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WILHELM WUNDT
Hypnotismus und Suggestion

"Die größte der philosophischen Zeitschriften Frankreichs, die vortrefflich geleitete  Revue philosophique  öffnet gleich bereitwillig Berichten über hypnotische Experimente wie solchen über Telepathie, tierischem Magnetismus und Verwandtes ihre Spalten. Und diese Dinge werden hier nicht etwa als Kuriositäten oder in kritisch-skeptischem Sinne, sondern zumeist von überzeugten Vertretern dieser magischen Wirkungen oder zumindest als höchst diskutierbare, einer gründlichen Prüfung würdige Fragen behandelt. Auch die deutschen philosophischen Zeitschriften scheinen sich diesem ihnen von so ausgezeichneten Organen des Auslands gegebenen Beispiel nicht mehr entziehen zu wollen und mit dem Hypnotismus allmählich auch den Spiritismus salonfähig zu finden."

In der wissenschaftlichen Beilage einer unserer angesehensten Zeitungen war vor einiger Zeit ein Aufsatz über "Psychologische Gesellschaften" zu lesen, der als ein Aufruf an die weitesten Kreise des gebildeten Publikums betrachtet werden konnte, dazu bestimmt, das Interesse auf ein bisher, wie der Verfasser meinte, noch allzuwenig von der Vereinstätigkeit gepflegtes Gebiet zu lenken und zu allgemeinster Beteiligung an demselben (1) Die Aufgabe dieser psychologischen Gesellschaften bestehe - so wurden wir belehrt - in der Pflege der sogenannten "geheimen Wissenschaften", dieser "Stiefkinder der amtlichen Wissenschaft". Darunter seien alle aus dem gewöhnlichen Verlauf des Seelenlebens heraustretende Phänomene zu verstehen, in vorderster Reihe der  Hypnotismus.  Durch ihn erst sei eine wahre "Experimental-Psychologie" geschaffen worden. Alles andere, was sich sonst noch mit diesem Namen nennt, wie die Psychophysik, gehe "nur indirekt zu Wege". Der Hypnotismus erst habe die Möglichkeit geboten, "eine lebende Versuchsperson künstlich in verschiedene, den ganzen Menschen umfassende Bedingungen zu versetzen", er allein also erlaube "die direkte Anwendung des Experiments auf das Seelische." Ihn in das Sprechzimmer des Arztes bannen zu wollen, sei eine gänzliche Verkennung seiner wahren Bedeutung. In den Arbeitsraum des Psychologen, vor allem in das "Laboratorium psychologischer Gesellschaften" gehöre er. Dabei biete er den ungeheuren Vorteil, daß er "eine verhältnismäßig geringe Summe von Fachkenntnissen" erforderlich mache, während er doch die reichste Ausbeute an ungeahnten Erkenntnissen in Aussicht stelle. Andere Gebiete der Geheimwissenschaften, wie die Gedankenübertragung, das Od, der Mesmerismus und Mediumismus, die noch zweifelhaft seien, jedoch immerhin einer sorgfältigen Nachprüfung bedürften, eigneten sich weniger zur psychologischen Behandlung, teils weil sie mehr vor das Forum des Physikers gehörten, teils weil eine vorläufige Beschränkung des ohnehin schon überreichen Arbeitsgebietes der neuen "Experimental-Psychologie" wünschenswert scheine.

Mit dieser Beschränkung, die der Verfasser des Aufrufs empfohlen hatte, war aber ein anderer Korrespondent des nämlichen Blattes, der sich in einer der nächsten Nummern vernehmen ließ, nicht einverstanden. (2) Solche Grenzlinien zu ziehen sei willkürlich. Aus praktischen Gründen sei zwar zweckmäßig, zunächst, "beim Hypnotismus die Hebel anzusetzen". Aber schon dessen historische Entwicklung weise auf die Gesamtheit der übrigen Geheimwissenschaften hin, vor allem auf den Mesmerismus und Somnambulismus und so werden denn auch von den "Gesellschaften für Experimental-Psychologie" tatsächlich keines der Gebiete von ihrem Arbeitsprogramm ausgeschlossen, sondern nur bald mehr das eine, bald mehr das andere in den Vordergrund gestellt.

Ich bin weit davon entfernt, mich in diesen häuslichen Zwist einzumischen, aber es scheint mir unzweifelhaft, daß die letzte Bemerkung dieser Replik war ist. Die Londoner "Society for Psychical Research", die älteste dieser Gesellschaften, deren "segensreiches Wirken" auch der Verfasser des ersten der oben erwähnten Aufsätze rühmt, hat ihr Interesse zumeist der sogenannten "Telepathie", den magischen Fernwirkungen von Geist zu Geist, zugewandt. Ganz und gar in ihren Spuren wandelt die "American Society for Psychical Research". In der seit 1885 in Paris erscheinenden "Société des Psychologie physiologique" spielt zwar der Hypnotismus die Hauptrolle, doch nehmen auch Experimente und Diskussionen über Hellsehen und Gedankenübertragung einen ziemlich großen Raum ein und jedenfalls führt neben diesen Gegenständen alles, was wir in Deutschland "Physiologische Psychologie" nennen, nur ein sehr bescheidenes und nebensächliches Dasein. Man darf daher wohl vermuten, dem Verfasser des oben erwähnten Aufrufs habe beim Begriff "experimenteller Psychologie", den er sich gebildet hat, diese unter CHARCOTs Leitung gegründete Gesellschaft vor Augen geschwebt. (3) Mit den in den jüngsten Jahren in Deutschland entstandenen "Gesellschaften für psychologische Forschung" scheint es sich nicht anders zu verhalten. Die Berliner Vereinigung ist eine Gesellschaft für hypnotische Experimente. (4) In München ist eine Spaltung eingetreten. Die eine der beiden Gesellschaften geht mit der Berliner Hand in Hand, die andere widmet sich der Pflege des Somnambulismus in seinen verschiedenen Gestaltungen und des Spiritismus; der Hypnotismus selbst gilt ihr nur als eine Art Vorhalle zu diesen "höheren Geheimnissen". Trotz einer solchen Spaltung ist aber auch in Deutschland, ebenso wie in England, Frankreich und Amerika, das Verhältnis dieser verschiedenen Gruppen zueinander nicht sowohl das von feindlichen Parteien als von Schattierungen eine und derselben großen Partei, in der man, wenn wir den Gegensatz zu den geläufigen wissenschaftlichen Anschauungen zum Maßstab nehmen wollen, etwa die Spiritisten als den äußersten linken Flügel, die einseitigen Hypnotisten als das linke Zentrum bezeichnen könnte. Erkennen doch nicht nur die Spiritisten den Hypnotismus als einen wichtigen Bestandteil der magischen Wissenschaften an, sondern auch unter den Hypnotisten ist es nur eine verhältnismäßig kleine Zahl, die den Spiritismus in allen seinen Gestaltungen unbedingt verwirft. Sehr viele geben zwar nichts auf Geistermanifestationen, die sie geneigt sind für Betrug zu halten, erklären aber doch die Telepathie und das Hellsehen entweder für allerdings seltene, aber doch sehr wahrscheinlich oder zumindest für zweifelhafte und darum einer sorgfältigen Untersuchung bedürftige Phänomene. Wenn Männer, denen bei der Ausführung ihrer hypnotischen Experimente kritische Vorsicht nicht abgesprochen werden kann, wie FOREL und MOLL, zwar die Erklärbarkeit der hypnotischen Erscheinungen aus bekannten psychologischen und physiologischen Gesetzen behaupten, daneben aber die Existenz des Hellsehens, der Telepathie und anderer übernatürlicher Erscheinungen für eine offene Frage hatlen, wenn noch andere den Hypnotismus anwendende Ärzte, wie WETTERSTRAND, der Meinung sind, daß neben den bekannten Suggestionswirkungen noch ein geheimnisvoller "Rapport" den Eintritt des hypnotischen Schlafes unterstütze, wenn endlich der Vorsitzende der gemäßigteren der beiden "experimental-psychologischen" Münchner Vereine ein französisches Werk über "Gedankenübertragung und Hellsehen" dem deutschen Publikum durch eine Übersetzung zugänglich macht, in deren Vorwort er die Frage der psychischen Fernwirkung noch für eine offene erklärt, zugleich aber eine große Zahl von Argumenten beibringt, aus denen man entnehmen kann, daß er selbst eine solche Fernwirkung nahezu für eine bewiesene Tatsache hält - angesichts all dieser Dinge ist wohl die Behauptung gerechtfertigt, daß Hypnotismus und Okkultismus, von vereinzelten Ausnahmen abgesehen, auch in Deutschland nahe mit einander verbunden sind und daß diese Verbindung keineswegs als eine zufällige betrachtet werden darf, sondern daß sie auf irgendeiner inneren Verwandtschaft beruth, deren Natur hier vorläufig dahingestellt bleiben mag. Aber nicht bloß die Äußerungen solcher, die den Hypnotismus zu ihrem speziellen Forschungsgebiet gewählt haben, legen von dieser Verbindung Zeugnis ab. Auch die allgemeinere psychologische und philosophische Literatur vermag sich diesem Zug der Zeit, wie es scheint, nicht mehr zu entziehen. An der Spitze der englischen wie der amerikanischen "Society for Psychical Research" stehen angesehene Vertreter der Philosophie. Der Leiter der englischen Gesellschaft wird zugleich in dem für das Jahr 1892 nach London einberufenen zweiten internationalen Psychologenkongress den Vorsitz führen. Und es ist wohl nicht ganz unwahrscheinlich, daß auf dieser Versammlung das Hellsehen, wenn nicht direkt, so doch unter der unschuldigen Maske einer Statistik der Halluzinationen verborgen, in ähnlicher Weise den Hauptgegenstand der Tagesordnung bilden wird, wie das beim ersten, zur 10-Jahres-Feier der Revolution in Paris abgehaltenen der Hypnotismus gewesen ist. Die größte der philosophischen Zeitschriften Frankreichs, die vortrefflich geleitete "Revue philosophique" öffnet gleich bereitwillig Berichten über hypnotische Experimente wie solchen über Telepathie, tierischem Magnetismus und Verwandtes ihre Spalten. Und diese Dinge werden hier nicht etwa als Kuriositäten oder in kritisch-skeptischem Sinne, sondern zumeist von überzeugten Vertretern dieser magischen Wirkungen oder zumindest als höchst diskutierbare, einer gründlichen Prüfung würdige Fragen behandelt. Auch die deutschen philosophischen Zeitschriften scheinen sich diesem ihnen von so ausgezeichneten Organen des Auslands gegebenen Beispiel nicht mehr entziehen zu wollen und mit dem Hypnotismus allmählich auch den Spiritismus salonfähig zu finden.

Ich bin weit davon entfernt, den Herausgebern dieser Zeitschriften daraus einen Vorwurf zu machen. Die Literatur ist ja der Spiegel jedes Zeitalters. Wenn Organe wie die, die ich hier im Auge habe, nicht bloß den hypnotischen Erscheinungen, sondern auch den ihnen nun einmal affilierten Gebieten des Spiritismus ihre Spalten öffnen, so darf man aber darin gewiß einen Beweis dafür erblicken, daß es heute nicht mehr möglich ist, an diesen Dingen schweigend vorüberzugehen, sondern daß es für jeden, der sich irgendwie mit Psychologie abgibt, notwendig wird, zu ihnen Stellung zu nehmen.

Ich bekenne, daß ich meinerseits diese Notwendigkeit als eine unerfreuliche Pflicht empfinde. Für jemanden, der sich von früh an mit experimentellen Arbeiten beschäftigt hat, ist es nicht erwünscht, über einen Gegenstand der experimentellen Forschung zu urteilen, über den er nicht selbst experimentiert hat. Gerade die Hypnotisten und noch mehr die Spiritisten sind aber sehr geneigt, jede Erörterung dieser Fragen von Seiten Unbeteiligter mit der Bemerkung abzuweisen, um über solche Dinge mitreden zu können, müsse man sich vor allem viel und anhaltend mit ihnen beschäftigt haben. Noch jüngst hat der Verfasser einer "Psychologie der Suggestion" geäußert, er selbst habe zwar auf dem Gebiet des "Okkultismus" keine zureichenden Erfahrungen; aber er habe die Bemerkung gemacht, daß durchweg solche, die in ihm Erfahrungen haben, daran glauben und daß solche, die keine Erfahrungen haben, nicht daran glauben und der Verfasser zieht hieraus den Schluß, daß der Okkultismus auf Wahrheit beruhe. Ich bin meinerseits geneigt, die obigen Prämissen umzukehren. Wer an Zauberei glaubt, macht über sie Experimente und wer nicht an sie glaubt, macht in der Regel keine. Da aber der Mensch bekanntlich eine große Neigung hat, was er glaubt, bestätigt zu finden und zu diesem Zweck unter Umständen sogar einen großen Scharfsinn anwendet, um sich selber zu täuschen, so beweist mir das Gelingen solcher Experimente zunächst nur, daß die, die sie machen, auch an sie glauben. Die Frage, ob sie objektiv wahr sind, könnte nur entschieden werden, wenn eine hinreichend große Zahl zuverlässiger Beobachter unter Anwendung aller erforderlichen methodischen Regeln sich von ihrer Wahrheit überzeugte. Nun stehen aber der Erbringung eines solchen Beweises zwei kaum zu beseitigende Hindernisse im Weg. Erstens würden die gläubigen Okkultisten einem solchen Gegenbeweis Unbeteiligter doch kein Vertrauen schenken, da sich nach ihrer Versicherung die in Rede stehenden Erscheinungen nicht nur durch ihre Seltenheit und Unregelmäßigkeit, sondern auch besonders dadurch vor gewöhnlichen Naturerscheinungen auszeichnen, daß man an sie glauben muß, wenn sie eintreten sollen. Zweitens haben wissenschaftliche Forscher, Physiker, Physiologen, Psychologen, die nicht gläubige Okkultisten sind, auch wenn sie geneigt sein sollten diese Ungunst der Bedingungen nicht zu beachten, dennoch triftige Gründe, sich auf dieses Gebiet nicht einzulassen. Diese Gründe liegen, wie ich meine, in den  Ergebnissen  der "okkultistischen Forschung". Um sich vom allgemeinen Charakter der letzteren ein Bild zu machen, bitte ich den Leser, eine der sorgfältigsten Untersuchungen in dieser Richtung, die noch dazu von einem Gelehrten herrührt, der sich zuvor durch tüchtige physiologische Arbeiten verdient gemacht hat, zur Hand zu nehmen: es sind die "Experimentellen Studien auf dem Gebiet der Gedankenübertragung und des sogenannten Hellsehens" von CHARLES RICHET. Ich will annehmen, alle in diesem Buch geschilderten Experimente seien in dem Sinne gelungen, daß sie uns in den Fällen, in denen es der Verfasser selbst für wahrscheinlich hält, zwingen würden, magische Fernwirkungen anzunehmen - was für ein Resultat würden wir aus dieser Untersuchung zu ziehen haben? Wir würden offenbar zu der Annahme gelangen, daß die Welt, die uns umgibt eigentlich aus zwei völlig verschiedenen Welten zusammengesetzt sei. Die eine ist die Welt eines KOPERNIKUS, GALILEI und NEWTON, eines LEIBNIZ und KANT, jenes Universum ewig unveränderlicher Gesetze, in dem das Kleinste wie das Größte sich harmonisch dem Ganzen einfügt. Neben dieser großen Welt, die bei jedem Schritt, den wir vorwärts tun, in gesteigertem Maße unsere Bewunderung und unser Staunen erregt, würde es aber noch eine andere kleine Welt geben, eine Welt der Hutzelmännchen und Klopfgeister, der Hexen und magnetischen Medien; und in dieser kleinen Welt ist alles, was in jener großen, erhabenen Welt geschieht, auf den Kopf gestellt, alle sonst unabänderlichen Gesetze werden zum Nutzen höchst gewöhnlicher, meist hysterischer Personen gelegentlich außer Gebrauch gesetzt. Die Gravitation, die Wirkungen des Lichts, die Gesetze unserer psychophysischen Organisation - sie geraten ins Wanken, sobald Frau LEONIE in Havre den Einfall hat magnetisch zu schlafen, um - nicht etwa welterschütternde Ereignisse vorauszusagen, sondern um zu ahnen, daß irgendeinem der kleinen RICHETs in Paris irgendein kleines Unglück passiert sei, eine Ahnung, die zuweilen auch auf natürlichem Weg und mit der nämlichen entfernten Annäherung wie in diesem Fall zustande kommt. Aber angenommen, mit allem diesem Unsinn und noch vielem anderen habe es seine Richtigkeit, kann man annehmen, daß ein unbefangener Naturforscher oder Psychologe, dem die Wahl frei steht, anders wählen werde, als so, daß er jene große und erhabene Welt, die der Welt der ewigen, in einer vernunftvollen Ordnung bestehenden Gesetze dieser kleinen und unvernünftigen Welt der hysterischen Medien vorzieht? Und kann man sich wundern, wenn er in den Wahrscheinlichkeitserwägungen des Herrn RICHET nur einen Beweis dafür erblickt, daß die Beschäftigung mit "okkultistischen Problemen" das Urteilsvermögen selbst eines sonst scharfsinnigen Mannes zu trüben vermag?

Mit dem Hypnotismus verhält es sich nun freilich anders. Bei ihm handelt es sich um ein Gebiet von Erscheinungen, deren Deutung zwar noch sehr unsicher ist, deren Tatsächlichkeit aber, von gewissen Einzelheiten abgesehen, ebensowenig mehr bestritten werden kann wie die Existenz der Traumes oder des Nachtwandelns. Wenn ich trotzdem den Hypnotismus aus dem Kreis meiner eigenen Untersuchungen und der Arbeiten meines Laboratoriums ausgeschlossen habe, so hat das  zwei  Gründe. Erstens gehört, wie ich im Gegensatz zum Verfasser des im Eingang erwähnten Aufrufs glaube, der Hypnotismus nicht in den Arbeitsraum des Psychologen, sondern in das Krankenzimmer und die Herbeiführung des hypnotischen Schlafes, insbesondere aber seine Hervorrufng der intensiveren Erscheinungen meist erforderliche wiederholte Herbeiführung ist nur gerechtfertigt, wo ärztliche Indikationen dies verlangen. Zweitens kann ich dem Hypnotismus die fundamentale Bedeutung für die experimentelle Psychologie nicht zuerkennen, welche die hypnotischen Schulen, und welche namentlich auch die hier tonangebende "Société de Psychologie physiologique" in Paris ihm einräumen. Der hypnotische Schlaf ist ein abnormer Zustand wie andere. So wenig es angeht, auf den Traum oder auf die Manie oder auf den paralytischen Blödsinn die ganze Psychologie zu gründen, gerade so wenig kann der Hypnotismus diesem Zweck dienen. Insbesondere aber beruth es auf einer totalen Verkennung des Wesens der experimentellen Methoden und ihrer Bedeutung in der Psychologie, wenn von den Vorkämpfern des Hypnotismus die Hypnotisierungsmittel und andere Einwirkungen auf den Hypnotisierten zur "experimentell-psychologischen Methode" gestempelt werden. Die meisten dieser Einwirkungen verdienen, an dem Maßstab der exakten Wissenschaft gemessen, überhaupt nicht den Namen von Experimenten. So weit sie aber einem experimentellen Verfahren nahe kommen, entbehrt gerade das hypnotische Experiment der wesentlichsten Eigentümlichkeiten und Vorzüge der am normalen Bewußtsein ausgeführten psychologischen Versuche. Doch werde ich hierfür erst weiter unten, im Anschluß an die vorausgesandte Betrachtung der auf diesem Weg gewonnenen Ergebnisse, den Nachweis führen können. Dagegen muß ich mich schon hier gegen die Behauptung verwahren, daß nur derjenige, der das Hypnotisieren sozusagen berufsmäßig treibt, auch über die Psychologie der hypnotischen Zustände ein Urteil habe. Gewiß, ein Urteil steht überall nur dem Kundigen zu. Aber bei der notwendigen Teilung der wissenschaftlichen Arbeit ist es heute dem Psychologen geradesowenig wie dem Physiker oder dem Chemiker möglich, alle Erscheinungen, über die er sich ein Urteil bilden muß, selbst nachzuprüfen. Er kann nicht umhin, sich nicht nur bei einzelnen Erscheinungen, sondern auch bei ganzen Erscheinungsgebieten auf die Angaben anderer Beobachter zu verlassen. Er wird in diesen Fällen solche Angaben zunächst am Maßstab der nämlichen methodischen Regeln prüfen, den er an seine eigenen Beobachtungen anlegt. Sobald das geschehen ist, wird er aber fremde Beobachtungen und Ursachen zu beurteilen befugt sein. Nun verfügen wir heute über eine große Zahl sorgfältig beschriebener Erscheinungen aus dem Gebiet der hypnotischen Zustände. Jedermann ist imstande, sich aufgrund dieser fast überreichen Literatur des Gegenstandes ein Bild der Erscheinungen zu machen und das zureichend verbürgte vom Zweifelhaften zu scheiden. Diese Erscheinungen mit anderen bekannten Tatsachen des psychischen Lebens in Beziehung zu setzen, liegt aber vielleicht dem Psychologen näher als dem Hypnotisten von Beruf, der mit jenen Tatsachen minder vertraut ist. Wenn unsere heutige Kenntnis des Hypnotismus noch Lücken bietet, so beziehen sich diese auch weniger auf die fundamentalen Erscheinungen, als auf die psychologische und physiologische Erklärung derselben. Ich werde daher diesem Punkt meine besondere Aufmerksamkeit zuwenden, da von ihm die Würdigung der Bedeutung des Hypnotismus hauptsächlich abhängt, während ich über dessen allgemeines Symptombild glaube kürzer hinweggehen zu können. Ganz unberücksichtigt werde ich im Folgenden alles das lassen, was teils von der CHARCOTschen Schule in Paris, teils von anderen unter dem Namen der Magneto- und Metallotherapie, des Transfert, der Fernwirkung von Arzneimittel auf somnambule Medien usw. berichtet worden ist. Die meisten dieser Dinge gehören offenkundig in das Gebiet des Okkultismus, das ich aus den oben angedeuteten Gründen von dieser Abhandlung ausschließen möchte. Außerdem würde die Kritik mancher der vorgeblichen Erscheinungen auf physikalische und physiologische Fragen zurückführen, deren Erörterung dem Zweck dieser Arbeit fernliegt. Insofern bei vielen der betreffenden Erscheinungen jedenfalls auch die Suggestion eine Rolle spielt, bieten endlich jene nichts von den sontigen, anerkannten Suggestionswirkungen Abweichends dar. (5)

LITERATUR - Wilhelm Wundt, Hypnotismus und Suggestion, Leipzig 1892
    Anmerkungen
    1) Allgemeine Zeitung 1889, Nr. 288, Beilage
    2) Allgemeine Zeitung 1889, Nr. 321
    3) Übrigens ist es mir bekannt, daß CHARCOT selbst seit Jahren den Verhandlungen der "Société de Psychologie physiologique" fern geblieben ist und ich bin daher weit davon entfernt, diesen ausgezeichneten Neuropathologen für die gegenwärtige Richtung jener Gesellschaft verantwortlich machen zu wollen.
    4) Von verschiedenen Seiten werde ich darauf aufmerksam gemacht, die gegenwärtige "Gesellschaft für psychologische Forschung" in Berlin sei verschieden von der ihr vorausgegangenen "Gesellschaft für Experimental-Psychologie". Die Veröffentlichungen der letzteren seien allerdings ausschließlich hypnotistischer Art gewesen; von der ersteren gelte das aber nicht mehr. So viel mir bekannt ist, liegen bis jetzt zwei Hefte dieser neuen Gesellschaft vor, von denen das eine wiederum ein hypnotisches Thema, das andere die "Aufgaben und Methoden der Psychologie" im allgemeinen behandelt. Im letzteren Heft heißt es: "Mag es der jungen Gesellschaft jüngerer Forscher, in deren Schriften diese Betrachtungen zu Wort kommen sollen, in naher Zukunft gelingen, an der Zerstreuung dieser Vorurteile (es sind die Vorurteile gegen den Hypnotismus gemeint) mitzuarbeiten. Sie hat, mit richtigem Verständnis für die gegenwärtige Sachlage, ihr psychologisches Arbeitsgebiet so umgrenzt, daß es vornehmlich die experimentelle Suggestionspsychologie umfaßt, die nirgends sonst eine Heimstätte besitzt." (MÜNSTERBERG, Über Aufgaben und Methoden der Psychologie, in: Schriften der Gesellschaft für psychologische Forschung I, Seite 249) Demnach hielt ich mich umso mehr für berechtigt, die neue Gesellschaft für eine Fortsetzung der älteren zu halten, als, soviel ich weiß, die Wortführer dieser, deren Programm ich an die Spitze des vorliegenden Aufsatzes gestellt habe, auch zu den Gründern der neuen Gesellschaft gehören. Doch soll es mich freuen, wenn diese "junge Gesellschaft jüngerer Forscher" ihre Hoffnungen auf die ungeahnten Erfolgte der Hypnotismus-Psychologie mittlerweile etwas herabgestimmt hat.
    5) Hinsichtlich der angeblichen Einwirkungen der Magnete sie übrigens hier auf die Kritik L. HERMANNs verwiesen. PFLÜGERs Archiv, Bd.43. Seite 217f