tb-2p-4Das erkenntnistheoretische IchWundt - Definition der Psychologie     
 
RUDOLF WILLY
Die Krisis der Psychologie
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INHALT: Es soll die metaphysisch-spiritualistische Beeinflußung der heutigen wissenschaftlichen Psychologie nachgewiesen werden und daraufhin wird zunächst Wilhelm Wundts Ausatz "Über die Definition der Psychologie" untersucht. Die drei Hauptargumente Wundts gegen die physiologische Richtung der Psychologie werden als Ausflüsse einer spirituellen Metaphysik charakterisiert.

I. Die Tatsache der Krisis

Daß die Psychologie im allgemeinen auch heute noch tief in den Fesseln der Spekulation schlummert, weiß man. Daß aber auch berühmte Psychologen - und zwar gleichzeitig während sie sich ihrer Freiheit rühmen - zur Spekulation zurücksinken wie furchtsame und schwächliche Muttersöhnchen in den Schoß der Mutter, das können sie selbst unmöglich wissen. Und daß dies wiederholt und fortwährend und sogar im Namen der strengen, rein "empirischen" Wissenschaft geschieht: hierin eben liegt die schwere, weil chronische Krisis der Psychologie. Wenn man freilich auf eine Stimme wie WUNDT (1) hört, dann könnte man glauben, die spekulative Psychologie sei schon heute nur noch ein unwissenschaftlicher Nachhall. Wie man daher gar nicht danach frage, was Physiker, Mathematiker und Physiologe, was Philologe, Historiker und Staatswissenschaftler für eine besondere Philosophie in ihrem Busen bewahren, ganz ebenso lasse die Psychologie als "rein empirische Wissenschaft" den "philosophischen Weltanschauungen freien Raum".

Da nun aber, wie wir finden werden, gerade WUNDTs Definition der Psychologie ein besonders interessantes Beispiel einer unbewußten metaphysischen Umgarnung darstellt, so wird wohl der "freie philosophische Spielraum" erst dann ein harmloser Tummelplatz werden, wenn der metaphysische Philosoph sich so tief in seiner verborgensten Gemächer zurückgezogen haben wird, daß er in den Armen seiner unfruchtbaren Nymphe nur noch Windeier bebrütet und mit dem Strom des Lebens auch nicht einmal mehr durch ein Tautröpfchen zusammenhängt. Heute aber sind wir von diesem Zeitpunkt noch so weit entfernt, daß wir vielmehr sagen müssen, wer als Psychologe etwas leisten will, darf der philosophischen Weltanschauung nicht bloß keinen freien, sondern sogar überhaupt gar keinen Spielraum gewähren, weil nur eine einzige Weltanschauung, nämlich diejenige, welche nichts als reine Erfahrung zuläßt, sich mit der Erfahrung überhaupt und insbesondere mit der wissenschaftlichen Psychologie verträgt. Wir haben in unserem  "Empiriokritizismus als einzig wissenschaftlicher Standpunkt"  (2) die rein erfahrungsmäßige Weltanschauung skizziert; jetzt wird es darauf ankommen, sie im einzelnen fruchtbar zu machen und zu zeigen, daß die Psychologie infolge ihres Beziehungsreichtums mit der allgemeinen Weltanschauung wenigstens heute noch so sehr verwachsen ist und vielleicht (auch als besondere Wissenschaft) für immer mit ihr so verbunden bleiben wird, daß es der reine Widerspruch ist, einerseits von einer rein empirischen Psychologie und andererseits einer (mit ihr verträglichen) ganz beliebigen allgemeinen Weltanschauung zu reden. Möchte einer ein Genie sein: wenn er aber dabei nicht einsieht, daß Erfahrung und Metaphysik und zwar Metaphysik in jeder Gestalt und jeden Ursprungs, einander nicht bloß ausschließen, sondern sich sogar gegenseitig negieren, dann wird er der Psychologie, wenn er sich an ihr vergreift, jedenfalls unendlichen Schaden zufügen; und dies umsomehr, je wissenschaftlicher dabei der Urheber eines solchen empirisch-metaphysischen Mischproduktes zu Werke geht, weil in diesem Fall beide einander widersprechende Bestandteile so gründlich ineinander verarbeitet werden, daß sie in ihrer Eigentümlichkeit und Verschiedenheit gar nicht mehr zutage treten, sondern wie ein überall gleichmäßig abgeflachtes und geebnetes Terrain erscheinen. Und welcher Art im allgemeinen die metaphysische Beeinflußung der Psychologie sich zeigt, ist aus historischen Gründen leicht ersichtlich: diese Beeinflußung übernimmt der Spiritualismus. Und inwiefern wir daher die moderne, wissenschaftliche spiritualistische Psychologie schildern, insofern haben wir auch die Tatsache der psychologischen Krisis aufgedeckt.

Bevor wir jedoch an einigen einflußreichen Beispielen diese Kritik vornehmen werden, möchten wir noch eine zweite und ebenso wichtige Seite der von uns so bezeichneten und als Tatsache hingestellten Krisis in der Psychologie schon jetzt ins Auge fassen. Denn angenommen, die Psychologie hätte sich sowohl von den unfreiwilligen Banden als den freiwilligen Armen der Spekulation vollständig losgemacht, so erwachsen ihr nun erst ganz gewaltige Schwierigkeiten, wenn sie sich in positiver Weise zur besonderen Erfahrungswissenschaft ausgestalten soll. und daß diese Schwierigkeiten nicht bloß zufälliger Art, sondern eine unvermeidliche Folge der unendlichen Vielverzweigtheit des psychologischen Materials sind, lehrt schon der flüchtigste Blick auf die Menge strebsamer Arbeiter auf diesem Feld. Gewiß möchte niemand behaupten, daß, ganz abgesehen von den Beziehungen zur allgemeinen Weltanschauung, die Psychologen alle planmäßig an einem großen, einheitlichen Bau beschäftigt wären. Denn, nachdem sie auf dem Boden der Erfahrung kaum erst festen Fuß gefaßt, sehen wir sie in ihrer besonderen Arbeit ziemlich getrennte Wege gehen. Eine Gruppe erwartet alles vom Experiment; sie ist es, welche sich die speziellsten Aufgaben stellt und die kompliziertesten Methoden anwendet. Aber an ihren bisherigen Gewohnheiten durch die spärlichen und zweifelhaften Erfolge der ersten Gruppe keineswegs beunruhigt, macht eine zweite Partei nach wie vor die "Selbstwahrnehmung" zur Hauptquelle der Psychologie. In anderer Hinsicht erhebt sich die Streitfrage über methodologische Stellung und Anteil zwischen der psychischen Selbstwahrnehmung einerseits und den zugehörigen physiologischen und biologischen Beziehungsgliedern andererseits. Soll der Gedanke einer durchgängigen Wechselbeziehung zwischem Physischen und Psychischem in dem Sinne festgehalten werden, daß man zuerst die physischen Glieder als "unabhängige" Reihe analysiert und erst dann die entsprechenden psychischen Begleiter dazu aufsucht, oder soll man umgekehrt das rein Psychische zum Ausgangspunkt machen und das Physische nur gerade insoweit berücksichtigen, als das Psychische dazu führt? Und ferner: gibt es eine psychische "Kausalität" oder gibt es keine? Und wenn es eine gibt, bin ich dann ohne weiteres berechtigt, dasselbe analytische Verfahren, wie es die Naturwissenschaften anwenden, auf die Psychologie zu übertragen? Ist es prinzipiell nicht vielleicht gleichgültig, ob wir vom Physischen aus das Psychische oder umgekehrt nach Maßgabe des letzteren das erstere zu bestimmen suchen; und kommt es im Erfolg nicht ganz auf eins hinaus, ob wir eine psychische Kausalität annehmen oder nicht? So könnten wir noch lange zu fragen fortfahren; doch wollen wir es lieber unterlassen und nur bemerken, daß die Menge der aufgezählten Fragen, welche uns wie ein Wall von Speeren entgegenstarren, obwohl sie nicht immer ausdrücklich gestellt werden, dennoch als Vormauer zur Psychologie gehören.

Und da alle die angedeuteten Fragen noch gar nicht genügend beantwortet und es gleichfalls keineswegs schon ausgemacht ist, wie die Fragen überhaupt zu stellen sind; und ob nicht vielleicht außer den üblichen noch eine Reihe anderer Instanzen, welche uns eher eine Fährte und einen Ausgang durch unser Dickicht versprechen, angefragt werden müssen: so geht daraus hervor, nicht nur, daß die wissenschaftliche Psychologie überhaupt noch kaum in den Windeln liegt, sondern daß überdies insbesondere die von uns unterschiedene historisch-metaphysische und die methodologisch-wissenschaftliche Seite der psychologischen Krisis zusammengehören. Denn, daß man mit der Fragestellung noch nicht im Reinen ist, dies liegt offenbar am stillen, aber unausgesetzten Druck, welchen die Metaphysik ausübt, indem sie ihr Grundwasser als ganz verborgenes Gift in das kleinste Äderchen spritzt und keine Quelle mit ihrer Trübung verschont. Und wenn andererseits die Spezialitäten in der Psychologie so sehr ins Kraut schießen, daß man vor lauter Nebenschossen keinen Stamm und keine Hauptäste mehr sieht, so kann dies nur daher rühren, daß man es gründlich verlernt zu haben scheint, den Blick stets auf das Ganze gerichtet zu halten. Zwar wissen wir sehr wohl, daß nur die Arbeitsteilung der Wissenschaft Dauer verbürgt; und insbesondere in der Psychologie ist die Spezialisierung etwas ganz Naturgemäßes und nur die Folge ihrer Vielgestaltigkeit, auf welche wir ja selbst ausdrücklich hingewiesen haben. Dennoch dürfte sich zeigen, daß Arbeitsteilung in  Verbindung  mit  Einheitlichkeit  nirgends so sehr ein Postulat bildet, als gerade in der Psychologie. Und da die Vereinigung entgegengesetzter Eigenschaften sich noch stets als große Seltenheit erwiesen hat, obwohl sie andererseits, weil sie Großes verheißt, den größten Reiz auf uns ausübt, so dürfen wir uns nicht wundern, wenn die Psychologie nur unendlich langsame Fortschritte macht. Nun sind wir wahrlich weit genug davon entfernt, die Kühnheit zu hegen, als könnten wir von uns aus wie mit einem Schlage auf einmal einen großen Ruck bewirken. Aber es ist doch schon gewonnen, wenn es uns gelingen sollte, die angedeutete Krisis in ihrer vollen Tatsächlichkeit offen zu legen und mit scharfer Deutlichkeit zu schildern.

Denn diesen Vorzug wenigstens wird man der reinen Erkenntnis nicht streitig machen wollen, daß, sofern in ihr der Gegensatz und oft große Abstand zwischen Theorie und Praxis wegfällt, wenn sie sich nur erst zu faßbarer Gestalt emporgearbeitet hat, von selbst zum unverlierbaren Besitztum wird. So wird in unserem Falle, ganz anders, wie in einer gewöhnlichen Krankheit, mit der Einsicht in die Krisis die Krisis selbst verschwinden. Sobald wir unser Antlitz vom Staub und Ruß der Metaphysik rein gewaschen haben, sind wir auch so weit gestärkt und fühlen uns so sehr durchklärt, daß wir nicht mehr in den Fehler fallen, aus Angst vor der Metaphysik den Zusammenhang mit dem Ganzen zu verlieren, sondern nun gerade im Gegenteil mit freiem und sicherem Blick das Auge überallhin schweifen zu lassen. Und bei dieser Musterung werden wir dann vielleicht die Entdeckung machen, daß die Psychologie in der Reihe der verschiedenen Arten der Verwertung des Rohstoffs der Erfahrung, von welchen Verwertungs- und Bearbeitungsarten die Wissenschaft nur eine ganz bestimmte neben noch anderen Gestaltungen übernimmt, so sehr in der Mitte steht und einen Knotenpunkt bildet, daß wir uns vor die Frage gestellt sehen, zu welchen Gestaltungen gibt es die menschliche Erfahrung überhaupt Anlaß? Kann es neben dem ästhetischen, neben dem praktischen und technisch-naturwissenschaftlichen Verhalten noch so etwas wie Geisteswissenschaften geben? Sind diese letzteren nicht vielmehr sowohl aus spezifisch wissenschaftlichen, als auch gewissen anderen Bestandteilen zusammengesetzte Mischprodukte? Und wie sollen wir die Psychologie kennzeichnen? Läßt sich ein Einheitsbegriff der Psychologie mit dem spezifischen Charakter der Wissenschaft gewinnen oder nicht? Und wenn die Psychologie nur als Mischprodukt faßbar sein sollte, kann es dann gelingen, sie, wenn nicht als Spezialwissenschaft,  so doch überhaupt noch als Spezialgebiet  abzugrenzen? Oder ist selbst auch dies vielleicht eine Unmöglichkeit und was für ein Ausweg bietet sich dann? Bevor wir jedoch auf diese Fragen eintreten, welche ja offenbar die methodologische Krisis der Psychologie anklingen lassen, haben wir zuerst ihre metaphysische Krisis und d. h. die Beeinflußung der modernen wissenschaftlichen Psychologie durch verschiedene Gestalten des Spiritualismus in Angriff zu nehmen.


II. Die metaphysische Krisis oder
der Spiritualismus und die Psychologie


1. Wundt und seine Definition der Psychologie (3)

Die speziellen kritischen Auseinandersetzungen des Verfassers und insbesondere seine Polemik mit KÜLPE lassen wir beiseite und ziehen direkt seine Definitionsformel in Betracht.

Und sogleich machen wir hier die Wahrnehmung, daß diese Definition sich nicht bloß sehr undurchsichtig und sehr umständlich ausnimmt, sondern uns sogar in die größte Verlegenheit versetzt, weil sie in uns eine Menge Vorstellungen wachruft, die richtungslos als matte, schwache Umrisse ineinander verschweben und uns wie in einen Dunst und Qualm einhüllen, so daß wir von einem bedeutungsvollen Kern oder einem reizenden, das Ziel leise ankündigenden Hintergrund auch nicht die mindeste Spur entdecken. Zählen wir vorerst gewissenhaft alles auf, wovon die Definition spricht. An der Spitze (Seite 11 und 12) steht der Satz, daß die Erfahrung zwei zusammengehörige Faktoren: "die Erfahrungsobjekte und das erfahrende Subjekt" enthalte. Nun folgt weiter eine Andeutung über das Verhältnis von Psychologie und Naturwissenschaft in dem Sinne, daß die letztere (Naturwissenschaft) vom Subjekt abstrahiere, wodurch sie einen "hypothetischen" und "abstrakt-begrifflichen" Charakter annehme. Die Psychologie ihrerseits hebe die naturwissenschaftliche Abstraktion wieder auf, um die Erfahrung in ihrer "unmittelbaren Wirklichkeit" zu untersuchen. Diesen zwei Hauptbestimmungen endlich sind an dritter und vierter Stelle noch zwei weitere Sätze angereiht, die je mit "daher" und "demnach" in das Satzgefüge eingreifen und also wie eine Art Folgerung aus dem Früheren angesehen werden möchten. Die erste dieser Folgerungen hebt nun die Wechselbeziehungen der "subjektiven und objektiven Faktoren der unmittelbaren Erfahrung", sowie die "Entstehung" der einzelnen Inhalte der letzteren (der unmittelbaren Erfahrung) und ihres "Zusammenhangs" hervor und bezeichnet beides (die Wechselbeziehungen und die Entstehung) als Aufgabe der Psychologie. Die zweite Folgerung faßt das Definitionsergebnis zusammen und charakterisiert abschlußweise die Psychologie in ihrem Verhältnis zur Naturwissenschaft als eine "unmittelbare und anschauliche" Erkenntnisweise, insofern (im Gegensatz zur Naturwissenschaft) das "Substrat ihrer Erklärungen die Wirklichkeit selbst, ohne Anwendung abstrakter Hilfsbegriffe" sei.

Nachdem wir so die Definition beisammen haben, wollen wir nun im besonderen angeben, weshalb wir mit ihr nichts anzufangen wissen. "Anschaulich und unmittelbar," hörten wir, sei die Psychologie; "mittelbar (abstraktbegrifflich) und hypothetisch" die Naturwissenschaft. Und hierin soll zugleich eine Definition der Psychologie enthalten sein. Aber wie? WUNDT selbst (Seite 44, Anmerk.) hebt ausdrücklich hervor, daß das die Psychologie charakterisierende Prädikat "anschaulich" keineswegs so mißverstanden werden dürfe, als ob damit jede Abstraktion ausgeschlossen werden sollte; denn ohne Abstraktion (Begriffsbildung) könnte ja eine Wissenschaft natürlich gar nicht zustande kommen. Also kann doch wohl auch im Sinne WUNDTs mit der Gegenüberstellung von  anschaulich  und  abstrakt-begrifflich  nichts anderes gemeint sein, als  mehr  oder  weniger  anschaulich, bzw. abstrakt. Daraus jedoch, angenommen die entsprechende Charakterisierung von Naturwissenschaft und Psychologie sei zutreffend, würde sich indes nichts weiter ergeben, als daß es anschauliche Wissenschaften wie z. B. (im Sinne WUNDTs) die Psychologie und weniger anschauliche (abstrakt-begriffliche) Erkenntnisweisen (wie z. B. die Naturwissenschaft) gebe. Daß aber dieses Unterscheidungsmerkmal für sich allein zu einer Definition, wie sie dem Verfasser vorschwebt, nicht ausreicht, beweist er selbst dadurch, daß er noch eine Reihe weiterer Bestimmungen, welche wir alle aufgezählt haben, für nötig findet. Prüfen wir also auch sie: Da sind zuerst die Prädikate: "mittelbar und unmittelbar", welche immer in Verbindung mit "anschaulich" (unmittelbar und anschaulich) und "abstrakt-begrifflich" (mittelbar und abstrakt-begrifflich) genannt werden und entsprechend dazu dienen, die Naturwissenschaft als mittelbare und dagegen die Psychologie als unmittelbare Erkenntnis zu bezeichnen. Das Neue, was in dieser Kennzeichnung liegt, weist jedoch offenbar auf etwas anderes und zwar auf den Zusatz, daß die Naturwissenschaft nicht nur überhaupt die mittelbare, sondern insbesondere auch jene Erkenntnis sei, welche außer der "konkreten Wirklichkeit" noch "hypothetische Hilfsbegriffe" nötig habe. Doch müssen wir sogleich noch einen Schritt weiter gehen; denn wenn man die "hypothetischen Hilfsbegriffe" im  nächstliegenden  (prinzipiell-empiristischen) Sinne versteht, dann wäre wohl gerade WUNDT im Hinblick auf sein Lehrbuch der Psychologie der letzte, welcher Hilfsbegriffe und Hypothesen von der Psychologie auszuschließen sich für berechtigt halten dürfte. Und in der Tat setzt denn auch WUNDT, wozu er ja ein Recht hatte, von vornherein schon bei der Aufstellung seiner Hauptdefinition der Psychologie seine gesamte Erkenntnistheorie und Metaphysik bei seinen Lesern als hinlänglich bekannt voraus. Und daher kommt es, daß man, wenn WUNDT von hypothetischen Hilfsbegriffen spricht, immer und ohne weiteres, wie er selbst bemerkt und worauf wir im Verlaufe gleichfalls stoßen werden, an den  metaphysischen  Substanzbegriff, wie er in seinen philosophischen Hauptschriften vorgefunden wird, zu denken hat. Mit Rücksicht auf unsere Definitioni der Psychologie besagt dies nun aber ja gar nichts anderes, als daß die Naturwissenschaft nicht wie die Psychologie eine im ganzen Umfang rein empirische Wissenschaft sei. Da jedoch der Verfasser als so selbstverständlich voraussetzt, daß die Psychologie eine rein empirische Wissenschaft sei und daß dieser Umstand gar nicht zur Definition selbst gehört, sondern ihre Vorbedingung bildet, so hat insofern alles, was wir bis jetzt über das Verhältnis von Naturwissenschaft und Psychologie zueinander hörten, zur Definition der letzteren auch nicht ein Jota beigetragen. Um also zu erfahren, ob nicht vielleicht wenigstens ein Stückchen von einer Definition aufzufinden sei, müssen wir noch ihre übrigen Bestandteile einer Prüfung unterziehen. Diese noch übrigen Bestandteile, wie wir schon wissen, weisen der Psychologie die Doppelaufgabe zu, einerseits die Beziehungen der "subjektiven und objektiven Faktoren der Erfahrung" und andererseits subjektiven Inhalt und Ursprung der Erfahrung überhaupt festzustellen. Diese Bestimmungen könnte man immerhin als vorläufige und daher provisorische Definitioin dann gelten lassen, wenn sie sich fruchtbar erwiesen hätte. Und wie es hiermit steht, werden wir erfahren, wenn wir zusehen, über welche Argumente WUNDT verfügt, wenn er den Versuch macht, gleichzeitig sowohl seine eigene Definition zu verteidigen, als die naturwissenschaftliche Psychologie auf das Niveau eines "relativ untergeordneten Hilfsprinzips" herabzusetzen.

Gegen die physiologische Richtung der Psychologie nimmt der Verfasser mit drei Hauptargumenten (Seite 17 und 31 - 36) Stellung. Er behauptet
    1) daß von  Funktionsbeziehungen  zwischen physischen und psychischen Werten überhaupt nicht die Rede sein dürfe, weil jene Beziehungen "unendlich vieldeutig" seien;

    bemerkt er, daß die "Wert- und Zweckbestimmungen", also gerade das in eminenten Sinne Psychische, ganz außer das Gebiet der Naturwissenschaften und also auch außerhalb ihrer Methoden falle.

    Endlich 3) sei es ja evident, daß Physisches und Psychisches ganz "unvergleichbaren" Größengebieten angehören, so daß eine "Ableitung" des einen aus dem anderen so wenig Erfolg haben könnte, wie etwa der "Versuch, aus einer Molekularbewegung die Qualität einer Empfindung zu erklären".
Wer also, fügt er schließlich noch bekräftigend hinzu, wie die physiologische Psychologie, der Naturwissenschaft die "Erklärung" solcher Bestandteile der Erfahrung aufbürde, wovon jene selbst abstrahiert habe, beweise eben dadurch, daß der physiologische Standpunkt in der Psychologie von "Haus aus absurd" und nie zu einem "brauchbaren Prinzip" der Untersuchung führen könne.

Hier wird der physiologische Standpunkt der Psychologie deswegen abgelehnt, wei sich ihn WUNDT, wie es scheint, nicht anders, als eine Anwendung des metaphysischen Materialismus zu denken vermag. Nun ist ja gewiß einzuräumen, daß in der Tat oft und wohl auch noch fortwährend das psychophysische Parallelprinzip nur als unhaltbares Mischprodukt von Erfahrung und Metaphysik sich in die rein empirische Psychologie einzudrängen oder sie auch vollends zu verdrängen sucht. Aber  muß  denn das so sein? Hat nicht WUNDT selbst, wie er sich ausdrückt, die physiologische Betrachtungsweise wenigstens als "relativ untergeordnetes Hilfsprinzip" der Psychologie zugelassen; und bezeichnet er nicht (Seite 34 und 35) ausdrücklich als "Hauptgewinn" des naturwissenschaftlichen Verfahrens in der Psychologie, daß dadurch "ein für allemal das mystische Unbewußte verschwinde", und deswegen eben (Seite 28), wie wir wohl, ohne von unserem Autor Widerspruch befürchten zu müssen, sagen dürfen, eine "Physiologie der Hirnfunktionen" auch im eigensten Interesse der Psychologie als "Desiderat" [Wunschvorstellung, wp] betrachtet werden darf? So weit wenigsten müßte also auch WUNDT zugunsten der Psychologie, wie er sie tatsächlich bearbeitet und theoretisch verstanden wissen will, sich auf sein "relativ untergeordnetes Hilfsprinzp" einlassen, um zu sehen, inwieweit es sich mit der Erfahrung verträgt und wie es denn kommt, wie wir finden werden, die Antwort auf diese Fragen nicht gegeben hat, so müssen wir diese Lücke selbst ausfüllen. Und dies wird am besten und einfachsten so geschehen, daß wir jene gegen das psychophysische Parallelprinzip gerichteten Argumente einer scharfen Prüfung unterziehen.

Also wie verhält es sich zuerst mit der "unendlichen Vieldeutigkeit" der psychophysischen Funktionsbeziehungen? Doch wohl nicht anders, als überall sonst im gesamten Gebiet der Erfahrung, sofern sie als ein Ganzes vielfältiger Änderungsgrößen in Betracht kommt. Die "unendliche Vieldeutigkeit" gehört als integrierender Bestandteil zu unserer Erfahrung und durchzieht ihr ganzes Massiv wie das Erz den Fels. Sind nicht Wind und Wetter sehr vieldeutig? Sind es nicht wir selbst und nicht bloß wenn Stimmung und Laune wechselt, sondern (mehr oder weniger) während unserer ganzen Entwicklung in gesunden und kranken Tagen? Und machen hiervon das Licht, die Wärme, der Schall, die Bewegung und sogar der ruhige Wandel des Himmels eine Ausnahme? Doch freilich machen sie eine Ausnahme, aber nur sofern es uns gelingt, die "unendliche Vieldeutigkeit" nach und nach durch die wissenschaftliche Arbeit der Jahrhunderte und Jahrtausende  mehr oder weniger eindeutig  zu machen. Und was für einen Grund nun sollte es geben, diese Denkarbeit, die vieldeutige Variabilität zu genügender Konstanz und Eindeutigkeit zu gestalten, von irgendeinem Gebiet  prinzipiell  auszuschließen? Und WUNDT selbst, sofern er wirklich, wie er sagt, eine Physiologie der Hirnfunktionen für ein "Desiderat" hält, wird gegen jene prinzipielle Denkbarkeit nichts einzuwenden haben. Und ebensowenig ist anzunehmen, daß er sich die Verwirklichung des Desiderats ganz einseitig und unabhängig vom Zustand der Psychologie denke. Ein anderes freilich ist die prinzipielle Denkbarkeit und ein anderes die mehr oder minder wahrscheinliche Verwirklichung jener Denkbarkeit. Und in unserem Falle erscheint uns in der Tat die Frage: ob Aussicht einer  selbständigen,  rein naturwissenschaftlichen (physiologischen) Psychologie vorhanden sei oder nicht, gar nicht als eine müßige. Wir selbst werden an einer viel späteren Stelle im Zusammenhang der methodologischen Krisis der Psychologie auf diese Frage eintreten. Indes berührt WUNDT  diesen Punkt  mit keiner Silbe, sondern begnügt sich mit der Behauptung, daß die "unendliche Vieldeutigkeit" überhaupt und also, wie wir ergänzend und verdeutlichend hinzufügen müssen,  prinzipiell  von einer funktionellen psychophysischen Beziehung zu reden verbiete.

Und dieses prinzipielle Verbot stimmt allerdings sehr gut mit dem zweiten Argument überein, insofern es die "Zweckbeziehungen und Wertschätzungen" durch die naturwissenschaftliche Betrachtungsweise nicht von ferne beeinträchtigt wissen möchte und sie daher lieber gleich ganz davon ausschließt. Um so weniger aber stimmt jenes Verbot mit der Zulassung und Anerkennung der psychophysischen Parallelbetrachtung als eines "relativ untergeordneten Hilfsprinzips". Denn wenn auch nur untergeordnetes Hilfsprinzip, so setzt dasselbe doch im Bereich seines Umfanges eine funktionelle Beziehung zwischen Physischem und Psychischem voraus. Und wirklich äußert sich der Verfasser (Seite 33) dahin, daß jene einfachsten Fälle, in denen die "qualitativen Wert- und Zweckbestimmungen zurücktreten", eine "annähernd eindeutige Beziehung zwischen physischen und psychischen Größen wohl erwarten lassen". Dieses Zugeständnis drängt uns aber zur Frage: wenn wir in gewissen einfachen Fällen die allgemeine funktionelle Beziehung zulassen, warum sollen wir nicht, der einzigen Aufgabe der Wissenschaft ganz entsprechend, die zusammengesetzten Fälle in einfachere zerlegen und in dieser indirekten Weise daher die physiologische Methode auch auf die "Wert- und Zweckbestimmungen" übertragen? Warum sollte ihnen das den mindesten Schaden zufügen und was hindert, daß sie nicht ganz dasselbe bleiben können, was sie zuerst waren? Wenn wir keine Bedenken tragen, die Harmonie der Töne und die Symponie der Farben zu zerlegen und ihre Elementarbestandteile als Änderungsgrößen psychophysiologisch zu untersuchen, können wir uns dann einen triftigen Grund denken, weshalb ein erweitertes analoges Verfahren an sich keine Berechtigung haben sollte? Und ist es nicht vielmehr ganz im Sinne der wissenschaftlichen Psychologie, wenn wir das funktionelle Parallelprinzipg, nicht wie WUNDT es macht, so viel als möglich zur Seite schieben, sondern gerade im Gegenteil so weit als möglich durchzuführen suchen? Daß jedoch bei WUNDT sein "relativ untergeordnetes Hilfsprinzip" in Wahrheit gar kein Prinzp, sondern nichts als ein rein zufälliges, blindes und abgenötigtes Zugeständnis an seine eigene psychologische Praxis ist, dies wollen wir sogleich im Zusammenhang des dritten Arguments zeigen.

Dieses dritte Argument folgert aus der "Unvergleichbarkeit" der physischen und der psychischen Größen die "Absurdität" einer wechselseitigen "Erklärung" oder "Ableitung" derselben auseinander. Sowohl Thesis als Folgerung dieses Arguments richten sich jedoch nicht bloß gegen Metaphysik, sondern sind selbst metaphysisch, weil sie ihre Kraft einem Begriffsontologismus entnehmen, welcher kein anderes theoretisches Maß als das Schema von Folgerung und Vordersatz kennt und daher, wenn er sich am Strom der Erfahrung heranwagt, auch sogleich in jene, um mit WUNDT zu reden, "unendlich vieldeutige" Welle der "Erklärung und Ableitung" untersinkt. "Unvergleichbar" sind im Geiste jener isolierenden Abstraktion, wie sie in der  Logik  üblich ist, alle Begriffe, sobald sie Gattungstypen angehören, welche in verschiedener Richtung liegen und durch keinen gemeinsamen höheren Begriff mehr zusammengehalten werden. Nur folgt aus dieser technisch zugestutzten  Disparität,  [Verschiedenheit, wp] welche wir ja allerdings auch auf den Fall des Physischen und Psychischen übertragen können, nicht das mindeste gegen die  tatsächliche  Zusammengehörigkeit und Unzertrennlichkeit der Grundbestandteile der Erfahrung. Und auch WUNDT hebt die Einheit des Physischen und Psychischen in diesem rein tatsächlichen Sinn wiederholt hervor, wenn er Psychologie und Naturbetrachtung als die einander ergänzenden Erkenntnisweisen der einen und einheitlichen Erfahrung bezeichnet. Dies genügt für unsere augenblicklichen Zwecke vollständig; und ohne uns auf die prinzipielle Frage einzulassen, inwiefern sich die Unvergleichbarkeit des Physischen und Psychischen nicht bloß mit dem Standpunkt der üblichen Logik, sondern auch mit demjenigen der Erfahrung verträgt, so ergibt sich schon aus dem Gesagten, daß einerseits Analyse und Beschreibung von Tatsachen und andererseits logisch-technische Begriffsgruppierung streng auseinander zu halten sind. Und dasselbe gilt auch für das deduktive Verhalten, gleichviel, ob es sich im übrigen auf selbstgemachte Begriffe oder auf Tatsachen stützt. Da wir nun aber gewohnt sind, das deduktive Verfahren, sofern es ein Besonderes einem höheren Allgemeinen unterordnet, gerade in bevorzugtem Sinne als "Ableiten" oder "Erklären" zu bezeichnen, so wollen wir, nur gerade im Interesse unseres nächsten Zweckes, die an sich in der Tat "unendlich vieldeutige"  Erklärung  in dem Sinne eindeutig machen, daß wir darunter die Einordnung eines Besonderen in die zugehörige übergeordnete Sphäre eines Allgemeineren verstehen. Gilt dies, dann geht es nicht mehr an, die "Erklärung" und "Ableitung" auf die Analyse und Gruppierung von Tatsachen unterschiedslos zu übertragen. Denn das Physische und Psychische, um uns an unseren Fall zu halten, steht zueinander weder in einem Verhältnis des Allgemeinen zu Besonderen, noch demjenigen einer logisch-technischen Begriffszusammenstellung. Gleichwie man daher beispielsweise nicht von einer Erklärung oder Ableitung, sondern nur etwa von einer Formulierung der mathematischen Axiome und in ähnlichem Sinn keineswegs von einer logischen Deduktion der chemischen Elemente spricht: ebensowenig hat es einen Sinn, das Erklären und Ableiten auf das Verhältnis des Physischen und Psychischen anzuwenden, weil wir in diesem Falle eine Grunderfahrung vor uns haben, deren Befund einfach festzustellen, aber nicht mehr weiter abzuleiten ist.

WUNDT macht gewissen Metaphysikern der Psychologie die Absurdität einer Ableitung des Psychischen aus dem Physishen zum Vorwurf und er tut das aus einem solchen Geiste und einer solchen Gesinnung heraus, als ob das psychophysische Parallelprinzip, sofern es zu einem rein methodologischen  Hauptgrundsatz  der Psychologie gemacht wird, überhaupt und prinzipiell mit der gerügten Absurdität behaftet sein  müßte.  Dies aber eben beweist, daß WUNDT nicht nur überhaupt Metaphysiker, sondern ganz gegen seine Absicht überdies durch und durch metaphysischer Psychologe ist. Denn Tatsachen und "Erklärungen" fließen bei ihm derart zusammen, daß er, sobald nur die Tatsachen sich nicht mehr so "unvergleichbar" ausnehmen wie Physisches und Psychisches, sondern entweder ganz dem Physischen oder ganz dem Psychischen angehören, nicht bloß kein Bedenken mehr trägt und es noch weniger für absurd hält, sondern es wie natürlich und selbstverständlich findet, beispielsweise "Psychisches aus Psychischem" ohne weiteres zu "erklären". Und dennoch ist es vom Standpunkt der  Erfahrung  aus dieselbe "Absurdität", ob wir ungleichartige ("unvergleichbare") oder gleichartige Tatsachen schlechtweg voneinander ableiten; wie es andererseit ebenso berechtigt als wissenschaftlich ist, Tatsachen als ein zusammengehöriges und unzertrennliches Ganzes zu beschreiben und festzustellen, gleichviel ob sie aus einander gleichartigen oder im Gegenteil unter sich verschiedenartigen und gegensätzlichen Bestandteilen zusammengesetzt sind. Hierzu im Gegensatz behauptet der Verfasser, daß sich mit dem psychophysischen Parallelprinzip weder ein "logisches, noch ein kausales, sondern nur ein rein äußerliches Verhältnis der Koexistenz oder Folge" vereinbaren lasse. Danach also scheint WUNDT so etwas wie einen begrifflichen Ausdruck reiner Tatsachen gar nicht zu kennen; und doch liegt nichts als ein solcher Ausdruck im Parallelprinzip, wenn man es nicht metaphysisch umdeutet und zu einer Erklärungsart macht, die auf derselben Stufe mit jenen Spekulationen steht, welche die Finsternis das Licht gebären und Saturn in seinen eigenen Kindern sich selbst verschlingen lassen. Und im  Prinzip,  wenn auch nicht in der spezielle Art, gehört ja auch das "kausale" und "logische" Verhältnis, welches WUNDT postuliert, derselben Spekulation an, weil es nicht etwa aufgestellt wird, um  speziellere Sätze  aus  allgemeinen Gesetzen  abzuleiten, sondern als Rezept dienen soll, um Tatsachen aus anderen (gleichartigen!) Tatsachen, wie z. B. "Psychisches aus Psychischem" hervorzuzaubern (zu "interpretieren"). So steht WUNDT am Scheideweg; er ist vor die Wahl gestellt, sich entweder einer reinen Geisterpsychologie zu überliefern, oder das psychophysische Prinzip seiner zweideutigen, um nicht zu sagen "unendlich vieldeutigen" Stellung eines "relativ untergeordneten Hilfsprinzips" zu entheben und es ohne prinzipielle Einschränkung anzuerkennen. WUNDT hat die Wahl getroffen und gibt seinem Hilfsprinzip mit den Worten (Seite 46) den Rest, daß die naturwissenschaftliche Betrachtungsweise in der Psychologie von nur "transitorischer" Bedeutung und eben deswegen für die "eigentliche Erklärung" unzulässig sei. Und dieser eigentlichen Psychologie, welche in der Abhandlung als "Aktualitätstheorie" und "Voluntarismus" enthalten ist, müssen wir nun noch einige Aufmerksamkeit schenken.

Da der Verfasser von Anfang und fortwährend von einem "erfahrenden Subjekt", welches auch als "eigentliches Subjekt" oder als "Träger der Erkenntnisfunktionen" (Seite 15 und 26) bezeichnet wird, spricht, so muß offenbar die eigentliche Psychologie dieses eigentliche Subjekt zum Gegenstand haben. Dieses Subjekt nun wird uns als reine Aktivität (Willenssubjekt) vorgestellt und soll insbesondere als Repräsentant des Psychischen überhaupt insofern angesehen werden, als darin alles Materialistisch-Substanzielle getilgt und allein das reine Werden und Wechseln der "unmittelbaren Erfahrung" ("inneren Wahrnehmung") festgehalten werde. Neben dem Materialistisch-Substanziellen gibt es aber bekanntlich im Reich der Spekulation auch ein Spiritualistisch-Substanzielles. Und es ist nur so lange zutreffend, die Gesamtheit der psychischen Inhalte als  Vorgänge  aufzufassen, als wir sie auf unsere natürliche Umgebung und auf unseren eigenen Körper beziehen. Denn da reine, im Nichts schwebende Vorgänge jede Beziehung mit der Erfahrung eingebüßt haben und auch nicht durch die leiseste Analogie mehr mit ihr verbunden bleiben, so hat WUNDT durch seine reine Aktivität einfach die materielle mit der spirituellen Substanz vertauscht.

Oder wie soll man es sonst verstehen, daß Werden und Wechsel der psychischen Vorgänge so sehr in den Vordergrund gestellt werden, daß man jeden festen Bestand und natürlichen Halt vermißt?

Der wahre spirituelle Philosoph freilich weiß das besser; einen natürlichen Halt und festen Bestand braucht er gar nicht, ja er fürchtet ihn sogar, weil er sich die physischen Bestandteile der Erfahrung nur unter der metaphysischen Hülle seines materialistischen Widerpartes zu denken vermag. Und macht nicht WUNDT selbst mit dürren Worten (39) ein solches Geständnis, wenn er erklärt, daß der logische Begriff eines Subjektes der inneren Erfahrung allerdings nicht enstehen könnte, ohne eine zugrunde liegende  reale Einheit,  und daß diese (reale Einheit) lediglich  im Zusammenhang der psychischen Vorgänge selbst  gegeben sei? Nun, mehr als ein solches Bekenntnis brauchen wir nicht. WUNDT verwechselt ganz einfach  Realität und reale Einheit. 

Als Realitäten freilich darf man die psychischen Aktivitäten sehr wohl bezeichnen und schon glaubt der Philosoph (Seite 39, Anmerk.) vollkommen gewonnenes Spiel zu haben, wenn er sich dagegen verwahrt, daß seine Willenseinheit der Seelensubstanz gleichgesetzt werden möchte, als ob nicht, wie er mit siegesgewisser Zuversicht erläuternd hinzufügt, "ein Zusammenhang von Vorgängen ebenso real sein könnte, wie ein relativ dauerndes Objekt." Gewiß kann ein solcher psychischer Zusammenhang ganz wohl  real  genannt werden, sobald man ihn als  unzertrennlicher Begleiter  gewisser  zugehöriger physischer Bestandteile  betrachtet. Aber WUNDT vergißt eben, daß Realität( Sachlichkeit, Existenz)  und reale Einheit ( Individualität)  nicht dasselbe sind und daß vom Standpunkt  der Erfahrung  aus der "psychische Zusammenhang" nicht als reale ( sachliche),  sondern nur als abstrakte ( begriffliche  oder ideelle)  Einheit  zulässig ist.

So befinden wir uns mitten in dieser empirischen (!) Psychologie auch zugleich mit einem Schlag mitten in der spirituellen Metaphysik und es braucht wahrlich keine lange Vorbereitung mehr, um von dieser "eigentlichen Psychologie" aus schließlich auch noch bis zur eigentlichen Metaphysik zu gelangen. Wenn nämlich der Verfasser (Seite 60-64) die "reine Willenseinheit" als "imaginär-transzendente Einheitsidee" ("Vernunftidee") bezeichnet, von welcher die empirische Psychologie für ihre Zwecke keinen Gebrauch machen dürfe, so ist diese von der Metaphysik als transzendente Idee bezeichnete Einheit offenbar dasselbe, was die  reale psychische Einheit  ist. Beide metaphysische Wesenheiten haben nur gleichsam ihr Vorzeichen geändert. Die reale psychische Einheit ist noch mit ein wenig Erfahrung insofern überkleidet, als sie sich direkt an die "Willenstätigkeit" anlehnt, wogegen die reine transzendente Einheitsidee in ihrer entkleideten Reinheit sich ganz ins Nebelhaft-Abstrakte zurückzieht. Und das ist auch ganz der naturgemäße Gang. Denn was der Philosoph (Seite 62) als "regelmäßigen Fortschritt vom Gegebenen aus" und Aufstieg zu einer höchsten (transzendenten) Einheitsidee betrachtet, ist in Wahrheit jener Zersetzungs- und Degenerationsprozeß, welcher mit einer naiven, aus Erfahrung und Spekulation wildwüchsig und unterschiedslos zusammengesetzten Metaphysik beginnt und vor seinem reinlichen Ende in einer Reihe von Misch- und Zwischenstufen verläuft. WUNDT nun repräsentiert in seiner Person zwei Hauptstadien dieses allgemeinen entwicklungsgeschichtlichen Vorgangs. Seine sogenannte empirische Psychologie ist eine mit  spezieller  Erfahrung versetzte Metaphysik; und seine eigentliche Metaphysik eine geisterhafte Schattenprojektion gewisser  allgemeiner Grundzüge  der Erfahrung. Die (transzendente) "Vielheit einfacher in Wechselwirkung stehender Willenstätigkeiten" ist doch augenscheinlich nichts anderes, als eine spießbürgerlich verkümmerte und ihrer himmlischen Selbstgenügsamkeit beraubte Gesellschaft LEIBNIZ>scher Monaden. Und Inwiefern andererseits die psychische Tätigkeit überhaupt (Seite 54) als "Trieb" und gemeinsamer Ausgangspunkt des "Vorstellens und Wollens" ausgesagt wird, insofern haben wir entweder die "Einheit des Selbstbewußtseins" als spezielle Seelensubstanz vor uns oder wir bewegen uns einfach auf der Bahn einer bloßen willkürlichen Wort- und Terminologie-Verschiebung von derselben Art, wie wenn man nicht nur die ausgereifte Frucht (die konkrete menschliche Handlung), sondern auch schon die Fruchtknospe (die keimhafte Anlage des appetitiven Verhaltens) schlechtweg als Frucht ( Trieb, Wille  und ähnlich) bezeichnen wollte. Und wie endlich die Psychologie und die Metaphysik zu einer Chimere und einem Zwillingspaar zusammenwachsen, ersieht man (Seite 62) daraus, daß das "Moment der Tätigkeit oder des Wollens als die metaphysische Grundlage" des  Subjekts  und das "Moment des Leidens" als dieselbe Grundlage der dem Subjekt "gegebenen  Objekte"  hingestellt wird. Etwas weiter zurück in den geschichtlichen Verlauf der Spekulation deutet (Seite 19) die Bemerkung, daß von der "objektiven Wirklichkeit" gewisse Bestandteile als "subjektiv" auszuscheiden seien. Diese freilich nur vereinzelte Bemerkung ist wohl nur eine selige Wiedererinnerung an die einstmalige Herrlichkeit der primären und sekundären Qualitäten. Denn daneben (Seite 45) taucht auch die ganz anders wohin weisende, wenn auch etwas dämmerhafte Ahnung auf, welche wie eine sanfte Mahnstimme und ein leiser Weckruf klingt. Die in der neueren Naturwissenschaft immer festeren Fuß fassende Elimination der  Substanz,  an welcher unser Philosoph, wenn auch nur in Gestalt einer "metaphysischen Hypothese" festhält und gestützt worauf er sogar von einem "fundamentalen Unterschied" zwischen Psychologie und Naturwissenschaft spricht: diese immer mehr fortschreitende Elimination also, welche, wie der Verfasser sich fast wörtlich ausdrückt, auf eine metaphysikfreie Beschreibung der Naturerscheinungen zielt, mutet ihn an wie eine "Reaktion", welche, möge sie Erfolg haben oder nicht, jedenfalls eine "auch erkenntnistheoretisch höchst bedeutsame Erscheinung" sei. Nur schade, daß diese Stimme es nur zu einem schüchternen Ausklang und nie zu einem kräftigen Anklang brachte. Die Psychologie freilich nennt WUNDT nicht nur überhaupt eine empirische, sondern sogar eine anschauliche und konkrete Wissenschaft; und doch haben wir nicht nur in seiner allgemeinen Definitionsformel, sondern in der ganzen großen Abhandlung keinen Deut von Anschauung entdeckt.

Der einzige in der Tat erfahrungsmäßige Ansatz, nämlich das Apercu, daß es, wie mehrmals (Seite 7 und 10) hervorgehoben wird, nicht der Gegenstand, sondern der  Standpunkt  und die Betrachtungsweise sei, was Psychologie und Naturwissenschaft sowohl voneinander scheide, als andererseits auch wieder zur Einheit zusammenfasse, hat nicht stand gehalten und hat sich als taube Nuß erwiesen. Denn Schritt für Schritt und bei jeder Berührung ist alle Anschauung und alle Erfahrung zu Staub zerfallen. Und dennoch hat es in gewissem Sinne seine guten Gründe, daß ein so blutleerer Spiritualismus, gleichsam wie uns gewöhnlichen Sterblichen zum Hohn, sich gerade die Miene einer vollen und anschaulichen Erfahrung aufsetzt. Denn gleichwie am Anfang der Spekulation, solange die kühnen Wasser von überall her ineinander fluten, alles in einer gleichmäßigen Trübung erscheint und dementsprechend auch alles, jedenfalls der Sache, wenn auch nicht den Worten nach, als  Erfahrung  zur Aussage gelangt: so scheint etwas Ähnliches wiederum einzutreten, wenn an ihrem (der Spekulation) Ende die durch erstickende Stoffanhäufung und bohrende Abstraktion lendenlahm gewordene Phantasie den Stoff nicht mehr bewältigt, sondern ihren schwachen Augen entsprechend alles nur wie in der dunklen Abenddämmerung oder im schwankenden Morgentraum sieht, so daß wir unsere schwachen Sinneseindrücke zusammen mit den aufsteigenden Geistesnebeln zu einem verschwommenen Ganzen verquickenund nun gar keinen Grund mehr haben, nicht auch so etwas zur  Erfahrung  zu machen. Wenn daher WUNDT von  seinem  Standpunkt aus gewisse, gleichfalls mit dem Zeichen der Erfahrung gestempelte Theorien der HERBARTschen Schule (Seite 5 und 9) als ein Gewebe von allerlei "Hypothesen und Fiktionen" und "empirische Verkleidung einer metaphysischen Begriffsbestimmung" chrakterisiert: so müssen wir von  unserem  Standpunkt aus die WUNDTsche, bis auf einige Randverzierungen vollständig ausbleibende Erfahrung als die vielleicht ärgste unbewußte Ironie und Satire auf sich selbst aussprechen, welche je das Licht der Welt erblickt hat. Dieses Schluß- und Gesamturteil bezieht sich indessen natürlich nur auf die besprochene Abhandlung. Ob nicht vielleicht unabhängig von ihrer allgemeinen Definition und Theorie die spezielle Psychologie des Verfassers etwas Haltbareres enthält, als dieser ihr prinzipieller und allgemeiner Teil: dies zu untersuchen, behalten wir uns wenigstens für eine spätere Stelle vor. Was uns im zweiten Artikel der "Krisis" zunächst beschäftigen soll, ist das umfangreiche, sich übrigens zum Spiritualismus ausdrücklich bekennende psychologische Werk von JOHANNES REHMKE.
LITERATUR - Rudolf Willy, Die Krisis der Psychologie, Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie, Nr. 21, 1897
    Anmerkungen
    1) WILHELM WUNDT in seinem Aufsatz "Über die Definition der Psychologie" in den Philosophischen Studien, Bd. XII, 1895, Seite 1- 66
    2) RUDOLF WILLY, Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie, Jahrgang 20, Heft 1 - 3
    3) Unsere Kritik bezieht sich auf Wundts Artikel in den Philosophischen Studien (siehe Anmerkung 1)