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JOACHIM WACH
Das Verstehen
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"Aller innere Sinn ist Sinn für Sinn."

Vorwort

Die Welt, wie sie ist und wie sie war, immer tiefer verstehen zu lernen, ist unser aller Ziel. Dazu treiben wir Philosophie, dazu treiben wir Geschichte. Es ist nicht wahr, daß alles verstehen alles verzeihen heißt. Aber es ist wahr, daß nur der Erkennende lebt.

Große Geister haben uns gezeigt, was  "Verstehen"  heißt. Sie haben es geübt in der Wissenschaft: in der Betrachtung der Kunst, in der Auslegung des Rechts und der religiösen Schriften, in der Erforschung der Sprache, im Studium der Geschichte, im Dienst an mancherlei Werk. So wurde aus dem Verstehen, wie wir es alle täglich üben und wie es geübt wurde, seit es Menschen gibt, eine kunstmäßige Tätigkeit, die zur höchsten Feinheit gebildet war. Und dann hat es immer wieder einmal solche gegeben, die darüber nachsannen, was es denn mit dieser Tätigkeit eigentlich auf sich habe: was "Verstehen" ist. Von den Gedanken, die sie darüber niederschrieben, ist vieles verschollen, vieles vergessen. Ich möchte die Gedanken, die in einer großen Zeit der deutschen Geistesgeschichte dazu ausgesprochen worden sind, nicht - lebendig machen, - das sind sie noch - aber bekannter möchte ich einige von diesen Gedankensystemen machen las sie es heute sind und sie ein Stück weit auf ihrem Weg verfolgen, um neben ihrem Wesen ihr Schicksal zu beleuchten. Schließlich hoffe ich, damit selbst ein Stück "Interpretation" geleistet zu haben.

Von allen Seiten kommt man heute wieder den alten Fragen nahe, die schon so vielfach die Gottesgelehrten, die Weltweisen und die Erforscher der Seele beschäftigt haben - manch einer sucht sie zu lösen, ohne zu ahnen, wem er mit seiner "Lösung" folgt. Wir wollen den Zusammenhang deutlich machen, der zwischen einer großen Zeit und der unsrigen besteht für ein einzelnes, wenn auch vielleicht wichtiges Problem, dessen dogmengeschichtlicher Untersuchung diese Blätter gewidmet sind. Denn wir sind der Ansicht WILHELM DILTHEYs: Aufgenommen in den Zusammenhang von Erkenntnistheorie, Logik und Methodenlehre der Geisteswissenschaften wird die Theorie der Hermeneutik ein wichtiges Verbindungsglied zwischen der Philosophie und den geschichtlichen Wissenschaften, ein Hauptbestandteil der Grundlegung der Geisteswissenschaften sein.

Ich freue mich, mit diesem Buch, dessen zweiter Teil hoffentlich von manchen in der Sache liegenden Unvollkommenheiten wird frei sein können, ein Versprechen einzulösen, das ich in meiner "Religionswissenschaft (Kap. IV, Seite 139) gegeben habe. Der innere Zusammenhang, in dem das Werk mit meinen früheren Arbeiten steht wird all denen deutlich sein, die sie kennen.



Einleitung

I.

Ohne Zusammenleben von Menschen kann kein Verstehen sein. Dieses bedingt erst alle Gemeinschaft. Seit Menschen auf dieser Erde leben, gibt es "Verstehen". Noch ehe es Mitteilung gab, gab es Verstehen. Das Einanderverstehenkönnen der Menschen ist ein letztes, ein Urphänomen, das mit der Tatsache der sozialen Situation, mit dem Vorhandensein einer Mehrheit von Individuen gegeben ist. Das Verstehen ist von Haus aus nicht problematisch; es würde das nicht geworden sein, ohne daß Mißverstehen möglich gewesen wäre. Nichtverstehen, besser: Mißverstehen machte, daß man sich fragte: wie kann Nichtverstehen ausgeschlossen und das heißt weiter: wie kann Verstehen bewirkt werden? Verstehen war aber notwendig: es war keine theoretische Angelegenheit, sondern eminent praktisches Bedürfnis. Es ist keine Verrichtung denkbar, in der Menschen zusammenwirken, im freundlichen oder feindlichen Sinn, ohne gegenseitiges Verstehen. Ein Zusammenleben von Menschen, das diesen Namen verdient und nicht nur ein nebeneinander Vegetieren ist, ohne Sprache ist denkbar, ohne gegenseitiges Verstehen - niemals.

Skepsis diese für die Geschichte des Verstehens so unermeßlich wichtige Erscheinung, entsteht also aus der Beobachtung, daß es Mißverstehen gibt. Verschiedene Wege standen offen, nachdem sich nun einmal Skepsis geregt hatte. Sie sind allesamt in der Entwicklung, im Verlauf der Geschichte der Menschheit gegangen worden, die Reflexion hat sie alle durchleuchtet. Die Skepsis, der Zweifel konnte zur Resignation führen: es gibt wohl nur Mißverstehen, sie konnte sich verhärten zur Behauptung: es kann kein Verstehen geben. Aber demgegenüber mußte es auch wiederum möglich erscheinen, daß Mißverstehen einzuschränken, einzugrenzen und so den Weg frei zu machen zum Verstehen, das doch, das leuchtete ein, notwendig ist. Aus dem Willen zum Verstehen entstand das Bedürfnis über es nachzudenken, nach seinem Wesen, seinen Grenzen, seinen Formen, seinen Möglichkeiten zu fragen: das sind die Wurzeln der Theorie.

Ein weiteres kommt dazu. Neben dem in Raum und Zeit gebundenen Verstehen von Mensch zu Mensch gibt es, wenn diese künstliche Scheidung eines im ursprünglichen Bewußtsein Einheitlichen erlaubt ist - noch eine zweite große Chance: zu verstehen  über Zeit und Raum hinweg.  Es ist ein weiteres letztes Phänomen, daß der Mensch den Äußerungen, deren er fähig ist, Dauer verleihen kann.

Weil Menschen sich verstehen können, können sie auch ihre gegenseitigen Äußerungen verstehen: das Spiel von Miene und Gebärde, die Sprache und alle Art von fixiertem Ausdruck. Es ist eine unübersehbare Skala von Möglichkeiten in der Natur und in der Form dieses Ausdrucks denkbar. Eine, aber nur  eine  Anordnung wäre die nach seiner Verstehbarkeit. Hier, beim Verstehen von Ausdruck, ist die Möglichkeit des Nicht-Verstehens, des Mißverständnisses sehr groß: ein weiter Spielraum öffnet sich da der Skepsis. Erscheint es hier überhaupt noch denkbar verstehen zu können? - Der Wille zum Verstehen ist mächtiger gewesen als alle Hindernisse. An den Schwierigkeiten, die der Mensch bei diesem Verstehen zu überwinden gehabt hat und noch hat, ist die Reflexion gewachsen. Über alle die Mittel und Künste, Griffe und Techniken, die er ersann, um verstehen zu können, hat der menschliche Geist dann wieder gesonnen und mächtige Systeme geschaffen, die  Theorie

Man ist weitergeschritten. Als das Verstehen längst nicht mehr nur dem praktischen Bedürfnis des Lebens zu dienen bestimmt war, sondern zu einem Wert in sich tragenden Verhalten des Menschen wurde, ging man dazu über auch die Tätigkeit genauer zu betrachten und zu untersuchen, die in der Weitergabe eines gewonnenen Verständnisse besteht. Was Darlegen und Erklären heißt, was ihr Wesen, ihre Grenzen und Gesetze sind, wurde Gegenstand des Nachdenkens. So mußte allmählich, je genauer man es betrachtete, das Verstehen - einst das "Natürlichste" von der Welt - zu einer der kompliziertesten und schwierigst aufzuhellenden Erscheinungen werden, die den Menschengeist zur Forschung reizen. Die Wissenschaft entstand darüber, die Wissenschaften des Geistes mußten eines ihrer zentralen Probleme darin sehen. Jede einzelne von ihnen ringt damit, jede liefert ihren Beitrag dazu. Keiner von allen gehört das Problem des Verstehens allein, alle aber müsse es sich stellen, müssen an seiner Lösung mitarbeiten.

Keiner Wissenschaft gehört das Problem des Verstehens allein, auch nicht der  Philosophie,  die doch in den Augen vieler die Krönung aller Wissenschaften ist. Inwiefern gehört es ihr, inwiefern nicht allein? Verstehen ist, was es auch sonst sein möge, jedenfalls ein Erkennen. Nach der logischen und erkenntnistheoretischen Seite wird also zunächst das Verstehen die  Philosophie  zu interessieren haben. Sie wird wie die Voraussetzungen, so auch die Auswirkungen des Verstehens betrachten: über seine geschichtsphilosophisch-ethische Relevanz nachdenken. Schließlich wird sie vielleicht eine metaphysische Begründung suchen. - In der Durchleuchtung des Verstehens prozesses  bietet sich ihr eine Hilfe dar. Wie gestaltet sich das Verstehen als Vorgang in der Seele, so fragt die  Psychologie,  der neben dem Verstehensakt selbst seine Rolle im Gesamthaushalt der Seele zu denken geben wird. Sie untersucht die Entwicklung des Menschen, eines Menschentypus, einer Individualität, um zu erforschen, wie sich die Fähigkeit zum Verstehen bildete und in der Erfahrung des Lebens vertieft. Ihr großes Thema ist durch einen besonderen  Objekt bereich des Verstehens gegeben: die menschliche Seele. Wie, wieweit vermögen wir diese zu verstehen, fragt die Psychologie. Das Verstehen ist, sahen wir, eine soziale Tatsache. Daß Menschen sich verstehen, mißverstehen und nicht verstehen, daß das Verständnis geistiger Werke vielfach bedingt ist durch die gesellschaftliche Organisation, sind Erscheinungen, die die  Soziologie des Verstehens  interessieren. Wenn wir weiter hervorheben, daß ein unermeßlich weites Reich von Aufgaben dem Verstehen in den Äußerungen des menschlichen Geistes zufalle, in seinen Werken und Hervorbringungen, so fügen wir hier hinzu, daß damit dem Verstehen eine entscheidende Bedeutsamkeit für alle  Geschichte  zufällt: verstehend sucht diese ja die Vergangenheit und ihre Produkte zu erfassen. Forschend zu verstehen, ist nach einem unserer großen Historiker, DROYSEN, die Methode der geschichtlichen Forschung. Tausend Fragen ergeben sich daraus nach den Voraussetzungen, Bedingungen und Grenzen des  historischen  Verstehens. In jeder der geschichtlichen Einzeldisziplinen erneuern sie sich, modifizieren sie sich nach der Natur des Gegenstandes, auf den das historische Verstehen zielt: das Verständnis von Kunstwerken - die Aufgabe von Archäologie, Literatur-, Kunst- und Musikgeschichte, - von rechtlichen Bestimmungen - das Anliegen der Rechts- und Verfassungsgeschichte, - von wirtschaftlichen Ordnungen, die Bemühung der Wirtschafts- und Sozialgeschichte - von institutioneller Religion - das Werk der Kirchen- und Religionsgeschichte - erhält seinen besonderen Charakter durch  die Natur des Gegenstandes,  die jeweils vorliegende Ausdrucksform des menschlichen Geistes. So bleibt, sehen wir, das Verstehen nicht nur ein philosophisches Problem ...

Nicht nur den Menschen suchen wir zu verstehen, sondern alles, was von ihm ausgeht. Wir gedachten schon der Mannigfaltigkeit der Ausdrucksmittel, die ihm zur Verfügung stehen. Keines ist wichtiger als die  Sprache.  Wie sie im unmittelbaren Verkehr von Mensch zu Mensch das bedeutsamste Vehikel der Verständigung ist, so wird sie zum geschicktesten, treuesten und dauerndsten Medium der Mitteilung, die nun über Zeit und Raum hinwegreichen wird. Jemanden verstehen heißt jetzt: seine Sprache verstehen. Vor diesem Ausdrucksmittel treten alle übrigen zurück. Was es vor allem auszeichnet, das ist die Möglichkeit der Fixierung: in der  Schrift Durch sie wird erst recht eigentlich für das Verstehen die Gegenwart überwunden. Wenn so dem Verstehen auf der einen Seite durch die Sprache eine wunderbare Förderung und Vertiefung gewährleistet erscheinen muß, läßt sich unschwer erkennen, daß mir ihr und durch sie neue, gewaltige Schwierigkeiten geschaffen werden, die alles Verstehen erschweren müssen. Empirisch ist die Sprache nur in einer Mannigfaltigkeit von Sprachen gegeben, der eine Vielheit von Schriften entspricht. Das unmittelbare Einanderverstehen der Menschen, mittels des Wortes, erscheint dadurch unermeßlich erschwert. Es bedarf einer bedeutenden geistigen Leistung, die von jedem einzelnen wiederholt werden muß, sich das Verständnis einer fremden Zunge zu erobern.

Eine mächtige Wissenschaft ist darüber entstanden, die  Philologie,  die sich eine theoretische Spitze in der Sprachwissenschaft und Philosophie geschaffen hat. Unermeßlich ist dem Verstehen der Vergangenheit und der Ferne im Lauf der abendländischen Geschichtsentwicklung durch diese Wissenschaft der Horizont geweitet worden. Nahezu alles Wissen um das Wesen und die Geschicke fremder Völker, das, vor allem in der Neuzeit, die europäische Menschheit gesammelt, ist uns durch sie vermittelt worden. Wie für die Geschichte überhaupt, so wurde die Philologie für alle ihren einzelnen Zweige die Wegbereiterin. In einem eminenten Sinn wurde das Verstehen zur Aufgabe dieser Wissenschaft. In ihr hat der Gedanke eines  geregelten  Verstehens Gestalt gewonnen. Sie, die die Schwierigkeiten, die dem Verstehen entgegenstanden, gleichsam konzentriert vorfand, hat das Werk, sie zu überwinden, systematisch in Angriff genommen. - Der Gedanke, das Verstehen von Sprachwerken zu einem gültigen, notwendigen zu machen, mußte dazu führen, die Arten des Verstehens genauer zu untersuchen.  Auslegung,  Interpretation, nennt man das an Regeln gebundene Verstehen und Verständlichmachen von dauernd fixierten Lebensäußerungen. Zu diesen gehören Schriftwerke sogut wie Monumente oder Kunstgebilde jeglicher Art, kurz jede Art geistiger Objektivation. Für jede Kategorie derselben wurde dann auch im Laufe der Zeit ein Regelsystem entwickelt, nach dem das Verständnis der Zeichen vor sich zu gehen hatte. Die Philologie ist nur eines, allerdings eines der glänzendst ausgebildeten Systeme der Auslegung. Es sind vor allem  drei Gruppen von Äußerungen  des menschlichen Geistes gewesen, deren Verständnis man systematisch bis ins Einzelnste auszubilden getrachtet hat. Das sind einmal die  Werke der Dichter und der bildenden Kunst,  es sind weiter die  Gesetzesurkunden  und es sind drittens die  heiligen Schriften  der Völker. In allen drei Fällen war es das praktische Interesse, das für alle Auslegung maßgebend war. In allen drei Sphären entwickelte schon das Altertum, entwickelte der Orient, entwickelt die Neuzeit ganze Sammlungen von Regeln der Interpretaion, die, mit allem Aufwand von Scharfsinn und Tiefsinn, von Kühnheit und Weisheit, deren der menschliche Geist fähig ist, erdacht, das Verstehen der Texte, auf das soviel ankam, ermöglichen und sichern sollen. Vielleicht ist auf kein anderes geistiges Gebiet eine solche Füllen von Geist verwendet und - verschwendet worden. Die  Kritik  entstand aus dem Bedürfnis in der Überlieferung das Echte, auf das es ankam, vom Unechten, den späteren Zusatz vom früheren Text zu scheiden. Was aber für uns das Wichtige ist, es entstand eine Theorie. Die  Theorie des Verstehens,  die davon handelte, wie auszulegen sei: also nicht mehr nur die Interpretation dieses oder jenes Werkes durchzuführen interessierte den Forschergeist, sondern man begann den Regelhaufen systematisch zu gliedern und durchzuarbeiten, systematisch nachzudenken, wie zu verstehen sei. Es ist nun an dem, daß verhältnismäßig am wenigsten auf den erwähnten drei Gebieten vom Auslegen der  Gesetze  für die Theorie geleistet worden ist. Über den Grund wird sofort eine Vermutung auszusprechen sein. Mehr haben jene Bemühungen zur Bereicherung der Theorie beigetragen, die der Auslegung  dichterischer  Werke gewidmet wurden. Wissenschaften wie Poetik und Rhetorik sollten für die Theorie der Auslegung von nicht zu unterschätzender Bedeutung werden. Weitaus am reichsten aber gestalteten sich die Beiträge, die die Beschäftigung mit den  religiösen  Urkunden für die Theorie des Verstehens abwarf. Ja, man darf sagen, daß diese aus jener recht eigentlich hervorgegangen ist. Die Theologien fast aller Buchreligionen haben Interpretationsregeln und Regelsysteme aufgestellt (1), allen voran die christliche, deren Geschichte daher mit der Geschichte des Verstehensproblems so eng verbunden ist.

Für die sich ausbildende Aufstellung von Regeln der Auslegung gleich welcher Schriftwerke, mußte von vornherein eine außerordentliche Schwierigkeit bestehen. Es ist nämlich schon früh erkannt worden, daß im Verstehen, wo und an welchem Gegenstand es auch geübt werden möge, im kunstmäßigen ebenso wie im kunstlosen, dem alltäglichen sozusagen, wo es besonders hervortrat, ein Moment wirksam war, das sich schlechterdings aller Regelgebung zu entziehen schien. Wir sind gewohnt, dieses Moment als die  natürliche Genialität des Verstehens  in Rechnung zu setzen. Genau so nun, wie man heute noch über das  Maß  streitet, in dem dieser Faktor in die Rechnung einzusetzen ist, die eine Theorie des Verstehens darstellt, mußte ehedem, als so manche inzwischen durch unendliche Diskussionen einigermaßen geklärte Fragen noch dunkel erschienen, in dieser Erscheinung ein die gesamte Unternehmung einer Regulierung des Verstehens bedrohender Faktor gesehen werden. Jedes der genannten Gebiete von Äußerungen des menschlichen Geistes hatte für die Auslegung seine eigentümlichen  Schwierigkeiten,  die zum Teil im  Wesen  jener Gebilde,' also von Sprache, Recht, von Kunst, von Religion  überhaupt  liegen, zum Teil entweder im  Wesen der Objektivierung  und Fixierung überhaupt oder der rechtlichen, religiösen usw. im besonderen, drittens aber in den historischen  Umständen  liegen konnten. So ergibt sich beispielsweise für die Auslegung der  Pandekten  neben Schwierigkeiten der ersten und zweiten Ordnung die Aufgabe, den Sinn zu bestimmen, in dem die Rechtsbücher von ihren ursprünglichen Verfassern niedergeschrieben worden sind, sodann die Modifikationen durch die Kodifikation festzustellen. Man hat über die ursprüngliche Natur der einzelnen Stücke (Exzerpte, Dekrete usw.) Untersuchungen anzustellen usw. Aus der Tatsache - und diese gehört zur zweiten Ordnung von Schwierigkeiten -, daß die Rechtssätze schriftlich in Worten einer bestimmten Sprache niedergelegt sind, ergibt sich die Notwendigkeit einer grammatischen Auslegung, auf der sich dann die sogenannte logische, die des Sinnes aufbaut. Sie hat wie jede Interpretationsart und -stufe ihre Voraussetzungen und Bedingungen. Eine Parallele bieten die Schriften des Alten und Neuen Testaments. Sie sind in einem bestimmten Zeitraum, an bestimmten Orten, unter bestimmten Verhältnissen, zu bestimmten Zwecken verfaßt worden: Schwierigkeiten der dritten Kategorie ergeben sich daraus für das Verstehen. Es handelt sich um Schriftwerke in einer ganz bestimmten Sprache, die eine genaue grammatische Analyse erfordern. Schließlich aber gilt es zu berücksichtigen, daß es sich um Schriften eines spezifisch religiösen Inhalts handelt, eine Tatsache, aus der bestimmte Voraussetzungen und Bedingungen für den Interpreten folgen.

Die Theorie der Hermeneutik hat darum zeitenweise optimistisch über die Möglichkeit einer über das Spezielle hinausgehenden  allgemeinen  Verstehenslehre gedacht, übrigens dann gelegentlich das Spezifische nicht genügend berücksichtigt und die Eigenart der  Gleichförmigkeit  aufgeopfert, zeitenweise aber solche Versuche vollständig aufgegeben, weil in einer über speziellste Kunstlehre hinausgehenden theoretischen Besinnung alsbald eine unerlaubte Verallgemeinerung gesehen wurde.

Wir wissen heute, daß das Speziellste neben dem Allgemeinsten seinen Platz hat: daß die Theorie des Verstehens die Besonderheit der Aufgabe einer Interpretation des LUKAS-Evangeliums ebenso deutlich sehen und ihr gerecht zu werden vermag wie ihrer Aufgabe über das Wesen des Verstehens, im allgemeinen und im bsonderen, nachzusinnen. Sie soll nicht dazu verurteilt werden, einige leere, ganz abstrakte Sätze zu formulieren, die auf alles passen und auf nichts, sie soll gerade ins Speziellste hinuntersteigen, aber sie soll nicht in ihm versinken, sondern ein großer  systematisch geordneter und gegliederter Zusammenhang und Aufbau  werden. Dazu wollen auch wir hier beitragen. -

Man hat in der Theorie der Auslegung  niedere  und  höhere  Interpretation unterschieden. Das sind zunächst ganz wertfreie Bezeichnungen. Gemeint ist das  Wortverständnis gegenüber dem "geistigen", wie wir einmal ganz allgemeine sagen wollen. Auch hier haben die verschiedenen Zeiten verschieden über das gegenseitige Verhältnis und über die Bedeutung und den Wert beider Verstehensweisen gedacht. Beide mußten erst überhaupt erobert und in ihrer Eigenart erkannt werden. So selbstverständlich es erscheinen mag, daß beide sich bedingen, in der Tat haben sich praktisch und ausdrücklich theoretisch beide gegenseitig gelegentlich das Daseinsrecht abgesprochen, jedesmal zum Nachteil der Sache. (2) Die Geschichte der hermeneutischen Theorien muß feststellen, daß von den Theoretikern der Auslegung hier auch gefehlt worden ist, insofern sie die feinsten Untersuchungen über die Arten der Interpretation anstellten und eine größere oder kleinere Anzahl beschrieben, aber über das gegenseitige Verhältnis derselben in bezug auf Wert und Bedeutung äußerten sich die meisten wenig oder zwiespältig. Ich möchte in diesem Zusammenhang ausdrücklich betonen, daß ich hier alle Alternativen für verwerflich halte. Eine der vornehmsten Aufgaben der Theorie des Verstehens muß vielmehr darin gesehen werden, das  Verhältnis richtig  zu  bestimmen.  Die  Geschichte  der Theorie hat zu versuchen dogmengeschichtlich die Anschauungen der einzelnen Forscher und Forschungsrichtungen im Lauf der Zeiten darüber ins Licht zu stellen, wie die Geschichte der Exegese die praktische Gestaltung in den verschiedenen Epochen darzustellen hat. Wenn im folgenden in der Darstellung hermeneutischer Theorien hauptsächlich die Lehrmeinungen und Sätze zur sogenannten höheren Interpretation berücksichtigt werden, so ist der Grund dafür kein anderer als der, daß in ihnen der jeweilige Standpunkt in seiner geistesgeschichtlichen und systematischen Besonderheit besser zum Ausdruck kommt als in Fragen und Problemen der formal-technischen (grammatischen usw.) Auslegung z. B. im einzelnen, ganz abgesehen davon, da hier der consensus sehr viel größer ist, uns aber gerade das Auf und Ab der Lehrmeinungen, ihre bewegte Geschichte interessiert.

Es wird nach dem Vorgesagten ohne weiteres einleuchten, daß und warum eine historische Untersuchung des Verstehensproblems besonders stark den Beitrag zur berücksichtigen haben wird, den die  Theologie  zur Lehre von der Interpretation geliefert hat. Eine Jahrhunderte lange Arbeit ist von ihr auf diesem Gebiet geleistet worden. Es ist nur ein Beweis für die enorme Schwierigkeit der Probleme, wenn sie auch heute noch, weit entfernt Endgültiges festsetzen zu können, wenn sie heute wieder mit neuer Lebendigkeit die Lösung einiger Grundfragen einer Revision zu unterwerfen im Begriff steht. Daß sie sehr eng mit der  Philologie,  deren Wesen und Aufgabe wir uns vorhin ganz kurz verdeutlichten, zusammengehört, ist fraglos. Die Geschichte der theologischen Interpretationi ist unauflöslich mit der der philologischen Arbeiten und Entdeckungen verbunden. Gerade aber die Frage, wie theoretisch das Verhältnis beider zu denken ist und zwar für die Theorie der Auslegung, diese Frage beschäftigt heute wieder besonders stark die Geister, nachdem die Lösung, die zu Ende des 18. Jahrhunderts gefunden und im Verlauf des 19. durchzuführen gesucht worden ist, heute viele nicht mehr befriedigen will. Eine Krisis innerhalb der Philologie selbst dazu kommt dazu, die übrigens ganz von selbst ein stärkeres Interesse an den prinzipiellen Problemen der Wissenschaft, also besonders dem Verstehen gebracht hat, dessen Aufgaben man neu zu bestimmen sich bemüht. In der noch immer führenden Philologie, der klassischen Altertumswissenschaft macht sich, wohl nicht zufällig, dabei eine starke Hinneigung zu den Anschauungen des größten Systematikers bemerkbar, den die Geschichte der Verstehenstheorie aufzuweisen hat, zu AUGUST BOECKH. An verwandte Bestrebungen besonders im Bereich der romanischen Philologie darf erinnert werden. In ihr und in der indogermanischen Sprachforschung kommt dabei eine starke Wendung zu der Auffassung zum Ausdruck, die WILHELM von HUMBOLDT in einem unerschöpflich reichen Schrifttum niedergelegt hat, in dem er immer wieder das Verständnis des Menschen und seiner geistigen Schöpfungen zu vertiefen gesucht hat.

Das alles sind  historische  Betrachtungen, aber die Besinnung über die Entwicklung, die die Dinge nun einmal genommen haben, ist wichtig, um die Gegenwartslage zu verstehen. Wir glauben nicht, daß es möglich wäre, über das Verstehen Wesentliches zu sagen, wenn man nicht weiß, erstens wie es geübt worden ist, zweitens aber wie man über seine Natur und seine Aufgaben, seine Bedingungen und seine Grenzen gedacht hat. Das Problem des Verstehens ist so recht ein Grenzproblem, ein Problem der Mitte. Es a priori lösen zu wollen, mag verlockend sein, ist aber wenig aussichtsreich. Das Verstehen ist eben, wie wir zu zeigen suchten, nicht  nur  ein philosophisches Problem, obgleich es das  auch  ist. Leicht sind die zu befriedigen, denen es auf den praktischen Nutzen ankommt, die lernen wollen, wie man gründlich, richtig, umfassend versteht, sei es Menschen, Zeiten, Vorgänge oder Werke des menschlichen Geistes. Die unendliche Quelle, die sie speist, ist die Empirie. Dort hat man die Technik zu erlernen. Aber über das Technisch-Methodische hinaus wollen wir uns heute eben doch wieder mit den Fragen beschäftigen, die darüber hinausführen: Wesen, Arten, Grenzen, Ziel und Sinn des Verstehens sollen erforscht werden. Was im Menschen vorgeht, wenn er sich verstehend einer Erscheinung der Welt gegenüber verhält, welche Funktion dem Verstehen in der Entwicklung einer Einzelpersönlichkeit oder einer größeren Gemeinschaft zukommt, wie sich der Aufbau vollzieht, in dem wir "verstehen", wieweit und wietief ein Verständnis reichen kann und von welchen Bedingungen es jeweils abhängig sein wird, danach hören wir fragen. Alle diese Fragen und viele andere mehr müssen den Philosophen beschäftigen - aber er wird sie allein nicht lösen können. Alle die werden helfen müssen, die ex officio "verstehen". Sie werden helfen all das aufzuklären, was auf der Subjekt- und auf der Objektseite - um uns hier dieses schulmäßigen Ausdrucks zu bedienen - das Verstehen bedingt und modifiziert und dabei wird sich zeigen, daß es keine Geisteswissenschaft gibt, die zur Seite stehen darf. A priori kann man nicht konstruieren, was "Verstehen" heißt. Um das im vollen Sinn zu erkennen, muß man auf die großen Leistungen blicken, in denen der menschliche Geist um ein Verständnis gerungen hat: Werke, in denen die Vergangenheit zu verstehen gesucht wird: die Geschicke von Völkern und Kulturen, das Leben und die Bedeutung einzelner großer Naturen, die Entwicklung sprachlicher Formen, rechtlicher Vorschriften, künstlerischen Stils, Werke, in denen die Gegenwart zu verstehen gesucht wird nach ihrem Geist und bis in jede einzelne Erscheinung, in der sie lebendig ist. Man hat nie darauf gesehen, daß wir Zukünftiges niemals "verstehen" können: ein bedeutsamer Hinweis zur Theorie. Auf solche Leistungen muß man sehen, aber man muß auch achten auf die Gedanken, die von den Meistern des Verstehens ausgesprochen worden sind über die Natur dieses Verhaltens. Nicht die Regeln, wie man es machen soll, allein sind das Wichtige, sondern ihre Reflexionen über Natur und Ziel allen Verstehens sollten beachtet werden. Das sind die Bausteine für eine systematische Theorie des Verstehens. So haben  wir  uns hier unser bescheidenes Ziel gesetzt: eine Anzahl solcher Gedanken geistesmächtiger Männer über das Verstehen zu sammeln und wiederzugeben.  Nicht ihre Praxis wollen wir diesmal untersuchen, sondern die Theorie interessiert uns.  Theorie nämlich, um das heute wieder einmal auszusprechen, ist nicht nur um der Praxis willen da, sondern trägt ihren Wert in sich. Davon wird man allerdings jemanden, der das nicht zugeben will, schwer überzeugen können.

Um schließlich noch einmal ganz ausdrücklich zu sagen, was eine Theorie des Verstehens eigentlich soll und will, möchte ich im Sinne ihres unvergeßlichen Förderers und Vorkämpfers, des Philosophen WILHELM DILTHEY, darauf hinweise, daß sie  das gegebene Zwischenglied zwischen der Arbeit der einzelnen Geisteswissenschaften und der Philosophie  ist, einer der Pfeiler ihrer Grundlegung.
QUELLE - Joachim Wach, Das Verstehen [Grundzüge einer Geschichte der hermeneutischen Theorie im 19. Jahrhundert], Tübingen 1926
    Anmerkungen
    1) Es würde eine ganz außerordentlich lohnende und interessante religionsgeschichtliche und -systematische Arbeit sein, die exegetischen Prinzipien und die hermeneutischen Grundsätze (also  Praxis und Theorie  des Verstehens der heiligen Schriften) der verschiedenen Religionen zu vergleichen. Zu ersterer Aufgabe sind nur Ansätze, zur letzteren kaum einmal solche vorhanden. (Eine Voraussetzung dazu ist, nicht Exegese und Hermeneutik zu verwechseln, was gern geschieht.)
    2) Vor allem in der philologischen Theorie wurde und wird da viel gekämpft, kaum weniger in der theologischen. Am wenigsten ist die juristische Hermeneutik durch einen solchen Streit beunruhigt worden. Hier hat die grammatische Auslegung ihre bescheidene, aber feste Stellung.