tb-1cr-2Volkelt - ErkenntnistheorieLeonard NelsonErfahrung und Denken    
 
JOHANNES VOLKELT
Über die logischen Schwierigkeiten
in der einfachsten Form der Begriffsbildung


"Der Begriff ist für uns ein logisches Ideal, das wir nur andeutungsweise zu erfüllen vermögen."

"Unsere Erörterung hat uns gezeigt, daß der Begriff - und zwar rein logisch betrachtet - keine geschlossene Vorstellung, sondern die Andeutung und Abbreviatur eines für uns unvollziehbaren logischen Aktes ist."


Bis zu welcher Tiefe und Strenge man auch die Bedeutung des Begriffes im logischen Sinne entwickelt zu sehen wünschen mag, so wird man es doch keinesfalls als unrichtig bezeichnen dürfen, wenn der Logiker von der einfachen, weiten und allbekannten Bestimmung den Ausgang nimmt, daß der Begriff etwas vielem Einzelnen  Gemeinsames  zusammenfasse. Freilich wird man bei dieser Bestimmung nicht stehen bleiben dürfen. Denn versteht man unter Begriff nichts anderes, als das Denken gemeinsamer Merkmale, so können die Vorstellungen "blaues Glas", "rauchiges Zimmer", "holpriger Vers" und dergleichen, falls ihnen eine Mehrheit entsprechender Einzelanschauungen zugrunde liegt, den gleichen Anspruch auf den Namen Begriff erheben, wie etwa die Vorstellung mit dem Inhalt "Figur von drei geraden Linien begrenzt" oder "sinnlich-vernünftiges Wesen" und dgl. Und doch kommt unstreitig den zuletzt genannten Vorstellungen ein wesentlich anderer und ungleich größerer logischer Wert zu. Es wird daher Aufgabe der Logik sein, zu untersuchen, welche bestimmteren und bedeutungsvolleren logischen Forderungen sich an jene ganz allgemeine, allen beliebigen Möglichkeiten Spielraum lassende logische Nötigung, die Einzelvorstellungen nach ihren gemeinsamen Merkmalen zusammenzufassen, mit unabweisbarer Notwendigkeit knüpfen; sie wird die auf das Gemeinsame im weitesten Sinne sich beziehende Einigung der Vorstellungen in eine strengere, logisch wertvollere Bindung derselben umzuprägen haben, wobei jene laxere Einigung als erste Stufe des Begriffs bestehen bleibt.

Gegen die Bestimmung des Begriffs als der Zusammenfassung des Gemeinsamen hat man viele Bedenken erhoben. Wird freilich der Begriff, wie das z. B. bei DROBISCH der Fall ist (Logik, 4. Auflage, § 18f), über diese Auffassung nicht wesentlich hinausgeführt, so sind solche Bedenken nur zu begründet. Dagegen wüßte ich nicht, was sich Erhebliches gegen jene Bestimmung einwenden ließe, wenn man ihr lediglich die Geltung einer ersten, noch ganz abstrakten und daher zu überschreitenden Stufe zuerkennt. Dabei kommt es nicht darauf an, ob man, wie ÜBERWEG es tut (Logik, 3. Auflage § 51), das Reflektieren auf die gemeinsamen oder gleichartigen Merkmale noch nicht als Begriff, sondern erst als "allgemeine Vorstellung", "Gemeinbild" und dgl. bezeichnen und den Ausdruck "Begriff" für die Vorstellung der wesentlichen Gattungsmerkmale aufsparen will. Diese Frage betrifft nur die sprachliche Benennung.

Die Logik hat zu unumgänglichen Voraussetzung, daß man die  logische  oder  denknotwendige  Verknüpfung der Vorstellungen' als eine absolute Forderung anerkenne. Ohne diese Voraussetzung kann die Logik, was ich hier freilich nicht dartun kann, auch nicht den kleinsten Schritt tun. In der Lehre vom Begriff nun wird sie zu zeigen haben, daß die logische Verknüpfung der Vorstellungen nur unter der Bedingung, daß diese den Charakter des  Allgemeinen  tragen, möglich sei, und daß daher die logisch unabweisbare Forderung bestehe, die Vorstellungen auf die Stufe des Allgemeinen, d. h. der Begriffe zu heben; das erste Stadium nun in der Erfüllung dieser Forderung sei die Zusammenfassung der  gemeinsamen  Merkmale im weitesten Sinn des Wortes.

Nur auf einen der neuesten Bekämpfer dieser Bestimmung des Begriffs will ich hinweisen: auf SIGWART. Er wendet ein, daß, wenn die Begriffe durch eine Sonderung der gemeinsamen Merkmale der Objekte von den sie unterscheidenden Merkmalen und durch die Zusammenfassung jener zur Einheit entstünden, hierzu selbst schon Begriffe nötig wären; denn wer ein Objekt überhaupt in seine Merkmale auflösen wolle, müssen doch  urteilen;  im Urteilen aber seien stets Begriffe enthalten (Logik I, Seite 273f). Indessen verschwindet dieser scharfsinnige Einwand, wenn man das Werden des Begriffs unbefangen psychologisch betrachtet. Erstlich geschieht es in der Seele  ganz unwillkürlich,  daß ähnliche Vorstellungen in ihren gemeinsamen Merkmalen in gewisser Weise zusammengehen, sich uns als relativ gleich kund tun und so zu beweglichen, schwankenden Vorstellungsschemata zusammenrinnen. Es ist für uns einerlei, aus welchen Funktionen der Seele man diesen Vorgang ableitet; genug, es ist klar, daß für diese schon in der frühesten Kindheit beginnende unwillkürliche Vereinheitlichung der Vorstellungen nach ihren gemeinsamen Merkmalen kein Operieren mit Begriffen nötig ist. Sind nun einmal diese Vorstellungsschemata gebildet, dann bedarf es nur, wenn hieraus Begriffe entstehen sollen, einer gewissen geschärften, bewußten  Einheitsfunktion  der Seele. Die gemeinsamen Merkmale, die schon in den Vorstellungsschemata zu einer ungefähren Einheit zusammengegangen sind, werden uns dadurch  als gemeinsame Merkmale,  d. h. in ihrer die entsprechenden Objekte einigenden Funktion  ausdrücklich bewußt,  wodurch es sofort zu einer schärferen und sichereren Fixierung des Gemeinsamen kommen muß. Ohne die Betätigung einer solchen der Seele ursprünglich innewohnenden Funktion der Einigung wird sich die Sonderung und Zusammenfassung der gemeinsamen Merkmale allerdings nicht begreifen lassen; ja selbst beim Entstehen jener Vorstellungsschemata ist die einigende Tätigkeit der Seele unbewußt beteiligt. Doch ist diese Einheitsfunktion durchaus noch kein fertiger Begriff, so daß der von SIGWART gerügte Zirkel in der Definition des Begriffs keineswegs vorhanden ist. (1)

Nebenbei sei hier bemerkt, daß diejenigen, welche die Mitwirkung einer Seele innewohnenden einigenden Tätigkeit bei der Bildung des Begriffes leugnen, eine große Unbesonnenheit begehen. Der Sensualismus hält es für selbstverständlich, daß das Nebeneinanderbestehen oder Aufeianderfolgen von Vorstellungen als solches schon zugleich ihr  Füreinandersein,  ihr Aufeinander-bezogen-werden, ihr Zusammentreffen in einem ideellen bewußten Einheitspunkt in sich enthalte oder aus sich erzeugen könne. Und doch würden die Vorstellungen in alle Ewigkeit sozusagen voneinander getrennte ideelle Atome bleiben, wenn nicht eine ideelle Einigungsfunktion da wäre, die sie  für einander  bewußt, sich  gegenseitig  durchsichtig machte und so in eine bewußte Einheit zusammengehen ließe. Sonst würden ja die Vorstellungen nebeneinander hin- und hertaumelt, ohne daß die eine von der anderen etwas wüßte.

WUNDT stellt die Ansicht auf, daß es hauptsächlich die konstanten Bewegungsempfindungen und die gleichfalls konstanten Gemeingefühle seien, woraus das Selbstbewußtsein entspringe (Psychologie, Seite 716). Allein es fragt sich, woher es komme, daß wir dieser Empfindungen in der Form des  Konstanten  inne werden und warum nicht vielmehr ein jedes der Empfindungselemente, aus denen sie sich sukzessive zusammensetzen, mit diskreter Bewußtheit ausgestattet sei. Und die Berufung auf die einheitliche Verbindung der verschiedenen Nervenorgane (Psychologie, Seite 715) ist doch wohl eine allzuschwache Stütze für die Konzentration der Empfindungen auf einen ideellen Punkt, als daß sie einer ernsthaften Widerlegung bedürfte.

Ist nun also schon zu diesem Zweck des einfachen bewußten Zusammenbringens der Vorstellungen ein ideeller aktiver Einheitspunkt nötig, um wieviel dringender wird diese Forderung, wenn es sich um das Zustandekommen einer viel komplizierteren und eigentümlicheren Einheit, der Einheit des Begriffes, handelt!

Ich komme nun wieder auf meinen Gegenstand zurück und gehe, wie gesagt, davon aus, daß der Begriff zunächst in der Aussonderung und Zusammenfassung des Gemeinsamen in den Vorstellungen bestehe. Und ich habe überhaupt nicht die Absicht, in diesem Aufsatz über diese primitive Gestalt des Begriffs hinauszugehen. Es erheben sich nämlich gleich auf dieser einfachsten Stufe soviele Schwierigkeiten und zwar nicht nur in psychologischer, sondern auch - und dies wird uns hier vor allem beschäftigen - in logischer Beziehung, daß es wohl lohnt, diese vielfach mißachtete Bestimmung des Begriffs aufmerksam zu betrachten.

Man sagt gewöhnlich, daß die Begriffe durch "Abstraktion" gebildet werden, d. h. durch Absonderung, Fortlassung der nicht gemeinsamen Merkmale. Demnach würde man im Begriff  ausschließlich  die gemeinsamen Merkmale denken. So stellt z. B. DROBISCH die Sache dar (Logik, §18f); und auch ÜBERWEG läßt den Begriff, wiewohl er ihn in anderer Beziehung weit über die Bestimmungen der herkömmlichen Logik hinausführt, durch "Reflexion auf die gleichartigen und Abstraktion von den ungleichartigen Merkmalen" entstehen (Logik, §51). Indessen ist doch leicht einzusehen, daß hiermit etwas nicht etwa bloß Unvollständiges, sondern  logisch Unmögliches  gefordert ist.

Soviel ist freilich klar, daß beim Denken eines Begriffs (z. B. der Bewegung)  in ausdrücklicher Bestimmtheit  weder an ein einzelnes, noch an mehrere, noch auch an alle unterscheidenden Merkmale gedacht werden darf. Das  Ziel  des Vorstellens darf, wenn dabei ein Begriff herauskommen soll, nicht in den unterscheidenden Merkmalen liegen. Sobald ich mir die Bewegung  ausdrücklich  als einen gewissen Grad von Geschwindigkeit besitzend oder als geradlinig oder als teils geradlinig, teils krummlinig vorstelle, habe ich jener unumstößlichen Hauptforderung, die Vorstellungen auf die Stufe des Allgemeinen zu erheben, nicht Genüge geleistet. Doch wenn auch nicht ausdrücklich an die unterscheidenden Merkmale gedacht werden darf, so dürfen sie doch auch nicht geradezu fortgelassen werden. Die gemeinsamen Merkmale als solche, d. h. absolut getrennt von aller Beziehung auf die unterscheidenden Merkmale, sind ein logisches Unding; sobald man sie ernstlich denken will, lösen sie sich auf in ein undenkbares Nichts. Das Gemeinsame erhält Sinn nur durch die mitgedachten Unterschiede, es hängt untrennbar an ihnen.

Hierauf wurde man schon öfters aufmerksam. FORTLAGE hält den seiner "beweglichen" Elemente entkleideten Begriff für eine Fiktion, für etwas, was sich im Prozeß unseres wirklichen Denkens niemals vollziehe. Im besten Fall sei der Begriff des Baumes, welcher weder Blätter hat, noch auch keine hat, welcher weder jung noch alt ist, ein "Fragezeichen", eine Art Hilfslinie der Logik (Psychologie I, Seite 131f). Und LOTZE sagt: zur Bestimmung des Metalls reiche offenbar nicht die Verneinung aus, es sei weder rot noch gelb noch weiß oder grau; ebenso unentbehrlich sei die Bejahung, daß es jedenfalls irgendeine Farbe habe; es habe zwar nicht dieses, nicht jenes spezifische Gewicht, aber seine Vorstellung würde entweder gar nichts bedeuten oder doch sicher nicht die des Metalles sein, wenn ihr jeder Gedanke an Gewicht überhaupt fehlte (Logik 1874, Seite 40). Wir müssen die Sache nur noch schärfer ausdrücken: es ist geradezu eine  logische Unmöglichkeit,  die gemeinsamen Merkmale "Figur von drei Geraden eingeschlossen" zu denken und dabei von Größe, Verhältnis der Seiten und Winkel zueinander und dgl. schlechtweg abzusehen. Was soll denn eine dreiseitige Figur sein, die ausdrücklich weder gleichseitig noch gleichschenklig noch ungleichseitig, weder rechtwinklig noch spitz- noch stumpfwinklig, weder groß noch klein ist? Diesen Gedanken streng zu vollziehen, ist nur dem Gedankenlosen möglich; wer bei jenen Worten das ihnen streng Entsprechende wirklich vorstellen will, mß finden, daß ihm zugemutet wird, eine logische Ungeheuerlichkeit vorzustellen. Einerseits besteht das absolute Verbot, das Verhältnis der drei Seiten zueinander usw. in den Begriff hereinzubeziehen und andererseits wird doch gefordert, drei Seiten zu einer Figur zusammenzufügen. Soll ich diese Forderung vollziehen, so habe ich es unmittelbar mit etwas zu tun, von dem das Bestehen in bestimmter Größe, in bestimmten Verhältnissen, mit bestimmten Winkeln  unabtrennbar  ist, und das abgesehen von diesem Verhältnis der Unabtrennbarkeit (und insofern der  Immanenz)  ein pures Nichts ist. VOLKMANN spricht in seiner Psychologie (II, Seite 239f) die präzise Forderung aus, daß, während das Gemeinbild in Bezug auf dasAnschauliche zwischen einem  Entweder-Oder  schwanke, der Begriff ein  Weder-Noch  darzustellen habe. Gerade dieses Weder-noch drückt jedoch die Unmöglichkeit der Abtrennung des Begriffs von den Einzelvorstellungen (der  Transzendenz  des Begriffs) mit besonderer Schärfe aus. Wie schon BERKELEY bemerkte, hört alles Denken auf, wenn wir z. B. die Vorstellung "Körper" fassen und dabei doch nichts von den Unterschieden des Festen, Flüssigen, Gasförmigen einmischen sollen. Die Begriffe müssen vielmehr das  Sowohl-Als auch  aller ihrer möglichen Besonderheiten in sich schließen. Der Gedanke des Allgemeinen wird für uns nur in seiner Unabtrennbarkeit vom Anschauen des Einzelnen logisch haltbar. In dieser Weise ist die HEGELsche Bestimmung von der Identität des Allgemeinen und Einzelnen umzugestalten.

So liegen demnach im Begriff die beiden logischen Forderungen: einerseits die unterscheidenden, individualisierenden (2) Merkmale nicht ausdrücklich, nicht in ihren bestimmten Unterschieden vorzustellen und sie andererseits doch auch nicht geradezu fortzulassen. Wie lassen sich beide Forderungen vereinigen?

Nur so, daß die unterscheidenden Merkmale mit den gemeinsamen  als mögliche  mitgedacht, als in diesen  implizit enthalten  vorgestellt werden. Weder eines, noch mehrere der unterscheidenden Merkmale dürfen in ihrer Bestimmtheit fixiert, bejaht, ausgezeichnet werden. Der Begriff muß jedes derselben als mitgedacht, jedoch zugleich als in seinem Fürsichbestehen, in seiner Bestimmtheit verneint, enthalten. Wenn irgendeines der unterscheidenden Merkmale (z. B. beim Dreiecksbegriff gleichschenklich oder stumpfwinklig) fehlte, so würden damit die übrigen in einer gewissen Bestimmtheit fixiert werden und es würde sonach nicht mehr das geleistet, was der Begriff vor allem fordert: daß nämlich nicht das Einzelne, sondern das Allgemeine gedacht werde. Der Gegenstand des Begriffs ist das Gemeinsame als solches, doch läßt sich dieses nur in und mit der Totalität der unterscheidenden, individualisierenden Merkmale,  jedoch als bloß möglicher,  denken. Natürlich dürfen, wenn dieser Akt vollzogen werden soll, die unterscheidenden Merkmale nicht in  sukzessiver  Vorstellung vor dem geistigen Auge vorüberschreiten. Wenn ich jetzt die Vorstellung des Spitzwinkligen, dann die des Rechtwinkligen und hierauf die des Stumpfwinkligen habe, so habe ich drei spezialisierte Dreiecksvorstellungen, nicht aber den  Begriff  "Dreieck". Werden die unterscheidenden Merkmale  sukzessiv  vorgestellt, so werden sie der Reihe nach in ihrer Bestimmtheit gesetzt und fixiert. Der Begriff aber fordert, daß, indem das Denken sie setzt, es sie zugleich in ihrem Gesetztwerden aufhebe und sie also nicht explizit vorstelle. Dies läßt sich offenbar nur so vollziehen, daß das Denken die Totalität der unterscheidenden Merkmale mit  einem  Schlag durchläuft, mit  einem  Blick überschaut. Nur ein  intuitiver Verstand  also kann die im Begriff liegende logische Fordrung erfüllen. Der Verstand muß, indem er die gemeinsamen, gleichartigen Merkmale denkt, ungetrennt davon und als implizit darin enthalten den Inbegriff der ins Besondere und Einzelne hinführenden Merkmale mit  einem  Schlag vorstellen. Das Denken muß zugleich schauend sein, sich sub specie aeternitatis [im Licht der Ewigkeit - wp] vollziehen.

So erhalten wir denn das bedeutsame Resultat, daß die primitivste Form des Begriffes in ihren Konsequenzen zur Forderung eines intuitiven Verstandes führt. Nur ein solcher ist imstande, die gemeinsamen Merkmale zu denken. Es bedarf keiner Begründung, daß wir hiermit zu einem Resultat gekommen sind, das, wiewohl logisch notwendig, uns doch nach seiner näheren Wesensbeschaffenheit  unbegreiflich  ist. Es ist dies ein Fall, der sehr häufig in der Philosophie vorkommt, sobald man die Energie hat, die Probleme wirklich bis zu Ende zu durchdenken. Die Lösung der Probleme wird in solchen Fällen nur darin bestehen können, daß zwar die Forderung ausgesprochen wird, daß zwei oder mehrere Bestimmungen in Zusammenhang und Einheit miteinander zu denken seien, daß jedoch ebenso sehr hervorgehoben wird, wie das Vollziehen dieser Forderung das beschränkte menschliche Denken zu Unbegreiflichkeiten und Widersprüchen hinführt. So müssen auch wir in unserem Fall aussprechen, daß uns einerseits die Nötigung des Denkens zwingt, den Begriff als eine untrennbare Einheit der gemeinsamen Merkmale und der implizit und der bloßen Möglichkeit nach darin enthaltenen Totalität der unterscheidenden Merkmale anzusehen und daß es uns doch andererseits unbegreiflich ist, wie sich dieses Ineinsschauen des Allgemeinen und der darin aufgehobenen unendlichen Totalität des Besonderen vollziehen soll.

Der intuitive Verstand enthält aber für uns nicht nur eine Fülle von Unbegreiflichkeiten, sondern das menschliche Denken besitzt auch faktisch keine derartige Fähigkeit. Und das ist für unseren Zweck noch wichtiger. Denn es heißt mit anderen Worten: der menschliche Verstand ist außer Stande, das, was der Begriff uns zu denken aufgibt, wirklich zu denken. Der Begriff ist für uns ein logisches Ideal, das wir nur andeutungsweise zu erfüllen vermögen. Es erhebt sich daher hier die Frage: bis zu welchem Grad ist das menschliche Denken imstande, sich diesem Ideal anzunähern? In welcher Weise vermag es, wenn es sein Höchstes leistet, jenen Forderungen nachzukommen? Welche Gestalt nimmt der absolute Begriff an mit Rücksicht auf die mit Schranken behaftete logische Nötigung des menschlichen Denkens? - Schon hier bemerke ich nachdrücklich, daß damit keineswegs gesagt ist, daß sich unser Denken, wenn es Begriffe bildet,  immer  in der nun zu erörternden größtmöglichen Weise dem Begriffsideal annähert. Wir werden vielmehr später sehen, daß dieses Maximum, das unserem Denken in der Begriffsbildung zugemutet werden kann, bei weitem nicht immer von ihm geleistet wird.

Die aufgeworfene Frage gehört nicht in die Psychologie, sondern in die Logik. Die Psychologie fragt: durch welche seelischen Prozesse entspringen die Begriffe? Hier dagegen handelt es sich um die Notwendigkeit des Denkens als solche, allerdings nicht um die absolut logische Notwendigkeit, sondern um die annähernde logische Notwendigkeit des endlichen menschlichen Denkens. Dies ist ein Gesichtspunkt, der in der Logik nicht außer Acht zu lassen sein wird.

Wie ich schon bemerkte, hat die gesamte Logik den Begriff der Denknotwendigkeit zu ihrer Voraussetzung. Indessen darf die Logik schon darum nicht einfach als eine Entwicklung der denknotwendigen Formen überhaupt bezeichnet werden, weil die logische Notwendigkeit des subjektiven menschlichen Denkens  nur annähernd  der absoluten Denknotwendigkeit entspricht, die ein absolut getreues Abbild der Notwendigkeit des Seienden ist. Die Logik wird daher genau auf diejenigen Punkte in den Formen des menschlichen Denkens zu achten haben, wo dasselbe sich dessen bewußt wir, daß es sich nicht in voller Übereinstimmung mit den Formen der absoluten Denknotwendigkeit oder der Seinsnotwendigkeit befindet. Es wird in der Logik überall darauf einzugehen sein, inwieweit die notwendigen Formen unseres Denken ein Abbild der Verhältnisse des objektiven Seins und inwiefern sie nur subjektive Mittel, Veranstaltungen, Aushilfen sind, um sich der Formen der absoluten Denknotwendigkeit oder des objektiven Seins annähernd zu bemächtigen.

Vor allem ist nun, wenn wir den subjektiven Repräsentanten des Begriffsideals zu bestimmen unternehmen, daran festzuhalten, daß, wie auch immer derselbe aussehen mag, er doch niemals in dem abstrakten, von allen unterscheidenden Merkmalen oder - was auf dasselbe hinausläuft - von allen Einzelvorstellungen gesonderten Denken der gemeinsamen Merkmale bestehen kann. Es gibt in unserem Denken keine abstrakten Begriffe in dem Seinn, daß dabei dei Einzelvorstellungen ganz fern blieben. Jeder Begriff kommt in uns nur durch beständige Beziehung auf die unterscheidenden Merkmale, auf die konkreten Einzelvorstellungen zustande. Jeder Begriff hat in diesem Sinne  anschaulich Hülle,  in der er lebt und von der er gesondert nicht bestehen kann. Unter dem Ausdruck "anschaulich" befasse ich hier nicht bloß das Räumlich, denn die Einelvorstellungen haben ja nicht immer ein Räumliches zum Gegenstand; sie können sich auch, wie beim Gehörsinn, bei den Zuständen des Fühlens usw., auf Unräumliches beziehen. Unter dem "Anschaulichen" ist also hier nur das Charakteristische der Einzelvorstellung überhaupt zu verstehen. Es ist ebenso unmöglich, den Begriff "Ton" zu bilden, ohne Beziehung auf die dem Phantasie-Hören vorschwebende Mannigfaltigkeit von einzelnen Tönen, als es unmöglich ist, den Begriff "Baum" in strener Absonderung von den unterscheidenden, individualisierenden Merkmalen zu denken. Und zwar ist das nicht etwa nur eine psychologische, sondern eine logische Unmöglichkeit. Wer die gemeinsamen Merkmale ohne die umspielende Hülle des Anschaulichen zu denken unternimmt, will etwas setzen und dabei doch zugleich die unumgängliche Bedingung seines Bestehens negieren. Es gibt daher auch keinen solchen Gegensatz, wie ihn z. B. WUNDT zwischen "Allgemeinvorstellungen" und "abstrakten Begriffen" annimmt (Psychologie, Seite 673). Jene nennt er mit Recht Schemata der Einzelvorstellungen", dagegen gibt es keine "abstrakten Begriffe" in seinem Sinne. Denn diese sollen "keine Allgemeinvorstellung zur Grundlage haben", also von den Einzelvorstellungen ganz losgelöst sind. Selbst Begriffe wie Werden, Ursache, Zweck und dgl. gewinnen nur dadurch Bedeutung für uns, daß die betreffenden Einzelvorstellung gleichsam den Schoß bilden, aus dem sie entspringen und zu dem sie sich stets in Beziehung erhalten. LOTZE deutet das in trefflicher Weise an. Er setzt auseinander, wie z. B. das Allgemeine der Farbe, des Tones nur so zu fassen sei, daß man sich anschauend auf die einzelnen Farben, Töne beziehe. Durch die Allgemeinbegriffe befehlen wird so sagt er, unserem Bewußtsein, die betreffenden Einzelvorstellungen zu bilden und zu vergleichen, in dieser Vergleichung aber das Gemeinsame ergreifen, das nach dem Zeugnis unserer Empfindung in ihnen enthalten ist, das jedoch durch keine Anstrengung des Denkens von dem, wodurch sie verschieden sind, sich wirklich ablösen läßt (Logik, Seite 30f). Und eine ähnliche Richtung haben die Erörterungen SCHLEIERMACHERs in seiner Dialektik § 110f. Er hebt hervor, daß die allgemeinen Begriffe, wenn sie wirklich gedacht werden, die einzelnen sinnlchen Vorstellunen, welche darunter subsumiert sind, in sich enthalten. - Wir werden später auf einen Punkt stoßen, der es in erster Linie begreiflich macht, wodurch die so verbreitete Täuschung entstehen konne, als ob der Begriff ganz abgetrennt von den Einzelvorstellungen gebildet würde.

Diese Gebundenheit unserer Begriffe an die Einzelvorstellungen ist kein Mangel; sie findet vielmehr gerade darum statt, weil das  Ideal  des Begriffs dieselbe Eigentümlichkeit enthält. Der Mangel liegt nur in der Art, wie unser menschliches Denken diese Gebundenheit zu vollziehen imstande ist. Allerdings gewinnt für unser Denken das Allgemeine, je mehr es zu den unterscheidenden Merkmalen in Beziehung gesetzt, je mehr es als Prinzip des Individuellen vorgestellt wird, an Deutlichkeit und Bestimmtheit. Doch aber sind wir außer Stande, im Individuellen das Allgemeine als solches zu fixieren, in den unterscheidenden Merkmalen das Allgemeine in seiner Reinheit und Bestimmtheit zu ergreifen. Wir wissen von früher her, daß das Allgemeine als solches, abgetrennt von den Einzelvorstellungen, ein Ungedanke ist. Allein auch in und mit den Einzelvorstellungen, als ihre Seele, als ihr Prinzip, kann das Allgemeine in seiner eigentümlichen Bestimmtheit nicht von uns erfaßt werden. Wäre es denn also überhaupt für uns unfassbar und hätten am Ende die extremen Nominalisten mit der Behauptung Recht, daß es auch im subjektiven Denken nichts Allgemeines gebe? So sagte HOBBES, daß das Allgemeine nicht nur nicht in rerum natura [der Natur der Dinge entsprechend, wp], sondern auch nicht als idea oder phantasma in uns existiere, daß dem Ausdruck "Tier" oder "Stein" in unserem Geist lediglich die Vorstellungen der einzelnen Tiere oder Steine entsprechen (De corpore Kap. 2, §9; Leviathan Kap.4). Und ähnlich besteht nach BERKELEY das Allgemeine nicht in der absoluten, positiven Natur oder Konzeption [Begriff] von irgendwas, sonder nur in der Beziehung einer Einzelvorstellung zu anderen; wir besitzen ausschließlich partikulare Ideen (Principles of Human Knowledge, Introduction § 15). Sicherlich hat diese Ansicht ihre Wurzel im Faktum, daß wir in keiner Weise das Allgemeine als solches in seiner Bestimmtheit und Eigentümlichkeit als Gegenstand unseres Denkens fixieren können; allein sie vergißt, daß, indem wir einen Begriff denken, wir zugleich die Einzelvorstellungen, an die er sich knüpft, in ihrer Bestimmtheit negieren. Wenn wir z. B. den Begriff "Mensch" oder "Dreieck" bilden, so schweben uns freilich, wenn auch noch so unbestimmt, lauter Einzelvorstellungen von Menschlichem, respektive Einzelbilder von Dreiecken vor, allein zugleich verknüpft sich damit das  Bewußtsein,  daß wir nicht diese Einzelvorstellungen und Einzelbilder meinen,' sondern das ihnen gemeinsam Zukommende. Wir haben das Bewußtsein, nicht diese vorschwebenden Einzelvorstellungen seien das, worauf es ankomme, sondern der Begriff bestehe in etwas anderem, in etwas, was in ihnen enthalten ist, das wir jedoch in seiner Reinheit und Eigentümlichkeit nicht erfassen können. Wenn ich einen Begriff bilde, muß es mir feststehen, daß gewisse Merkmale an den Einzelvorstellungen für den Begriff gleichgültig sind, dagegen andere Merkmale derselben den Charakter des Gemeinsamen tragen und daher in der Form des Allgemeinen gedacht werden sollen. Diese Aufgabe kann ich nun freilich nicht vollziehen, das Gemeinsame als solches zerfließt mir stets, wenn ich es erfassen will, in eine dunkle Mehrheit von Einzelvorstellungen; allein indem ich diese Aufgabe nicht vollziehen  kann,  sage ich mir doch, daß ich sie vollziehen  soll.  Ich weiß, daß gewisse an den Einzelbildern des Menschen oder des Dreiecks vorkommende Merkmale lediglich individuell, also als gleichgültig zu betrachten sind, andere dagegen als das in allen Unterschieden Identische, als das von ihnen Unberührte gesetzt werden müssen. Ich weiß also sehr bestimmt, in welcher Richtung mein Denken vorzugehen, welche Akte es vorzunehmen hat; ich kenne Ziel und Mittel genau, allein es ist mir geradezu unmöglich, diese genau gekannte Aufgabe zu vollziehen. Doch habe ich im Nichtvollziehenkönnen das  Vollziehensollen  als Ziel, als das, worin der Begriff bestehe, vor Augen.

Wir besitzen daher nicht bloß Einzelvorstellungen. Sonst würden wir ja nie überhaupt nur den Gedanken eines Gemeinsamen fassen, sondern einfach bei der Wahrnehmung stehen bleiben, daß sich ein gewisses Merkmal an dieser und an jener und an einer dritten Einzelvorstellung findet. Unser Denken negiert bei jeder Begriffsbildung die Einzelvorstellungen als solche, zielt auf das in ihnen Identische hin, faßt es mit seiner einigenden Kraft zusammen. In unserem Denken funktioniert daher eine über die Einzelvorstellungen übergreifende, einigende Kraft, und das, was dabei als Resultat herauskommt, sind eben die in gewissen Merkmalen geeinigten Einzelvorstellungen. Unsere Seele ist also erfüllt von Produkten, die als universalia bezeichnet werden müssen; nur daß wir nicht imstande sind, das Geeingnigtsein der Einzelvorstellungen als solches zu fixieren. Unser Denken bildet die Einzelvorstellungen um, macht aus ihnen etwas qualitativ anderes; nur daß sich diese in der Richtung des Allgemeinen vor sich gehene Umbildung nicht vollendet, sondern für unser Bewußtsein ins Dunkle verläuft. Unsere Seele besitzt das in den Einzelvorstellungen Identische als ein solches Identisches, d. h. als Gemeinsames; nur vermag es unser Bewußtsein sich nicht in seiner Reinheit und Eigentümlichkeit zum Gegenstand zu machen. (3) - Nur in dieser vorsichtigen, komplizierten, zum Teil zustimmenden Weise, nicht aber dadurch, daß man das einfache Gegenteil behauptet, lassen sich die nominalistischen Einwürfe BERKELEYs widerlegen.

Doch noch ein anderer wesentlicher Mangel haftet der menschlichen Begriffsbildung an. Er bezieht sich nicht, wie der frühere, auf das Fixieren des Gemeinsamen, sondern auf das Mitdenken der unterscheidenden Merkmale. Wir haben gesehen, daß im Begriff die logisch Forderung liegt, sämtliche Unterscheidende Merkmale in der Form der Möglichkeit mitzudenken, im Allgemeinen zugleich die Gesamtheit der Gliederungen und Besonderungen bis zum Individuellen hin mit  einem  Blick zu überschauen. Und ferner sahen wir, daß zu solcher Leistung nur in intuitiver, von den Formen der Endlichkeit und Zeitlichkeit losgelöster Verstand befähigt sei: Wir dürfen nun als zugegeben betrachten, daß unser Vorstellen sich wesentlich in den Formen der zeitlichen Sukzession bewegt und an all den weiteren Schranken und Mängeln der Endlichkeit, so besonders an der sogenannten Enge des Bewußtseins, leidet. Nur Annäherungen an die Weise des intuitiven Verstandes gibt es in unseren Seelenbetätigungen; so vor allem in der Phantasie und dem vernünftigen, spekulativen Denken. Doch so hochbedeutend auch diese Seite des Seelenlebens sein mag, hier brauchen wir sie nicht näher zu verfolgen. Wir müssen hier vielmehr allen Nachdruck darauf legen, daß unser Denken, eben wegen des weiten Abstandes vom Ideal eines intuitiven Verstandes, auch nicht im Entferntesten fähig ist, mit dem Vorstellen der gemeinsamen Merkmale zugleich den Inbegriff aller individualisierenden Züge zu überblicken. Unsere Leistung hält sich in dieser Beziehung in den bescheidensten Grenzen. Nur andeutungsweise und in ungemein abgekürzter Form vermögen wir jenes Mitdenken zu vollziehen. Auch wenn wir einen Begriff noch so deutlich und bestimmt zu denken uns bemühen, so sind es doch immer nur ganz wenige und überaus unbestimmte und wandelbare Einzelbilder, an die sich uns die gemeinsamen Merkmale heften. Es tritt uns vor Augen ein in unbestimmten, sich wandelnden, flüchtigen Formen hin- und herschwankendes Bild, ein Schema mit sich verschiebenden Linien. Dabei aber wird dieses Schema stets von der selbstverständlichen Voraussetzung begleitet, daß sich der Begriff nicht bloß auf die eben vorschwebenden Einzelbilder, sondern auf  alle möglichen hierher gehörigen Einzelbilder  beziehe. So bestimmt und umfassend ich z. B. den Begriff "Kreis" denken mag, so wird sich mir doch das Gemeinsame desselben nur in einem oszillierenden [schwingenden,wp] Hin und Her gewisser weniger ungefährer Kreisbilder darstellen. Anstelle des geforderten Inbegriffs der Einzelbilder tritt mir niemals mehr als ein  innerhalb gewisser nicht allzuweiter Grenzen  sich undeutlich verschiebendes Bild vor das innere Auge.

Bei den verschiedensten Menschen ist dies das den Begriff begleitende Bild begreiflicherweise sehr verschieden. Besonders wird es dabei auf zweierlei ankommen: erstlich auf die Beschaffenheit derjenigen Einzelvorstellungen, die für das Individuum von starkem Eindruck, von weitreichenden Folgen gewesen sind und zweitens darauf, in welchen Gestalten sich ein Begriff dem Individuum am häufigsten darbietet. So setzt sich das den Begriff "Frau" begleitende Schema bei dem Einen als Einzelbildern von geputzten, vornehmen, zarten Damen der Großstadt, beim anderen aus Merkmalen zusammen, die sich vorwiegend bei einfachen, derben, Feldarbeit verrichtenden Bäuerinnen finden. Bei dem Einen kann die den genannten Begriff umkleidende Anschauungshülle etwas vom Bild seiner alten, ehrwürdigen, sorgenden Mutter, beim anderen etwas vom Bild seiner jungen, anmutigen, scherzenden Frau besitzen. Dem Afrika-Reisenden wird sich zum Begriff "Kamel" ein ganz anderes Schema hinzugesellen als demjenigen, der das Kamel nur aus Abbildungen und zoologischen Gärten kennt; auch angenommen, daß beiden die charakteristischen, wesentlichen Merkmale dieses Tieres gleich genau bekannt sind. Indessen wird sich bei aller Verschiedenheit doch im Allgemeinen sagen lassen, daß sich das Schema vorzugsweise aus den normalen, von den Extremen entfernten, durchschnittsmäßigen Repräsentanten des Begriffs zusammensetzt. Beim Begriff "Dreieck" werde ich weder an meilengroße noch an mikroskopisch kleine, weder an allzu schlanke noch an allzu flach gedrückte Exemplare denken, sondern zumeist an solche, die etwa in der Mitte zwischen diesen Extremen liegen. Das hat schon darin seinen Grund, daß das Mittlere, Durchschnittsmäßige in der Regel auch das für jeden am meisten vorkommende ist.

Wie läßt sich dann aber der Begriff noch vom unbestimmten Vorstellungsschema unterscheiden? Wir geben dem Begriff auch in seiner streng logischen Gestalt eine schwankende, zerfließende Anschauungshülle. Welchen Vorzug hat er da noch vor den ungefähren Bildern, die sich etwa im Kind erzeugen, wenn es das Wort "Mensch" oder "Baum" hört? Die Antwort liegt in dem oben Entwickelten. Das Vorstellungsschema (Allgemeinvorstellung, Gemeinbild) wird dadurch zum Begriff, daß sich mit den zerfließenden, oszillierenden Einzelvorstellungen das bestimmte Bewußtsein verknüpft, daß das Ziel unseres Vorstellens nicht in diesen Einzelvorstellungen, auch nicht im ungefähren Mittleren, das sich bei diesem Oszillieren derselben ergibt, sondern in den darin enthaltenen gemeinsamen Merkmalen bestehe. Natürlich müssen, wenn dies geschehen soll, verschiedene Prozesse vorangegangen sein, in denen sich die Masse der Merkmale der betreffenden Einzelvorstellungen in sich gruppiert und geschieden hat und vor allem in die beiden Arten der gemeinsamen und unterscheidenden auseinandergetreten ist. Allerdings verschwindet, wenn diese Arbeit geschehen ist, das aus Einzelvorstellungen bestehende Schema keineswegs, wohl aber tritt dann zu ihm das Bewußtsein von den festen Zielpunkten hinzu, nach denen wir das Gemeinsame zu bestimmen haben. Dieser Vorzug des Begriffes vor dem Schema wird dadurch nicht beeinträchtigt, daß das Ungefähre, Zerfließende des Schemas bei dieser Entwicklung zum Begriff meist noch bedeutend zunimmt.

WUNDT hebt sehr richtig hervor, daß der Begriff ein  Postulat  ist. Wir können uns nach seiner Ansicht die gemeinsamen Merkmale nur in Form eines sich an das Vorstellungsschema knüpfenden Postulates vorstellen (a. a. O. Seite 672). Auch unsere Erörterung hat uns gezeigt, daß der Begriff - und zwar rein logisch betrachtet - keine geschlossene Vorstellung, sondern die Andeutung und Abbreviatur eines für uns unvollziehbaren logischen Aktes ist. Wenn wir alles zusammenfassen, so gehört zum Begriff, wie er für unser Denken, wenn es das Höchste leistet, als logische Notwendigkeit besteht, dreierlei:  Erstlich  liegt im Begriff die Forderung, daß das Gemeinsame in voller Bestimmtheit und Eigentümlichkeit gedacht und ungetrennt davon, als eine darin enthaltene Möglichkeit, die Gesamtheit der individualisierenden Merkmale mit  einem  Schlag angeschaut werde. Das  Zweite  ist, daß diese Forderung für unser Denken unvollziehbar ist. Es treten demnach in doppelter Beziehung, sowohl für die Seite des Gemeinsamen als auch für die des mitgedachten Unterscheidenden, andere abgekürzte Operationen ein, wie ich dies ausführlich dargestellt habe. Das  Dritte  ist nun, daß diese abgekürzten Operationen aufgefaßt werden als  Stellvertreter  jener unvollziehbaren Forderung,' als Stellvertreter von etwas, was man als bestimmtes Ziel vor Augen hat, aber nie erreicht. Ich will nun keineswegs behaupten, daß wir bei jedem Begriff, selbst wenn wir ihn  ausdrücklich und bestimmt  denken, jenes Ideal des Begriffes deutlich im Bewußtsein haben und die Abbreviatur in unserem Vorstellen auf jenes Ideal bewußt beziehen. Ja ich gebe zu, daß das wohl nur sehr selten in deutlich bewußter Weise geschieht. Allein dies spricht nicht gegen meine Auffassung. Denn soviel ist sicher, daß wir jenen abgekürzten Vorgang bei unserer Begriffsbildung  nach der Richtung jenes Ideals hin  ergänzen. Jedermann, der einen deutlichen Begriff bildet, weiß, daß er nicht das Unbestimmte, das dabei seinem Bewußtsein gegenwärtig ist, sondern das Gemeinsame in seiner Bestimmtheit und Reinheit meint und er weiß ferner, daß sich die gemeinsamen Merkmale nicht bloß auf die ihm eben vorschwebenden, sondern auf  alle  nur denkbaren hierher gehörigen Einzelbilder beziehen. Eben dieses von jedermann, wenigstens stillschweigend, vorgenommene Ergänzen führt nun,  wenn man es konsequent zu Ende denkt,  auf jenes von mir angedeutete Ideal, schließlich also auf den intuitiven Verstand. Jeder, der in der Begriffsbildung sein eigenes Tun versteht, müßte jenes Ideal als im Hintergrund stehend entdecken.

So offenbart sich auch in der einfachsten Form der Begriffsbildung, also in einem so trockenen, primitiven Tun, die eigentümlich widerspruchsvolle Doppelnatur des menschlichen Geistes: seine Eingeschlossenheit in das Zeitliche, Endliche und seine darüber hinausreichende Kraft des Unendlichen. Blicken wir auf das, was unser Bewußtsein der idealen logischen Forderung des Begriffes gegenüber wirklich zu vollziehen imstande ist, so erscheint uns unser Geist in seiner ganzen Enge und Dürftigkeit, in der Unbestimmtheit und Flüchtigkeit seines Tuns. Und doch meinen wir mit diesen dürftigen, unvollständigen bildlichen Tun das  unbildliche, bleibende  Gemeinsame und seine Bezogenheit auf den Inbegriff der betreffenden Einzelbilder und operieren mit diesem Gemeinten in durchaus sicherer, präziser, unzweideutiger Weise. So überwinden wir das Einzelne durch das Allgemeine, das Sukzessive durch das Bleibende und so letztlich, indem wir zum Ideal eines intuitiven Verstandes gelangen, das Endliche durch das Unendliche. Die Widersprüche, die in dieser Doppeltheit liegen, ganz zu lösen, ist für unser Denken unmöglich. Die auffallendste Unbegreiflichkeit besteht darin, daß wir einerseits das Allgemeine nicht zu fixieren vermögen und insofern immer im Einzelnen stecken bleiben und daß wir es andererseits doch als ganz bestimmten Zielpunkt unseres Denkens vor Augen haben und damit aufs Präziseste operieren, also mit unserem Geist doch zugleich im Allgemeinen leben.

Zum Schluß will ich noch auf einen Punkt hinweisen, dessen Erörterung allerdings nicht in die Logik, sondern in die Psychologie gehört, der jedoch, da er durch manches Frühere vorbereitet wurde, hier nicht mit Stillschweigen übergangen werden darf. Wir sagten, die oben charakterisierte Stellvertretungn des Begriffsideals sei das Höchste, was das menschliche Denken in dieser Hinsicht zu leisten imstande sei; es werde daher die durch sie geforderte logische Operation vergleichsweise nur selten von uns vollzogen. Wenn wir einen Begriff zum ersten Mal mit Bewußtsein bilden oder wenn es uns auf einen Begriff besonders ankommt, dann werden wir uns in der charakteristischen Weise dem Begriffsideal annhähern. Sonst geht es dagegen, wenn wir in Begriffen denken, fast immer noch weit einfacher und abgekürzter zu. So sahen wir schon vorhin, daß wir die Ergänzung der oben geschilderten Abbreviatur durch das hinzugedachte Begriffsideal, selbst wenn wir uns einen Begriff deutlich zu denken bemühen, durchaus nicht immer in der Weise vornehmen, wie das die größtmögliche Annäherung an das Begriffsideal erfordern würde. Allein auch dabei bleibt es nicht. In der Regel nämlich erfährt jene Abbreviatur noch eine weitere beträchtliche Abkürzung. Und darauf soll hier noch hingedeutet werden.

Jedermann, der genau auf das achtet, was in seinem Vorstellen geschieht, wenn er liest oder an einem Gespräch teilnimmt, wird finden, daß, wiewohl ihm dabei durch eine Menge oft sehr rasch aufeinanderfolgender Schrift-, respektive Lautzeichen zugemutet wird, entsprechende Begriffe zu bilden, er doch auf Veranlassung dieser Zeichen durchaus nicht so verfährt, wie es jene größtmögliche Annäherung an den absoluten Begriff erheischt. Wenn mir z. B. jemand im Gespräch sagt: "Wie doch die Freude an den Schönheiten der Natur selbst in Augenblicken, wo die Seele heiter gestimmt ist, etwas Melancholisches an sich hat!" so verstehe ich diesen Satz augenblicklich und doch wird uns in den allermeisten Fällen bei den Ausdrücken: Freude, Schönheiten, Natur, Augenblicke, Seele, heiter usw. etwas bei weitem Unbestimmteres und Dunkleres vorschweben, als es nach den in jenem Maximum der Stellvertretung liegenden Forderungen der Fall sein müßte. Was in unserem Vorstellen auf Veranlassung jener Worte vorgeht, hat zwei Bestandteile. Der eine ist sehr bestimmter Natur: es sind die Gehörsempfindungen, die sprachlichen Eindrücke. Damit verknüpft sich nun ein kaum zu bestimmendes Etwas, ein gewisses Anklingen in Gefühl und Anschauung. Am meisten scheint sich mir darin ein eigentümliches Gefühl des Bekanntseins, ein Gefühl, das uns sagt, das durch das Wort Bezeichnete habe einen bekannten und vertrauten Sinn, bemerkbar zu machen. Offenbar wird hier der Sprachlaut (respektive das Schriftzeichen) zum Vertreter des Begriffes. Es scheinen die Laut- und Schriftbilder eine hervorragende Kraft des Fixierens zu besitzen; es ist, als ob die gemeinsamen Merkmale durch Laut und Schrift in unserem Vorstellen in ganz besonders bestimmter und unverwischbarer Weise befestigt würden. Es erhebt sich daher hier die Frage, wie es komme, daß den Laut- und Schriftzeichen diese Kraft des Fixierens eigen ist. Allein eine andere Frage ist dringender und schwieriger. Wie kommt es, daß, wiewohl nichts in uns vorgeht, als die Vorstellung von Laut- oder Schriftzeichen und ein sich daran knüpfendes ganz unbestimmtes Fühlen und Anschauuen, wir doch  ganz genau wissen, um was es sich jedesmal handelt?  Wir  verstehen  das Gehörte oder Gelesene, wir sind also über die mit den verschiedenen Ausdrücken bezeichneten gemeinsamen und unterscheidenden Merkmal nicht in Zweifel und doch finden wir in uns trotz der angestrengtesten Aufmerksamkeit nicht von einem Vorstellen dieser Merkmale. Man sollte meinen, es sei der Umstand, daß wir den Sinn eines Satzes  verstehen,  ein Beweis dafür, daß wir die Vorstellungen der den Sinn der einzelnen Worte ausmachenden gemeinsamen und unterscheidenden Merkmale wirklich in uns vollziehen. Wie soll denn ein bloßes Laut- oder Schriftbild, begleitet von einem ganz vagen Gefühl, ohne die Vorstellung dessen, was jenes Bild bedeutet, ein Verstehen, d. h. ein Gewißsein über die Bedeutung, hervorrufen können? Und doch verhält es sich so, daß das Verstehen in den meisten Fällen auf diese so unbegreiflich scheinende Weise zustande kommt. Es drängt sich daher die Frage auf, durch welche psychologischen Prozesse dieses so unerwartete Resultat möglich werde. Hier will ich auf diese Frage überhaupt nur nachdrücklich hinweisen. Bemerkt sei nur noch, daß man, um nur einiges Licht in diesem Dunkel zu schaffen, zu der Annahme wird kommen müssen, daß sich in unserer Seele beim Lesen, Sprechen, Hören  unbewußt  und so für unsere Beobachtung unzugänglich etwas unseren obigen Forderungen Ähnliches vollziehe. Die Hauptleistung beim Verstehen einer Rede und dgl. wird den  unbewußten  psychischen Prozessen zugeschrieben werden müssen. Diese Richtung in der Erklärung des in Frage stehenden psychischen Phänomens schlägt LIEBMANN in seinem anregenden Aufsatz über "die Existenz der abstrakten Begriffe" ein (Zur Analysis der Wirklichkeit, 2. Auflage, Seite 470f). Die meisten Psychologen freilich gleiten über derartige Schwierigkeiten ohne jedes Bedenken hinweg.

Diese Vertretung des Begriffs durch das Wort ist denn auch der schon oben vor mir angekündigte Punkt, wo es zum großen Teil begreiflich wird, wie die Ansicht entstehen konnte, daß der Begriff in der abstrakten, bildlosen Vorstellung des Gemeinsamen bestehe. Hat das anschauliche Schema schon in den Fällen, wo wir den Begriff in voller Ausdrücklichkeit denken und die oben dargelegten Forderungen erfüllen, eine unbestimmte, schwankende Gestalt, so wird es da, wo der Begriff am Wort haftet, vollends undeutlich. Dieses völlig Fehlen einer bestimmten Anschauung ist es wohl, was am meisten zur Entstehung des Irrtums beitrug, daß der anschauungslosen Vorstellung der gemeinsamen Merkmale bestehe. In Wahrheit enthält diese äußerste Abbreviatur der Begriffsbildung ebensowenig eine irgendwie bestimmte Vorstellung des Gemeinsamen als eine irgendwie deutliche Vorstellung von Einzelbildern. Neben der Vorstellung des Laut- oder Schriftbildes ist lediglich eine kaum zu deutende dunkle Erregung von Fühlen und Anschauen wahrzunehmen. - Übrigens hat auf der anderen Seite dieser abgekürzte Vorgang unzweifelhaft auch zur Entstehung der nominalistischen Täuschung beigetragen. Unstreitig hat die sprachliche Benennung für uns etwas Fixierendes, Erleuchtendes; wir hören die Worte, fügen zu den gehörten Worten nichts als ein vages Gefühl hinzu und verstehen doch unmittelbar den Sinn derselben. Es ist daher kein Wunder, wenn sich die schwierige Frage, worin der Begriff bestehe, für solche Köpfe, die um jeden Preis nach absolut rätselloser Klarheit streben, dahin beantwortet, daß es in unserem Vorstellen etwas Allgemeines überhaupt nicht gebe, sondern das, was uns die Allgemeinbegriffe zu leisten scheinen, lediglich eine Leistung der Worte in Verbindung mit den Einzelvorstellungen sei.
LITERATUR - Johannes Volkelt, Über die logischen Schwierigkeiten in der einfachsten Form der Begriffsbildung, Philosophische Monatshefte 17, Leipzig 1881
    Anmerkungen
    1) SIGWART weist in demselben Zusammenhang noch auf einen anderen Zirkel hin, der in der obigen Definition des Begriffes enthalten sein soll. Wer den Begriff aus dem Abstraktionsprozeß entstehen lasse, setzte voraus, daß der Kreis der zu vergleichenden Objekte  schon irgendwie begrenzt sei;  dies aber sei nur möglich, wenn bereits eine  allgemeine  Vorstellung vorhanden war, mit deren Hilfe dieser bestimmte Kreis von Objekten als zusammengehörig herausgehoben wurde (Logik I, Seite 274). Dieser vermeintliche Zirkel läßt sich ganz ähnlich wie der obige beseitigen. - Übrigens kommt auch SIGWART schließlich zu der Bestimmung, daß im Begriff das Gemeinsame, das schon im Einzelnen unbestimmt und mit ihm vermischt gedacht werde, sicher fixiert und genau abgegrenzt werde (Logik I, Seite 277). Etwas anderes will ja aber doch wohl die von SIGWART angegriffene Definition nicht sagen.
    2) Ich setze beide Ausdrücke hier gleich, weil es die unterscheidenden Merkmale sind, die unaufhaltsam zur Individualisierung hintreiben. Sind einmal die unterscheidenden Merkmale in den Begriff aufgenommen, so ist eben damit der Begriff in die gleich innige Beziehung zu den Einzelvorstellungen gesetzt.
    3) Wie man sich den psychologischen Vollzug dieser logischen Leistung zu denken hat, bleibt hier unerörtert.