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WILHELM WUNDT
Psychologismus und Logizismus
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    I. Einleitende Betrachtungen
II. Der Psychologismus in der Logik
III. Der Logizismus in der Psychologie
IV. Das Problem der reinen Logik
V. Psychologismus und Logizismus in der Erkenntnistheorie

"Seit den Tagen David Humes ist die Theorie der Erfahrungserkenntnis in unablässig sich wiederholenden Bemühungen dahin gerichtet gewesen, einen Begriff der  reinen Erfahrung  festzulegen, aus dem alle trübenden und fälschenden Zusätze unseres Denkens beseitigt seien, um in ihm das zurückzubehalten, was als die objektiv gegebene Wirklichkeit selbst anerkannt werden müsse."

I. Einleitende Betrachtungen

1. Allgemeines Verhältnis beider Richtungen

Der Name "Psychologismus" ist modernen Ursprungs. Wer ihn erfunden hat, ist mir unbekannt. Er gehört zu jenen Schlagwörtern, die, einmal entstanden, sich rasch verbreiten, weil sie bekannte Dinge bezeichnen, für die es bis dahin an einem passenden Namen gefehlt hat. Schwerlich reicht aber das Wort erheblich über das jüngst verflossene Dezennium zurück. Noch jünger ist wohl der Ausdruck "Logizismus", wenigstens in der hier gemeinten Bedeutung, in der er im Gegensatz zum Begriff des "Psychologismus" geprägt wurde. Beide gehören überdies zu jenen nicht ganz seltenen Bestandteilen der philosophischen Terminologie, bei denen eine wissenschaftliche Richtung nicht von ihren Anhängern, sondern von ihren Gegnern den Namen erhalten hat. Natürlich ist beidemale die Sache selbst viel älter als das Wort. Der Psychologismus reicht mindestens bis in die Anfänge der englischen Erfahrungsphilosophie zurück. Wollte man ihm im strengsten Sinne auch nur die konsequenteren Vertreter dieser Richtung zuzählen, so würde spätestens DAVID HUME als dessen Vater anzusehen sein. Der Logizismus vollends ist beinahe so alt wie die Philosophie selbst. Er regt sich schon mächtig in der Sophistik, um dann in der platonischen Dialektik und in der Systematisierung der Logik durch ARISTOTELES für alle Folgezeit maßgebend zu werden.

Indem auf diese Weise der sogenannte Psychologismus mit der empirischen, der Logizismus mit der rationalen Richtung der Philosophie zusammenhängt, weisen jedoch diese Beziehungen zugleich darauf hin, daß es sich hier nicht um selbständige Gegensätze handelt, sondern um Teilerscheinungen eines allgemeineren Widerstreits philosophischer Lehrmeinungen, wie er früh schon aus den eigentümlichen Unterschieden der allgemeinen Methoden wissenschaftlicher Forschung hervorgegangen ist. Versteht man unter Psychologismus diejenige Tendenz in der Philosophie der Gegenwart und der jüngsten Vergangenheit, die in der psychologischen Analyse des Inhalts der Erfahrung die wesentliche Aufgabe der Philosophie erschöpft sieht, so ist es klar, daß er nur einen Versuch darstellt, die gesamte Philosophie und damit die Wissenschaft überhaupt auf die reine Erfahrung, wie sie in den unmittelbaren Tatsachen unseres Bewußtsein enthalten ist, zurückzuführen. Im Gegensatz dazu würde dann der Logizismus der Versuch sein, umgekehrt, auf dem Weg der logischen Reflexion über den Zusammenhang der Erscheinungen, insbesondere auch derer, die uns im eigenen Bewußtsein gegeben sind, Rechenschaft abzulegen. Zugleich hängen aber beide Tendenzen, ebenso wie die ihnen entsprechenden Gegensätze des empirischen und des rationalen Erkenntnisprinzips, mit jener Scheidung der Methoden zusammen, die bei der Analyse jedes beliebigen Tatbestandes ineinander eingreifen, und die daher an sich nicht sowohl Gegensätze, als vielmehr sich ergänzende Standpunkte wissenschaftlicher Betrachtung bedeuten. Der eine dieser Standpunkte ist der  deskriptive,  der andere der  explikative.  Beide widerstreiten sich nicht, sondern sie verbinden sich in dem Sinne, daß zunächst eine beschreibende Analyse die genaue Kenntnis der Tatsachen zu vermitteln pflegt, ehe eine Interpretation ihres Zusammenhangs oder, nach der üblichen Bezeichnung, eine "Erklärung" stattfinden kann.

Doch diese Verbindung der beiden Funktionen beschreibender und erklärender Bearbeitung der Probleme trifft gelegentlich schon innerhalb ihrer Verwendung zur Lösung einzelner wissenschaftlicher Aufgaben auf Widerstände, die teils aus der mangelhaften Kenntnis der Tatsachen, teils und besonders aus der nirgends fehlenden Divergenz der Geistesrichtungen hervorgehen. Aus der Mischung solcher Motive entspringt dann entweder die Tendenz, die Lücken, die sich im gesammelten Material der Tatsachen vorfinden, aus dem Vorrat eigener Reflexion zu ergänzen, oder aber die andere, unter Vermeidung eines jeden Versuchs solcher aus der eigenen Reflexion stammender Ergänzungen sich auf die Feststellung der Tatsachen selbst und ihrer unmittelbar gegebenen Verbindungen zu beschränken. Damit sind dann aber auch schon beide Betrachtungsweise zu entgegengesetzten philosophischen Denkweisen geworden, deren jede den Anspruch erhebt, die allein gültige zu sein, und so das Recht für sich fordert, die andere als eine verfehlte, unwissenschaftliche oder zumindest unphilosophische zurückzuweisen.

Was sich in der tatsächlichen Bearbeitung der Einzelprobleme friedlich zusammenfindet, die Aufsuchung und Ordnung eines in der Erfahrung gegebenen Stoffes und die logische Verarbeitung eines solchen Materials, das hat sich so seit alter Zeit vermöge des der Philosophie immanenten Strebens nach Einheit zu entgegengesetzten Formen philosophischer Weltbetrachtung entwickelt, die ebenso über Sinn und Bedeutung der Wirklichkeit selbst wie über die Mittel und Wege zu deren Erkenntnis auseinandergehen. Das ist freilich nur dadurch möglich, daß von jenen beiden in der Bearbeitung der Einzelprobleme nebeneinander hergehenden oder einander ablösenden Arbeitsmethoden hier, auf dem Boden der Philosophie, jede sich die Fähigkeit zuschreibt, auch die Aufgabe der andern zu lösen. Demgemäß gilt es für den folgerichtigen Empirismus entweder geradezu als Grundsatz, daß es eine andere Form der Erkenntnis der Wirklichkeit außer der genauen Beschreibung der Tatsachen der Erfahrung nicht gebe; oder, wo er immerhin der Forderung nach einer Aufsuchung gewisser Regeln der Sukzession und der Koexistenz in der ungeheuren Mannigfaltigkeit des Einzelnen eine Berechtigung zuerkennt, da gelten ihm die dieser Forderung entsprechenden Regeln bloß als subjektive Postulate, die dem Bedürfnis nach Vereinfachung der Beschreibung dienen, einen objektiven Erkenntniswert aber nicht besitzen. Auf der anderen Seite geht die rationalistische Denkweise in ihren verschiedenen Formen und Färbungen, so weit diese auch unter sich abweichen mögen, in letzter Instanz stets darauf aus, die Wirklichkeit, wenn nicht nach ihrem unmittelbar gegebenen sinnlichen Erfahrungsinhalt, so doch in all dem, was ihr in unserem Erkennen Wert und Bedeutung verleiht, vornehmlich also in den sie ordnenden Formen aus allgemeinen Vernunftgesetzen zu begreifen. Meint so die erste dieser Richtungen, die Prinzipien der Erfahrung entweder selbst aus der Erfahrung schöpfen zu können oder, so weit dies nicht möglich sein sollte, sie als willkürliche und darum allzeit widerrufliche Zusätze zu derselben ansehen zu müssen, so gilt der zweiten die empirische Wirklichkeit als ein bloßes Material für ein Denken und Handeln, das jenseits derselben seinen Ursprung hat. Daraus entwickelt sich dann nicht immer, aber doch vermöge einer hier naheliegenden Fortführung der Gedanken mit einer gewissen Regelmäßigkeit ein weiterer Gegensatz, der darum auch für die Benennung dieser Erkenntnisrichtungen bestimmend geworden ist. Dem empirischen Standpunkt gilt die in der Erfahrung gegebene Wirklichkeit als die einzige überhaupt oder zumindest als die einzige, die erkennbar ist; der rationale statuiert eine überempirische Wirklichkeit, deren Erkennbarkeit aufgrund jeder Erfahrung vorausgehenden Erkenntnisbedingungen feststeht oder als ein Postulat vorausgesetzt werden darf, das im überempirischen Ursprung der Erkenntnisprinzipien gegeben ist.

Wie sehr nun aber auch in diesem alten Widerstreit philosophischer Erkenntnistheorien die Gegensätze des Psychologismus und des Logizismus vorbereitet sein mögen, - diese besitzen außerdem noch ihre spezifischen Eigentümlichkeiten; und hier hängen sie durchaus mit den Einflüssen zusammen, die einerseits die Reform der Psychologie, andererseits die auf eine Reform der Logik gerichteten Bestrebungen mit wechselndem Erfolg auf das wissenschaftliche Denken ausgeübt haben. Seit den Tagen DAVID HUMEs ist die Theorie der Erfahrungserkenntnis in unablässig sich wiederholenden Bemühungen dahin gerichtet gewesen, einen Begriff der "reinen Erfahrung" festzulegen, aus dem alle trübenden und fälschenden Zusätze unseres Denkens beseitigt seien, um in ihm das zurückzubehalten, was als die objektiv gegebene Wirklichkeit selbst anerkannt werden müsse. Dabei ereignet es sich nun unvermeidlich, daß eben dieser auf das unmittelbar Gegebene reduzierte Erfahrungsinhalt selbst sich als ein im eminenten Sinne Subjektives sich herausstellt, da er ganz und gar mit dem wechselnden Inhalt unseres Bewußtseins zusammenfällt. So wird der konsequente Empirismus mit innerer Notwendigkeit zum Psychologismus, und er wird dies insbesondere auch in dem Sinne, daß er, da nun einmal kein Standpunkt wissenschaftlicher Betrachtung gewisser Prinzipien entbehren kann, welche die ungeordnete Mannigfaltigkeit des gegebenen Stoffs in einen planmäßigen Zusammenhang bringen, in letzter Instanz solche Prinzipien wählt, die durch den Tatbestand des Bewußtseins selbst an die Hand gegeben werden, deren Ursprungsort also die reine Psychologie ist. Damit überträgt sich aber notwendig dieser Standpunkt psychologischer Betrachtung auf alle möglichen Wissensgebiete, insbesondere auf diejenigen, deren Aufgabe in der Lösung der allgemeinsten und grundlegenden Wissensprobleme besteht, also der philosophischen. Die gesamte Philosophie wird Psychologie. Die Ästhetik ist Psychologie des Schönen und der Kunst, die Ethik Psychologie des sittlichen Wollens, die Logik Psychologie der Begriffsbildung und der Gedankenverbindungen usw. Die folgerichtigsten Vertreter dieser Anschauung ziehen nach dem Voranschreiten von ERNST MACH auch die Naturwissenschaft, und zwar - was für die weite Verbreitung dieser psychologistischen Strömung kennzeichnend ist - unter dem Beifall zahlreicher Naturforscher, in den Umkreis ihrer Betrachtung. Daß man dabei in ausgiebigem Maß gewisse im Grund über- oder außerempirische Hilfsbegriffe anwendet, wie die der willkürlichen Hypothese und der freien wissenschaftlichen Konvention, ist eine Sache für sich, die hier vorläufig außer Betracht bleiben kann. Andere, wie THEODOR LIPPS in der früheren, psychologistischen Phase seiner philosophischen Entwicklung, beschränken den gleichen Standpunkt im wesentlichen auf die sogenannten Geisteswissenschaften. Psychologie und Geisteswissenschaft auf der einen, Psychologie und Philosophie auf der anderen Seite werden ihnen zu identischen Begriffspaaren.

Daß diese Aspirationen der Psychologie auf philosophische Alleinherrschaft nicht ohne Widerspruch bleiben konnten, versteht sich von selbst. Nicht minder begreiflich ist es, daß die gegnerische Bewegung vornehmlich von jenen Richtungen der Philosophie ausging, denen die wirkliche oder angebliche Beschränkung der psychologischen Betrachtung auf das Tatsächliche als ein Mangel galt, der einer sicheren, auf logische Notwendigkeit der Prinzipien gegründeten Erkenntnis von vornherein im Wege stehe. Wie immer man daher über solche gegenüber der Relativität der psychologischen Erfahrung auf absolute Geltung Anspruch machende Prinzipien denken mochte, darin war man auf dieser Seite einig, daß die Logik, wie sie sich seit ARISTOTELES in wechselnden Formen, aber immer mit dem gleichen Anspruch auf Evidenz und Allgemeingültigkeit entwickelt hatte, das Vorbild wahrer philosophischer Erkenntnis bleiben müsse. So hat dann auch die positive Wissenschaft weniger gegen den Psychologismus erhoben, die zwar durch den Satz vom Rückgang alles Gegebenen auf Bewußtseinserlebnisse bisweilen in eine ablehnende Stimmung versetzt werden mochte, aber im letzten Grund nichts Entscheidendes gegen ihn vorzubringen wußte, als vielmehr die  Logik,  die auf einen festen Bestand evidenter Prinzipien hinweisen kann, der gerade in dem was seine spezifische Eigentümlichkeit ausmacht, in seiner Denknotwendigkeit, aus keinerlei Art psychologischer Erfahrung zu begreifen ist. Hat sich die Leistungsfähigkeit der Logik der Gesamtheit der Wissenschaften gegenüber vor allem auf  den  Gebieten bewährt, die, wie die Mathematik, den höchsten Grad der Exaktheit für sich in Anspruch nehmen, und denen gegenüber jeder Versuch, sie rein psychologisch begründen zu wollen, schließlich seine Ohnmacht eingestehen muß, so lehrt aber nicht minder die Geschichte der Psychologie selbst fast auf jedem ihrer Blätter, daß diese ihrerseits namentlich in älterer Zeit der Invasion der Logik fortwährend ausgesetzt gewesen ist, und daß sie sich bis in die Gegenwart herein den immerfort wiederholten Versuchen, ein Verständnis des psychischen Lebens dadurch zu gewinnen, daß man es irgendwie logisch interpretiert, oder in dialektische Begriffskonstruktionen auflöst, nicht entziehen konnte. So führt diese logische Tendenz mit einer gewissen inneren Notwendigkeit zu dem Streben, das Werk der Logik damit zu krönen, daß man diese, nachdem sie das Wissen in weitestem Umfang unter ihr Joch gebeugt hat, schließlich auch die anscheinend jeder logischen Norm spottenden Erscheinungen des subjektiven Bewußtseins ihrer Herrschaft unterwerfen läßt. So kehrt der Logizismus seine Waffen vor allem gegen die Psychologie selbst. Hatte diese in ihren psychologistischen Ausschreitungen die alte normative Logik samt ihrer dialektischen Zwillingsschwester zu entthronen und, soweit sie ihnen überhaupt eine Berechtigung zugestand, einer allumfassenden Psychologie einzuverleiben gesucht, so unternimmt es hier die von den entgegengesetzten Herrschaftstendenzen erfüllte logische Reflexion, die Psychologie selbst in ein minderwertiges Nebengebiet einer allgemeinen Logik zu verwandeln. Damit hat sich der Gegensatz zwischen Psychologismus und Logizismus aus einem Kampf um die ihnen als Streitobjekt gegenüberstehende Wissenschaft zu einem Kampf um das eigenes Dasein gestaltet. Der Psychologismus will die Logik in Psychologie, der Logizismus will die Psychologie in Logik verwandeln. Wie aber bei diesem Kampf der Psychologismus im allgemeinen auf die Unterstützung der empirischen Forschung und nicht selten selbst der Naturforschung, die sich der subjektivistischen Konsequenz des Begriffs der "reinen Erfahrung" nicht zu entziehen vermag, rechnen kann, so begegnet der Logizismus zumeist der lauten Zustimmung der spekulativ gerichteten Philosophen, denen auch heute noch eine über alle Gebiete des menschlichen Denkens sich erstreckende Logik oder Dialektik als das wirksamste Mittel gilt, die Herrschaft der Philosophie im Reich der Wissenschaften, die der Psychologismus in Frage stellt, wiederzugewinnen. Hier findet nun der Logizismus eine mächtige Hilfe in der eigenen Vergangenheit der psychologischen Wissenschaft. Indem diese bis in die neueste Zeit als ein wesentlicher Bestandteil der Philosophie galt und daher jeweils unter dem Einfluß philosophischer Anschauungen stand, bildete die logische Deutung der Tatsachen des Bewußtseins und ihres Zusammenhangs nicht bloß die früheste, sondern bis in die neueste Zeit herab die vorherrschende psychologische Methode. War dies doch schon dadurch nahegelegt, daß die logischen Denkformen als zugehörig zum allgemeinen Tatbestand der Bewußtseinserlebnisse anerkannt werden mußten. - Indem man die vielseitige objektive Verwendbarkeit dieser Normen auf ihr Verhältnis zu den sonstigen psychischen Erfahrungsinhalten übertrug, gewannen sie daher zugleich den Anspruch auf subjektive Allgemeingültigkeit. Wo sich im Umkreis seelischer Erlebnisse irgendetwas einer solchen Unterordnung unter logische Denkformen nicht fügen wollte, da half dann über diesen Widerspruch die Annahme eines irgendwie getrübten oder verdunkelten logischen Denkens hinweg, dem erst die Erhebung in die Sphäre logischer Reflexion zur erforderlichen Klarheit verhelfen müsse. So kehrt der Logizismus, indem er die Psychologie mit den Mitteln dialektischer Begriffsentwicklung in eine angewandte Logik zu verwandeln strebt, zur ursprünglichsten und naivsten Form psychologischer Interpretation zurück, die sich durch die Hilfe, die ihr von Seiten der anerkannt exaktesten aller philosophischen Disziplinen zuteil wird, hier unvermutet in eine über die gemeine psychologische Erfahrung erhabene Sphäre spekulativer Betrachtung entrückt sieht. Auf diese Weise bildet der Kampf zwischen Logizismus und Psychologismus, insoweit er sich auf den Inhalt der Psychologie selbst erstreckt, eine neue Phase im alten Streit zwischen spekulativer und empirischer Psychologie.


2. Psychologie und Logik
in der Philosophie der Gegenwart

Nimmt die empirische oder, wie sie heute nach einem ihrer wirksamsten Hilfsmittel genannt zu werden pflegt, die experimentelle Psychologie so viel als möglich die exakten Naturwissenschaften zum Vorbild, so stützt sich die spekulative heute noch, wie sie es immer getan hat, offenkundig oder stillschweigend auf irgendeine Metaphysik, und sie bedient sich der Methode, die ihr durch diese an die Hand gegeben wird. Diese Methode ist, als eine Betätigung des rationalen Denkens, eine logische im weiteren Sinne des Wortes. Sie spaltet sich wieder in die zwei Richtungen der auf PLATO und in näherer Vergangenheit auf FICHTE und HEGEL zurückgehenden Dialektik und in die durch ARISTOTELES und die Scholastik repräsentierte Subsumtionslogik. Dabei sind aber beide Richtungen nirgends scharf geschieden. Denn von Anfang an verbergen sich hinter der Dialektik die Normen der Logik, und den logischen Denkformen ist das Streben immanent, von der logischen Ordnung der Begriffe zur dialektischen Gedankenverknüpfung fortzuschreiten. Hierbei fällt aber der Hauptanteil positiver Leistung überall der Dialektik zu. Darum verdanken ARISTOTELES und die großen Scholastiker so gut wie PLATO ihre schöpferischen Gedanken der Dialektik und HEGEL hat mit gutem Bedacht die Methode seines Systems die dialektische, dieses System selbst aber in seinem grundlegenden Teil Logik genannt. Gleichwohl bleiben auch in den neueren Formen rationaler und spekulativer Psychologie die zwei Richtungen, von denen in der Gegenwart die dialektische vornehmlich nach FICHTE, die logische nach der Scholastik orientiert ist, deutlich unterscheidbar. Von FICHTE zieht sich ein Band dialektischer Begriffsverknüpfung zu HERBART und zu allem, was in der modernen Psychologie von HERBART beeinflußt ist; und in der fundamentalen Bedeutung, die bei den Psychologen dieser Richtung der Begriff des "Ich" für die Auffassung der Bewußtseinserlebnisse besitzt, bleibt die Verwandtschaft mit der Ichphilosophie FICHTEs deutlich erkennbar, wie ja auch HERBART schon in der dialektischen Zerlegung des Ichbegriffs den Gedankengängen der Wissenschaftslehre gefolgt ist. Unter den Psychologen der Gegenwart kann wohl THEODOR LIPPS, besonders in der neuesten Phase seiner Entwicklung, als der Hauptrepräsentant dieser dialektischen Richtung angesehen werden. Daß er ursprünglich dem Psychologismus gehuldigt hat, tut dieser Stellung keinen Abbruch. Vielmehr hat gerade das Ichproblem, wie es schon bei HERBART den dialektischen Einschlag seines dem modernen Psychologismus verwandten Systems bildet, so in dieser neuesten Selbstzersetzung des Psychologismus mehr und mehr die dialektischen Motive zur Herrschaft gelangen lassen. Einen wirksamen Anstoß zu dem heute in mannigfachen Schattierungen vertretenen scholastischen Logizismus gaben auf der anderen Seite die Bemühungen FRANZ BRENTANOs um eine Reform der Psychologie. Wieder bildet in diesem Fall ein stark ausgeprägter Psychologismus die Grundlage. Doch die der Stimmung der Zeit entnommenen psychologistischen Motive verbinden sich hier mit der dem scharfsinnigen Interpreten aristotelischer Psychologie eigenen scholastischen Übung des Denkens. Von BRENTANO sind dann, abgesehen von den Vertretern der eigentlichen Neoscholastik, die hervorragendsten Psychologen und Logiker des scholastischen Logizismus angeregt worden, mögen sie nun gleich ihm Psychologismus und Logizismus zu verbinden suchen, wie ALEXIUS MEINONG, CARL STUMPF u. a. oder allen solchen Halbheiten den Krieg erklären, wie EDMUND HUSSERL, der in einem rücksichtslos durchgeführten Logizisms die Psychologie selbst in eine reflektierende Begriffs- und Wortzergliederung zu überführen sucht.

Aus dieser Stellung ihrer Vertrter ersieht man schon, daß, so heftig diese Richtungen einander befehden mögen, die Kluft zwischen ihnen keine so tiefe ist, daß sie nicht überbrückbar wäre. Nicht bloß daß beiderlei Motive gemischt sind, auch das kommt vor, daß der Verteidiger des extremen Psychologismus im Laufe der Zeit zum Logizisten bekehrt wird (1. Dem Beobachter, der in den verschiedenen Formen psychologischer Interpretation orientiert ist, können aber hier die Fäden nicht verborgen bleiben, die von der einen zur anderen Phase dieser Entwicklungen hinüberreichen. Wie für die Dialektiker unter den Psychologisten das "Ich" mit seiner immanenten Tendenz, die Gesamtheit der Bewußtseinserlebnisse aus sich zu entwickeln, zum Motiv dieses Fortschritts wird, so liegt es für den scholastischen Psychologisten in der Neigung zu jener rationalisierenden Interpretation des psychischen Lebens, die, in der populären Reflexionspsychologie vorbereitet, dereinst von der aristotelischen Scholastik mit Meisterschaft geübt worden ist.

So sind dann auch diese Übergänge zwischen Auffassungen, die sich scheinbar feindselig gegenüberstehen, keineswegs als ein prinziploses Schwanken zu deuten, sondern als Zeugnisse tatsächlicher Gedankenbeziehungen, die unter dem Einfluß weiterer Tendenzen bald der einen bald der anderen Richtung zur Herrschaft verhelfen. Von einem der Teilnahme an diesem Streit der Gegensätze entrückten Standpunkt geschichtlicher und psychologischer Betrachtung aus kann man darum wohl auch den Kampf zwischen Psychologismus und Logizismus mit jenem allgemeinen Wechsel geistiger Strömungen auf die gleiche Linie stellen, wie er uns überall von den großen geistigen Kulturmächten in Kunst, Wissenschaft und öffentlichem Leben an bis herab zu den Gewohnheiten des täglichen Lebens begegnet. Warum hat das Barock die Renaissance, warum die Romantik den Klassizismus verdrängt? Sicherlich ist das nicht deshalb geschehen, weil eine spätere Generation müde war, das zu bewundern, woran eine vorangegangene sich erfreut hatte, sondern weil in dem nie rastenden Fluß des geistigen Lebens in den vorangegangenen Strömungen latent die Kräfte bereits mitwirkten, die in der folgenden Zeit an die Oberfläche traten. So ist jede Phase im Nacheinander solcher Entwicklungen alt und neu zugleicht: alt, insofern sich in ihr früher dagewesene Richtungen wiederholen; neu, weil diese Wiederholung vermöge des veränderten Mediums, in das sie eintritt, und der veränderten Bedingungen ihrer eigenen Entwicklung niemals die gleiche ist, die sie früher war, wohl aber im Kampf mit der ihr unmittelbar vorausgehenden Phase mehr und mehr sich zu einem Gegensatz gegen diese herausbildet. So besitzt dann auch die Art, wie sich im Laufe des letzten Jahrhunderts psychologische und logische Tendenzen in ihrer Herrschaft ablösten, den Charakter eines solchen Wechsels der Gegensätze. Und da die Übergänge in diesem Fall durch verhältnismäßig kurze Zeiträume getrennt sind, so prägt sich dieser Wechsel in der besonders charakteristischen Form aus, daß ihn eine Anzahl wissenschaftlicher Persönlichkeiten an sich selbst erlebt hat. Nachdem unter dem Einfluß einer Reihe hier nicht weiter zu erörternder historischer Bedingungen in den letzten Dezennin des vorigen Jahrhunderts der Psychologismus zu einer Herrschaft gelangt war, die sich nicht bloß auf alle Gebiete der Philosophie erstreckte, sondern auf Naturwissenschaft und Geschichte herüberwirkte und utner den philosophischen Disziplinen vor allem Erkenntnistheorie und Logik erfaßt hatte, stehen wir heute unverkennbar unter dem Zeichen des Logizismus. Auch in ihm wiederholen sich ältere Erscheinungen ähnlicher Art. Dennoch ist es für diese neueste Phase besonders bezeichnend, daß in ihr die dialektische und die scholastische Form, zumeist wohl ohne sich selbst als Verwandte zu erkennen, nebeneinander hergehen, und daß in ihr die Beziehungen, die zu entgegengesetzten psychologistischen Bewegung hinüberführen, besonders deutlich zutage treten. Wann und unter welchen Auspizien [Vorzeichen - wp] wird wohl in der Zukunft wieder einmal der Psychologismus ans Ruder kommen? Oder sollte es vielleicht doch noch gelingen, den Verwirrungen, die der Psychologismus in der Logik, und denen, die der Logizismus in Psychologie angerichtet hat, dadurch zu steuern, daß beide in die ihnen gebührenden Grenzen verwiesen werden? Es fehlt nicht an Bestrebungen, die auf dieses Ziel gerichtet sind, und am wenigsten fehlt es an ihnen, wie ich glaube, innerhalb der neueren Psychologie, wogegen die Logik von ihrem Privileg, die ältere Wissenschaft zu sein, immer noch in dem Sinne Gebrauch zu machen pflegt, daß sie fortan die Geschäfte der Psychologie zu führen sucht. Um hier beiden Teilen gerecht zu werden, wird es nützlich sein, zunächst die negative Kehrseite dieser Wechselbeziehungen, nämlich die Gebietsüberschreitungen ins Auge zu fassen, die in der ungehörigen Einmischung der Psychologie in die Logik und der Logik in die Psychologie die Aufgaben beider zu trüben suchen.

LITERATUR - Wilhelm Wundt, Psychologismus und Logizismus, Kleiner Schriften I, Leipzig 1910
    Anmerkungen
    1) Als Zeugnisse für eine solche allmähliche Entwicklung vergleiche man z. B. LIPPS' "Grundtatsachen des Seelenlebens" (1883), die erste und die zweite Auflage seiner Schrift "Vom Fühlen, Wollen und Denken" (1902 und 1907) und seines "Leitfadens der Psychologie" (1903 und 1906. Weniger durch Übergänge vermittelt erscheint, wenigstens äußerlich, der Gegensatz bei HUSSERL, zwischen dessen "Philosophie der Arithmetik" (1891) und seinen "Logischen Untersuchungen" (1900 - 1901). Freilich ist in diesen wie in anderen Fällen der Umschlag in jenen Übergängen zwischen einer Analyse der reinen Selbstbeobachtung und dialektischer Begriffsbewegung vorbereitet, für die schon HERBARTs psychologische Analysen klassische Beispiele sind.