseitigen Richtungen steht nun diejenige Bearbeitung der Logik, die in der Entwicklung der Grundlagen und Methoden der wissenschaftlichen Erkenntnis ihre Aufgabe sieht. Will die Logik sich den Bedingungen unterordnen, unter denen sich überall die wissenschaftliche Forschung befindet, so kann sie nicht unter der Voraussetzung handeln, daß die Denkformen gleichgültig seien gegen den Erkenntnisinhalt. Denn eine solche Voraussetzung steht im Widerspruch mit dem überall von der Wissenschaft festgehaltenen Grundsatz, daß die Erkenntnismethoden sich nach ihren Objekten richten müssen. Auch ist sie tatsächlich nicht sowohl aus der Beobachtung des wissenschaftlichen Denkens hervorgegangen als aus einer metaphysischen Anschauung, aus der aristotelischen Ansicht nämlich, daß die Denkformen den Formen des Seins entsprächen. Nachdem diese Grundlage verlassen war, bleib dann erst die formale Logik in ihrer traditionellen Gestalt zurück, die jedoch in ihrem Aufbau noch mannigfache Spuren ihres metaphysischen Ursprungs an sich trägt.

Nicht mindern muß die wissenschaftliche Logik die Voraussetzung einer Identität des Denkens und Seins oder auch nur eines Parallelismus der Existenz- oder Erkenntnisformen zurückweisen. Denn jede dieser Annahmen stellt an die Logik die Forderung, einen metaphysischen Satz als oberstes Axiom anzuerkennen, welcher durch seinen Inhalt unvermeidlich dazu verführt, das Wirkliche aus den Denkformen zu konstruieren. Ihre tatsächliche Grundlage hat zwar diese Annahme in einer Voraussetzung die allerdings unser Denken an jede Erkenntnis heranbringt und unter der daher auch die Logik steht, in der Voraussetzung nämlich, daß das Denken ein zur Erkenntnis geeignetes Werkzeug und hierdurch befähigt sei, schließlich eine Übereinstimmung unserer Begriffe mit den Erkenntnisobjekten zu erreichen. Diese Übereinstimmung verwandelt die metaphysische Logik in eine Identität und während das wissenschaftliche Denken die Übereinstimmung mit dem Wirklichen am Ende seiner Anstrengungen erwartet, setzt jene die Identität an den Anfang. So entgeht sie der Forderung, daß das Denken von seinen Objekten bestimmt sei; statt dessen müssen sich nun die Objekte nach dem Denken richten. Bei jeder wissenschaftlichen Forschung, falls sie nicht durch willkürliche metaphysische Annahmen verfälscht ist, gilt aber neben der schließlichen Übereinstimmung der Begriffe mit den wirklichen Dingen die anfängliche Verschiedenheit beider als Voraussetzung. Indem sich das wissenschaftliche Denken fortwährend zwischen diesen beiden Endpunkten seines Weges befindet, empfängt es gleichzeitig den Antrieb zu seiner Tätigkeit und den Mut zu seiner Ausdauer. Vermöge der unmittelbaren Selbstunterscheidung des Denkens von seinen Gegenständen kann sich jene schließliche Übereinstimmung niemals in eine Identität verwandeln. Nie kann sie eine andere Bedeutung gewinnen, als die einer  Nachbildung  der Objekte, bei welcher der Denkende sich bewußt ist, alle Forderungen erfüllt zu haben, die die Wirklichkeit seiner nachbildenden Tätigkeit stellt. So hindert denn auch die bereits erreichte Übereinstimmung nicht, daß eine fortgesetzte denkende Bearbeitung des Gegenstandes das gewonnene Bild noch weiter vervollständige. So leicht daher die Annahme einer Identität zu der Meinung verführt, daß das Denken unfehlbar und zu irgendeiner Zeit fertig mit seiner Arbeit sei, so fern liegt diese Meinung der wissenschaftlichen Logik, welcher der Zweck des Denkens in der erreichbaren Übereinstimmung desselben mit seinen Gegenständen besteht.


3. Verhältnis der Logik zur Philosophie

Die formale Logik wird von ihren Vertretern als eine propädeutische [einführende, wp] Wissenschaft zur Philosophie bezeichnet. Es soll dadurch für sie der Vorteil entstehen, daß sie dem Streit der philosophischen Systeme entrückt sei. Dieser Vorteil wird aber nur auf Kosten ihres wissenschaftlichen Charakters erreicht. Auch würde die formale Logik, wenn jenes ihre Hauptabsicht wäre, den Zweck verfehlt haben. Denn oft genug haben Skeptiker und Dogmatiker den logischen Normen gerade darum ihre Sicherheit streitig gemacht, weil dieselben bloß empirische Regeln seien; und nicht selten haben sich Rationalisten und Empiriker in der Behauptung zusammengefunden, jene logischen Normen seien wertlos, weil sie höchstens lehrten, wie ein vorhandenes Wissen zu ordnen, nicht aber, wie es zu gewinnen sei.

Während sich die formale Logik außerhalb der Philosophie stellt, will die metaphysische die Philosophie selbst sein. Sie ist ein Organon des Denkens in des Wortes äußerster Bedeutung, denn dieses Werkzeug erzeugt seinen Gegenstand. Nach dem Grundsatz der Identität des Denkens und Seins entwickelt das logische denken in seiner Selbstbewegung den Zusammenhang der Begriffe: die Logik wird zur Metaphysik, welche ihrerseits alle anderen philosophischen Disziplinen als abhängige Provinzen umfaßt.

Die wissenschaftliche Logik endlich betrachtet sich als einen  Teil  der Philosophie. Denn die Philosophie sucht die den einzelnen Wissenschaften  gemeinsamen  Probleme zu lösen und diese Probleme sind doppelter Art: sie beziehen sich teils auf den allgemeinen Inhalt des Wissens, teils auf die Grundlagen desselben und auf die Normen seiner Entwicklung. Mit dem  Inhalt des Wissens  beschäftigt sich die  Metaphysik.  Sie stellt diesen Inhalt in allgemeinen Begriffen über das Seiende und in Gesetzen über dessen Beziehungen dar. Solche Begriffe und Gesetze werden schon von den Erfahrungswissenschaften entwickelt, dann aber von ihnen der Philosophie übergeben, die sie einer letzten Bearbeitung unterzieht, um die einzelnen Tatsachen und Hypothesen miteinander und mit den allgemeinen Prinzipien des Erkennens in Einklang zu bringen und sie schließlich mittels weiterer Voraussetzungen zu vervollständigen, die durch den Zusammenhang der verschiedenen Erfahrungsgebiete gefordert werden. Auf diese Weise ist das, freilich oft verfehlte, Ziel der Metaphysik die Aufrichtung einer widerspruchslosen Weltanschauung, welche alles einzelne Wissen in eine durchgängige Verbindung bringt. Wie die Metaphysik das gewordene, so hat die  Logik  das  werdende  Wissen darzustellen, die Wege, die zu ihm führen und die Hilfsmittel, über die das menschliche Denken verfügt. Zwischen Logik und Metaphysik könnte der Erkenntnistheorie eine mittlere selbständige Stellung gegeben werden, als derjenigen Disziplin, welche nicht den Inhalt und nicht die Methoden des Wissens, sondern seine Grundlagen zu untersuchen und seine Grenzen zu bestimmen hat. Durch diese Aufgabe tritt aber die Erkenntnistheorie in die innigste Beziehung zur Logik. Denn vor allem muß sie die logischen Normen und Methoden selbst in Bezug auf ihren Ursprung und ihre Sicherheit prüfen. Die Logik kann daher der Hilfe erkenntnistheoretischer Untersuchungen gar nicht entbehren. Ebenso stehen die Fundamentalbegriffe und Gesetze der wissenschaftlichen Erkenntnis in nächster Beziehung zu den allgemeinen Denkgesetzen und hinwiederum setzen die verwickelteren logischen Methoden durchgängig Prinzipien voraus, die, wie z. B. der Begriff der Substanz, das Kausalgesetz, der erkenntnistheoretischen Untersuchung anheimfallen. Aus diesen Gründen erscheint es undurchführbar, die Gebiete der Erkenntnistheorie und der wissenschaftlichen Logik in der Darstellung voneinander zu trennen.

Geben wir demnach der Logik diese allgemeinere Bedeutung, so sind Logik und Metaphysik die beiden Hälften der theoretischen Philosophie. Die Logik ist aber diejenige Hälfte derselben, die in der innigeren Beziehung zu den Einzelwissenschaften steht. Bei der Metaphysik ist die Beziehung eine einseitige: sie hat von der empirischen Forschung zu lernen, während die letztere bei der Sammlung der Tatsachen und der Ausbildung vorläufiger Hypothesen auf metaphysische Forderungen keine Rücksicht zu nehmen braucht. bei der Logik dagegen ist die Beziehung eine ganz und gar wechselseitige: aus den tatsächlichen geübten Verfahrungsweisen des Denkens und der Forschung abstrahiert sie ihre allgemeinen Resultate; diese aber überliefert sie den Einzelwissenschaften als bindende Normen, denen sie zugleich feste Bestimmungen über die Sicherheit und die Grenzen des Erkennens hinzufügt, ohne deren Beachtung die Spezialforschung leicht den gesicherten Boden ihrer Arbeiten verläßt, um sich entweder in grundlose Zweifel oder in eine unreife Metaphysik zu verirren.


4. Einteilung des Gegenstandes

Durch die gestellte Aufgabe ist uns der Weg vorgezeichnet, den wir zu nehmen haben. Wir werden ausgehen von der  psychologischen Entwicklung des Denkens,  wobei wir uns zugleich von den Eigentümlichkeiten Rechenschaft zu geben suchen, welche die logischen Gedankenverbindungen gegenüber anderen Formen der Verbindung und des Verlaufs der Vorstellungen darbieten. Nachdem so die Entstehungsweise des logischen Denkens und die nächsten psychologischen Gründe seines normativen Charakters untersucht sind, werden die  allgemeinen Denkformen,  die Begriffe, Urteile und Schlußfolgerungen, mit Rücksicht auf ihre logische Funktion zu zergliedern sein. Von ihnen werden wir übergeführt zu den allgemeinen Begriffen und Gesetzen, die bei der Anwendung des logischen Denkens zu den Zwecken des Erkennens vorausgesetzt werden und auf denen die wissenschaftliche Bedeutung der logischen Denkformen selber beruth. Diese Behandlung der  Prinzipien des Erkennens  bildet zugleich die Vorbereitung zu den besonderen Aufgaben, welche die Logik im Dienst der wissenschaftlichen Forschung zu erfüllen hat.

Mit diesen Aufgaben beschäftigt sich das zweite Hauptgebiet der Logik, die Methodenlehre. Sie hat zunächst auf die Verfahrensweisen zurückzugehen, deren sich überall die wissenschaftliche Forschung bedient, um Probleme zu stellen und zu lösen: auf die  Methoden der Untersuchungen,  wie die Analyse und Synthese, Abstraktion und Determination, Induktion und Deduktion. An diese schließen sich dann jene  systematischen  Formen des Denkens an, die teils zum Abschluß der Untersuchung, teils zur geordneten Darstellung der gewonnenen Ergebnisse erforderlich sind: Definition, Klassifikation und Beweisführung. Auf der Grundlage dieser allgemeinen Feststellungen hat schließlich die spezielle Methodenlehre zu zeigen, wie sich jene Verfahrensweisen innerhalb der einzelnen Wissenschaftsgebiete gestalten.

Demnach wird unsere Darstellung in zwei Teile zerfallen: einen allgemeineren, logisch-erkenntnistheoretischen und einen spezielleren, methodologischen. Der  logisch - erkenntnistheoretische  Teil wir die  Entwicklung des Denkens,  die  logischen Normen  desselben und die für seine Anwendungen gültigen  Prinzipien der Erkenntnis  behandeln. Der  methodologische  Teil wir zunächst in einer  allgemeinen Methodenlehre  die überall gültigen Methoden der Untersuchung und Formen der systematischen Darstellung schildern, um sich sodann in einer Reihe speziellerer Abschnitte mit der  Methodik der hauptsächlichsten Wissenschaftsgebiete  zu beschäftigen.

LITERATUR: Wilhelm Wundt, Logik [Eine Untersuchung der Prinzipien der Erkenntnis und der Methoden wissenschaftlicher Forschung], Bd. I (Erkenntnislehre), Stuttgart 1893
    Anmerkungen
    1) Hierher gehören aus neuerer Zeit die logischen Ansichten von SCHLEIERMACHER, TRENDELENBURG und ÜBERWEG, die, trotz mancher Abweichungen im einzelnen, doch im Grundgedanken eines Parallelismus des Denkens und Seins zusammentreffen.