p-4Ludwig BusseHeinrich Rickert     
 
WILHELM WUNDT
Das Prinzip des
psychophysischen Parallelismus


"Wenn Sigwart hervorhebt, der Begriff der Veränderung lasse sich ohne den des Dings überhaupt nicht denken und es lasse sich darum auch bei der Ursache niemals vollständig von den Dingen abstrahieren, so kann ich dieser Bemerkung, soweit sie sich auf die Fälle der Naturkausalität bezieht, vollständig beipflichten. Ich habe niemals behauptet, daß eine solche Abstraktion stattfinden solle, vielmehr überall auf die in das ursächliche Geschehen eingehenden und auf den konstanten Substraten der Ereignisse beruhenden Bedingungen hingewiesen. Ich würde den Bemerkungen Sigwarts nur hinzuzufügen haben, daß die Auswahl der permanenten Bedingungen, die beim Begriff der Ursache mitberücksichtigt werden, nicht ein für allemal durch rein objektive Verhältnisse fest bestimmt ist, sondern daß sie vom gewählten Standpunkt der Betrachtung abhängt."


I. Allgemeine Vorbemerkungen über
den Kausalbegriff der Naturwissenschaft

In den beachtenswerten Erörterungen über den "Begriff des Wirkens", die SIGWART in seiner Methodenlehre gegeben und in der jüngst erschienenen zweiten Auflage derselben mit manchen Erweiterungen versehen hat, wird zweifellos mit Recht bemerkt, daß das sogenannte Kausalprinzip  vieldeutig  sei (1). Aber es ist, wie mich dünkt, eine eigentümliche Art der Vieldeutigkeit, die uns in diesem wie in manchem anderen Fall wissenschaftlicher Begriffsbildung begegnet. Das Kausalprinzip ist nicht etwa in dem Sinne vieldeutig, in dem der Mathematiker von vieldeutigen Funktionen redet: es ist nicht ein formel feststehender Begriff, der auf verschiedene reale Werte anwendbar ist, sondern seine Vieldeutigkeit besteht umgekehrt darin, daß der nämliche Zusammenhang von Tatsachen zu Begriffsbildungen abweichender Art Veranlassung geben kann. Eine solche Vieldeutigkeit setzt voraus, daß die zur Gewinnung der Begriffe erforderliche Abstraktionstätigkeit in verschiedener Weise ausgeübt wird, daß man also hier Merkmale in den Vordergrund stellt, die dort als entbehrlich gelten, oder daß die Gesichtspunkte, welche die Abstraktionen leiten, wesentlich abweichen. Natürlich ist eine derartige Divergenz der Entwicklungen überhaupt nur möglich, weil die Bildung der Begriffe innerhalb der durch die Erfahrung gezogenen Grenzen schließlich eine Sache der Willkür bleibt. Mögen darum zwei Begriffe, die durch ein abweichendes Abstraktionsverfahren aus einem und demselben Tatbestand gewonnen sind, im Kampf der Meinungen noch so hart aufeinander stoßen, niemand würde doch berechtigt sein, den einen wahr und den andern falsch zu nennen. Vielmehr wird man aufgrund der sorgfältigsten Kritik immer nur sagen können, daß die Begriffe den wissenschaftlichen Anwendungen, die von ihnen auf der erweichten Stufe methodischer Bearbeitung der Probleme gemacht werden, möglichst vollständig und allseitig entsprechen. Dabei liegt es jedoch in der Natur dieses Kriteriums, daß man über seinen Inhalt verschiedener Meinung sein kann und daß auf den Versuch dasselbe festzustellen die Momente, die der Abstraktionstätigkeit von vornherein verschiedene Richtungen geben, stets ihre Wirkungen ausüben.

Wenn nun die gründliche und sorgfältige Untersuchung, er SIGWART in seiner Methodenlehre das Kausalproblem unterwirft, zu Ergebnissen gelangt, die von denen wesentlich abweichen, die ich teils in den hierher gehörigen Erörterungen meiner Logik, teils in der kürzeren, aber in einigen Beziehungen zugleich vollständigeren Darstellung des "Systems der Philosophie" gewonnen habe (2), so möchte ich in erster Linie betonen, daß, wie ich meine, auch hier nicht von einem wahr oder falsch in absolutem Sinn die Rede sein kann. Zugleich aber scheint es mir, daß sich in diesem Fall die Divergenz der Ansichten mit innerer Konsequenz aus den zwei oben erwähnten Bedingungen, aus der abweichenden Beschaffenheit der leitenden Gesichtspunkte und aus der abweichenden Bevorzugung gewisser Elemente der Begriffe, ergibt, wobei überdies die erste dieser Bedingungen auf die zweite einwirken mußte.

SIGWART geht von dem richtigen Gedanken aus, daß der ursprünglichen Auffassung stets  Dinge  als wirkende Ursachen gelten und sein Bemühen ist darauf gerichtet, diesem ursprünglichen Kausalbegriff alles unterzuordnen, was eine spätere Reflexion auf das gleiche Verhältnis von Ursache und Wirkung zurückführt. Die fortschreitende Anpassung jenes ursprünglichen Begriffs an die Forderungen der wissenschaftlichen Erfahrung hat aber, wie SIGWART hervorhebt, allmählich dazu geführt, den Begriff der Ursache namentlich insofern über seine anfängliche Bedeutung hinauszuführen, als in erster Linie nicht mehr die Dinge, sondern die wechselnden  Relationen  derselben als Gründe des Geschehens gedacht werden. Infolge dieser Erweiterung wird nun nicht das Ding, das eine einzelne Wirkung hervorbringt, sondern die Summe der Bedingungen, auf die jene Wirkung zurückgeführt werden kann, als Ursache angesehen. Eine derartige Erweiterung, durch die sich der ursprünglich einheitliche Begriff der Ursache in eine unendliche Summe von Teilursachen aufzulösen droht, fordert jedoch wieder eine Reduktion, die in einer Trennung der  eigentlichen Ursache  von den die Wirkung derselben ermöglichenden  Bedingungen  bestehen muß. Im Sinne des ursprünglichen Kausalbegriffs und zugleich in möglichstem Anschluß an die vielgestaltigen Anwendungen im gewöhnlichen Leben wie in der Wissenschaft soll nun diese Trennung der Begriffe Ursache und Bedingung nach SIGWARTs Meinung so ausgeführt werden, daß man fortan die Dinge, die sich als Träger bestimmter unveränderlicher Wirkungen darbieten, als Ursachen, die veränderlichen Relationen dieser Dinge aber, durch welche jene wahren Ursachen zur Wirkung gelangen und bestimmte Effekte hervorbringen, als hinzutretende Bedingungen bezeichnet. In diesem Sinne würde also z. B. der Fall eines in die Höhe geworfenen Körpers durch die Schwerkraft der Erde  verursacht,  das Emporwerfen in eine bestimmte Höhe aber würde die nächste Bedingung sein, unter welcher diese Ursache zur Wirkung gelangt.

Indem ich hiermit dem Grundgedanken SIGWARTs richtig wiederzugeben glaube, muß ich übrigens darauf verzichten, den scharfsinnigen Ausführungen zu folgen, in denen dieser Forscher den so von ihm fixierten Begriff der Ursache auf die einzelnen Spezialfälle des Kausalproblems anwendet. Bleibt doch der entscheidende Punkt, von dem alles übrige abhängt, eben die in der angedeuteten Weise versuchte Trennung der Begriffe Ursache und Bedingung. Daß eine solche Trennung erforderlich, daß eine Auflösung des Kausalbegriffs in die  Totalsumme der Bedingungen eines Phänomens,  wie sie noch MILL vorgeschlagen hatte, undurchführbar ist, weil sie die Anwendung dieses Begriffs überhaupt unmöglich machen würde, ist jetzt wohl allgemein anerkannt. Dies vorausgesetzt wird man aber zugestehen, daß es nur  zwei  Wege gibt, auf denen sich eine Trennung von Ursache und Bedingung vornehmen läßt: entweder man nimmt den Begriff der Ursache vollständig in die dauernden Objekte herüber, an deren Relationen alle Wirkungen gebunden sind, um diese Relationen ihrerseits als die Bedingungen zu betrachten, unter denen jene Ursachen wirken, - das ist der Weg, den SIGWART einschlägt. Oder man faßt umgekehrt die Objekte mit den ihnen innewohnenden permanenten Kräften als die Bedingungen auf, unter denen alle Kausalität steht und betrachtet nun als einzelne Ursache die jedesmalige veränderte Relation dieser Objekte, durch die eine einzelne Wirkung zustande kommt, - das ist der Weg, den, wie ich glaube, tatsächlich die neuere Naturwissenschaft eingeschlagen hat und den ich deswegen für den zweckmäßigeren halte, weil mir die logischen Motive, die dabei eingewirkt haben, von entscheidendem Wert zu sein scheinen.

In der Tat ist SIGWART zu seinem Versuch einer Wiederherstellung der ursprünglichen Gestalt des Kausalbegriffs zunächst nicht sowohl durch eine Untersuchung der Entwicklung, die der Begriff wirklich in der Wissenschaft zurücklegte, und der logischen Motive, die diese Entwicklung bestimmt haben, als vielmehr durch eine  psychologische  Rekonstruktion seiner Entstehung und seiner allmählichen Erweiterung gelangt. Naturgemäß ist aber eine solche Rekonstruktion bemüht, alle späteren Entwicklungen an diesen Anfang anzuknüpfen und sie sucht so der Aufgabe gerecht zu werden, alle Entwicklungsstufen unter eine unverändert bleibende Vorstellungsform zu bringen. Ich will damit nicht sagen, daß in der Darstellung SIGWARTs die von der Wissenschaft erhobenen logischen Folgerungen unberücksichtigt geblieben seien. Aber es scheint mir doch, daß sie sich im Ganzen genommen der psychologischen Entwicklung des Begriffs unterordnen. Diese psychologische Grundtendenz dürfte sich namentlich darin verraten, daß ein Motiv fast gar nicht zum Ausdruck kommt, das tatsächlich überall bei der Entwicklung der Begriffe eine hervorragende Rolle spielt, das aber allerdings wesentlich nur ein logisches und kein psychologisches ist, daher es den populären Begriff der Ursache noch heute ziemlich unberührt läßt, während es dessen wissenschaftliche Gestaltung von Grund aus verändert hat. Dieses Motiv, dem auch anderwärts eine überaus wichtige Rolle zukommt, besteht in der  Entdeckung, daß Begriffe, die bis dahin in einer bestimmten Bedeutung gültig gewesen sind, einer fundamentalen Reform bedürfen, um fernerhin wissenschaftlich brauchbar zu sein.  Solche Entdeckungen, die sich teils aus Widersprüchen, auf die man bei der Durchführung der Begriffe geführt wird, teils aus ihrer Unzulänglichkeit gegenüber sich neu darbietenden Erfahrungen ergeben, liegen außerhalb ihrer psychologischen Entwicklungsgeschichte und die vulgäre Anwendung läßt sich daher auch nur langsam in dem nun einmal gewohnten Gebrauch irre machen, oder, wenn sie es tut, liebt sie es die neue Anwendung einfach der alten hinzuzufügen. Eine ausschließlich von logischen Motiven geleitete Betrachtung wird dagegen alle die Merkmale zu beseitigen suchen, die sich im Laufe der fortgesetzten Korrektur der Begriffe als unhaltbar oder als unwesentlich herausgestellt haben. Daß daneben die psychologische Betrachtung der Begriffsentwicklung einen hohen Wert auch für die logische Untersuchung behält, ist damit nicht ausgeschlossen. Kann sie doch schon deswegen förderlich sein, weil sie unrichtigen oder unzulänglichen Theorien, die angeblich selbst auf psychologischem Boden stehen, am wirksamsten diesen Boden entzieht. So ist es gewiß eine zutreffende Bemerkung SIGWARTs, daß die Kausaltheorie HUMEs, wonach Kausalität schlechthin nur regelmäßige Sukzession zweier Erscheinungen sei, schon den psychologischen Tatbestand, der der Bildung des Kausalbegriffs zugrunde liegt, unzureichend wiedergebe, da die beiden Erscheinungen, die wir kausal verknüpfen, immer zugleich die Bestandteile eines einheitlichen Vorgangs bilden müssen. (3)

Wohl weiß ich, daß die Behauptung, die logische und die psychologische Entwicklungsgeschichte eines Begriffs seien zwei verschiedene Dinge, trotz der Warnung KANTs noch immer keiner allseitigen Zustimmung sicher ist. Niemals ist vielleicht so sehr wie heute die Neigung verbreitet gewesen, einerseits logische Reflexionen umzusetzen in psychologische Vorgänge und andererseits hinwiederum aus psychologischen Entwicklungen logische Erkenntnisprozesse zu konstruieren. Aber so gewiß es ist, daß alle unsere logischen Denkakte in psychologischen Prozessen ihre Grundlage haben und daß die letzteren fortan auf jene herüberwirken und so nahe daher im einzelnen Fall die Grenzen des Psychologischen und des Logischen aneinander stoßen mögen, so gibt es doch, wie ich meine,  zwei  Gesichtspunkte, die hier überall entscheidend sind: erstens gehört alles, was Ergebnis  planmäßiger  Reflexion ist, nicht mehr der psychologischen Vorstellungsbildung, sondern der logischen, d. h. zum Behuf zusammenhängender Erkenntniszwecke, geschehenden Betätigung des Denkens an; und zweitens sind die entscheidenden Fortschritte der wissenschaftlichen Erkenntnis, wie sie die Geschichte der Wissenschaft aufzeigt, überall aus solchen logischen Motiven hervorgegangen. Wo das erstere Merkmal einen Zweifel läßt, da wird man am zweiten, geschichtlichen im allgemeinen einen zuverlässigen Führer haben. Als die eigentliche Aufgabe der Erkenntnistheorie wird es daher unter diesem Gesichtspunkt angesehen werden können, die Bildung der Begriffe nach den  logischen  Motiven, die bei ihrer tatsächlichen Entwicklung innerhalb der Wissenschaft stattgefunden haben, nach Elimination aller Irrungen und Umwege, zur Darstellung zu bringen.

Gesteht man dieser Maxime eine Berechtigung zu, so kann es sich bei der logischen Feststellung des Kausalbegriffs nicht darum handeln, einen Begriff zu finden, der alle geschichtlichen und sogar vorgeschichtlichen Stufen, die der Begriff der Ursache durchgemacht hat, gleichmäßig deckt; sondern es wird genau das, was die allmähliche Entwicklung aus dem ursprünglichen Begriff eliminiert hat, auch logisch definitiv aus ihm zu eliminieren sein, es sei denn, daß sich herausstellen sollte, diese ganze Entwicklung, wie sie sich von den Tagen GALILEIs an bis auf unsere Zeit vollzogen hat, hätte sich als ein Irrweg erwiesen.

Vergleicht man nun die auf diese Weise durch die logischen Motive der Naturerkenntnis erzeugte Form des Kausalbegriffs mit der ursprünglichen, auf psychologischem Weg entstandenen, so ist für jene wie für diese zunächst das Streben nach einer klaren Sonderung dessen, was als  Ursache  zu denken sei, von allen sonstigen, wenn auch noch so wesentlichen begleitenden Bestandteilen des Gedankens wirksam. Die Ursache soll ein  fest abgegrenzter Vorstellungs- oder Begriffsinhalt  sein. Darum wird sie in beiden Fällen den  Bedingungen  als dem weiteren Begriff gegenübergestellt, der alle die für den Eintritt einer kausal zu interpretierenden Erscheinung maßgebenden Tatsachen enthält. Von hier an trennen sich aber die Wege. Die psychologische Auffassung bedarf zur festen Abgrenzung gegebener Erscheinungen voneinander der Dingvorstellung. Ihr bleibt daher fortan die Ursache eine Sache. Der Fortschritt, der auf diesem Standpunkt möglich ist, besteht allenfalls darin, daß der Ursachebegriff vom bewegten oder veränderten Ding auf ein anderes hinüberwandert, dem eine bewegende oder verändernde Kraft beigelegt wird: alles aber, was außerhalb der so in Wechselwirkung gedachten Dinge liegt, das räumliche und zeitliche Verhältnis, in dem sie selbst zueinander stehen, sowie die Wirkungen anderer Dinge, die ihre Kausalität in ihrer besonderen Wirkungsweise bestimmen, rückt in die Reihe der entfernteren Bedingungen zurück, welche, insofern in ihnen wiederum Dinge als Träger von Wirkungen vorkommen, weitere Kausalbegriffe veranlassen können. Es liegt in der Natur, daß diese Betrachtungsweise fortan eine  qualitative  bleibt, und daß daher für sie ein Kriterium für die richtige Aussonderung der Ursache aus der Reihe der Bedingungen immer nur einerseits in der  dinglichen  Natur der Ursache, andererseits in ihrer im allgemeinen  regelmäßigen  Beziehung zur Wirkung bestehen kann. Dabei wird aber diese Regelmäßigkeit, abgesehen von der Unbestimmtheit, in der sie vermöge des bloß qualitativen Charakters der Betrachtung verbleibt, wesentlich dadurch beeinträchtigt, daß der tatsächliche Eintritt der Wirkung nicht von der Ursache selbst, sondern von den begleitenden Bedingungen abhängt, so daß, wenn die Wirkung irgendeine Veränderung ist, die eine kausale Interpretation herausfordert, diese letztere weniger durch die Angabe der Ursache als durch die der Bedingungen zustande kommt, welche das Wirksamwerden der Ursache ermöglicht haben.

Dieser eigentümliche Widerspruch, in den sich der streng festgehaltene dingliche Kausalbegriff mit dem logischen Erklärungsbedürfnis des Geschehens verwickelt, ist wohl der tiefere Grund gewesen, aus dem in den exakten Wissenschaften die Sonderung der Ursache von den Bedingungen genau in einem entgegengesetzten Sinn ausgeführt wurde. Da alle Veränderungen aus anderen Veränderungen hervorgehen, so konnte hier als Ursache eines bestimmten Geschehens nur diejenige Veränderung in der gegebenen Relation der Objekte stehen bleiben, die das zu erklärende Geschehen herbeiführt. Die Objekte selbst mit ihren unveränderlichen Kräften aber wandelten sich dann unvermeidlich in die Bedingungen um, unter denen der als Ursache aufgefaßte Vorgang seine Wirkung ausübt. Hatte die psychologische Betrachtung im allgemeinen die Ursachen als konstante Dinge und die Bedingungen als veränderliche Relationen angesehen, so wurden also umgekehrt der naturwissenschaftlichen die veränderlichen Relationen oder Veränderungen die Ursachen und die beharrenden Objekte die Bedingungen des Geschehens. Doch ist dieser vorherrschende Gesichtspunkt nicht in einem absoluten Sinn zu nehmen. Denn einerseits finden sich auf dem psychologischen Standpunkt immer mannigfache Akkomodationen an die wissenschaftliche Bedeutung des Kausalbegriffs durch die Annahme von Zwischenformen zwischen einer rein dinglichen und einer im Geschehen selbst tätigen Kausalität. Andererseits führt die exakte Formulierung der kausalen Relationen zu einer Mitberücksichtigung der für dieselben unmittelbar maßgebenden konstanten und an gewisse dingliche Substrate gebundenen Faktoren. Dist ist insbesondere der wesentliche Unterschied, der die naturwissenschaftliche Betrachtungsweise von jener rein erkenntnistheoretischen trennt, die ebenfalls die dingliche Form des Kausalbegriffs beseitigt, um in der regelmäßigen oder notwendigen Aufeinanderfolge bestimmter Ereignisse das Substrat aller Kausalität zu erblicken. Diese letztere Gestaltung des Kausalbegriffs ist dann geneigt zwischen einer zu engen und einer zu weiten Fassung der Begriffe zu schwanken, wo jene dem Anspruch an eine logisch zureichende Verknüpfung von Ursache und Effekt nicht genügt, diese aber die Kausalität durch eine Ausdehnung über die unendliche Summe der Bedingungen zu einem praktisch unbrauchbaren Prinzip macht.

Von diesen Schwankungen der Begriffsbestimmung hat sich nun die in den exakten Wissenschaften ausgebildete Form des Begriffs dadurch frei zu halten gewußt, daß sie die in der gewöhnlichen psychologischen oder logischen Behandlung alleinherrschende qualitative Betrachtung durch ein  quantitatives  Kriterium ergänzte. Man pflegt diesem Kriterium den einfachen Ausdruck zu geben: "Causa aequat effectum" [Die Ursache entspricht der Wirkung. - wp] Es ist gewiß nicht zutreffend, wenn man in diesem Satz ein a priori gültiges Naturgesetz erblickt, wie das ROBERT MAYER getan hat, der aus ihm das Prinzip der Erhaltung der Energie ableiten wollte. Der Satz "Causa aequat effectum" ist vielmehr die Maxime, nach welcher überall bei der mechanisch-physikalischen Betrachtung der Erscheinungen der Summe der für ein bestimmtes Geschehen vorhandenen, schließlich ins Unbegrenzte zurücklaufenden Bedingungen diejenigen ausgewählt werden, die in dem engeren Begriff Ursache zusammenzufassen sind. Mit anderen Worten: das einzig sichere und darum auch das einzig zulässige Kriterium zur Entscheidung der Frage, welche unter der Gesamtheit der Bedingungen eines Phänomens als dessen Ursachen zu betrachten seien, liegt in der Aufstellung einer  Kausalgleichung.  Indem diese auf ihrer einen Seite den Effekt quantitativ bestimmt, enthält sie auf ihrer anderen Seite diejenigen bedingenden Elemente, zugleich in der für sie gültigen gesetzmäßigen Relation, welche zur Erzeugung des Effektes vollständig ausreichen, so daß zur qualitativen wie quantitativen Ableitung jener Wirkung auf andere Bedingungen nicht zurückgegangen zu werden braucht. Damit ist natürlich nicht gesagt, daß die Frage nach weiter zurückliegenden Ursachen überhaupt nicht entstehen könne. Aber diese werden im allgemeinen stets entweder abermals in Kausalgleichungen, auf welche die nämliche Interpretation anwendbar ist, ihren Ausdruck finden, oder man wird schließlich bei letzten Kausalbeziehungen stehen bleiben, d. h. bei gewissen Fundamentalgesetzen, die nicht weiter abgeleitet werden können. In der Regel ist freilich eine Zurückverfolgung bis zu dieser Grenze nicht ausführbar, sondern es bleibt bei gewissen tatsächlichen Ausgangspunkten, die bloß deshalb nicht zu überschreiten sind, weil die vorausgegangene Konstellation der Bedingungen unbekannt ist.

Sobald man nun die Berechtigung einer ausschließlich den logischen, nicht den psychologischen Motiven nachgehenden Bildung des Begriffs zugibt, so scheint es mir in der Tat kaum möglich, überhaupt ein anderes Kriterium für die Auswahl der "Causa" aus der Summe der Bedingungen zu finden, als eben dieses, das von der Wissenschaft wirklich gewählt wird und das allein einer vollkommen präzisen, niemals zweifelhaften oder irreführenden Feststellung fähig ist. Dies vorausgesetzt muß dann aber als eine unabweisliche Forderung anerkannt werden, daß auch in solchen Fällen, wo die Aufstellung exakter Kausalgleichungen unausführbar ist - und sie bilden ja, selbst wenn man von den später besonders zu behandelnden Tatsachen der geistigen Kausalität absieht, die große Mehrheit - immerhin die Unterscheidung zwischen Ursache und Bedingungen nicht in einem völlig abweichenden Sinne, sondern mindestens in der nämlichen Richtung auszuführen sei. Dazu kommt, daß auch diese logische Entwicklung bei näherer Betrachtung keineswegs außerhalb der bereits von der psychologischen Entwicklung eingeschlagenen Bahnen liegt. So sehr sich nämlich infolge der oben angedeuteten psychologischen Bedingungen die Vorstellung fixiert hat, daß die Ursache ein Gegenstand sei, von welchem Wirkungen ausgehen, so verbindet sich doch damit nicht minder die andere, daß die Tätigkeit des wirkenden Dings durch irgendeine mit ihm selbst oder mit dem Objekt, auf das die Wirkung geht, vorgegangene und darum seine Wirksamkeit als Ursache erst vermittelnde Veränderung veranlaßt worden sei. So ist der stoßende Körper die Ursache der von ihm bewirkten Bewegung nur, insofern er selbst in Bewegung begriffen ist; so die Erde Ursache des Falls eines in die Höhe geschleuderten Körpers nur, insofern der letztere durch diese an ihm vorgenommene Veränderung der bewegenden Wirkung der Erde ausgesetzt ist. Psychologisch betrachtet stellt sich daher das Verhältnis so dar, daß von den beiden in den ursprünglichen Grundlagen der Kausalvorstellung gelegenen Bestandteilen, dem wirkenden Ding und dem die Wirkung des Dings vermittelnden Vorgang, die eine Auffassung den ersten, die andere den zweiten herausgreift, um auf diesem Weg die Trennung der Ursache vom weiteren Umkreis der Bedingungen zustande zu bringen. Im ersten Fall kann man sich dann darauf berufen, daß die  konstanten  Bedingungen des kausalen Geschehens die wirkenden Dinge und nicht deren veränderliche Relationen seien; im zweiten Fall aber darauf, daß jedes kausale Geschehen irgendeine vorausgehende Veränderung als seinen Grund voraussetzte und daß daher schon psychologisch der Begriff der Ursache ohne den der Veränderung nicht existieren würde, weshalb man dann auch diesen als den wesentlichen ansehen müsse. Wird nun der aus diesen sich ergänzenden psychologischen Bestimmungen erwachsene Streit mit logischer Einseitigkeit, ohne Rücksicht auf die in der wissenschaftlichen Anwendung hinzugekommenen weiteren Kriterien, durchgeführt, so entstehen dann aus diesen einseitigen Betrachtungsweisen zwei gleich undurchführbare Begriffsbildungen. Die eine derselben substantialisiert, vollständig die Ursache und schreibt ihr daher eine fortwirkende latente Tätigkeit auch da zu, wo von einer durch sie bewirkten Veränderung gar nicht die Rede ist; die andere verlegt mit HUME die Ursache nur in die veränderte Relation der Dinge und vernachlässigt daher die in den Dingen selbst gelegenen permanenten Bedingungen, die doch dem Wirken der Ursachen erst den Charakter der Konstanz oder Notwendigkeit verleihen, so daß die zufällige Folge der Erscheinungen als einziges Kriterium übrig bleibt.

Der in den exakten Wissenschaften zur Entwicklung gelangte Kausalbegriff geht zwischen diesen beiden aus einseitigen Abstraktionen entsprungenen Auffassungen mitten hindurch. Jede Kausalgleichung enthält nämlich zunächst allerdings die Beziehung zweier einander folgender und quantitativ identisch gesetzter Naturvorgänge: insofern ist also die zweite der obigen Betrachtungsweisen hier die vorherrschende. Aber in die Faktoren, welche die beiden Glieder des Kausalverhältnisses zusammensetzen, gehen regelmäßig auch Größen von substantieller Bedeutung ein, - nur in ihrer Verbindung mit irgendeinem zeitlichen Vorgang kausale Wirksamkeit zugeschrieben.

Die Feststellungen der Mechanik und mechanischen Physik sind überreich an Kausalgleichungen, die diese Merkmale aufzeigen. (4) Im allgemeinen sind nämlich die Gleichungen, welche in die mathematischen Entwicklungen dieser Disziplinen eingehen, von doppelter Art: die einen sind  Definitionsgleichungen,  die anderen  Kausalgleichungen.  Sie ist z. B. der Ausdruck


für das Potential zweier in der Entfernung  r  voneinander befindlichen Massen  m  und eine Definitionsgleichung: die rechte Seite derselben analysiert lediglich den auf der linken Seite stehenden Begriff  V.  Ebenso ist der Ausdruck  s = c t  für die bei gleichförmiger Geschwindigkeit  c  von einem Körper in der Zeit  t  zurückgelegte Raumstrecke  s  eine Definitionsgleichung. Denn die beiden Seiten der Gleichung enthalten auch hier Größen, die nicht verschiedne Phänomene, sondern ein und dasselbe Phänomen nur in verschiedener Form ausdrücken, indem die linke Seite den Raum als Ganzes gemessen enthält, den die rechte Seite in den während der Zeiteinheit zurückgelegten Raum  c,  welcher als Geschwindigkeit definiert wird und in die Anzahl  t  der zum Durchlaufen des ganzen Raumes  s  erforderlichen Zeiteinheiten zerlegt. Auf diese Weise ist es das Wesen aller physikalischen Definitionsgleichungen, daß sie die nämliche physische Tatsache in zwei verschiedenen Formen zum Ausdruck bringen, wobeit teils das Bedürfnis zusammengesetzte Größen zu analysieren, teils das andere für bestimmte komplexe Begriffe einfache Ausdrücke anzuwenden zur Aufstellung solcher Gleichungen führt.

Im Unterschied von den Definitionsgleichungen setzen nun die Kausalgleichungen der Physik regelmäßig verschiedne und demnach qualitativ durchaus nicht miteinader übereinstimmende Tatsachen quantitativ einander gleich: der einen dieser Tatsachen kommt die Bedeutung der  Ursache,  der andern die der  Wirkung  zu. So wird z. B. die Geschwindigkeit  v  eines Körpers als die Wirkung betrachtet, die eine konstant auf dessen Masse  M  während der Zeit  t  einwirkende Kraft  K  hervorbringt. Dabei ist aber  K  selbst nur ein Faktor der Ursache, welche letztere ihrem vollen Inhalt nach durch das Produkt


ausgedrückt wird, gemäßt der Kausalgleichung


Demnach ist selbstverständlich die Feststellung der Relationsbegriffe Ursache und Wirkung in jedem einzelnen Fall nicht bloß vom tatsächlichen Zusammenhang der Erscheinungen, sondern auch von dem Gesichtspunkt abhängig, unter dem man dieselben betrachtet und der zunächst in der Fixierung des Begriffs der Wirkung seinen Ausdruck findet. Fragt man z. B. nicht nach der Geschwindigkeit, die ein Körper annehmen kann, sondern nach der Energie der Bewegung, die er durch die Erhebung seines Gewichts  P  in eine bestimmte Höhe  h  gewinnen kann, so nimmt die Kausalgleichung die Form


an. Die Erhebung des Gewichts und die durch den Fall desselben erzeugte lebendige Kraft sind qualitativ verschiedene, aber quantitativ äquivalente Vorgänge, was die Kausalgleichung durch das Gleichheitszeichen ausdrückt, welches Zeichen demnach hier eine andere Bedeutung besitzt als in der Definitionsgleichung, in der es einer vollständigen qualitativen wie quantitativen Gleichheit entspricht. Zugleich ist ersichtlich, daß die exakte Betrachtungsweise weit davon entfernt ist, diejenigen konstanten Bedingungen zu vernachlässigen, die zur Hervorbringung der Wirkung unerläßlich sind. Aber sie betrachtet dieselben nicht, wie es die einseitig dingliche Abstraktion tut, an und für sich als Ursachen oder auch nur als kausale Momente, sondern dies immer nur insofern, als sie am kausalen Vorgang, der stets ein zeitliches Geschehen ist, beteiligt sind. In der Größe  P  der obigen Kausalgleichung steckt die Anziehungskraft der Erde; aber indem das Gewicht als Produkt  P h  in die Gleichung eingeht, ist zugleich ausgedrückt, daß diese Anziehungskraft nur infolge eines zeitlich-räumlichen Geschehens, nämlich der Erhebung des Gewichts in die Höhe  h,  kausal wirksam wird.

Die zwei oben angeführten Kausalgleichungen können nun als typische Beispiele der beiden Hauptfälle gelten, die in der Mechanik und Physik vorkommen. Die eine Gattung betrachtet gegebene Geschwindigkeiten oder Geschwindigkeitsänderungen als Wirkungen bestimmter ihnen gleich gesetzter Ursachen, welche letztere gewöhnlich als Kräfte bezeichnet werden. Die andere Gattung betrachtet irgendeine Energiegröße als Wirkung anderer Energiegrößen, denen jene gleich gesetzt wird. Demnach kann man die erste Gattung als die der  Kraftgleichungen,  die zweite als die der  Energiegleichungen  bezeichnen. Die Kraftgleichungen setzen mechanische Vorgänge voraus: sie sind daher nur in der Mechanik und in der mechanischen, d. h. in der mittels gewisser hypothetischer Voraussetzungen auf Mechanik reduzierten Physik anwendbar. Die Energiegleichungen setzen nur Äquivalenz im allgemeinen voraus, wobei es gleichgültig bleibt, ob die einander äquivalenten Größen auf gleichartige Begriffe zurückgeführt werden können oder nicht. Nur im Gebiet der reinen Mechanik stehen beide Arten der Kausalgleichungen in enger Beziehung zu einander, insofern hier die Energiegleichungen aus Kraftgleichungen abgeleitet werden können, weshalb dann auch die Mechanik die letzteren als die fundamentaleren betrachtet. Die Kraftgleichungen der Mechanik bieten übrigens auch deshalb ein besonderes Interesse dar, weil sich bei ihnen der Unterschied der Definitionsgleichungen von den Kausalgleichungen gewissermaßen in seinem Entstehungsmoment beobachten läßt. Die Gleichung


für eine in der Richtung der x-Achse des gewählten Koordinatensystems auf einen materiellen Punkt wirkende Kraft  X  ist eine reine Definitionsgleichung. Die Beschleunigung des Punktes ist der tatsächliche Inhalt des Kraftbegriffs selbst, der lediglich durch dieselbe definiert wird. Sobald nun aber auf einen Punkt mehr als zwei Kräfte einwirken, d. h. sobald demselben verschiedene Beschleunigungen in verschiedenen Richtungen erteilt werden, sind die so entstehenden Gleichungen


keine bloßen Definitionsgleichungen mehr, sondern Kausalgleichungen, da sie die Voraussetzung einschließen, daß sich mehrere in der nämlichen Richtung wirkende Beschleunigungen additiv verbinden, eine Voraussetzung, welche auch in Gleichungen von der Form


ausgedrückt werden kann. Hierin ist aber das kausale Gesetz ausgesprochen, daß mehrere Kräfte oder Beschleunigungen in  einer  Richtung wirkend einen Effekt hervorbringen, der ihrer Summe gleich ist und daß sie in verschiedenen Richtungen wirkend sich nach dem Satz des so genannten Kräfteparallelogramms zusammensetzen. Die eine Seite der Gleichung ist also in diesem Fall nicht bloß eine Definition der anderen, sondern sie enthält eine neue durchaus nicht selbstverständliche Tatsache, die zugleich einen der gegenüberstehenden Ursache entsprechenden Effekt ausdrückt. Die so entstehenden Kausalgleichungen nehmen nun eine immer verwickeltere Gestalt an, je mehr die Bedingungen wachsen, unter denen ein bestimmter Bewegungsvorgang untersucht wird. In der Regel sieht man sich dabei genötigt, gewisse Nebenbedingungen in besonderen Gleichungen zu entwickeln, aus denen dann abgeleitete Funktionen in die ursprüngliche Kausalgleichung eingehen. So besitzen z. B. die allgemeinen Bewegungsgleichungen LAGRANGEs für ein System von Massen  m1, m2, m3 ...,  auf welche die Kraftkomponenten  Xt, Yt, Zt, X2, Y2, Z2 usw.  wirken,


durchaus den Charakter von Kausalgleichungen: die Produkte der Massen in die Beschleunigungen werden als die Wirkungen betrachtet, welche durch die Kraftkomponenten  X1, Y1, Z1, usw.  unter den durch die Funktionen


ausgedrückten Bedingungen hervorgebracht werden, wobei sich die letzteren wieder aus gewissen Definitionsgleichungen  φ = c, ψ = c  usw. ergeben, die gewöhnlich Bedingungsgleichungen genannt werden. Denn unter  c, e  usw. sind Funktionen der Koordinaten zu verstehen, welche sich nach den speziellen Bedingungen des einzelnen Falls richten.

Die von den Kraftgleichungen wesentlich verschiedenen  Energiegleichungen  können in einer doppelten Form auftreten: entweder können sie sukzessive Zustände verbinden, die zeitlich von einander entfernt sind und von denen der zweite als Wirkung des ersten, der Zeit nach vorausgehenden anzusehen ist. Es entstehen dann Gleichungen wie die obige

,

wo die durch die beiden Produkte

ausgedrückten Zustände beliebig getrennt sein können, immer aber so betrachtet werden, daß der zweite Zustand den ersten voraussetzt und ihm äquivalent ist. Wir wollen diese Art der Energiegleichungen die  Zustandsgleichungen  nennen. Bei einer zweiten Form dagegen wird der  unmittelbare Übergang bestimmter Energieformen in andere  in der Form einer Gleichung ausgedrückt, welche demnach die Bedeutung einer  Transformationsgleichung  besitzt. So z. B. wenn man den Übergang einer unendlich kleinen Wärmemenge  dW  in einer Molekularbewegung  dM,  bleibende Lageänderung der Moleküle  dG  und Volumenänderung  dV  des Körpers, den die Wärme zugeführt wird, ausdrückt durch die Gleichung

 dW = A (dM + dG + dV). 

In Bezug auf die zeitliche Form der in der Kausalgleichung dargestellten Erscheinungen entspricht die Transformationsgleichung den allgemeinen Bewegungsgleichungen, da der Gesamtvorgang sowohl auf Seite der Ursachen wie auf Seiten der Wirkungen in elementare Vorgänge zerlegt wird, bei deren jedem das Intervall zwischen Ursache und Wirkung unendlich klein ist, so daß die Wirkungen aus den vorausgesetzten Ursachen in einem stetigen Verlauf hervorgehen. Die Form der Sukzession tritt daher in diesem Fall erst dann als eine wesentliche Bestimmung der Kausalverknüpfung hervor, wenn der nach dem Ablauf aller elementaren Wirkungen entstandene Endeffekt zusammengefaßt wird. Nun geschieht letzteres stets bei der Feststellung der endgültigen quantitativen Beziehungen. Dann wird nämlich der Endeffekt durch eine Größe ausgedrückt, die der Zeit nach den Endpunkt des Kausalverlaufs bezeichnet, während die die ursächlichen Momente darstellenden Glieder einem früher beginnenden, bis zu jenem Endpunkt sich kontinuierlich erstreckenden Zeitverlaufs angehören. Demnach kann auch diese zeitliche Beziehung nicht in den allgemeinen Differentialgleichungen der Bewegung, welche eben nur momentane Zustände berücksichtigen, sondern nur in den die Endzustände eines Bewegungsvorganges in endlichen Größen darstellenden Kausalgleichungen ihren Ausdruck finden. So ist in der einfachen Gleichung


die Endgeschwindigkeit  v  der Effekt, welcher durch den im Ausdruck


angegebenen, unmittelbar vorangehenden zeitlichen Vorgang hervorgebracht wird. Sobald die Zeit  t  abgelaufen ist, ist die Geschwindigkeit  v  vorhanden: Ursache und Wirkung folgen also hier zeitlich aufeinander, gehen aber zugleich unmittelbar ineinander über.

Das ist nun wesentlich anders bei jenen Kausalverhältnissen, die in  Zustandsgleichungen  ihren Ausdruck finden. hier stehen sich Zustände gegenüber, deren jeder ein irgendwie aus zeitlichen Vorgängen hervorgegangener Effekt ist, wobei aber zugleich der eine dieser Effekte mit dem anderen durch irgendwelche Zwischenvorgänge, die in der Kausalgleichung selbst unberücksichtigt bleiben, kausal verknüpft ist. So kann beim Ausdruck der durch den Fall eines gehobenen Körpers erzeugten Energie in der Gleichung


zwischen der Erhebung des Gewichtes  P  auf die Höhe  h  und dem die Energie erzeugenden Fall eine beliebig große Zwischenzeit vergehen oder es kann auch jener Fall unmittelbar nach der Erhebung erfolgen, - jedenfalls aber liegt zwischen dem durch  Ph  gemessenen Zustand der Lageenergie und dem durch

mv2

gemessenen der Bewegungsenergie die Zeit, welche die Überführung des Körpers aus dem einen Zustand in den anderen braucht.

Eine vollständige kausale Analyse der Naturvorgänge setzt streng genommen stets die fortwährende Anwendung aller dieser in den verschiedenen Kausalgleichungen ihren Ausdruck findenden Formen der Kausalbetrachtung nebeneinander voraus. Namentlich müssen die in den Zustandsgleichungen kausal verbundenen Zustände selbst durch irgendwelche Bedingungen hervorgebracht sein und in allen Fällen, in denen irgendeine Zwischenzeit zwischen der Herstellung des einen und dem Beginn des Übergangs in den anderen Zustand liegt, müssen für diesen Übergang besondere Kausalbedingungen vorhanden sein, die im allgemeinen im Zusammenhang der Naturerklärung bald in Kraftgleichungen bald in Transformationsgleichungen ihren Ausdruck finden oder doch finden würden, wenn sie exakt festzustellen wären. Gerade der Aufstellung von kausalen Zustandsgleichungen liegen aber meist Erfahrungen zugrunde, bei denen zwar ein Herausheben einzelner kausal zu verbindender Zustände ausführbar, die Verfolgung der zwischenliegenden Prozesse jedoch nur in qualitativer Weise möglich ist. Wenn jemand ein Gewicht  P  in die Höhe  h  hebt und an einem Faden aufhängt, so entzieht sich die Entwicklung der dabei erzeugten Muskelkraft und der durch diese entstehenden Gelenkbewegungen einer näheren Analyse, oder sie kann mindestens als eine nicht näher zu untersuchende Bedingung zur Erzeugung des ersten Zustandes hingenommen werden. Wenn er den Faden durchschneidet und dadurch das Gewicht zu Fall bringt, so wird auch dieser Vorgang wiederum, wo es sich nur um die quantitative Herleitung gewisser Zustände auseinander handelt, einer besonderen kausalen Untersuchung nicht unterworfen werden. Natürlich aber würde letzteres an und für sich immer denkbar und zu einer vollständigen Zerlegung aller Vorgänge in Kausalgleichungen sogar unerläßlich sein. Doch da die Aussonderungen kausaler Relationen aus der unendlichen Summe der Bedingungen eines Phänomens immer eine von logischen Zweckmäßigkeitsgründen bestimmte Sache freier Wahl bleibt, so wird gegen die hier getroffene Wahl an und für sich die wissenschaftliche Untersuchung tatsächlich bedient und zu der sie offenbar zwei schwerwiegende Gründe hat. Der erste besteht darin, daß der exakten kausalen Betrachtung überall diejenigen Elemente eines Tatbestandes unterworfen werden, auf die es für den speziellen Zweck der Untersuchung ankommt; der andere besteht im Kriterium der quantitativen Gleichheit oder Äquivalenz bei allen in der Natur gegebenen Kausalbeziehungen. Hierbei bringt es die Wandelbarkeit des ersten dieser Motive mit sich, daß in einer gegebenen Untersuchung Kausalbeziehungen berücksichtigt werden, die in einer anderen außer Betracht bleiben. So kümmert sich der Physiker, der das Verhältnis einer gewissen durch Erhebung eines Gewichtes entstandenen Lageenergie zu der aus ihr entstehenden Bewegungsenergie untersuchen will, durchaus nicht darum, wie das Gewicht  P  auf die Höhe  h  gekommen ist; der Physiologe, der die zur Kraftleistung  Ph  erforderliche Muskelleistung untersucht, läßt umgekehrt die Art, wie das gehobene Gewicht wieder in seine ursprüngliche Lage gebracht wird, um zu einem neuen Hebungsversuch verwendet zu werden, außer Betracht. Zu den Fällen, in denen bald die eine bald die andere Gattung von Kausalgleichungen je nach den maßgeblichen Gesichtspunkten angewandt wird, gehören insbesondere auch alle diejenigen Zusammenhänge, in denen der Übergang aus einer Form der Energie in eine andere durch  Auslösungsprozesse  vermittelt wird. Der Auslösungsvorgang selbst ist hierbei im allgemeinen durch eine Kausalbeziehung darzustellen, die, wenn sie eine exakte Fassung zuläßt, die Form einer Kraft- oder Transformationsgleichung annimmt. Der Übergang des Systems aus einem Zustand in einen anderen wird dagegen durch eine Zustandsgleichung dargestellt werden können. So löst der Stoß, der einen auf einer schiefen Ebene ruhenden Stein trifft, zunächst eine momentane Bewegung aus, deren Geschwindigkeit sich nach dem Stoßgesetz bestimmt; die Energie aber, die der Stein beim Herabrollen gewinnt, hängt teils von der beim Stoß gewonnenen Anfangsgeschwindigkeit teils von der zuvor schon vorhandenen Energie der Lage ab. Hier wird daher die kausale Beziehung nur noch dann in der Form einer reinen Zustandsgleichung darzustellen sein, wenn die durch den Stoß erzeugte Anfangsgeschwindigkeit gegenüber der ganzen vorhandenen Energiegröße verschwindend klein sein sollte, wenn also z. B. der Stoß nur eben ausreicht, den durch die Reibung gesetzten Widerstand gegen die Bewegung zu überwinden. Verwickelter werden diese Fälle, wenn es sich um eine fortlaufende Kette von Auslösungsvorgängen handelt. Eine schwache Erschütterung kann ausreichen, um eine große Mengen von Chlorstickstoff zur Explosion zu bringen. Die Erschütterung wirkt dabei zunächst als auslösende Kraft auf einen kleinen Bruchteil der Masse, dieser wieder auf weitere Mengen usw., so daß der Gesamtvorgang in Wahrheit eine Reihe untereinander verbundener Auslösungen ist. Hier sind je nach dem Interesse, das die einzelnen Bestandteile des Vorgangs in Anspruch nehmen, wiederum verschiedene Formen kausaler Verknüpfung möglich. Entweder kann man die Auslösungsvorgänge für sich betrachten. Dann wird jeder einzelne durch eine Transformationsgleichung dargestellt werden, bei welchem sich auf der Seite der Ursachen der erschütternde Stoß nebst den chemischen Energien der Moleküle, die von der Zersetzung ergriffen werden, befinden. Im allgemeinen wird aber auch hier wieder die auslösende Kraft als verschwindend klein im Verhältnis zu den übrigen in die Gleichung eingehenden Größen angesehen werden können und es wird überdies nicht sowohl die Kenntnis der sämtlichen Partialvorgänge als vielmehr die des Anfangs- und Endzustandes von Interesse sein. Unter diesem Gesichtspunkt wird man sich daher auf eine Zustandsgleichung beschränken, in welcher Anfangs- und Endenergie, unter Berücksichtigung der verschiedenen Form, in der sie auftreten, einander gleichgesetzt werden, während man die auslösenden Kräfte der Erschütterung wegen ihrer verschwindenden Größe nur als einen nebenhergehenden qualitativen Faktor beachtet. Ist es auch an und für sich klar, daß eine absolut vollkommene kausale Analyse eines bestimmten Naturvorgangs nur unter Mitberücksichtigung aller auch der kleinsten Nebenursachen möglich sein würde, was ja immerhin durch die Aufstellung höchst zusammengesetzter Verbindungen von Kausalgleichungen geschehen könnte, so ist es doch ebenso gewiß, daß eine solche Aufstellung in der Regel praktisch undurchführbar ist und daß sie nicht einmal mit unserem wirklichen Interesse, das sich auf gewisse durch Abstraktion gewonnene Bestandteile des Gesamtverlaufs konzentriert, übereinstimmt. Insbesondere die in Zustandsgleichungen aufgestellten Kausalverknüpfungen gehen sehr weit in dieser Abstraktion, indem sie sich einerseits vom Prinzip der quantitativen Äquivalenz, andererseits von der Voraussetzung der kontinuierlichen Verbindung der betrachteten Endzustände durch unberücksichtigt bleibende Zwischenvorgänge leiten lassen. Denn nur unter diesem Gesichtspunkt können beliebige noch so weit entfernte Glieder einer Kausalreihe auf einander bezogen werden.

Nun ist es selbstverständlich, daß wegen der besonderen Bedingungen, denen die Aufstellung von Kausalgleichungen unterworfen ist neben dieser quantitativen die qualitative Kausalbetrachtung nicht ganz entbehrt werden kann, bei der von vornherein auf die besonderen Kriterine verzichtet werden muß, welche die quantitative Messung der Erscheinungen mit sich bringt. Aber auch bei ihr wird an den allgemeinen Kennzeichen, zu denen die Untersuchung der exakten Kausalformen geführt hat, insofern festzuhalten sein, als jene Kennzeichen von den Bedingungen quantitativer Bestimmung unabhängig sind. Ein Kennzeichen dieser Art ist die  zeitliche Aufeinanderfolge der kausal verbundenen Erscheinungen.  Dasselbe will natürlich nicht sagen, daß Objekte, die vor dem Eintritt des Kausalvorgangs schon vorhanden sind und nach ihm zurückbleiben, nicht in jenen Vorgang mit eingehen können. Im Gegenteil, wie schon die Beispiele exakter Kausalgleichungen lehren, gibt es wegen der Gebundenheit aller Naturvorgänge an permanente Objekte absolut gar kein kausales Geschehen, das nicht dem Prinzip der "substantiellen Kausalität" eben in dem Sinne unterworfen wäre, daß an der Ursache wie an der Wirkung Objekte, die wir zugleich als Träger bestimmter Kräfte betrachten, beteiligt sind. Aber das entscheidende Kriterium der kausalen Verknüpfung liegt nicht in diesen permanenten Kraftträgern, die sich immer nur als konstante Faktoren am zeitlichen Kausalvorgang beteiligen. Nicht minder gibt es zahlreiche Fälle, wo durch die Vernknüpfung der elementaren Wirkungen die Phänomene so ineinander greifen, daß Ursache und Wirkung als zeitlich getrennte Vorgänge tatsächlich nicht nachweisbar sind. Wie oben bemerkt, findet eine vollständige zeitliche Trennung nur bei jenen am meisten durch willkürliche Abstraktion veränderten Kausalbeziehungen statt, die, wenn sie eine exakte Formulierung zulassen, in Zustandsgleichungen ihren Ausdruck finden. Dagegen ist es gerade die  qualitative  Betrachtung, die, wie ich an anderen Stellen schon ausgeführt habe, die Auflösung in die zeitliche Sukzession herausfordert, vermöge der für die Anschauung unvermeidlichen Ergänzung des aus einem kausalen Vorgang herausgegriffenen Momentes durch den unmittelbar vorausgegangenen Verlauf. Wenn daher auch ansich die elementare Wirkung nicht von ihrer elementaren Ursache getrennt werden kann, so macht doch jeder Versuch, den einzelnen momentanen Zustand teils in seinem eigenen Entstehen, teils in seiner Wirkung auf die Folge zu begreifen, die Auflösung in eine Sukzession unerläßlich, womit denn auch übereinstimmt, daß, sobald eine Reihe momentaner Wirkungen in ihrer Summierung zu einem Endeffekt zusammengefaßt wird, dieser sich als ein zeitlich nachfolgender wenigstens insofern darstellt, als er erst gegeben sein kann, nachdem jene Reihe abgelaufen ist. (5)

Die Einwände, die SIGWART gegen diese Auffassung des Kausalproblems geltend macht (6), finden, wie ich glaube, durch die obigen Erörterungen im wesentlichen ihre Erledigung. In der Tat scheinen mir diese Einwände zum Teil darin begründet zu sein, daß SIGWART durch die Betonung des Zeitverlaufs als einer unerlässlichen Bedingung für die Bildung des Kausalbegriffs zu der Meinung veranlaßt wurde, es solle damit überhaupt nur das  sinnliche Phänomen eines Geschehens in der Zeit  als das Substrat der Begriffe Ursache und Wirkung angesehen werden, ohne jede Rücksicht auf die in der Untersuchung der Kriterien der Kausalität niemals fehlenden konstanten Bedingungen des Geschehens. Dazu mag er wohl durch die in ähnlicher Weise, wenn auch in ganz anderem Sinne, der rein psychologischen Auffassung HUMEs eigentümliche Betonung der Zeitfolge, sowie durch die in der allgemeinen logischen Entwicklungsgeschichte des Begriffs hervorgehobene Tatsache veranlaßt worden sein, daß ohne zeitliche Vorgänge, die ebensowohl der Ursache wie der Wirkung angehören, die Entstehen des Kausalbegriffs undenkbar wäre. Aber ich habe nachdrücklich betont, daß dieses Geschehen auf beiden Seiten des Kausalverhältnisses nicht bloß vom unmittelbar in der sinnlichen Erscheinung gegebenen Tatbestand unserer Naturerfahrung entnommenen Voraussetzungen über die den Dingen inhärierenden Bedingungen bestimmt werde. (7). Nur daß freilich diese Bedingungen immer erst unter dem Einfluß bestimmter aktueller Vorgänge wirksam werden können. Wenn darum SIGWART hervorhebt, der Begriff der Veränderung lasse sich ohne den des Dings überhaupt nicht denken und es lasse sich darum auch bei der Ursache niemals vollständig von den Dingen abstrahieren, so kann ich dieser Bemerkung, soweit sie sich auf die Fälle der Naturkausalität bezieht, vollständig beipflichten. Ich habe niemals behauptet, daß eine solche Abstraktion stattfinden solle, vielmehr überall auf die in das ursächliche Geschehen eingehenden und auf den konstanten Substraten der Ereignisse beruhenden Bedingungen hingewiesen. Ich würde den Bemerkungen SIGWARTs nur hinzuzufügen haben, daß die Auswahl der permanenten Bedingungen, die beim Begriff der Ursache mitberücksichtigt werden, nicht ein für allemal durch rein objektive Verhältnisse fest bestimmt ist, sondern daß sie vom gewählten Standpunkt der Betrachtung abhängt. Eben deshalb aber sind bestimmte Kriterien erforderlich, nach denen sich jene Auswahl richten muß. So ist die Betrachtungsweise bei den verschiedenen Formen der oben unterschiedenen Kausalgleichungen offenbar jedesmal eine andere; aber das entscheidende Kriterium in allen Fällen bleibt die quantitative Gleichheit oder Äquivalenz von Ursache und Wirkung. Einige andere Einwände SIGWARTs sind, wie ich glaube, lediglich daraus entsprungen, daß er Beispielen, die von mir für einzelne Fälle kausaler Verknüpfung gewählt wurden, eine darüber hinausgehende allgemeine Bedeutung beilegt. Wenn ich als Ursache für die beim Fall eines in die Höhe  h  gehobenen Gewichtes  P  erzeugte Energie nicht, wie es die rohe Verdinglichung des Kausalbegriffs tut, einfach die Anziehungskraft der Erde, sondern die im Produkt  P h  ausgedrückte Erhebung des Gewichtes  P  in die Höhe  h  ansehe, so will ich damit natürlich nicht behaupten, daß ein Körper, der überhaupt nicht in die Höhe  h  gehoben worden ist, sondern irgendwie anders in die nämliche Fallbewegung geriet, z. B. ein in die Attraktionssphäre der Erde gekommener Meteorstein, nach dem nämlichen Schema zu beurteilen sei. Da Ursache immer nur ein  wirkliches  Geschehen sein kann, so muß selbstverständlich auch in diesem Beispiel die Ursache der Fallbewegung in der vorangegangenen Bewegung des Meteorsteins, sowie in der vorangegangenen Bewegung der Erde gesucht werden. Zwischen den Energien der Lage und der Bewegung, die der Meteor durch jene beiden Bewegungen in einem gegebenen Augenblick empfangen hat und der Energie, die er beim Auftreffen auf der Erde besitzt, besteht aber wieder eine kausale Beziehung, die sich in einer Zustandsgleichung wird ausdrücken lassen. Nicht minder verschieden würden sich beide Fälle darstellen, wenn man sie unter dem Gesichtspunkt einer Kraftgleichung betrachten wollte. Wenn demnach SIGWART seine kritische Besprechung zu der Bemerkung zusammenfaßt: "Der Satz, daß die Kausalität  nur  auf Ereignisse oder Vorgänge,  nicht  auf Dinge sich beziehe, ist also in dieser abstrakten Fassung nicht durchführbare (Seite 175), so möchte ich glauben, daß diese Bemerkung im wesentlichen auf einem Mißverständnis beruth. Ich halte weder in der Natur Vorgänge für möglich, die sich  nicht  an Dingen vollziehen oder bei denen sich von den Dingen abstrahieren ließe, noch habe ich in meinen Erörterungen und in den dabei gebrauchten Beispielen tatsächlich eine solche Abstraktion ausgeführt. (8) Wohl aber ist, wie ich glaube, darauf Gewicht zu legen, daß erstens die dinglichen Substrate nur insofern, als an ihnen oder in ihren Relationen irgendwelche Veränderungen vor sich gehen, zu Kausalverknüpfungen Anlaß geben und daß zweitens für die Art, wie die dinglichen Substrate der Naturvorgänge mit Rücksicht zu ziehen sind, nur die Vorgänge, die in zeitlichen Veränderungen bestehen, Aufschluß geben können.

Nach diesen Erläuterungen glaube ich annehmen zu dürfen, daß eine Meinungsverschiedenheit zwischen SIGWART und mir fast mehr rücksichtlich der Frage,wie der von der Wissenschaft benutzte Begriff gewonnen werden solle, ob durch psychologische Fortbildung seiner Ursprünge oder durch logische Besinnung über die wissenschaftlichen Motive seiner Berichtigung, als in Bezug auf den Inhalt des Begriffs selbst besteht. Allerdigs aber scheint mir infolge dieser verschiedenen Ausgangspunkte bei SIGWART das Bestreben zu obwalten, den dinglichen oder substantiellen Faktoren der Kausalität einen größeren Wert zuzugesetehen, als ihnen, wie ich glaube, nach den in den exakten Anwendungen niedergelegten Zeugnissen der Entwicklung zugestanden werden kann. Mehr als im Gebiet der Naturkausalität kommen diese Unterschiede des Ausgangspunktes und des Weges der Betrachtung jedoch bei den zwei anderen Formen der Kausalität zur Geltung, die den Gegenstand der folgenden Untersuchung bilden sollen: bei den  psychophysischen Wechselwirkungen  und bei den kausalen Beziehungen  psychischer Vorgänge zueinander. 

LITERATUR - Wilhelm Wundt, Über psychische Kausalität und das Prinzip des psychophysischen Parallelismus, Philosophische Studien, Bd. 10, Leipzig 1894
    Anmerkungen
    1) CHRISTOPH SIGWART, Logik II, 2. Auflage Freiburg i. Br. 1893, Seite 134
    2) SIGWART, Logik II, 2. Auflage, Seite 593f, System der Philosophie, Seite 292f
    3) SIGWART II, Seite 140f
    4) Ich darf wohl hier darauf hinweisen, daß ich schon in meiner ersten Arbeit über das Kausalproblem (Die physikalischen Axiome und ihre Beziehung zum Kausalprinzip, Erlangen 1866, Seite 103f) von den Kausalgleichungen der Mechanik ausgegangen bin, um die Kriterien festzustellen, nach denen der engere Begriff der Ursache vom weiteren der Bedingungen zu scheiden sei. In späteren Darstellungen ist der Gedankengang der nämliche, doch sind die speziellen Beispiele, deren ich mich in jener ersten bedient hatte, hinweggeblieben. Es mag sein, daß dieser Umstand die Veranlagung gewesen ist, daß man da und dort in der kritischen Besprechung dieser späteren Ausführungen auf die wesentlichen Unterschiede meines Standpunktes von demjenigen HUMEs und KANTs nicht besonders aufmerksam geworden ist. Selbst EDMUND KÖNIG hat in in seinem vortrefflichen Buch über die Geschichte des Kausalproblems diesen Punkt, wie mir scheint, nicht ausreichend beachtet. (EDMUND KÖNIG, Die Entwicklung des Kausalproblems in der Philosophie seit Kant II, Leipzig 1890, Seite 408f).
    5) Vgl. in meiner Logik die Ausführungen über die Erscheinungsform des Kausalgesetzes I, 2. Auflage, Seite 596 und besonders 603f
    6) SIGWART, Methodenlehre, 2. Auflage, Seite 173
    7) Es scheint mir darum auch nicht zutreffend, wenn HORN (Kausalitätsbegriff in der Philosophie und im Strafrecht, Leipzig 1893, Seite 12f) Bedingungen und Ursache so zu trennen sucht, daß er alle permanenten zuständlichen Faktoren als Bedingungen ansieht, als Ursache aber eine "Veränderung, welche durch ihre Kraft und Tätigkeit eine zweite Veränderung hervorbringt". Hier ist eben in den Begriff der "Kraft" schon der wesentliche Teil jener permanenten Bedingungen mit eingeschlossen worden.
    8) Da ich doch einmal an der Beseitigung von Mißverständnissen bin, so sei es mir gestattet, auch noch auf die folgenden aufmerksam zu machen. Seite 175 wendet sich SIGWART gegen die Ausführungen auf Seite 296f meines "Systems" und beanstandet, daß es nach meiner Ansicht nicht erforderlich sei, "in den Begriff der Kraft noch etwas anderes aufzunehmen als die Größe der Beschleunigung, an der sie gemessen wird." Diesem Satz gehen aber in meiner Darstellung auf der nämlichen Seite die Sätze voraus: "Kraft ist eine Beschleunigung, welche an einer Masse von bestimmter Größe hervorgebracht wird; Masse ist der Widerstand, welchen ein Körper einer Kraft von bestimmter Größe entgegengesetzt. Eine Kraft kann demnach nur gemessen werden, indem man sie mit anderen auf die nämliche Masse wirkenden Kräften, eine Masse, indem man sie mit anderen Maßen vergleicht, auf welche die nämliche Kraft wirkt". Jener erste Satz will also nur sagen, daß Beschleunigung das einzige Kriterium ist, an dem wir das Wirken einer Kraft erkennen und das wir daher in den abstrakten Begriff der Kraft aufnehmen. In der Tat drückt die Mechanik die auf einem maßlosen Punkt wirkenden Kraftkomponenten bloß durch die Differentialquotienten der Beschleunigung dt2 aus. (Vgl. KIRCHHOFF, Vorlesungen über mathematische Physik, Mechanik, Seite 5) Daß dagegen bei der quantitativen Bestimmung der konkreten Naturkräfte stets zugleich die Massen in Betracht kommen, ist in jenen weiteren Sätzen ausdrücklich von mir hervorgehoben worden. - Auf Seite 149 sagt SIGWART, die Bemerkung in meiner Logik, "aus dem logischen Verhältnis der Begriffe dürfe auf das Zeitverhältnis der Erscheinungen, auf welche sich die Begriffe beziehen, überhaupt nicht geschlossen werden" (Logik, 2. Auflage, Seite 601), treffe in dieser Allgemeinheit nicht zu, denn aus dem Verhältnis der Begriffe Ding und Eigenschaft z. B. folge doch gewiß die Gleichzeitigkeit der Existenz des Dings und bestimmter Eigenschaften desselben. Ich muß anerkennen, daß der Wortlaut des betreffenden Satzes, abgesehen vom Zusammenhang, in dem er sich befindet, dieses Mißverständnis zuläßt. Aber in jenem Zusammenhang ist lediglich von den beiden abstrakten Begriffen Wechselbeziehung und Abhängigkeit die Rede und in Bezug auf diese meine ich: der Begriff Wechselbeziehung schließt ebensowenig Gleichzeitigkeit wie der Begrif Abhängigkeit Zeitfolge ein. Denn abstrakte Beziehungsbegriffe enthalten überhaupt an sich keinerlei bestimmte Bedingungen der zeitlichen oder auch der räumlichen Anschauung. Daß es sich mit konkreten Begriffen oder auch mit abstrakten Gattungsbegriffen, also etwa mit dem des Dings und seiner Eigenschaften, des Quadrats und seiner vier rechten Winkel, anders verhält, leugne ich gewiß nicht. Ein konkreter Begriff oder ein Gattungsbegriff setzt im allgemeinen stets bestimmte zeitliche und räumliche Bestimmungen seiner Gegenstände voraus, die dann natürlich auch im Begriff erhalten bleiben. Begriffe wie Verhältnis, Abhängigkeit, Ursache, Wirkung und andere abstrakte Beziehungsbegriffe setzen aber gar keine zeitlichen und räumlichen Bestimmungen voraus und doch ist gerade bei ihnen, wie die a. a. O. von mir geschilderte Antinomie der Begriffe lehrt, der Versuch gemacht worden, bald die eine bald die andere Zeitbestimmung als ihnen a priori zukommend zu betrachten.